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3. Dezember 2004

"Der Weihnachts-Samariter"(Teil 1) von Caro G.o.D.


Altersfreigabe: Ab 12
Genres: Reale Welt
Warnungen: Romantisch-Kitschig; 1, 2 Unfälle (harmlos)
Inhalt: Tim hat kurz vor Weihnachten bei typischem Winterwetter mit einem kleinen Handycap zu kämpfen. Und Hilfe erscheint aus unerwarteter Richtung...
Kommentar: Die Figuren sind meiner Fantasie entsprungen und gehören allein mir.

Tim sah nach oben in den grauverhangenen Himmel. Es würde sicherlich jeden Moment anfangen zu regnen. Oder noch schlimmer, zu schneien.
Was für ein Sauwetter! Und das gerade mal Ende November.
Tim war kein Freund von Schnee, von Winter im Allgemeinen nicht. Schon gar nicht, weil es ihm – gerade zu Weihnachten – besonders auffiel, wie einsam er manchmal war.

Der braunhaarige junge Mann versuchte sich aufrecht zuhalten, während er seine Handschuhe zurechtzog. Dann schulterte er seine Tasche erneut, ergriff wieder seine Krücken und machte sich auf den Heimweg.

Warum hatte er sich auch ausgerechnet ein paar Wochen vor dem Fest der Liebe das Bein brechen müssen? Es war zum Auswachsen!
Tim hatte für das anstehende Wochenende seine Einkäufe erledigen wollen, war auf einer vereisten Pfütze ausgerutscht und böse gestürzt. Vom ’Glück’ verfolgt wie Tim nun einmal war, hatte er sich irgendwas am Bein gebrochen oder angeknackst und musste nun einige Wochen Gehgips tragen.
Das steigerte seine Winterlaune ins Unermessliche – und zwar nach unten.

Jeden Tag war es ein Mordsakt zur Uni und wieder zurück zu kommen. Von dem ständigen Hin- und Hergelaufe in der Universität selbst mal ganz absehen.
Tim wohnte zwar nicht sehr weit entfernt, aber ohne Fahrrad waren 20 Minuten zu Fuß mit Krücken echt lang. Gerade bei Wind und Wetter, Eis und Schnee.

Treppen und vereiste Gehwege waren seine natürlichen Feinde, obwohl er seit fast zwei Wochen mit den Krücken ging und es sich immer weiter besserte. Tim hoffte nur, nicht doch irgendwann wieder einen falschen Schritt zu tun und dann auf dem Boden zu liegen. Nicht schon wieder.

Heute war zum Glück Freitag und damit die Woche in der Uni erst mal für ihn gelaufen. Seine Nachbarin, eine nette, ältere Dame, hatte ihren Sohn, der immer für sie einkaufen ging, gebeten, doch bitte auch Tims Zettel durchzugehen und ihm seine Lebensmittel mitzubringen. Somit musste sich der Student unter Umständen nicht mal Samstag oder Sonntag aus der Wohnung quälen. Immerhin wohnte er im fünften Stock, bei regelmäßig defektem Aufzug.

Tim warf einen beinahe sehnsüchtigen Blick auf die vielen Taxis, an dessen Haltestand er gerade – wie jeden Tag - vorbeihumpelte. Wie gerne würde er sich jetzt nach Hause fahren lassen. Aber dafür hatte er kein Geld.
Und außerdem bin ich auch schon in gut fünfzehn Minuten zu Hause, machte Tim sich Mut.
Genau in diesem Moment setzte der Schnee ein.

*~*~*

Carsten gähnte gelangweilt und streckte sich auf seinem Autositz.
Kurz vor vier.
Seine Schicht für heute war so gut wie zu Ende und er freute sich auf sein Bett. Seit den frühen Morgenstunden war er durch die Gegen gekurvt. Hatte Leute zum Flughafen gebracht, die in den Winterurlaub flogen, oder diejenigen abgeholt, die gerade von einer Weihnachts-Shoppingtour in New York oder Marseille oder sonst wo kamen.
Den restlichen Tag über hatte er Menschen von einem Kaufhaus zum anderen gefahren, ihnen beim Verstauen der Pakete geholfen und ihren fröhlichen Geschichten und aufgeregten Herumrätseln untereinander gelauscht, ob man auch wirklich das richtige Geschenk hatte.
Das Weihnachtsgeschäft hatte dieses Jahr schon recht früh angefangen.

Fünf Minuten vor Vier.
Die Zeit ging aber heute wirklich nicht rum.
Carsten rutschte in seinem Taxisitz ungeduldig hin und her. Das würde doch eh nix mehr werden. Jetzt würde doch sicher kein Ruf von der Zentrale kommen, dass er noch einen Fahrgast abholen sollte. Außerdem standen noch mindestens vier andere Taxis vor ihm.
Klar, in der Nähe des Bahnhofs war immer viel los, auch heute wieder. Aber doch sicher nicht kurz vor seinem Feierabend.

Carsten sah durch die Frontscheibe und schielte nach oben.
Super, fing das schon wieder an zu schneien. Na ja, er sollte sich nicht beklagen. War immerhin gut fürs Geschäft.
Gerade wollte er zum wiederholten Mal nach dem Regler seines Autoradios greifen, um dem jetzt schon ständigen Christmas-Gedudel zu entkommen, als er etwas aus dem Augenwinkel wahrnahm.

Das war doch wieder der Kleine, der hier täglich lang lief, oder?
Na ja, ’lief’ war nicht gerade die richtige Bezeichnung. Der junge Mann quälte sich jetzt schon die letzten beiden Wochen mit seinen Krücken hier vorbei. Carsten war sich nicht sicher, aber er glaubte, ihn auch vorher schon öfters gesehen zu haben.
Der blonde Taxifahrer nahm an, dass der Kleine ein Student von der nahgelegenen Universität war. Denn er trug diesen bunten Uni-Schal; Carstens jüngere Schwester hatte auch so einen.

Ein Blick auf die Uhr. Zwei Minuten vor Vier.
Carsten sah dem jungen Mann noch einmal nach.
Hm...
Okay, wie hieß das noch gleich? Eine gute Tat pro Jahr? Oder war es pro Tag gewesen? Wahrscheinlich.
Also los! So weit würde der Student ja wohl nicht wohnen.

Carsten meldete sich bei der Zentrale ab und fuhr aus der Reihe der wartenden Taxis. Er rollte die Straße entlang, bis er an dem Jungen vorbei war, hielt an und stieg aus.
„Hey, du. Kleiner.“

*~*~*

Tim war gerade dabei die Welt, ihre Ungerechtigkeit und vor allem den blöden Schnee, der ihn gerade durchnässte, zu verfluchen, als er plötzlich jemanden rufen hörte.
Mehr aus Reflex hob Tim den Kopf und sah, dass ein Taxi neben ihm gehalten hatte. Er wollte gerade seinen Weg fortsetzten, als ihm auffiel, dass der Fahrer genau in seine Richtung schaute.
Meinte der ihn?

„Sag mir, wohin und ich fahr dich.“
„Was?“ Tim glaubte, nicht verstanden zu haben. Der blonde Mann von Anfang, vielleicht Mitte Dreißig, konnte unmöglich ihn meinen. Bot er ihm tatsächlich eine Taxifahrt an? War Tim im falschen Film?

„Ich fahr dich heim, wenn du willst. Oder wo immer dein Ziel liegt. Komm steig ein, hier draußen ist es eisig.“ Der andere lächelte ihn an.

„Ja, aber...“, setzte Tim an. „Ich habe doch kein Taxi gerufen.“
„Schon gut, Kleiner. Ich seh dich jetzt seit zwei Wochen hier ’lang krücken. Das kann sich ja keiner mehr mit angucken.“

„I-ich habe aber kein Geld dafür...“, versuchte Tim den komischen Mann zu überzeugen. Obwohl, das Wageninnere sah schon verdammt einladend aus.

„Schon okay. Ist kostenlos. Hab sowieso Dienstschluss. Los, komm schon. Sonst frieren wir hier noch fest.“
Als Tim immer noch unschlüssig dastand – und sich fragte, wo die versteckte Kamera war -, ging der Taxifahrer um seinen Wagen herum und öffnete grinsend die Beifahrertür.
„Keine Angst, ich hab nix Beknacktes vor. Ich will dich bloß heimbringen. Sieh’s als gute Tat an.“

Tims Hirn arbeitete auf Hochtouren.
Zu einem Fremden ins Taxi steigen und sich eventuell tatsächlich heimfahren lassen oder sich noch eine weitere Viertelstunde durch den Schnee quälen?

Er entschied sich für die erste Variante. Sollte der Typ irgendwas Komisches vorhaben, konnte Tim ihm ja immer noch mit der Krücke eins überbraten.
Der Student setzte sich in Bewegung und humpelte vorsichtig auf das Taxi zu. Dessen Fahrer half ihm wortlos, aber lächelnd auf den Sitz - Tim hatte mit dem Gips einige Probleme. Dann nahm der andere Mann ihm die Krücken ab und legte sie auf die Rückbank.
Soviel zur Selbstverteidigung, ging es Tim durch den Kopf.
Aber schön warm und trocken war es hier.

Der blonde Mann lief ums Auto und schwang sich auf den Fahrersitz.
„Alles klar. Wo soll’s hingehen?“

„Ehm... Lessingstraße 4, bitte”, antwortete Tim unsicher.
„Das ist ja gar nicht mal so weit. Okay, Kleiner. Fahren wir.“

Die Fahrt dauerte – trotz des dichten Vorweihnachtsverkehrs – nur knappe fünf Minuten, trotzdem war Tim froh, als sie vor seinem Haus hielten.

Der Taxifahrer drehte sich zu dem jungen Mann um.
„So, da wären wir. Macht genau Null Euro.“ Er lachte und streckte sich kurz.
„Soll ich dir noch aus dem Wagen helfen, Kleiner?“, fragte der Blonde und hatte die Hand schon am Türgriff.

„Tim.“
„Was?“ Der andere Mann drehte sich um.
„Mein Name ist Tim. Und nicht ’Kleiner’. Danke für die Fahrt. Das war sehr freundlich von Ihnen.“ Tim mochte es nicht so sehr, wenn man ihn anderes als mit seinen Namen ansprach. Doch der Blonde war nett zu ihm gewesen. Also war es nicht so schlimm.
Tim lächelte ihn an und streckte ihm die Hand entgegen.

*~*~*

Carsten war erstaunt, dass der Student ihn ansprach und ihm seine Hand bot. Aber es freute ihn, dass der Kleine – Tim – auch lächeln konnte. Er ergriff die Hand und schüttelte sie.

„Gern geschehen. Ich bin Carsten. Und du musst mich nicht siezen. Wie sieht’s aus? Schaffst du’s allein, oder soll ich dir helfen?“

„Wenn Si- du mir die Krücken geben könntest, dann dürfte es gehen. Denke ich“, gab Tim unsicher zurück.
„Alles klar.“
Carsten stieg aus dem Wagen, holte Tims Krücken vom Rücksitz und ging auf die andere Seite. Er öffnete dem Jungen die Tür, half ihm heraus und stützte ihn. Sobald Tim halbwegs festen Stand hatte, ließ Carsten ihn los.

„Wird’s gehen?“, fragte Carsten, nachdem er Tim auf den Bürgersteig begleitet hatte.
„Ja, danke noch mal.“
„Schon gut.“ Carsten lächelte und ging wieder zum Wagen zurück.
„Ich muss jetzt. Pass gut auf dich auf, Klei- Tim.“
Er setze sich ins Taxi, winkte und fuhr los.

*~*~*

Tim sah dem Wagen noch einen Augenblick hinterher.
Was für ein verrückter Kerl. Aber nett.
Der Braunhaarige humpelte in Richtung Haustür und musste lächeln.
Dass es in dieser Stadt noch so freundliche Menschen gab. Ein richtiger Samariter. Er grinste.
Ein Weihnachts-Samariter.

Nach einem relativ entspannten Wochenende, an dem es kaum Niederschlag gegeben hatte, wurde Tim gleich am Montagmorgen mit dicken Schneeflocken begrüßt, als er zur Uni wollte.
Grummelnd beobachtete er den ganzen Tag über das Wetter, dass sich mit jeder Minute mehr auf weiße Weihnachten einzuschießen schien.

Auf dem nachmittäglichen Heimweg fror Tim erbärmlich. Eine Wintermütze tief ins Gesicht gezogen, beeilte er sich in seine kleine Wohnung zu kommen, bevor er als Eissäule endete.

Gerade als er eine kurze Pause machen wollte, hörte er ein Auto hupen.
Der Student sah auf und nahm erst jetzt das Taxi wahr, das praktisch neben ihm stand und erkannte Carsten durch das Fenster. Dieser winkte ihn lächelnd heran und diesmal zögerte Tim nicht, das offensichtliche Angebot anzunehmen. Der Student hatte ein unheimlich gutes Gefühl, was den blonden Mann anging.
Er bewegte sich auf den Wagen zu und wenige Augenblicke später sah er – mit Carstens Hilfe – auf dem bequemen Beifahrersitz.

„Das ist ein Wetterchen, was? Da schickt man keinen Hund vor die Tür“, meinte Carsten gut gelaunt, während er sie durch den Verkehr steuerte.
Tim schmunzelte. „Nur Studenten.“
„Oder arme Taxifahrer“, frotzelte der Blonde weiter.

„Hm, Carsten? Ich wollte mich noch mal bei dir bedanken, dass du mich einfach so mitnimmst. Obwohl du mich überhaupt nicht kennst und so. Und ich wollte fragen,... warum tust du das eigentlich?“ Tim wärmte sich im Wagen auf, musste aber die Frage stellen, die ihn schon seit Freitag beschäftigte.

„Hm. Also, erst mal: kein Problem, das mit dem Mitnehmen. Ich hab dir ja schon gesagt, dass ich um diese Zeit Feierabend hab und ich mir das mit deinen Krücken nicht mehr ansehen konnte“, gab Carsten lächelnd zurück.
„Mach dir da mal keine Gedanken. Ich hab grad meine soziale Woche“, witzelte er herum und zuckte die Schultern.
„Samariter aus Leidenschaft, was?“ Tim grinste ihn gut gelaunt an. Der Blonde war kurz überrascht und lachte dann. „Ja, so ähnlich. - Und da sind wir schon wieder.“

Der blonde Mann parkte vor Tims Haus und half dem Studenten beim Aussteigen.
Bevor er in seinem Auto verschwand, hob er noch einmal die Hand zum Gruß.
„Dann vielleicht bis morgen, Kleiner“, rief er grinsend und fuhr dann los.

Während Tim mit dem Aufzug – der tatsächlich mal funktionierte – nach oben zu seiner Wohnung fuhr, dachte er über den Älteren nach. Es störte ihn nicht mal, dass dieser ihn – halb im Scherz – ’Kleiner’ genannt hatte. Vielleicht sollte er ihn mal zu einem Kaffee einladen, so als Dank und Entschädigung...

*~*~*

Die nächsten Tage verliefen ähnlich.
Carsten versuchte immer kurz vor seinem Dienstschluss zu dem Taxistand nahe der Universität zu kommen. Was gar nicht so einfach war, aber er hatte seinen Dienstplan für die nächsten Wochen recht günstig legen können, da er in der letzten Zeit immer die Nacht- und Sonderfahrten übernommen hatte.
Das Wetter wurde von Tag zu Tag schlechter und es dauerte immer länger, bis Tim dort vorbeikam.
Der blonde Taxifahrer freute sich aber täglich darauf, den Kleinen zu sehen. Er war wirklich nett und brauchte Hilfe, die Carsten ihm gerne leistete.
Ein zusätzlicher Grund konnte allerdings auch sein, dass er Tim unheimlich süß fand. Der Junge war so was von niedlich, dass Carsten sich schon ein paar Mal dabei ertappt hatte, sich zu fragen, wie ein Kuss von ihm wohl sein würde.
Aber es waren ursprünglich keine Hintergedanken im Spiel gewesen, als er Tim das erste Mal geholfen hatte. Jetzt hoffte er nur darauf, dass der Kontakt zwischen ihnen nicht gleich abbrechen würde, wenn Tim die Krücken nicht mehr brauchte. Vielleicht konnte sie ja richtige Freunde werden?
An mehr wagte Carsten nicht zu denken.

Mitte Dezember hatten sich die beiden Männer darauf eingependelt, dass Tim zu dem Taxistand kam und sich ein paar Minuten unterstellte, bis Carsten auftauchte, um ihn nach Hause zu fahren.
Der blonde Mann war überrascht gewesen, als der Student ihn nach einer Woche zum einem Kaffee einlud. Sie hatten sich daraufhin auf den kommenden Samstag verabredet. Carsten war fast schon aufgeregt gewesen, als er Tim von seiner Wohnung abholte und mit ihm zusammen in die Innenstadt fuhr.
Der Kleine war wirklich goldig. Carsten mochte es, mit ihm in einem Café zu sitzen und sich einfach nur zu unterhalten. Trotz des Altersunterschieds von acht Jahren – Tim war vierundzwanzig – verstanden sie sich gut und fanden immer wieder neuen Gesprächsstoff.
Der Student lebte allein in einer kleinen Wohnung, die er sich hin und wieder mit diversen Jobs finanzierte. Seine Eltern wohnten am anderen Ende von Deutschland und hatten nicht die Mittel, ihren Sohn großartig finanziell zu unterstützen, taten aber, was sie konnten. Tim kam sehr gut mit seinen Eltern aus und besuchte sie – wenn er ihm möglich war – recht häufig. Genau, wie seine kleine Schwester, die noch zur Schule ging und zu Hause wohnte.

Carsten musste sich mehrmals zusammenreißen, Tim nicht einfach nur verzückt anzustarren, wenn dieser in seinen Erzählungen aufging. Und wenn er dem Student aus dem Wagen oder wieder hinein half, musste er sich zwingen, Tim nicht länger als nötig festzuhalten.
Es war schon fast albern, wie er sich benahm. Es war Carsten noch nie passiert, dass er sich einfach so verliebt hatte. Nicht in dem Tempo.
Aber der Blonde war froh, dass sich Tim anscheinend in seiner Nähe wohlfühlte. Das war doch auch schon mal was.

*~*~*

Tim hatte ziemlich lange gebraucht, bis er sich traute, Carsten auf einen Kaffee einzuladen. Er kannte den Ältern ja kaum. Aber dieser war sehr nett und so hilfsbereit, hatte keine schrägen Touren versucht und Tim wollte sich einfach richtig bedanken. Immerhin kutschierte Carsten ihn ständig durch die Gegend und das für umsonst.
Aber Tim hatte den Eindruck, dass der blonde Taxifahrer ihn ehrlich mochte. Und er musste zugeben, dass es ihm in Bezug auf den anderen genauso ging.
Mit Carsten fühlte sich Tim einfach wohl. Er hatte zwar noch andere Freunde, die ihn oft zu Hause besuchen und ihm Kleinigkeit mitbracht, die er in seinem derzeitigen Zustand nicht selbst besorgen konnte, aber die meisten kämpften gerade mit irgendwelche Klausuren oder Vorbereitung und solchen Dingen. Deswegen war Tim froh, dass er in Carsten wohl einen neuen Freund gefunden hatte. Und das hatte nichts mit dem kostenlosen Taxiservice zu tun.
Das gute Gefühl Carsten gegenüber verstärkte sich von Tag zu Tag.

Der Blonde hatte seine Wohnung von seiner Mutter geerbt, die vor einigen Jahren verstorben war. Er mochte seinen Job, auch wenn es manchmal eine undankbare Aufgabe zu sein schien. Da er recht sparsam war, kam er ziemlich gut über die Runden und gönnte sich nur hin und wieder etwas. Ansonsten war er ein recht unkomplizierter Single – behauptete Carsten jedenfalls von sich selbst.

An diesem Mittwochabend wurde Tim wie immer von dem blonden Mann nach Hause gebracht. Das Wetter war in den letzten Tagen nicht wirklich besser geworden, aber Tim freute sich, dass nächste Woche der endgültige Gehgips abgenommen werden sollte.
Der angebliche Bruch war wohl doch nicht so schlimm gewesen, wie es zuerst ausgesehen hatte, so die ungefähren Worte des Arztes. Und der Gips wäre ja auch nicht schädlich für den Heilungsprozess gewesen. Allerdings sollte Tim sich die nächste Zeit noch etwas schonen und keine ’Luftsprünge’ machen.
Tim war das ganz Recht.

Der Student hob noch einmal die Hand zum Gruß, während Carsten in Richtung Hauptstraße davonfuhr. Mit einem Lächeln im Gesicht machte Tim sich auf den Weg zu seiner Haustür.
Carsten und er waren noch kurz in einem Café in der Stadt gewesen und sie hatten ausgemacht, sich nächste Woche einmal bei einem von ihnen zu treffen, um etwas gemeinsam zu kochen. Kochen war nämlich Carstens geheime Leidenschaft, auch wenn er nur selten dazu kam.

Tim wollte gerade den Schlüssel in das Türschloss stecken, als er Reifenquietschen, Autohupen und dann ein fürchterliches Krachen und Knirschen hörte. Der Braunhaarige fuhr erschrocken herum. Das klang nach einem üblen Unfall auf der Hauptstraße.
Carsten!
Tim drehte um und beeilte sich zur Kreuzung zu kommen.
Es schien ein Unfall sein, ja. Aber das hieß doch noch lange nicht, dass Carsten etwas damit zu tun hatte, oder?
Trotzdem hatte Tim ein ganz schlechtes Gefühl und legte – soweit es ihm möglich war – noch mehr an Tempo zu.
Kurz darauf hatte er die Hauptstraße erreicht und sein Verdacht bestätigte sich.

Ein Kleinlaster hatte ein anderes Fahrzeug seitlich gerammt und einige Meter vor sich hergeschoben. Viele Schaulustige hatten sich bereits versammelt; es waren aufgeregte Rufe zu hören. Irgendwer schien hier Anweisungen zu geben.
Der Braunhaarige humpelte völlig außer Atem auf den Laster zu, versuchte einen Blick auf den anderen Wagen zu erhaschen. Das Auto hatte eine cremefarbene Lackierung.
Tim wurde ganz flau im Magen.
Er schob sich energisch durch die Menschen und konnte dann den kompletten Wagen sehen. Es war ein Taxi.
Für einen Augenblick war Tim wie gelähmt, dann drängte er sich rücksichtslos nach vorn. In der Ferne hörte er eine schrille Sirene näherkommen.
Das konnte doch nicht sein!

Tim zuckte zusammen, als er das Taxi erreicht hatte und die blonden Haare des Fahrers sah.
„Carsten!“

Der Ältere lag bewegungslos in seinem Sitz. Er war blass und hatte eine Platzwunde am Kopf, die heftig blutete. Der Airbag am Lenkrad war während des Aufpralls gegen die Beifahrerseite aufgegangen und stützte jetzt Carstens Oberkörper.

Ein relativ ruhig wirkender Mann mit Brille gab einigen der Umstehenden Anweisung, während er sich um Carsten kümmerte.
Er bemerkte Tim, der zittrig direkt neben dem Wagen stand.

„Kennen Sie ihn?“
Tim reagierte nicht sofort. „Was?“
Der Brillenträger legte dem Braunhaarigen eine Hand auf den Arm.
„Ich bin Arzt. Kennen Sie den Mann?“
„I-ich... Ja, ich kenne ihn.“
„Gut. Wie heißt er?“
„Carsten. Sein Name ist Carsten“, stammelte Tim verstört.
„Alles klar, bleiben Sie hier. Es ist schon ein Krankenwagen unterwegs.“
Damit drehte er sich um und schien Carsten vorsichtig zu untersuchen, soweit er es vorläufig konnte, ohne ihn zu bewegen.

Tim fühlte sich total hilflos, stand benommen neben dem Auto und starrte die kalkweiße Gestalt darin an.
Das hier war Carsten! Sein Freund Carsten!

Nur nebenbei nahm er wahr, was um ihn herum passierte.
Ein völlig aufgelöster Mann stand nicht weit von ihm entfernt und stammelte irgendwas wie „Ampel war rot“, „zu spät gesehen“, „konnte nicht mehr bremsen“.

Die Sirene eines Krankenwagens wurde immer lauter. Wenige Minuten später war ein Sanitäterteam unter Mithilfe des Arztes dabei, Carsten aus dem Wagen zu holen. Ihm wurde eine Halskrause angelegt und er kurz darauf auf eine Krankenliege gehoben. Während zwei Männer des Rettungsdienstes Carsten zum Wagen schoben und sich gegenseitig Fachwörtern zuriefen, was den Zustand des Verletzten anging, stand Tim gelähmt in einiger Entfernung.
Er wollte mit, wollte zu Carsten, doch sein Körper bewegte sich einfach nicht. Die Passanten um ihn herum nahm er so gut wie nicht wahr.
Erst eine Berührung an seiner Schulter ließ ihn reagieren. Der Mann mit der Brille, der Arzt, stand vor ihm.

„Wenn Sie mit ihrem Freund mitfahren wollen, dann müssen Sie sich beeilen. Er muss zur Untersuchung ins Krankenhaus.“
Tim brauchte einen Augenblick, um zu verstehen und nickte dann nur stumm. Der Arzt machte Tim Platz und rief noch einmal nach den Sanitätern. Er erklärte ihnen mit kurzen Worten, dass Tim mitfahren sollte.
Während der Fahrer schon mal den Wagen anließ, half man dem Studenten in das Innere.
In einem hinteren Winkel seines Gehirns fragte sich Tim, warum er einfach so mit in den Krankenwagen durfte. War das nicht verboten?

Die Fahrt zum Krankenhaus und die kommenden Stunden gingen hauptsächlich gedämpft an Tim vorbei. Er gab den Sanitätern alle Angaben, die zu er Carsten machen konnte, war aber bei Blutgruppe, chronischen Krankheiten, Allergien und so weiter einfach überfragt.
Im Krankenhaus selbst konnte er auch nicht viel mehr machen als warten. Eine ältere Schwester, die seinen erbärmlichen Zustand – frierend vor Kälte, zitternd vor Angst und völlig benommen – bemerkt hatte, gab ihm einen starken Kaffee und kümmerte sich zwischendurch um ihm.

Tim saß nun schon ziemlich lange auf einem dieser unbequemen Plastiksitze in einem der unzähligen Warteräume des Krankenhauses. Wie lange genau, dass wusste er nicht. Inzwischen war es draußen längst stockdunkel. Aber der junge Mann wollte einfach nicht gehen.

„Tim.“
Der Braunhaarige sah auf. Helene, die Schwester, die so nett zu ihm gewesen war, kam lächelnd auf ihn zu.
„Gute Nachrichten. Ihrem Freund ist wohl nicht so viel passiert. Kommen Sie.“
Tim erhob sich etwas schwerfällig nach dem langen Sitzen und folgte mit klopfendem Herzen Helene den Flur entlang.
„Soweit ich mitbekommen habe, hat er eine leichte Gehirnerschütterung und ein paar Prellungen. Er bekommt gerade für die Nacht ein Beruhigungsmittel, damit er besser schlafen kann.“
Helene beugte sich verschwörerisch zu Tim rüber. „Es ist zwar eigentlich nicht gestattet, aber ich dachte, Sie wollten ihn vorher noch mal sehen.“ Sie zwinkerte Tim schmunzelnd zu. „Der junge Mann macht uns ganz schön zu schaffen. Er ist nämlich ziemlich munter und will jetzt nach Hause fahren. Er höchstpersönlich!“
Die Krankenschwester lachte amüsiert.
Sie gingen durch einige Flure, bis Helene vor einer Patiententür stoppte.


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Witch23
05/11/19 17:45
XD

jabba
05/11/19 08:12
hehe, getötet durch Missachtung:P

Witch23
02/11/19 16:27
jupp einfach ignoriert ^^

jabba
01/11/19 22:49
Na? Alle die Geister und Vampire und co. gut überlebt?

Witch23
29/10/19 16:11
moin

Xtreme-storys
29/10/19 02:01
Hi

jabba
10/10/19 17:15
Ich hab totales Input overflow! 3tage umgucken und normen lesen, jetzt schon die ganze Woche auf Schulung... *mimimi* Aber schon toll irgendwie:)

Witch23
02/10/19 19:52
gratuliere jabba

Niemue
01/10/19 19:17
Und wie war's, Jabba? ^^

jabba
30/09/19 22:34
*nervös herumhibbel* Morgen gehts los! Morgen 1.Tag im neuen Job! :)

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