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12. Dezember 2007

"Der Weihnachtscrash"(Teil 4) von Alaska


Altersfreigabe: Ohne Altersbeschränkung
Genres: Reale Welt
Warnungen: Zucker
Inhalt: Man sollte niemals seinen Sohn unbeobachtet mit dem Einkaufswagen durch einen Laden fahren lassen, denn was dabei passieren kann, bekommt Nick am eigenen Leib zu spüren. Und das auch noch wenige Tage vor Weihnachten.
Kommentar: Mehr als eine fröhliche Adventszeit und viel Spaß bleibt mir eigentlich nicht zu sagen. Ich freue mich, wenn euch diese kleine Geschichte gefällt und der eine oder andere vielleicht sogar einen Kommentar dazu hinterlässt o^.^o

„Papa, schau mal, was ich für Mel gemalt habe. Du hast doch gesagt, ich soll ihm ein Bild malen.“ Noah tapste mir geduldig hinterher, während ich in der Küche rotierte. Seit acht Uhr morgens fegte ich wie ein aufgescheuchtes Wiesel durch unsere Wohnung, um alles für den großen Abend vorzubereiten. Im Moment rieb ich die Ente kräftig mit Salz und Pfeffer ein, stopfte sie mit Äpfeln und Zwiebeln aus und verschnürte sie nach bestem Vermögen.
„Schatz, ich kann grad nicht. Sobald der Braten im Herd ist, schau ich es mir an, in Ordnung? Aber jetzt muss ich das hier erst einmal erledigen, sonst wird es nicht fertig bis Mel kommt.“ Beleidigt zog Noah von dannen, denn er war gewohnt, dass ich sein künstlerisches Talent sofort lobte. Doch heute war ich einfach zu aufgeregt. Alles sollte schön werden, damit Mel sich wohl fühlte und wir gemeinsam ein wunderbares Fest feiern konnten. Das hing für mich enorm vom Garzustand meiner Ente ab. Für die nächsten vier Stunden würde ich mich väterlich um sie kümmern und ihr zu einer knusprigen braunen Haut verhelfen. Um drei wollte Mel kommen und ich musste mich vorher noch fein für die Kirche machen.
Nachdem ich schließlich den Vogel im Bräter untergebracht hatte, wischte ich mir schnell die Hände an meiner Schürze ab und suchte Noah, der im Wohnzimmer mit dem Einpacken seines Geschenks beschäftigt war.
„Wolltest du es mir nicht noch zeigen? Jetzt kann ich es ja gar nicht mehr anschauen.“
„Du wolltest es vorhin nicht sehen! Jetzt ist es eingepackt!“ Ganz offensichtlich war Noah leicht verstimmt über meine Ignoranz. Ich gab ihm schnell einen Kuss auf die Stirn, lobte seine Fingerfertigkeit beim Zuknoten des Geschenkbandes und huschte gleich weiter zum Esstisch, um diesen festlich zu decken.
Auf diese Weise ging es den gesamten Mittag zu, bis ich um halb zwei endlich mit den Vorbereitungen fertig war und noch kurz unter die Dusche springen konnte, bevor Mel ankam.
Ich rasierte mich ordentlich, legte etwas Aftershave auf und wählte dann im Schlafzimmer meinen besten Anzug aus.
„Noah, kommst du einmal bitte her? Du musst mir meine Krawatte aussuchen.“ Das war ebenfalls eine Tradition bei uns und egal, wie furchtbar sie auch sein mochte, ich würde die von meinem Sohn ausgewählte Krawatte tragen. Eiliges Trappeln kündigte Noahs Erscheinen an und er sprang mit einem Juchzen aufs Bett.
„Aufmachen! Aufmachen!“ rief er begeistert und hüpfte auf und ab. Folgsam öffnete ich die Schranktür, in der meine Krawattensammlung hing und trat beiseite, damit er sie sehen konnte. Mit großen konzentrierten Augen krabbelte mein Sohn näher und schaute sich alle genau an. Dann zeigte er zielsicher auf eine rote und ich wunderte mich über diese für seine Verhältnisse recht konventionelle Wahl.
„Die schlichte Rote, ja? Bist du sicher?“ Zu meinem schwarzen Anzug mit dem weißen Hemd passte eigentlich alles, deshalb machte es mir nie viel aus, wenn er eine knallbunte Krawatte im Hawai-Look aussuchte, aber diese Schlichtheit war ungewöhnlich.
„Und warum diese? Verrätst du mir das?“ Noah grinste mich breit an und begann wieder auf meinem Bett zu hüpfen, was er ausschließlich an Weihnachten durfte.
„Ja. Mel hat mir gesagt, dass seine Lieblingsfarbe rot ist.“ Erstaunt glotzte ich meinen Sohn mit offenem Mund an. Damit hatte ich nun nicht gerechnet. Mein Herz schlug plötzlich ganz aufgeregt und ich musste mich kurz setzen. Es hatte mich ganz offensichtlich schlimmer erwischt, als ich gedacht hatte.
„Du magst Mel sehr, oder?“ Noah hörte auf zu springen und sah mich neugierig an. Dann kam er wie eine Katze angekrochen und schmiegte seinen Kopf gegen meine Schulter.
„Ja, Mel ist lieb und er spielt mit mir. Und er mag dich.“
„Er mag mich?“ krächzte ich und musste meine Gedanken bremsen, nicht in falsche Richtungen davon zu galoppieren.
„Ja, das hat er mir gesagt. Er hat gesagt, du bist ein toller Mann und dass er dich sehr gern hat.“ Die kindliche Art, in der er mir diese Nachricht verkündete, machte es für mich noch schwerer meine Gefühle unter Kontrolle zu halten. Was hatte das zu bedeuten? Hatte Noah einfach etwas falsch verstanden? War der Wortlaut anders gewesen, so dass es für meine Ohren nun klang, als stecke mehr dahinter? Oder war Mel womöglich...? Nein! Das ganz bestimmt nicht!
„Warum bist du denn so rot, Papa? Hast du Fieber?“ Fürsorglich und in der Weise, wie ich es tat, wenn er krank war, legte er seine Stirn gegen meine und schaute mir dabei tief in die Augen. Das brachte mich zum Lachen, so dass sich meine innere Anspannung etwas lösen konnte. Natürlich gingen mir die Worte meines Sohnes nicht mehr aus dem Kopf, aber es gelang mir, sie weiter zurückzudrängen.
„Na, komm. Mel ist bald da und du bist noch gar nicht umgezogen.“ Ich stand auf und band mir die Krawatte.
„Muss ich wirklich die blöde Hose anziehen?“ jammerte Noah und sah mir missmutig zu.
„Es ist doch nur für die Kirche, danach kannst du wieder deine normalen Sachen anziehen, hm?“
„Ziehst du auch wieder den bunten Pullover mit dem Weihnachtsmannschlitten an?“ Mein Spiegelbild grinste mir entgegen.
„Natürlich.“ Es spielte keine geringe Rolle, dass dieses Kleidungsstück vornehmlich rot war und mir ausgezeichnet stand.
Punkt drei Uhr klingelte es an der Wohnungstür und Noah rannte sofort hin, um unsere Gäste zu begrüßen. Sonny war bereits sauber gemacht worden, so dass mein Sohn ihn gleich nach einer kurzen Begrüßung von Mel mit in sein Zimmer schleifen konnte.
„Hallo.“ grüßte ich mit dünner Stimme und schluckte. Mel sah wirklich umwerfend aus in seiner schwarzen Cordhose, dem beigen Rollkragenpullover und dem dunkelbraunen Sakko. Sehr elegant und geschmackvoll.
„Fröhliche Weihnachten!“ verkündete Mel überschwänglich und wirkte auf mich sehr glücklich. Mit einem breiten Grinsen drückte er mir eine Auflaufform in die Hand.
„Das muss in den Kühlschrank. Tiramisu. Ich wollte nicht mit leeren Händen kommen.“ Ich war noch ganz verdutzt und sah die Schale an, als hätte ich so ein Gebilde noch nie gesehen.
„Das ist wirklich nett von dir. Ich hatte für Noah Pudding gekauft, aber das ist natürlich noch besser! Komm doch rein.“ Ich trat beiseite, so dass er endlich die Wohnung betreten konnte. Dabei bemerkte ich die große Tüte, die er vom Boden aufhob.
„Soll ich dir etwas abnehmen?“ Ich nickte auf das Plastik, bekam aber ein schnelles Kopfschütteln zur Antwort.
„Nein, nein, aber es wäre nett, wenn ich das vielleicht in dein Schlafzimmer stellen könnte.“ Das verwirrte mich, doch ich zeigte ihm die entsprechende Tür und eilte dann schnell in die Küche, um das Tiramisu im Kühlschrank unterzubringen.
„Hier riecht es fantastisch! Ist das der Entenbraten?“ Mel stand in der Tür, als ich mich umdrehte.
„Ja, er ist fertig, wir müssen ihn nachher nur noch einmal aufwärmen. Möchtest du etwas trinken? Ich habe Adventstee aufgebrüht. Oder lieber Kaffee?“ Ich hatte mir vorsorglich von meiner Nachbarin ein wenig geliehen, weil ich selbst keinen trank.
„Nein, danke, Tee ist prima. Ich mag Kaffee nicht.“ Noch eine Gemeinsamkeit, über die ich mich freuen konnte.
Wir setzten uns mit dem Tee ins Wohnzimmer und bekamen bald Gesellschaft von Noah und Sonny. Die Zeit bis zur Kirche verging für meinen Geschmack zu schnell. Ich genoss Mels Nähe viel zu sehr, als dass ich mich gleich wieder davon trennen wollte.
Der Gottesdienst war schön und Noah war ganz fasziniert von dem Krippenspiel, das die anderen Kinder vortrugen. Er saß auf Mels Schoß und reckte den Hals, wie eine dieser Schlangenhalsschildkröten.
Danach spazierten wir betont langsam nach Hause, was meinen Sohn furchtbar ärgerte, denn er wollte endlich mit der Bescherung beginnen. Aufgeregt zog er abwechselnd an Mels und meinem Arm und trieb uns zur Eile an, was nur bewirkte, dass wir Erwachsenen noch langsamer gingen.
In der Wohnung begrüßte uns ein schwanzwedelnder Samson und ich befürchtete irgendwo in eine Katastrophe. Entweder hatte er die Ente gefressen, den Tisch abgedeckt oder die Sofakissen nach bester Frau-Holle-Manier zerrissen und den Inhalt überall verteilt. Nichts von alle dem war eingetreten und ich ließ einen neckenden Kommentar über seine Erziehung fallen, die Mel sofort aufgriff und sie mir auf Noah bezogen zurückgab.
Wie jedes Jahr schickte ich Noah in sein Zimmer, während ich seine Geschenke unter dem Baum aufbaute. Mel half mir dabei.
Danach stellte ich den Ofen an, so dass die Ente wieder warm wurde, während wir Bescherung machten. Mel zündete derweil einige Kerzen an und legte passende Musik ein. Mir wurde nun richtig weihnachtlich zumute und ich war froh, dass ich Mel eingeladen hatte Heilig Abend mit uns zu verbringen.
„Darf ich jetzt rauskommen?“ ertönte es ungeduldig aus dem Kinderzimmer und ich grinste Mel an, der in der Wohnzimmertür stand und diese hinter sich zuzog.
„Ja, du darfst.“ Noah erschien mit hinter dem Rücken versteckten Armen und grinste uns spitzbübisch an. Vermutlich verbarg er das gemalte Bild für Mel.
„Dann wollen wir doch mal sehen, was dir der Weihnachtsmann alles gebracht hat.“ leitete ich das Prozedere ein und legte ihm den Arm um die Schultern. Mel öffnete feierlich die Tür vor uns und wir traten in den schummrig erleuchteten Raum. Es war so schön, so wunderbar weihnachtlich, dass ich kurz mit den Tränen kämpfte. So hatte ich es mir immer gewünscht. Auch wenn Mel leider nicht für immer bleiben würde.
„Fröhliche Weihnachten!“ verkündeten wir alle noch einmal und Noah huschte schnell zum Baum, um dort zwei kleine Papierrollen abzulegen.
„Wer fängt an?“ wollte er gleich wissen und setzte sich brav auf den Sessel. Ich konnte sehen, wie seine Füße zu zappeln begannen und wollte ihn noch etwas länger auf die Folter spannen.
„Wie wäre es mit unserem Gast?“ Kurz enttäuscht nickte Noah, dann sprang er auf und holte eine seiner Rollen, um sie Mel zu überreichen. Die andere war wohl für mich.
„Das habe ich für dich gemalt!“
„Oh, danke. Dabei habt ihr mir doch schon genug geschenkt.“ Er lächelte mich an und umarmte Noah zum Dank. Dieser trat von einem Bein aufs andere, während Mel bedächtig das Geschenkband löste und dann das Blatt auseinander rollte. Kurz blieb es still und ich erkannte in seinem Gesicht die Überraschung. Da ich das Bild nicht zu Gesicht bekommen hatte, wusste ich nicht, was er dort sah.
„Darf ich es auch sehen?“ Der Blick, den mir Mel zuwarf, irritierte mich etwas. Er war halb belustigt, halb...ja, was? Erwartungsvoll? Neugierig? Schweigend reichte er mir die Zeichnung und ich betrachtete sie. Dann wurde mir plötzlich ganz heiß und ich spürte, wie mir die Röte in die Wangen stieg.
Noah hatte drei Figuren gemalt, die entfernt an Menschen erinnerten. Eine kleine, die zwei große an den Händen hielt. In krakeliger Schrift standen dort die Namen Noah, Papa und Mel. Ich hatte meinem Sohn seinen Namen beigebracht zu schreiben und seit dem, lernte er freudig das Alphabet mit Hilfe eines Bilderbuches. Er musste die Buchstaben herausgesucht haben. Mel war mit zwei l geschrieben, wovon eines wieder durchgestrichen war. Deshalb hatte er mich also gestern ganz unschuldig gefragt, wie man den Namen schrieb. Doch das eigentlich Wichtige an dem Bild – jedenfalls für mich – waren die Herzchen, die von uns allen aufstiegen. Natürlich hatte das aus Noahs Sicht nichts Gravierendes zu bedeuten. Für mich allerdings war es wie ein Liebesgeständnis.
„Das ist aber schön.“ brachte ich mit belegter Zunge hervor und lächelte gezwungen. Mel sah mich noch immer durchdringend an und ich wurde langsam nervös.
„Willst du jetzt nicht...deine Geschenke auspacken?“ Nur einen Grund finden, um unseren Gast nicht länger anschauen zu müssen.
Wie ein kleiner tasmanischer Teufel stürzte sich Noah auf seine Geschenke und zerriss euphorisch das Papier. Abwechselnde Oh- und Wow-Laute begleiteten das ganze Unterfangen.
Schließlich kam er zu einem großen viereckigen Paket, an das ich mich gar nicht erinnerte. Ich blickte Mel fragend an und dieser grinste breit.
„Wow, das ist ja cool.“ stieß Noah aus, nachdem er das Papier heruntergefetzt hatte und der Karton eines ferngesteuerten Autos zum Vorschein kam.
„Das ist noch viel besser als der Panzer! Danke, Papa!“
„Moment, das ist nicht von mir.“ stoppte ich ihn und deutete auf Mel. Noahs Augen wurden noch größer und er warf sich dem Mann quietschend um den Hals. Auch ich bedankte mich stumm bei Mel, doch dieser winkte nur ab und flüsterte Noah etwas ins Ohr. Dieser sah mich an, kicherte und holte ein anderes Geschenk, das ebenfalls nicht von mir war.
„Für dich.“ Er drückte mir das kleine Päckchen in die Hände. Es gab unter dem Druck meiner Finger nach. Meine Augen richteten sich auf Mel, der gemütlich im Sessel saß und mich abwartend musterte. Verlegen öffnete ich das Papier und brachte einen roten Schal zum Vorschein. Er war ganz weich und als ich auf das kleine Schildchen sah, bemerkte ich, dass es echte Kaschmirwolle war.
„Du bist verrückt! Wie...wann?“
„Der Weihnachtsmann hat es vor meiner Tür verloren.“ Ich dankte ihm überschwänglich, weil ich mich wirklich sehr darüber freute. Nun hatte ich ein ganz persönliches Geschenk von Mel, das zudem noch wundervoll kuschelig war.
„Aber ich habe gar nichts für dich!“ Plötzlich kam ich mir sehr dumm vor, weil ich nicht den geringsten Gedanken daran verschwendet hatte, Mel etwas zu schenken. Natürlich war alles sehr kurzfristig gekommen, aber wie man sah, konnte man auch kurzfristig noch eine Kleinigkeit, was in diesem Fall relativ war, besorgen.
„Ich habe von dir mehr bekommen, als ich mir zu diesem Heilig Abend vorgestellt hatte.“ Mel ließ sein unvergleichliches Lächeln aufblitzen und ich war mir fast sicher, dass er flirtete, was mir mein von Glück trunkenes Hirn natürlich nur vorgaukelte.
„Papa, ich hab Hunger.“ Noah tauchte neben mir auf, den Karton seines neuen Autos fest gegen die Brust gedrückt. Ich strich ihm einmal über den Kopf und tippte dann gegen die Pappe.
„Dann frag Mel, ob er dir das hier auspackt und ich mache solange das Essen, einverstanden?“ Sofort wandte sich mein Sohn an unseren Gast, welcher sich mit ihm auf den Boden setzte und begann den Karton zu öffnen.
Ich verzog mich in die Küche und wärmte den Rotkohl auf, warf die Klöße ins Wasser und versuchte den Entensaft vom Fett zu trennen, um daraus eine Soße zu machen. Ich war so vertieft in meine Arbeit, dass ich das markante Surren hinter mir gar nicht hörte. Als mich dann etwas in voller Fahrt am Fuß erwischte, schreckte ich zusammen, dass mir fast der Löffel in die Soße fiel.
Hinter mir ertönte einstimmiges Gelächter. An meinem Fuß hing Noahs ferngesteuertes Auto, das dieser mit Mels Hilfe auf mich gehetzt hatte, denn auf der Motorhaube war ein Zettel angebracht, auf dem stand: Fütter mich!
„Ich bin ja gleich fertig! Ihr könnt mir gern beim Auftragen helfen, wenn ihr schon mal da seid. Noah, zeig Mel, wo die Schüsseln sind.“ Ich warf einen Blick in den Ofen und schnupperte zufrieden. Der saftige Duft von knuspriger Entenhaut und zartem Fleisch verwandelte meinen Mund in eine Tropfsteinhöhle. Zur Bestätigung knurrte mein Magen einmal laut, ich hatte seit dem Frühstück nichts mehr gegessen.
Die Eieruhr schrillte und ich machte mich mit spitzen Fingern daran, die heißen Klöße aus ihrer Haut zu zupfen und in die bereitgestellte Schüssel fallen zu lassen. Mel war gerade dabei den Rotkohl aus dem Topf umzufüllen und brachte ihn dann mit meiner Schale zusammen ins Wohnzimmer. Noah durfte die frisch angerührte Soße tragen, wobei ich ihn mehrfach darauf hinwies, dass sie heiß war und er nicht zu schnell gehen sollte, damit sie nicht schwappte. Ich selbst setzte die Ente auf den niedrigeren Deckel des Bräters und trug diesen ins Wohnzimmer.
„Das sieht hervorragend aus, Nick. Ich will mir gar nicht vorstellen, was das für eine Arbeit gewesen ist.“
„Ach wo.“ winkte ich schnell ab, fühlte mich von dieser Würdigung meiner Anstrengungen aber geschmeichelt. Mel war einfach die Art Mann, die solche Dinge nicht für selbstverständlich hielt und ihnen deshalb besondere Beachtung schenkte.
Wir schmausten lang und ausgiebig, bis unsere Bäuche rund waren. Ich heimste diverse Komplimente für das gute Essen ein und gab diese gern an Mels Tiramisu zurück. Noah blieb bei seinem Pudding, da weder der Amaretto, noch der Espresso etwas für seinen Gaumen war.
Danach setzten ich mich mit Mel auf die Couch, den Esstisch ließen wir einfach so wie er war, da wir beide zu satt waren, um uns jetzt sofort so viel zu bewegen, und sah meinem Sohn zu, wie er das Fernlenkauto mit Freude gegen Sonny fahren ließ, der dieses gelassen nahm und nur immer wieder über die Motorhaube schleckte. Irgendwann wurde jedoch auch das langweilig und Noah schleppte die neuen Spiele, die ich ihm geschenkt hatte, an. Wir lachten viel und versanken völlig in dieser ausgelassenen Stimmung, so dass keiner von uns merkte, wie die Zeit vorankroch. Erst als sich Noah immer öfter die Augen rieb, beschloss ich, dass für ihn der Abend zuende ging. Das war zuerst mit großem Protest verbunden, verlief dann aber doch recht friedlich, als Mel versprach, ihn mit ins Bett zu bringen. Ich verliebte mich mit jeder Minute mehr in diesen Mann. Und das war nicht gut.
Noah fielen überraschend schnell die Augen zu, so dass ich mich wieder meinem Gast widmen konnte. Mel hatte es sich auf dem Sofa gemütlich gemacht und schaute gedankenversunken aus dem Fenster. Es schneite wild und ich bedauerte jeden, der bei diesem Wetter noch raus musste. Dabei fiel mir ein, dass Mel ja zu diesen bedauernswerten Menschen gehörte. Ich wollte nicht, dass er schon ging. Der Abend war zwar schön gewesen und ich würde nie behaupten, dass mein Sohn störte, aber nun wollte ich Mel wenigstens eine Weile für mich allein haben.
„Ich räume kurz den Tisch ab, häng du ruhig noch etwas deinen Gedanken nach.“ Ich lächelte ihn an und erhielt sofort ein Echo.
„Kommt nicht in Frage. Ich helfe dir.“ Er war wirklich ein Schatz. Zuerst die Lebensmittel, die ich dann in der Küche in Plastikdosen umfüllte und sie in den Kühlschrank stellte, während Mel das Geschirr zusammenräumte. Ich war gerade dabei den Soßentopf in der Spüle einzuweichen, damit sich kein Satz bildete, als ich Mel ganz dicht hinter mir bemerkte.
„Du kannst die Teller hierhin stellen.“ Ich deutete neben mich auf die Ablage und drehte mich um, aber er hielt gar keine Teller in Händen, die standen bereits auf der Arbeitsfläche. Fragend sah ich zu Mel auf. Dieser blieb stumm und beugte sich nur ohne Vorwarnung zu mir herunter. Es dauerte lange, bis ich begriff, dass er mich küsste. Seine Lippen waren warm, wie alles an ihm, sein Kinn kratzte leicht an meinem. Wie selbstverständlich legten sich seine Hände auf meine Taille und zogen mich näher. Ich folgte willenlos.
Dann setzte sich auf einmal mein Verstand wieder ein. Mel küsste mich! Er küsste mich und ich stand da wie ein Reh im Scheinwerferlicht. Unsicher zuckten meine Hände. Sollte ich ihn umarmen? Durfte ich? Da lösten sich seine Hände schon und führten die meinen zu sich. Ich glaube, ich krallte mich etwas zu stark in seine Oberarme, denn er gab ein leises belustigtes Schnauben von sich. Mir war mittlerweile egal, was er denken mochte, ich erwiderte den Kuss so sehnsuchtsvoll, dass er meine Gefühle einfach spüren musste. Mir war ganz heiß und kribbelig, ich merkte, dass ich leicht zitterte vor Aufregung und Glück. Mel küsste mich! Nein, eigentlich küssten wir uns. Ich versank so sehr in dem Gefühl, das er bei mir bewirkte, dass ich noch einige Sekunden so stehen blieb, auch nachdem er sich wieder von mir getrennt hatte.
„Ich habe den ganzen Tag auf diese Gelegenheit gewartet. Ich wollte es nicht vor Noah tun, weil es ihn vielleicht verwirrt hätte.“ Wieder so rücksichtsvoll und bedacht. Ich öffnete die Augen.
„Du hast mich geküsst.“ Er grinste und nickte langsam.
„Gut beobachtet. Das hätte ich schon viel früher tun sollen.“ Ich verstand immer noch nicht ganz, was er mir zu sagen versuchte, weil es einfach zu unglaublich war. Ich hatte mich damit abgefunden, dass dies eine reine Männerfreundschaft bleiben würde, weil er...
„Aber du bist hetero.“ gab ich wenig geistreich von mir und er zog nur die Brauen hoch, das amüsierte Glitzern in den Augenwinkeln.
„So? Bin ich das?“ Das brachte mich wieder zu Sinnen und ich schüttelte den Kopf.
„Entschuldige, ich bin nur etwas...überrascht...und..“ Glücklich, denn für mich war gerade ein Wunder geschehen.
„Warum hast du es mir nicht eher gesagt? Du musst doch gemerkt haben...“
„Ich war mir nicht sicher. Du bist nicht besonders leicht zu lesen, Nick. Das eben hat mich viel Mut gekostet, ich habe alles auf eine Karte gesetzt. Aber lass uns doch wieder ins Wohnzimmer gehen, dort ist es gemütlicher.“ Er ergriff meine Hand und zog mich sanft hinter sich her. Ich fühlte mich wie Noah, wenn ich ihn gerade geweckt hatte und er noch so verschlafen war, dass ich ihn führen musste, damit er nicht gegen den Türrahmen lief.
Mel setzte sich und ließ gar nicht erst zu, dass ich mich weit von ihm entfernte. Anscheinend wollte er mich nicht mehr so leicht frei geben.
„Willst du noch etwas trinken?“ Meine Stimme klang heiser und unsicher.
„Eigentlich würde ich dich viel lieber noch einmal küssen.“ Mel lächelte und ich konnte die Frage in seinen dunkelblauen Augen sehen, ich hatte sie heller in Erinnerung. Zögerlich nickte ich.
Wir küssten uns lang und ausgiebig, ich war von dem allen so überrumpelt, aber meine innere Freude gewann überhand. Ich wurde mutiger, legte eine Hand auf seine Brust und ließ ihn mich halten. Erst als wir beide aus Sauerstoffmangel keuchten, trennten wir uns wieder.
„Ich kann das alles nicht glauben. Die ganze Zeit...ich war so fest davon überzeugt, dass du hetero wärst.“
„Nun, ich auch, schließlich hast du einen Sohn und warst verheiratet. Ich dachte immer, ich würde kleine Zeichen von dir empfangen, wie an dem Tag im Eiscafé, wo du mir den Puderzucker vom Pullover gewischt hast. Aber dann sahst du danach so verschreckt aus, dass ich wieder unsicher wurde.“ Ich konnte mir gar nicht vorstellen, dass Mel unsicher sein konnte. Er war immer ruhig und gelassen, sehr bedacht und auf keinen Fall...hetero! Das Lachen brach sich ganz von selbst in mir Bahn und ich musste mein Gesicht an seiner Schulter verstecken, um es nicht ausarten zu lassen. Mel ließ mich und wartete einfach.
„Es klingt vielleicht verrückt, aber nach jedem Treffen wollte ich dich nur noch mehr.“ gestand ich leise und sah ihn an. „Du warst immer so rücksichtsvoll und freundlich. Und du hast dich so wundervoll um Noah gekümmert.“ Ich lehnte mich wieder gegen ihn und er zog mich mit seinem Arm noch näher. Für falsche Scham war gar kein Platz mehr, denn wir waren viel zu lange umeinander herumgestrichen.
„Dabei war er der Grund, warum ich mich nicht an dich getraut habe. Ich kenne nicht viele schwule Männer, die Kinder aus einer Ehe haben.“
„Ich bin bi...oder vielleicht war ich es.“ Denn im Moment konnte ich mir nicht vorstellen, je wieder mit einer Frau zusammen zu sein. „Lisa und ich haben jung geheiratet und irgendwann war es dann einfach nur noch Gewohnheit, bis Noah unterwegs war. Du kennst ja die Geschichte. Ich wollte eine Familie sie nicht, aber das größte Problem war wohl, dass ich merkte, wie meine Blicke immer mehr den Männern hinterher schweiften. Als ich es ihr sagte, schien sie weder überrascht, noch böse. Ich glaube, sie war auch erleichtert, dass wir es beenden konnten.“ Mel strich mir über die Schulter und verschränkte die Finger der anderen Hand mit meinen.
„Meine letzte Beziehung ging kaputt, weil ich wie du eher ein Familienmensch bin und mich nicht gern in das nächtliche Schwulenleben stürze. In meinem Alter finde ich das albern und es ist wesentlich schöner hier mit dir vor dem Tannenbaum zu sitzen.“ Er lächelte und küsste mich noch einmal.
„Nachdem du mich gestern eingeladen hattest, habe ich mir vorgenommen heute den Schritt zu wagen.“
„Ich bin froh, dass du es getan hast. Ich war schon immer etwas begriffsstutzig in solchen Angelegenheiten.“
„Ja, das habe ich gemerkt. Aber jetzt lasse ich dich nicht mehr los, Nick. Ich habe mich in dich und Noah vermutlich gleich nach dem kleinen Unfall im Einkaufszentrum verliebt und mir seit dem gewünscht, zu dieser Familie zu gehören. Ihr geht so liebevoll miteinander um. Ich würde aber vorschlagen, dass wir es Noah nicht sofort sagen, sondern ihn langsam darauf vorbereiten.“ Ich presste die Lippen fest zusammen, da mir die Tränen kamen. Das war die einzige Angst, die ich noch gehabt hatte, denn mein Sohn würde es bestimmt nicht verstehen, wenn ich am ersten Weihnachtsmorgen mit Mel gleich so vertraut tat. Aber Mel, mein Mel, hatte diese Sorgen sofort beseitigt und nahm erneut Rücksicht. Ich lächelte ihn an und küsste zärtlich seine Lippen, die sich mir ganz natürlich öffneten. Wir sanken tiefer in die Polster, deckten uns zu und kuschelten uns so dicht wie möglich aneinander. Mel knabberte sanft an meinem Ohr und sein warmer Atem kitzelte mich, schickte Schauer über meinen Körper und ließ mich alles andere vergessen. Egal, was morgen sein würde, dieser Weihnachtsabend gehört allein uns.


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Witch23
21/07/19 23:06
ne bin im Urlaub irgendwie

jabba
20/07/19 14:55
Hi ihr Sommermäuse, alle urlaubsreif?

Graf Roderick
18/05/19 23:45
Yeah! ESC!!! Tolle Show nebenher.

Esther
18/05/19 21:04
Nicht vergessen: Jetzt gerade läuft der ESC! ;-)

jabba
15/05/19 23:38
da ich bis eben nichts davon gehört habe... nein ^^

Witch23
12/05/19 17:52

Aber ich bin auch nicht gerade der starke Schriftsteller ^^


HeisseZitrone
10/05/19 15:48
Macht von euch auch jemand beim Wettbewerb Kindlestoryteller2019 mit? :)

jabba
24/04/19 20:12
jo, wenn der schreiberling der auffassung ist dass die gelöscht zu sein hat, dann ist die welt machtlos

little-kara
24/04/19 14:45
schade die story the show must go on gibt's nicht mehr :(

split
29/03/19 18:19
Ich bin komatös, was schreiben betrifft, also nö ^^°

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