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14. Dezember 2010

"Erkenntnis zu Weihnachten"(Teil 1) von Mica


Altersfreigabe: 12
Genres: Reale Welt
Warnungen: Depri, Zucker
Inhalt: Es ist mal wieder Weihnachten. Eigentlich die schönste Zeit des Jahres für Tobias, doch seit er im letzten Jahr den Pastorensohn Paul kennen gelernt hat, kann bei ihm keine richtige Weihnachtsstimmung aufkommen. Das unverhoffte Wiedersehen macht die ganze Sache nur noch schlimmer.
Kommentar: Fortsetzung zu „Der Weihnachtswunsch“

Teil 1


Oh Gott, warum gehe ich immer und immer wieder hier lang?
Ich weiß, dass es unendlich viele – oder aber zumindest einige - andere Wege gibt, um aus der Stadt nach Hause zu kommen. Wege, die mir bei diesem eiskalten Wind wahrscheinlich sogar ein paar Minuten sparen würden und doch stehe ich wieder vor dem Pfarrhaus, dessen dunkle Fenster mich verspotten wollen.

Vor ein paar Stunden war noch die dezente Lichterkette in dem buschigen Nadelbaum an und warf ihr Licht auf den weiß schimmernden Schnee im Vorgarten.
Ich war spät dran und bin nur vorbeigeeilt. Jetzt allerdings stehe ich hier, langsam werden meine Füße kalt, aber ich bewege mich trotzdem nicht. Irgendwie wünsche ich mir, er würde jetzt herauskommen, seine blonden Locken schütteln und mich mit diesem schelmischen, jungenhaften Lächeln anzwinkern. Mir dann mit voller Wucht einen Schneeball in Gesicht schleudern, woraufhin ich mich auf ihn stürzen und wir so lange lachend im Schnee raufen würden, bis wir total erschöpft, mit geröteten Wangen nebeneinander liegen blieben und unserem warmen Atem zusähen, der in kleinen Wölkchen gen Himmel stiege.

Natürlich vollkommener Schwachsinn, es ist drei Uhr Morgens und niemand wird aus dem Haus kommen. Ich bin nicht mal sicher, ob ich das überhaupt wirklich will.
Zitternd beiße ich auf meine vor Kälte aufgesprungene Unterlippe.
Das mit den Tagträumen ist eine Sache, aber die Realität eine ganz andere. Man, ich hatte lange nicht diese Vorstellungen, diese Träume von mir und Paul und ich weiß nicht, warum sie ausgerechnet jetzt zurückkommen.
Verzeihungsheischend blicke ich nach oben, denn das ist natürlich gelogen. Es ist total logisch, dass ich gerade jetzt wieder an Paul denken muss. Es liegt an der bevorstehenden Weihnachtszeit.

Trotzdem frage ich mich, ob das ausgerechnet jetzt, in diesem Moment, sein muss?!
Ich meine, ich komm gerade aus einem Club, hatte viel Spaß mit einem Typen, dessen Namen ich nicht kenne und entgegen aller Vermutungen habe ich mich danach nicht einsam oder benutzt gefühlt, sondern einfach nur befriedigt.
Also, was soll das Ganze hier? Verärgert trete ich gegen einen Schneeklumpen, drehe mich bestimmt um und stapfe in Richtung zu Hause.

Es ist wirklich bitterkalt, aber ich merke es während des Gehens kaum noch, da meine Gedanken an Paul mich schon wieder beschäftigen und auch nicht loslassen.
An diesem einen Abend vor beinahe genau einem Jahr, schien alles so einfach. Da war irgendetwas zwischen uns, etwas Magisches, etwas Unglaubliches, es nahm mir alle Angst und ließ mich so gut fühlen. Ich dachte wirklich, während wir uns küssten, dass sich jetzt einfach alles ordnen würde, dass mein Leben jetzt in der richtigen Bahn wäre, das vorherige orientierungslose Schlingern ein Ende hätte.
Eigentlich verrückt, wenn ich es jetzt logisch betrachte, aber an dem Abend war es genau das, was ich, neben sehr viel profaneren Gefühlen, empfand.

Am nächsten Morgen kam die Angst zurück. Ich war wie gelähmt, konnte die nächsten Wochen nur an Paul denken, Tag und Nacht, in jeder Minute, in jeder Sekunde war er in meinem Kopf. Und trotzdem ließ ich mich am Telefon verleugnen, als er nach einer Woche endlich anrief. Ebenso wie bei allen folgenden Anrufen. Ich machte die Tür nicht auf, als er davor stand- jedes Mal.

Dann war es einfach vorbei. Ich denke, er war zurück im Internat. Meine Zeit war ausgefüllt mit den Vorbereitungen fürs Abitur und danach mit der hilflosen Suche nach einem Studienfach, bei dem ich mir wenigstens den Hauch einer Zukunft vorstellen konnte.

Trotzdem musste ich in den ersten Monaten immer wieder an Paul denken, hatte diese irrationalen Tagträume, Szenen aus unserer nicht existierenden Beziehung, in denen wir miteinander lachten, ausgingen, einfach gemeinsam die Welt eroberten. Aber irgendwann wurde auch das weniger, bis er nur noch wie ein Traum, der viel zu schön ist, um wahr zu sein, in meinem Unterbewusstsein existierte.
Und heute ist Freitag vor dem dritten Advent und mir ist, als wäre dieser eine Abend, an dem ich glücklich war, erst gestern gewesen.


Am nächsten Morgen fühle ich mich furchtbar, der gestrige Alkoholkonsum macht mir den Tag schon direkt nach dem Augen aufschlagen zur Hölle und irgendwie habe ich so richtig schlechte Laune, deren Grund ich mir bei bestem Willen nicht erklären kann. Seufzend wälze ich mich auf meinem Bett herum.
Natürlich ist das auch gelogen. Ich frage mich, ob Gott wohl all die Lügen zählt und wenn ja, zählen dann auch diejenigen, die man sich selber erzählt hinzu? Wenn es irgendwann mal aufgerechnet wird, Gut gegen Böse, Himmel oder Hölle? Ich fürchte, ich müsste sofort damit aufhören, die Wahrheit zu verbiegen, um noch ein Übergewicht für die gute Seite zu erzielen.

Natürlich ist mir klar, dass meine Laune mit dem kurzen Abstecher von letzter Nacht zusammenhängt. Aber wieso macht mir an ihn zu denken so zu schaffen?
Das Ganze ist schon über ein Jahr her und es war doch nur ein einziger Abend. Vielleicht täuscht mich meine Erinnerung und es war niemals so etwas Besonderes. Vielleicht beschönige ich den Kuss im Nachhinein, diese intime Verbundenheit, das Gefühl der Zusammengehörigkeit, das alles könnte mich trügen. Könnte nach all der Zeit gar nicht mehr echt sein.

Ich tue es schon wieder. Mein Kopf verschwindet unter der Bettdecke, als könnte ich so meine Gedanken davon abhalten, nach außen zu dringen, zu dem, der alles sieht und hört.
Lügen- manchmal glaube ich, mein ganzes Leben ist ein einziges Lügengebäude.
Allerdings eines, das ein tiefes Fundament hat, dessen Mauern fest und solide sind und in deren Räumen ich mich nur allzu oft sehr gerne aufhalte. Ich weiß nicht einmal, wieso es mir so schwer fällt, die Wahrheit zu sagen. Lügen ist doch eigentlich nicht schön, aber selbst meine, zugegeben spärlichen, Reuemomente, halten mich nicht davon ab.

Plötzlich öffnet sich die Zimmertür und meine Mutter steckt den Kopf hindurch, um mich lächelnd zum Familienfrühstück zu holen. Die Aussicht auf ein gemütliches, vorweihnachtliches Frühstück hebt meine Laune augenblicklich. Als ich schließlich, bekleidet mit meinem flauschigen Wohlfühl-Pulli und einer alten Jogginghose, Richtung Esszimmer und Küche gehe, den Geruch von Zimtkerzen, der sich mit frischem Kaffeeduft verbindet, genieße und die glitzernde weiße Landschaft durch das große Fenster sehe, verfliegt auch das letzte Bisschen schlechter Laune.

Ich liebe Familienfrühstücke. Ganz besonders zur Weihnachtszeit, weil sich dann alles so heimelig und feierlich anfühlt, so dass gar kein Platz für schlechte Gedanken bleibt. Lächelnd setze ich mich zu meinem Vater an den Tisch und schaue irritiert auf die zusätzlichen Gedecke, während Nick in einem Affenzahn durch die Tür schießt und sich breit grinsend auf seinen Stuhl fallen lässt.

„Siehst du Mama, ich hab doch gesagt, ich bin rechtzeitig fertig mit Anziehen, bevor die Gäste kommen!“, kräht er triumphierend.

Gäste? Jetzt fällt mir auch auf, dass der kleine Nick, ganz entgegen seiner Gewohnheit, sehr gestriegelt und gebürstet aussieht und außerdem seine besten Ausgehsachen spazieren führt.
Ziemlich erschrocken, weil ich mir gerade vorstelle, wie peinlich mein Aufzug auf die etwaigen Gäste wirken wird, frage ich meine Mutter, wer denn überhaupt kommt.
Jetzt bemerke ich natürlich auch, dass die Wellen in ihren Haaren heute ganz besonders akkurat liegen und sie sogar ein wenig geschminkt ist.

„Tobi, das hab ich dir doch gestern erzählt, dass Pastor Bruhne und seine Frau zum Frühstück vorbei kommen.“

Kurz frage ich mich, wann sie mir das gesagt haben will, aber dann erinner ich mich an einige Satzfetzen, die gestern Morgen, kurz bevor sie zur Arbeit gefahren ist, durch die Badezimmertür drangen. Leider hatte sie da gerade einen äußerst ungünstigen Zeitpunkt erwischt, bei dem ich alle Hände voll zu tun hatte, so dass es mir unmöglich war, den Informationen zu lauschen.

Nachdenklich blicke ich an mir herunter, unsicher, ob ich vielleicht zu diesem Anlass etwas unpassend angezogen bin.

„Soll ich mich dann jetzt noch umziehen?“

Meine Mutter schaut aus der offenen Küche kurz lächelnd zu mir, holt dann die Brötchen aus dem Ofen und meint: „Du kannst dir eine Jeans anziehen, wenn es dir so unangenehm ist. Ich denke aber nicht, dass du Herbert und Martina verschrecken würdest.“

Es ist mir aber unangenehm. Also gehe ich in mein Zimmer, ziehe mich mit klopfendem Herzen um, versuche krampfhaft nicht an den hinreißendsten blonden Jungen zu denken, den ich jemals kennen gelernt habe und atme schließlich einmal tief durch. Keiner hat erwähnt, dass er auch kommen wird. Wahrscheinlich ist diese Aufregung, die sich in kleinen, explosionsartigen Schüben in meinem Körper ausbreitet, völlig unnötig. Selbst wenn er kommt, was erwarte ich denn, nachdem ich es vor einem Jahr so gründlich versaut habe. Ich bin mir nicht mal sicher, ob ich mir wünsche, es rückgängig machen zu können.

„Liebes Christkind“, murmel ich leise seufzend, „dieses Jahr wünsche ich mir ein Rückgrat zu Weihnachten.“

Wenn Gott auch nur ein wenig Mitgefühl hat, wird er mir diesen Wunsch erfüllen, auch wenn ich weiß, dass ich nach diesem Jahr nicht gerade sein Lieblingsmensch bin.


Der Engel hat ein Piercing und ich weiß nun mit unumstößlicher, hundertprozentiger Sicherheit, dass ich ein absolut bescheuerter Volldepp bin.

Irgendetwas muss mit meinem Kopf nicht stimmen, denn Paul ist keinesfalls so niedlich und entzückend, wie ich ihn in Erinnerung habe. Er ist noch sehr viel hübscher, als mein unzuverlässiges Hirn mir weismachen wollte. Seine goldblonden Locken sind etwas kürzer, seine strahlenden blauen Augen erscheinen mir wie das Schönste, was ich je gesehen habe und dieser anbetungswürdige Silberring über der einladenden rosaroten Unterlippe, weckt meine niedersten und wildesten Triebe. Sein Gesicht wirkt ein wenig erwachsener als bei unserem letzten Treffen und hat doch nicht wirklich was von seinem unschuldigen Aussehen verloren, auch wenn das Piercing genau den entgegengesetzten Eindruck vermittelt.
Es ist mir unheimlich peinlich und unangenehm, aber ich kann einfach nicht aufhören ihn anzuschauen. Ich weiß, wären wir in einem Comic, dann würden unzählige pinke Herzchen aus meinen Augen quellen und um seine unwirklich schöne Gestalt kreisen, bis er mir schwindelnd in die Arme taumeln würde.

Ich schlucke ein Stück Brötchen runter, wende mühsam den Blick ab und hoffe, dass man mir meine Gedanken nicht so deutlich ansieht, wie ich glaube.
Die Elternfraktion unterhält sich. Meine Mutter erzählt in schillernden Farben und mit einem glücklichen Strahlen im Gesicht von der Kreuzfahrt, die sie mit Pa im Sommer gemacht hat. Nick löchert Paul mit Fragen, die er lächelnd beantwortet und- nun ja, ich sitze einfach nur da und versuche meine überschäumenden Gefühle in den Griff zu bekommen, was mir noch schlechter gelingt, als an dem Abend vor einem Jahr.

Damals wusste ich schließlich auch noch nicht, wie gut und wie richtig es sich anfühlt, meine Arme um seinen schmalen Körper zu legen, seine Lippen auf meinen zu spüren und ganz tief innen zu ahnen, dass wir zusammen gehören, vielleicht sogar für immer. Wenn ich gestern Abend und heute Morgen schon dachte, alte Gefühle könnten wieder aufgeflammt seien, so überwältigen sie mich in seiner Anwesenheit geradezu. Ich bin mir mit einem Mal ganz sicher. Ich wünsche mir, mein feiges Zurückschrecken vor einem Jahr rückgängig machen zu können. Ich will ihn, ich will ihn so sehr, dass ich meine Augen nur für sehr kurze Zeit davon abhalten kann, seinen entzückenden Körper mit Blicken zu plündern.

Tatsache ist: Paul hat bisher keinen Blick an mich verschwendet. Er ist höflich, aber mehr auch nicht. Nur im Gespräch mit Nick scheint er etwas aufzutauen. Bei seinem Lachen wird mir ganz anders, so warm und kribblig, beinahe peinlich euphorisch.

Bitte, bitte nicht. Wieso Gott? Wieso tust du mir das an? Ich will das nicht, wollte das noch nie. Wollte beileibe nicht sowas fühlen und schon gar nicht wissen, dass ich…

Ich bin- tatsächlich- hoffnungslos verliebt.

Ich bin überfordert und das nicht zu knapp. Ich meine, man erkennt nicht täglich, seit fast einem Jahr irrationaler Weise in Jemanden verliebt zu sein, ohne es zu wissen. Das ist nicht fair. Ganz und gar nicht fair und auch nicht nachvollziehbar. Schließlich kenne ich ihn doch gar nicht. Selbst wenn ich es damals schon erkannt hätte, es hätte doch eh nicht funktioniert, genauso wenig wie es jetzt funktionieren würde. Ganz davon abgesehen, dass Paul nicht den Anschein macht, als wollte er mir in den nächsten Momenten seine Liebe gestehen und mir eine zweite Chance einräumen.

„Na Tobi, deine Mutter hat mir erzählt, du studierst jetzt seit Oktober? Und wie gefällt dir das Studium bisher?“

Überrascht schaue ich zu Pastor Bruhne, der mich mit seiner Frage so unvermittelt aus meinen Gedanken reißt.

„Ähm- naja, geht so. Ich meine, ich kann nach zwei Monaten noch nicht wirklich etwas dazu sagen“, winde ich mich etwas ungeschickt aus einer definitiven Antwort heraus. Ich bezweifle, selbst nach zwei Jahren eine eindeutige Meinung dazu äußern zu können. Keine Ahnung, ob es mir gefällt oder nicht. Es ist auf jeden Fall nicht furchtbar, jedoch genauso wenig ist es mein Traumfach. Es ist einfach nur ein Studiengang, den jeder studiert, der sich nicht sicher ist, wie die berufliche Zukunft aussehen soll und nicht mit leeren Taschen da stehen möchte: BWL.

Zumindest in einer Hinsicht bin ich zufrieden: Der Studiengang hat bestimmt den höchsten Prozentanteil schwuler Studenten oder zumindest solcher, die Sex mit einem Kerl nicht abgeneigt sind, sich selbst aber nicht eingestehen können, dass sie keineswegs so hetero sind, wie sie gerne wären. Wer kann es ihnen verdenken?

Allerdings sind das eher Aspekte meines Studentenlebens, die ich unter keinen Umständen am Frühstückstisch und in der anwesenden Gesellschaft erörtern möchte.

Ich schaue zu Paul und in diesem Moment sind seine Augen ebenfalls auf mich gerichtet, unsere Blicke treffen sich und – ich fühle mich plötzlich gar nicht gut. Oh Gott, wie können Augen nur so nichtssagend und gleichzeitig vernichtend schauen und warum ist mir mit einem Mal so unwohl und schrecklich zumute? Ich kann unmöglich noch einen Bissen hinunter kriegen. Warum ist es mir nicht egal, was er denkt? Warum ist er mir nicht egal?

Irgendwie glaube ich, dass mir auch meine Selbsttäuschung nicht mehr hilft, wenn er mich weiter so anguckt. Als ich mich endlich abwende, um Pastor Bruhne anzusehen, der nett gemeinte Belanglosigkeiten zu meinem Studentenleben von sich gibt, sind meine Gedanken und Gefühle in einem Aufruhr, wie ich ihn noch nie erlebt habe. Ich fühle mich auf einmal so hilflos, als wäre ich auf hoher See, das rettende Land schon vor Augen, nur um dann wieder davon getrieben zu werden.

Halbherzig mache ich Konversation mit dem Pastorenehepaar, während alle guten Empfindungen meinem Körper entweichen und ich mich immer elender fühle. Es ist, als wäre endlich eine Barriere gebrochen, hinter der mein gesamtes schlechtes Gewissen verborgen lag, welches nun mit Gewalt über mich hereinbricht, seit ich mir nicht länger vormachen kann, dass zwischen Paul und mir nichts Besonderes passiert ist.

Wenn es nicht so pathetisch und verlogen wäre, würde ich jetzt gerne heulen. Ich bin so erbärmlich. Ich habe es kaputt gemacht, bevor es beginnen konnte und erst jetzt, seit er hier vor mir sitzt, ich in sein zartes und gleichzeitig ausdrucksstarkes Gesicht sehen kann wird mir klar wird, was ich weggeworfen habe. Und was ich wahrscheinlich nie wieder bekomme werde. Ich fühle ich mich schlecht. Ich denke, ich werde mich wohl damit abfinden müssen, dass im Himmel kein Platz für mich reserviert wird.

Gott sei Dank hat alles mal ein Ende. Auch dieses Frühstück, das sich heimtückisch zu meinem persönlichen Alptraum verwandelt hat. Leider machen unsere Gäste keine Anstalten, sich zu erheben und das Haus zu verlassen.

Mit einem freundlichen Lächeln frage ich meine Mutter, ob ich vielleicht aufstehen darf, um dem grausamen Wirkungsbereich dieser blauen Augen entkommen zu können. Was ich natürlich nicht laut sage.

„Ja, natürlich Tobi“, sie lächelt mich an, während sie die letzten Teller in die offene Küche trägt.

„Tobi, könntest du Paul vielleicht mitnehmen. Er wird auch ab nächstem Herbst BWL studieren. Es wäre doch ganz schön, wenn du ihm vielleicht schon einmal ein Bisschen was erzählen könntest“, bittet mich der Pastor mit einem merkwürdigen Tonfall, ohne natürlich eine Ahnung zu haben, was diese Anfrage in mir auslöst. Dass mir irgendetwas daran komisch vorkommt, könnte natürlich auch daran liegen, dass mein Kopf gerade jetzt einen klitzekleinen Aussetzer hat. Mein Herz fängt an mit der Geschwindigkeit eines Presslufthammers Blut durch meinen Körper zu pumpen.

Ich muss wohl in meinem kopflosen Zustand eine zustimmende Geste gemacht haben, denn Paul schiebt seinen Stuhl zurück und folgt mir aus unserem Wohn- und Essraum in mein Zimmer. Mein Gehirn hat seine Funktion anscheinend noch nicht wieder aufgenommen, denn ich bleibe einfach unschlüssig mitten im Raum stehen, höre wie die Tür geschlossen wird und- tue einfach gar nichts.

Ich höre wie er hinter mir reinkommt und nach einer kurzen Weile wie das Sofa knarrt, aber ich schaffe es einfach nicht, mich zu ihm umzudrehen. Wie peinlich. Innerlich hoffe ich, dass dieser blamable Moment nur wenige Sekunden gedauert hat, als ich mich endlich wieder berappel und bedächtig auf meinen Schreibtischstuhl setze, der dabei viel zu laut quietscht.

Meine Augen streifen seinen Körper nur flüchtig. Ich wüsste gerne, was er jetzt denkt, traue mich aber nicht, ihm ins Gesicht zu schauen und bin deshalb einigermaßen erschrocken, als unvermutet seine Stimme erklingt.

„Nett.“

Ich habe ein furchtbares Déjà-vu. „Wirklich?“, frage ich unsicher.

„Ja“, meint er, macht es sich dann auf meiner Couch gemütlich, bis er längs da liegt, den Kopf auf den Arm gestützt und mich anschaut. Sein Pulli ist etwas hoch gerutscht und ich sehe etwas porzellanfarbene Haut und kann meinen Blick fast gar nicht mehr davon losreißen.

Womit habe ich das verdient? Lasziv leckt er sich über die rosafarbenen Lippen und spielt dabei kurz mit seinem Piercing, was mich gerade völlig aus der Bahn wirft und ein schaurig schönes Gefühl zu den vielen Elendigen in meinem Bauch hinzufügt.

„Ja wirklich“, fährt er fort. „Passt zu dir. Der ganze Raum schreit geradezu nach verlogenem Arschloch.“ Er sagt das so ruhig, dass ich erst einen Moment brauche, um es zu realisieren, aber dann ist es, als hätte mich jemand mit einem Eimer Eiswasser übergossen.

„Die weißen Wände, ohne Poster, ohne Bilder. Du könntest es nicht ertragen, wenn jemand einfach so sehen könnte, was du magst, worauf du stehst, nicht wahr? Vielleicht…nein - nein, sehr wahrscheinlich gibt es auch überhaupt nichts, was dir irgendwas bedeutet. Dir so viel bedeutet, dass du in einem so öffentlichen Raum, wie deinem persönlichen Zimmer, dazu eindeutig Stellung beziehen würdest.“

Ich bin irritiert. Ich müsste mich schon sehr irren, wenn der letzte Teil nicht irgendwie sarkastisch geklungen hat. Keine Ahnung, wovon er redet. Ich meine, ich habe ein Bett, ein Sofa, das sogar ziemlich bequem ist, einen Schreibtisch mit Stuhl, eine Schrankwand und einen Vitrinenschrank. Nichts Besonderes und schon mal gar nicht ungewöhnlich. Meine Wände waren schon immer weiß und ich hatte einfach noch nie Lust, irgendwelche Poster oder Bilder aufzuhängen.

Sein Blick schweift umher und bleibt schließlich an meinen Pokalen und Medaillen hängen. Er grinst, aber es wirkt unsagbar falsch und irgendwie fies. Er kommt mir so anders vor als vor einem Jahr. Irgendwo in meinem Inneren regt sich der unbehagliche Gedanke, dass diese Veränderung meine Schuld sein könnte.

„Natürlich haben deine Pokale einen Sonderplatz. Man, die werden ja sogar angestrahlt“, höhnt der Engel und verwirrt mich noch mehr. „Wirklich edel, schaut ja echt beeindruckend aus. Dieses ganze Gefunkel. Aber lass mich raten, da ist absolut nichts Besonderes dabei, ein paar Medaillen von den Bundesjugendspielen, Fußball-Mannschaftspokal, einer vom Schützenfest vor zwei Jahren, als du den Adler geschossen hast, aber nichts, was es wirklich wert wäre, beachtet zu werden.“

Jetzt starre ich ihn unverhohlen an. Woher weiß er das? Und was soll dieser hobbypsychologische Mist mir jetzt eigentlich sagen? Ich kann nicht verhindern, dass ich mich unwohl fühle, obwohl er natürlich keineswegs Recht hat. Auf den Abschuss des Adlers darf man stolz sein und was soll eigentlich diese hirnrissige Idee, dass ein Zimmer auch nur irgendetwas über die Psyche eines Menschen aussagt?

Paul ruckelt ein wenig hin und her und ich verfolge wie ferngesteuert die Bewegung seiner schmalen Hüften. Gott, er ist wirklich so unglaublich anziehend und das denke ich, obwohl er mir gerade diese wahnwitzigen Dinge an den Kopf knallt.

„Du bist doch total egozentrisch“, behauptet er weiter. „Brauchst ständig Anerkennung und Bestätigung, bist dabei auch noch großspurig und nur weil du gleichzeitig immer höflich und auf eine verlogene Weise charmant bist, erkennt niemand, was für ein Arschloch du wirklich bist.“ Er behauptet das ganz nonchalant, während er gelassen aufsteht und ein paar Schritte umher geht.

Irgendwie denke ich, dass er ein wenig den Verstand verloren hat. Meine Stirn liegt mittlerweile in tiefen Furchen, meine Hände sind geballt. Mag er noch so niedlich sein, das geht zu weit. Ich lass mich doch in meinem eigenen Zimmer nicht beleidigen.
Aber wie es aussieht, ist Paul gar nicht mehr zu bremsen.

„Lass mich raten, du hast viele Bekannte, die vielleicht sogar oft hier zu Besuch sind, auf diesem schicken Sofa sitzen, mit deiner Konsole spielen, aber ich wette, du hast keinen besten Freund. Niemanden, der wirklich weiß, was in dir vorgeht und dem du alles anvertrauen kannst. Wahrscheinlich hast du auch niemanden, der dir die Stirn bietet, weil du allen Konflikten aus dem Weg gehst und deinen Problemen lieber ausweichst, dich verleugnen lässt, anstatt sie zu bereden und zu lösen.“

Das krampfartige Gefühl muss mein schlechtes Gewissen sein, das sich bei der unverhohlenen Anklage zu Wort meldet. Ja, ich habe mich verleugnen lassen und vielleicht hat er auch Recht damit, dass ich meinen Problemen aus dem Weg gehe, aber woher soll er das wissen? Woher will er überhaupt irgendetwas über mich wissen? Wir sehen uns gerade zum zweiten Mal. Da braucht er sich nicht einzubilden, mich zu kennen. Schlimmer noch, mich analysieren zu können.
Forschend schaue ich in sein Gesicht, das er gerade zu einem spöttischen Schmunzeln verzieht.

„Wirklich eindeutig ist allerdings diese Ordnung.“

„Eindeutig für was?“, frage ich ungehalten.

„Na, deinen Charakter. Ein Zimmer kann sehr viel über einen Menschen aussagen, zumindest wenn man es im Zusammenspiel mit anderen Beobachtungen analysiert“, äußert er hochgestochen. Die Art, wie er es formuliert, erinnert mich daran, dass er auf ein Internat für Hochbegabte geht. Obwohl der Inhalt seiner Aussage eher den Besuch einer ganz anderen Einrichtung nahelegt.

„Das hier ist ja schon krankhaft penibel aufgeräumt. Es liegt ja gar nichts rum und alle deine Ordner sind fein säuberlich beschriftet“, macht er weiter und geht dabei von meiner Vitrine zum Schrank und sieht sich um.

„Ich bin eben ordentlich!“, verteidige ich mich und weiß gar nicht genau, warum mich seine spöttische Art so aufregt. „Was meinst du denn, was das jetzt über mich aussagt?“, will ich von ihm wissen.

„Man könnte vermuten, dass du verhindern willst bei Irgendjemandem Fragen aufzuwerfen. Dinge, die das perfekte Bild vom braven Mustersohn zerstören würden.“ Er lässt sich erneut auf mein Sofa fallen, als gehöre es ihm und fährt dozierend fort:

„Krankhafte Ordnung weist zum Beispiel darauf hin, dass die Person irgendeinen Teil ihrer Persönlichkeit verbirgt oder ein Geheimnis hat, dass auf keinen Fall preis gegeben werden soll. Wir wissen wohl beide, welches Geheimnis du gerne für dich behalten möchtest.“ Gleichermaßen schelmisch wie triumphierend schaut er mich von unten herauf an. Er ist unglaublich niedlich, obwohl diese Art mich zu analysieren meine Nerven strapaziert.

Für einen kurzen Augenblick bin ich tatsächlich etwas betroffen und denke darüber nach. Eigentlich kann er sich doch sonst was zusammen reimen. Das bedeutet noch lange nicht, dass er damit auch Recht hat. Was weiß er denn schon von mir, meinen Gedanken, meinem Leben? Gar nichts!

„Was weißt du schon von mir?!“, schnauze ich ihn schließlich auch an und bin ein bisschen beschämt über meine heftige Reaktion. Ich hoffe, man kann uns im Esszimmer nicht hören. Etwas leiser, dafür mit einer Gemeinheit, für die ich mich später wahrscheinlich unglaublich schämen werde, fahre ich fort: „Du hast doch keine Ahnung. Wir kennen uns überhaupt nicht.“ Ich stehe auf und trete zum Sofa hin, schaue von oben auf ihn herab. „Du bist doch nur ein Kind – ein gekränktes Kind, das nicht bekommen hat, was es haben wollte. Denkst du, mit so einer pseudopsychologischen Kacke kannst du mir weh tun? Dann liegst du total daneben! Es interessiert mich Null-Komma-gar-nichts, was du dir über meinen Charakter zusammen lügst.“

Oh Gott, am Ende schreie ich fast, so wütend bin ich plötzlich. Mir schwindelt der Kopf von dem kolossalen Schwachsinn, der gerade meinen Mund verlassen hat. Ich bin so ein Idiot.

Aber es ist zu spät um es zurück zu nehmen. Die Lippen zusammenpressend wende ich den Blick von dem sichtlich unbeeindruckten Engel auf meinem Sofa ab.
Nur aus dem Augenwinkel bemerke ich, wie er sich aufrichtet und aufsteht.

Hilfe! Plötzlich ist er so nah. Direkt vor mir, so dass nur ein kleiner Schritt uns von einer Berührung trennt.
Immer noch weigere ich mich, ihn direkt anzusehen, genau wie ein bockiges Kind, als das ich ihn eben noch bezeichnet habe.

„Wenn ich Unrecht habe, warum regst du dich dann so auf?“ fragt er in einem beinahe gelangweilten Ton, der in krassem Gegensatz zu seiner provozierenden Nähe steht.

Ich kann hören wie er atmet, während wir beide vollkommen unnatürlich in meinem Zimmer stehen. Ich presse immer noch die Lippen zusammen, obwohl ich nicht mehr wütend bin. Meine eigenen dummen Worte haben mich schlagartig ernüchtert. Geblieben ist nur, was von Anfang an da war: Angst.

Seit einem Jahr belauert sie mich, ergreift jede Chance, um mein Verhalten zu steuern. Ich weiß, ich kann meine Worte nicht zurück nehmen und wenn ich könnte, würde ich es wahrscheinlich nicht tun. Ich bin mir mit einem mal ziemlich sicher, dass das hier eine zweite Chance hätte werden können. Eine zweite Chance, die ich ebenso wie die Erste gnadenlos in den Sand setzen werde. Nur weil ich Angst habe. Furcht vor meinen eigenen Gefühlen.

„Du bist so ein verblödeter Idiot!“ Pauls Stimme zittert ein wenig.

Er klingt traurig, ärgerlich und verbittert. Ich kann es nicht zuordnen, weiß nur, dass es nicht zu ihm passt und mir das Herz einschnürt.
Ich sage nichts. Schließlich hat er Recht, das kann ich nicht mal vor mir selbst leugnen.

„Ich meine, warum hast du das gemacht? Warum hast du dich nicht mehr bei mir gemeldet? Ich…“ Seine Stimme bricht unerbittlich.

Der hochmütige, arrogante Paul ist fort. Jetzt erinnert er doch wieder an den entzückenden Paul vom letzten Weihnachten. Es steht mir noch deutlich vor Augen, wie sich auch letztes Mal sein Verhalten abrupt änderte, wie aus dem verführerischen Jungen ein hilflos beschämter wurde.

Ich will ihn in den Arm nehmen. Will die Zeit zurück drehen, oder zumindest jetzt alles richtig machen. Ich bin so nah dran, ich fühle, dass noch nicht alles verloren ist.

Aber ich bewege mich nicht. Es ist, als wären die Türen in meinem Lügengebäude von außen verschlossen. Ich kann einfach nicht verhindern, dass beim leisesten Gedanken daran, Paul zu umarmen, ein Warnsignal in meinem Hinterkopf ertönt, welches mir beständig mitteilt, dass meine Zimmertür nicht abgeschlossen ist. Eigentlich existiert dieser Gedanke schon, seit Paul sich so anregend auf meiner Couch geräkelt hat.

Anstatt den richtigen Schritt nach vorne zu tun, bin ich gerade mal in der Lage, in wieder anzuschauen. Alles in mir zieht sich zusammen, meine Brust wird schmerzhaft eng, als ich die blauen Augen feucht schimmern sehe. Trotzig schnieft er, schiebt die Unterlippe mit dem Piercing vor.

„Bild dir bloß nichts ein. Ich heule gar nicht, denn das bist du echt nicht wert“, behauptet er. In meinen Augen leicht unglaubwürdig, aber wer bin ich, über Ehrlichkeit zu urteilen? Ich bin sowas von hilflos verloren und möchte im Moment wirklich nichts lieber, als alles wieder gut zu machen.

„Und antworte gefälligst“, faucht Paul, den ich im Moment noch hinreißender finde als jemals zuvor. Wahrscheinlich, weil immer absehbarer wird, dass ich auch meine zweite Chance versauen werde.

„Was?“, frage ich, gewinne ein paar Sekunden. Oh Gott, bitte lass mich die richtigen Worte finden!

Aber mein Kopf ist völlig leer.

„Warum hast du dich letztes Jahr nicht mehr gemeldet?!“

Ja, eine gute Frage. Eine sehr gute. Er kauft mir bestimmt nicht ab, dass ich entführt und erst vor kurzen wieder frei gelassen wurde?

„Ich weiß nicht“, behaupte ich trotzig. „Warum hätte ich das denn tun sollen? Hey, wir haben uns geküsst – mehr nicht! Kein Grund, so ein Drama daraus zu machen.“

Oh Gott, hab ich das gerade gesagt? In so einem Tonfall? Warum sage ich sowas, wenn ich mich direkt danach schon dafür schlagen möchte? Warum hält mich denn niemand auf, bevor ich so einen Unsinn von mir gebe? Kurz zweifel ich an der Existenz eines Gottes, denn würde es hier fair zugehen, würde mich für diese himmelschreiende Lüge auf der Stelle der Blitz treffen.

Nur geküsst – mehr nicht.

Ich weiß ganz genau, dass wir uns nicht einfach nur geküsst haben. Letztes Weihnachten war etwas ganz Besonderes. Hey, ich weiß, wie kitschig das jetzt klingt, aber es war beinahe magisch. Als ich Paul so nah war, habe ich mich sicher gefühlt. Die Angst war verschwunden, ersetzt durch ein unbekanntes Glücksgefühl und jetzt tue ich so, als ob mir das nichts bedeutet hätte.

Damit ist wohl alles gelaufen. Ich würde mir das nicht verzeihen.

Jetzt könnte sich doch zumindest der Erdboden auftun um mich zu verschlingen, oder nicht?

Für einen Moment ist es totenstill. Als hielten wir beide, aufgrund der Ungeheuerlichkeit meiner Lügen, den Atem an. Pauls Gesicht ist ganz ausdruckslos. Vielleicht fehlt mir aber auch nur die Sensibilität, um seine Emotionen dort ablesen zu können.

„Ich weiß, dass das nicht wahr ist. Du weißt es auch. Wenn da zwischen uns nichts war – “, verstummt er. Ich frage mich, wie dieser Satz endet, denn Paul wirkt nicht mehr so gefasst. Ich schaue ihn an, nur um ihn doch nicht richtig anzuschauen. Ich ertrage es einfach nicht. Er schluckt und es wirkt, als würde es sich noch einmal sammeln. Die Tränen sind nicht mehr zu sehen. Er hat so einen Ausdruck, der mich ganz schrecklich unwohl fühlen lässt. Als würde jede Kraft aus meinen Armen und Beinen weichen.

„Du hast mir unglaublich weh getan.“

Es zerreißt mir das Herz. Er klingt so ernst. Ich hätte niemals den Mut, so etwas zu sagen und ich hasse mich dafür, dass ich der Grund für seinen Schmerz bin.

„Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie weh. Ich hab vor dir noch nie einen Jungen geküsst. Ich hatte vor, in den Ferien ein paar…hmm…Erfahrungen zu machen. Aber dann kamst du und…ich dachte…Es war ganz anders, als ich es mir vorgestellt hatte, so viel schöner und bedeutender. Es war so besonders. Zumindest für mich. Auch wenn du das nicht empfunden hast…Ich meine, du hättest es mir zumindest sagen können, wenn du nichts weiter gewollt hättest. Aber du hast dich lieber verleugnen lassen.“

Er schnauft und ich kralle mich Halt suchend an meinem Schreibtisch fest. Gott anzuflehen habe ich aufgegeben. Keine Wunder für mich.

„Das war einfach nur verdammt feige. Weißt du, ich hätte eine ganze Reihe erster Erfahrungen lieber mit dir gemacht…“

Ich schlucke und schlucke, aber nichts scheint den Knoten, der mir die Luft abschnürt lösen zu wollen. Ich huste verzweifelt.
„Ich…“, krächze ich schließlich leise, ohne zu wissen, was ich sagen will.

„Dass das dein Lieblingswort ist, ist mir mittlerweile klar“, konstatiert er trocken. Leider kann ich seinen Gesichtsausdruck dabei nicht sehen, weil ich angestrengt meine Pokale an der Wand hinter ihm mit meinem Blick fixiere.

„Du kannst ja nicht mal jetzt zugeben, dass da etwas Besonderes zwischen uns war.“

Doch. Natürlich. So habe ich mich noch mit Niemandem gefühlt. Es war unbeschreiblich. Selbst jetzt sind da diese Gefühle für ihn, die ich noch für keinen empfunden habe.

Aber meine Stimme bleibt stumm. Er geht einen kleinen Schritt auf mich zu.

„Ist es wirklich zu viel verlangt, dass du es zumindest jetzt zugibst?“, flüstert er mir provozierend ins Ohr.

Ich erschauere, ob der plötzlichen körperlichen Nähe.
Ich kann seine Körperwärme spüren.
Ich kann seinen Duft wahrnehmen und auf einmal wird mir klar, wie sehr er sich in diesem einen Jahr verändert haben muss.

Oh Gott, ich möchte die Arme ausstrecken, ihn berühren, ihn küssen, dabei kann ich ihn nicht mal ansehen, aus Angst, die Beherrschung zu verlieren. Er ist hinreißend, muss ich erneut feststellen, als ich doch einen schnellen Blick riskiere und mich wie vorprogrammiert nicht mehr abwenden kann. Selbst das Piercing und dieser Ausdruck, der unentschieden zwischen Wut und Traurigkeit schwankt, verhindert nicht, dass er für mich wie ein unschuldiger Engel aussieht.

Warum lege ich nicht die Arme um seine schmalen Schultern, halte ihn ganz fest und sage ihm, wie viel er mir bedeutet? Dass ich ständig an ihn denken musste. Warum gebe ich nicht zu, was mir schlussendlich erst heute wirklich klar geworden ist?

Ich bewege mich nicht einen Millimeter. Mein Mund bleibt weiterhin fest geschlossen. Es vergehen Sekunden, die mir wie unendliche Minuten vorkommen. Ich kann mich nicht dazu durchringen, das zu tun, was wahrscheinlich die einzige Möglichkeit wäre, um diese verfahren Situation wieder gerade zu biegen. Sekunden, in denen ich keine Ahnung habe, was dieser verlorene Ausdruck in seinen Augen bedeuten soll. Endlose Augenblicke, in denen mein Kopf völlig leer und doch voller Gefühle ist, in denen jede Faser meines Körpers nach einem Happy End schreit. Ich habe keine Ahnung, was er in meinen Augen gelesen hat, aber auf einmal ist er weg.

An der Tür wendet er sich noch einmal um. „Das war’s dann wohl.“ Mit einem Klicken schließt sich die Tür hinter ihm.

Diese Endgültigkeit in seiner Stimme fährt mir mit einem gewaltigen Schrecken in die starren Glieder, meine Muskeln zucken. Reflexartig mache ich einen Satz nach vorne. Ich habe gerade einen Riesenfehler gemacht, nichts war mir je klarer. Ich will ihm nachrennen, will ihn einholen, alles erklären, alles gut machen. Ich möchte ihm sagen, dass ich ein dummer, ängstlicher Idiot war und dass ich unbedingt mit ihm zusammen sein will. Ich will ihn plötzlich so sehr, dass mein Herz fast von dieser Erkenntnis und Emotion zerdrückt wird.

Ich kann gar nicht so schnell darüber nachdenken, da habe ich die Tür schon erreicht, bin bereit sie aufzureißen, ihm hinterher zu rufen, alles auf eine Karte zu setzen und ihm meine Liebe zu gestehen.

Es bleibt bei meiner Hand auf der Klinke der geschlossenen Tür, als ich entsetzt begreife, dass ich es nicht kann. Das Christkind hat mir meinen Wunsch noch nicht erfüllt. Ich bin immer noch ein rückgratloser Heuchler, der gefangen ist in einem Gespinst aus Lügen und Verschwiegenheit.

Meine Eltern sind da draußen…und ich kann das einfach nicht. Ich habe keine Ahnung, wie lange ich so verharre, bemerke nur die Schmerzen in meinen Muskeln, als ich mich endlich wieder bewege und wie betäubt aufs Sofa fallen lasse. „Das war’s dann wohl.“, wiederhole ich seine Worte und erschrecke darüber, wie emotionslos meine Stimme klingt.



Teil 2

„Da kann noch eine von den blauen hin.“, weist meine Mutter mich nach einem kritischen Blick auf den fast fertig geschmückten Weihnachtsbaum an und zeigt auf ein ihrer Meinung nach kahles Fleckchen. Ich greife mir eine von den blauen Kugeln, auf denen sich dezent weiß glitzernden Glocken befinden und hänge sie an einen Zweig. Kritisch trete ich ebenfalls zurück und betrachte unser Werk. Ein strahlender Weihnachtsbaum in blau-rotem Glanz und mit vielen goldenen Schleifen und Bändern. Nirgendwo kann man eine leere Stelle entdecken, aber überladen sieht er auch nicht aus. Sondern eher so richtig-

„Schön“, stellt meine Mutter schließlich als Erste fest und lächelt mich zufrieden an. „Und jetzt gönnen wir uns einen leckeren selbstgemachten Glühwein!“

Ich nicke, während ich immer noch wie gebannt den wundervollen Baum anschaue und mich dabei auf das große Ecksofa sinken lasse. Die vielen kleinen Glühbirnen spiegeln sich tausendfach in den glänzenden Kugeln, entfachen zusammen mit dem Tannenduft und den Lebkuchen, die auf dem Wohnzimmertisch stehen, ein wahres Feuerwerk der Heimeligkeit. Ich fühle mich allerdings so, als wollte ich heulen und könnte es nicht. Als säße ganz tief innen ein großer Knoten, der jede Art von aufkeimender Weihnachtsfreude verhindert. Schlimmer noch, je weihnachtlicher es wird, desto mehr steigert sich meine Melancholie. Ich seufze schwer und dränge mein Selbstmitleid zurück.

Meine Mutter kommt aus der Küche zurück, in den Händen zwei Tassen ihres berüchtigten Glühweins, den ich schon trinken darf seit ich 15 bin.

Sie strahlt den Baum an und bemerkt stolz: „Dieses Jahr ist er wirklich besonders toll geworden.“
Ich lächele etwas verunglückt, die Traurigkeit ist einfach noch zu groß, als dass ich mich ernsthaft freuen könnte. Ganz ehrlich gesagt ist mir elendig zumute. Das ist mir noch nie passiert, dass sich die Weihnachtsstimmung einfach nicht einstellen will. Ich fühle mich schrecklich und habe zudem Angst, dass meine Mutter etwas mitbekommen könnte.
Aber diese Angst ist ja nichts neues, für so einen Feigling wie mich ist sie ein täglicher Begleiter. Mittlerweile sitzt sie neben mir und ich frage mich, ob es Zufall ist, dass ihr dunkelblauer Pullover genau zu unseren Weihnachtskugeln passt. Wir trinken schweigend unseren Wein, der Alkohol brennt angenehm in meinem Magen und steigt mir schnell ein wenig zu Kopf.

Eigentlich ist es ein richtig schöner, vorweihnachtlicher Moment- eigentlich. Oh Gott, bitte lass sie jetzt nichts sagen.
Mein Stoßgebet wird natürlich nicht erhört. Der Verdacht erhärtet sich. Gott ist mir zurzeit nicht sehr wohl gesonnen.

„Sag mal Tobi, hast du irgendwas? Du kommst mir schon die ganzen letzten Tage so anders vor. Normalerweise bist du doch viel fröhlicher, wenn es auf Weihnachten zugeht.“

Der besorgte Klang ihrer Stimme macht es mir nicht eben leichter. Oh man, sie will tatsächlich jetzt, wo ich sowieso schon kurz davor bin los zu flennen, ein Gespräch mit mir führen? Nein! Reiß dich zusammen Tobias. Du wirst jetzt nicht heulen.
„Es ist alles in Ordnung.“ Ich klinge viel zu fröhlich. Aufgesetzt. Ich muss wirklich durch den Wind sein, wo ich doch sonst keine Probleme beim Lügen habe. Schämen sollte ich mich für so eine schwache Leistung, aber irgendwie habe ich dazu nicht genug Kraft.

„Mhh“, macht meine Mutter unwillig und ich merke, dass sie mir kein Wort glaubt. „Na dann ist ja gut“, fügt sie spitz hinzu. Vielleicht sollte ich einmal erwähnen, dass meine Mutter mit ganz wenig Fingerspitzengefühl in emotionalen Angelegenheiten gesegnet ist. Sie ist einfach viel zu schnell beleidigt, wenn sie etwas wissen will, was man nicht sagen möchte. Obwohl das manchmal echt nervend sein kann, bin ich im Moment nur froh darüber, dass sie nicht nachbohrt.

„Es ist wirklich nichts“, schiebe ich noch einmal beruhigend hinterher. „Und ich freu mich schon total auf morgen.“

Ich finde es mehr als beunruhigend, dass sich dieser Satz wie eine Lüge anfühlt. Schließlich liebe ich Weihnachten über alles. Normalerweise.
Sie lächelt kurz, bevor sie uns noch etwas Wein holt und mir die verführerisch duftenden Lebkuchen auffordernd näher schiebt. Auf einmal wünsche ich mir nichts mehr, als diese unseligen Festtage hinter mich zu bringen.


Es kommt mir beinahe wie höhnische Verachtung vor, von all jenem wofür Weihnachten steht. Diese ganzen Partytypen, die sich zu einer absurden Dance-Versionen von Last Christmas vergnügen. Sie haben doch gar nicht verstanden, worum es geht. Die Wärme und Schönheit einer besinnlichen Weihnacht wissen sie gar nicht zu schätzen.

Es fühlt sich schrecklich an, dass ich vielleicht bald schon zu ihnen gehören könnte.
Es ist der Abend des 23. Dezembers, da sollte man nicht in so einem Schuppen rumhängen und was zum Aufreißen suchen. Nein ganz gewiss nicht. Wobei ich sowieso auf einmal keine Lust mehr darauf habe.

Fragt sich nur, warum ich all das weiß und trotzdem hier bin. Die Antwort ist mir und allen anderen wahrscheinlich auch, vor allem dem da oben, klar: Ich bin eben ein Heuchler. Ein feiger noch dazu.

Ich nehme einen kräftigen Schluck von meinem Knock-out Cocktail, in der Hoffnung, dass der Name hält, was er verspricht und schaue über die Masse an Leibern, die ebenso wild zuckt, wie die grellen Lichtkegel, die über sie hinweg tanzen.

Ganz ehrlich, ich weiß nicht, was ich heute hier will. Vielleicht meine sowieso schon miserable Stimmung noch ein Bisschen verschlimmern. Möglicherweise als Selbstbestrafung, obwohl ich mich nicht für so tiefsinnig halte.

Wow, der ist ja süß. Zumindest von hinten. Kleiner, sehr knackig wirkender Hintern.
Unwillkürlich folgen meine Blicke einem Jungen mit schmaler Statur, rötlichem Haar und einem verbotenen Hüftschwung, der sich mit zwei Getränken in der Hand den Weg durch die Menge zu einem der Stehtische am Rand bahnt.

Irgendetwas kommt mir bekannt an ihm vor. Ich schnappe mein Glas und folge ihm unauffällig. Ich weiß gar nicht genau warum, denn ich habe immer noch wenig Lust auf körperliche Interaktion mit Jemandem der nicht Paul ist. Für einen kurzen Moment verliere ich ihn aus den Augen und als ihn wiederfinde, steht er an einem der Tische und unterhält sich mit einem blonden Typen, der gerade nach hinten schaut, so dass ich sein Gesicht nicht erkennen kann. Ich bleibe unauffällig hinter einem der viereckigen Betonpfeile stehen und beobachte weiter aus der Ferne. Wenn ich nur wüsste, warum der Rotschopf mir so bekannt vorkommt. Ich pruste beinahe mein Getränk auf eine nahestehende Männergruppe mit leichter Bekleidung und roten Zipfelmützen, als sich meine beiden Beobachtungsobjekte wieder in Richtung Tanzfläche wenden.

Der mir so bekannt vorkommende Hintern gehört zu einem Typen, mit dem ich im Sommer mal kurz ein Techtelmechtel gehabt habe. Ich erinnere mich gut an ihn, weil er einer der wenigen war, die ich mit nach Hause genommen habe, als meine Eltern auf Kreuzfahrt und Nick im Ferienlager war. Der größere Schock ist allerdings Andrés, das ist der Name meiner kurzfristigen Ex-Affäre, blonder Freund. Der ist nämlich niemand anderes als Paul.

MEIN Paul.

Alle Gedanken an ein kleines Abenteuer mit einem namenlosen Fremden sind vergessen. Das Einzige, was mich in diesem Moment beschäftigt, ist dieses grässliche Gefühl, das sich noch verstärkt, als André vertraulich seinen Arm um meinen Paul legt.

Oh Gott, lass das bitte nicht wahr sein! Ist das deine Strafe für meine Feigheit? Das ich mit ansehen muss, wie der Junge, in den ich verliebt bin, der nebenbei bemerkt ganz zu Recht nie wieder etwas mit mir zu tun haben will, sich mit einem anderen tröstet? Ist das nicht selbst für einen rachsüchtigen Gott etwas grausam?

Sofort tut es mir leid, so etwas gedacht zu haben. Schließlich bin ich selber schuld. Ich sollte mich einfach abwenden und gehen. Es endgültig vergessen. Mir irgendwas zur Ablenkung – er küsst ihn!

Ich hätte nicht gedacht, dass sich etwas so scheußlich anfühlen kann. Das…ich halte das nicht aus! Heiße Eifersucht verätzt meinen Körper. Meine Eingeweide ballen sich zusammen, ebenso wie meine Fäuste. Heute Morgen hatte ich nicht die Courage, aber da war mir auch die ganze Tragweite dieser feigen Entscheidung nicht so klar wie in diesem Moment. Er kann doch nicht einfach mit einem anderen. Ich kann das nicht zulassen!

Ich kann nicht einfach aufgeben, ihm jemandem überlassen, der ihn niemals so sehr lieben kann, wie ich es tue. Ich muss es doch wenigstens versuchen, auch wenn es wahrscheinlich zu spät ist. Viel zu spät.

Mein Glas knallt in einer ruhigen Sekunde zwischen zwei Liedern mit einer Wucht auf den Tisch vor den beiden Küssenden, dass ich mich nicht gewundert hätte, wenn es beim Aufprall zersprungen wäre. Ruckartig lösen Paul und André ihren Kuss. Mein Blut kocht vor Eifersucht.

Große kornblumenblaue Augen schauen mich an. Ich schaue zurück. Schlucke nervös aufgebracht. Was erwartet er, das ich sage? Oh Gott, ich hätte jetzt gerne eine Eingebung. Einen Geistesblitz, der mir die richtigen Worte in den Mund legt, die Worte, die Paul dazu bringen werden, sich für mich zu entscheiden. Die notwendigen Sätze, die ihn erkennen lassen, dass ich der Richtige bin und dass ich es diesmal wirklich will. Ich will unbedingt. Niemals soll er wieder jemanden anderen küssen, als mich.

Meine Hände verkrampfen noch mehr, Paul und André schauen mich mittlerweile nicht mehr so überrascht an. André scheint ein wenig resigniert, aber der leicht hoffnungsvolle Schimmer in Pauls Augen veranlasst mein Herz zu einem Freudentanz.

Während ich kein Wort heraus bekomme und schon denke, dass Gott mich wieder im Stich lässt, kommt es mir: Die Wahrheit!

Ich sollte endlich damit anfangen, die Wahrheit zu sagen. Ein Lächeln der Erleichterung überkommt mich, als ich, für mich völlig untypisch, ohne zu zögern, aber mit einer kribbelnden Aufregung in meinem Bauch rufe:

„Ich liebe dich!“

Paul reckt fragend den Kopf, sieht mich verständnislos an. Natürlich ist genau in diesem Moment ein gnadenloser Technobeat aus den Lautsprechern auf uns niedergeprasselt und hat so meinen Moment der Ehrlichkeit zunichte gemacht. Ich seufze frustriert. Aber jetzt, wo ich es einmal gesagt habe, kann ich es auch ein zweites Mal.

Ganz sicher.

Rasch trete ich um den Tisch herum bis ich direkt vor Paul stehe, der verunsichert auf seinem Piercing herum kaut und in meinen Augen völlig fehl am Platz wirkt. Ich bin immer noch aufgeregt, als ich ihm, egal wie kitschig es sich anhört, tief in die Augen schaue. Es ist verrückt. Seit ich Paul kenne, kann ich all diese romantischen Klischees, die ich immer für albernes Getue hielt, auf einmal nachvollziehen. Denn ich habe das Gefühl, nie etwas Schöneres als ihn gesehen zu haben und ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendjemand anderes diesen Sturm an Gefühlen in mir heraufbeschwören könnte.

Ich beuge mich vor, registriere wie Paul etwas zurück zuckt, bevor er merkt, dass ich ihm nur etwas sagen möchte. Weil meine Spontaneität spontan verflogen ist, bin ich nicht nur etwas aufgeregt, sondern auch ziemlich angespannt.

Ganz nah an seinem Ohr wiederhole ich es: „Ich liebe dich!“
Erwartungsvoll verfolge ich seine Reaktion. Ich weiß nicht, was ich mir vorgestellt habe, aber dieser geschockte, verwirrte Gesichtsausdruck war es definitiv nicht. Ungläubig runzelt er die Stirn, über der sich ein paar goldblonde Locken kräuseln. André macht eine Mundbewegung, die ich nur als ‚Was?‘ deuten kann. Anscheinend hat er nichts von meiner Offenbarung mitbekommen. Nur aus dem Augenwinkel bekomme ich mit, dass André verärgert wirkt.

Gespannt schaue ich zu Paul, meine Hände zittern, mein Mund ist trocken, mein Herz klopft nach einem angsterfüllten Takt. Gleich wird er mir sagen, dass es zu spät war.

Dann ziehen sich die Stirnrunzler zurück und er lächelt. Erst scheu, dann bezaubernd strahlend über das ganze Gesicht. Weiter beobachten kann ich es nicht, denn das Verlangen ihn endlich wieder zu küssen wird einfach übermächtig. Ich habe schließlich lange genug darauf gewartet.

Ich spüre seine Lippen an meinen, seinen Körper unter meinen Händen. In wahnwitzigen Schüben jagt ein Prickeln durch meinen Bauch, bis in meine Kehle, ich bin so aufgewühlt, dass ich nicht in der Lage bin ihn so zärtlich zu küssen, wie es ein romantischen Happy End verlangen würde. Fest presse ich mich an ihn, ungestüm drängt meine Zunge in seinen Mund, meine Hände fahren immer wieder über seinen Rücken und die seidige Haut an seinem Nacken. Paul erwidert meinen Kuss enthusiastisch, beinahe ausgehungert. Es ist ganz anders als beim ersten Mal, aber dieses wahnsinnige Gefühl hat sich nicht verändert.

Es ist, als würden in meinem Körper nur noch Glückshormone transportiert werden. Ich weiß, dass meine Angst nicht weg ist, aber dieser Moment mit Paul lässt sie mich vergessen. Da sind einfach schon zu viele Emotionen, die ich nicht mehr ignorieren kann. Auch wenn mir bewusst ist, meine Furcht nicht überwunden zu haben.

Ewigkeiten später habe ich jegliches Zeitgefühl verloren, aber es läuft mittlerweile ein etwas ruhigeres Lied. Wir lösen wir uns voneinander. Paul sieht mich ernst von unter herauf an. Seine Lippen sind ganz rot und auch seine Wangen haben einen rosigen Schimmer.

„Ich habe gewusst, dass du mich liebst. Ich dachte nur nicht, dass du so langsam bist.“ Ungerührt sieht er mich. Dann grinst er frech und fährt sich, in meinen Augen ungeheuer provokativ, mit der Zunge über seine verführerischen Lippen.

Ich erinnere mich plötzlich an alles, was an diesem Nachmittag vor zwei Wochen passiert ist, was er gesagt hat, wie ich mich nicht durchringen konnte, ihm die Wahrheit zu sagen.

„Wollen wir vielleicht raus gehen? Hier kann man so schlecht reden.“ Er nickt ernst, hat wohl an meinem Blick gemerkt, dass ich nicht nur da weiter machen möchte, wo wir gerade aufgehört haben.


Es liegt eine unheimlich schöne Stille über der Stadt, als wir den Club verlassen. Eine frische Schicht Schnee bedeckt die Straßen, unberührt und glitzernd im Licht der Straßenlaternen. Alles scheint so unwirklich und märchenhaft, ein Eindruck, der von dem hinreißenden Geschöpf an meiner Seite noch verstärkt wird.

Kaum haben wir die ersten knirschenden Schritte zurück gelegt, räuspert sich jemand hinter uns. Da steht André, die Hände in den Jackentaschen vergraben mit einem angenervten Gesichtsausdruck.

„Oh“, entkommt es Paul. „Sorry, hab dich total vergessen.“

Ich habe leider immer noch nicht vergessen, dass sich Andrés Lippen eben an meinem Paul vergangen haben.

„Hab ich gemerkt. Du hättest wenigstens kurz Bescheid sagen können, anstatt einfach abzuhauen.“ Beleidigt schiebt André die Unterlippe vor.

„‘tschuldige.“

Hey, Moment mal. Die klingen nicht so, als hätten die sich erst vor kurzem kennen gelernt.

Fragend schaue ich von einem zum anderen. Paul linst mich von der Seite her an, vor seinem Mund entstehen kleine Atemwölkchen und er sieht ein wenig schuldbewusst aus. „Das ist André…mein bester Freund. Aber ich glaube, ihr kennt euch bereits.“

Die letzten Worte klingen bissig. Himmel, ist das peinlich! Ich möchte auf der Stelle im Erdboden versinken. Ich glaub, alle Farbe hat mein Gesicht verlassen, erschüttert schaue ich Paul an. Ich habe tatsächlich mit seinem besten Freund geschlafen?

Wirklich?

Und er steht einfach da und weiß es? Wusste es schon, als er bei mir war und mir gesagt hat, dass der Abend, an dem wir uns kennen lernten etwas Besonderes für ihn war. Er gibt mir jetzt eine zweite – oder ist es schon die dritte? - Chance, obwohl er weiß, dass ich mit seinem besten Freund im Bett war?

Wow.
Er muss mich wirklich mögen, wenn er darüber hinweg sehen kann. Ich fühle mich auf einmal so schäbig.

Allerdings habe ich jetzt auch eine grobe Vorstellung, woher Paul all die Dinge wusste, die er mir an den Kopf geworfen hat. Und warum er so unendlich verletzt gewirkt hat. Mir ist mehr als nur ein wenig flau im Magen, als André sich endlich verabschiedet und in die andere Richtung davon stapft.

Ich hatte bereits vor, ihm mein Verhalten zu erklären, aber jetzt ist der Wunsch mich zu rechtfertigen und zu entschuldigen fast übermächtig. Schweigend laufen wir nebeneinander. Ich traue mich nicht, ihn anzuschauen.

„Es tut mir so leid, das musst du mir glauben.“ Ich sehe zu, wie meine Füße bei jedem Schritt in die fluffige Schneedecke einsinken.

„Was?“

„Na, das ich mit deinem besten Freund-“ Noch bevor ich den Satz beenden kann, fällt Paul mir ins Wort.

„Vergiss es. Echt, ich möchte nicht darüber reden. Geht das?“ Der letzte Teil klingt so niedlich unsicher. Ich muss lächeln.

„Natürlich.“ Ich glaube nicht, dass ich ihm jemals wieder einen Wunsch abschlagen kann. Dafür habe ich einfach zu viel Mist gebaut.

„Ich hätte allerdings gerne noch eine Antwort auf meine Frage. Warum hast du dich letztes Jahr nicht mehr gemeldet?“

Ich schlucke. Ich wollte es ihm sowieso erklären, aber den Vorsatz fassen und meine Gedanken und Gefühle tatsächlich auszuformulieren sind zwei sehr verschiedene Dinge.

„Ich..“ Ich räuspere mich. Plötzlich fühle ich seine Finger an meiner Hand. Überrascht schaue ich ihn an und genieße das warme Kribbeln, dass seine Hand in meiner in mir auslöst.

Ich brauche noch einen Moment, bis ich meine Gedanken gesammelt habe und anfangen kann.

„Ich war ungefähr 15, als mir auffiel, dass alle Jungs in meiner Klasse mittlerweile Freundinnen hatten, oder sich zumindest für Mädchen interessierten. Alle außer mir. Ich konnte dem ganzen Gerede über Frauen nichts abgewinnen. So langsam wurde es mir immer klarer, dass ich irgendwie anders war. Zu der Zeit hatte ich übrigens noch richtige Freunde, vor denen ich keine Geheimnisse hatte. Aber dieses Gefühl, ‘anders‘ zu sein, hat mir eine Scheißangst gemacht. Naja, ich hab dann halt immer weniger mit meinen Freunden gemacht und hab immer öfter gelogen. Nach einer Weile war es gar nicht mehr so schwer.“ Ich halte einen Moment inne. Beobachte, wie die weißen Dampfwölkchen meines Atmens sich verflüchtigen. Von diesen Dingen habe ich noch nie jemandem erzählt.
„ Ich log meine Eltern über Mädchen an, mit denen ich angeblich ausging, erfand Ausreden für die Abende, an denen ich nicht zu Hause war und so weiter. Ich glaube nicht, dass du dir das vorstellen kannst. Ich hatte einfach immer solche Angst, dass irgendwer herausfindet, dass etwas mit mir nicht stimmt, verstehst du?“ Er drückt aufmunternd meine Hand.

„Ich fing an, in Schwulenclubs zu gehen, mit anderen Männern rumzumachen und na ja, du weißt schon. Irgendwie kam mir das aber alles nicht so real vor. Es war nur so eine Art zweite Seite neben meinem wirklichen Leben und irgendwie hatte ich die Hoffnung, dass ich irgendwann doch noch die Richtige…Hey, lachst du mich aus?“

Paul grinst wirklich übers ganze Gesicht und ich muss zugeben, so wie ich es gerade erzählt habe, klingt es wirklich schwachsinnig.

Etwas eingeschnappt fahre ich fort. „Schön, dass es dich so amüsiert, aber ich habe das echt irgendwie geglaubt. Ich fand nämlich Sex mit anderen Männern ziemlich gut, aber ich war noch nie in einen verliebt.“

Verdutzt bleibt Paul stehen. „Wie? Echt noch nie?“ Ich schüttle verneinend den Kopf.

„Nicht bis zu einem Abend im Dezember letzten Jahres, als ich einen ganz bezaubernden Jungen traf. Der hat mir dermaßen den Kopf verdreht, dass ich im Nachhinein so viel Angst vor meinen eigenen Gefühlen hatte, dass ich ihn lieber niemals wiedersehen wollte.“

Paul sieht unglaublich süß aus, wenn seine Wangen verlegen gerötet sind.
„Ich glaube, der Junge wäre sehr unglücklich gewesen, wenn er dich nie wieder gesehen hätte.“ Ich kann nicht anders, als ihn kurz auf die kalten Lippen zu küssen, um auch nur einen Bruchteil meiner Gefühle heraus zu lassen.

Schweigend gehen wir weiter. Ich zerbreche mir den Kopf, ob ich es ihm nicht weiter erklären soll, aber irgendwie ist das alles nicht so einfach. Eigentlich ist ja auch das Wichtigste schon gesagt und alles, was noch zählt, ist Paul, der wieder meine Hand hält. Mein Herz klopft immer noch - oder schon wieder? - aufgeregt schneller. Ich muss mich zwingen, nicht an Morgen oder generell an die Konsequenzen, die der heutige Abend für mich hat, zu denken. Ich möchte diesen Moment genießen und nicht an Morgen denken. Sonst müsste ich auf der Stelle anfangen zu zittern. Aus Furcht vor den Konsequenzen.

Ich kann es nicht länger vor mir selbst leugnen, wer ich wirklich bin. Realistisch gesehen kann ich es auf längere Sicht wohl auch nicht vor meiner Familie verbergen, vor allem wenn ich wirklich eine Beziehung mit Paul führen möchte...

Und das will ich.

Bei dem unangenehmen Ziepen in meinem Bauch, sollte ich diese Dinge allerdings wirklich auf Morgen verschieben. Es gibt so viel Besseres zu tun. Mittlerweile stehen wir vor meinem Haus. Ich ziehe Paul nahe an mich heran, halte seine Hüften mit meinen Händen und schaue ihm tief in die blauen Augen. Mein Herz pocht aufgeregt, nur weil ich ihm so nahe sein darf. Als wir uns endlich wieder küssen, fühlt es sich besser und richtiger an, als irgendetwas jemals zuvor.

Nachdem wir uns wieder voneinander gelöst haben schaue ich glückselig nach oben und denke, dass Gott wohl doch etwas für mich übrig haben muss.


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Witch23
21/07/19 23:06
ne bin im Urlaub irgendwie

jabba
20/07/19 14:55
Hi ihr Sommermäuse, alle urlaubsreif?

Graf Roderick
18/05/19 23:45
Yeah! ESC!!! Tolle Show nebenher.

Esther
18/05/19 21:04
Nicht vergessen: Jetzt gerade läuft der ESC! ;-)

jabba
15/05/19 23:38
da ich bis eben nichts davon gehört habe... nein ^^

Witch23
12/05/19 17:52

Aber ich bin auch nicht gerade der starke Schriftsteller ^^


HeisseZitrone
10/05/19 15:48
Macht von euch auch jemand beim Wettbewerb Kindlestoryteller2019 mit? :)

jabba
24/04/19 20:12
jo, wenn der schreiberling der auffassung ist dass die gelöscht zu sein hat, dann ist die welt machtlos

little-kara
24/04/19 14:45
schade die story the show must go on gibt's nicht mehr :(

split
29/03/19 18:19
Ich bin komatös, was schreiben betrifft, also nö ^^°

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