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17. Dezember 2014

"Noel"(Teil 3) von Graf Roderick

Erst als es dunkel wurde, kehrten sie zurück. Die Kinder waren glücklich, wollten die Pferde eigentlich noch nicht verlassen, konnten aber geschickt mit süßem Apfelkuchen als Nachspeise zum Abendbrot überredet werden. Vic buddelte sich noch durch einige Schneehügel, unter denen er Kaninchen vermutete und kam ihnen mit weißer Schnauze hinterhergeflitzt. Mathéo tat ein wenig der Hintern und die Beine weh, da er auf Balzacs breitem Rücken geritten war, immer eines der Kinder dabei. Es machte Spaß, wie früher einfach eines der Pferde zu nehmen und los zu galoppieren, ließ ihn die trüben Gedanken vergessen, doch war er es einfach nicht mehr gewohnt. Nathan lachte ihn deswegen ein wenig aus, er konnte schließlich jeden Tag eine Runde reiten und musste nun nicht den Heilig Abend mit Schmerzen in den Oberschenkeln ausharren.

Zum Abendessen gab es Soupe à l'oignon(1) in zwei Varianten. Einmal mit Käse überbacken und für die Kinder ohne, da sie es gar nicht mochten. Nach dem Bœuf Bourguignon(2) mit Bandnudeln als Hauptgericht war Mathéo bereits so voll, dass er sich sein Stück Tarte de Pommes(3) nach einem kleinen Bissen von den Kindern klauen ließ. Er trank schweren roten Wein, aß noch etwas Ziegenweichkäse mit Feigensenf und lauschte sonst schweigend den Gesprächen am Tisch. Das Essen war außerordentlich köstlich gewesen, die Stimmung im Raum angenehm und wohlig, doch seine Gedanken drifteten immer wieder ab hin zu sturmgrauen Augen, die ihn traurig anblickten und einen anderen Mann umarmten. Der Wein konnte heute Abend die Bilder nicht vertreiben.

Sogar noch vor den Kindern verabschiedete er sich auf sein Zimmer. Er spürte Blicke in seinem Rücken, war sich der besorgten Gesichter der Familie bewusst, doch wollte er allein sein. Mit seinen Tränen und seiner Verzweiflung im kalten Herzen, die ihn noch lange nicht schlafen ließen. Er schlief erst ein, als es schon weit in der Nacht war.

***


Er wachte davon auf, dass Sonne in sein kleines Zimmer direkt auf sein Bett fiel und ihn zum Niesen brachte. Völlig desorientiert blickte er sich um, wusste weder wie spät es war, noch was ihn eigentlich noch geweckt hatte. Dann hörte er Tapsen auf dem Holzboden und Vics nasse, kalte Nase schob sich weiter zu ihm aufs Bett, um ihm einen Guten-Morgen-Kuss zu geben. Viel lieber hätte er diesen von Maxime bekommen, doch Vic war kuschelig, fellig weich und vor allem hier in seinem Bett und ließ sich genüsslich auf dem Rücken liegend den Bauch kraulen.
„Na. Warst du schon draußen unterwegs? Alles in Ordnung in deinem Revier?“, lachte Mathéo und wusste, dass sein Vater schon seinen täglichen Kontrollspaziergang um den Hof und die nahen Weiden gemacht hatte und es also mindestens nach 9 Uhr morgens war, wenn sie schon wieder zurück waren und Nathan Zeit gefunden hatte, Vic zu ihm ins Zimmer zu schmuggeln. Denn eigentlich mochte seine Oma es nicht, wenn die Tiere in den Gästezimmern waren.

Er ließ Vic verträumt auf seinem Bett zurück, um sich im Bad gegenüber für den Tag vorzubereiten. Stöhnend bemerkte er den Muskelkater in den Beinen und hoffte, dass heißes Wasser das Ziehen etwas abmildern konnte. Frisch geduscht, rasiert und eingecremt kam er zurück und wurde mit Maunzen begrüßt. Neben Vic lag nun auch der schwarze Jules Verne auf seinem Bett und blickte ihn blinzelnd aus seinen grünen Augen an.
„Ach, ihr seid schon zwei Rabauken“, sprach er mit den Tieren und versuchte beide gleichzeitig zu kraulen, damit sich keiner benachteiligt fühlte. Die Katze schnurrte hingebungsvoll.

Als er endlich hinunter ging folgte ihm nur Vic. Jules Verne hatte es sich auf seinem Kopfkissen gemütlich gemacht. Mathéo hatte die Tür also nur angelehnt, so dass der Kater raus konnte, wenn er wollte.
Unten in den Wohnräumen war es still. Im Flur fehlten jede Menge Jacken und Schuhe. Nur die Hauspuschen der Kinder lagen wirr mitten im Weg. Die Küche lag kalt und verwaist da. Auch der große Wohnraum war leer. Auf der Tafel standen vergessen noch zwei Kaffeetassen und einige leere Weinflaschen und Gläser. Vic schnupperte sich interessiert durch das Zimmer und sehr zielstrebig auf die Couch zu, bis er schwanzwedelnd davor stehen blieb und einmal leise bellte. Mathéo folgte ihm. Überrascht entdeckte er eine Person auf dem Sofa.
„Celine, was machst du da? Wo sind alle anderen?“
Celine war nicht ansprechbar. Verwüstet wühlte sie sich unter einer Decke hervor, doch nachdem sie vorsichtig einen Fuß auf den Holzboden gesetzt hatte, wickelte sie sich wieder in die flauschig warme Decke ein. Wackelig stand sie schließlich vor Mathéo und hielt sich stöhnend den Kopf.
„Mat? Bisdus? Allschonwegimwal“, nuschelte sie vor sich hin und versuchte das Gleichgewicht zu behalten.
„Hast du gesoffen?“, fragte Mathéo endlich das Offensichtliche und musste lachen.
„Los, geh‘ dich erst mal im Bad frisch machen. Ich koche uns einen starken Kaffee.“
Fürsorglich begleitete er sie noch bis zur Treppe, dann machte er sich in der Küche zu schaffen. Aus seiner eigenen letzten Sauftour gelernt, suchte er deftiges - Baguette und Schinken - zusammen und schnippelte noch etwas Gurke und Paprika zurecht. Aus dem Vorratsraum holte er eine Flasche Kirschsaft. Sah aus wie Rotwein, war aber harmloser.

Er deckte für sie an einer Ecke der großen Esstafel, da die Sonne hier gerade so schön zum Fenster hereinschien und es hell und gemütlich war. Er blickte aus dem Fenster und sah frischen neuen Schnee glitzern. Wie im Märchen. Wie gern hätte er Maxime die schöne Landschaft zeigen wollen. Gemütliche Spaziergänge durch den Wald. Das hatte er sich romantisch naiv ausgemalt. Er seufzte und schüttelte den Kopf. Er sollte aufhören mit solchen Gedanken und lieber die schönen Tage mit seiner Familie genießen und nicht allen mit seiner Melancholie auf die Nerven gehen!

Celine sah nach zwei Tassen Kaffee wieder besser aus. Sie begann bald auch gesprächiger zu werden.
„Oh, mein Kopf. Die sind alle heute Morgen schon so früh raus. Doch ich konnte nicht. Ich habe es versucht, doch dann hat mich Pierre aufs Sofa befohlen. War auch besser so. Außerdem solltest du nicht allein im Haus bleiben, daher wurde uns Victor dagelassen. Nathan meinte, du würdest so fest schlafen, dass er dich gar nicht wecken wollte.“
„Hmmm“, brummelte Mat und gestand, dass er wirklich nichts um sich herum mitbekommen hatte.
„Und wo sind sie jetzt alle?“, fragte er weiter.
„Nathan hat Dumas und Balzac eingespannt. Sie wollten zum See fahren und dort Mittag essen.“
Ah! Ja! Die Schlittenfahrt. Es war immer schön, mit den Pferden unterwegs zu sein. Er wäre gerne mitgefahren, andererseits war er seinem Vater dankbar, dass er ihn hat schlafen lassen. Wenn es Celine besser ging, konnten sie auch zu Fuß zum See laufen und dort die Familie zum Mittag treffen. Der war auf gerader Strecke gar nicht weit weg. Mit den Schlitten wurde aber die große Schlaufe gefahren. Traditionell kamen sie bei einigen Nachbarhöfen vorbei, wo man sich zu den Feiertagen Glück wünschte, einen kleinen Umtrunk oder einen Snack zu sich nahm und dann weiterfuhr, um von hinten an den See zu gelangen.

Doch sie ließen sich Zeit. Celine genoss es, mit ihren Schwager einmal allein zu sein und sich ein wenig über ihren Mann und die Kinder zu beschweren. Natürlich liebte sie ihre Rasselbande, doch Pierre hatte so einen kühl berechnenden Charakterzug, der sie gerne mal in den Wahnsinn trieb. Mathéo lachte nur. Sein großer Bruder war schon als Kind nicht einfach gewesen. Alles hatte perfekt sein müssen, Spiele mussten beendet werden und die Spielsachen auch wieder ordentlich weggeräumt sein. Celine dagegen war ein wenig chaotisch, lässig und gern mal spontan. Die beiden Kinder dazwischen suchten ihre eigenen Wege und heckten viel Unsinn aus. Kinder eben!

Celine seufzte theatralisch und blickte Mathéo lange an.
„Weißt du, manchmal glaube ich, ich hätte mit dir ein einfacheres Leben, Mat.“
Er verschluckte sich an seinem Kirschsaft, hustete und guckte verschreckt zu ihr rüber. Doch sie lächelte nur sanft.
„Keine Sorge. Ich liebe Pierre wirklich. Auch wenn ich ihn gestern Abend am liebsten in den Schnee geworfen hätte.“
„Wieso? Was war denn gestern Abend?“
Celine wand sich ein wenig, wollte mit der Sprache nicht rausrücken. Er bestach sie mit Weihnachtsschokolade, die in einer hübschen Steinschale auf dem Couchtisch stand.
„Na ja. Als du schon so zeitig hoch bist, haben wir uns natürlich Sorgen gemacht. Und dann begann Pierre wieder davon, dass es besser wäre, du würdest auch hier wohnen, weil es doch eh nichts werden würde. Egal, ob Maxime noch einmal mit dir reden wollte oder nicht. Und da haben wir uns schon fast gestritten, bis dein Vater mit seiner ruhigen Art erklärte, dass es allein deine Entscheidung ist, wo und wie du leben möchtest.
Danach habe ich dann wohl doch ein paar Gläser zu viel getrunken. Es ärgert mich alles ein wenig. Einerseits möchte ich, dass du glücklich bist. Andererseits konnte ich ein bisschen auch Pierre verstehen. Es ist richtig von ihm, dich zu fragen, ob du auch mit hierher ziehen willst, doch es ist nicht richtig, dich dazu zwingen zu wollen. Was du wissen solltest ist, dass du hier immer willkommen bist.“

Mathéo seufzte auf. Pierre kam also noch immer nicht damit klar, dass sein kleiner Bruder anders war. Für ihn war es nur so eine Marotte, die durch die frivole Großstadt noch verschlimmert wurde. Bevor er sich jedoch wieder in trübselige Gedanken versticken konnte sprach Celine schon weiter.
„Ich merke dann immer wieder, wie kompliziert Pierre sein kann. Du dagegen scheinst so gerade heraus, verständnisvoll, gutherzig und voller Liebe für alle. Für deine ganze Familie, egal was sie über dich sagen. Du magst die Tiere hier und sie lieben dich genauso, auch wenn du nur manchmal da bist. Sie vergessen dich nicht. Und meine Kinder freuten sich dieses Jahr mehr darauf, dich zu sehen, als Geschenke zu bekommen, weil du so tolle Sachen mit ihnen machst. Wie gestern Abend, als sie mit dir reiten durften.“

Mathéo wusste zuerst gar nicht, was er darauf sagen sollte. Klar liebte er seine Familie. Sie gehörte doch zu ihm und seinem Leben. Doch einfach war er auch nicht.
„Du hättest mit mir keine Freude, Celine. Ich bin unordentlich und schrecklich schnell hysterisch, wenn mal etwas passiert, mit dem ich nicht rechne. Ich bin naiv, zu gutmütig und viel zu romantisch. Ich kann nicht lügen und ich kann nicht ‚nein‘ sagen“, zählte Mathéo auf, was er schon immer an sich nicht mochte.
„Ach, Mat, genau das ist es doch, warum sich Maxime in dich verliebt hat. Weil du Herz besitzt, romantisch und ehrlich bist…“

Sie hatte kaum ausgesprochen, als der laute, dumpfe Schall des alten Türklopfers durch das Haus tönte.
„Wer ist das? Sie können doch noch gar nicht zurück sein…“, fragte Mathéo und ging zur Haustür. Als er sie öffnete, blieb seine Welt stehen. Sturmgrau hielt ihn gefangen…


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1 - Soupe à l'oignon = Zwiebelsuppe
2 - Bœuf Bourguignon = Rind in Burgundersoße
3 - Tarte de Pommes = Apfelkuchen


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Witch23
05/11/19 17:45
XD

jabba
05/11/19 08:12
hehe, getötet durch Missachtung:P

Witch23
02/11/19 16:27
jupp einfach ignoriert ^^

jabba
01/11/19 22:49
Na? Alle die Geister und Vampire und co. gut überlebt?

Witch23
29/10/19 16:11
moin

Xtreme-storys
29/10/19 02:01
Hi

jabba
10/10/19 17:15
Ich hab totales Input overflow! 3tage umgucken und normen lesen, jetzt schon die ganze Woche auf Schulung... *mimimi* Aber schon toll irgendwie:)

Witch23
02/10/19 19:52
gratuliere jabba

Niemue
01/10/19 19:17
Und wie war's, Jabba? ^^

jabba
30/09/19 22:34
*nervös herumhibbel* Morgen gehts los! Morgen 1.Tag im neuen Job! :)

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