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15. Dezember 2017

"Der Weihnachtssklave"(Teil 1) von Chiyuki

Das erste, was er sah, als er nach Hause kam, war, dass es in der Wohnung eine Art Weihnachtsexplosion gegeben habe musste. Jedenfalls konnte er sich nicht daran erinnern, dass ihm morgens beim Verlassen der Wohnung im Flur eine Rentierherde begegnet war, das vorderste mit einer knallroten Nase. Auch der Geruch nach Tannenzweigen, Zimt und Orangen war neu. Verströmt wurde er von einem gigantischen Gesteck, dass das Telefontischchen unter sich begrub. Das Telefon entdeckte er unter dem Tisch, sorgfältig auf ein goldberandetes, rotes Tüchlein drapiert.

Während er seine Jacke auszog und an der Garderobe aufhängte, rief er „Schatz?“ in die Wohnung. Der blonde Schopf tauchte umgehend in der Küchentür auf. „Da bist du ja, Mario“, freute sich sein Freund. „Hast du alles bekommen?“
Mario deutete auf die prall gefüllte Stofftasche, die er auf dem Boden abgestellt hatte. „Alles wie von Chefbäcker Tino geordert.“
„Sehr gut. Bringst du es mir in die Küche? Die Orangenstäbchen müssten gleich…“ Tino wurde von dem blechernen Schrillen der Eieruhr unterbrochen. Eilig wuselte er zurück in die Küche. Mario hörte, wie er das Blech aus dem Backofen holte und schüttelte schmunzelnd den Kopf.

Wenn es um Weihnachtsplätzchen ging, kannte sein Freund kein Halten mehr. Er nahm sich sogar in jedem Dezember mindestens eine Woche Urlaub, um nach Herzenslust zu backen. Die fertigen Kunstwerke – alles, was weniger gut als perfekt war, wurde von Tino nicht geduldet – aßen die beiden nicht nur selbst, sondern sie wurden selbstverständlich auch hübsch verpackt an alle möglichen Freunde, Bekannte und Arbeitskollegen verschenkt.

Ein herrlicher, süßer Orangenteigduft breitete sich von der Küche her aus und überdeckte die olfaktorischen Emissionen des Gestecks im Flur. Mario folgte dem Geruch, die Einkaufstüte in der Hand, blieb aber grinsend im Türrahmen stehen. Ihm bot sich ein herrliches Bild. Aus dem Radio dudelte Winterwonderland und während er das neue Blech zum Backofen trug, trällerte Tino zufrieden mit und wackelte im Takt mit dem Hintern. Die Schleife seiner Weihnachtsbackschürze – mit Rentieren und Schneeflocken auf der Vorderseite – hatte er direkt über dem Po gebunden und sie wippte fröhlich mit.

In der Küche sah es aus, als hätte eine sehr weihnachtliche Bombe eingeschlagen. Auf sämtlichen Ablagen stapelten sich Backzutaten und der Boden zeugte von der Arbeit der letzten Stunden. Auch die war Küche liebevoll dekoriert worden: Die Fenster wurden von Schwippbögen und Strohsternen geziert.

Mario quetschte die Einkaufstüte auf eine freie Ecke auf der Eckbank. „Warst du schon im Wohnzimmer?“, fragte Tino, während er das dritte Blech mit Orangenstäbchen füllte. Unglaublich akkurat drückte er den Teig aus einer Spritztüte in gleich langen Linien auf das Backpapier.
„Nein. Hast du etwa dekoriert?“ Die Frage war rhetorisch. Mario wusste, dass Tinos Weihnachtswahn auf keinen Fall vor dem Wohnzimmer Halt machte. „Spinner.“ Tino fuchtelte mit der Hand. Artig ging Mario gucken, während Tino den restlichen Teig auf das Blech spritzte und sich anschließend um die Einkäufe kümmerte.

Mario wusste zwar grob, was ihn erwarten mochte, aber hätte das Wohnzimmer trotzdem fast nicht wieder erkannt. Die Girlande aus künstlichen dunkelgrünen Tannenzweigen war letztes Jahr noch nicht dagewesen. Jetzt schlängelte sie sich adrett beleuchtet am Rahmen der großen Balkontür entlang. Passend dazu hatte Tino dunkelrote Gardinen aufgehängt, die – Mario konnte es kaum fassen – tatsächlich unten einen Rand aus weißem Fell hatten. Er wollte gar nicht wissen, wo man solchen Kram kaufen konnte. Aber er wunderte sich kein bisschen, dass ausgerechnet Tino die Gardinen hatte auftreiben können. Sein Freund hatte eine besondere Spürnase für Kitsch, sofern er nur etwas mit Weihnachten zu tun hatte.

Die freien Oberflächen wurden von diversen Rentieren, Sternen und Weihnachtsmännern belagert, das Beistelltischchen hatte die Weihnachtspyramide abbekommen und auf dem Couchtisch stand ein ausladender – und wie Mario seinen Freund kannte, selbstgemachter – Adventskranz mit detailverliebter Deko und vier dicken roten Kerzen. Die gesamte Deko war in rot, grün und goldfarben gehalten.

„Und, gefällt es dir?“ Tino war hinter Mario aufgetaucht und küsste ihn sanft in den Nacken. Mario wandte sich um. „Ganz zauberhaft, mein Schatz“, bestätigte er und drückte seinerseits Tino einen Kuss auf die Schläfe. Tino streckte Mario die Zunge raus. Ihm entging der scherzhafte Unterton in Marios Stimme natürlich nicht, wusste er doch, dass Mario für Deko wenig Sinn hatte, wenn auch zumindest nichts dagegen. Typisch Mann war ihm schlicht egal, ob da Deko stand oder nicht, während Tino der Feinsinnigere von ihnen beiden war. Er war Mario deswegen nicht böse oder beleidigt. Mario ordnete sich dafür in der Weihnachtszeit Tinos Wahn unter und half ohne zu murren bei dem Backen der Weihnachtsplätzchen. Obwohl er selbst wenig Talent als Weihnachtsbäcker hatte, reichte es für Handlangertätigkeiten.

Aus diesem Grund saß Mario keine halbe Stunde später mit Tino am freigeräumten Küchentisch. Einträchtig klebten sie die unzähligen Orangenstäbchen paarweise mit Aprikosenmarmelade zusammen, während die Schokolade zum Verzieren langsam auf dem Herd im Wasserbad schmolz. Im Radio lief zum ersten Mal in diesem Jahr Last Christmas, weswegen sie es beide noch schön fanden und mitsummten, draußen rieselten im Licht der Straßenlampen feine Schneeflocken zu Boden. Passend zur Adventszeit war der erste Schnee gefallen; wie immer war es für die Winterdienste eine absolute Überraschung gewesen und auf Marios Heimweg waren alle Straßen weiß.

Tino unterbrach das Summen und erzählte von seinem Back-Plan, den er jedes Jahr für seinen Urlaub erstellte und gewissenhaft verfolgte. Dabei war er immer bestrebt, ihn zu optimieren, um möglichst viele Plätzchen in seinem Urlaub backen zu können. „Morgen will ich Kissinger machen, Butter-S und Ausstecher. Da kannst du mir bei den Kissingern abends nach der Arbeit noch mit dem Zusammenkleben helfen. Ab Mittwoch fang ich nach dem Spritzgebäck mit den Schokoladenteigen an. Erst die Schokoschnitten, weil da ja die Marmeladenschicht trocknen muss, ehe sie mit Schokolade überzogen werden können. Die Nougatstangen machen wir dann danach.“

„Noch so lang bis zum Spritzgebäck“, bedauerte Mario. Das waren seine absoluten Lieblingsplätzchen. Es gab für ihn nichts besseres als den mürben Teig, der nicht zu süß war und im Mund nahezu schmolz, dazu der herbe Geschmack der dunklen Schokolade, in die die Plätzchen getaucht wurden. „Du kannst mir am Mittwochabend mit der Schokolade helfen“, bot Toni augenzwinkernd an.
„In dem Fall natürlich gern. Wenn es nur bald fertig wird.“
Tino lachte und wuschelte Mario durchs Haar. „Das wird es.“


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Witch23
05/11/19 17:45
XD

jabba
05/11/19 08:12
hehe, getötet durch Missachtung:P

Witch23
02/11/19 16:27
jupp einfach ignoriert ^^

jabba
01/11/19 22:49
Na? Alle die Geister und Vampire und co. gut überlebt?

Witch23
29/10/19 16:11
moin

Xtreme-storys
29/10/19 02:01
Hi

jabba
10/10/19 17:15
Ich hab totales Input overflow! 3tage umgucken und normen lesen, jetzt schon die ganze Woche auf Schulung... *mimimi* Aber schon toll irgendwie:)

Witch23
02/10/19 19:52
gratuliere jabba

Niemue
01/10/19 19:17
Und wie war's, Jabba? ^^

jabba
30/09/19 22:34
*nervös herumhibbel* Morgen gehts los! Morgen 1.Tag im neuen Job! :)

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