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Der Kriegsmagier Luca befreit in den letzten Tagen der Schlacht um die Handelswege zwischen den eisigen Nordlanden und dem gewaltigen Kaiserreich, etliche Gefangene. Unter ihnen befindet sich Aycolén Amaro. Der Elf wird Auslöser einer ganz anderen Form einer Schlacht - zwischen Luca und seinem Liebhaber Justin, einem elfischen Vampir

Genres: Fantasy, M/M (yaoi)
1. Warnung: Depri/Emo
2. Warnung: Sex, Non-Con, Vergewaltigung
3. Warnung: Gewalt

Kapitel: 39     Gelesen: Nicht möglich
Inhaltsverzeichnis

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Veröffentlicht: 16/05/12 Aktualisiert: 23/06/12
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Anmerkungen zur Geschichte
Diese Geschichte ist sehr alt; soll heißen sie stammt aus dem Jahr 2003. In all den Jahren habe ich selten eine so ... safthaltige Geschichte geschrieben, die so klischeebelastet ist. Aber möglicherweise gefällt sie euch.
Insgesamt ist sie blumig, überspannt, stilistisch ein Schuss in den Ofen, etc. Dazu geht mir Aycolén so unglaublich auf die Nerven, dass ich 2008 das Buch genommen und zu einem ernsthaften High-Fantasy-Roman umgeschrieben habe. Deswegen zuerst die Katastrophe ...
Anmerkungen zum Kapitel
Luca, Ordensmagier und Begleiter eines Heeres, findet in einem Lager
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1. Prolog

Das erste Grau des Morgens kroch über die allgegenwärtigen Felsketten und Felsformationen der Eisenberge ... eigentlich nichts weiter als ein Streifen etwas weniger dichter Finsternis. Hier konnte bei Mondlosen Nächten die Dunkelheit stofflicher sein als der Stein selbst und erstickender wirken, als der Felsdom einer Höhle.
Luca erhob sich von seinem Lager und strich sich das lange, schwarze Haar zurück, die Strähnen, die sich aus seinem Zopf geflüchtet hatten. Die Nachtwache sah gähnend zu ihm, sagte aber nichts. Jeder einzelne des Söldnerheeres war es gewohnt, dass der junge Magier wenig schlief und oft nachts umherwanderte, nervös, gequält. Schlaf fand er keinen mehr, seit sie das letzte Dorf durchquert hatten.
Keiner von ihnen konnte den Anblick des Ortes verdrängen. Sie alle hatten den letzten Krieg überstanden, jeder von ihnen hatte getötet. Gedankenlos, unfair, so war dieser Krieg. Spätestens in diesem Krieg aber verlor jeder einzelne seine Unschuld. Alle, bis auf einen. Das Töten müssen, teilweise so sinnlos...
Ein einzelner weigerte sich dagegen. Luca sah keine Veranlassung dazu, seine „Feinde“ umzubringen. Allein die Bezeichnung „Feinde“ stimmte schon nicht. Sie alle waren lediglich Fremde, die sich gegenüber standen, ohne einen persönlichen Groll auf den Einzelnen. Wenigstens war es bisher so gewesen. Aber nach dem, was sie dort, in diesem Dorf gesehen hatten... Und selbst jetzt weigerte sich Luca zu töten.
Allerdings ließ ihn auch das Bild nicht mehr los. Er musste nur die Augen schließen.
Das kleine Bergdorf war nichts als eine Ansammlung gedrungener Steinhäuser, aufgeschichteter Steine und Holz. Hier, in dieser unwirtlichen, unfruchtbaren Gegend wohnten nur ein paar Bergleute, Schmiede und Steinmetze, Männer und Frauen, die niemandem etwas getan hatten. Es gab keinen Grund diesen Ort zu schleifen, schon gar nicht nach Ende des Krieges. Aber wie dieser Krieg, war auch diese Tat sinnlos und brutal.
Das Dorf war vernichtet worden, so effektiv und sicher, dass es eher an eine Hinrichtung, ein rituelles Schlachtfest erinnerte.
Wären die Dörfler einfach nur erschlagen worden, wäre der Effekt der Gleiche gewesen, sie hätten ihr Leben eingebüsst. Man hatte aber ihre Leichen geschändet. Die Frauenkörper verstümmelt, die Männer zerhackt und Tieren zum Fraß vorgeworfen und die Kinder ... Einige von ihnen hatte man gevierteilt, andere wurden gefoltert bis sie starben, wieder andere ...
Luca schüttelt seine Erinnerungen ab, soweit er konnte. Ihm war schlecht, wenn er sich die Bilder in Erinnerung rief. Aber sie waren auch so da, ließen ihn nicht mehr los. Er musste nur seine Augen schließen und schon war jedes Detail da. Jedes noch so kleine.
Der junge Mann war zu sensibel und empfindsam, um darunter nicht zu leiden, zumal er selbst Kinder liebte und eigentlich schon fast naiv vertrauensvoll sein konnte. Es zerstörte Stück um Stück seine Seele und ließ ihn erkalten. Und dennoch gab es in ihm dieses Feuer, das einfach nicht zuließ, dass auch er zum Mörder wurde. In den Kriegen zuvor hatte er gekämpft und getötet. Es gab wenig, was seiner Macht widerstand. Dafür war er einfach zu gut, aber er verabscheute sich selbst dafür und verschloss diese Taten stumm in sich.
Luca zog die Schultern hoch und rieb sich die Oberarme. Er fror. Sicher, es war sehr kalt, aber daran hatte er sich gewöhnt, schon vor einer Weile.
Erschöpfung und das allgegenwärtige Bild von Tot und Zerstörung und seine eigene, beharrlich wachsende Gleichgültigkeit, der Schrecken und die Klarheit über das Gefühl, ließen ihn frieren.
Luca nahm eine seiner Decken von dem Felsboden auf und schlang sie sich um die Oberarme.
Er sah sich im Lager um. Die Feuer waren schon lange erloschen, die Asche erkaltet.
Die Männer lagen in ihre Decken gewickelt da und schliefen, viele von ihnen sehr unruhig und ein paar gar nicht, genau wie Luca. Jeder einzelne von ihnen schien darauf zu warten, dass das Signal zum Aufbruch gegeben wurde, dass sie endlich weiter ziehen konnten, um diese Männer zu finden, die eine Blutspur durch die Eisenberge zogen.
Luca ging ein paar Schritte weit, an der Wache vorbei und sah kurz zurück.
„Wo willst du hin, Lysander?“ fragte ihn der Söldner, ohne ihn anzusehen oder auch nur eine Sekunde lang die unbequem wirkende Position zu verlassen, in der er dasaß.
Luca sah ihn an. „Ich muss ein wenig allein sein, Orpheu“, antwortete er ihm leise.
„Bist du das nicht auch so?“ Der schwarze Elf sah nun doch zu ihm auf. Luca antwortete ihm nicht darauf, sondern drehte sich um und ging einfach.
Er spürte die Blicke des Elfen im Rücken.
Orpheu hatte leider recht. Obgleich sie eine kleine Söldnerarmee ausgesuchter Kämpfer waren, blieb jeder von ihnen doch allein. Selbst im Kampf.
Luca senkte den Blick und ging weiter. Allein sein... die bloße Gegenwart der anderen Söldner störte ihn. In den wenigen Stunden, die er geschlafen hatte, verfolgten ihn die Bilder des Krieges, die Bilder vergangener Erlebnisse und Gefühle, die so bodenlos und dunkel waren ... sanft und hoffnungslos und verloren, finster wie die Nacht selbst ... aber auch er...
Und wie so oft seit er ihn zum ersten Mal gesehen hatte, träumte er von diesen tief grünen, verletzten Elfenaugen und silberweißem Haar, was ein zauberhaftes, trauriges Gesicht umrahmte.
Und wie jedes Mal, nachdem er von dem schönen, namenlosen Elfen geträumt hatte, erwachte er mit dem Gefühl tiefster Einsamkeit und Trauer. Alles daran erschien so hoffnungslos, seit ihm dieser Elf begegnet war. Er hatte ihn nur ein einziges Mal gesehen, kurz, keine zehn Minuten. Aber diese Zeit reichte aus, dass er sein Herz für immer verloren hatte. Ein paar Hundert Meter vom Lager entfernt bleib er stehen und setzte sich auf den Boden. Die Decke glitt von seinen Schultern, und er öffnete sein Haar, den schwarzen, dicken, langen Zopf. Obwohl er nicht lange geschlafen hatte, war es zerzaust und Strähnen herausgezogen. Geduldig begann er es auszukämmen. In vielem bewies er eine Engelsgeduld, etwas, dass nicht so normal für einen noch so jungen Mann war.
Nach einer Weile zog er sich wieder die Decke über die Schultern und umschlang die Knie mit den Armen. Sein Blick richtete sich in den grauen Sonnenaufgang, in die Morgendämmerung. Seine offenen Haare wehten um seine schmale Gestalt und verfingen sich in dem verwitterten Gestein.
„Luca?“
Der junge Magier sah zu Boden. Eine kleine Drachenechse saß neben ihm, blau geschuppt und goldäugig. Sie hatte ihre Flügel an den Leib gedrückt und spielte mit der Quaste an ihrer Schwanzspitze.
„Was denn, Tambren?“ Er löste seine Hände von seinen Knien und nahm den gerade mal Katzengroßen Drachen in seine Arme und unter die Decke. Tambren schmiegte sich an Luca und kroch unter sein Hemd. Ganz gegen seine sonstige Gewohnheit war der kleine Drache nicht annähernd so spröde und aggressiv. Im Gegenteil suchte er eher Lucas Nähe und seine Wärme. Behutsam begann Luca seinen Vertrauten unter dem schmalen, winzigen Unterkiefer zu kraulen. Tambren schnurrte wie ein Kätzchen.
Erst nach ein paar Minuten, die er reglos da gehockt hatte und einfach nur die Zuneigung seines Herren genoss, antwortete er auf Lucas Frage.
„Du warst fort, als ich aufwachte... Du denkst wieder an ihn, nicht?“ Er sah ihn aus großen, dunkel gesprenkelten, intelligenten Augen an.
Luca nickte matt. „Ja, natürlich. Er geht mir nicht mehr aus dem Sinn.“
„Was wirst du tun, wenn dir der Elf nicht wieder begegnet? Willst du dich dann umbringen, oder wirst du einfach nur genauso wahnsinnig wie alle anderen Seraphin, die ihre wahre Liebe nicht finden?“
Luca zuckte die Schultern. Ein schmerzliches Lächeln huschte über seine Lippen. „Umbringen werde ich mich sicher nicht, schon wegen dir und Goldy nicht. Du und deine Schwester, ihr habt ja nur mich.“
Tambren schmiegte sich an Luca und schloss die Augen. „Ich spüre deinen Schmerz, Luca. Du wirst nicht ohne ihn leben können. Ich glaube eher, dass du an Einsamkeit und deinem gebrochenen Herzen sterben wirst.“ Der kleine Drache klang ernst, traurig.
„Ja, vermutlich hast du recht. Du kennst mich leider viel zu gut. Aber lassen wir das, mein Kleiner. Im Moment habe ich die Aufgabe, diese marodierenden Irren zu finden und sie nach Sarina zu bringen, damit der Kaiser sie aburteilen lassen kann, und danach werde ich wieder einen Auftrag finden und wieder und wieder und... Ich werde gar keine Zeit bekommen nachzudenken, mein kleiner Freund.“
„Deshalb weinst du wohl auch“, sagte Tambren leise, sorgenvoll, und dennoch gelang es ihm nicht, den leisen Spott aus seiner Stimme zu verbannen. Er sah, dass Luca es heraushörte und es tat ihm Leid, aber oft konnte er seinen Freund und Meister nicht anders zur Vernunft bringen, als ihn zu verletzen.
Erst jetzt bemerkte Luca, dass Tränen über seine Wangen rannen. Tambren kroch aus Lucas Hemd, krabbelte auf seine Knie und versuchte ihm die Tränen von den Wangen zu wischen.
„Schau dir diesen Sonnenaufgang an, Tambren“, flüsterte Luca und sah zu den Bergketten und die Dämmerung über den Felsen mischte sich Rotgold in das Grau. Der Drache wendete den Kopf und sah mehrere Minuten lang einfach in das Licht. „Das gibt mir die Hoffnung, ihn doch wiederzufinden und ihn eines Tages in meinen Armen zu halten, Tambren.“
Der kleine Drache nickte nachdenklich und kroch wieder unter Lucas Hemd.
„Wir sollten wieder ins Lager zurück, Luca. Die anderen werden wahrscheinlich bald aufbrechen wollen.“
„Ja, vielleicht hast du recht...“ Der Magier erhob sich und sein langes, schwarzes Haar flutete um seine schlanke, fast hagere Gestalt. Ein Wasserfall geronnener Nacht, die ihn wie ein Mantel umgab und bis zu seinen Knien flutete.
„Ich habe ein seltsames Gefühl, Tambren. Ich weiß nicht... es lässt sich nicht in Worte fassen...“
„Luca...was für ein Gefühl?“
Der Magier zuckte nur die Schultern. „Ich weiß nicht.“
„Hör’ mal, Luca, du bist ein wunderschöner Mann, zerbrechlich und zart wie eine Frau, mit dem Gesicht eines Engels. So viele wollen dich und lieben dich. Warum? Warum hältst du dich mit einem Mann auf, den du gerade mal für einen Augenblick gesehen hast und vermutlich dein Leben lang nicht wieder siehst?“ Tambren schaute aus Lucas Hemd und blinzelte zu ihm hoch. „Justin ist da, der rothaarige Elf liebt dich doch mehr als alles auf der Welt, Kyle liebt dich... Kael und Cyprian ebenso. Sie lieben dich alle leidenschaftlich und abgöttisch, und jeder einzelne dieser mächtigen Männer würde sonst was darum geben, dich für immer bei sich zu haben...“
Luca nickte und schwieg. Darauf zu antworten lohnte sich nicht. Diese Diskussion hatten Tam und er schon vor Jahren miteinander geführt, erfolglos. Er würde nie bei einem Mann bleiben, den er nicht liebte. Dazu war er sich zu sicher den Richtigen gefunden, aber auch sofort wieder verloren zu haben, und er würde nicht aufgeben ihn zu suchen, gleich was geschah. Dieser Elf, der silberhaarige Junge...
Er blickte noch einen Moment lang in das erste Licht des Tages. Blendend hell kroch die Sonne über die Massive.
Dann drehte er sich um und ging zurück ins Lager.

Eigentlich eher durch einen Zufall fanden sie das Kriegsgefangenenlager in den Bergen. Ein verlassenes Lager, wie sie dachten, Höhlen, Schluchten, Hängebrücken in schwindelnder Höhe, eiserne Käfige an Ketten, die von domartigen Decken herab hingen und verwesende Leichen.
„Lysander ... Lass uns gehen!“ Orpheu berührte kurz den Arm des Magiers und lächelte kurz, unverbindlich. Sein langer, blauschwarzer Zopf peitschte gegen Lucas Arm, als sich der Elf von ihm abwandte und zum Ausgang eilte.
Der elfische Söldnerführer wollte den Talkessel bereits wieder verlassen und winkte seine Männer zu sich.
„Kommt. Wir haben hier kein Glück, lasst uns weiterziehen.“
„Orpheu, bitte warte“, sagte Luca leise. Seine Stimme hallte dennoch in dem gewaltigen, natürlich entstandenen Gewölbe nach.
Der schwarze Elf drehte sich zu ihm um und sah ihn aus kalten, blauen Augen an. „Wie du es verlangst, Magier, ich bin nur der Hauptmann der Truppen, du unser Herr.“
Seine Stimme klang so abweisend, kalt und hart, dass Luca einen Schritt zurückprallte.
„Du wirst dich nur selbst quälen, Lysander. Aber bitte, tu dir keinen Zwang an, Magier, quäle deine Seele weiter.“
Luca hob den Blick und sah Orpheu aus klaren hellen Augen an. Er wusste nur zu gut, dass der Elf recht hatte. Fand er nichts außer Tot, würde er noch mehr und noch heftiger davon träumen und verabscheuen, was er zu tun hatte.
„Luca?“ Der kleine blaue Drache schaute aus Lucas Hemd und sah zu ihm hoch. „Was hoffst du eigentlich zu finden?“
„Vielleicht nur einen einzigen Überlebenden“, murmelte Luca und wandte sich von Orpheu ab. „Helft mir, Tambren und Goldy, bitte“, sagte er leise.
Der kleine blaue Drache kletterte aus Lucas Hemd und auf seine Schulter. Aus der Kapuze des langen Mantels arbeitete sich Goldy hervor, gähnte und streckte sich. Ihre winzigen Rotgoldenen Schuppen raschelten und klapperten leise. „Natürlich, Luca“, murmelte sie und ihre kleinen Ärmchen, ihre winzigen Hände, streichelten über seinen Hals.
Hinter sich konnte Luca die Stimmen der Söldner hören, murrend und unwillig. Er wusste, dass die Männer wenig von ihm hielten, ihn als schwach ansahen und ihn verachteten.
Luca legte seinen Mantel ab und kletterte die hölzernen Stufen einer Leiter zu einem Plateau hinauf. Er hatte keine Ahnung, wo er überhaupt in diesem gewaltigen Felsendom anfangen sollte. Es war vielleicht auch völlig gleichgültig, denn letztlich fürchtete er sich vor dem, was er finden würde.
Tambren und Goldy stiegen von seinen Schultern auf und flatterten die gewaltigen Steilwände hinauf.
„Helft Lysander!“ befahl Orpheu laut. Für einen Moment hatte Luca fast den Eindruck, einen Hauch von Hoffnung in der Stimme des Söldnerhauptmannes zu hören, aber das war Unsinn. Orpheu kannte keine Hoffnung, und sein Herz war kälter als Eis.
Luca bedauerte das. Er mochte den schwarzen Elfen sehr.
Etwas atemlos erreichte er das Plateau. Er richtete sich auf und ließ seine Blicke über die Wände gleiten, die Alkoven und die winzigen Räume, die man mit schweren eisenbeschlagenen Holzgittern verschlossen hatte. Seine Augen durchdrangen nur wenig von der Dunkelheit hier oben. Er musste weiter hinein gehen, um besser sehen zu können. Der allgegenwärtige Gestank nach Verwesung und Exkrementen, Schweiß und Blut war erstickend stark hier oben... und diese Wärme...
Die Luft war so dick und dicht, dass sie seine Haut fast wie Sirup umspülte.
Nach wenigen Schritten blieb er dicht vor einem der Gitter stehen, ein abgedeckter Alkoven, rechts von ihm. In den Gittern hingen Leichen, verwesende Leichen, aufgedunsen. Er sah, dass der Raum schon überfüllt gewesen war, als die Männer hier drinnen noch gelebt hatten, doch jetzt war das eine Wand aus Leichen. Luca senkte den Blick und schüttelte hilflos den Kopf. Behutsam versuchte er, die verkrampften Finger eines Toten von dem Gitter zu lösen, damit sie später die Leichen hier herausbringen konnten, um sie zu bestatten.
Plötzlich hörte er ein leises Wimmern, ein schmerzlich apathisches Keuchen.
Luca sah erschrocken auf, nun alarmiert.
Er trat näher an das Gitter. Das Stöhnen wiederholte sich. Nun drehte sich der Magier um und schrie nach unten: „Orpheu!!! Hier oben lebt noch jemand!!!“ Seine Stimme überschlug sich fast und trug weit in den gewaltigen, unmenschlichen Höhlen.
Der Elf stand im Licht des Fackelscheins und sah zu ihm hinauf. Seine schwarze Rüstung schimmerte matt. Er nickte knapp.
„Hier sind noch mehr Überlebende, aber sie sind alle bereits ohne Bewusstsein und ein paar sind dazu noch krank...“ Auf einer der Hängebrücken stand Berou, einer der Männer des Söldnerführers. Orpheu neigte den Kopf.
„Durchsucht alles! Ich will, dass jeder Überlebende hier herunter gebracht wird.“
Luca nickte. „Ja, Orpheu!“
Sein Herz schlug heftig vor Freude. Zum ersten Mal seit Tagen war der junge Mann wirklich glücklich, und es gefiel ihm, sich Orpheus Befehl unterzuordnen.
‚Der Auftrag dürfte damit zwar gestorben sein, aber es ist gut so’, dachte er still und lächelte in sich hinein.
Mit schnellen Schritten ging er zurück und sah sich das Gitter etwas genauer an. Er konnte nicht mit seinem Schwert darauf einhacken. Die Gefahr, einen der Toten zu treffen, vielleicht sogar einen Lebenden war einfach zu groß.
Das Gitter besaß irgendwo einen Hebemechanismus, denn es gab weder eine Türe darin noch eine Klappe.
Nachdenklich verfolgte Luca die Aufhängung des Gitters und seine Verankerungen. Es war nichts weiter als ein Gitter an einem Flaschenzug. Der Magier verfolgte den Verlauf der Ketten und Seile über die Winden, und schließlich blieb sein Blick an der leeren Wand hängen. Aber dann musste er sich eingestehen, dass der Mechanismus zu gut verborgen war. Er fand auf die Schnelle nicht heraus, wie er dieses Gitter anheben konnte.
Das Stöhnen wurde lauter, mehrstimmig.
Luca sah sich nervös um, fand aber nichts. Hier gab es einfach keinen offensichtlichen Mechanismus!
„Verdammt“, flüsterte er. Dann hob er beide Hände und begann Symbole in die Luft zu malen und wob mit seiner weichen, klaren Stimme Magie hinein. Uralte Worte, unheimlich und düster kamen über seine Lippen, Worte, die er einst lernte, von Rollen, die seit Jahrhunderten, Jahrtausenden in der Bibliothek des Ordens lagerten, nicht von Menschen geschrieben, weit vor der Geburt dieser Rasse.
Er war sich nicht sicher, ob es besonders gut war, in dieser Situation seinen gewählten Zauber zur Anwendung zu bringen. Aber es war sicherer, das Gitter einfach aufzulösen, verschwinden zu lassen, als alles andere.
Luca flüsterte die Formel, band all seine Macht und seine Hoffnungen hinein. Dann stieß er seine Hand nach vorne und ein grauer, dunstiger Strahl Energie verließ seine Finger. Dort, wo er das Gitter traf, begann es sich aufzulösen.
Er atmete auf und senkte die Lider. Er hatte niemanden getroffen, nur den Rahmen der Gitterstäbe, wie er es sich erhoffte. Hätte er falsch gezielt ... Er machte sich lieber keine konkrete Vorstellung von den Konsequenzen.
Die Leichen, nun da sie keinen Halt mehr fanden, fielen Luca vor die Füße. Der junge Mann schauderte, begann aber vorsichtig die toten, schwammigen Körper zur Seite zu heben, damit er wenigstens hinein konnte. In Sekunden keuchte er vor Anstrengung und zog sich seine Weste und sein Hemd aus. Er zitterte heftig. Sein schmaler Körper war nicht dafür ausgelegt Leiber, die fast doppelt so viel wogen wie er, zu tragen. Genaugenommen konnte er es schon, aber er weigerte sich, auf diese besonderen Fähigkeiten zurückzugreifen. Es erschien ihm als zu einfach sich des kleinen, silbernen Anhängers unter seinem Hemd zu bedienen und auf die Kräfte der fünf Götter und der zwölf Unsterbleichen zurückzugreifen. Zumal es nicht ohne folgen bliebe. Er würde sich verändern und das für immer.
Luca war menschlich, voller Fehler und kleiner Schwächen, aber er wollte lieber all das beibehalten, als zu einem fehlerlosen Geschöpf zu werden und seine Persönlichkeit einzubüßen.
Und das würde unweigerlich geschehen. Er hatte schlicht Angst davor sich seinem Gott, seinem Unsterbleichen, vollständig zu verschreiben.
Nur aufgeben wollte er auch nicht. Mit der ihm angeborenen Sturheit und Beharrlichkeit machte er weiter, bis ihm der Schweiß in Strömen über den Körper rann und seine Lungen bei jedem Atemzug rasselten und sich asthmatisch anhörten. „Ich hole euch hier heraus!!! Das verspreche ich euch!!!“
Er machte sich nach und nach den Weg frei. Über eine Stunde arbeitete er, ohne Pause, bis sein gesamter, feingliedriger, schmaler Körper vor Schmerzen brannte. Aber er gönnte sich keine Pause mehr. Letztlich hatte er einen Gang freigelegt, über den er nach hinten durchgehen konnte, an das andere Ende der Zelle, in dessen Wand eine niedrige Holztüre eingelassen war.
Der Gedanke hinter diesem Aufbau einer Gefängniszelle war abartig, ließ ihn schaudern. Man wollte die Lebenden sterben lassen, indem man die Toten wie eine Wand vor ihnen aufbaute.
Luca wischte sich Schmutz und Schweiß an seinem Hemd ab und zog es wieder über den Kopf, bevor er in die Zelle hinein ging und auf die Türe zutrat. Davor blieb er stehen.
„Wie viele seid ihr?“ fragte er leise. Stöhnen antwortete ihm.
Luca wollte nun nicht mehr länger warten. Er hielt sich nicht mit dem komplizierten Schlossmechanismus auf, sondern sprengte ihn einfach mit seiner Magie.
Dann schob er die Türe auf und prallte im ersten Moment zurück. So menschenunwürdig konnte man niemanden Behandeln! Dürre Leiber, schmutzig und pockennarbig, mit offenen, schwärenden Wunden, die der Wundbrand langsam abtötete, zusammengepfercht auf solch engem Raum. Fast 20 Männer saßen da, nicht in der Lage sich hinzulegen, denn der Platz dazu fehlte, die Gesichter zugewucherte, halb wahnsinnig die Augen, gemartert und gefoltert, gefangen in ihren eigenen, verwirrten Geistern und in einer Welt aus Enge, Schimmel, Fäulnis und beinah unerträglichen Gestankes. Aber kein einziger von ihnen hatte eine Bedeutung für Luca, bis auf einen unter ihnen. Einzig ein bleiches, zusammengekauertes Bündel, schön wie der Mond selbst und doch gequälter und geschändeter als jeder andere hier. Er kauerte an der Rückwand, beide Arme um die Knie und die Schultern geschlungen, umflutet von verschmutzten silbernen Wellen... und unter dem zerzausten Pony blickten stumpfe, jadegrüne Augen, Katzenaugen. Im ersten Moment glaubte Luca, der Elf würde ihn anstarren. Freude und Schrecken kämpften in ihm. Aber die Freude, ihn, Lucas einzige, große Liebe gefunden zu haben gewann. Bis Luca realisierte, dass diese Augen nirgendwohin starrten, nur ins Leere.
Luca stürzte auf den Elfen zu, wollte ihn umarmen, ihn an sich drücken, ihn wecken, aber nichts davon tat er. Er verharrte reglos vor ihm und sah ihn an. Sein Herz hämmerte. Tiefer Schrecken lähmte seinen gesamten Körper ob des jungen elfischen Mannes, der vollständig gebrochen schien.
Dann, plötzlich löste sich dieser Schock. Er kniete nieder und sah ihn lange Zeit an. Ohnmächtige Wut erwachte in ihm und ein unsäglich tiefer Schmerz.
Wortlos nahm er die Hände des Elfen, wollte sie lösen, sie halten. Doch der Kehle des jungen Elfen entrang sich ein entsetzliches Geräusch, eine Art Schrei, und seine Hände, seine zersplitterten Fingernägel bohrte sich mit grausamer Gewalt in sein eigenes Fleisch. Er verkrampfte sich, schrie wieder und begann sich ruckartig, mit der gleichen selbstzerstörerischen Brutalität, seine Oberarme zu zerfleischen. Luca ließ den Elfen los, als habe er sich an glühendem Eisen verbrannt.
„Nicht...“ flüsterte er hilflos. „Bitte nicht, tu dir das nicht an...“ Er schüttelte entsetzt den Kopf und ihm wurde klar, dass man den Willen und den Stolz des Elfen nicht hatte brechen können, aber seinen Geist. Sein Verstand hatte sich soweit hinter Schmerz und Irrsinn verborgen, dass es fast unmöglich war, ihn daraus zu befreien.
„Ich verspreche dir, dich nie wieder zu berühren, wenn du nur aufhörst damit.“, wisperte er tonlos. In der Sekunde, in der er die Worte aussprach, war er sich sicher dieses Versprechen nicht halten zu können, wollte er nicht selbst wahnsinnig werden.
Doch der Elf hörte nicht auf. Im Gegenteil, es wurde schlimmer.
Luca ergriff seine Hände und hielt sie fest. Der Elf wehrte sich mit roher Gewalt gegen Lucas Griff, keuchte, krächzte, es war ein Ringkampf, den der Magier einfach nicht gewinnen konnte. Aber Luca ließ ihn keine Sekunde los. „Hör auf!“ schrie er den Elfen an. Tränen schimmerten in seinen Augen. „Bitte hör doch auf, bitte...“
Etwas in dem Blick des Elfen änderte sich. Er wehrte sich noch ein paar Sekunden lang, halbherzig. Dann erschlaffte er in Lucas Armen und sank gegen seine Brust. Speichel und Tränen durchweichten Lucas Hemd. Er war nun nichts anderes als eine Marionette, aber eine, dessen Dämonen seine Seele zermarterten und den wachen, klaren Teil seiner selbst zerbrechen wollten.
Luca schlang beide Arme um ihn und schloss die Lider. Tränen brannten, rannen über seine Wangen. Zugleich begann Luca ihn mit seiner eigenen Lebensenergie zu versorgen, Lebenskraft, die allein durch seine Berührungen in den gemarterten Körper des Elfen floss. Während er das tat, schlief der silberhaarige Elf in seinen Armen ein. Für sehr lange Zeit ...
Aktualisiert: 16/05/12
Veröffentlicht: 16/05/12
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Schlußanmerkungen zum Kapitel
Bitte geht nicht zu hart ins Gericht ...
HeisseZitrone am 03/06/12 13:02
:o Sehr düsterer, aber spannender Auftakt! Ich glaube ja nicht, dass sich viele von den Gefangenen wieder erholen werden, die meisten werden doch bestimmt sterben... Weinen
Ich hoffe echt, dass der arme Elf wieder auf die Beine kommt!
Sehr süß finde ich übrigens die kleinen Drachenechsen :3 So ein Viech hätte ich auch gerne als Haustier! Zwinkernd



Antwort der Autors Lysander (04/06/12 18:41):
Hi Du,

danke Dir Smiley
Dabei mag ich persönlich Night's End mehr Zwinkernd Aber gerade Tam und Goldy sind auch meine Lieblinge. Tambren kommt in dem anderen Buch auch mehr zum Einsatz (wörtlich genommen). Der kleine Dickwanst frisst und denkt sich durch alle Bücher.

Ganz liebe Grüße

Tanja/ Lys
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Witch23
01/01/22 05:02
Wünsche allen ein gutes neues Jahr

jabba
24/12/21 13:45
Ich wünsch euch allen schafig-schöne Weihnachtstage!

Witch23
24/12/21 12:58
Euch allen einen schönen Abend und keine zu einsamen Tage.
Und hoffentlich könnt ihr irgendwie Zeit mit euren Lieben verbringen und wenn über Telefon und so. Hab eine schöne Zeit.


Yavia
07/12/21 11:41
Ich wünsche allen eine schöne Weihnachtszeit!

Yavia
06/11/21 19:46
Ah, mein Fehler, jetzt verstehe ich. Dass nächstes Jahr Ernteausfälle sein können ist eine gruselige Vorstellung, aber leider möglich. Echt traurig.

split
06/11/21 19:40
notwendig im sinne von: da ist so viel gewachsen und es ist zu viel für den handel... und im nächsten jahr haste dann wieder ernteausfälle und krassen mangel

Yavia
06/11/21 18:56
Naja, notwendig ist es eher nicht, man kann sie auch einfach unterpflügen. Aber so finde ich es doch sehr viel besser.

split
06/11/21 18:50
Bei Köln hat das jetzt scheinbar auch einer gemacht. Krass, dass es notwendig ist.

Yavia
06/11/21 18:41
Also ich würde da sofort gegen eine kleine Spende welche abholen! Hoffentlich wird das Angebot richtig viel wahrgenommen! Ist leider für mich zu weit weg.

split
27/10/21 23:35
krass

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