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Truth or Dare

von HeisseZitrone [Ab 12] [Reviews - 2] (Abgeschlossen)
Veröffentlicht: 12/11/15 Aktualisiert: 18/06/17
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1. Truth or Dare

Aus einer dunklen Seitengasse schallte Gelächter. Obwohl Niko wusste, dass es nur Kinder waren, die an den Türen um Süßigkeiten bettelten, lief ihm ein Schauer über den Rücken. Die Straßen hier waren nicht besonders gut beleuchtet und jedes Geräusch hallte tausendfach wider. Immerhin strahlte der Mond heute mit aller Kraft und übertrumpfte das fahle Licht der Straßenlaternen. Der schwarze Gehweg, der vom Regen feucht glänzte, war menschenleer und die meisten Fenster dunkel. In diesem kleinen Dorf feierten nicht viele Menschen Halloween. Ein dunkles kleines Wesen, wahrscheinlich eine Katze, huschte über die Straße und schaute ihn mit leuchtenden Augen an, bevor sie um eine Ecke verschwand. An eine Hauswand war mit roter Farbe eine Nachricht gemalt: „Wir finden dich.“ Auch ein Kinderstreich. Hoffentlich.
Niko zog seinen braunen Lederimitat-Mantel enger um sich und beschleunigte seine Schritte. Die Stiefeletten, die er sich von seiner Schwester geliehen hatte, waren ungewohnt laut auf dem Bürgersteig. Er fröstelte. Er hätte sich doch noch etwas Wärmeres überziehen sollen, doch er hatte sein Piraten-Kostüm nicht mit einer gefütterten Gore-Tex-Jacke verderben wollen. Außerdem war es von der Bushaltestelle nicht weit bis zu Chrissys Haus. Niko wohnte nur ein Dorf weiter, normalerweise kam er mit dem Fahrrad, um sie zu besuchen, doch seine Eltern hatten darauf bestanden, dass er den Bus nahm, wenn er so spät abends noch unterwegs war. Seine Sporttasche schlug gegen sein Bein, das Einzige, was nicht zu dem Kostüm passte. Sie war vollgestopft mit Wechselkleidung für morgen und seiner Zahnbürste. Da der Bus ab einer gewissen Uhrzeit gar nicht mehr fuhr, musste er bei Chrissy übernachten. Nicht, dass er etwas dagegen einzuwenden hatte.
Als er das Haus erreichte, waren seine nackten Ohren unter dem Dreispitz bereits taub vom kalten Herbstwind und er konnte es nicht erwarten, das warme Innere zu betreten. Alle Fenster im Haus waren dunkel und es war kein Laut zu hören. Nichts deutete darauf hin, dass hier eine Party stattfand. War das Absicht oder hatte er das Datum verwechselt? Ein bisschen verunsichert tastete Niko nach der regennassen Gartenpforte und schob sie auf. Sie quietschte leise. Reiß dich zusammen, Niko, sagte er sich. Wahrscheinlich war das alles nur ein Trick, mit dem Chrissy ihn in Gruselstimmung versetzen wollte. Und er fiel natürlich darauf herein. Eigentlich war er gar nicht so ängstlich. Er hatte weder Angst vor großen Hunden, noch vor Feuer, noch vor Spinnen oder Schlangen. Er sprang im Freibad immer vom 10-Meter-Turm, stieg in jede Achterbahn und konnte jede noch so schlimme Wunde verbinden, ohne mit der Wimper zu zucken. Aber Dunkelheit bereitete ihm Unbehagen.
Niko zuckte zusammen, als die Gartenpforte mit lautem Klappern hinter ihm zu fiel. Typisch! So eine Szene gab es doch in jedem Mainstream-Horrorfilm. Er verdrehte die Augen und ging rascher vorwärts. Warum musste dieser Sandweg durch den stockdunklen Garten auch so lang sein? Einmal im Haus angekommen würde er sich besser fühlen. Hier war zu viel Finsternis um ihn herum. Und das alte viktorianische Haus, dessen linke Hälfte mit wildem Wein bewachsen war, sah auch bei Tageslicht schon gruselig genug aus. Die Dunkelheit machte es nicht besser. Er hatte das Haus noch nie von innen gesehen, hatte sich mit Chrissy bisher immer nur draußen getroffen, und er fragte sich, ob es von innen genauso schaurig aussah.
Er wollte gerade die kleine Treppe zur Terrasse hochsteigen, als plötzlich etwas Kleines vom Wegesrand auf ihn sprang. Niko schrie auf und sprang vor Schreck in irgendein Beet. Es dauerte einen Moment, bis er im erkannte, dass es sich nur um eine zottelige, kugelförmige Plüsch-Spinne handelte, an der eine Sprungfeder befestigt war. Aus acht großen, glänzenden Knopfaugen starrte sie ihn treuselig an. Niko atmete auf. Dann musste er lachen. Mit drei großen Schritten war er an der Haustür und klingelte.
Langsam drehte sich der Türknauf. Dann schwang die Tür, scheinbar ganz von allein, nach innen auf, begleitet von einem gespenstischen Knarren. Der Hausflur war stockdunkel. Als Niko kurz zögerte, den schwarzen Schlund zu betreten, ertönte eine lockende Flüsterstimme: „Komm... komm...“
Weitere Stimmen stimmten mit ein, bis es ein beschwörender Flüsterchor war. „Komm... komm... komm!“
Zögerlich trat Niko ein. Die Tür schlug laut hinter ihm zu. Dann ging endlich das Licht an und unzählige lachende Hexen, Vampire, Prinzessinnen und Geister stürzten sich auf ihn, um ihn zu begrüßen. Allen voran Chrissy, die ein bodenlanges, schwarz-grünes Gothic-Kleid trug. „Niko!“, rief sie und umarmte ihn fest. „Du hast ja doch noch hergefunden. Wir hatten schon fast befürchtet, du wärst auch spurlos verschwunden.“
„Auch?“, wiederholte Niko.
„Ja, eine Freundin, die eigentlich zugesagt hatte, taucht einfach nicht auf. Und ich erreiche sie auch nicht. Aber vielleicht kommt sie ja noch. Komm, ich zeig dir erstmal, wo du deine Tasche hinstellen kannst.“
Irgendjemand hatte die Musik wieder eingeschaltet, sodass nun aus irgendeinem Raum Panic at the Disco schallte. Überall waren dicke Vorhänge vor die Fenster gezogen, was erklärte, warum die Fenster von außen dunkel aussahen. Staunend schaute Niko sich um. Das Haus war riesig, allein die Eingangshalle wirkte größer als die gesamte Doppelhaushälfte, die er mit seiner Familie bewohnte. Von innen sah dieses Haus noch größer aus als von außen. Er hatte es noch nie betreten, da er mit Chrissy erst seit vergangenem Sommer befreundet war und sie sich bei dem schönen Sommerwetter natürlich nie drinnen getroffen hatten. In der Eingangshalle hing ein großer Kronleuchter an der Decke, den Chrissy mit Spinnweben dekoriert und die Glühlampen gegen rote Leuchten ausgewechselt hatte. Mehrere Türen führten von der Eingangshalle ab, geradeaus führte eine doppelflüglige Tür in die Küche, in die er schon einen Blick erhaschen konnte. Auch sie sah riesig aus, wie eine TV-Küche in einer Kochshow. Rechts und links der Doppeltür führten Wendeltreppen aus schwarzem Marmor hinauf auf eine Empore, die mit einer handvoll weiteren Türen bestückt war.
„Das Erdgeschoss gehört eigentlich meinen Eltern, außer wenn meine Schwester und ich sturmfrei haben. So wie jetzt.“, erklärte Chrissy, während sie ihn eine Wendeltreppe hinauf führte. „Das Obergeschoss gehört meiner Schwester Charlotte und mir. So, da wären wir. Hier ist mein Schlafzimmer. Leg deine Sachen einfach irgendwo ab.“
„Wow, das ist ja riesig“, staunte Niko unverhohlen. Nicht nur das Schlafzimmer war groß, nein, es gab auch einen Durchgang zum Zimmer nebenan, einem Wohnbereich mit Fernseher und Spielkonsolen. Mit einer beweglichen Trennwand konnte der Durchgang bei Bedarf geschlossen werden, im Moment war er jedoch geöffnet. Beide Zimmer waren schwarz gestrichen und mit weißen, schlanken Möbeln eingerichtet, die an Knochen erinnerten. Zahlreiche Drachen- und Elfen-Figuren sowie ein großes Bücherregal mit Fantasy-Literatur und Poster düsterer Bands an den Wänden ließen keinen Zweifel an Chrissys Gothic-Liebe aufkommen. Neben dem großzügigen Doppelbett mit samtenem Baldachin waren noch vier Matratzen auf dem Boden in beiden Zimmern verteilt.
„Du bist nicht der Einzige, der heute übernachtet“, sagte Chrissy. Ihre Zähne strahlten unnormal weiß zwischen ihren schwarz geschminkten Lippen, als sie lächelte. „Ich hoffe, es wird hier nachher nicht zu eng.“
„Ganz bestimmt nicht“, sagte Niko mit einem ungläubigen Lachen. Sie befürchtete ernsthaft, dass es hier zu eng werden könnte?

Inzwischen lief Lady Gaga. Niko ließ seinen Blick über das reich bestückte Büffett wandern und wusste gar nicht, wo er zuerst hinschauen sollte. Der lange Tisch mit der schwarzen Tischdecke bog sich unter den Speisen. Es gab Frikadellen-Spinnen mit Zahnstocherbeinen, Wurstfinger mit Ketchup und Mandelblättern als Fingernägeln, giftig grüne und rote Äpfel, Geistermuffins, Minipizzen mit gruseligen Fratzen, Lakritz-Fledermäuse, Weingummi-Augen, extrascharfe Fischsuppe in einem großen Kessel, eine ganze Hand aus Wackelpudding, die gerade aus einem Gummihandschuh herausgeschnitten wurde, Weintrauben-Käse-Spieße, Krümelmonster-Cookies, Schokoladenmousse, das mit „Hundescheiße“ deklariert war, Spagettiwürmer mit Blutsoße, Obstspieße, neonfarbene Getränke in großen Kelchen, und überall hingen wie Spinnweben saure Weingummi-Schnüre. Die meisten Teller waren schon halb leer, und man sah, dass sich alle Gäste gut bedienten, doch Niko entdeckte auch einen noch randvollen Teller, auf dem sich Mumienfinger stapelten – Würstchen im Blätterteig, die im Backofen etwas schrumplig geworden waren und daher wirklich ganz schön eklig aussahen, weshalb wohl noch kaum jemand davon gegessen hatte. Vorsichtig probierte er. Sie schmeckten großartig. Froh, etwas gefunden zu haben, das ihm so schnell niemand streitig machen würde, stürzte er sich auf das Essen, denn die lange Fahrt hatte ihn hungrig gemacht und eine Party mit leerem Magen war immer doof.
„Prost, Niko! Du hattest noch gar kein Willkommensgetränk!“, rief Chrissy und stellte einen Reagenzglashalter auf dem Tisch ab, in dem eine handvoll kleiner Reagenzgläser mit grünen, blauen, roten, violetten und gelben Flüssigkeiten steckten.
„Ooooh, gib mir auch noch einen, Chrissy!“, rief jemand. Sofort waren Niko und Chrissy von mehreren Leuten umringt, die sich alle schnell ihre Lieblingssorte aussuchten. Niko, mit einem angeknabberten Mumienfinger in einer Hand, griff sich schnell ein violettes Glas.
„Gute Wahl, schöner Unbekannter“, sagte eine Catwoman mit kurzen roten Haaren zu ihm und hob ihr ebenfalls violettes Glas. Ihre Wangen glühten und ihre grünen Katzenaugen hinter der Latexmaske glänzten. Offenbar war es nicht ihr erstes Glas. „Ich bin Larissa“, stellte sie sich vor.
„Niko“, sagte er.
Unter großem Gegröle und Geschrei stießen alle miteinander an. Das lila Zeug schmeckte beim ersten Schluck nach Bonbonwasser, beim zweiten intensiv nach Pflaumen und Brombeeren, erst beim dritten schmeckte man den Alkohol. Gefährliches Zeug.
„Larissa, wollten wir nicht tanzen gehen?“, rief ein Mädchen in äußerst knapper, zerfetzter Schulmädchenuniform, arabischem Aussehen und wundervollen Haaren vom anderen Ende des Raums. Hinter ihr führte eine offene Tür in das Zimmer, aus dem die Musik kam. Ein paar tanzende Mumien und Samurais waren zu sehen.
„Ich komme gleich!“, rief Larissa zurück und drehte sich wieder zu Niko. „Willst du auch tanzen kommen?“
Niko zuckte die Schultern. Eigentlich war Tanzen auf Partys nicht so sein Ding. Entschuldigend hob er sein Reagenzglas. „Ich muss noch austrinken.“
„Mensch, das musst du doch auf Ex leeren!“ Demonstrativ stellte Larissa ihr Glas zurück in den Halter und zwinkerte ihm zu. „Du kannst ja nachkommen, wenn du willst.“
Niko nickte. Er konnte nicht anders, als kurz auf ihren Hintern zu schauen, als sie ging. Manchmal war es echt schade, dass er nicht hetero war, oder zumindest bi. Frauen hatten echt schön anzusehende Kostüme. Und schön anzusehende Hintern. Einen vergleichbaren Männerhintern hatte er auf dieser Party noch nicht gesehen. Niko leerte sein Glas und schaute sich möglichst unauffällig um. Es passierte nicht oft, dass er in eine Gruppe wie diese geriet, wo er absolut niemanden kannte. Er ging selten auf Partys, und wenn, dann war es die übliche Freundesgruppe aus seinem Dorf, wo jeder jeden kannte. Vielleicht war diese Party seine Chance, eine nette Bekanntschaft mit einem Jungen in seinem Alter zu schließen. Leider waren die meisten Partygäste, die er bisher gesehen hatte, Mädchen. Womöglich waren die Jungs alle im Tanzraum, aber das bezweifelte er. Außerdem war ihm ein gutes Gespräch mit einem süßen Gleichaltrigen tausendmal lieber als ein Partylöwe, der ihn antanzte und sich dabei unglaublich sexy vorkam. Doch die einzigen männlichen Vertreter waren ein etwas dicker Batman, der am Tisch saß und Hundescheiße aß, und ein kleiner Asiate mit irgendeinem Cosplay-Kostüm und blauer Perrücke, der mit seiner quirligen Art eine ganze Mädchengruppe unterhielt. Eines der Mädchen – ebenfalls eine Cosplayerin mit roten Korkenzieherlocken – entdeckte Niko, als er gerade überlegte, ob er sich an den Tisch oder lieber woanders hinsetzen wollte.
„Hey!“, schrie sie mit ziemlich schriller, aufgekratzter Stimme, „Du bist Niko, oder? Komm mal her, setz dich doch zu uns!“ Sie rückte ein Stückchen zur Seite und klopfte mit großer Geste neben sich aufs Sofa.
Warum eigentlich nicht, dachte Niko und griff sich noch schnell eine Handvoll Lakritz-Fledermäuse. Bei der unangenehm lauten Cosplayerin, die zu allem Überfluss auch noch einen Mini-Zylinder auf dem Kopf trug, musste es sich um Chrissys Schwester Mona handeln. Die beiden glichen sich wie ein Ei dem anderen – und waren trotzdem leicht auseinander zu halten, allein an der Lautstärke. Außerdem hatte Mona ihre Haare nicht wie Chrissy schwarz, sondern blutrot gefärbt. Niko hatte Mona noch nie zuvor in Natura erlebt und dachte, dass es vielleicht eine gute Idee sei, sie ein bisschen kennen zu lernen.
Kaum hatte sich Niko jedoch zwischen sie und den Asiaten gequetscht, bereute er seine Entscheidung schon. Das Geschnatter wurde gar nicht unterbrochen, als er sich dazu setzte, sondern ging nahtlos weiter. Alle redeten, schrien und lachten durcheinander. Für Nikos Geschmack waren sie alle ein bisschen zu laut, angetrunken und aufgedreht. Und der Chinese oder Japaner oder was auch immer er war, war der Schlimmste von allen. Er schien sich wie der Hahn im Korb zu fühlen, wie der Mittelpunkt der Party, und zupfte immer wieder wichtigtuerisch seine blaue Perücke zurecht. Stumm saß Niko dazwischen, wusste nicht, welchem Gespräch er zuerst folgen sollte – wenn man es überhaupt als Gespräche bezeichnen konnte – und kaute seine Fledermäuse, froh, dass er nichts sagen musste. Links ging es gerade um einen gewissen Paul („Und DAS hat er ihr INS GESICHT gesagt?!“ - „JA, voll KRASS oder?!“ - „OH MEIN GOOOOOOTT!“), rechts war Yaoi das Thema („Ich find die beiden ja SOOOO SÜSS zusammen!“ - „Oh mein Gott, JA! Und diese Sexszene, die war ja SO HEISS!“ - „OH MEIN GOTT JA, DIE SEXSZENE! Ich find ja Schwule sowieso total süß und heiß!“). Niko kannte weder Paul noch Yaoi und glaubte auch nicht, dass er eins von beidem kennen lernen wollte.
Als Mona merkte, dass Niko gar nichts sagte, kreischte sie: „Und du, Niko? Bist du gut hergekommen?“
„Hm“, machte er, den Mund voller Fledermaus. „Hmja, die Busverbindung ist ziemlich gut.“
„Gut! Das ist... gut!“ Mona nickte. Dann schrie sie in die andere Richtung: „OH MEIN GOTT Lulu, NEIN! Der Film ist SOOO scheiße!“
Auf der Suche nach einer Rettung hielt Niko Ausschau nach Chrissy oder Larissa, doch die waren nirgendwo zu sehen. Stattdessen entdeckte er im Türrahmen zum Tanzraum einen äußerst gutaussehenden Gladiator, komplett mit goldenem Brustpanzer, ledernen Arm-Manschetten, Fransenrock, Schwert und Boots. Aber was Nikos Blick wirklich länger als nötig verweilen ließ, war sein hübsches Gesicht. Ihre Blicke trafen sich.
Just in diesem Moment wurde Niko heftig von der Seite angestoßen. Er fiel gegen den Asiaten, der flugs seine verrutschte Perücke wieder gerade rückte. Zwei Lolita-Mädels hatten auf dem überfüllten Sofa ernsthaft eine Kissenschlacht begonnen! Als Mona und der Asiate auch noch in das allgemeine Geschrei und Gelächter einstimmten, wurde es Niko zu viel.
„Du gehst schon?“, fragte Mona bedauernd, als er aufstand. Ihre viel zu grell geschminkten Lippen standen leicht offen, als könnte sie sich wirklich nicht erklären, was Niko dazu bewogen hatte, zu gehen.
„Ich hol mir nur kurz was zu trinken.“ Niko kämpfte sich frei. Der dicke Batman saß noch immer am Tisch und aß, inzwischen hatte er sich den Muffins zugewandt und ihm wurde von einem schmächtigen Flash Gesellschaft geleistet, der pausenlos begeistert auf ihn einredete. Der hübsche Gladiator war natürlich längst verschwunden. Niko füllte sich ein Glas Kürbisbowle ab. Sie war ziemlich stark. Eins stand fest, diese Party würde er nicht nüchtern verlassen.
Chrissy stand in einer Ecke und telefonierte mit dem Mädchen, das immer noch nicht eingetroffen war und das sie endlich erreicht hatte. Sie sah trotzdem nicht glücklich aus. „Was meinst du damit? Ich hab dir doch auf Facebook geschrieben, dass die Party heute ist, oder? Ist schon ne Weile her. Oder hab ich das mit wem anders besprochen...? Auf jeden Fall ist sie heute und wir warten alle auf dich, also falls du doch noch kommen möchtest... Nein, ich weiß nicht, was meine Schwester dir gesagt hat – eigentlich war es von Anfang an abgemacht, dass wir heute feiern...“
Da konnte er sich wohl schlecht dazu gesellen. Er warf einen Blick in den Tanzraum. Der Beat und die gute Stimmung wollten auch ihm in die Beine gehen, doch er fühlte sich nicht wohl dabei, vor so vielen anderen Augen zu tanzen. Larissa und ihre schöne schwarzhaarige Freundin tanzten ausgelassen mit den anderen, schnitten Grimassen, sangen mit und lachten. Das war die Fröhlichkeit, die Niko eher ansprach als das künstliche Gackern und Kreischen von Monas Clique. Er wünschte, er wäre locker genug, sich einfach unter die Tanzenden zu mischen. Vielleicht musste er einfach mal mehr trinken, so wie alle anderen. Die schienen ja dadurch schön locker zu werden. Das Problem war nur, bevor er richtig betrunken war, wurde ihm immer schlecht. Er trank trotzdem noch einen großen Schluck Bowle. Ein bisschen mehr konnte nicht schaden.
„Na endlich, noch ein Nichttänzer, der vernünftig ist. Wer nicht tanzen kann, so wie ich, kann immerhin noch saufen.“
Niko wandte sich um. Ein Gespenst prostete ihm zu. „Gute Musik und gute Getränke, das braucht eine Party. Dieses Rumgehüpfe ist doch total überflüssig.“ Er trug tatsächlich so ein typisches weißes Bettlaken mit Augenlöchern und darüber seine Brille. Es sah zum Schreien aus. Zum Trinken musste er das Glas natürlich unter das Laken stecken. Ein Zipfel, den er wohl versehentlich hinein getunkt hatte, war schon rot getränkt.
Niko musste sich ein Grinsen verkneifen. „Prost“, sagte er, ohne darauf einzugehen, was er übers Tanzen dachte. Er deutete auf den roten Zipfel. „Wen hast du denn heute schon ermordet?“
„Ach, dieses unpraktische Kostüm!“, schnaubte der Geist und schüttelte die Stoffbahnen, als würde es dadurch weniger Stoff werden. „Chrissy und Mona haben darauf bestanden, dass jeder verkleidet zur Party kommt. Na ja, ich finde Verkleiden total unnötig und hab einfach behauptet, dass ich mich als ich selbst verkleidet habe, aber das haben sie nicht durchgehen lassen. Jeder, der ohne Kostüm kommt, muss zur Strafe so ein Bettlaken tragen.“
„Find ich witzig“, gluckste Niko.
„Ich nicht so“, brummte der Geist. Er streckte einen Zipfel aus. „Ich bin übrigens Paul.“
„Niko.“ Er fragte sich, ob dies der Paul war, über den Monas Kreisch-Freundinnen geredet hatten. Paul hatte sein Glas schon ausgetrunken und schenkte sich irgendeine perlende rote Flüssigkeit nach.
„Schenkst du uns auch was ein?“ Larissa und ihre Schulmädchen-Freundin waren wieder da, erhitzt vom Tanzen. Niko war froh, eine kleine Gruppe von einigermaßen vernünftigen Leuten gefunden zu haben, mit denen er sich nett unterhalten konnte. Das Mädchen mit den schönen Haaren stellte sich als Lydia vor. Geisterpaul schaute von einem Mädchen zum anderen.
„Seid ihr...“ Er wedelte hilflos mit seinen Geisterzipfeln hin und her, „Ihr wisst schon... zusammen?“
„Wir? Nein“, lachte Larissa.
„Noch nicht“, sagte Lydia mit leiser Samtstimme und schmunzelte in sich hinein. Es war das erste Mal, dass Niko ihre Stimme hörte. Larissa starrte sie an, versuchte, weiter zu lachen und errötete ein wenig unter ihrer Catwoman-Maske.
„Na, da freut sich jetzt aber einer“, sagte Niko und zwinkerte Geister-Paul zu, der bei Lydias Bekundung ganz hibbelig geworden war.
„Aber nein, so einer bin ich nicht!“, sagte Paul und rückte seine Brille zurecht. Larissa, Lydia und Niko schauten ihn an. Paul wand sich unter ihren Blicken. „Ich meine, ich hab ja nichts gegen... solche wie euch.“
„Lesben?“, sagten die Mädchen wie aus einem Mund. Eine schmal gezupfte, rote Augenbraue tauchte über dem Rand von Larissas Katzenmaske auf.
„Genau“, sagte Paul, der langsam ins Schwimmen geriet, und hielt sich an seinem Glas fest. „Ich hab nichts gegen Lesben. Aber ich bin auch keiner von diesen Creeps, die sich total daran... aufgeilen oder so.“
„Ich hoffe, du hast auch nichts gegen Schwule“, sagte Niko.
„Wieso?“
Schweigen.
Pauls Geisteraugen weiteten sich. „Oh.“
„Ach, du bist auch einer von uns? Willkommen auf der dunklen Seite!“ Kameradschaftlich klopfte Larissa Niko auf die Schulter. „Wir sind ja eine bunt gemischte Party: Hier sind Singles und Paare, Heteros, Lesben und Schwule...“
„Fehlt nur noch der Quoten-Neger“, sagte Lydia ohne mit der Wimper zu zucken. Sie hatte so eine leise, sanfte Stimme, dass man sie als schüchtern einstufen könnte, dabei war sie das genaue Gegenteil.
„Dafür haben wir ja dich“, sagte Larissa, „Du kommst immerhin aus Tunesien.“
„Und es gibt immer noch den Asiaten“, fügte Niko hinzu. Alle lachten. Spätestens jetzt war Niko sich sicher, dass es eine tolle Party werden würde.

Als es auf Mitternacht zuging, leerten sich die Partyräume zusehends. Nach und nach verabschiedeten sich immer mehr Gäste. Als nur noch eine kleine Gruppe da war, schrie Mona plötzlich: „Wer hat Lust auf DISKOOOOO?!“
Ihre Stimme war schon ganz heiser. Sie und ihre lautstarken Freunden wollten noch ausgehen, da ihnen die Hausparty langsam „zu öde“ wurde. Außerdem hatten sie jetzt genug vorgeglüht, da war es an der Zeit, dass die Nacht erstmal so richtig losging! Außerdem war in ihrer Lieblingsdisco und Karaokebar, dem Rocket, heute Zombie Night: Halber Eintritt für alle im Halloween-Kostüm! Niko hatte das Gefühl, dass das ganze Haus aufatmete, als die lärmende Truppe aus der Tür verschwunden war und endlich Ruhe einkehrte. Die wenigen verbliebenen Gäste, die nicht übernachten wollten, verabschiedeten sich von Chrissy und bedankten sich für die tolle Party. Dann schaltete Chrissy die Musik ab und lotste ihre Übernachtungsgäste hinauf in ihr Zimmer.
Zu Nikos großer Freude waren Larissa, Lydia und Paul mit von der Partie. Außerdem war da noch ein schwer verliebtes Pärchen, das mit Abstand die besten Kostüme der Party trug: Ein gruselig echt aussehender Zombie-Cowboy und ein pinkes Killerkaninchen mit Kettensäge. Als letztes betrat, er glaubte es kaum, der schöne unbekannte Gladiator das Zimmer. Niko wusste nicht, ob er sich darüber freuen sollte oder nicht. Er würde sich den ganzen Abend nicht entspannen können, denn sein dummes Herz klopfte plötzlich erwartungsvoll. Der Gladiator sprach in eindringlichem Flüsterton mit Chrissy. Er sah aus, als sei ihm irgendwas ein bisschen unangenehm. Doch Chrissy grinste nur und nickte beinahe überschwänglich.
Da sie noch nicht müde waren, stimmten sie ab, welchen Film sie schauen wollten. Zur Auswahl standen Scary Movie, Die Frau in Schwarz und Harry Potter. Zum Glück fiel die Wahl mit knapper Mehrheit auf den Zauberschüler. Nach einem Horrorfilm würde Niko garantiert nicht schlafen können. Und was Scary Movie betraf... darüber musste man wohl nicht weiter reden.
Damit der Abend noch lustiger wurde, schlug das pinke Killerkaninchen, das übrigens Emma hieß, ein Trinkspiel vor: Jedes Mal, wenn jemand im Film „Harry“ sagte, mussten alle Jungs einen Shot trinken; bei jedem „Potter“ die Mädchen; und bei jedem „Harry Potter“ waren sie alle dran. Gesagt, getan. Nach weniger als der Hälfte des Films brachen sie das Spiel jedoch ab, weil es einfach zu viel wurde. Niko fand, dass er sich ganz gut geschlagen hatte. Er fand auch, dass er nach jedem Schluck den Gladiator irgendwie noch anziehender fand als vorher. Er hätte sich ohrfeigen können, weil er sich kaum noch auf den Film konzentrieren konnte, und schob es auf seine Müdigkeit, dass seine Gedanken ständig abdrifteten.
„Wie kommt es eigentlich, dass wir acht Leute sind und nur sechs Betten haben?“, fragte Paul während des Abspanns.
„Ganz einfach“, erklärte Chrissy mit leicht lallender Stimme, „in mein Doppelbett passen auch locker drei Personen. Und ursprünglich waren nur sieben Übernachtungsgäste geplant, deshalb die vier zusätzlichen Matratzen. Jetzt haben wir noch einen Überraschungsgast dazu bekommen, es werden sich also entweder vier Leute in das Doppelbett quetschen müssen oder zwei Leute teilen sich eine Matratze. Oder ich leg mich einfach ins Bett meiner Schwester nebenan und hoffe, dass sie mich nicht rausschmeißt, wenn sie zurückkommt.“
Niko schauderte bei dem Gedanken, in diesem riesigen Haus ganz allein in einem Zimmer zu sein. „Auf keinen Fall!“, protestierte er. Die anderen stimmten mit ein. „Du bist die Gastgeberin, dann solltest du auch in deinem eigenen Bett schlafen dürfen“, fand Larissa.
Chrissy zuckte die Schultern. „Mir hätte es nichts ausgemacht, aber wenn ihr lieber kuscheln wollt, ist mir das auch recht.“ Sie gähnte. „Seid ihr auch schon müde oder wollen wir noch irgendwas machen?“
Natürlich war noch niemand müde, also beschlossen sie, ein paar Runden Flaschendrehen zu spielen. Nur Emma und ihr schweigsamer Cowboy klinkten sich aus. Sie führten eine Fernbeziehung, sahen sich also nur selten und würden morgen, am Sonntag, schon wieder Abschied nehmen müssen. Daher wollten sie wenigstens ein bisschen gemeinsame Zeit kuschelnd im Bett verbringen, wenn es den anderen nichts ausmachte. „Wir teilen uns auch eine Matratze im anderen Zimmer, damit ihr im Schlafzimmer ungestört seid“, sagte Emma.
„Wohl eher, damit ihr ungestört seid“, sagte Chrissy so leise, dass nur ihre anderen Gäste sie hörten.
Larissa, Lydia, Paul, Chrissy, der Gladiator und Niko schoben die drei Matratzen in Chrissys Zimmer so gut es ging auseinander, sodass sie einen Kreis bildeten und sie dazwischen ein bisschen freie Fläche auf dem Teppich hatten. Chrissy holte die inzwischen leere Flasche von dem Trinkspiel, verschloss sie vorsichtshalber und legte sie in die Mitte. Draußen heulte eine Windböe ums Haus. Die feinen Härchen auf Nikos Unterarmen stellten sich auf. Fröstelnd rieb er sich über die Arme.
„Angst?“, fragte der Gladiator lächelnd, der ihm aus irgendeinem Grund direkt gegenüber saß. Niko war sich nicht sicher, ob er stichelte oder freundlich sein wollte.
„Jetzt sei mal nicht so fies, Alec!“ sagte Larissa, die zur Nikos Linken saß, und legte ihm einen Arm um die Schultern. „Es kann ja nicht jeder so furchtlos sein wie du!“
Alec hieß er also.
„Furchtlos?“, wiederholte Niko.
„Ja, Alec hat vor absolut gar nichts Angst!“, sagte Paul. „Stimmt's, Alec?“
Alec lächelte nur und zuckte die Schultern.
„Ach, jeder hat doch vor irgendetwas Angst!“, sagte Chrissy, die gerade im Raum herumwuselte und auf allen Fensterbänken, ihrem Tisch und den Regalen hohe, schwarze Kerzen entzündete. „Sag schon, Alec, wovor fürchtest du dich?“
„Ist das schon die erste Frage? Du hast aber noch nicht die Flasche gedreht“, sagte Alec augenzwinkernd. Dann schnappte er sich schnell die Flasche, als Chrissy danach greifen wollte. „Ich fang an!“
„Also gut, du Macho.“ Chrissy setzte sich neben ihn und boxte ihm gegen die Schulter. Niko fragte sich, in was für einem Verhältnis die beiden eigentlich standen.
Die Flasche wirbelte auf dem Teppich im Kreis und blieb mit der Spitze zu Paul liegen. „Wahrheit oder Pflicht?“, fragte Alec.
„Wahrheit“, sagte Paul ohne zu überlegen.
„Hmmm... welche drei Dinge würdest du auf eine einsame Insel mitnehmen?“
„Standardfrage. Aber das ist einfach“, sagte Paul. „Natürlich ein Taschenmesser, ohne das kann man nicht überleben. Sonnencreme, schließlich will ich später keinen Hautkrebs kriegen. Und jede Menge Leuchtraketen, um Hilfe zu rufen.“
„Und wenn du freiwillig auf der Insel wärst und nach ein paar Wochen wieder abgeholt werden würdest?“
„Dann lieber ein Buch mit Survival-Tipps statt Leuchtraketen“, kam es wie aus der Pistole geschossen. Paul schien sich über diese Frage nicht zum ersten Mal Gedanken zu machen. Er nahm die Flasche und drehte sie. Sie zeigte auf Lydia. „Wahrheit oder Pflicht?“
„Pflicht.“
„Du musst pantomimisch deinen Traumberuf darstellen.“
Lydia stand auf und tat so, als würde sie mit einem Maschinengewehr schießen.
„Soldat!“, rief jemand.
Sie schüttelte den Kopf und zielte mit einer Pistole.
„Polizist!“
Wieder Kopfschütteln. Mit einem imaginären Messer oder Hackebeil schlug sie auf etwas ein.
„Metzger?“
„Holzfäller?“
Amüsiertes Kopfschütteln von Lydia. Sie packte Larissa von hinten, schaute mit Psycho-Blick in die Runde und tat so, als würde sie ihr die Kehle durchschneiden.
„Auftragskiller?!“, riet Niko.
„Na endlich!“ Zufrieden setzte sich Lydia wieder an ihren Platz. Die anderen lachten, doch es kam zögerlich. Fragend schauten Chrissy und Niko sich an. Das meinte Lydia doch nicht ernst, oder?
Lydia drehte die Flasche, bis sie auf Niko zeigte, und er entschied sich für Pflicht.
„Du musst das Mädchen anrufen, das heute nicht gekommen ist, und sie mit einem gruseligen Anruf überraschen.“

Und so ging es in einer Tour fort. Larissa musste sich eine Runde lang wie ein Huhn benehmen, Chrissy verriet, dass sie Johnny Depp heiß fand, Pauls gestand, dass sein erster Kuss mit seiner Schwester war, Alec musste laut aus dem Fenster rufen, dass er schwanger war, Lydias erster Kuss war mit einem Mädchen gewesen, und Niko musste ein seltsames Mixgetränk trinken, das die anderen für ihn zusammenmischten. Es schmeckte widerlich. Paul musste zur Nachbartür gehen und mit „Süßes, sonst gibt’s Saures“ drohen, Alec musste endlich seine einzige Furcht verraten (es waren Clowns), Lydia musste alle Strophen eines One-Direction-Songs singen, Larissa sagte, dass sie schon mal eine Barbiepuppe gestohlen hatte, Niko verriet, dass er mal in seinen Mathelehrer verknallt gewesen war, und Chrissy musste zehn Liegestützen machen.
Vielleicht lag es an der späten Stunde, vielleicht am Alkohol, vielleicht aber auch daran, dass sie alle immer vertrauter miteinander wurden – jedenfalls sank allmählich die Hemmschwelle und die Fragen wurden deutlich intimer.
„Zeig uns deine Unterhose!“, wurde Chrissy von Larissa aufgefordert. Kichernd kam sie der Aufforderung nach. Sie trug eine schwarze Spitzen-Unterhose, was alle zu anerkennenden „Oh!“- und „Ah!“-Rufen verleitete. Nur Paul sagte nichts und lief tomatenrot an.
„Bist du noch Jungfrau?“, fragte Chrissy Paul, bevor seine Gesichtsfarbe sich wieder normalisiert hatte. Er wurde dunkelviolett und druckste herum. „Ja“, murmelte er schließlich.
„Cool, dann bin ich ja nicht die einzige!“, sagte Chrissy, um die Situation aufzulockern.
Als nächstes forderte Paul Lydia auf, eine Person aus dem Kreis auf den Mund zu küssen. Natürlich wählte sie Larissa. Und statt eines kleinen Kusses mit geschlossenen Lippen wurde es gleich ein inniger Zungenkuss. Lydia tat danach so, als wäre gar nichts passiert, doch Larissa konnte die Augen nicht von ihr abwenden.
„Niko, was ist deine Lieblings-Sexstellung?“, fragte Lydia, als er an der Reihe war.
Niko zögerte. „Doggy.“
„Als Top oder als Bottom?“, fragte Alec ungeniert.
„Das war nicht die Frage“, erwiderte Niko schnell.
„Dann merk ich sie mir für die nächste Runde“, sagte Larissa leise und grinste debil.
Niko räusperte sich und drehte die Flasche. Sie zeigte auf... Alec. Payback time! „Was ist deine Lieblings-Sexstellung?“, fragte er.
„Doggy“, sagte Alec, ohne mit der Wimper zu zucken.
Chrissy kicherte. Niko wusste nicht, wohin er schauen sollte. Als Alec die Flasche drehte, war es wohl ein Wink des Schicksals, dass sie schon wieder auf Niko zeigte. Larissa beschwerte sich: „Jungs, wir wollen auch noch mitspielen!“
Doch Alec ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. „Also, Niko.“ Interessiert lehnte er sich vor. „Top oder Bottom?“
„Du hast mich noch nicht einmal gefragt, ob ich mich für Wahrheit oder Pflicht entscheide!“, protestierte Niko. „Ich nehme nämlich Pflicht.“
„Also gut“, seufzte Alec und überlegte kurz. „Du musst einer anwesenden Person das Oberteil ausziehen. Und sie muss dann für die nächste Runde so dasitzen.“
Hoffte Alec, dass Niko ihn wählen würde? Kurz überlegte Niko ernsthaft, ob er ihm den Gefallen tun sollte. Doch dann entschied er sich lieber für Larissa. Sie war lockerer drauf als Paul, nicht so undurchschaubar wie Lydia und im Gegensatz zu Chrissy trug sie kein langes Kleid, wo man das Oberteil nicht ausziehen konnte. Und Alec war einfach nur... Nein.
„Oh, Niko, hast du etwa Gefallen an mir gefunden?“, lachte Larissa und ließ ihn bereitwillig den Reißverschluss von ihrem dünnen Catwoman-Oberteil aus schwarzem Kunstleder öffnen.
„Wenn ich hetero wäre, vielleicht“, sagte Niko und streifte das offene Oberteil von ihren blassen, mit Sommersprossen gesprenkelten Schultern. „Aber ich glaube, dann würde mich jemand umbringen.“ Er warf einen kurzen Seitenblick zu Lydia, die ihn mit beunruhigend starrem Blick beobachtete. Ihre dunklen Augen schienen ihn zu durchbohren. Als sich ihre Blicke trafen, zuckte Lydia mit den Schultern, als würde es ihr nichts ausmachen, und schaute demonstrativ weg.
„Den BH auch?“, fragte Niko halb im Scherz. Sofort starrte Lydia ihn wieder an. Mit Todesblick.
„Hmm...“, machte Alec und tat so, als würde er überlegen. Niko griff schon nach dem Verschluss des schlichten, aber nicht unvorteilhaften schwarzen Bhs, doch Larissa schlug ihm auf die Finger. „Untersteh dich, du lüsterner Pirat!“
Das Spiel ging weiter und als die Flasche das nächste Mal auf Alec zeigte (der mal wieder Pflicht wählte), fand Paul wohl, dass die anderen Mitspieler von Alec und Niko und ihren Aktionen eine Ruhepause brauchten. „Alec, du musst dich eine Runde lang in Chrissys Kleiderschrank einsperren lassen. Zusammen mit Niko.“
„Aber auf mich hat die Flasche doch gar nicht gezeigt!“, protestierte Niko halbherzig, denn er hatte eigentlich überhaupt nichts dagegen, mit Alec in einen Schrank gesperrt zu werden, fand aber, dass er dennoch widersprechen sollte, einfach aus Prinzip. Und damit Alec nicht dachte, dass er allzu leicht zu haben war.
„Pech für dich“, sagte Paul trocken.
„Glück für mich“, fügte Alec hinzu, stand auf und zog auch Niko auf die Beine, der die Augen verdrehte, sich aber ein Grinsen nicht ganz verkneifen konnte und sich mitziehen ließ.
Chrissy hatte viele Klamotten in ihrem Schrank. Zu viele, nach Nikos Meinung, denn eigentlich war überhaupt kein Platz mehr für zwei Personen. Schon gar nicht für zwei fast ausgewachsene Jungs wie sie, die schon jetzt nicht gerade klein waren. Niko musste sogar seinen Dreispitz absetzen, damit sie hinein passten. Eingeengt zwischen Sommerkleidern und Wintermänteln wurden Niko und Alec von den Stoffmassen gegeneinander gepresst, ob sie wollten oder nicht. Chrissys Augen glitzerten bei dem Anblick, bevor sie die Türen fest verschloss. „Viel Spaß, Jungs!“, drang ihre Stimme gedämpft durch die Türen, „Wir holen euch dann in ein paar Stunden wieder raus!“ Sie klopfte noch einmal gegen die Tür, dann war sie verschwunden.
Dunkelheit umgab Alec und Niko. „Gut, dass keiner von uns beiden klaustrophobisch ist“, sagte Niko sehr leise, denn Alecs Ohr war nur ein kleines Stück von seinem Mund entfernt.
„Und gut, dass keiner von uns Angst vor der Dunkelheit hat“, fügte Alec hinzu. Niko spürte das Vibrieren seines Brustkorbs, während er sprach, und seinen warmen Atem im Gesicht. Ihm wurde bewusst, wie nah sie sich gerade waren, so nah, wie sich eigentlich nur sehr enge Freunde oder Liebende kamen. Die persönliche Privatsphäre, die jeden Menschen umgab, war einfach gesprengt worden. Dabei waren sie zwei völlig Fremde. Na ja, fast Fremde. Immerhin hatten sie in den letzten Stunden einiges übereinander erfahren, auch sehr persönliche Dinge. Nur eins wusste Alec noch nicht.
„Ich habe Angst vor der Dunkelheit“, verriet Niko das Geheimnis. „Es ist das Einzige, wovor ich mich fürchte.“
„Angeber“, sagte Alec und es klang fast wie ein Kompliment.
„Du bist hier der Angeber“, sagte Niko, „Du hast doch vorhin behauptet, dass Clowns das Einzige sind, wovor du dich fürchtest. Wie typisch.“
„Ach, und Angst vor der Dunkelheit ist nicht typisch?“ Niko kam es vor, als würde sich Alec absichtlich noch enger an ihn drücken. Er spürte das glatte Material des Brustpanzers und des Gladiator-Rocks. Niko fragte sich, ob er vielleicht doch ein bisschen klaustrophobisch war, denn sein Magen fühlte sich plötzlich eng an und sein Herz schlug schneller, als er so eingeengt wurde. „Hast du jetzt Angst?“, fragte Alec.
„Vor dir?“
„Vor der Dunkelheit natürlich.“
Obwohl Niko sein Gesicht nicht sah, hatte er das Gefühl, dass Alec grinste. „Nein. Weil ich weiß, dass die Dunkelheit nur hier im Schrank ist. Glaubst du, ein Pirat würde sich vor einem dunklen Schrank fürchten?“
„Nein, aber ein unbewaffneter Pirat sollte sich davor fürchten, mit einem bewaffneten Gladiator in einem Schrank eingesperrt zu sein.“
Langsam gewöhnten sich Nikos Augen an die Dunkelheit. Er sah zwei schwach glitzernde Punkte direkt vor seinem Gesicht. Das mussten Alecs Augen sein. Er stand noch dichter vor ihm, als er gedacht hatte. Und sie waren genau gleich groß, denn Alecs Augen waren exakt auf derselben Höhe wie Nikos. „Ich hab einen Revolver“, sagte Niko.
„Ohne Munition? Der wird dir nicht viel nützen.“
„Aber dein kleiner Plastik-Dolch?!“
„Kurzschwert, bitte. Außerdem hab ich noch eine ganz andere Waffe...“ Alec drängte sich noch enger gegen Niko. Sein Brustpanzer drückte fest gegen Nikos Brust, er spürte die Wärme, die sein Körper abstrahlte, spürte Haarsträhnen, die ihn in der Stirn kitzelten, und er spürte Alecs Atem auf den Lippen, als dieser fragte: „Hast du jetzt Angst?“
Niko kam nicht mehr dazu, zu antworten, denn plötzlich klapperte lautstark der Schlüssel im antiken Schloss der Schranktür. Schnell zog sich Alec von Niko zurück, zumindest, so weit er zurückweichen konnte. Gerade rechtzeitig, denn schon wurden die Schranktüren von vier verschlagen grinsenden Freunden aufgerissen, die irgendwie enttäuscht aussahen, als sie Alec und Niko erblickten. Zumindest die Mädchen. Niko wollte gar nicht wissen, was sie erwartet hatten, was er und Alec in diesem Schrank anstellen würden. Geblendet von der Helligkeit des Zimmers (obwohl es nicht wirklich hell war), befreiten sich Niko und Alec aus dem Schrank und rieben sich die Augen. Alec setzte Niko seinen Piratenhut wieder auf und Niko nickte ihm dankbar zu. Den Hut hätte er fast vergessen.
„C'mon, guys! Come out of the closet!“, rief Larissa.
„Sie darf nur Englisch reden“, erklärte Chrissy, während sie alle wieder auf den Matratzen Platz nahmen. „Und Lydia hat daraufhin Paul gezwungen, nur noch in Reimen zu sprechen.“
„Rache ist süß“, sagte Lydia lächelnd.
„Rache ist bitter, und du bist ein Zwitter“, maulte Paul, das Gespenst. „Und falls es jemanden interessiert: Chrissy sagt, dass sie alle drei Wochen masturbiert.“
„Sei still, Paul!“, zischte Chrissy und wurde rot.
„Was?!“, riefen Alec und Niko entsetzt wie aus einem Mund, „Nur alle drei Wochen?“
Alle schauten Chrissy erwartungsvoll an. „Na gut, vielleicht auch jede Woche einmal“, gab Chrissy zu. Das Starren hörte nicht auf. Alle schwiegen. Chrissy wurde noch röter. „Oder öfter! Können wir jetzt bitte weitermachen?“
„Keep calm, mylady, and spin the bottle“, sagte Larissa grinsend. Sie trug inzwischen wieder ihr Oberteil, hatte den Reisverschluss jedoch offen gelassen, sodass weiße Haut hervorblitzte.
„Oh, stimmt. Ich bin ja dran.“ Verstreut griff Chrissy nach der Flasche und drehte sie so schwungvoll, dass sie gegen Alecs Knie prallte. „Au!“, beschwerte er sich. „Wahrheit.“
Nachdenklich schaute Chrissy von Alec zu Niko und zurück. „Alec, wenn du eine Person hier in der Runde auf ein Date einladen würdest, wer wäre es?“
„Hmmm.“ Alec runzelte die Stirn und rieb sich das Kinn, als könnte er sich nicht entscheiden. „Vielleicht... Ich würde mal sagen... Hey, wie wär's mit Niko?“
„Chrissy, warum stellst du Fragen, auf die wir alle die Antwort schon wissen?“, fragte Paul und fügte hinzu, damit es sich reimte: „Das finde ich von dir echt beschissen.“
Und weiter ging das Spiel.

Es kam, wie es kommen musste. Als die Flasche das nächste Mal auf Niko zeigte und er sich für Pflicht entschied, ahnte er schon, was kommen würde, bevor Larissa die Aufgabe aussprach. Ihr Grinsen sagte alles. Er wusste auch, dass er nicht tun würde, was sie verlangte, zumindest nicht vor aller Augen. Doch er war inzwischen schon ziemlich müde, fühlte sich betrunken und außerdem war es ein emotional ziemlich stressiger Abend gewesen. Wenn er sich weigerte, war das Spiel zu Ende, zumindest für ihn. Doch Larissa überraschte ihn. Sie sagte nicht das, was er erwartet hatte, sondern: „Gay chicken!“
Alle schauten verwirrt drein – alle bis auf Larissa und Chrissy. Niko blickte hilfesuchend zu Alec, doch der zuckte nur die Schultern. „Hast du mich gerade ein schwules Huhn genannt?“, fragte Niko Larissa.
„Mensch, Leute!“, rief Chrissy, „Kennt denn wirklich niemand von euch das Spiel Gay Chicken?“
Ringsum Köpfeschütteln. Chrissy und Larissa seufzten schwer. „There is no hope for them“, sagte Larissa mit Totengräber-Miene. Chrissy nickte bedauernd. „Ihr seid alle definitiv zu wenig im Internet. Oder zumindest auf den falschen Seiten. Also passt auf: Beim Gay Chicken geht es darum, dass zwei Leute desselben Geschlechts sich küssen, und wer zuerst aufhört, hat verloren.“
„Ist das nicht ein bisschen witzlos, wenn beide schwul sind und aufeinander stehen?“, fragte Alec.
„Wer sagt, dass ich auf dich stehe?“, gab Niko prompt zurück.
Alecs Augen glitzerten. „Umso besser, dann wird das Spiel spannender. Komm her, und dann kann es losgehen.“
„Komm du doch her“, erwiderte Niko, der sich langsam etwas in die Enge gedrängt fühlte. Jetzt kam also doch der Part, mit dem er schon gerechnet hatte: Ein Kuss vor versammelten Fangirls. Das Problem war: Die Herausforderung war nicht nur für ihn bestimmt, sondern für Alec. Hatte Niko also überhaupt eine Wahl? Und wenn er sich weigerte, würde er damit das Spiel sowohl für sich selbst, als auch für Alec beenden? War das fair?
Er hatte noch keine Entscheidung getroffen, da war Alec schon bei ihm. Er streckte eine Hand nach Niko aus und legte sie nicht unsanft auf seine Schulter. Doch Alec zögerte. Was ging ihm wohl durch den Kopf? Niko versuchte, in seinen Augen zu lesen, doch sie waren unergründlich, sein Gesicht eine mysteriöse Maske. Würde er das wirklich durchziehen? Niko war sich nicht sicher, ob er das wollte oder nicht. Eigentlich war es ziemlich unromantisch. Überdeutlich nahm er den Kreis seiner Freunde wahr, die mucksmäuschenstill waren, den Atem anhielten und gebannt das Schauspiel verfolgten, als sei es eine Zirkusdarbietung. Aber andererseits war dies vielleicht die einzige Chance, die er bekommen würde.
Alec schien seine Entscheidung getroffen zu haben. Entschlossen beugte er sich vor. „Stop!“ Reflexartig stieß Niko gegen den Hartplastik-Brustpanzer. Er wand sich aus seinem Griff und stand auf, damit Alec nicht auf die Idee kommen konnte, ihn noch einmal an sich zu ziehen. Niko blickte in eine Runde verblüffter Gesichter. „Da mach ich nicht mit“, sagte er. Er war enttäuscht von sich selbst. Es war eine äußerst unangenehme Situation. Besonders Larissa sah betreten aus. „Tut mir leid, Niko“, sagte sie zerknirscht, jetzt nicht mehr auf Englisch, denn das Spiel war vorbei. „Ich dachte...“
„Ist schon okay.“, sagte Niko. Die Stille zog sich in die Länge. Niko wollte irgendeinen Witz machen, um die Situation aufzulockern, doch sein Kopf war leer. „Ich geh mir dann mal die Zähne putzen.“

Es klopfte an der Badezimmertür. „Hm?“, machte Niko, die Zahnbürste im Mund. Er spuckte einen Schwall Schaum aus. „Komm rein.“
Mit schuldbewusster Miene trat Alec ein. Er trug schon seinen Schlafanzug und schien nicht zu wissen, wohin mit seinen Händen. Ohne das Gladiatoren-Kostüm und sein Selbstbewusstsein war Alec gleich ein ganz anderer Mensch. Er wirkte kleiner und jünger. Und irgendwie putzig. Da er nicht wusste, was er sagen sollte, stellte er sich mit seiner Zahnbürste neben Niko ans Waschbecken und sie schrubbten still vor sich hin. Als Niko fertig war und das Bad verlassen wollte, griff Alec nach seinem Arm. „Warte kurz.“ Er legte die Zahnbürste beiseite. „Ich glaube, es gab ein Missverständnis zwischen uns. Ich dachte, du wolltest... Na ja, ist ja jetzt auch egal. Ich wollte mich nur entschuldigen“, murmelte er, ohne Niko dabei anzusehen. Er wirkte etwas unbeholfen, wie jemand, der sich nicht oft bei anderen entschuldigte.
„Das war kein Missverständnis. Ich wollte es nur nicht vor allen anderen. Und nur, weil es eine Pflicht war.“ Niko musste lächeln, als er Alecs verwunderte Miene sah. „Ich will keinen Pflicht-Kuss. Wenn, dann muss es schon freiwillig sein.“ Er gab Alec einen kurzen Kuss auf den Mund. Dann wollte er gehen, doch Alec hielt ihn noch immer am Arm fest, und bevor er sich versah, hatte dieser ihn schon an sich gezogen.
Einen Zahnpasta-Kuss später trat Niko leicht schwankend aus dem Bad und kehrte in Chrissys Schlafzimmer nebenan zurück. Es fühlte sich an, als hätte er Watte im Kopf, was wohl nicht nur an dem Alkohol und seiner Müdigkeit lag. Als die anderen ihn etwas belustigt begrüßten, wurde ihm bewusst, dass er ein breites Grinsen im Gesicht hatte. Larissa und Lydia hatten sich schon auf zwei Matratzen nebeneinander zusammen gekuschelt und Paul saß auf der dritten Matratze und tippte auf seinem Handy. Da würden sich wohl Chrissy, Niko und Alec das große Himmelbett teilen. Er hatte absolut nichts dagegen. Niko war kalt an den nackten Füßen, also kroch er schnell unter die dicke schwarze Decke. Er war sich sicher, dass ihn das Bauchkribbeln noch lange wach halten würde, doch schon kurz darauf schlief er tief und fest.

Er war sich nicht sicher, was ihn geweckt hatte, doch im Dunkeln konnte er eine schemenhafte Gestalt ausmachen, die sich über ihn beugte. Ihn beschlich ein mulmiges Gefühl. Es war einfach zu dunkel hier. Unwillkürlich rückte er näher an die warme, schlafende Gestalt neben ihm, Chrissy oder Alec, es war ihm egal, er hätte sich in diesem Moment selbst an Paul angekuschelt. „Niko“, flüsterte die Gestalt mit Larissas Stimme, „Bist du noch wach?“
„Jetzt schon“, murmelte er mit vom Schlaf belegter Stimme. „Was gibt’s denn?“
„Ich suche Lydia. Sie ist verschwunden. In diesem verflucht riesigen Haus findet man ja nichts und niemanden wieder.“
„Ey“, protestierte Chrissys schläfrige, gedämpfte Stimme von der rechten Bettseite, „Nenn unser Haus nicht verflucht. Da kommen böse Kindheitserinnerungen hoch.“
„Was für böse Kindheitserinnerungen?“, fragte Larissa, bevor Niko sie davon abhalten konnte. Er wollte keine Gruselgeschichten von verfluchten, dunklen Anwesen hören, er wollte ohne Albträume schlafen!
Doch Chrissy fuhr schon fort: „Als ich klein war, hörten wir nachts immer komische Geräusche im Haus. Die Türen quietschten und die Dielen knarrten. Unsere Eltern behaupteten, der Wind würde die offen stehenden Türen bewegen und wir hätten Mäuse auf dem Dachboden, aber Mona und ich glaubten das nicht, denn es klang anders. Ich war damals noch klein und glaubte an Geister, deshalb erzählte mir Mona immer Schauergeschichten darüber, dass es in unserem Haus spukte...“
„Okay, Chrissy, das reicht“, sagte Niko und schüttelte sich.
Chrissy kicherte. „Hast du etwa Angst vor Geistern? Ich kann dir gern noch mehr erzählen...“
Schnell stieg Niko aus dem Bett. „Komm, Larissa, lass uns nach Lydia suchen. Hast du schon in der Küche geschaut? Vielleicht hat sie sich noch etwas zu trinken geholt.“
„Nein, im Erdgeschoss war ich noch nicht. Aber hier im Obergeschoss ist sie nicht, auch nicht im Bad. Ich hab alles abgesucht.“
„Dann muss sie ja unten sein“, gähnte Chrissy schläfrig, „So groß ist unser Haus nun auch wieder nicht.“
„Groß genug“, sagten Larissa und Niko wie aus einem Mund. Gemeinsam gingen sie hinunter ins Erdgeschoss über die gewundene Wendeltreppe, die ins Dunkle führte. Es waren einfach zu viele Zimmer, deshalb teilten sie sich auf. Niko ging als Erstes zum Badezimmer, da es ja sein konnte, dass Lydia aus irgendeinem Grund nicht das Bad im Obergeschoss verwenden wollte. Volltreffer! Unter der Tür flimmerte ein fahler Lichtschein hervor. Die Tür war nur angelehnt. „Lydia, bist du hier?“, fragte Niko. Als Antwort erhielt er nur unverständliches Gemurmel. Zögerlich stieß er die Tür auf. Bei dem Anblick, der sich ihm bot, stellten sich ihm alle Nackenhaare auf: Das große Bad war nur mit ein paar Kerzen beleuchtet, die flackernde, tanzende Schatten an die Wände warfen. Lydia stand über das Waschbecken gebeugt und starrte mit großen Augen in den Spiegel. „Bloody Mary“, murmelte sie beschwörend. „Bloody Mary. Bloody Mary.“ Ihre Stimme hallte von den Fliesenwänden des großen Raums wieder. Plötzlich trafen sich ihre Blicke im Spiegel. Das Spiegelbild lächelte und sah gar nicht mehr wirklich aus wie Lydia. Nein, sagte sich Niko, natürlich ist das noch Lydia, und ihr Spiegelbild lächelt nur deshalb, weil sie es auch tut.
„Lydia, was machst du da?“, fragte er. „Wir haben dich schon gesucht. Wollen wir nicht wieder nach oben gehen?“
Langsam drehte sie sich um. Ihre Augen schienen dunkler zu sein als sonst und ihre Pupillen waren übergroß, sodass ihre Augen fast völlig schwarz wirkten. Sie trat ganz nah an ihn heran und flüsterte ihm ins Ohr. „Das ist dafür, dass du Larissa ausgezogen hast.“
„Was?“ Bevor er wusste, wie ihm geschah, war Lydia zur Tür gelaufen und schloss sie hinter sich. Geistesgegenwärtig lief Niko ebenfalls zur Tür, doch da drehte sich schon der Schlüssel im Schloss. Er rüttelte an der Klinke. „Lydia, lass mich raus!“ Nur Stille antwortete ihm. Niko war allein in dem gespenstischen Raum. Sein Spiegelbild schaute genauso hilflos zurück, wie er sich fühlte. Es sah blasser aus als sonst. Und täuschte er sich oder veränderten sich gerade seine Gesichtszüge? Sie schienen zu verschwimmen, zu verwischen, zu mutieren. Und war da hinter ihm nicht ein Schatten? Schnell wandte er sich ab. Sein Herz hämmerte. Blödsinn, sagte er sich, das ist nur das Licht der Kerzen, das meinen Augen einen Streich spielt. Er nahm sich vor, nicht mehr in den Spiegel zu schauen.
Erneut hämmerte er gegen die Tür. „Lydia! Ich weiß, dass du da bist! Lass mich raus!“ Keine Antwort. „Okay, du hast deinen Spaß gehabt, aber jetzt reicht es langsam! Ich find's nicht mehr witzig!“ Wieder keine Antwort. Niko rief und hämmerte noch eine ganze Weile, bis er endlich hörte, wie sich der Schlüssel im Schloss drehte. „Na endlich“, seufzte er, erleichtert, aus diesem finsteren Raum zu entkommen. Er war wütend, und das würde er Lydia auch ganz deutlich klar machen.
Doch es war nicht Lydia, die ihn befreite, sondern der Gladiator im Schlafanzug. „Da haben wir ja unseren Poltergeist“, sagte Alec grinsend. „Larissa hat sich schon gedacht, dass du hinter dem Lärm steckst, aber sie hat sich nicht getraut, nachzusehen. Vor allem, als Lydia ihr erzählt hat, dass sie im Bad einen Geist gesehen hat.“
„Diese verdammte...“ Niko biss sich auf die Zunge, bevor ihm eine wüste Beleidigung über die Lippen kam. Er wollte hier keinen Streit vom Zaun brechen. Konnte es sein, dass er überreagierte? Es war doch nur ein dummer Streich gewesen. „Im Bad brennen noch Kerzen“, murmelte er, „Wir sollten sie löschen.“
„Aha.“ Auffordernd schaute Alec ihn an. Niko blickte bittend zurück. Mit einem amüsierten Kopfschütteln ging Alec ins Bad und blies die Kerzen aus. „Du hast ja wirklich Angst vor der Dunkelheit.“
„Hättest du auch, wenn Lydia vor deinen Augen Bloody Mary beschwört.“
„Ich hab keine Angst vor Geistern. Außer, wenn sie eine Clownsmaske tragen. Aber ganz ehrlich, das hat sie getan? Die verrückte Nudel.“ Alecs Lächeln war irgendwo zwischen mitfühlend und belustigt. Niko kam sich vor wie der letzte Idiot. Wovor hatte er eigentlich Angst gehabt? Das war doch erbärmlich. „Gehen wir wieder nach oben“, sagte er kurz angebunden.

Aus irgendeinem Grund war Niko wütender auf Alec als auf Lydia. Besser gesagt, Lydia fand er zu gruselig, um sauer auf sie zu sein, deshalb projizierte er die gesamte Wut auf Alec, der sich über ihn lustig zu machen schien. Mit gemischten Gefühlen registrierte er, dass Alec sich diesmal im Bett genau neben ihn legte, weil Chrissy zu weit an den Rand gerutscht war, als dass noch jemand daneben gepasst hätte. „Du hattest wirklich Angst, oder?“, fragte Alec erneut, diesmal ehrlicher.
„Halt die Klappe“, murmelte Niko.
„Hey, war doch nicht so gemeint. Tschuldigung.“ Die Entschuldigung klang hölzern. Kein Wunder – Alec wirkte wie jemand, der sich nicht oft bei anderen entschuldigte. Er legte die Arme um Niko. „Besser?“
„Ja“, gab Niko widerwillig zu.
„Weißt du, ich wollte eigentlich gar nicht übernachten“, erzählte Alec. „Aber dann hab ich dich gesehen. Und gehört, dass du auch übernachtest. Also dachte ich, warum nicht? Es war eine spontane Idee.“
Niko schwieg geschmeichelt. Darüber hatten Alec und Chrissy also vorhin geredet! „Es war eine gute Idee“, sagte er leise. Einer plötzlichen Eingebung folgend, drehte er sich in Alecs Armen und küsste ihn. „Gute Nacht, Gladiator im Schlafanzug.“
„Gute Nacht, Käpt'n Poltergeist.“
Es war wohl das erste Mal in der Geschichte der Menschheit, dass ein antiker Gladiator und ein barocker Pirat aneinander gekuschelt einschliefen. Und irgendetwas sagte Niko, dass diese Geschichte noch nicht zuende war.
Aktualisiert: 12/11/15
Veröffentlicht: 12/11/15
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Schlußanmerkungen zum Kapitel
Happy Halloween! Zwinkernd
Chiyuki am 12/11/15 18:00
Hey hey ^^
Eine schöne, wenn auch durch den BxB-Bug verspätete Halloweenstory. Du hast eine super Atmosphäre kreiert, und obwohl ich Flaschendrehen total hasse, hätte ich mittlerweile fast Lust auf eine Runde Grinsend Es hat Spaß gemacht, die Geschichte zu lesen ^^
glg, chi



Antwort der Autors HeisseZitrone (02/08/18 11:05):
Ich hab auch noch nie wirklich Flaschendrehen gespielt, aber das Konzept eignet sich einfach super, um darüber eine Geschichte zu schreiben Lächelnd
Vielen Dank! Smiley
Truth or Dare
felis am 16/11/15 12:30
Rache ist Blutwurst...

Tolle Geschichte!



Antwort der Autors HeisseZitrone (02/08/18 11:06):
Genau! Lächelnd
vielen Dank! :3
Truth or Dare
Aussehen wechseln!
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Laberkasten
jabba
19/11/18 20:32
gibts ne rückmeldung, wenn die advenstürchen angekommen sind?

Witch23
16/11/18 08:44
frag rih

HeisseZitrone
15/11/18 21:06
Heyho, kennt sich jemand von euch mit Literaturagenten aus oder hat Connections zu Verlagen? Ich will mich langsam mal auf Verlagssuche für meinen Romantasy-Vampir-Schinken "Raven House" begeben...

split
15/11/18 20:21
XD Amen

jabba
10/11/18 22:29
es ist NaNo, da herrscht entweder Schweigen vor der Tastatur oder panisches "ich brauch nen Namen für ne Disco, SOFORT" XD

split
09/11/18 18:41
Hast du nicht XD Ist nur gerade ruhig hier. Wir sind im Chat am rotieren.

Witch23
09/11/18 07:10
habe das Gefühl das ich den Laberkasten kaputt gemacht habe

Witch23
31/10/18 23:05
die Einsendungen oder eben nicht. Aber es war die letzten Jahre immer recht stark auf den letzten Drücker, und Wie gesagt man wird älter.

Witch23
31/10/18 23:04
Go ist eigentlich noch vor November, denke aber das es sich auch von Seiten von Nika und Yavia nach den Einsendungen richtet und sie da nicht mehr die Zeit für haben sich zu kümmern. Entweder reichen

jabba
31/10/18 22:13
weil ich keine habe *deutet auf dateien*
ich warte nur aufs GO, dann werden die eingeschickt


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