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Durch einen Zufall lernt Martin seinen süßen Nachbar Theo in der Adventszeit näher kennen.

Genres: Reale Welt, Weihnachten, M/M (yaoi)
1. Warnung: Zucker
2. Warnung: Keine
3. Warnung: Keine

Kapitel: 1     Gelesen: Nicht möglich
Inhaltsverzeichnis

Wörter: 6330     Klicks: 3797
Veröffentlicht: 31/12/16 Aktualisiert: 31/12/16
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Anmerkungen zur Geschichte
Beitrag zum Adventskalender 2016
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1. Das Opfer der Weihnachtsplätzchen

Martin hustete verhalten als er den Ofen ausschaltete und ihm beim Öffnen der Tür eine Rauchwolke entgegen kam. Die ehemals hellen Plätzchen waren kohlrabenschwarz und der Rauch stach in den Augen. Der Rauchmelder im Flur begann penetrant zu piepen.
Hastig öffnete er alle Fenster und verfrachtete die beiden Bleche auf seinen kleinen Balkon.
"Verdammter Mist", fluchte er unweihnachtlich vor sich hin, während er auf einen Stuhl kletterte und das nervige Gerät an der Decke ausschaltete. Die ganze Arbeit war umsonst gewesen und das nur, weil er einen Moment nicht aufgepasst hatte.
Die Küche sah aus wie Sau, denn die Mehlpackung war ihm beim Teig mischen aus der Hand gerutscht und hatte sich über alles verteilt. Dabei hatte er das Mehl für diese dämlichen Haselnussplätzchen nicht einmal gebraucht. Von Haselnuss konnte da jetzt jedoch keine Rede mehr sein. Frustriert öffnete er auch das Fenster im Schlafzimmer, damit es einen Durchzug gab.
Der Geruch hatte sich in der ganzen Wohnung verteilt, weil er die Türen offen gelassen hatte. Ein Klingeln an der Wohnungstür lenkte ihn von seinen Flüchen und Schwören, so etwas nie wieder zu machen, ab.
Als er öffnete, stand dort sein niedlicher Nachbar. Blonde Haare, die einen wilden Mopp bildeten und mit ein wenig zu langen Strähnen in strahlende, grüne Augen hingen. Dazu ein Lächeln zum Dahinschmelzen. Den hätte Martin jeder Zeit gerne vernascht.
Statt etwas zu sagen, musterte sein Nachbar ihn nur von oben bis unten, während diverse Emotionen sein Gesicht zu einer seltsamen Grimasse verzerrten.
"Ja?", fragte Martin ein wenig frustriert und ungeduldig.
"Ähm... ich, also... es roch so komisch und da wollte ich mich nur erkundigen, aber..." Der Mann musste sichtlich mit sich kämpfen ernst zu bleiben.
Martin sah an sich hinab. Das Mehl hatte sich nicht nur in seiner Küche verteilt, sondern auch auf ihm, sogar in seinen kurzen, dunklen Haaren, wie ihm ein schneller Blick in den Flurspiegel gezeigt hatte. "Ja, alles unter Kontrolle, wenn man das so sagen kann. Kein Grund die Feuerwehr zu rufen, wenn‘s darum gehen sollte."
"Hm." Sein Nachbar zuckte mit den Schultern und grinste verlegen. "Was sollte es denn werden?"
Martin seufzte und lehnte sich in den Türrahmen. "Plätzchen natürlich. Aber das war wohl nix. Die kann ich so wie sie sind in die Tonne kloppen."
"Schade."
"Ja."
"Versuchst du es nochmal?"
"Mir ist die Lust vergangen. Muss eh erstmal die Sauerei in der Küche beseitigen."
"Ah, okay." Er schien zu überlegen, wandte sich halb ab und drehte sich dann doch wieder zu Martin. "Würdest du es mit etwas Hilfe denn noch mal versuchen? Ich hab das ziemlich gut drauf mit dem Backen. Mein Ofen ist leider kaputt, deshalb hab ich dieses Jahr noch keine gemacht, obwohl es bei mir eigentlich Tradition ist."
Martin blinzelte, dann zuckte er mit den Schultern und öffnete die Tür weiter. "Komm rein."
Wenn sein Nachbar sich schon so selbstlos anbot, würde er da sicher nicht nein sagen. Außerdem musste er sich so später keinen fadenscheinigen Grund überlegen, warum er ihm eine Tüte mit kläglichen Plätzchen an die Tür hängte.
Zusätzlich war das die beste Gelegenheit ihn ein wenig auszufragen. Sie wohnten jetzt schon seit einigen Monaten nebeneinander, aber außer ein paar eiligen Begegnungen im Treppenhaus hatten sie sich bisher noch nicht unterhalten können.
Ein weiterer nicht unwichtiger Punkt der dafür sprach, war der Umstand, dass er seine Rettung war, um vor seiner hämischen Schwester nicht zugeben zu müssen, dass er auf ganzer Linie versagt hatte. Die Wette mit ihr war immerhin der Hauptgrund für die ganze Aktion gewesen.

Sein namenloser Nachbar sah sich unauffällig um, nicht unauffällig genug.
"Ich heiße übrigens Martin."
"Ich weiß, sorry, Theo." Damit war dieses Rätsel also geklärt.
"Freut mich. Du bist ehrlich meine Rettung." Er dirigierte ihn zur Küche, die immer noch chaotisch aussah. Der Rauch hatte sich zum Glück verzogen, auch wenn der verbrannte Geruch wohl noch eine Weile bleiben würde.
"Setz dich. Ich räum erstmal schnell auf und beseitige die Beweise meiner Niederlage."
"Ich helf dir", meinte Theo, doch Martin schüttelte den Kopf.
"Soweit kommt‘s noch. Gib mir nur fünf Minuten." Martin putzte endlich das Mehl zusammen, holte die beiden Bleche vom Balkon und kippte deren schwarze Last kollektiv in den Mülleimer.
Nach ein wenig wischen und sortieren sah die Küche wieder passabel aus. Theo beobachtete ihn dabei.
"Wie ist das denn eigentlich passiert?"
"Ich habe keine Ahnung. Da stand man soll sie eine halbe Stunde drinnen lassen und da war ich eben nicht im Raum, dann hat das Telefon geklingelt..." Martin zuckte verwirrt mit den Schultern, während Theo skeptisch guckte.
"Zeig mal das Rezept", forderte er und Martin schob ihm bereitwillig den Zettel zu, auf den er alles aus dem Internet abgeschrieben hatte.
"Also ich bin zwar kein Profi, aber entweder ist die Zeitangabe komplett falsch oder die Temperatur stimmt nicht."
"Mist, muss mich beim Abschreiben vertan haben."
"Passiert. Aber keine Sorge, jetzt bin ich ja da. Müssen es diese sein, oder ist es egal?"
"Naja, Hauptsache lecker und nicht zu kompliziert. Und es muss mit dem gehen, was da steht." Martin deutete auf den kleinen Küchentisch, wo er alles hingestellt hatte, was da war.
"Das ist kein Problem, das sieht aus, als hättest du die halbe Backabteilung geplündert und was Größeres vor." Martin konnte nur verlegen nicken, denn er hatte es wohl ein wenig übertrieben.
"Kein Ding. Warte kurz, bin gleich wieder da." Theo stand auf und verschwand im Flur. Martin konnte erst seine, dann nach kurzem Schlüsselklirren Theos Wohnungstür hören. Es wurde still, dann gingen die Türen erneut und Theo war wieder da, ein kleines Buch in der Hand. Das wirkte, als wäre es schon öfter benutzt worden.
"Et voilà, mein Zauberbuch. Mal sehen, schnell und einfach." Theo setzte sich wieder hin und blätterte ein wenig darin herum. Wenn er eine Seite gefunden hatte, die er passend fand, hielt er inne und studierte kurz, was auf dem Tisch stand, dann blätterte er wieder weiter. Martin beobachtete ihn geduldig dabei und genoss den Anblick.
Schließlich sah Theo zu ihm. "Mit dem, was du da hast, können wir auf die Schnelle die, die und die hier machen." Er zeigte ihm jeweils die Fotos, die bei den Rezepten waren, und Martin konnte nur begeistert nicken.
Wenn die nachher nur halb so gut aussahen wie auf den Fotos, hätte er gegen seine Schwester auf jeden Fall gewonnen. "Dann gebe ich mich vertrauensvoll in deine Anweisungen, Meister."
Theo lachte sanft und schnappte sich eine Schüssel. "Okay, dann fangen wir gerade mit denen hier an." Sie wogen die Zutaten ab, kippten alles zusammen und Martin übernahm das Kneten.

"Bist du erst in die Stadt gezogen oder hast du nur innerhalb der Stadt die Wohnung gewechselt?", fragte Theo während er sich hinsetzte und ihn dabei beobachtete, wie er gegen die zähe Masse in der Schüssel kämpfte.
"Bin erst hergezogen, wegen des Studiums."
"Gefällt‘s dir hier?"
"Ja, ist ziemlich cool. Und du? Wie lange wohnst du schon hier?"
"In der Wohnung drüben seit zwei Jahren, aber ich komme von hier, ich wollte nur zu Hause raus."
"Und studierst du auch?"
"Nee, arbeite ganz banal."
"Ist ja auch gut. Okay, ich glaub der Teig ist fertig."
Theo stibitzte sich ein paar Krümel zum Naschen. "Super, dann auf den Teller da tun, abdecken und in den Kühlschrank stellen. Dann können wir den nächsten anfangen."
"Das ging ja schnell", meinte Martin überrascht, während er die Teigreste von seinen Fingern friemelte.
„Ja, das ist meistens so. Das Ausstechen oder Formen ist das, was immer so aufwendig ist.“

Sie arbeiteten sich langsam durch die Zutaten und Rezepte. Zwischendurch verschwand Theo erneut in seiner Wohnung um eine ganze Dose voller Ausstechformen zu holen, nachdem er Martins einsamen Stern skeptisch betrachtet hatte.
Sie unterhielten sich die ganze Zeit und kamen von einem Thema zum anderen. Hobbies, Familie, Reisen, Pläne für die Feiertage.
Als sie die fertigen Plätzchen inklusive Zuckerguss und Schokoglasur schließlich auf dem Tisch stehen hatten, strahlte Martin stolz wie ein Schnitzel vor sich hin. Sie hatten zwischendurch immer wieder genascht, deshalb wusste er, dass sie nicht nur super aussahen, sondern auch super lecker waren. Seine Schwester würde so neidisch werden.
„Tja, dann ist meine Arbeit hier wohl getan und ich kann wieder gehen.“ Theo schlug sich demonstrativ in die Hände und grinste.
„Ja, scheint so. Warte eben.“ Martin kramte in seinem Schrank, holte einen Teller hervor und stapelte von jeder Sorte eine große Portion darauf. Dann drückte er ihn Theo in die Hand, der bereits mit seinem Buch und den Ausstechformen beladen war.
„Oh, danke.“ Theo blinzelte überrascht.
„Ohne dich hätte ich das nie geschafft. Außerdem hat es wirklich Spaß gemacht. Also nimm ruhig.“
„Ich hatte auch sehr viel Spaß. Vielleicht können wir das ja mal wiederholen“, antwortete Theo zögerlich und Martin nickte sofort begeistert.
„Auf jeden Fall. Jeder Zeit“, entgegnete Martin enthusiastisch und musste sich ausbremsen. „Ich meine, die Plätzchen werden sicherlich nicht ewig halten.“
Theo lachte. „Ja, das glaube ich sofort.“
„Uhm, und wenn du willst, dann kannst du gerne meinen Ofen benutzen, bis du einen neuen hast, also, nur wenn du magst.“ Martin folgte Theo in den Flur und beobachtete, wie der seine Sachen in einem Arm jonglierte und in der freien Hand seinen Schlüssel.
„Das ist ein nettes Angebot und vielleicht komme ich sogar darauf zurück, wenn es dir nichts ausmacht“, erwiderte Theo mit einem Lächeln.
„Nein, gar nicht. Melde dich einfach jederzeit“, bekräftigte Martin sein Angebot noch einmal und blieb im Türrahmen stehen.
„Okay, dann bis bald mal.“
„Ciao.“ Martin schloss die Tür und lehnte sich dann seufzend dagegen. Oh Gott. Theo war einfach zu niedlich und so interessant. Wie sollte man sich da bitte nicht Hals über Kopf verlieben?
Er seufzte erneut und ging dann in die Küche, wo er sein Handy liegen lassen hatte. Als erstes würde er mal seiner Schwester ein paar Fotos schicken, um sie neidisch zu machen. Für das Kaffeetrinken am 1. Advent war er nun bestens gerüstet.

oOo

Martin schleppte sich müde die Treppen rauf. Es war Freitagabend und er hatte mit einem Freund ein Projekt für die Uni fertiggestellt. Sie waren sich einig gewesen, dass sie lieber den Freitag opferten, als sich dann noch am Wochenende damit auseinandersetzen zu müssen. Dass sie dann doch bis kurz vor elf gebraucht hatten, hatten sie beide nicht geplant. Verwundert sah Martin auf, als ihm laute Stimmen entgegenkamen.
„Du mieses Arschloch, lass dich hier nie wieder blicken!“
„Komm schon, Theo. Jetzt sei nicht so.“
„Verschwinde endlich!“ Martin war zu langsam, um dem fliegenden Stiefel auszuweichen, der wahrscheinlich für den fremden, dunkelhaarigen Mann vor Theos Tür bestimmt gewesen war.
„Autsch.“ Überrascht rieb er sich die Schulter und wisch dann gerade so zur Seite aus, als der Fremde etwas von ‚Dramaqueen‘ vor sich hin schimpfend an ihm vorbeilief.
Theo sah Martin aus rotverquollenen Augen groß an.
Mit einem Seufzen hob Martin den Stiefel auf und nahm ihn mit hoch, um ihn Theo zurückzugeben.
„Hey, alles okay?“ Die Frage war eigentlich überflüssig, doch etwas anderes fiel ihm auf die Schnelle nicht ein.
„Hm, wird schon wieder.“ Theo schniefte und rieb sich verschämt über die Augen. „Sorry, ich wollte dich nicht treffen.“
„Halb so wild. Ich bin robust, war nur überrascht.“ Martin lächelte aufmunternd und wandte sich dann seiner Wohnungstür zu, den Schlüssel in der Hand.

„Hast du schon gegessen?“, fragte Theo plötzlich und Martin sah sich überrascht zu ihm um.
„Ne Kleinigkeit vorhin, ich muss erstmal sehen, was meine Kühltruhe hergibt.“
„Da steht Essen für zwei auf meinem Herd, Spaghetti, und mir ist der Appetit vergangen“, sagte Theo düster und schniefte erneut.
„Oh, uhm, das klingt gut. Willst du denn Gesellschaft oder...“ Martin war das unangenehm.
„Du bist mir gerade allemal lieber als allein vor mich hinzubrüten. Oder irgendwas in meiner Wohnung zu zerhauen. Das würde ich nur bereuen und das ist der Wichser nicht wert.“ Er zuckte mit den Schultern und Martin lächelte schwach.
„Okay, ich stell nur eben meine Sachen in die Wohnung, dann komm ich rüber.“ Martin schloss endlich die Tür auf, stellte seinen Rucksack in den Flur und hängte die Jacke an die Garderobe. Auf dicken Socken ging er dann hinüber zu Theo. Der machte hinter ihm die Wohnungstür zu und schien sichtlich in sich zusammenzusinken.

Theos Wohnung war gespiegelt zu Martins, deshalb fand er sich ohne Probleme zurecht. In der Küche war ein kleiner Tisch mit Kerze und Geschirr gedeckt. Auf jedem Platz stand eine kleine Schüssel mit grünem Salat. Auf dem Herd standen zwei Töpfe aus denen es noch schwach dampfte. Das sah verdächtig nach einem Candlelight Dinner aus.
„Dein Freund?“, fragte Martin unbehaglich und deutete mit einer knappen Kopfbewegung Richtung Tür.
„Exfreund“, murrte Theo düster, ein wenig unsicher. „Der hat sich ein paar Mal zu oft ein Ding erlaubt. Bin einfach zu nett und nachsichtig gewesen. Aber das war es endgültig.“
Martin blinzelte. Sein süßer Nachbar war schwul. Er verpasste den Moment, in dem er ‚ich auch‘ hätte sagen können. Die Situation war auch nicht richtig dafür.
„Das kenne ich. Tut mir leid für dich“, war schließlich alles, was er hinbekam.
„Was soll‘s, ich werde es überleben. Setz dich. Du hast hoffentlich keine Allergien.“
„Nein, alles gut.“
„Super. Die Nudeln sind mittlerweile leider nicht mehr al dente, aber es sollte noch gehen.“
Kurz darauf hatte Martin eine große Portion Spaghetti mit Tomaten-Gemüsesoße und ordentlich Parmesan vor sich.
„Uh, sieht gut aus... und schmeckt super“, kommentierte Martin nach der ersten Gabel. Irritiert sah er dann zu Theo, der gegen die Küchenzeile lehnte und ihn schweigend beobachtete. „Wieso machst du dich nicht ein wenig frisch und setzt dich dann wenigstens mit einer kleinen Portion zu mir, hm? Ich komm mir sonst echt blöd vor.“
Theo nickte zögerlich. Als er Martin einige Minuten später schließlich gegenüber saß, sah er schon ein wenig besser aus.
„Ich hasse es, das zu fragen, aber... uhm...“ Theo stocherte auf seinem Teller herum. Martin ließ ihm die Zeit, um seine Worte zu finden.
„Uhm, stört es dich nicht, dass ich schwul bin?“
Da, zweite Chance, jubelte Martin innerlich. Jetzt nur die richtigen Worte finden. Ganz einfach. „Nein, stört mich nicht.“ Martin fluchte. Das war nicht überzeugend gewesen. „Dann hätte ich ja auch was gegen mich selbst.“ Ha, ging doch. Okay, vielleicht hätte er das weniger kompliziert...
„Oh“, machte Theo und sah ihn mit großen Augen an.
„Ja.“ Kompliziert ging also auch. Themawechsel, bevor es zu peinlich wurde. „Was macht denn dein Ofen? Ist da Ersatz in Sicht?“
„Ja, am Montag wird ein neuer geliefert und gleich mit angeschlossen. Der hier war wohl tatsächlich nicht mehr zu retten. Und wie sind deine Plätzchen angekommen?“
„Großartig. Ich hab nur noch eine Handvoll übrig. Brauch Nachschub.“
„Tja, sieht so aus, als hätte ich am Wochenende nichts vor. Wenn du also deinen Ofen noch mal zur Verfügung stellen willst, könnte ich das übernehmen.“
„Wirklich?“, fragte Martin und grinste begeistert.
Das entlockte Theo ein Lächeln und langsam hob sich die Stimmung im Raum. Sie kamen von einem Thema zum anderen und knüpften an ihre Unterhaltung vom Wochenende zuvor an. Martin fand das sehr angenehm. Langsam schien Theo auch seinen Appetit wieder zu finden, denn schließlich waren beide Teller und Schüsseln leer.

„Magst du Nachtisch?“, fragte Theo als Martin sich bereits mit dem Gedanken anfreundete, dass sie den angenehmen Abend gleich beenden würden.
„Was hast du denn?“
„Tiramisu.“
„Selbstgemacht?“, fragte Martin und bekam große Augen, als Theo nickte. „Uah, als ob ich da nein sagen könnte. Ich liebe dieses Zeug.“
„Das trifft sich super.“ Theo schob das benutzte Geschirr zusammen und stellte es an die Spüle, bevor er eine Glasform aus dem Kühlschrank und zwei Glasschälchen aus dem Schrank holte.
„Muss ich eigentlich ein schlechtes Gewissen haben, dafür, dass ich jetzt in den Genuss deiner tollen Kochkunst komme?“, fragte Martin kleinlaut und beäugte neugierig das Dessert. Er wünschte sich still, dass das Essen wirklich für ihn gewesen wäre, dann könnte er Theo jetzt ausgiebig seine Begeisterung zeigen, wie sich das bei einem Date gehörte. Doch das war definitiv der falsche Moment um seinen süßen Nachbarn anzubaggern.
„Nein, musst du nicht. Ich bin froh, wenn es jemandem schmeckt.“
„Wie kann es jemandem nicht schmecken? Du kochst wirklich super.“
„Danke.“ Theo lächelte und bekam rote Wangen. „Uhm, magst du mit ins Wohnzimmer kommen? Da ist es gemütlicher... oder, es sei denn, du willst dann gleich gehen. Du hattest sicherlich andere Pläne“, sagte er, während er das Tiramisu aufteilte.
„Nein, keine Pläne. Ich leiste dir gerne Gesellschaft, so lange du mich erträgst.“
„Dann komm mit.“

Sie machten es sich auf dem Sofa im Wohnzimmer gemütlich und setzten ihr Gespräch fort, während im Hintergrund leise Musik lief. Irgendwann begann Martin jedoch zu gähnen und auch Theo wirkte, als würden ihm bald die Augen zufallen.
„So gern ich mich noch weiter mit dir unterhalten würde, ich denke, wir machen für heute Schluss, hm? Du schläfst schon halb.“
Theo nickte offenbar widerwillig. „Aber das müssen wir unbedingt mal wieder machen. Ich habe noch ein ganzes Kochbuch, das durchprobiert werden muss.“
„Als ob ich dazu nein sagen könnte. Da muss ich mir glatt was überlegen, wie ich mich revanchieren kann.“
„Musst du nicht. Dass du mir heute Gesellschaft geleistet hast, hat mir wirklich geholfen.“ Theos Lächeln wurde für einen Moment traurig und Martin wurde wieder daran erinnert, weshalb er überhaupt hier war.
„Jederzeit gern. Wann immer du Gesellschaft brauchst, klingle einfach bei mir, auch ohne Essen.“
„Das werde ich.“
Martin fand die Energie sich aufzuraffen und Theo brachte ihn noch zur Tür. Am liebsten hätte Martin ihn zum Abschied geküsst, doch er begnügte sich mit einem kurzen Winken und ging dann zurück in seine eigene Wohnung. Die fühlte sich zum ersten Mal seit er hier wohnte leer an.

oOo

In der darauffolgenden Woche konnte Martin den Freitagabend kaum erwarten. Sie hatten am Tag nach Theos unschöner Trennung tatsächlich wieder zusammen gebacken und diesmal extra viele Plätzchen nur für sich gemacht. Den ganzen Nachmittag hatten sie herum gealbert, sich Geschichten erzählt und als der Abend kam, hatte Martin nur ein kleines Zögern von Theo an der Tür benötigt um ihn zum Film gucken auf seinem Sofa einzuladen anstatt ihn in seine Wohnung zurückzulassen.
Den 2. Advent hatte Martin schon eine Verabredung gehabt, sonst hätte er Theo direkt zum Weihnachtsmarkt eingeladen, doch so hatten sie das auf das folgende Wochenende verlegt. Theo hatte angekündigt, direkt von der Arbeit zum Markt zu kommen, deshalb wartete Martin nun in der eisigen Kälte und sah sich immer wieder nach dem Blondschopf um.
Es war das perfekte Glühweinwetter und dementsprechend war der Weihnachtsmarkt gut besucht. Unzählige Menschen aller Altersgruppen zogen an Martin vorbei, besahen sich die Stände und versorgten sich mit Naschereien und Herzhaftem an den vielen Buden. Es roch einfach nur lecker, sodass Martins Bauch bereits diverse Wünsche geäußert hatte.
„Hey!“ Martin drehte sich überrascht um und grinste breit, als Theo so plötzlich neben ihm auftauchte. Sein süßer Nachbar war unter der dicken Mütze und dem breiten Schal fast nicht zu erkennen. „Entschuldige. Ich hoffe, du musstest nicht zu lange warten.“
„Nein gar nicht, bin auch erst gekommen. Hast du deine Woche gut überstanden?“
„Ja. Es herrscht der übliche Weihnachtsstress, aber nichts, was sich nicht bewältigen lassen würde.“
„Schön. Sollen wir direkt loslegen?“
„Gerne. Ich freu mich schon den ganzen Tag auf Punsch und gebrannte Mandeln.“
„Dann sollten wir dich wohl nicht länger warten lassen. Oder willst du erst Stände bummeln?“
„Erst versorgen, dann in Ruhe bummeln.“
„Klingt nach einem Plan.“
Sie mischten sich unter die Leute und erjagten zuerst die gebrannten Mandeln für Theo und für sie beide jeweils eine Waffel mit Zimt und Zucker. Danach stellten sie sich in die Schlange der Wartenden am Stand mit dem besten Punsch des ganzen Weihnachtsmarktes, laut Theo. Es dauerte eine Weile, doch schließlich konnten sie sich an den leckeren heißen Getränken wärmen.
„Willst du zu einem bestimmten Stand oder sollen wir nur mal so schauen?“, fragte Martin und rutschte ein wenig näher an Theo, als eine größere Gruppe sich neben sie an den Nachbartisch drängte.
„Ich wollte mal nach dem Stand mit den Kräuterlikören schauen, für meine Großeltern. Die mögen sowas. Es sind ja jedes Jahr die gleichen Stände, daher kenne ich das meiste, aber für dich ist das das erste Mal hier, oder?“
Martin nickte. „Ja, also würde ich einfach jeden Stand mal anschauen, so lange es dich nicht langweilt.“
„Nein, gar nicht.“

Nachdem sie ausgetrunken hatten, gaben sie ihre leeren Becher wieder ab und begannen ihre Bummeltour. Doch so einfach war das gar nicht, denn es war wirklich voll. Nachdem Martin Theo zum zweiten Mal fast verloren hätte, nahm er ihn ohne weiter darüber nachzudenken an der Hand und ließ ihn nicht mehr los. Theo sagte nichts und ließ es einfach zu.
Nach einigen weiteren Buden zog Martin Theo schließlich frustriert in eine ruhige Ecke zwischen zwei Ständen und stöhnte entnervt auf. „Man, so macht das echt keinen Spaß.“
„Ja, heute ist es wirklich extrem. Vielleicht solltest du mal nachmittags alleine gehen. Dann kommst du besser durch.“ Theo wirkte ein wenig zerzaust. Martin fand das unglaublich niedlich. Nur ein weiterer Punkt auf einer immer länger werdenden Liste.
„Da hast du wohl Recht. Schade. Was machen wir jetzt mit dem angebrochenen Abend?“
„Würde es dich stören, noch ein wenig durch die Kälte zu laufen?“
„Nein, gar nicht. Wieso?“
„Lass dich überraschen. Komm mit.“ Neugierig folgte Martin Theo durch die Menschen zum Ende des Marktes. Bedauernd ließ er Theos Hand los, sobald sie die Straße erreicht hatten.
Martin kannte sich mittlerweile genug aus um schließlich zu erkennen, dass sie auf dem Weg zum Stadtpark waren. Überrascht stellte er fest, dass dort ebenfalls ein paar kleine Buden aufgestellt waren. Ein funkelnder Tannenbaum, kleiner als der auf dem großen Markt, stand vor einem kleinen Riesenrad, an dem gerade nur wenige Menschen warteten. Theo sah ihn mit strahlenden Augen an.
„Ich weiß, es ist nicht gerade groß und albern und kitschig, aber magst mit mir eine Runde drehen.“
Martin musste lachen, nickte aber. „Kitschig gehört zu dieser Jahreszeit sowieso dazu.“
„Jippie.“ Theo steuerte sofort die kleine Warteschlange an und Martin folgte ihm vergnügt.
Es dauerte ein Weilchen, aber schließlich saßen sie in einer der offenen, kleinen Gondeln am höchsten Punkt und hatten einen Ausblick auf die nähere Umgebung. Die dicken Decken, die auf den Sitzbänken bereitlagen, reichten kaum aus, um die Kälte fernzuhalten und sie rutschten automatisch näher zusammen. Martin genoss das sehr.
Um sie herum funkelte und strahlte alles weihnachtlich und auch der große Weihnachtsmarkt war von hier oben aus zu sehen. Begeistert erklärte Theo Martin welches Licht was war und Martin ließ sich von der Begeisterung anstecken. Doch irgendwann war ihre Fahrt vorbei und Martin war auch froh darum, dass sie sich wieder bewegen konnten. Sie holten sich jeder noch einen Punsch und etwas zu naschen, dann zogen sie in einem großen Bogen um die Altstadt weiter.

Es war kurz vor Mitternacht als sie durchgefroren zur Haustür hineinstolperten und die Treppen erklommen. Vor Theos Wohnungstür blieben sie schließlich stehen.
„Das war ein toller Abend, danke“, meinte Theo und zog bereits Mütze und Schal aus.
„Ja, das war wirklich toll. Ich muss mich bei dir bedanken.“
„Uhm, dann sehen wir uns bald wieder?“
„Ja, auf jeden Fall. Gute Nacht.“ Martin nahm all seinen Mut zusammen und hauchte Theo einen Kuss auf die kalte Wange. Das war unverfänglich genug um es als freundschaftliche Geste abzutun. Theos versonnenes Lächeln ließ Martin innerlich aufatmen. Vielleicht hatte er ja doch eine Chance.
„Gute Nacht“, erwiderte Theo verspätet und verschwand in seiner Wohnung. Martin starrte noch kurz die Tür an, bevor er sich endlich umdrehte und ebenfalls in seine Wohnung ging. Es wurde Zeit, dass er sich aufwärmte.

oOo

Das Wochenende verbrachte Martin mit dem Fertigstellen einer Projektarbeit, einem erneuten Weihnachtsmarktbesuch bei Tageslicht und weniger Gedränge, und einfach Zuhause gammeln. Der Gedanke an Theo war dabei nie weit entfernt. Martin fühlte sich wie ein liebeskranker Idiot und hatte alle Mühe, nicht aufzuspringen und einfach grundlos bei seinem Nachbarn zu klingeln. Umso überraschter war er, als besagter Nachbar am frühen Mittwochabend bei ihm vor der Tür stand, mit roter Nase, verquollenen Augen und einer Wolldecke um die Schultern gewickelt. Er sah aus, als würde er gleich umkippen.
„Sorry, dass ich störe, aber hast du irgendwas gegen Erkältung da? Hab nix.“ Er schniefte kläglich und hielt sich ein bereits zerknülltes Taschentuch vor die Nase.
„Oh, natürlich... denke ich.“ Martin war sich da gar nicht so sicher. „Ich schau mal eben, warte kurz.“ Er ging ins Bad, kramte dort im Schränkchen herum und fand schließlich eine Packung Grippostad. Doch da war nur noch eine Tablette drin. Damit ging er zurück zu Theo.
„Ich hab leider nur noch die eine. Nimm die, ich werde eben schauen, wo die nächste Apotheke noch auf hat und neue holen.“
„Danke, aber das ist nicht nötig. Ich werde schon irgendwie...“
„Nichts da. Du legst dich sofort wieder hin, bevor du noch umkippst, und ruhst dich aus. Bin bald wieder da. Brauchst du sonst noch was?“
Theo schüttelte langsam den Kopf und schlurfte nach kurzem Zögern zurück in seine Wohnung. Martin folgte ihm.
„Darf ich mir eben deinen Schlüssel leihen? Dann musst du nicht aufstehen, wenn ich wiederkomme.“ Theo deutete daraufhin auf das Schlüsselbrett neben der Tür und Martin schnappte sich den Schlüssel.
„Bis gleich.“ Er googelte schnell alle umliegenden Apotheken und deren Öffnungszeiten und packte sich warm ein. Wenn er sich beeilte, würde er die nächste Apotheke noch rechtzeitig erreichen, dann musste er nicht einmal quer durch die Stadt zur Notfallapotheke. Obwohl er auch das getan hätte. Ob Theo sich etwas eingefangen hatte, als sie am Freitagabend so durchgefroren waren?

Martin hatte Glück. Die nette ältere Apothekerin war gerade erst langsam am Zusammenräumen. Er ließ sich kurz beraten und ein paar Tipps geben, nahm dann aber doch wieder Grippostad und noch eine Packung Hustenbonbons dazu. Mit seiner Beute kehrte er nach Hause zurück.
Er klingelte kurz, um sich anzukündigen und schloss dann Theos Wohnungstür auf.
„Ich bin’s“, rief er in die Wohnung und trat ein. Er fand Theo im Wohnzimmer auf dem Sofa. Der Fernseher lief leise und Theo wirkte wie das pure Elend. Auf dem kleinen Couchtisch lagen Taschentuchpackungen verstreut zwischen einer Teekanne, Tasse und einer leeren Schüssel.
„Wie geht’s dir?“
„Nicht so gut.“
„Das wird wieder.“ Martin legte ihm Tabletten und Bonbons auf den Tisch und erwischte dabei einen Blick in die Kanne. Sie war leer. „Soll ich dir frischen machen?“
„Das wäre lieb, aber du solltest nicht hier bleiben. Du steckst dich nur an.“
„Keine Sorge. Ich bin resistent.“ Martin grinste und beschloss, dass es nicht schaden konnte, ein wenig Krankenschwester zu spielen. „Lass mich dich kurz versorgen, sonst würde ich mir die ganze Zeit nur Gedanken machen, okay?“
Theo zog die Decke bis zur Nasenspitze und nickte niedlich.
Dann ging Martin erst einmal durchlüften, setzte frisches Teewasser auf und hielt Theo eine Tüte entgegen, in der er seine benutzten Taschentücher versenken konnte.
Als er fertig war, schnappte er sich Theos Smartphone und tippte seine Handynummer ein, bevor Theo protestieren konnte. Dann legte er das Gerät wieder neben ihn auf den Couchtisch. „Wenn irgendetwas ist, wenn du was brauchst oder einfach nur quatschen willst, dann textest du mich einfach an, okay?“
Theo nickte und hustete leicht.
„Gut, dann bin ich wieder drüben. Darf ich deinen Schlüssel für den Notfall erst einmal behalten?“
„Ja, mach das.“
„Ruh dich aus. Bis später.“
„Danke.“
Kaum war Martin in seiner Wohnung, piepte sein Handy.
/Jetzt hast du meine Nummer auch, Theo/
Martin grinste und speicherte den neuen Kontakt ab, dann tippte er eine Antwort.
/Jippie, danke/ Er setzte einen jubelnden Smiley dahinter und drückte auf senden.
Er war gerade dabei sich in der Küche sein Abendessen zusammenzusuchen, als es erneut piepte.
/Nur rumliegen ist langweilig, mag aber auch noch nicht schlafen. Ist noch so früh. Fernsehen ist zu anstrengend/
/Das kenn ich. Dann schreib mit mir/
/Störe ich denn auch wirklich nicht/
/Nein, gar nicht. Kann nur sein, dass meine Antwort manchmal etwas länger dauert/
/Okay, also dann.../

Die nächsten zwei Stunden verbrachten sie damit, sich hin und her zu texten. An der wachsenden Anzahl an Tippfehlern merkte Martin deutlich, dass Theo immer müder wurde. Schließlich verabschiedete Theo sich ins Bett und wünschte ihm von dort aus eine Gute Nacht. Martin wünschte ihm gute Besserung und versprach am Morgen nach ihm zu sehen. Danach verbrachte er den Rest des Abends am PC.

oOo

Drei Tage später, am Samstag vor dem 4. Advent ging es Theo schon deutlich besser. Für anstrengendere Aktivitäten fehlte ihm jedoch noch jegliche Energie. Deshalb hatte Martin ihm auch angeboten, für ihn mit einzukaufen, wenn er sowieso in der Stadt unterwegs war. Er hatte noch andere Dinge zu erledigen gehabt und so wurde es bereits dunkel, als Martin endlich wieder nachhause kam, durchgefroren und vollgepackt. Er brachte erst alle Sachen in seine Wohnung und schälte sich aus seiner Straßenkleidung, dann nahm er den Teil, der für Theo bestimmt war und ging in dessen Wohnung. Sie hatten sich in den letzten Tagen darauf geeinigt, dass Martin nicht klingelte, um Theo nicht zu wecken, falls er schlafen sollte.

„Theo?“, fragte Martin leise im Flur, alles war dunkel. Er stellte die Tasche in der Küche ab und ging dann weiter ins Wohnzimmer durch, dort entdeckte er den Blondschopf auf dem Sofa. Er schien zu schlafen. Martin ging zu ihm und wollte ihm nur die leichte Sofadecke über den Körper legen, stockte dann aber. Theo war so niedlich und in den letzten Wochen, seit Theo bei ihm das erste Mal geklingelt hatte, hatten sie sich immer besser kennengelernt und einfach super verstanden. Was anfangs nur eine Schwärmerei gewesen war, war mittlerweile definitiv mehr. Doch wie sollte er das Theo sagen?
„Wie soll man dir nur widerstehen, hm?“, flüsterte er und strich ihm sacht über die Stirn. Er seufzte und wandte sich ab, um wieder in die Küche zu gehen und ein leichtes Abendessen vorzubereiten. Seine Kochkünste waren bei weitem nicht so ausgeprägt wie die von Theo, doch ein paar Grundlagen konnte er.
Er schloss die Küchentür hinter sich, schaltete das Licht ein und begann zu werkeln. Gemüse, Gewürze, Brühe. Alles wanderte in einen Topf und musste dann nur noch vor sich hin köcheln. Martin klopfte sich zufrieden in die Hände. Als er zur Uhr über der Tür sah, erschrak er sich furchtbar. Ohne dass er es bemerkt hatte, hatte Theo die Tür geöffnet und stand nun dort an den Rahmen gelehnt, in die Kuscheldecke vom Sofa gewickelt.

„Hey“, sagte Martin überrascht und Theo lächelte schuldbewusst.
„Sorry, wollte dich nicht erschrecken“, erwiderte Theo. Seine Stimme klang rau.
„Macht nichts. Du bist etwas zu früh. Essen ist erst in einer halben Stunde fertig.“
„Du bist zu lieb zu mir. Womit hab ich das verdient?“
Martin zuckte mit den Schultern. „Ich wäre auch froh, wenn sich jemand um mich kümmert in so einer Situation. Außerdem solltest du vielleicht warten, bis du vom Essen probiert hast, vielleicht findest du es dann nicht mehr so gut.“
„So schlecht kannst du gar nicht kochen, dass es meinen betäubten Geschmacksnerven etwas ausmachen könnte.“ Theo streckte ihm frech die Zunge raus und Martin war erleichtert, dass es ihm wirklich besser ging. In ein paar Tagen war er sicherlich wieder ganz auf dem Damm.
„Was hast du den ganzen Tag so gemacht?“, fragte Martin während er seine Spuren beseitigte.
„Nicht viel, ein wenig aufgeräumt, die Waschmaschine eingeschaltet. Ich wollte mich nur kurz hinlegen, da war es noch hell. Muss eingeschlafen sein. Das nervt.“
„Das wird schon wieder. Komm her, setz dich. Soll ich uns frischen Tee machen?“
„Gerne.“ Theo wickelte die Decke enger um sich und holte frische Tassen aus dem Schrank, bevor er sich am Küchentisch niederließ. „Und was hast du so gemacht?“
„Noch mal Weihnachtsgeschenke geshoppt und mich mit einem Kommilitonen zum Mittag getroffen. In der kommenden Woche müssen wir noch ein Referat halten, dann ist zum Glück erst einmal für zwei Wochen Ruhe. Es ist immer noch eisig draußen, aber die Stadt war trotzdem voll.“ Martin stellte den Wasserkocher an und kramte Theos Tee aus dem Schrank. Nach den wenigen Tagen schien ihm das schon wie selbstverständlich.
„Ja, zu dieser Jahreszeit hält das die wenigsten ab. Regen wäre da was anderes.“
„Stimmt wohl.“ Martin goss den Tee auf und setzte sich dann zu Theo an den Tisch, die Beine von sich gestreckt und den Kopf im Rücken gegen die Wand gelehnt. Langsam war er auch müde.

Irgendwann begann Theo seine noch leere Tasse zwischen seinen Händen hin und her zu schieben. Es wirkte nervös.
„Alles okay?“, fragte Martin. Theo ließ hastig von der Tasse ab und nickte.
„Ja, ich, uhm, überlege nur...“
„Was denn?“
„Nichts Wichtiges.“
„Okay.“
„Nur...“, setzte Theo neu an und seufzte. „Warum solltest du mir nicht widerstehen können?“
Martin brauchte einen Moment, um der Frage einen Sinn zuzuordnen, dann stöhnte er auf. „Du warst wach“, stellte er peinlich berührt fest.
„Ja, ich wollte nicht... sorry.“
„Wofür? Ist ja nicht deine Schuld, dass ich so doof bin.“ Martin verteilte Tee in ihre Tassen, um Zeit zu gewinnen, doch der Tee war noch zu heiß zum Trinken. Letztlich brachte es nichts, sich da rauszureden. Wenn er es jetzt aussprach, hatte er es wenigstens hinter sich. „Ich fand dich schon super niedlich, als ich dich nur immer im Treppenhaus gesehen habe, und ich hätte nichts gegen eine Nacht mit dir gehabt. Aber je mehr ich dich kennenlerne, desto mehr Zeit will ich mit dir verbringen und desto näher will ich dir kommen. Ziemlich kitschig, ich weiß.“
„Nein, gar nicht!“, erwiderte Theo hastig und verschüttete dabei etwas von dem Tee. Martin hatte die Tassen zu voll gemacht.
„Naja, jedenfalls, selbst wenn ich es irgendwann angesprochen hätte, ich wollte das nicht so kurz nachdem du dich erst getrennt hattest machen. Das wäre ein blödes Timing gewesen.“
„Oh.“ Theo lachte leise. „Um ehrlich zu sein, immer wenn ich mit dir zusammen war, habe ich überhaupt nicht mehr daran gedacht. Ich hab das schon fast vergessen gehabt. Diese Beziehung war sowieso schon lange nur noch oberflächlich. Ich hab mich da wohl nur so aufgeregt, weil er immer wieder die gleiche blöde Nummer gebracht und mich damit ziemlich beleidigt hat.“
„Tja, jetzt weißt du also, wie es mir geht.“ Martin stand auf und sah nach dem Eintopf, doch der brauchte immer noch eine Weile. „Und wie sieht es bei dir aus?“, fragte er unsicher an den Topf gewandt.
„Wenn es nach mir ginge, müsstest du keinen Grund mehr suchen, mir zu widerstehen. Ich denke, ich war schon hin und weg von dir, als du so Mehl verschmiert in deiner Wohnungstür standst. Das fand ich auch unglaublich niedlich.“
Martin hätte sich selbst nie als niedlich bezeichnet, aber wenn es das war, was Theo dachte, dann konnte er damit leben. Er grinste breit in den Eintopf und spürte im nächsten Moment zwei schlanke Arme um sich.
„Das wilde Knutschen und so muss noch warten, bis ich wirklich wieder gesund bin, aber wenn du magst, dann bleib nach dem Essen hier. Es ist ewig her, dass ich jemanden hatte, mit dem ich richtig auf dem Sofa kuscheln konnte.“
„Das klingt absolut verlockend.“ Martin wandte sich in Theos Armen um und küsste ihn auf die Stirn. Er konnte es kaum erwarten, bis Theo tatsächlich wieder ganz gesund war. Schließlich hatte er die weichen Lippen schon vom ersten Augenblick an küssen wollen. Das war doch mal ein perfektes Weihnachtsgeschenk und das, obwohl es noch nicht einmal Heiligabend war.
Wenn er so darüber nachdachte, musste er den verkohlten Weihnachtsplätzchen wohl verdammt dankbar sein. Ihr Opfer war nicht umsonst gewesen. Definitiv.

oOo
Aktualisiert: 31/12/16
Veröffentlicht: 31/12/16
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MelG am 02/01/17 20:08
Oi, das war Zucker pur. Eine wirklich süße, 'niedliche' Weihnachtsgeschichte.
Genau das richtige, wo ich hier in der Kuscheldecke eingemummelt auf dem Sofa neben dem Tannenbaum sitze. ;-)

LG, Mel
Das Opfer der Weihnachtsplätzchen
jabba am 30/12/17 18:02
Hach ja *schmackt*
genau das richtige um sich in Weihachtsstimmung zu verlieren *blendet alles andere aus*
danke dir!
Das Opfer der Weihnachtsplätzchen
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Yavia
29/08/21 12:27
An alle, die eine Nachricht an die Admins über die Mailadresse schicken: Bitte gebt euren Usernamen in der Nachricht mit an, damit wir wissen, wer um Hilfe fragt. Vielen Dank!

Snoopy279
16/05/21 18:14
gerne natürlich auch die, die Fanfiktion lesen/Fanfiktionschreiber einfach unterstützen wollen

Snoopy279
16/05/21 18:14
alle, die auch Fanfiktion schreiben, bitte bei der Petition mitmachen, damit das auch in Zukunft möglich bleibt!
http://chng.it/WnwVCzxGff


jabba
21/01/21 22:32
Knuddel! Knuddel! Alle ganz doll knuddel! Heute ist Weltknuddeltag! Knuddel! Knuddel!

Witch23
01/01/21 02:37
*Pfeif Zisch* Gutes neues Jahr wünsche ich euch allen

split
01/01/21 00:01
Frohes Neues *krach baller lärm*

split
24/12/20 23:24
Frohe Weihnachten

Niemue
24/12/20 12:29
Ich wünsche Euch allen schöne Feiertage, einen guten Rutsch und viel Gesundheit im Neuen Jahr! :*

Witch23
24/12/20 11:02
Wünsche ich euch auch. Vor allem habt schöne Feiertage.

Yavia
24/12/20 10:48
Frohe Weihnachten euch allen!

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