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In einem Antiquitätenladen findet sich so Allerlei: Schicke Sachen und Plunder treffen auf Menschen, die ihr Zeug unbedingt loswerden oder wieder haben wollen...

Genres: Reale Welt, Weihnachten, M/M (yaoi)
1. Warnung: Keine
2. Warnung: Keine
3. Warnung: Keine

Kapitel: 3     Gelesen: Nicht möglich
Inhaltsverzeichnis

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Veröffentlicht: 23/01/17 Aktualisiert: 21/02/17
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Anmerkungen zur Geschichte
Advendskalendergeschichte 2016
Anmerkungen zum Kapitel
Besten Dank an meine Beta Snoopy279
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1. Geheimnisvolle Familienfotos

Kalter Regen klatschte ungemütlich gegen die Scheibe eines kleinen Ladens. Josi, mit bürgerlichem Namen Joseph Hunzinger, wuselte geschäftig durch den kleinen Antiquitätenladen, in dem er seit Beginn seines BWL-Studiums aushalf. Anfangs nur zum Schleppen eingestellt, war Josi über die Jahre quasi zum Partner des netten alten Mannes geworden, der nun auf sein abgeschlossenes Studium hoffte, um Josi den Laden komplett zu übertragen.
Nun kramte Josi sich durch die Bestände des Ladens und sammelte sich die alljährlich anfallende Weihnachtsdekoration zusammen. Kaufen wollte er nichts, sie hatten genug Krempel der mehr oder weniger gut wegging und aus Gesprächen mit seinen Kunden hatte Josi schon so einige Dekorationsideen für ihre Auslage geklaut. Es war doch immer wieder faszinierend, wie komplett anders man Dinge verwenden konnte, und es sah auch noch gut aus!
Kerzenständer wurden mit roten Kerzen bestückt, eine kleine Armee Zinnsoldaten fand Aufstellung unter einem geschnitzten Holzbaum und zog todesmutig gegen eine Gruppe sehr gut erhaltener Steiff-Elefanten ins Scharmützel. Auf den Holzästen des Baumes fanden Messingklemmen mit Kerzen ihren Platz, eingebettet in ein Potpourri aus Laubsägesternen sowie gedrechselten Engeln, Äpfeln und Kiefernzapfen. Potenzielle Geschenke wie Väschen und Sammeltassenservice gruppierte Josi halb ausgepackt auf dem Boden. Dann bekam alles in der Auslage dezent ein Preisschildchen angehängt.
Für das perfekte Bescherung-Wohnzimmer hatte Josi sich überlegt, die Seitenwände mit Bilderrahmen zu behängen. Dumpf hatte er in Erinnerung, dass sein Chef im Frühjahr eine schicke Truhe mit Haufenweise Fotos erstanden hatte.

Eine halbe Stunde später kam er mit der kleinen Truhe und einem Karton voller Bilderrahmen aus dem Lager zurück und breitete seine Beute auf einem Tisch im Verkaufsraum aus. Zum ersten Mal sichtete er die Fotos genauer und langsam breitete sich ein komplettes Familienleben vor sich aus. Alte, angegilbte Schwarzweiß-Fotos waren bunt gemischt mit neuen Ausducken von Digitalfotos und mittlerweile sehr rotstichigen Bildern aus Zeiten beginnender Farbfotografie. Aus Hochzeitsbilder von bestimmt 3 Generationen, Einschulungen, viele Familienfeiern und –ausflügen sowie allerhand bildern die nach Kirchenfeiern oder ähnlichem aussahen, stellte Josi eine Familienfotowand zusammen, die sich sehen lassen konnte. Manche Bilder hielt er recht langen in Hände und wob sich in seinem Gehirn eine mögliche Familiengeschichte zurecht. Er fragte sich, was mit der Familie passiert sein musste, dass quasi ihr ganzes Leben hier in Fotos in seinem Laden ausgebreitet lag.
Zwei der Personen waren einfach nur schnuckelig anzusehen. Wenn er die Sortierung, oder besser Nicht-Sortierung, der Truhe richtig verstand, musste er da in Schwarzweiß den Großvater als jungen Burschen und im Digitalausdruck dessen Enkel sehen. Ein relativ großes Buntbild von dem Enkel, auf dem dieser im Garten überrascht über die Schulter zum Fotografen blickte, bekam einen schicken Rahmen und Josi hängte es so, dass er den jungen Mann von seinem Platz bei der Kasse gut sehen konnte.
„Na mein Junge, was haben wir dieses Jahr für Weihnachten im Schaufenster?“
Fast hätte Josi sich den Truhendeckel auf die Finger fallen lassen. Dabei sollte die doch mit halb offenem Deckel und gefüllt mit den übrig gebliebene Fotografien unter der Fotowand drapierte sein, so dass man deren bildlichen Inhalt erahnen konnte.
„Herr Steinbeck, sie sollen sich doch nicht immer so anschleichen.“ erhob Josi sich. „Heimelige Familienweihnacht ist es heuer. Ich hab mal das Lager geplündert und geschaut, was da so alles hervorkommt.“
„Gut gut.“ Der ältere Mann musterte den Aufbau kritisch. „Wir hatten früher immer Wattebäuschchen luftig auseinandergezupft als Schnee.“ Er reichte Josi die Hand und Josi kam in den Verkaufsbereich zurückgeklettert. „Und einen Mitarbeiter des Monats haben wir anschienen auch. Der muss wohl die Nachtschicht machen, ich hab den noch nie gesehen.“ kommentierte er das neue Bild an der Wand augenzwinkernd. „Öhm… eh…“ Ob und für was oder wen Josi sich interessieren könnte, war nie Thema zwischen ihm und seinem Chef gewesen und Josi war sich nicht sicher, ob das jetzt ein guter Zeitpunkt war zu sagen, dass er lieber Jungs hinterher guckte. „Oder gabs da keine hübsche Mitarbeiterin des Monats?“ Mit kritischem Blick lugte der Ältere über die Abtrennung zum Schaufenster und griff zielsicher nach einem Bild, das aus den 69-igern stammen konnte. Die junge Frau hatte ein Hippie-Nichts von Bikini an, eine Tüte Waffeleis in der Hand und streckte dem Fotografen die Zunge raus.
„Sind sie sicher, dass es nicht etwas kontraproduktiv wäre, wenn wir die nette Dame hier neben ihren Sohn oder Neffen oder so an die Wand da hängen?“ Josi hatte seine Worte wiedergefunden.
„Na, na, an was sie immer gleich denken, Herr Hunzinger.“ Doch mit einem Grinsen, das nicht verbergen konnte, was der Besitzer des Antiquitätenladens wirklich über das Motiv des Fotos dachte, legte der ältere Mann das Foto wieder zurück zu den andern Bildern. Dann griff er auch nach dem bereits gerahmten Bild.
„Eh… das…“ zögerlich und leise erhob Josi Einspruch. Sein Bild war jetzt nun wirklich kein Pin-Up im klassischen Sinne, aber es war dennoch nett anzusehen. Und Hintergedanken hatte er ja schon ein bisschen gehabt, als er sich diese Bild für genau jene Stelle an der Wand ausgesucht hatte.
„Nein?“ Herr Steinbeck ließ das Bild wieder los. „Hach Junge, ich versteh die Welt nimmer. Du musst mir unbedingt so erklären, dass ich es auch verstehe, warum man heute mit Hosen rumlaufen muss, die eindeutig kaputt sind und warum die jungen Mädchen sich schön finden, wenn sie verhungert und krank aussehen und so…“ Bei dem ‚und so‘ wedelte er zu dem frisch aufgehangenen Bild und noch während er sprach, ging er langsam wieder zurück in die hinteren Räume des Ladens.
Josi plumpste auf ein urgemütliches abgeranztes Ledersofa und hieb sich ein paar Male die Handballen gegen die Stirn. Er war ja so doof, doof mit ganz vielen 'o'. Das war die Gelegenheit gewesen, Herrn Steinbeck zu sagen, dass er schwul war. Aber nein, er musste belämmert dastehen wie ne Kuh wenn’s donnert. Es war ja nicht so, dass Josi sich aktiv verheimlichte, aber so als Dauersingle hatte er einfach keine Notwendigkeit gesehen, seinem Chef über seine sexuelle Orientierung Bericht zu erstatten. Nur so kleine harmlose Plänkeleien wie eben waren da irgendwie immer ein Drahtseiltanz.

****

Zwei Wochen waren vergangen. Josi stand im eisigen Wind vor dem Schaufenster und wischte Finger- und Nasenabdrücke vom Glas. Genauso wie gestern, und vorgestern, und dem Tag davor. Er seufzte. Ein paar Tage nachdem er die Weihnachtsdekoration aufgebaut hatte, hatte es begonnen. Irgendwer musste seine Auslage so hochinteressant finden, dass er sich jeden Abend buchstäblich die Nase an der Scheibe plattdrückte. Und er musste dann die Tappser auf der Scheibe wieder weg machen. >Der soll nicht glotzen, der soll reinkommen, wenn’s ihm so doll gefällt!< Murrend schlurfte Josi zurück in den Laden und stellte Sprühflasche und Zewa-Rolle unter die Kasse. Großartig wegräumen brauchte er das Zeug nicht, Montag würde er es garantiert wieder brauchen.

Es war bereits dämmerig und Josi begann im Laden schon mal zusammenzuräumen. Morgen war Sonntag, dritter Advent sogar, und die beginnende „Hilfe, ich hab noch kein Geschenk“-Panik machte sich bei seiner Kundschaft langsam bemerkbar. Bis Heilig Abend würde sich die Menge an Kleinzeug noch gut steigern, die über seinen Ladentisch ging. Doch jetzt räumte er erstmal wieder alles zurück, was seinen Kunden so verschleppt und doch nicht gekauft hatten.
Das Klingeln des Messingglöckchens über der Eingangstür ließ Josi zur Tür blicken. Ein seltsam vertrautes Gesicht blickte ihn unter blonden, schneenassen Zotteln an. Blassblaue Augen blickten ihn zornig an, dann wurde eine handvoll Schneematsch nach ihm geworfen. Mit dem Ärmel wischte sich Josi das Gesicht frei. „Hey! Sach mal, geht’s noch?“, schrie er in Richtung des Jungen. Aus den Augenwinkeln sah Josi gerade noch, wie der Junge, bisher gebückt über die Absperrung zum Schaufenster, sich wieder erhob, die kleine Truhe an sich presste, wahllos noch ein Bild von der Wand riss und rausrannte.

Josi dachte nicht nach, als er hinterher rannte. Nicht daran, dass er den Laden ungeschützt offen ließ, nicht daran, das sein Portemonnaie und Schlüssel im Rucksack im Hinterzimmer lagen, nicht an die ganzen Vorweihnachts-Euros, die noch in der Kasse lagen, er rannte dem unverschämten Dieb einfach nur hinterher. Auf dem rutschigen Schneematsch war es dann eine kurze Verfolgungsjagd, die von der Qualität des Schuhwerks und nicht von Schnelligkeit oder Ausdauer der beiden Läufer entschieden wurde. In der ersten Straßenecke verlor der Dieb rutschenderweise seinen Vorsprung und noch ein paar Schritte weiter hatte Josi ihn dann am Kragen erwischt. Ebenfalls schlitternd, doch bei weitem nicht so stark wie der Verfolgte, brachte er sie beide zum Stehen.
„Du hast wohl ein Rad ab!“, schrie Josi den dreisten Dieb an. Sicherheitshalber hielt er den Jungen auch weiterhin fest am Kragen. Eine weitere Verfolgungsjagd hätte seine Kondition nicht mehr mitgemacht. „Du kannst mir doch nicht einfach diesen Scheißschnee ins Gesicht werfen und dann auch noch klauen.“
„… sagt derjenige, der Hehlerware verkauft. Alles klar.“ Die Verachtung war deutlich aus den Worten herauszuhören. Doch noch stärker traf Josi das Wort „Hehlerware“. Das war ein viel heftigerer Schlag ins Gesicht als der nasskalte Schnee eben. Sein Griff um den Kragen des Diebes lockerte sich, während Josi entgeistert seinen Gegenüber anstarrte.
„Jetzt glotz nicht so wie ne Kuh wenn's donnert, sondern lass mich mit meinen Fotos gehen.“
Mechanisch leistete Josi der Forderung folge. Der Junge drehte sich um, presste die kleine Holztruhe dicht an sich und stapfte in großen Schritten die Straße weiter.

>Hehlerware… Hehlerware< Das Wort geisterte laut schreiend durch Josis Hirn. Sie verkauften keine Hehlerware! Alte und mitunter auch vielbenutze Sachen, ja. Aber niemals nicht ließen sie sich auf halbseidene Geschäfte ein, da war sich Josi mit Herrn Steinbeck einig. Und noch während dieses Unwort weiter seine Kreise in Josis Gehirn zog, puzzelte sich langsam die Erkenntnis zusammen, warum ihm das Gesicht den Burschen so merkwürdig vertraut vorgekommen war. Er hatte ihn seit knapp 2 Wochen täglich vor Augen, wie er Josi frech über die Schulter hinweg anblickte. Das war einer der Leute von den Fotos aus der Truhe! Ja klar natürlich! …Hehlerware…. Scheiße, da ist irgendwas irgendwann gewaltig schief gelaufen!

„Hey, warte mal!“ Josi lief los und versuchte den Jungen einzuholen. Die richtige Hausecke hatte er aus den Augenwinkeln ja noch mitbekommen und jetzt rannte er ein zweites Mal auf diesem gemeingefährlichen Schneematsch. Und auch dieses Mal gewann ein einigermaßen sicherer Tritt gegen ein hastiges Schlittern auf rutschigem Boden.
Sie hatten den Block umrundet und Josi sah in der Ferne die sperrangelweit offen stehende Ladentür.
„Bleib doch mal stehen!“ Josi hatte den Jungen erreicht und angestupst.
Dieser fuhr herum und starrte ihn angriffslustig an: „Was ist? Willste jetzt doch die Polizei rufen? Bitte, tu dir keinen Zwang an!“
„Nein, aber ich würde gerne rausfinden, wie diese Bilder von dir in meinen Laden kommen konnten“, entgegnete Josi. Misstrauisch wurde er gemustert. „Ich hatte mir eben ne Kanne Tee aufgebrüht, der müsste noch warm genug sein. Wir setzen uns zusammen auf die Sessel im Laden, zeigen den Tassen im Regal mal, wozu die geschaffen worden sind und ich erzähl dir, wie diese Truhe zu uns in den Laden kam. Und dafür nimmst du den Hehler zurück.“ Blonde Zotteln wurden aus Augen gewischt, die sich abwägend zusammenkniffen.
„Oh man, wenns sein muss, dann lass ich auch die Ladentür offen stehen. Ich mag meinen Laden nicht länger alleine lassen und außerdem ist es hier draußen viel zu kalt und ungemütlich, um noch länger rumzustehen. Was ist, kommst du jetzt?“
„Und warum soll ich mitkommen? Ich würd liebend gern verschwinden, sobald du dich umdrehst!“ Provozierend blitzten die blauen Augen Josi an. Und gleichzeitig schloss der Jungen seine Arme enger um Truhe und Körper.
Josi beschloss ein paar Momente abzuwarten und erlaubte sich, den jungen Mann genauer zu mustern. Die Wangen waren viel schmaler als auf dem Foto in seinem Laden und die Zeit, als die Haare noch einen Schnitt hatten, lag auch schon lange zurück. Unter der Lederjacke zeigten sich am Hals sowohl ein Pulli als auch ein Kapuzenshirt. Die Tuchhose sah edel aus, war aber definitiv nicht für Winter gemacht, ebenso die Lederhalbschuhe. „Vielleicht willste ja auch wissen, was wir zusammen mit dieser Truhe noch so angeboten bekommen hatten und jetzt im Lager haben?“
Die blassblauen Augen funkelten ihn an. Josi musste an sich halten, nicht zu schmunzeln. Er konnte dem Jungen so eindeutig beim Denken zusehen. Mitkommen? Verschwinden? Ja? Nein? Doch? Besser nicht? „Na komm, wärmer wird der Tee nicht, wenn wir hier noch lange stehen.“ Josi boxte den Jungen leicht gegen den Arm und ging dann langsam zur offenen Ladentür.

In der Kochnische der hinteren Räume stehend hörte Josi die Ladentür klingeln. Lächelnd griff er nach der Teekanne und trug diese in den Verkaufsbereich. Wie fehl am Platz stand sein diebischer Gast auf der Fußmatte und traute sich nicht weiter.
„Am Schloss ist ein Drehknauf, kannst du den bitte Richtung zu drehen, bis was hörbar einrastet?“
Ein paar Momente des Zögerns gestand er seinem Gast noch zu, während er ein Messingstövchen aus dem Regal hinter sich zog und auf einem Beistelltisch zwischen zwei alten Ledersofas abstellte. Er kramte nach Teelichten, entzündetet ein Flämmchen, stellte dann die Kanne aufs Feuer.
„Chinesisch oder Britisch?“, fragte er Richtung Eingang, nachdem er es Klacken gehört hatte.
Sein Gast stand immer noch unschlüssig an der Tür und blickte ihn entgeistert an.
„Für den Tee.“ Josi deutet ins Regal, wo mehrere Chinesische Teeservice neben einigen britischen royalen Sammeltassen standen.
„Egal. Irgendwas das ich nicht zerdeppern kann.“ Unschlüssig kam der junge Mann ein paar Schritte in den Raum hinein.
„Na komm. Dass an diesen Sesseln hier ein Preisschild hängt, heißt nicht, dass man da nicht drauf sitzen kann. So verratzt das Leder auch aussieht, die sind urgemütlich. Ich hab schon so einige Abende drauf verbracht, wenn ich mich beim Warten auf Ladenschluss in nem Buch festgelesen hab.“ Josi griff zwei tönerne Schalen aus einem anderen Regal. „Und jetzt setz dich hin. Ach ja, ich bin Josi, Joseph Hunzinger um genau zu sein.“ Er nahm dem Jungen die Truhe mit den Fotos aus den Händen und stellte sie zurück ins Schaufenster.
„Und? Hast du jetzt nen Namen oder nicht?“ Josi setzte sich auf seinen Lieblingssessel hier im Laden, von dem aus er nicht nur die Ladentür und durchs Schaufenster hindurch die Straße, sondern auch über einen Gemäldespiegel die Kasse im Blick hatte.
„Richard“, brummte der so aufgeforderte und ließ sich zögerlich auf dem anderen Sofa nieder. Josi reichte eine der Teeschalen rüber. „Richard also.“ Auffordernd schaute Josi zu seinem Gast herüber, doch es blieb bei diesem einem Vornamen.
„Na gut“, lenkte Josi ein, „ich hab dir den Tee versprochen zusammen mit einer Erklärung. Und danach will ich, dass du den „Hehler“ zurücknimmst.“ Er lehnte sich zurück und nahm seinen Tee in die Hand.
„Dann will ich mal anfangen. Aber viel hab ich nicht zu erzählen.“ Sein Blick glitt zu Richard und über den Rand der Teeschale hinweg bohrten sich das blasse Blau der Augen in ihn.
„Vieles was wir hier haben, kommt von Privatpersonen, die ihre alten Sachen loswerden wollen. Aber vieles bekommen wir auch über Haushaltsentrümpler, die hoffen noch ein paar Euro bekommen zu können und nicht alles in den großen Container schmeißen. Es muss Frühling oder Frühsommer gewesen sein, da kam wieder ein solcher Aufräumunternehmer bei uns vorbei. Er hat meinem Chef diese kleinem Truhe da im Schaufernster mit den Bildern drinnen und….“ Weiter kam Josi gar nicht, da sein Gast beim Wort 'und' aufgesprungen war. „Es hat noch mehr überlebt? Was ist es? Bitte, darf ich es sehen?“, wurde Josi unterbrochen.
„Hey, jetzt mach mal langsam!“, stoppte Josi den Redefluss. „Erst knallst du mir den Schneematsch ins Gesicht, dann renn ich dir sogar durch das Mistwetter nach und ich krieg weder ne Entschuldigung noch nen guten Grund, warum in Dreiteufelsnamen ich dir hier überhaupt Tee anbiete und mehr als ein genuscheltes „Richard“ hab ich nicht gehört“, schnaubte Josi.
Unschlüssig stieg Richard von einem Fuß auf den anderen. „Ja, Sie haben ja Recht.“ Er strich sich seine Zotteln hinter die Ohren. Während er die Schultern zurückzog und aufrechte Haltung annahm, suchte er mit seinen Augen Josis Blick. „Richard Silberthal, um genau zu sein Richard Levi Silberthal. Es freut mich, trotz aller Umstände, Ihre Bekanntschaft machen zu dürfen.“ Er reichte Josi die Hand, worauf hin dieser ebenfalls aufstand und diese mechanisch nahm. „Bitte verzeihen Sie mein Verhalten. Ich war emotional aufgewühlt und außerhalb meiner Selbstbeherrschung.“ Richard fuhr nochmal eindeutig verlegen durch seine Zotteln. „Mein Verhalten war nicht akzeptabel, doch leider ist es nicht mehr rückgängig zu machen. Vielleicht wenn ich mich erklären darf…“
Perplex schaute Josi den jungen Mann an. Mit vielem hätte er gerechnet, aber diese formvollendeten und hochgestelzten Umgangsformen konnte sein Hirn nur schwer mit dem struppigen äußeren Erscheinen seines Gastes in Einklang bringen. Es war fast so, als ob das Ambiente seinem ungebeten Gast in Erinnerung brachte, sich wieder so zu verhalten wie es ihm beigebracht worden war.
„Setzen Sie sich doch wieder. Dann können wir in Ruhe weiter reden.“ Eine Phrase der Höflichkeit im Geschäftsleben, schon tausende Male zu diversen Kunden gesagt… Ein Hoch auf Automatismen die sich abspulen, wenn das Hirn in temporären Streik geht!
Josi ließ sich wieder nieder und auch Richard plumpste wenig elegant zurück in seinen Sessel. Während sein Gehirn langsam wieder Funktion aufnahm, schlich sich ein Grinsen auf seine Lippen. >Der hat mich jetzt tatsächlich behandelt, als ob ich ein Graf oder so wäre. Wie süß! Wie war das, der Jüngere hat den Älteren so lange zu siezen, bis der Ältere das ‚du‘ anbietet?< „Also wegen mir können wir ruhig beim ‚du‘ bleiben…“ Josi erlaubte seinen Lippen das Grinsen und schaute zu Richard. Leicht und unsicher grinste dieser zurück.
„Nun ja, mein Chef hat die Truhe zusammen mit einem Feuerbesteck und zwei kleinen Steinlöwen im Frühling einem Entrümpler abgekauft. Bislang stand alles im Lager rum. Und da wir jedes Weihnachten unser Schaufenster aus weihnachtstauglichen Lagerbeständen dekorieren…“, fuhr Josi fort und deutete mit einer Handbewegung unbestimmt Richtung Schaufenster. „Heuer ist's heimelige Familienweihnacht geworden. Da kamen mir diese Sachen gerade recht.“
Josi bemerkte, wie sein Gast gebannt an seinen Lippen klebte und wie ein nach Leckerli bettelndes Hündchen unter seinen Haarzotteln hervorlugte. Er nahm einen Schluck aus seiner Tasse und erzählte weiter. „Ich kann die Bücher von Jahresanfang mal durchgucken.“
Die Augen bohrten sich in Josis Gehirn und seine Phantasie veränderte das Setting. Die Ladenkasse verschwand und machte einem Bett im Hintergrund Platz, aus den nasskalten Winterstiefeln an seinen Füßen wurde ein weicher Teppich unter nackten Füßen und je länger er auf Richard schaute, desto mehr verschwanden dessen Kleider und desto mehr begann der Schritt seiner Hose zu spannen. >Oh man, das kann man ja nur noch notgeil nennen! Mensch beherrsch dich!< Josi räusperte sich und lehnte sich zurück. „Doch jetzt erstmal zu dir. Wie komm ich …“ Er schaute auf die Pfütze, die der Schnee, welcher sein Gesicht verfehlt hatte, auf dem Steinboden im Eingangsbereich hinterlassen hatte und deutete darauf. „…zu dieser Ehre?“

Richard besaß den Anstand puterrot zu werden und versteckte sich einen Moment hinter seinen Zottelhaaren. Er nahm seine Teeschale und drehte sie in seinen Händen hin und her. Josi schenkte ihm ungefragt nach. Richard pustet kurz in die leichten Dampfwolken, die der Tasse entstiegen. Es schien fast so, als würde er mit den Wölkchen spielen… oder Zeit schinden.
„Da ist nicht viel zu erzählen. Ich war mal reich, ich hatte mal Familie, dann hat's gebrannt, nun gibt’s nichts mehr.“ Richard sprach zu seiner Tasse, doch den Schmerz in seiner Stimme konnte Josi hören. „Naja und dann hab ich Leopold da im Schaufenster gesehen….“ Das „und die andern auch“ kam nur noch geflüstert.
„Oh.“ Josi musste an sich halten, sich nicht mit der Hand gegen die Stirn zu hauen. Was Geistreicheres hätte ihm wirklich nicht einfallen können.
„Naja, ich wusste nicht recht ob ich heulend zusammenbrechen sollte oder hier alles kurz und klein schlagen sollte… und da ist dann Schnee draus geworden.“ Mit einem schiefen Grinsen schielte Richard von seiner Tasse hoch und zu Josi.
„S….Du hast echt nicht gewusst, wo die Sachen herkommen, ja?“ Josi nickte nur. „Pardon. Das mit dem Hehler, ich hätte erst Fragen sollen. Ich wollte dich nicht… Ich war nur…“ Richard hob seine Teeschale und trank sie in einem Zug leer. „Und vollständige Sätze zu bilden hab ich in den letzten Minuten auch verlernt.“ Er seufzte tief und stellte die Teeschale auf das Tischchen. „Bitte, darf ich sehen, was noch den Brand überlebt hat?“

****

Josi blätterte in der dicken Kladde. Er hatte Richard einen Moment alleine gelassen und das Inventurbuch von diesem Jahr aus dem Büro geholt. Nun gingen sie durch den schneematschigen Hof zum Lager. Wieder bemerkte Josi, dass Richard zu zittern anfing, obwohl sie wirklich nicht lange draußen waren. „Die Truhe mit den Fotos ist im Laden, die meisten Fotos hab ich drin liegen gelassen. Nur einige besonders dekorative habe ich…“ Ein leichtes Stolpern neben ihm stoppte Josis Worte. Unwillkürlich schaute er zu Richard und sah ihn verbissen vor sich auf den Boden starren. Erst da realisiert Josi, wie seine Worte rübergekommen zu sein schienen. „Scheint so, als sollte auch ich wohl besser erst nachdenken, bevor ich was sage, hm?“ Er stupste mit seinem Ellenbogen leicht gegen Richards Arm. Richard drehte den Kopf zu ihm und grinste ihn schief an.
„Komm mit, hier rein.“ Josi öffnete eines der mittleren Garagentore im Hinterhof. Er führt Richard zielsicher um Gartenzwerge, metallenen Wasserspiele und andere Gartendeko herum zu zwei kleinen Steinlöwen. Richard kniete sich zu den Löwen hinunter und strich einem über die harte Mähne. „Die haben mal unsere Einfahrt flankiert…“
Seine Schultern bebten jetzt deutlich, doch Josi konnte nicht ausmachen ob wegen der Kälte, die in ihren nur auf frostfrei isolierten Lagerräumen herrschte oder ob noch etwas anderes der Grund war. Doch es reichte ihm als Grund, seinen Parka auszuziehen und ihn um die schmalen Schultern des vor ihm knienden Mannes zu legen. „Bin doch kein Mädchen“, protestierte Richard leise, schmiegte sich aber in den warmen Parka. „Magst du das Feuerbesteck auch noch sehen?“, wollte Josi wissen und ging wieder zurück zum Tor. Dadurch sah er nicht, wie Richard an den Zetteln rumknibbelte, auf die er und Herr Steinbeck ihre internen Preisvorschläge draufgeschrieben hatten.
Eine Antwort bekam er keine, doch stand Richard kurz darauf drängelnd neben ihm.

Das Kaminzubehör war schnell gesichtet und kurz darauf standen sie wieder im Laden. „Was heißt Vau Ha Be?“ Richard war neben ihn geschlichen, als Josi gerade die Kladde in der Schublade bei der Kasse verstaute. „Vau Ha Be? …ach VHB! Das heißt Verhandlungsbasis. Warum fragst du?“
„Nur so…“ Dass da mehr hinter der Frage war, war Richard im Gesicht abzulesen, doch ging dieser nicht weiter drauf ein.
Josi musterte ihn und ein unbestimmtes Gefühl wurde langsam Gewissheit. „Ach weißt du was, ich geb‘ dir die Fotos aus der Truhe einfach mit. Die anderen und die Truhe selber würd' ich gerne noch bis Weihnachten behalten. Sonst muss ich hier komplett umdekorieren und dazu ist mein Gehirn jetzt leer.“
Richard sah ihn an, als ob jetzt schon Bescherung wäre. „Wirklich? Ich kann die haben? So hier? Jetzt? Einfach so?“ Er verhaspelte sich, zum zweiten Mal strahlten seine Augen und das Blau der Iriden wurde klar und freudvoll.
Josi wurde fast verlegen darüber, dass Richard sich so freute, es waren doch nur einige Fotos. Diese Verlegenheit überspielend holte er hinter der Theke eine kleine Papiertüte hervor und gab sie Richard. Dann stieg er über die versteckte Abtrennung und tänzelte behutsam durch das Schaufenster zur Truhe mit den Fotos. Ein paar Fotos ließ er am Grunde der Truhe zurück, damit es von außen so aussah, als sei sie auch weiterhin gefüllt mit den Bilder, alle anderen reichte er Richard.
Mit bebender Hand nahm dieser sie in Empfang, packte sie sorgsam erst in die Tüte und dann wettersicher unter seine Jacken. Als Josi wieder zurückkletterte, reichte ihm Richard für dem letzten großen Schritt hinein in den Ladenbereich die hilfreich die Hand. Josi bemerkte schlanke lange Finger, die sich überraschend kräftig um die Seinigen schlossen. Schöne Finger… an einer schönen Hand. So wie eigentlich der ganze junge Mann vor ihm. Josi räusperte sich, der Laden war kein guter Ort für Tagträume!
„Nun ja, wegen den andern Bildern, komm einfach am 24-zigsten kurz vor Schluss nochmal vorbei.“ Er griff in routinierte Handbewegung neben die Kasse und reichte Richard eine ihrer Visitenkarten. Richard nickte. „Vielen Dank, vielen vielen Dank.“ Und dann stob er, ähnlich schnell wie er gekommen war, zur Tür hinaus und war in der Dunkelheit verschwunden.
Aktualisiert: 23/01/17
Veröffentlicht: 23/01/17
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split am 23/01/17 21:54
Das ist eine wirklich schöne Idee, die auch super in die Adventszeit passt.
Es ist alles lebhaft beschrieben und ich freue mich schon auf den nächsten Teil.
Sei mir aber nicht böse, wenn ich anmerke, dass es doch noch ein wenig holprig ist, sei es nun, weil es vor Weihnachten schnell gehen musste, oder weil das Schreiben für dich noch ein wenig neu scheint. Der ein oder andere Tippfehler findet sich dann doch noch.
Bin trotzdem gespannt, wie es weitergeht *flausch*




Antwort der Autors jabba (24/01/17 18:30):
Danke dir!
Hach die lieben bösen Tippfehler... Dabei hatte ich doch ne Beta *seufz* ;(
Geheimnisvolle Familienfotos
Esther am 24/02/17 16:09
Vielen Dank für diese schöne, zuckrig-süße Geschichte, die, wie split schon angemerkt hat, sehr gut zur Weihnachtszeit passt von der Atmosphäre und Art her, wie sie geschrieben ist und der Hauptcharakter Josi unkompliziert entscheidet, dass er - zunächst erst mal die Fotos - an Richard zurückgibt.
Ein paar Rechtschreib- und Grammatikfehler habe ich auch gefunden, aber das ist generell bei online veröffentlichten Geschichten etwas, was selbst mit Beta-Lesern weiter vorkommt. (Und leider auch bei sehr, sehr vielen Ebooks von Selfpublishern...) Von daher fand ich das jetzt nicht wirklich störend. Es hält sich ja noch im Rahmen. Nobody is perfect! :-)

Ich bin gespannt, wie es mit der Geschichten und den Beiden weitergeht und hoffe, Du hast noch viel Spaß am Schreiben :-)



Antwort der Autors jabba (27/02/17 18:38):
Ja, ich bin bereit an einer Fortsetzung dran. Sie wird auch kommen, aber nagel mich nicht auf eine Jahreszahl beim Advendskalender fest Smiley
@Rechtschreibung&Gramatik: och nee -.- hab doch 1-2 Betas beschäftigt und selber den klassischen 'Baum im Wald'-Blick. Da bin ich aber froh, dass es es nicht zu störend war...
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Yavia
29/08/21 12:27
An alle, die eine Nachricht an die Admins über die Mailadresse schicken: Bitte gebt euren Usernamen in der Nachricht mit an, damit wir wissen, wer um Hilfe fragt. Vielen Dank!

Snoopy279
16/05/21 18:14
gerne natürlich auch die, die Fanfiktion lesen/Fanfiktionschreiber einfach unterstützen wollen

Snoopy279
16/05/21 18:14
alle, die auch Fanfiktion schreiben, bitte bei der Petition mitmachen, damit das auch in Zukunft möglich bleibt!
http://chng.it/WnwVCzxGff


jabba
21/01/21 22:32
Knuddel! Knuddel! Alle ganz doll knuddel! Heute ist Weltknuddeltag! Knuddel! Knuddel!

Witch23
01/01/21 02:37
*Pfeif Zisch* Gutes neues Jahr wünsche ich euch allen

split
01/01/21 00:01
Frohes Neues *krach baller lärm*

split
24/12/20 23:24
Frohe Weihnachten

Niemue
24/12/20 12:29
Ich wünsche Euch allen schöne Feiertage, einen guten Rutsch und viel Gesundheit im Neuen Jahr! :*

Witch23
24/12/20 11:02
Wünsche ich euch auch. Vor allem habt schöne Feiertage.

Yavia
24/12/20 10:48
Frohe Weihnachten euch allen!

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