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Veröffentlicht: 23/04/17 Aktualisiert: 02/09/18
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Anmerkungen zum Kapitel
Das chi hat mal wieder was geschrieben Grinsend und dann auch noch was ganz untypisches. Ich bin gespannt, wie es euch gefällt Smiley
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1. Kapitel 1 (Sowas wie ein Prolog)

„Hey, Schwuchtel!“
Max zieht den Kopf ein und schlägt die Kapuze seines Pullis hoch. Der Nieselregen wird dichter. Es ist Dezember, kurz vor Weihnachten, und noch nicht ansatzweise Schnee in Sicht.

Er hört die Schritte hinter sich und verspannt sich unwillkürlich, geht etwas schneller. Meistens verfolgen sie ihn nur bis zur nächsten Ecke, weil sie den Bus rechtzeitig erreichen müssen, aber heute hat der Lehrer die Klasse etwas früher gehen lassen. Zehn Minuten mehr Zeit für Claudio, Marcel und Robin, die sie in Gemeinheiten investieren können.

„Ey, Schwuchtel! Hast du nicht gehört, dass wir mit dir reden?“
Claudios Stimme ist plötzlich ganz nah. Max spürt, wie er ihn am Rucksack packt, dann wird er auch schon grob herumgerissen und blickt direkt in Claudios Gesicht, das zu einer hämischen Fratze verzogen ist.
„Lass mich in Ruhe, Mann!“, sagt Max und ärgert sich, weil seine Stimme so piepsig ist, weil er ein verdammter Schwächling ist und weil er sich nicht wehren kann und deshalb das perfekte Opfer ist. Quasi gefundenes Fressen für die drei Geier, die sich vor ihm aufgebaut haben. Nicht nur, weil er kleiner ist als sie, kommt er sich winzig und hilflos vor. Er IST winzig und hilflos.

Max stellt auf Durchzug, als sie ihn beschimpfen. Das tut er immer, in der Hoffnung, dass sie das Interesse verlieren, wenn er nicht reagiert. Manchmal klappt es. Aber nicht oft.

Schüler gehen auf dem Weg zum Bus an ihnen vorbei. Auch ein paar Erwachsene kommen den Weg entlang. Keiner schaut hin, obwohl es offensichtlich ist, dass es sich hier nicht gerade um freundschaftliches Plaudern handelt. Die drei haben Max eingekesselt, in seinem Rücken nur die Hecke des Nachbarhauses. Der Nieselregen ist inzwischen zu richtigem Regen geworden, aber das stört die Geier nicht. Max' Kapuze ist nur aus Stoff und die Nässe dringt nach kurzer Zeit durch, während sie ihn fragen, warum er so hässlich und so dumm ist und immer so schlechte Noten schreibt. Die alte Leier, und trotzdem tut jedes Wort weh.

Gerade, als es am schönsten ist, schaut Robin auf sein Handy. „Ey, der Bus kommt gleich.“
„Zu schade“, sagt Claudio, der unbestrittene Anführer der drei, bedauernd. „Wir hätten uns doch noch so gerne weiter mit der Schwuchtel unterhalten.“
„Ich bin keine Schwuchtel“, wagt Max zu entgegnen.
„Ist klar“, höhnt Marcel und wackelt mit den Hüften. „Deswegen machst du ja auch immer dem Baumann so schöne Augen. Ich hab's genau gesehen!“
Baumann ist ihr Englischlehrer, der mit Abstand unbeliebteste Lehrer der ganzen Schule. Er hat nur noch wenige Jahre bis zur Pension, ertränkt sein Dasein in Alkohol, riecht, hat komische Angewohnheiten und glotzt mit Vorliebe den Mädchen in den Ausschnitt. Und er ist verbeamtet und kann nicht so einfach gefeuert werden. Und vor allem macht Max ihm definitiv keine schönen Augen.

Claudio macht ein Würgegeräusch. „Man muss ja echt pervers sein, wenn man auf so was steht. Stellst du dir manchmal vor, wie du an seinem Schwanz lutschst?“
„Du spinnst doch“, erwidert Max und bereut es im nächsten Moment, denn Claudio steht auf einmal dicht vor ihm. „Werd nur nicht frech, Arschficker!“, knurrt er. Dann versetzt er Max einen Stoß vor die Brust, sodass er sein Gleichgewicht verliert, in die Hecke taumelt und in die nächste Pfütze hinein zu Boden geht.
„Volltreffer!“, hört er Marcel begeistert sagen, dann ziehen die Geier lachend ab, damit sie ihren Bus nicht doch noch verpassen.

Max' Rücken schmerzt, weil er genau auf die Metallflasche in seinem Rucksack gefallen ist. Ungelenk wie eine Schildkröte, die auf den Panzer gerollt ist, rappelt er sich auf und wird dabei noch nässer. Die Jeans an seinem Hintern trieft und er schämt sich dafür, wie er jetzt wohl aussieht.

Er schaut nach, ob sein Handy den Sturz in die Pfütze überlebt hat. Es wäre zu ärgerlich gewesen, hätten die drei wieder zufällig eines auf dem Gewissen, ohne dass man es ihnen nachweisen könnte. Die Betreuer in der WG, in der er untergebracht ist, wissen um die Probleme in der Schule und es steht im Raum, ob er auf eine andere wechseln soll, aber trotzdem kann er nicht ständig ein neues Handy bekommen.
Zum Glück leuchtet der Bildschirm unbeeindruckt auf, als er auf den Knopf drückt.

Max stopft die Hände in die Jackentaschen und schleicht mit staksigen Schritten nach Hause. Eigentlich geht er gerne zu Fuß, aber jetzt verflucht er sich dafür, nicht den Bus genommen zu haben. Der braucht zwar länger, aber er ist beheizt und man muss nur sitzen. In der nassen Hose ist ihm jeder Schritt zuwider, und außerdem hat es nur knapp über null Grad.

Max biegt um die nächste Ecke. Mittlerweile schüttet es wie aus Kübeln und er hofft, dass sein Rucksack dicht hält und er zuhause nicht erst alle Bücher und Blöcke trocknen muss.

Ein leises Geräusch dringt auf einmal durch die düsteren Gedanken in sein Bewusstsein und lässt ihn stutzen. Ein klägliches, hohes und ziemlich schwach klingendes Fiepen. Max schaut sich verwundert um, kann aber kein Tier entdecken, von dem das Geräusch stammen könnte. Vorsichtig tritt er in die Hauseinfahrt, vor der er gerade stehen geblieben ist, und guckt hinter die steinernen Sockel, die Bäumchen und den Busch, die direkt am Eingang stehen. Nichts. Doch das Geräusch ist noch da, unregelmäßig, aber da. Er hat es sich nicht eingebildet, definitiv nicht. Max verkrümelt sich aus der Einfahrt, bevor ihn noch jemand sieht und ihn anmeckert. Er lässt seinen Blick die Straße entlang wandern und fragt sich, woher das Geräusch noch kommen könnte. Nur wenige Autos parken hier, obwohl es ein Wohngebiet mit Dreißigerzone ist. Ansonsten wirkt die Straße wie ausgestorben. Bei dem Wetter geht keiner freiwillig raus.

Weit weg kann das Tier nicht sein, sonst hätte er das zarte Stimmchen doch nicht gehört.

Max' Blick fällt auf den Gulli, der direkt neben ihm im Randstein eingelassen ist. Das Tier wird doch nicht etwa da drin sitzen? Kurz entschlossen streift Max seinen Rucksack ab, lässt ihn auf den Gehsteig fallen – nass ist er eh schon, jetzt halt auch noch von unten – und kniet sich ungeachtet der Nässe auf die Straße. Hier fahren die Autos langsam und es scheint um diese Uhrzeit sowieso niemand unterwegs zu sein. Ach, und selbst wenn er angefahren würde, wäre es auch nicht so schlimm. Wenn er nicht stirbt, sondern nur verletzt im Krankenhaus läge, blieben ihm Claudio, Robin und Marcel doch einige Tage oder Wochen erspart.

Das Geräusch ist nun deutlich zu hören. Es kommt definitiv aus dem Gulli, aber zu sehen ist nichts außer einem schwarzen Loch. Max zieht sein heil gebliebenes Handy aus der Hosentasche, schaltet die Taschenlampe ein und leuchtet ins Dunkel.

Als erstes huscht der Lichtstrahl suchend durch die viereckige Öffnung, dann bleibt er an einem reflektierenden Augenpaar hängen. Max leuchtet genauer hin und erkennt, dass es sich um eine kleine Katze handelt, die kläglich miaut. „Verdammt!“ Er kennt sich nicht besonders gut mit Tieren aus, aber dass das kleine Kätzchen Hilfe braucht, sieht er auf den ersten Blick. „Wie krieg ich dich denn da jetzt raus?“, fragt er ratlos in den Gulli hinein. Als Antwort erhält er ein leises Miauen. Das Kätzchen bewegt sich keinen Millimeter; es muss total verängstigt sein. Hoffentlich bekommt es keine Angst vor mir und kriecht noch tiefer in den Gulli, denkt Max und überlegt, ob sein Arm wohl lang genug ist. „Bleib schön sitzen“, sagt er zu dem Kätzchen, „ich hol dich da raus.“
Damit er im richtigen Winkel in den Gulli greifen kann, muss Max sich ganz hinlegen. Die Vorderseite seiner Jeans ist in Sekundenschnelle genauso durchweicht wie sein Hintern, aber jetzt gerade ist es Max völlig egal. Er tastet sich mit der Hand in den Gulli vor und macht „urks“, als seine Finger auf nassen, glitschigen Dreck stoßen, von dem er vermutlich nicht so genau wissen will, was das überhaupt ist. Er tastet weiter, bis er endlich das nasse Fell an den Fingerspitzen spürt. Unter seiner Berührung zuckt das Kätzchen zusammen, bewegt sich aber zum Glück nicht weg von ihm. Er hofft, dass es sich jetzt nicht panisch nach hinten verkriecht und dann doch noch in den Kanal fällt, wo es, wenn es den Sturz überlebt, bei dem momentanen Wetter höchstwahrscheinlich ertrinken wird. „Sorry, falls ich dir wehtue“, entschuldigt sich Max schon im Voraus, dann nimmt er seinen Mut zusammen und greift beherzt zu, um das Kätzchen aus dem Gulli zu ziehen.

Zum Vorschein kommt ein klatschnasses, ehemals rotes Fellbündel, dass nun aber dreckverkrustet ist und einen jämmerlichen Eindruck macht. Es zittert wie Espenlaub und hat völlig verkrustete, entzündete Äuglein. „Ojeh.“ Max ist ehrlich betroffen. „Du bist ja nur Haut und Knochen!“
Sein Hirn kommt langsam ans Arbeiten. Was soll er jetzt mit der kleinen Katze machen? Ob sie wohl einen Besitzer hat? Und wenn ja, wie soll er das herausfinden? Eigentlich scheint es Max a ber unwahrscheinlich, dass das Tierchen jemandem gehört, so verwahrlost wie es aussieht. Außerdem muss das Tier zu einem Tierarzt, das erkennt sogar er. Ob sein Erspartes wohl dafür reicht? Kurz überschlägt Max seine Finanzen im Kopf. Er gibt von seinem Taschengeld nicht viel aus, denn er hat außer Lesen kein richtiges Hobby, und die Bücher leiht er meistens in der Stadtbibliothek aus. Vermutlich sollte sein Geld für eine Behandlung ausreichen, schätzt er, auch wenn er sich mit Tierarztkosten überhaupt nicht auskennt.

Und da ist noch die Frage, wie die WG wohl reagieren wird, wenn er auf einmal mit einem Kätzchen ankommt. Zum Glück hat heute Carola Tagdienst. Die Betreuerin ist tierlieb und bringt manchmal sogar ihren eigenen Hund mit in die WG. Die Jungs freuen sich immer, wenn Oscar zu Besuch ist, und reißen sich darum, wer mit ihm spazieren gehen darf.

Erst einmal muss er das Kätzchen irgendwie transportieren. Nach kurzem Überlegen packt sich Max zuerst den Rucksack wieder auf dem Rücken, gar nicht so einfach, wenn eine Hand damit beschäftigt ist, das kleine Katzenbündel sicher zu halten. Als es ihm gelungen ist, macht er die Jacke halb auf, schlüpft aus einem Ärmel und legt sich die Katze unter der Jacke in den Arm. Zum Schluss macht er den Reißverschluss wieder zu, damit das Tier vor weiterer Nässe geschützt wird. Das zitternde, nasse Bündel drückt sich sofort an ihn. Jetzt aber schnell nach Hause. „Es ist nicht mehr weit“, macht er dem Kätzchen Mut – und sich selber auch, denn mittlerweile fühlt er sich wie ein menschgewordener Eiszapfen.

Max friert, wie er wohl noch nie in seinem Leben gefroren hat, als er endlich die WG erreicht. Mit eiskalten, starren Fingern fummelt er den Haustürschlüssel aus seiner Tasche, zweimal fällt er runter und als Max gerade den dritten Versuch startet, das Schlüsselloch zu treffen, geht die Türe auf und Carolas besorgtes Gesicht kommt zum Vorschein. „Mein Gott, Max! Was ist dir denn passiert?“, ruft sie bei seinem durchweichten, eingesauten Anblick erschrocken aus. „Und was HAST du da?“
„G...g...gefunden“, erklärt Max mit klappernden Zähnen. Carola fragt nicht weiter, sondern schiebt ihn in den warmen Flur. „Raus aus den nassen Sachen, sofort! Du holst dir ja den Tod! Gleich unter die Dusche mit dir!“
„Aber die Katze...“, wagt Max einen vorsichtigen Protest. Seine Gesundheit ist ihm weniger wichtig als die des jämmerlichen kleinen Häufchens Katze, das seinen Beschützerinstinkt geweckt hat. „Die übernehme ich. Es reicht ja, wenn einer einen Arzt braucht“, sagt Carola mit Blick auf die Katzenaugen. „Ich leg sie trocken, solang du dich unter der Dusche aufwärmst.“
Max zieht den Reißverschluss der Jacke auf und gibt Carola das Kätzchen. „Oh mein Gott“, sagt sie nochmal, und Max ist unendlich froh, eine so tierliebe Betreuerin zu haben. „Was dir wohl passiert sein muss, armes kleines Ding.“
Und zu Max, der immer noch da steht in seinen nassen Sachen, sagt sie: „Nun aber hopp, unter die Dusche. Und deine Klamotten am besten direkt in die Waschmaschine!“
„Danke, Carola.“ Max ist unendlich froh, das nasse, kalte Zeug loswerden zu können.

Das heiße Wasser tut unwahrscheinlich gut. Max hätte ewig unter der Dusche stehen können, aber die Sorge um das Kätzchen treibt ihn wieder hinaus, sobald er sich nicht mehr von innen heraus erfroren fühlt. Das Abrubbeln mit dem Handtuch und die trockenen, sauberen Klamotten tun ihr Übriges dazu, dass er sich gleich viel besser fühlt.

Er findet Carola und sein Fundkätzchen im Wohnzimmer. Carola sitzt mit der kleinen, in ein Handtuch gehüllten Katze neben der Heizung auf dem Sofa. ¨Wie geht es ihr?¨, fragt Max und beugt sich über das Handtuch. Die Katze ist noch nasser als zuvor und hängt kraftlos in Carolas Arm. „Ich habe sie sauber gemacht und jetzt muss sie trocknen¨, sagt Carola. „Aber wir sollten nachher wohl zum Tierarzt fahren.¨
„Ich hoffe, mein Geld reicht¨, murmelt Max, doch Carola winkt ab. ¨Das Problem überlässt du mir, okay?¨
„Okay.¨ Max setzt sich neben Carola und betrachtet das Bündel. Sie drückt es ihm in die Hand und steht auf. ¨Bleib du hier sitzen und schau, dass das Kätzchen trocknet. Ich rufe mal beim Tierarzt an.¨ Carola steht auf und verlässt das Wohnzimmer Richtung Flur, um das Telefon zu holen. Das Kätzchen bewegt sich fast nicht, macht nur die Augen auf. Max fällt auf, dass Carola die Augen gereinigt haben muss, die Krusten sind fast weg. Die restlichen waren vermutlich zu hartnäckig. Und die Äuglein tränen schon wieder.

Max rutscht näher an die voll aufgedrehte Heizung, ganz vorsichtig, um das kleine Bündel auf seinem Schoß nicht zu erschrecken, und testet vorsichtig die Trockenheit von Katze und Handtuch mit seiner Hand. Carola hat ein frisches Handtuch dagelassen, damit man das Kätzchen wieder trocken einpacken kann, wenn das alte Handtuch zu feucht geworden ist. Zu Max' Erleichterung fühlt sich der kleine Katzenkörper schon wärmer an.

Er hört Carolas Stimme aus dem Flur, die einzelnen Worte kann er nicht verstehen. Das Telefonat dauert nicht lang und die Betreuerin kommt zurück ins Wohnzimmer. ¨Wir sollen gleich zur Praxis kommen¨, informiert sie Max. Er nickt. Carola fragt: ¨Kannst du die Katze dann während der Fahrt auf den Schoß nehmen? Einen Korb haben wir natürlich nicht im Haus...¨
¨Sollte schon gehen¨, meint Max und betrachtet das reglose Bündel in seinen Armen. Das Kätzchen schaut nicht gerade so aus, als würde es abhauen wollen.

Sie ziehen sich im Flur an und Carola holt das Auto, um es direkt vor die Tür zu fahren, damit Max mit der kleinen Katze nicht durch den Regen laufen muss. Es schüttet immer noch wie aus Kübeln und er ist froh, dass der Weg von der Haustür zum Wagen nicht weit ist. ¨Müssen wir den anderen nicht Bescheid sagen?¨, fragt er. Carola nickt. „Ich rufe Bernd an, wenn wir beim Tierarzt angekommen sind. Er hat ja die Nachtschicht heute. Die Jungs kommen ja alle etwas später nach Hause und haben einen Schlüssel.¨

Die Fahrt dauert nicht lange. Der Regen klatscht in dicken, kalten Tropfen auf die Windschutzscheibe und wird energisch fortgewischt. Das kleine Kätzchen in Max' Armen bewegt sich nicht, nur die flache Atmung verrät, dass es noch lebt.

Beim Tierarzt angekommen, meldet sich Carola kurz bei Bernd, während sie beim Empfang darauf warten, sich anmelden zu können. Es scheint viel los zu sein, drei Tierbesitzer stehen allein im Eingangsbereich. Eine junge Frau hat einen kleinen Hund an der Leine, die beiden anderen haben Katzenkörbe dabei. Sie werden ins Wartezimmer geschickt. Max und Carola treten an den Tresen, werden von der Tierarzthelferin begrüßt und Max erzählt vom Fund der Katze. Die Helferin beugt sich über den Tresen und begutachtet das Kätzchen. ¨So ein armer Wurm!¨, sagt sie und ihr Gesicht spiegelt etwas zwischen Bedauern und Entsetzen wider. „Ich frage Frau Hofmann, ob wir Sie gleich als Nächstes dran nehmen können.¨
Sie greift zum Telefon und Max entziffert das Namensschild auf der Brusttasche ihres Poloshirts. Dreher steht da. Sie spricht ein paar Worte in den Hörer und weist Carola und Max an, direkt nach hinten zu den Behandlungsräumen zu gehen.

Die beiden müssen ein paar Minuten warten, dann geht die Tür auf, eine Frau mit einem Kaninchen im Korb kommt heraus und etwas später werden sie hereingerufen. Max war noch nie bei einem Tierarzt und schaut sich neugierig um. Ein metallener Behandlungstisch steht frei in der Raummitte, an den Wänden sind Theken und Schränke verteilt. Die Tierärztin ist eine blonde, rundliche Frau, die Max vom ersten Moment an sympathisch ist. ¨Hier drauf mit dem Kleinen¨, sagt sie freundlich und klopft mit der flachen Hand auf den Tisch. Max legt sein Bündel vorsichtig auf dem Tisch ab, die Ärztin und die Helferin, die mit im Raum ist, treten näher. Frau Hofmann faltet das Handtuch auseinander und begutachtet das Kätzchen, das dort liegt und auf einmal einen Niesanfall bekommt. ¨Ojeh¨, macht sie nur und nimmt die kleine Katze hoch. ¨Dich hat es ja schlimm erwischt!¨
Sie lüpft das eingezogene Schwänzchen. „Ein kleiner Kater¨, stellt sie fest und wendet sich an Max. ¨Du hast ihn gefunden?¨
„Im Gulli, ja¨, sagt er und beobachtet, wie das Katerchen untersucht wird. Zuerst wird es auf eine Waage gelegt, bekommt Fieber gemessen, ins Maul geschaut und mit einem Gerät die Augen inspiziert. Die Helferin fährt mit einem Flohkamm durch das fast trockene Fell, die Tierärztin wirft einen Blick in die Ohren.

Kurz darauf ist das Katerchen rundherum untersucht und Carola und Max bekommen eine Diagnose. ¨Herpes¨, sagt Frau Hofmann, ¨ganz eindeutig. Diese weißen Flecken im Auge, die wir vorhin gesehen haben, sind ein ganz typisches Zeichen. Der Schnupfen passt auch dazu.¨
Wie zur Bestätigung niest das Kätzchen ein paar Mal. ¨Was macht man da?¨, fragt Carola. Die Helferin wuselt schon die Schränke entlang und sucht Sachen heraus. „Ich gebe Ihnen jetzt mehrere Medikamente mit¨, sagt Frau Hofmann. „Einmal ein Antibiotikum gegen den Schnupfen, da bekommt er jeden Tag eine halbe Tablette, und ein antivirales Mittel. Außerdem eine Augensalbe, die mindestens zweimal am Tag eingegeben werden sollte.¨
Die Helferin schreibt die Anweisungen auf eine kleine Papiertüte und schiebt die Tabletten und die Salbe hinein. Dann bekommt das Kätzchen noch eine Spritze mit einem Aufbauserum und einen neuen Termin in einigen Tagen verbunden mit dem Hinweis, dass Max sich melden soll, sobald es dem Kätzchen schlechter geht.

Carola bezahlt an der Theke, während Max das Kätzchen an sich drückt und große Augen macht, als er hört, wie viel die Behandlung und die Medikamente kosten. Carola dagegen zuckt nicht mit der Wimper.

Sie bringt Max und das Katerchen nach Hause und fährt nochmal los zum Supermarkt, um Futter für den neuen WG-Bewohner zu besorgen. Max setzt sich wieder mit ihm aufs Wohnzimmersofa, schön nah an die Heizung. Der kleine Kater soll es schön warm haben.

Er hört die Haustür aufgehen. Carola kann das nicht sein, überlegt Max, die ist doch eben erst losgefahren. Doch es ist Kevin, der älteste Mitbewohner der WG, der den Kopf durch die Wohnzimmertür streckt, um zu schauen, wer schon zuhause ist. „Hi Max“, sagt er und will sich schon wieder abwenden, um die nasse Jacke auszuziehen, als er verwundert genauer hinschaut. „Was hast du denn da?“
„Kätzchen gefunden“, sagt Max und blickt hinunter auf den kleinen roten Kater, der nun zu schlafen scheint. Die Anstrengungen der vergangenen Stunden haben ihn müde gemacht. „Carola war eben mit mir beim Tierarzt und ist jetzt Futter besorgen.“
Kevin streift schnell die Jacke ab und hängt sie an die Garderobe, dann kommt er neugierig näher. „Wo hast du es gefunden?“
Max erzählt die ganze Geschichte noch einmal, und Kevin streicht dem Kater vorsichtig mit dem Zeigefinger über das Köpfchen. „Armer Kleiner. Darfst du ihn wohl behalten?“
„Ich weiß nicht“, gibt Max zu, und stellt fest, dass sich sein Herz jetzt schon zusammenzieht bei dem Gedanken, den kleinen Kater wieder abgeben zu müssen.
„Wir hatten schon Kaninchen und Meerschweinchen hier“, sagt Kevin. Er ist schon in der WG, seit er fünfzehn ist, jetzt ist er siebzehn. Bei Max dagegen ist es noch nicht so lange her, dass er in die WG eingezogen ist. „Also, Tiere sind so grundsätzlich schon erlaubt“, ergänzt Kevin erklärend. „Mach mir bloß keine Hoffnungen“, sagt Max, „sonst ist die Enttäuschung nachher nur größer.“
„Jetzt sieh mal nicht so schwarz“, Kevin tätschelt ihm kumpelhaft die Schulter. „Carola ist sowieso total tierlieb und legt sicherlich ein gutes Wort für dich ein.“

Kevin soll Recht behalten. Als Carola und Bernd sich am Abend bei der Übergabe unterhalten, fällt kein einziges Wort darüber, dass das Kätzchen die WG wieder verlassen soll. Stattdessen wird ein Katzenklo aufgestellt und Max' Zimmer mit Näpfchen ausgestattet, denn natürlich soll der Kater zunächst bei ihm wohnen. Und Carola fordert Max auf, sich einen Namen für den kleinen roten Kater zu überlegen, der jetzt als Kugel eingerollt auf Max' Bett liegt und die Wärme der Leselampe genießt, die Max auf ihn gerichtet hat.

Seit diesem Tag ist Max nicht mehr allein.

Seit diesem Tag ist Pixel bei ihm.
Aktualisiert: 23/04/17
Veröffentlicht: 23/04/17
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Witch23 am 23/04/17 19:43
Eine interessante aber auch tragische Lebensgeschichte von zweien die niemanden haben. Bin mal gespannt was daraus wird.



Antwort der Autors Chiyuki (23/04/17 19:45):
Danke für dein Review Smiley
Kapitel 1 (Sowas wie ein Prolog)
Torsten am 23/04/17 23:26
Der Anfang dieser Geschichte ist gut.
Aber warum lebt Max in einer WG ?



Antwort der Autors Chiyuki (24/04/17 06:42):
Danke für dein Review.
Nähere Hintergründe kommen in den nächsten Kapiteln.
Kapitel 1 (Sowas wie ein Prolog)
martin1962 am 24/04/17 08:25
Beginnt super !!!!👍



Antwort der Autors Chiyuki (27/04/17 20:34):
Dankeschön Smiley
Kapitel 1 (Sowas wie ein Prolog)
MelG am 27/04/17 20:26
Hey Du!
Eine neue Geschichte von dir. Bin gespannt, wie es weiter geht.
Ich mag am liebsten beide in den Arm nehmen und knuddeln. Obwohl ich ja nicht so der Katzentyp bin. ;-)
LG, Mel



Antwort der Autors Chiyuki (27/04/17 20:34):
Huhu, vielen Dank dir Smiley
Kapitel 1 (Sowas wie ein Prolog)
TamSang am 28/04/17 14:08
Hallo Chiyuki!

So, habs auch geschafft den ersten Teil zu lesen...
Freu mich für Max, dass das Katerchen bleiben darf... Hat er jemanden zum Reden und zum Kuscheln... So ein kleiner Stubentiger kann Wunder vollbringen...

Bin gespannt, wie es im nächsten Teil weitergeht...

Grüße
Tami
Kapitel 1 (Sowas wie ein Prolog)
HeisseZitrone am 30/05/17 21:50
So süß! Und interessanter Hintergrund. Ich frage mich, warum Max nicht bei seinen Eltern wohnt...
Kapitel 1 (Sowas wie ein Prolog)
Esther am 09/02/18 15:38
Liebe Chi, diese Geschichte hat mich direkt anhand des Titels interessiert :-). Und ich wurde dann auch beim Lesen nicht enttäuscht. Ich finde, dass Max ein sehr liebenswerter und gut durchdachter Charakter ist. Man kann sich direkt in ihn reinfühlen und mit ihm mitleiden. Die Schulbullies, die sich nur in der Gruppe stark fühlen und sich immer ein Opfer suchen, dass sie dann immer wieder drangsalieren, kommen sicher auch einigen von uns nur allzu bekannt vor... -_- Ich hoffe, die bekommen im Laufe der Geschichte noch ihr Fett weg!!
Ansonsten erst mal schön, dass Max nun Pixel hat. Die Katze wird ihm guttun und da ich ja auch schon ein Kapitel weitergelesen habe, freue ich mich natürlich auch über Max' neuen Mitbewohner, der ihm noch mehr guttun wird. :-)
Kapitel 1 (Sowas wie ein Prolog)
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TamSang
04/09/18 15:17
Urlaub war total durchwachsen von nur 10 Grad gings bis zu 27 Grad und wieder zurück, schön wars trotzdem... Harzdrenalin war genial, Megazipline, 17 Sekunden fliegen... kann ich nur empfehlen...

Ricci
28/08/18 09:42
Schade um den Urlaub. Hoffentlich meint das Wetter es besser mit euch in den naechsten Tagen!

Witch23
27/08/18 23:51
dann bist du zur falschen Zeit da, Meine Eltern waren um den 10 Juli da und hatten Bombenwetter. beide 65 und mit Motorrad dort gewesen ^^°

TamSang
27/08/18 18:24
Haben heute bei 10 Grad und Regen mit dem Motorrad Kurven durch den Harz gezogen... geh erst mal heiß duschen... tagelang Hitze und zu unserem Motorradurlaub wirds kalt... Grüße...

Ricci
27/08/18 03:41
Hier steht uns noch ein Monat schwuele Hitze bevor, dann wird's hoffentlich kuehler!

Witch23
26/08/18 21:19
hier ist es auch inzwischen erfrischend milde geworden ^_^

split
26/08/18 18:08
liebe grüße aus der herbstkälte zurück XD

Ricci
26/08/18 14:09
Hallo und liebe Gruesse aus der Spaetsommerhitze! *aechz*

TamSang
10/08/18 14:31
hallo zurück...

lazzarra
10/08/18 00:09
Hallo zusammen

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