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Um sich von der Trennung mit seinem Exfreund abzulenken, lässt sich Martin auf einen Serienabend bei einem Freund ein. Doch der Abend verläuft nicht wie erwartet.

Genres: Reale Welt, M/M (yaoi)
1. Warnung: Keine
2. Warnung: Keine
3. Warnung: Keine

Kapitel: 1     Gelesen: Nicht möglich
Inhaltsverzeichnis

Wörter: 6168     Klicks: 2138
Veröffentlicht: 31/10/18 Aktualisiert: 31/10/18
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Anmerkungen zur Geschichte
Hallo zusammen. Endlich gibts mal wieder was von mir. Halloween ist normalerweise echt nicht mein Thema. Diese kleine Geschichte hatte ich schon vor einem Jahr begonnen, wusste dann aber nicht, wie ich den Anfang schlüssig fortführen sollte. Ich hoffe es gefällt.
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1. Ausgerechnet Zombies

Zombies. Martin schloss die Augen und atmete tief durch. Ausgerechnet Zombies. Sonst war er wirklich nicht so schnell zu erschrecken, doch mit Untoten hatte er ein Problem. Keine Logik und kein rationelles Denken kamen gegen die Panik an, die er verspürte, wenn er mit den wandelnden Leichen konfrontiert wurde. Und nichts half gegen die Albträume, die er garantiert in der Nacht haben würde, wenn er nicht schnell einen Weg fand, zu verschwinden. Vorzugsweise ohne sein Problem zu gestehen. Damit würde er sich unter seinen Kommilitonen zur Lachnummer machen und es war so schon schwer genug, da irgendwie hinein zu passen. 
Dass er jetzt hier war, verdankte er auch nur seinem Freund Nino. Der hatte ihn zu dem Serienmarathon eingeladen um ihn von dem unschönen Ende seiner Beziehung mit Lars abzulenken. Zumindest das funktionierte, denn Martin war zu sehr mit seinem Zombieproblem beschäftigt um an seinen doofen Ex zu denken. Trotzdem wünschte Martin wirklich, dass Nino eine andere Serie ausgewählt hätte, Halloween hin oder her. Nachdem Nino erwähnt hatte, dass auch Janik kommen würde, hatte Martin nicht mehr wirklich darauf geachtet, worauf er sich da einließ. 
 
Jetzt saß er hier, schloss jedes Mal die Augen, wenn Untote kamen und litt trotzdem, denn die Geräusche reichten aus, damit seine Fantasie ihn durch die Hölle schickte. 
Und Janik saß auf der anderen Seite des dunklen Raumes. Zwischen ihnen fläzten ein Dutzend andere Studenten auf verschiedenen Sitzmöglichkeiten, futterten Chips und Popcorn und tranken Bier oder Cola. Dank eines Projektors ersetzte eine weiße Wand den Fernseher. In dem großen Wohnzimmer von Ninos WG war dafür ausreichend Platz. Doch in dieser kinoähnlichen Atmosphäre war die Anwesenheit des seiner Meinung nach geilsten Typen des Jahrgangs leider auch kein Trost. 
 
Vorsichtig öffnete Martin ein Auge um zu checken, ob gerade wirklich keine Zombies zu sehen waren, so wie es der Dialog vermuten ließ, während er fieberhaft nach einer Ausrede suchte, um zu verschwinden. Plötzliche Übelkeit? Ihm war eingefallen, dass er diese eine wichtige Hausarbeit noch machen musste bis zur Abgabefrist? Er hatte eine SMS erhalten und musste ganz dringend einem Freund helfen? Martin tat sich schwer damit, sich etwas auszudenken, dabei würde es die meisten wohl gar nicht interessieren, wenn er einfach verschwand. Würden sie es überhaupt bemerken? 
 
Als kurz darauf gleich eine ganze Armee von Zombies auftauchte, war Martin alles egal. Er glitt so unauffällig es ging aus dem Sitzsack, den er für sich beansprucht hatte, und flüchtete erst einmal in die Küche, wo ausreichend Nachschub an Getränken und Knapperzeug gebunkert worden war. Dabei hatten sie bereits Pizzen bestellt, die auch bald kommen sollten. So lange würde Martin auf keinen Fall mehr hier sein. Er würde zurück ins Wohnheim gehen und da zur Ablenkung einfach seinen eigenen kleinen Serienmarathon machen. Irgendetwas würde sich in seinem Kühlschrank schon zu essen auftreiben lassen oder er sah unterwegs direkt kurz im Supermarkt vorbei und später konnte er dann einfach vor dem Laptop einschlafen. Das war zwar kläglich, aber damit würde er wenigstens keine Albträume heraufbeschwören.  
 
Entschlossen schnappte Martin sich noch eine Hand voll Pombären, denen er einfach nie widerstehen konnte, und wandte sich zum Gehen. Doch in der Tür zum Flur rannte er prompt in ein Hindernis und verschluckte sich an den Chips, die er sich eben in den Mund gestopft hatte. Die restlichen Chips aus seiner Hand verteilten sich auf dem Küchenboden, während er nach Luft ringend husten musste. 
„Woah, langsam.“ Janik klopfte ihm kräftig auf den Rücken und kramte dann aus einem der vielen Küchenschränke ein Glas hervor, das er mit Leitungswasser füllte und an Martin weiterreichte. Der nahm es dankbar entgegen und trank gegen den Hustenreiz in seinem Hals an. 
„Geht’s wieder?“, fragte Janik und Martin nickte hektisch. Sein Herz raste und wahrscheinlich war sein Gesicht dunkelrot. Er hasste es, wenn ihm so etwas passierte. Janik musste ihn jetzt doch für total dämlich halten. 
 
Unbehaglich brachte Martin das leere Glas zur Spüle, dann sammelte er die verstreuten Chips auf und entsorgte sie. Janik, der sich gegen den Türrahmen gelehnt hatte und mal wieder verboten geil aussah, beobachtete ihn dabei die ganze Zeit schweigend, was Martin nur noch nervöser machte. Keiner konnte abgewetzte Jeans, ein ausgeleiertes Sweatshirt und zerstruwelte, kurze Haare so sexy aussehen lassen. Dagegen fühlte Martin sich immer irgendwie fade, egal wie viel Mühe er sich gab. 
„Sollen wir dann wieder rüber gehen? Wir verpassen noch das große Gemetzel“, stellte Janik fest und Martin bildete sich ein, etwas Ironie herauszuhören. Er schüttelte stumm den Kopf. Langsam wurde er ruhiger, doch gegenüber Janik brachte er trotzdem kein Wort heraus. Die Situation war ihm zu peinlich. Außerdem konnte er jetzt nicht mehr unauffällig verschwinden. 
Janik sah ihn nachdenklich an. „Wolltest du dich vom Acker machen?“ 
Martin biss sich auf die Unterlippe und zuckte mit den Schultern. Erwischt. Er hätte genauso gut auch ja sagen können. 
„Zombies sind wohl nicht so deins?“ Was auch immer Martins Gesichtsausdruck darauf gewesen sein mochte, Janik lachte leise und tief und verpasste Martin damit ein flaues Gefühl im Magen. Das war so nicht fair. 
„Du verpasst noch alles“, brachte Martin schließlich gepresst hervor. Da, er konnte reden, sogar einen ganzen Satz. 
Doch statt brav zu gehen, schüttelte Janik den Kopf. „Macht nix. Zombies sind auch nicht so meines. Wieso bist du gekommen, wenn du das nicht sehen magst?“ 
Martin stopfte die Hände in seine Hosentaschen und zuckte wieder mit den Schultern. „Nino hat nichts von Zombies erwähnt.“ Dass ihm Janiks Anwesenheit als Grund ausgereicht hatte, würde er sicherlich nicht laut zugeben. 
„Ah, typisch Nino. Was willst du jetzt mit dem angebrochenen Abend machen?“ 
„Hab selber ein paar Serien.“ Martin war stolz auf sich. Das war schon sein dritter Satz. Sie führten tatsächlich eine Unterhaltung. 
„Allein?“, fragte Janik skeptisch. 
„Mit Eiscreme“, erwiderte Martin. Es war wissenschaftlich bewiesen, dass Eiscreme gute Gesellschaft war. Irgendwo. Bestimmt.  
Janik lachte erneut. „Ich komme mit.“ 
Wie? Was? Martin blinzelte verwirrt. Hatte sich sein heimlicher Schwarm gerade selbst bei ihm eingeladen? „Du weißt doch gar nicht, was ich gucken will.“ 
„Ich lass mich überraschen. Schlimmer als Zombies kann es nicht sein“, erwiderte Janik unkompliziert. Martin wusste nicht, was er darauf antworten sollte. Einerseits wäre Janik die perfekte Ablenkung von Lars, andererseits hatten sie beide kaum etwas miteinander zu tun gehabt bisher. Was wollte Janik also auf einmal von ihm? Martin erinnerte sich selbst vehement daran, dass Janik hetero war und eine gutaussehende Freundin hatte. Er brauchte sich also keine Hoffnungen machen, trotzdem schaffte er es nicht, einfach ‚nein‘ zu sagen. 
Mit einem mulmigen Gefühl verabschiedete Martin sich von seinem entspannten, einsamen Abend und startete schweigend einen neuen Fluchtversuch. Janik folgte ihm tatsächlich in den Flur und schlüpfte neben ihm in Jacke und Schuhe.  
 
Die Türklingel ließ Martin zusammenschrecken. Hastig zog er die Wohnungstür auf und trat hinaus ins Treppenhaus. Hinter sich konnte er Ninos Stimme hören. „Janik? War das eben Martin?“ Doch Janiks Antwort ging im Summer der Haustür unter. Martin nahm die Treppen immer zwei Stufen auf einmal und als er das Erdgeschoss erreichte, schlug ihm der verführerische Duft von frischer Pizza entgegen. Der Pizzabote, der hinter einem Stapel Kartons kaum noch zu erkennen war, sah ihm erwartungsvoll entgegen, doch Martin schüttelte den Kopf. 
„Dritter Stock“, sagte er im Vorbeigehen und trat hinaus auf die Straße. Der Asphalt war feucht und der dunkle Himmel von schweren Wolken verhangen. Es war schon den ganzen Tag regnerisch gewesen und auch jetzt konnte man im Schein der Straßenlaternen einen feinen Regenschleier erkennen. Zum Glück hatte es Martin nicht weit. Eklig würde es trotzdem werden. 
Er zog sich die Kapuze über den Kopf, schob die Hände tief in die Jackentaschen und schaffte es gerade einmal bis zur nächsten Laterne bevor Janik ihn eingeholt hatte. 
„Hey, Martin, warte doch!“ Eine kräftige Hand legte sich auf Martins Schulter. Er blieb widerwillig stehen und sah Janik abwartend an. Der hatte in der freien Hand einen Pizzakarton. Hinter ihm konnte Martin den Pizzaboten sehen, der in sein Miniauto stieg und davonheizte. 
 
„Hör mal.“ Janik fing seine Aufmerksamkeit wieder ein. „Ich wollte mich dir nicht aufdrängen. Wenn du neben dem Eis wirklich keine Gesellschaft haben willst, dann lass mich dich nur eben nachhause fahren und dann verschwinde ich. Aber Nino hat mir eine von den Pizzen aufgeschwatzt und die schaff ich nie und nimmer alleine und ich würde sie lieber mit dir teilen als morgen Früh die kalten Reste allein zu essen.“ Es dauerte einen Moment, doch Martin bemerkte schließlich, dass sich Janiks selbstsichere Ausstrahlung in Unsicherheit gewandelt hatte. Das war seltsam und ungewohnt. 
„Bei mir ist nicht viel Platz, mein Appartement ist winzig“, versuchte Martin halbherzig ein Gegenargument anzubringen. Sie würden auf der Schlafcouch automatisch zusammenrücken müssen. Er war sich nicht sicher, ob er das überstehen würde. 
„Mich stört es nicht. Du kannst mich nach der Pizza auch jeder Zeit rauskicken.“ 
Innerlich rang Martin mit sich selbst. Er hatte dem Serienabend zugestimmt, damit er abgelenkt war und nicht alleine in seinem Zimmer hockte. Janik bot sich jetzt genau für diese Ablenkung an, nachdem sich Plan A als absoluter Reinfall herausgestellt hatte. So eine Gelegenheit würde er so schnell nicht wieder bekommen. Er gab sich einen Ruck. „Wo steht dein Auto?“ 
„Der Dunkelblaue dort drüben.“ Janik deutete auf die andere Straßenseite, während seine unbeschwerte Ausstrahlung zurückkehrte. Martin fragte sich, ob er ein verdammt guter Schauspieler war oder sich seine Stimmungen tatsächlich so schnell ändern konnten. 
 
Sie stiegen in den Wagen und der warme Pizzakarton landete in Martins Schoß. Da Janik die Blocks mit den Studentenappartements, in denen Martin wohnte, offenbar kannte, musste er ihm den Weg nicht beschreiben. Sie brauchten kaum fünf Minuten und hatten bei der Parkplatzsuche Glück, trotzdem legte sich der Regen unangenehm feucht auf ihre Kleidung, bis sie die Haustür erreicht hatten. Der Eingangsbereich war hell erleuchtet und einige Kürbisse und Gummispinnen erinnerten Martin erneut daran, dass Halloween war. Da war er wirklich kein Fan von. Verkleiden war einfach nichts für ihn. Die Geräusche, die durch das Treppenhaus drangen machten noch etwas anderes deutlich. Offenbar schmissen da ein paar Leute eine Party. Das war nichts Ungewöhnliches. Es kam öfter vor, dass die Partys in den Gängen und Gemeinschaftsräumen stattfanden, weil die Appartements eben viel zu klein waren. Als Martin Janik zu seinem Zimmer führte, stellte sich heraus, dass die Party diesmal das dritte Stockwerk einnahm. Martin atmete auf. Sein Zimmer lag im Stockwerk darüber, am Ende des Ganges. Sie würden also nicht weiter behelligt werden. Auf der Treppe begegneten ihnen auch nur ein Werwolf und eine Mumie, an denen Martin sich eilig vorbei drängte, während Janik sie grinsend grüßte.  
„Komm rein“, sagte Martin, als sie endlich ankamen und er aufschloss. Er trat beiseite, um Janik hereinzulassen, dann schloss er die Tür und sperrte den Rest der Welt aus. 
„Nett. Die Appartements sind tatsächlich alle gleich, oder?“ Janik hatte Schuhe und Jacke wieder ausgezogen und war zwei Schritte weitergegangen. So stand er bereits mitten im Zimmer, wo er sich aufmerksam umsah. Schreibtisch, Bett, Regalwand. Die Küche bestand nur aus einer Spüle, einem Minikühlschrank und zwei Herdplatten im Eingangsbereich. Die Tür zum Duschbad war direkt daneben und der meiste Stauraum war in der Schrankwand hinter der Eingangstür. 
„Ja, Modulbau. Günstig und effizient. Für die Zeit des Studiums genügt es und mehr kann ich mir hier nicht leisten“, gab Martin mit einem Schulterzucken zu.  
„Ich find‘s cool. Hat gegenüber einer WG den Vorteil, dass man wirklich mal Ruhe hat.”
„Na ja, der Schallschutz ist eher mittelmäßig“, erwiderte Martin nüchtern, während Janik sich auf den einzigen Stuhl im Raum sinken ließ und den Pizzakarton neben sich auf einem freien Stück des Schreibtisches abstellte. Martin blieb unbehaglich in der Tür zum Zimmer stehen und wusste nicht so recht, was er mit sich anfangen sollte. 
„Nino schien ziemlich besorgt zu sein. Kennt ihr euch näher?“, fragte Janik unvermittelt und Martin brauchte einen Moment, um den plötzlichen Themenwechsel nachzuvollziehen. 
„Er ist der Cousin von meinem Ex. Ist wohl nur Mitleid, weil Lars mich vor ein paar Wochen ziemlich fies abserviert hat.“ Martin machte normalerweise kein Geheimnis daraus, dass er schwul war, aber er band es auch nicht jedem auf die Nase. Sollte Janik bisher nichts mitbekommen haben, so war das nun mehr als deutlich. Doch Janik zeigte keinerlei Anzeichen dafür, dass ihn die Information störte. 
„Ich glaube, er macht sich wirklich Sorgen um dich. Dass er dich eingeladen hat, war nicht nur Mitleid.“ 
„Hm.“ Martin war das Thema unangenehm. Er wollte das nicht vertiefen. Janik schien das zum Glück zu merken, denn er öffnete den Pizzakarton und grinste breit, während der intensive Geruch den kleinen Raum ausfüllte. 
„Also gut, wird Zeit, dass wir mit unserem eigenen kleinen Serienmarathon beginnen, möglichst bevor die Pizza kalt wird. Was hast du zu bieten?“ 
Martin nahm den Wechsel dankbar an und holte seine Festplatte mit den Serien aus dem Regal. Leider hatte er kein Stargate drauf. Da hatte er eine Reihe von Folgen, die ihn einfach immer aufmunterten, egal wie alt das schon sein mochte. Doch die Krimi- und Actionserien, die er dabei hatte, waren genauso gut dafür geeignet. Vor allem waren die nicht so gruselig. Das war eigentlich gerade das einzig wichtige Kriterium. 
Um seinen Laptop hochzufahren und die Festplatte anzustecken, musste er sich an Janik vorbei lehnen, doch der wisch ihm nur minimal aus. Martin vermied es all zu tief einzuatmen, trotzdem drang Janiks herber Geruch in seine Sinne. Der Pizzaduft rückte in den Hintergrund. Es war offiziell. Martin war ein Masochist. Eilig klickte er sich durch den Explorer in den richtigen Pfad der Festplatte und sah dabei auf die Uhrzeit. Es war gerade einmal kurz vor neun. Dann trat er wieder zwei Schritte zurück. 
„Such du aus. Mir ist es egal.“ Er machte Platz für Janik und ordnete sich ein wenig, während sein Gast den Inhalt durchstöberte. Da Martin nicht mit Besuch gerechnet hatte, hatte er sich auch nicht die Mühe gemacht, großartig aufzuräumen oder sein Bett zu machen. Janik schien sich auch nicht daran zu stören. Wahrscheinlich sah es bei ihm auch nicht anders aus. Trotzdem war es Martin ein wenig unangenehm, da hatte seine Mutter etwas zu viel Einfluss gehabt. Deshalb schob er mit wenigen Handgriffen ein paar Bücher und Ordner zusammen, faltete die Bettdecke so, dass sie sie gemeinsam mit seinen Kissen als Rückenpolster nutzen konnten, und holte dann zwei Becher und eine Großflasche Cola hervor. Das einzige, was er neben Leitungswasser anbieten konnte. Als er Janik darauf hinwies, zuckte der nur mit den Schultern. 
„Passt schon.“ 
Eines der Regalfächer über dem Bett diente als Ablage für die Becher und nachdem Martin auch noch eine Küchenrolle als Serviettenersatz dazu gelegt hatte, hatte Janik seine Wahl getroffen. Zum Glück, denn Martin war dabei, sich in eine peinliche Nervosität zu steigern.
„Hast du die schon gesehen?“, fragte Janik und Martin sah ihm über die Schulter. Der Ordner mit den Folgen von Agent X war geöffnet. Er schüttelte den Kopf. 
„Bin noch nicht dazu gekommen. Ist auch nur eine kleine Serie, aber die Beschreibung klang interessant.“ 
„Dann versuchen wir es damit, wenn du willst.“ 
„Klar. Mach‘s dir bequem.“ Martin deutete hinter sich auf das Bett. Nachdem Janik aufgestanden war, nutzte er den Stuhl um den Laptop in einer angenehmen Höhe vor dem Bett zu positionieren. Dann löschte er das Deckenlicht, sodass nur noch die Nachttischlampe im Regal dafür sorgte, dass sie nicht komplett im Dunkeln saßen. 
„Kann’s losgehen?“, fragte er, nachdem er es sich auf seiner Hälfte des Bettes bequem gemacht hatte, die Pizzaschachtel lag offen zwischen ihnen. 
„Jepp“, erwiderte Janik und griff bereits nach dem ersten Pizzastück. Martin startete die erste Episode und bediente sich ebenfalls während er sich zurücklehnte. Die ersten Minuten war er noch recht angespannt und sein Blick wanderte immer wieder zur Seite. Doch Janiks Aufmerksamkeit schien voll und ganz auf dem Essen und der Serie zu liegen, so konnte auch Martin sich nach und nach entspannen. 
Die Pizza, irgendeine Mischung mit Schinken und Gehacktem, war super lecker und die Serie war unterhaltsam. Kein Höhenflug der Filmkunst, aber dank diverser Actionszenen und einem gewissen Humor sicherlich nicht langweilig. Außerdem musste Martin sich eingestehen, dass er den Hauptdarsteller mindestens genauso heiß fand, wie seinen spontanen Gast. 
 
Bis zum Ende der ersten Folge hatten sie den Pizzakarton leer gemacht so wie die halbe Colaflasche und kein einziges Wort dabei gesprochen. Martin fand das angenehm. Lars hatte beim Film schauen ständig dazwischen geplappert. Das hatte ihn oft genug genervt. Genauso wie viele andere Kleinigkeiten, wenn er im Nachhinein darüber nachdachte. Aber er wollte nicht daran denken und wandte sich entschlossen an Janik. 
„Und, was denkst du? Ich werde definitiv weiter schauen.“ 
„Super, bin dabei“, entgegnete Janik ohne zu zögern. Dabei hatte er ohne Pizza keinen Grund mehr zu bleiben, fand Martin. Mit Verspätung bemerkte er, dass er den Moment, Janik rauszuschmeißen, gerade verpasst hatte. 
„Würdest du den Abend nicht lieber mit deiner Freundin verbringen?“, fragte er skeptisch. Der Gedanke war ihm schon ein paar Mal gekommen, seit sie Ninos Wohnung verlassen hatten. 
Janik antwortete nicht direkt, sondern kaute auf seiner Unterlippe herum und wirkte plötzlich nachdenklich. Martin fand den Ausdruck absolut anziehend. Er glaubte schon, dass er keine Antwort mehr bekommen würde, als Janik mit den Schultern zuckte und an die Restkrümel im Pizzakarton gewandt doch noch sprach. 
„Wir haben vor ein paar Tagen Schluss gemacht.“ 
„Oh.“ Mehr fiel Martin als Erwiderung nicht ein. Damit hatte er überhaupt nicht gerechnet. Er war niemand der auf Klatsch und Tratsch viel gab, er bekam davon so gut wie nie etwas mit, weil er es ausblendete, doch er war sich sicher, dass er zumindest davon etwas gehört hätte. Immerhin ging es um Janik. War die Trennung ein Geheimnis oder tatsächlich noch so frisch, dass sie sich noch nicht in die Klatsch und Tratsch Runde herumgesprochen hatte? Das Semester war erst wenige Wochen alt, da gab es wohl noch zu viele andere Neuigkeiten. 
 
„Also, kann ich bleiben?“, fragte Janik und Martin merkte, dass er mit seinen Gedanken abgedriftet war. Er nickte knapp. Jetzt verstand er ein wenig, weshalb Janik so hartnäckig gewesen war. Da würde er ihn sicherlich nicht vor die Tür setzen. 
„Meinetwegen. Bin gleich wieder da.“ Er schnappte sich den leeren Karton, um ihn auf dem Weg ins Bad zu entsorgen. So hatten sie mehr Platz auf dem eh schon engen Bett. Nachdem er die viele Cola wieder losgeworden war, warf er sich noch einen mahnenden Blick im Spiegel zu. Janik mochte wieder solo sein, doch deswegen war er sicherlich nicht plötzlich schwul oder wenigstens bi. Hier ging es wirklich nur ums Serien schauen. Er streckte sich die Zunge raus, schüttelte über sich selbst den Kopf und kehrte ins Zimmer zurück, wo Janik sich kurz entschuldigte und ebenfalls im Bad verschwand. 
Martin nutzte die Zeit, um die erste Datei zu schließen und die nächste zu öffnen. Er hörte das Rauschen der Klospülung und des Wasserhahns, dann kam Janik zurück und machte es sich wieder bequem. Ohne ein weiteres Wort startete Martin die zweite Folge und sie verfielen erneut in Schweigen. Doch Martin hatte das Gefühl, dass sich irgendetwas mit Janiks Geständnis verändert hatte. Sie lachten beide ein paar Mal und grinsten sich dann an. Sie schienen den gleichen Humor zu haben. 
Aus der zweiten Folge wurde die dritte Folge und das einzige, was die entspannte Stimmung störte, war ihr beider hin und her rutschen, weil ihre Sitzposition auf Dauer einfach unbequem war. Martin fand das tierisch nervig und wenn er genervt war, hatte er die schlechte Angewohnheit ständig zu seufzen. Manchmal merkte er das gar nicht, doch diesmal war es ihm bewusst und es nervte ihn nur noch mehr. 
Nach einem besonders langgezogenen Seufzer, richtete Janik sich plötzlich auf und drückte auf Pause. „Okay, jetzt reicht es. Wie zum Teufel kann man bequem auf diesem Bett sitzen?“, fragte er irritiert. 
Martin zuckte mit den Schultern und musste grinsen. „Gar nicht. Zumindest nicht für länger als einen Film. Wir haben das Limit überschritten.“ 
„Aha, also war‘s das oder wie machst du das sonst?“ 
Martin sagte nichts. Die Antwort war eigentlich offensichtlich. Langfristig bequem konnte man es auf dem Bett nur liegend aushalten und zwar allein oder sehr eng beieinander. Er überlegte, das als Grund zu nehmen, Janik doch noch vor die Tür zu setzen, damit er endlich einen ruhigen Abend hatte, doch eigentlich fand er Janiks Gesellschaft mittlerweile recht angenehm. 
„Du kannst dich hinlegen. Ich mach es mir mit der Decke und den Kissen auf dem Boden bequem. Das funktioniert ganz gut“, antwortete Martin schließlich verspätet und griff bereits nach den Kissen. 
„Wirklich? Das ist deine Antwort?“ Janik verdrehte die Augen. „Ich dachte, du würdest mich rausschmeißen.“ 
„Der Gedanke kam mir. Willst du denn gehen? Ich halte dich nicht auf“, erwiderte Martin verwirrt. Er wurde aus Janik einfach nicht schlau. 
„Nein, will ich nicht. Aber ich werde dich sicherlich nicht aus deinem eigenen Bett schmeißen, auf den kalten, harten Boden. Also leg dich hin. Wir passen beide aufs Bett.“ 
Martin konnte nur verständnislos zusehen, wie Janik Decke und Kissen am Kopfende zusammenschob und sie beide in die Waagerechte navigierte. 
„Dachtest du, das würde mich stören?“, fragte Janik, während Martin versuchte, nachzuvollziehen, wie er in diese Situation gekommen war. Irgendwie ergab das keinen Sinn. Janik hatte sich lang gemacht, als wäre es das natürlichste auf der Welt. Was es auch wäre, wenn sie zusammen wären, oder sich zumindest länger kennen würden. Oder irgendeine Beziehung hätten. Aber das hatten sie nicht. Also war das ganze einfach nur absurd. Und absolut verlockend, fügte eine Stimme in seinem Kopf zufrieden an. Martin schlug mental mit einem Kissen nach ihr. 
„Ich bin kein Ersatz für deine Ex“, murrte er und warf Janik finstere Blicke zu. Der ließ sich nicht beirren und grinste. 
„Und ich bin kein Ersatz für deinen Ex. Wenn du sonst keine Einwände anzubringen hast, dann können wir ja jetzt weiter sehen. Es war gerade so spannend.“ Janik lehnte sich über Martin und drückte wieder auf Play, während Martin die Luft anhielt und tausend Tode starb. Er konnte Janiks Kraft und Wärme durch ihre Kleidung spüren und das trug nicht gerade dazu bei, dass seine Gedanken wieder klarer wurden. Schließlich gab Martin nach. Während Janik sich zurücklehnte, drehte er sich auf die Seite, rutschte mit einem Kissen unter dem Kopf ganz nah an die Bettkante und versuchte den warmen, kräftigen Körper hinter sich zu ignorieren. 
„Du bist steif wie ein Brett“, bemerkte Janik trocken. 
„Woran liegt das wohl?“, knurrte Martin, ohne sich umzudrehen. 
„Ist es dir so unangenehm?“ Etwas in der Art, wie Janik das sagte, brachte Martin dazu, sich doch wieder zu ihm umzudrehen, soweit das eben ging. Er hasste diese zwischenmenschlichen Probleme und plötzlich steckte er wieder mitten drin. Wie war das nur passiert? 
 
„Ist dir der Gedanke, dass ich mit Fremden vielleicht nicht so gern auf Tuchfühlung gehe, jetzt erst gekommen?“ Was nur die halbe Wahrheit war. Bei anderen mochte er das wirklich nicht, aber mit Janik wollte Martin nur allzu gern auf Tuchfühlung gehen, am liebsten sogar fühlen ohne Tuch. Er setzte sich auf, rutschte etwas hoch, bis er mit dem Rücken an der Wand lehnte, und stopfte die Hände in die Taschen seines Sweaters, weil er nicht wusste, was er sonst mit ihnen anfangen sollte. Aus dem Augenwinkel konnte er sehen, wie sich John Case auf dem Bildschirm weiter mit den bösen Terroristen prügelte. 
„Ich habe nicht gedacht, dass dich das so stört. Ich bin es nicht anders gewohnt und gerade du...“ 
Martin fuhr aufgebracht dazwischen bevor Janik weiter sprechen konnte. 
„Falls es dir noch keiner gesagt hat, nur weil ich schwul bin, will ich nicht mit jedem Kerl, der mir über den Weg läuft, kuscheln, besonders nicht mit dir.“ Und das war jetzt eine glatte Lüge, doch so lange Janik sich wie ein Idiot benahm, war es leicht sich vom Gegenteil zu überzeugen. 
„Das meinte ich nicht.“ Janik setzte sich ebenfalls auf und wirkte resigniert. 
"Und was meintest du dann?", fragte Martin ein wenig ungeduldig. Er wusste nicht, wie er damit umgehen sollte. 
"Ich..." Janik rieb sich über die Stirn und wich Martins Blick aus. "Verdammt. Ich wusste, dass du dich von deinem Freund getrennt hast und vielleicht, na ja, hat Nino dich eingeladen, weil ich ihn darum gebeten habe." 
"Hä?" Martin verstand gar nichts mehr. 
"Also, versteh mich nicht falsch, Nino macht sich wirklich Sorgen um dich und brauchte auch keine Überzeugung, aber ich wollte mit dir ins Gespräch kommen und mir ist sonst nichts eingefallen. Ich dachte, wenn wir uns bei dem Serienmarathon sehen und dann die Serie als Grundlage für eine Unterhaltung haben, sollte das schon irgendwie gehen." 
"Wieso?" Wozu brauchte Janik denn bitte so eine umständliche Taktik? Sie hätten sich doch jederzeit unterhalten können, sogar über das Wetter. Okay, das wäre nicht originell gewesen, aber als Einstieg ging das immer irgendwie. Ganz zu schweigen von den vielen Studienthemen. 
"Weil du an der Uni echt schwer zu erwischen bist. Du verschwindest immer gleich und Gespräche blockst du relativ effizient ab." 
"Tu ich nicht", erwiderte Martin automatisch. Janik hob eine Augenbraue. Oder doch? Es kam selten genug vor, dass sich ihre Wege direkt kreuzten und wenn, dann war er immer so nervös, dass es einfach nur peinlich war. Und bei anderen war er vielleicht auch nicht ganz so der gesprächige Typ, er hatte schließlich genug andere Dinge im Kopf. Das war doch auch vollkommen normal. 
“Okay, aber wieso wolltest du unbedingt mit mir reden?” Das war hier die Frage, auf die es sich jetzt zu konzentrieren galt. Seine mangelnde Sozialkompetenz brauchte Martin nicht zum tausendsten Mal zu beleuchten. Doch bevor Janik ihm eine Antwort geben konnte, klopfte es durchdringend an der Zimmertür. Martin hatte keine Lust, zu öffnen, doch statt aufzugeben, wurde der Unbekannte vor der Tür immer penetranter. Entnervt sprang Martin schließlich auf, um dem Störenfried seine Meinung zu sagen. Party hin oder her, es gab hier verdammt noch mal Regeln. Doch seine Predigt blieb ihm im Hals stecken, in dem Moment, in dem er die Tür öffnete. Nur eine Armlänge entfernt, die Hand noch immer zum Sturmklopfen erhoben, stand da ein Zombie vor ihm. Zerrissene Klamotten, kranke Haut, gammelnde Fleischwunden. Genau wie in den Filmen. Martin gab einen erschrockenen, spitzen Laut von sich, den er später definitiv abstreiten würde, knallte die Tür wieder zu und machte das einzig sinnvolle in so einer Situation. Er schloss sich im Bad ein.
Er hockte sich auf den Klodeckel, zog die Knie an und schlang die Arme darum. Dieser Abend war einfach nur ein böser Alptraum. Was hatte er getan, dass er so bestraft wurde. Er konnte Stimmen von draußen hören, aber sie waren zu dumpf, sodass er nicht verstand, was sie sagten. Janik musste die Tür erneut geöffnet haben, doch kurz darauf wurde es wieder still, dann klopfte es leise an der Badtür. „Martin, hey, alles okay bei dir?“
Nichts war okay! Seine Hände zitterten und er musste sich wirklich konzentrieren, um halbwegs normal zu atmen. Das war doch total bescheuert. „Hey, Martin, rede mit mir, bitte. Ich mach mir sonst Sorgen.“
Martin sammelte all seine Willenskraft zusammen und löste sich aus seiner Starre, um die Tür aufzuschließen. Der Raum war wirklich so winzig, dass er dafür nicht einmal aufstehen musste. Wenige Augenblicke später wurde die Tür von außen aufgezogen und Janik lehnte sich in den schmalen Durchgang.
„Lach ruhig“, sagte Martin und rieb sich müde über die Augen.
„Wieso sollte ich lachen?“, fragte Janik, bevor er neben sich um die Ecke griff, wo in Reichweite frische Becher standen. Er nahm einen davon und füllte ihn schweigend mit kaltem Wasser, bevor er ihn an Martin weiterreichte, der ihn stumm leertrank. Diese einfache Tätigkeit beruhigte seine Nerven ein wenig, sodass es ihm leichter fiel, weiterzusprechen. „Na, weil es lächerlich ist, wie hysterisch ich reagiere.“
„Jeder hat vor etwas Angst. Manche können diese Angst besser verbergen, andere weniger. Und ich finde, dass Zombies ein verdammt guter Grund sind, um Angst zu haben. Bei Schmetterlingen wäre deine Panik vielleicht schwerer zu verstehen, aber selbst da würde ich nicht lachen. Und immerhin, hast du schon mal richtige Nahaufnahmen von Tag- und Nachtfaltern gesehen? Die können auch verdammt gruselig sein.“
Martin hob skeptisch eine Augenbraue, war für Janiks Verständnis aber einfach nur dankbar. Verlegen spielte er an der Klopapierrolle, sie würde bald alle sein. Hatte er überhaupt noch frische Rollen da?
„Hat deine Panik denn eine Ursache?“, lenkte Janik seine Gedanken zurück zum Thema und Martin zuckte mit den Schultern. Das war etwas worüber er nicht so gern sprach. Normalerweise konnte er die Sache komplett umgehen und dementsprechend hatte er das bisher immer unter den Tisch kehren können. Es hatte schon gereicht, dass Lars sich darüber lustig gemacht hatte, als er es bemerkt hatte.
„Du musst es mir nicht erzählen.“
„Schon okay.“ Martin seufzte und zuckte erneut mit den Schultern. „Ist schon ein paar Jahre her, als ich noch zur Schule ging, da wurde ich von ein paar Typen in Zombiekostümen überfallen. Sie wurden erwischt und haben ihre Strafe bekommen, aber der Schock ist geblieben. Ich hab es niemandem erzählt, weil es mir peinlich war, also hat sich die Angst festgesetzt. Mir ist das alles bewusst, aber wenn ich tatsächlich mit Zombies konfrontiert werde, dann ist es bei mir aus. Ich will deshalb kein Mitleid und ich will deshalb nicht ausgelacht werden. Es soll einfach nur weggehen.“
„Okay.“
„Okay? Das ist alles?“ Martin sah Janik misstrauisch an.
„Ja. Für den Moment ist das alles. Wie ich schon gesagt habe: ich werde nicht lachen und Mitleid ist auch nicht so meines. Ich sollte jetzt wohl auch besser gehen. Du willst wahrscheinlich deine Ruhe haben nach dem ganzen Stress, und ich habe mich auch lange genug aufgedrängt.“ Während Janik sich abwandte, überlegte Martin fieberhaft, was er sagen konnte. Nein, er wollte jetzt auf keinen Fall allein sein. Denn spätestens nach dem Schock von eben würde er definitiv Alpträume bekommen. Hastig folgte Martin Janik ins Zimmer, als ihm endlich ein Gedanke kam. „Du hast mir noch nicht erzählt, warum du unbedingt mit mir reden wolltest. Warum es nötig war, dass Nino mich zum Serienmarathon einlädt.“
Janik schwieg, ließ sich aber im Schneidersitz wieder aufs Bett sinken. Mit gesenktem Blick klopfte er auf die freie Stelle neben sich. Die Folge war längst zu Ende und der Laptopmonitor im Energiesparmodus schwarz. Martin folgte der Aufforderung und spürte langsam wie müde er war, trotz der vielen Cola. Schließlich begann Janik zu sprechen. Ohne Martin dabei anzusehen.
„Du bist mir schon vor einiger Zeit aufgefallen. Frag mich nicht, was genau, aber es waren Kleinigkeiten, die sich summiert haben. Also hab ich dich beobachtet und angefangen, Informationen über dich zu sammeln. Wie gesagt, dich direkt in ein Gespräch zu verwickeln war irgendwie unmöglich. Du warst ständig kurz angebunden, also musste ich andere Wege finden. Als ich von Nino erfahren habe, dass du einen Freund hast, war das ernüchternd, weil es bedeutete, dass du unerreichbar bist, obwohl es nicht am falschen Geschlecht liegt.“
„Also bist du plötzlich schwul? Was ist mit dieser...“ Martin fiel der Name nicht ein und Janik schüttelte lächelnd den Kopf. „Nadja. Wir haben es versucht, aber sie ist für mich nicht das, was ich für sie bin. Das wäre langfristig nicht fair gewesen, vor allem, wenn ich mit meinen Gedanken bei jemand anderem bin, egal wie gut der Sex ist und sonst alles. So bin ich nicht. Und nein, ich bin nicht plötzlich schwul oder bi. Mich hat das Geschlecht der Person, die ich mag nie interessiert. Ich bin da zum Glück sehr offen erzogen worden, sodass ich keine Probleme damit habe. Jedenfalls, jetzt wo du wieder Single bist, dachte ich, ich versuch es noch einmal mit dem Kennenlernen, aber nach dem Abend würde ich sagen, ich hab keine Chancen bei dir, hm?“
Martin konnte Janik nur anstarren. War er etwa im falschen Film? Irgendwas hatte er verpasst. Offenbar. War er so sehr damit beschäftigt gewesen, sich einzureden, dass Janik unerreichbar war, dass er dessen Signale wirklich komplett übersehen hatte? Oder war Janik wirklich so subtil gewesen, dass er es gar nicht hatte wahrnehmen können. Natürlich hatte er Janik schon beobachtet, als er noch mit Lars zusammen gewesen war, aber da war nie ein Moment gewesen, wo sich ihre Blicke getroffen hatten, oder irgendeine andere Situation in der es zwischen ihnen irgendeine Form der Kommunikation gegeben hätte. Wie das in Filmen eben immer so war. Und nach der Trennung war einfach alles so stressig gewesen. War ihr Timing einfach so miserabel?
Als Janik begann, aufzustehen, bemerkte Martin, dass er zu lange geschwiegen hatte und Janik das als negative Antwort nahm. Doch das war falsch. Martin griff nach Janiks Unterarm und hielt ihn so zurück, dabei hatte er sich noch nicht einmal überlegt, was er denn nun antworten sollte.
„Soll ich bleiben?“, fragte Janik und Martin nickte. „Wieso?“
Martin löste seine Hand nicht von Janiks Arm. Der Kontakt war wie ein Anker und sein Blick fixierte sich auf seine Finger. „Wenn du...“ Er räusperte sich und begann erneut. „Wenn du den Eindruck bekommen hast, dass du keine Chance bei mir hast, dann müssen wir wirklich an unserer Kommunikation üben, weil ich, also, ich hab den Abend mit dir genossen und dass ich nicht wollte, dass du mit zu mir kommst, lag nur daran, dass ich finde, dass du der heißeste Typ im Semester bist und ich so wirklich nicht darauf stehe mich selbst zu quälen und so.“ Martin holte endlich Luft, nachdem er das alles in einem Atemzug hervorgebracht hatte. Sauerstoffmangel half grundsätzlich nicht dabei, klar zu denken. Als er sich endlich traute, Janik ins Gesicht zu sehen, sah der ihn mit einem ganz seltsamen Gesichtsausdruck an, den Marin so gar nicht zuordnen konnte.
„Du stehst auf mich?“, fragte Janik ungläubig.
„Hmhm.“
„Und dir hat der Abend gefallen?“
„Hmhm.“ Martin nickte, zuckte dann mit den Schultern. „Zumindest der Teil, der nichts mit Zombies zu tun hatte“, korrigierte er verlegen.
„Oh Mann, wir wollten also die ganze Zeit dasselbe, irgendwie. Was jetzt?“
„Wir könnten weiter machen, wo wir vorhin unterbrochen worden“, schlug Martin mit einer vagen Geste Richtung Laptop vor, konnte sich dabei ein Gähnen aber nicht verkneifen.
„Sicher, dass du nicht lieber schlafen möchtest?“
„Als ob ich das jetzt könnte, nach der ganzen Aufregung. Und selbst wenn ich irgendwann einschlafe, wäre das schlimm?“
„Nein. Überhaupt nicht.“ Janik lächelte und Martin begann sich zu entspannen. Plötzlich schien es selbstverständlich, dass Janik ihn wieder in eine liegende Position navigierte, sich dann hinter ihn legte nachdem er die Folge an der Stelle wieder gestartet hatte, an der sie raus gekommen waren. Und dann war da ein starker Arm der ihn an einen warmen Körper zog. Gegen den er sich fallen lassen konnte. Sie würden sich kennenlernen und herausfinden, ob sie mehr gemeinsam hatten, als nur das schlechte Timing in Sachen Kommunikation. Ganz vielleicht war der Abend doch nicht so schlecht verlaufen, überlegte Martin mit einem müden Lächeln. Aber Halloween würde er deshalb trotzdem nicht mögen. Das stand fest.
Aktualisiert: 31/10/18
Veröffentlicht: 31/10/18
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Snoopy279 am 31/10/18 22:10
Hey split,

eine echt lustige, kurzweilige Geschichte zu Halloween! Ich musste an einigen Stellen lachen, z.B. bei dem Fühlen ohne Tuch Lächelnd Besonders gut gefallen hat mir, dass die Angst nicht einfach so da war, sondern du auch die Hintergründe beschrieben hast.
Schön, dass Martin insgesamt einen deutlich besseren Abend hatte als erwartet.
An einigen Stellen hat er mich seltsamerweise an irgendwen erinnert, gerade mit den Pombeeren und den sozialen Schwierigkeiten *überleg*

Vielen Dank für diesen unterhaltsamen OS und die Möglichkeit, mich zu revanchieren!
lg, Snoop



Antwort der Autors split (31-10-2018 22:14):
Dankeee. Freut mich sehr, dass es dir gefällt. Ich bin selbst auch mehr und mehr zufrieden.
Also, ich kann mir nicht vorstellen, an wen dich das erinnert. Pombären mag doch jeder ^_^
Damit immer Gleichstand bleibt, muss ich ja dann jetzt für jede Geschichte, die du hochlädst und ich reviewe ebenfalls was hochladen XD
*flausch*
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Yavia
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An alle, die eine Nachricht an die Admins über die Mailadresse schicken: Bitte gebt euren Usernamen in der Nachricht mit an, damit wir wissen, wer um Hilfe fragt. Vielen Dank!

Snoopy279
16/05/21 18:14
gerne natürlich auch die, die Fanfiktion lesen/Fanfiktionschreiber einfach unterstützen wollen

Snoopy279
16/05/21 18:14
alle, die auch Fanfiktion schreiben, bitte bei der Petition mitmachen, damit das auch in Zukunft möglich bleibt!
http://chng.it/WnwVCzxGff


jabba
21/01/21 22:32
Knuddel! Knuddel! Alle ganz doll knuddel! Heute ist Weltknuddeltag! Knuddel! Knuddel!

Witch23
01/01/21 02:37
*Pfeif Zisch* Gutes neues Jahr wünsche ich euch allen

split
01/01/21 00:01
Frohes Neues *krach baller lärm*

split
24/12/20 23:24
Frohe Weihnachten

Niemue
24/12/20 12:29
Ich wünsche Euch allen schöne Feiertage, einen guten Rutsch und viel Gesundheit im Neuen Jahr! :*

Witch23
24/12/20 11:02
Wünsche ich euch auch. Vor allem habt schöne Feiertage.

Yavia
24/12/20 10:48
Frohe Weihnachten euch allen!

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