Der Schöne und das Biest von Katsumi, Pandorah (Laufend)
Inhalt: Tye Dangerfield, stinkreicher Besitzer eines Großkonzerns, begeht den Fehler, sich für eine Nacht mit der jungen Fee Taliesin einzulassen. Die Fee will mehr, im Gegensatz zu Tye. Als der sich weigert, aus dem One Night Stand eine Beziehung werden zu lassen, verflucht sie ihn. Mamafee ist jedoch kein Stück erbaut über den gedankenlosen Umgang ihres Sohnes mit Sterblichen, und so zwingt sie ihn, dafür zu sorgen, dass der Fluch gebrochen wird - ein gar nicht so einfaches Unterfangen.

Als drei Jahre später der hübsche Maschinenbaustudent Alan auf der Suche nach einem Nebenjob als Blumengießer das Tor zu Tyes Bürokomplex aufstößt, hat er keine Ahnung, dass es den Job gar nicht gibt - und dass er selbst wesentlicher Bestandteil von Taliesins Plans ist, aus der Misere, die er sich mit dem Fluch eingebrockt hat, wieder herauszukommen.
Genres: Paranormale Welt, M/M (yaoi)
1. Warnung: Zucker
2. Warnung: Keine
3. Warnung: Keine
Challenges: Märchen Challenge
Kapitel: 6
Veröffentlicht: 26/04/09
Aktualisiert: 18/08/10
Prolog
"Nein." Tye sprach das Wort mit jeder Unze Nachdruck aus, die er aufbringen konnte, und das war eigentlich eine ganze Menge. Man leitete einen Großkonzern wie die Dangerfield Corporation nicht allein mit einem Lächeln.

Doch den jungen Mann mit den weißen Haaren, der auf seinem wuchtigen Schreibtisch saß und lässig mit den Beinen baumelte, beeindruckte das offensichtlich herzlich wenig. Feen hatten ihre eigene Auslegung der Realität. Roséfarbene Augen erwiderten Tyes Blick, die weichen Lippen waren zu einem kleinen Schmollen verzogen.

"Du hast mit mir geschlafen! Das muss dir etwas bedeuten", beharrte er und legte den Kopf schief.

"Es war guter Sex, nicht mehr, Taliesin. Das hatten wir klar gestellt." Zumindest war es Tyes private Meinung, dass ein Satz wie 'Ich habe kein Interesse an einer Beziehung, okay?' vor dem Sprung in die Kiste deutlich war. "Was genau hast du daran nicht verstanden?"

Genervt sah er auf die Unmengen an Briefe, die sich in seiner Ablage türmten und die alle vom Chef persönlich bearbeitet werden wollten. Er hatte verdammt noch mal zu tun, am Nachmittag stand eine Konferenz mit den Managern an, und zum Abend hin musste er sich noch mit einem Geschäftspartner aus Spanien treffen.

"Du hast doch geflunkert. "Taliesin verschränkte die Arme vor der Brust, was ihn wirklich niedlich aussehen ließ. Der Fetzenjeans-Look stand ihm, das T-Shirt mit dem Ausschnitt bis fast zum Bauchnabel stand ihm, und das enganliegende Netzoberteil, das er darunter trug, stand ihm erst recht.

Aber Tye hatte einmal den Fehler gemacht, sich mit ihm einzulassen, trotz der offensichtlich berechtigten Warnungen, die man immer mal wieder hörte, wenn man sich ein wenig damit beschäftigte. 'Lass dich nicht mit Feen ein! Egal, was sie anzubieten haben!' Er würde es nicht noch einmal vergessen.

"Habe ich nicht. Es war dein Fehler, dass du das geglaubt hast und meiner, dass ich mit dir ins Bett bin", antwortete er ungewohnt grob. Offensichtlich kam er nur noch mit der Holzhammer-Methode weiter. Es war nicht das erste Mal, dass der zarte Feenmann wegen dieses absurden Wunsches nach einer Beziehung, die nicht funktionieren konnte, bei ihm auftauchte. Per Zauber, einfach vorbei an allen Instanzen, die unerwünschte Besuche normalerweise von ihm abhielten. "Und jetzt geh, bevor ich den Wachdienst rufe."

"Ein Fehler?" Empörung ließ Taliesins Augen funkeln, er richtete sich auf. "Einen Fehler nennst du das? Ich lege dir mein Herz zu Füßen, und du trittst darauf herum, indem du es einen Fehler nennst?" Er rutschte vom Tisch, sein Gesicht begann, vor Zorn zu glühen.

Tye wusste, dass er noch einen Fehler gemacht hatte, aber er wusste sich wirklich nicht mehr zu helfen. Er empfand verdammt noch mal nichts für den hübschen Feenmann! Gleichgültig, was für nette Dinge der ihm sagte und welche Sterne er ihm vom Himmel holen wollte! "Taliesin, hör auf! Ich..."

"Nein, ich höre nicht auf!" Das hübsche Gesicht war mit einem Mal eine hässliche Fratze an Wut, und das erste Mal verspürte Tye so etwas wie Angst in seiner Gegenwart. "Wenn du die Liebe einen Fehler nennst, nun gut, dann sollst du ohne leben, bis du einsiehst, dass sie ein hehres Gut ist, das man behüten muss und nicht mit Füßen treten darf!"

Tye hatte keine Ahnung, wo der Mann den Stab herholte, aber plötzlich hielt er einen in der Hand, aus gedrehten hellem Holz, mit feinen dunkleren Adern durchzogen, die honigfarben glommen. "Taliesin, was immer du vorhast, tu's nicht!"

"Warum soll ich auf dich hören, wenn du mir nicht zuhören wolltest?", fauchte Taliesin, seine Haare schimmerten, der Roséglanz darin verstärkte sich. Er verlor das Menschliche, mit dem er Tye ins Bett gelockt hatte, wurde schöner und gleichzeitig beängstigender. "Verflucht sollst du sein, Tye, verflucht, bis die Liebe, die du verspottest, dich findet. Verflucht sollst du sein, dass du sie nicht mit deinem Äußeren blenden kannst, mit deinen Goldaugen und deinem strahlenden Lächeln. Verflucht, deine Tage in Einsamkeit zu verbringen an diesem Ort, da du deine Zeit lieber mit Akten als mit einem warmen Mann an deiner Seite füllst. Verflucht seist du!"

Tye wollte protestieren, dass es wohl nicht fair war, ihn zur Suche nach Liebe zu verdammen und ihn gleichzeitig einzusperren, so dass er sie nicht finden konnte, auch wenn ihm die hallende, klare Stimme die Haare zu Berge stehen ließ. Doch seine Stimme erstarb noch vor dem ersten Wort. Etwas erfasste ihn, etwas, das er nicht benennen konnte. Es umhüllte ihn wie ein erstickendes Tuch, zerrte an ihm, zerriss ihn. Es spaltete seinen Kopf, zerfetzte seinen Rücken. Seine Glieder wurden in Feuer getaucht.

Tye schrie, schrie, bis er keine Luft mehr hatte.
Kapitel 1
Mit einem tiefen Seufzer rieb sich Alan im Nacken und sah auf das große, schmiedeeiserne Tor. Das Stück Papier in seiner Hand knisterte leicht. Es war die Anzeige, die er sich aus dem Internet ausgedruckt hatte und die besagte, dass diese Adresse hier einen Blumengießer suchte. Allerdings konnte er sich nicht wirklich vorstellen, dass der Besitzer dieses unheimlichen Parks tatsächlich jemanden brauchte der seine Blümchen goss.

Zweifelnd sah er durch das Tor und fühlte sich wie in einem schlechten Horrorfilm. Die Sonne war bereits untergegangen und schickte nur wenig Licht durch die Bäume. Nebel waberte bereits sachte über den Boden, und um das Ganze perfekt zu machen, konnte man in der Ferne eine Eule hören.

Alan war sich mit einem Mal nicht mehr sicher, ob er sich mit diesem Job etwas dazuverdienen wollte. Die Bezeichnung 'gute Bezahlung' war ihm schon beim ersten Durchlesen nicht ganz geheuer gewesen, allerdings konnte er das Geld gut gebrauchen, und Blumengießen hörte sich nicht nach schwerer Arbeit an. Als Student und Sohn einer Familie mit durchschnittlichem Einkommen schwamm man nicht gerade im Geld.

Durch diesen Gedanken bestärkt probierte er, ob man das Tor einfach öffnen konnte und drückte leicht dagegen. Mit einem rostigen Quietschen öffnete es sich langsam, ohne dass Alan noch etwas tun musste. 'Ich sag's ja, billiger Horrorfilm.'

Mit einem mulmigen Gefühl im Bauch betrat er das Grundstück und ging ein paar Schritte, als sich das Tor plötzlich krachend schloss. Alan zuckte erschrocken zusammen und drehte sich mit wild schlagendem Herzen um. Ihn beschlich ein Gefühl der Endgültigkeit, dass er nicht so richtig einordnen konnte. ‚Du hast eindeutig zu viele Horrorfilme gesehen, McAllistair.’

Eine Weile noch starrte er das Tor an, bevor er sich einen Ruck gab und weiterging.

Der Weg, dem er folgte, machte nicht gerade einen einladenden Eindruck, da auch hier der Nebel über den Boden glitt und kaum noch Licht vorhanden war. Leise schalt er sich einen Idioten, dass er erst so spät hier aufkreuzen musste, aber seine Freunde hatten ihn aufgehalten, so dass er es nicht früher geschafft hatte. Er hoffte nur, dass man ihn um diese Zeit noch empfangen würde.

Dummerweise war in der Anzeige keine Nummer angegeben, und die Person, mit der er per E-Mail Kontakt aufgenommen hatte, meinte nur, dass er jeder Zeit vorbeikommen könnte. Nun gut, hier war er.

*

Taliesin wartete, bis der Mann ein Stück weiter in die Schatten gegangen war. Die Magie des Ortes bewirkte, dass gewöhnliche Sterbliche nur auf wenige Meter vor oder hinter dem Eingang etwas erkennen konnten. Vom Inneren des Fluchs nach außen schauend war alles, was sich weiter als ein paar Schritte die Straße hinab befand, in Nebel gehüllt, von außen betrachtet... nun, im Normalfall wurde die Aufmerksamkeit so abgelenkt, dass Menschen den Ort ignorierten.

Lautlos trat Taliesin zu dem Tor und drückte ein unauffälliges Siegel ins Schloss. So, das war geschafft. In all der Magie, die den Ort umgab, würde das hoffentlich nicht auffallen. Schmollend sah die Fee zu, wie Alan mit angespannten Schultern und sich nervös umschauend den Weg entlang ging. Wenn es nach Taliesin gegangen wäre, wäre der Mann auch gar nicht dort. Wäre es nach ihm gegangen, hätte Tye durchaus noch ein paar weitere Jahre in seinem Gefängnis schmoren dürfen. Aber es ging nicht nach ihm.

Taliesin duckte sich unwillkürlich, als er an den Zorn seiner Mutter dachte. Nachdem sie entdeckt hatte, dass er sich ihren Feenstab geborgt hatte, hatte er sieben Wochen als Frosch in einem Einmachglas sitzen müssen. Das war harmlos, er hatte mit Schlimmerem gerechnet. Seine Mutter war immer so weichherzig, wenn es um ihre Kinder ging; manchmal trieb es seinen Vater zur Weißglut. Aber er hatte ihr auch nicht erzählt, was er damit gemacht hatte. Nur das, was er vorgehabt hatte, nämlich Tye mit einem kleinen harmlosen Liebeszauber zu belegen. Nachdem Monate und schließlich drei Jahre ins Land gegangen waren, war er auch recht überzeugt davon gewesen, dass sein kleiner Streich nicht weiter aufflog.

Junge, was hatte er sich geirrt! Der Idiot von Tye bestellte sein Essen immer über einen Lieferservice, und einer der Männer hatte ihn tatsächlich gesehen. Es hatte Tye eine Anzeige bei der zuständigen Behörde für die Haltung magischer Geschöpfe eingebracht, der Vorfall war untersucht worden – und man hatte festgestellt, dass es keine Dämonen gab, die unrechtmäßig auf dem Grundstück gehalten wurden. Stattdessen hatte man den Feenfluch bis zu dem entsprechenden Zauberstab zurückverfolgt.

Taliesin schnitt eine Grimasse. Junge, Junge, wenn man ihn fragte, so war der Höllenfürst persönlich über ihn hereingebrochen. Nie hätte er gedacht, dass seine liebe, sanfte Mutter derart wütend werden konnte! Alles, aber wirklich alles in der Umgebung war explodiert. Sie war außer sich gewesen vor Zorn.

"Wie oft habe ich dir gesagt, du sollst nicht mit den Leben von Sterblichen spielen? Wie oft? Junger Mann, wenn du das nicht innerhalb von drei Jahren wieder in Ordnung bringst, und zwar ohne die Hilfe von Magie, sorge ich dafür, dass du es bereust. Und wir sprechen hier nicht von drei Monaten Frosch, wir sprechen von dreihundert Jahren in der Welt der Menschen!"

'Ohne Magie', hatte sein Vater kühl hinzugefügt, und seine Mutter hatte mit glühenden Augen genickt.

Noch jetzt ergriff Taliesin bei dieser Drohung das kalte Grausen. Dreihundert Jahre in der Menschenwelt! Ohne zu fliegen; ohne mit einem Schritt von einem Ort zum anderen zu kommen; ohne auch nur die Möglichkeit auf Feenlicht. Mit gar nichts! Das war, als würde man ihm die Luft abdrehen. Während alles um einen verrunzelte und starb. Wieder und wieder und wieder.

Und sie hatten ihm nur drei Jahre gegeben. Drei Jahre waren eine verdammt kurze Zeit, um einen Feenfluch aufzuheben. Besonders ohne Magie. Taliesin fürchtete das schlimmste für sich. Es ging nicht einfach, indem man den Stab schwang und den Fluch aufhob. So funktionierte es nicht. Man konnte den Fluch nur brechen, indem man seine Bedingungen erfüllte.

Immerhin hatte Alan auf eine seiner Internetanzeige geantwortet und den Schritt über die Schwelle getan. Das war zumindest ein kleiner Erfolg. Alle anderen Kandidaten – egal, ob sie auf das Gesuch nach einem Liebhaber, nach Hilfe im Haushalt oder als Hundesitter geantwortet hatten – waren beim Anblick des Tores wieder umgedreht, ohne zu wissen, was sie dort überhaupt gewollt hatten.

Jetzt mussten sich die beiden nur noch verlieben, und das war der schwierige Part.

*

Ein tiefes Grollen entrang sich Tyes Kehle, als er die Vibration spürte. Etwas geschah, auch wenn er nicht wusste, was es war. Aber etwas geschah, und das war gut. In dem Nebel der verstreichenden Tage war jede Abwechslung willkommen. Klauen bohrten sich in den weichen Teppich, als er zum offenen Fenster ging. Sein Blick glitt über den dunklen Park dreißig Stockwerke unter ihm – eine Landschaft in Schwarz, Grau und Weiß. Nachts sah er keine Farben, dennoch war seine Sicht so klar und deutlich wie am Tag.

Weit unter sich entdeckte er kurz hinter dem Eingang eine Gestalt. Tyes Herz setzte aus, dann machte es einen schmerzhaften Sprung und holperte in seinen Hals hinauf. Aufregung erfasste ihn; mit einem kleinen Satz hockte er auf der Fensterbrüstung. Das Tor hatte sich geöffnet, für einen kleinen Moment nur, aber es hatte jemanden hinein gelassen. Etwas, das in all der Zeit noch nie geschehen war!

Die schlanke Gestalt bewegte sich zögernd über die Zufahrtsstraße auf das Hochhaus zu und wirkte, als wollte sie jeden Moment wieder umkehren. Das durfte nicht geschehen. Ganz egal, wer das war, ganz egal, was er wollte, er musste bleiben. Tye hatte keine Menschenseele mehr gesehen, seitdem der Mann vom Lieferservice bei seinem Anblick schreiend davon gelaufen war. Fernsehen zählte nicht.

Er ließ sich fallen, Schwingen breiteten sich mit einem hörbaren Laut aus, der Wind brachte die Flughäute zum Rauschen. In einem großen Bogen glitt Tye über seine Beute, kreiste niedriger und landete dann hinter Buschwerk, auch wenn die Augen von Menschen zu schlecht waren, um eine schwarze Gestalt in schwarzer Nacht zu sehen. Offensichtlich hatte der Mann ihn auch nicht gehört, denn er drehte sich nicht um. Tye faltete die Flügel ein und schlich über weiches Gras näher an die schlanke Silhouette heran.

Nachdem sich Alan an den unheimlichen Anblick des Parks gewöhnt hatte, ging er etwas sicherer voran und sah sich interessiert um. Thomas, seinem besten Freund, würde es hier sicher gut gefallen. Der interessierte sich für diesen ganzen Mystik- und Gruselkram und würde mit Sicherheit hier eines seiner LARPs abhalten wollen, wenn er könnte.

Nach einiger Zeit gaben die Bäume und Büsche den Blick auf einen kleinen See frei, in dessen Mitte eine kleine Insel mit Pavillon lag. Efeu oder eine andere Kletterpflanze überwucherte die Säulen des zierlichen Baus. Wenn die Sonne schien, war es in dem Park sicher sehr schön, auch wenn dieser momentan einen leicht verwilderten Eindruck machte.
Alan ging um den See herum, orientierte sich an dem Hochhaus, das man gerade so durch die Baumwipfel erkennen konnte.

Aufgeregt folgte Tye ihm; er war nicht sonderlich gut im Schleichen, seine Flügel blieben immer mal wieder an Büschen hängen, er trat auf trockene Zweige oder huschte durch raschelndes Laub. Bisher hatte er keinen Bedarf gehabt, sich lautlos und unauffällig durch den Park zu bewegen. Bis auf Tiere gab es nur ihn hier. Eine Zeit lang hatte er sie gejagt, die kleinen Eichhörnchen, die Vögel, die Mäuse, einzig um der Abwechslung Willen. Aber er hatte schnell die Lust daran verloren.

Das Krachen und Rascheln ließ Alan zusammenzucken, sein Herz machte jedes Mal einen schmerzhaften Sprung und Gänsehaut überzog seinen Körper. Es hörte sich an, als wäre hinter ihm ein großes Tier. Hatten diese reichen Schnösel etwa irgendwelche Raubtiere in dem Park?

Trotz Tyes Ungeschicklichkeit entdeckte der Mann ihn nicht, was Tye Gelegenheit gab, ihn ausgiebig zu betrachten; er sog den Anblick regelrecht in sich auf. Es war so lange her, dass er jemanden bei sich gehabt hatte, einen echten, lebendigen Menschen, kein Abbild auf Papier oder eine Figur im Fernseher. Jemand, der reagierte, mit dem er reden konnte...

Sein unerwarteter Gast war schlank und geschmeidig, mit hellem, im Nacken anrasiertem Haar und einem Pony, der ihm verspielt in die Stirn fiel; die Frisur ließ ihn jünger wirken, als er vermutlich war. Als er den Kopf wandte, konnte Tye einen Blick auf das hübsche Gesicht erhaschen. Vermutlich wäre ihm jedes Gesicht nach all der Zeit ohne Kontakte schön vorgekommen, doch dieses hatte etwas an sich, dass es auch über seinen Durst nach Gesellschaft hinaus schön machte. Es hatte die Form eines ebenmäßigen Herzens mit dem kleinen Kinn als Spitze; die Züge waren zart, beinahe filigran, mit einer schmalen, delikaten Nase und vollen Lippen, die mit weichem Schwung zum Lächeln – und Küssen – wie gemacht schienen. Aber es waren die Augen, die Tye regelrecht in ihren Bann schlugen. Sie waren selbst in der Farblosigkeit seiner Nachtsicht unglaublich tief und groß und voller Leben.

Wieder raschelte es, diesmal näher. Alan erstarrte kurz, riss sich dann aber zusammen. Wenn es hier große Tiere gäbe, hätte man ihn doch gewarnt, denn... Es knackte erneut, und er wirbelte herum., um endlich zu sehen, was genau hinter ihm war. Zum Weglaufen fehlte ihm der Mut. Im ersten Augenblick konnte er nur einen großen, schwarzen Schatten erkennen, dann düster glühende, orangefarbene Augen. Ein gellender Schrei entrang sich seiner Kehle, und er stolperte entsetzt zurück. Mehrere Herzschläge lang starrte er das Wesen an, nicht fähig, irgendetwas zu tun.

"Wow, cooles Kostüm", rutschte es ihm heraus. Fasziniert starrte Alan den Mann an, denn dass es sich um einen Mann handelte, daran hatte er keinen Zweifel. Er war es gewohnt, dass sich seine Freunde für Rollenspiele in irgendwelche lächerlichen Kostüme warfen, aber der Kerl hier hatte es eindeutig übertrieben, auch wenn es fantastisch aussah.

Tye knurrte unsicher, es war so lange her, dass er mit irgendjemandem gesprochen hatte. Und angesichts seines Zustandes war er sich nicht einmal sicher, was die richtige Begrüßung sein mochte. 'Guten Tag, Tye Dangerfield mein Name. Ich freue mich, Sie hier begrüßen zu dürfen.' Oder doch eher: 'Verdammte Scheiße, was bin ich froh, mal wieder ein menschliches Gesicht zu sehen!' Oder...

"Bist du echt?", grollte er.

Alans Augenbrauen schnellten nach oben, und er sah den Kerl verblüfft an. War es dem in seinem Kostüm vielleicht zu heiß geworden, oder was sollte diese Frage? "Äh… ja, zumindest war dem so, als ich das letzte Mal nachgesehen habe."

Argwöhnisch sah er sich aus den Augenwinkeln um, in der Hoffnung, noch einige andere in Verkleidung zu finden. Vielleicht war er tatsächlich in ein LARP hineingestolpert. Oder aber der Besitzer hatte einen sehr makaberen Humor, und es machte ihm Spaß, unbedarften Studenten Angst einzujagen.

Tye starrte ihn an, seine Augen flackerten glühend auf. Ein Gespinst seiner vereinsamten Phantasie hätte jetzt mit Sicherheit das Gleiche gesagt. Aber Gespinste konnte man nicht anfassen. Es gab nur einen Weg, um herauszufinden, ob der Mann eine Illusion oder ein Wesen aus Fleisch und Blut war. Mit einem Satz sprang er vor, seine Hände schlossen sich fest um die Oberarme des Mannes, er zog ihn an sich.

Der Mann schien alles andere als ätherisch zu sein. Er fühlte sich echt an. Warm. Steif vor Schreck. Tye schnupperte an seinem Hals. Lebendig.

"Pfoten weg", konnte Alan nur erschrocken hervorbringen. Was sollte das? Warum schnüffelte dieser Typ an ihm? War er vielleicht an einen Perversen geraten? Einer mit einem Latexfetisch?

Er versteifte sich entsetzt, als der gruselige Kerl auch noch an seinem Hals leckte. "Hey, was soll das?" Verstört versuchte er, sich aus dem Griff zu befreien, doch der Mann hielt ihn erbarmungslos fest. Alan kamen fast die Tränen, er hatte Angst vor dem, was möglicherweise noch folgen könnte.

"Ich bin doch nur wegen der Blumen hier", erklärte er kläglich, doch gleichzeitig regte sich Wut in ihm. Für wen hielt dieses Arschloch sich, dass er ihn hier so festhalten konnte? Wehrlos würde er sich nicht überfallen lassen. Wieder versuchte er sich zu befreien, aber der Mann war zu stark. Kräftig zog er sein rechtes Knie an und rammte es zwischen die Beine.

Tye lachte. Das Knie hatte einen empfindlichen Punkt erwischt, und sein Schritt schmerzte, aber es hatte nicht den gleichen Effekt, den es gehabt hätte, wäre er noch menschlich gewesen. Seine empfindlichsten Teile waren eingezogen und innerlich verwahrt, so lange er sie nicht gerade brauchte. Sehr praktisch, jetzt erst recht. Aber noch viel wichtiger war, dass der Mann ihm Schmerzen zufügen konnte. Dass er sich wehrte. Wäre er nur eine Phantasie, hätte er das gewiss nicht getan.

Wie berauscht sah er dem Mann ins Gesicht, lachte wieder und schwelgte im Anblick von Mensch, von Gefühlen, von einem Wesen, das reagierte. Er brauchte einen Moment, ehe er erkannte, dass es Angst war, die den Mann beherrschte. Angst und Tränen. Erschrocken vergewisserte sich Tye, dass der Mann auf eigenen Füßen stehen konnte, bevor er ihn losließ.

"Entschuldige", sagte er und grinste erneut. Er konnte es nicht unterdrücken, auch wenn er wusste, dass es kein vertrauenerweckender Anblick war mit seinen weißen Reißzähnen in dem schwarzen Gesicht. "Ich habe nur... seit Ewigkeiten keinen Mensch mehr zu Gesicht bekommen. Darf ich mich vorstellen? Mein Name ist Tye Dangerfield."

Alan erschauerte, als er die Reißzähne dieses… Dings sah. Das Kostüm war wirklich sehr detailliert gemacht. Er warf einen Blick nach unten, da es ihn verwirrte, dass der Mann sich nach dem Tritt nicht auf den Boden wälzte und hob eine Augenbraue. Zwischen den Beinen sah er aus, wie Ken, der Freund von Barbie, denn dort war nur eine komische, nichtssagende Beule zu sehen.

Noch immer hatte Alan Angst und der Nachname machte es auch nicht besser. 'Dangerfield.' Er ließ sich jede einzelne Silbe in Gedanken auf der Zunge zergehen. 'Er hat schon länger keinen Menschen mehr zu Gesicht bekommen? Kein Wunder, bei seinem Fetisch.'

Alan hielt ihm das Stück Papier hin das er noch immer in der Hand hielt und das mittlerweile ziemlich verknittert war. "Ich bin wegen der Anzeige hier."

"Wegen der Anzeige." Tye blinzelte irritiert. Ein kurzer Blick zeigte, dass die Adresse stimmte. Ein Druckfehler, etwas anderes konnte das kaum sein. Er hatte mit Sicherheit niemanden zum Blumengießen gesucht, ob mit oder ohne Bezahlung. "Wie ist Ihr Name, Sir?"

Kurz zögerte Alan, ehe er sich vorstellte. "Ich heiße Alan McAllistair." Flüchtig sah er dem Kostümierten in die beunruhigenden Augen. Wie das wohl mit dem Glühen funktionierte? Verdammt, sah das realistisch aus. "Was ist jetzt mit dem Job? Gibt es hier jemanden, den ich deswegen sprechen kann?" Hoffentlich war das vor ihm nicht sein Chef, dachte er bei sich und rückte ein Stück ab. "Wird Ihnen in dem Kostüm nicht heiß?"

Tye lachte auf, tief, grollend und beunruhigend. Er hatte schon einige Vorstellungsgespräche geführt, aber kein so bizarres wie dieses und gewiss keines für eine Stelle, die es nicht gab. "Mr. McAllistair, ich bin der einzige hier, mit dem Sie sprechen können. Und das", mit Schwung entfaltete er die Flügel, "ist kein Kostüm."

Beunruhigt wich Alan einen weiteren Schritt zurück. Kein Kostüm? Was sollte es dann sein? "Wollen Sie mir weismachen, dass Ihre Verkleidung echt ist?"

Wo war er hier nur rein geraten? Und wie kam er verdammt noch mal da wieder raus? Den Job konnte er wohl vergessen, wenn er ihn denn noch gewollt hätte. Langsam ging er noch ein paar Schritte rückwärts, bis er einen Baum hinter sich spürte. Gepeinigt schloss er die Augen und überlegte, wie er am besten entkommen konnte, ohne dass es zu sehr nach Flucht aussah und den Mann eventuell noch zu einer Jagd anstacheln könnte.

"Haben Sie schon mal von einem Feenfluch gehört, Mr. McAllistair?" Tye lachte heiser und humorlos und folgte ihm geschmeidig. "Sie sind mitten in einen hinein gestolpert. Ich komme hier nicht raus, aber Sie jetzt auch nicht mehr."

Er wusste nicht, ob das so der Wahrheit entsprach, aber er würde es zur Wahrheit machen. Er war zu lange allein gewesen, zu lange ohne Kontakt und ohne Hoffnung. Er würde diesen Mann, der so unvermittelt zu ihm in diese enge Welt gefallen war, nicht wieder gehen lassen. Nicht so schnell jedenfalls.

"Kommen Sie", fügte er weicher hinzu. "Ich werde Ihnen nichts tun, keine Angst. Das Abendessen ist kurz vor Ihnen angekommen, wenn Sie Hunger haben."

"Ein Feenfluch?", krächzte Alan. Sein Freund Thomas hatte ihm einiges darüber erzählt, er hatte aber nie gedacht, selbst einmal betroffen zu sein. Er versuchte, sich wieder in Erinnerung zu bringen, was es mit diesen Flüchen auf sich hatte, aber da er sich nicht dafür interessierte und eigentlich auch nicht daran glaubte, hatte er den Ausführungen seines Freundes nie wirklich zugehört.

Krampfhaft überlegte er, was er tun sollte. Vielleicht sollte er mit Mr. Dangerfield mitgehen. Später bot sich ihm womöglich noch eine Fluchtmöglichkeit. Zögernd folgte er dem… Biest, peinlichst darauf bedacht, einen größtmöglichen Abstand zu halten, ohne dass es lächerlich wirkte.

Tye war das egal. Fürs erste reichte es ihm einfach, dass der Mann da war. Immer wieder sah er zu ihm hin und sog den Anblick in sich auf, auch wenn Alan misstrauisch und ängstlich wirkte und bei jedem Geräusch zusammen zuckte, gleichgültig, ob es von einem Fuchs oder dem Wind in den Zweigen stammte. Sie umrundeten den See, und Tye lauschte immer wieder glücklich auf den Laut der Schritte, die so anders klangen als das Klacken seiner Klauen auf dem gepflasterten Weg.

Das Bürogebäude – von Tye nur noch 'der Turm' genannt – kam nach einer Biegung hinter den Bäumen in Sicht, ein Glaspalast der modernen Architektur, nicht starr und klotzig, sondern in sich geschwungen und mit runden Formen. Vor dem Hauptportal weitete sich der Weg zu einem Platz, in dessen Mitte ein von Blumenbeeten eingefasster Springbrunnen plätscherte, auch dieser das Ergebnis mehrerer Ausschreibungen.

Der Turm war in Dunkelheit gehüllt, doch als sie sich der Eingangstür näherten, flammten die Lichter auf. Tye hatte die Bewegungsmelder schon länger nicht mehr ausgelöst, meistens flog er direkt nach oben. Doch er hatte den Verdacht, dass es sein unfreiwilliger Gast nicht gut auffassen würde, wenn er ihn sich schnappte und mitnahm. Er hatte die unschöne Vision eines zappelnden, schreienden Mannes, der um sein Leben fürchtete.

Die Türen glitten auf, und Tye machte eine einladende Geste. "Kommen Sie, Mr. McAllistair."
Kapitel 2
Heller Marmor empfing sie in der Lobby, auch hier gab es weiche Formen und zahlreiche Inseln mit Grünpflanzen und Blumen. Der ganze Stolz der Empfangshalle war wohl der kleine Bachlauf, der sich durch den Raum schlängelte, lebende Fische beherbergte und hier und dort von Brücken überspannt wurde.

Überrascht riss Alan die Augen auf, da er diese Pracht mit Sicherheit nicht erwartet hatte. Mit großen Augen sah er sich um, bewunderte das kleine Bächlein und beobachtete fasziniert die Fische - Kois, wenn er sich nicht irrte. Hier hatte jemand anscheinend zu viel Geld. Mit diesem Prunk hatte er bei seinem Geiselnehmer nicht gerechnet. Zu diesem passte vielmehr ein düsterer, gotischer Bau, vielleicht eine verlassene Kirche. Am besten mit einem Thron aus Menschenknochen und jeder Menge schwarzer Kerzen.

Aus den Augenwinkeln beobachtete er Mr. Dangerfield. Es war merkwürdig, das Ding als Mister zu bezeichnen und bei dem hellen Licht konnte Alan nicht glauben, dass er die schwarze Gestalt für ein Kostüm gehalten hatte. Groß war er, aber das war ihm auch schon vorher aufgefallen, vermutlich um die zwei Meter. Riesige Hörner wuchsen aus seinem Kopf, geformt wie die eines Widders, die wahrscheinlich alles und jeden aufspießen konnten. Schwarzes, zerzaustes Haar fiel ihm über den Rücken, aus dem zwei mit Schuppen besetzte, drachenartige Flügel ragten. Er hatte breite Schultern und kräftige Arme, die aussahen, als könnten sie Alans Rückgrat wie ein Streichholz brechen. Ebenso muskulös wie der Rest des Biestes waren die Beine, die in langen, nadelspitzen Klauen endeten. Für einen kurzen Moment tat Alan der Marmorboden leid.

Das Biest war komplett schwarz, und man hatte fast das Gefühl, es würde das Licht aufsaugen. Bei all der Schwärze würde jeder Grufti vor Neid erblassen. Am beunruhigendsten waren jedoch die Augen. Sie glommen in einem dunklen Orange und erinnerten Alan an glühende Lava.

Tye machte eine einladende Geste zu den Fahrstühlen hin, wobei ihm seine eigenen langen Klauen auffielen, so als sei er erst seit wenigen Tagen in diesen Körper gebannt. "Möchten Sie den schnellen Weg nach oben wählen, Mr. McAllistair, oder den beeindruckenden? Oder bevorzugen Sie die Treppe? Unser Ziel liegt im 30. Stock."

Auch er musterte seinen Gast ausgiebig. Der Mann war hellblond in einer Schattierung, die die meisten Menschen nur mit chemischer Färbung erreichten. Bei ihm wirkte es jedoch natürlich; vermutlich, weil die sanft geschwungenen Brauen und die langen Wimpern gerade einmal eine Nuance dunkler waren und nicht wie schwarze Balken hervorstachen. Alans ungewöhnliche Augen schimmerten wie Peridot in einem sanften Goldgrün. Er hielt das kleine Kinn energisch vorgestreckt, als wollte er nicht anerkennen, dass er Angst hatte.

Es brachte Tye zum Lächeln, auch wenn er sich bemühte, es zu unterdrücken. Die furchteinflößende Wirkung seiner gebleckten Zähne hatte er einige Male im Spiegel sehen können, ehe er es sich zur Gewohnheit gemacht hatte, Spiegel zu ignorieren.

Alans Nackenhaare stellten sich auf, als das Biest lächelte. Er vermutete zumindest, dass es ein Lächeln sein sollte; allerdings sah es verdammt unheimlich aus, wie die weißen Fangzähne aus dem schwarzen Gesicht hervorstachen. Fast wie hypnotisiert folgte er der Geste und starrte auf die Fahrstühle. Sämtliche Türen waren silbern verkleidet und mit wunderschönen Ornamenten versehen. Wie viel Luxus vertrug dieses Hochhaus noch?

Kurz zuckte er mit den Schultern. "Den Beeindruckenden", wählte er. "Ich glaube kaum, dass der Fahrstuhl überladener ist als die Eingangshalle."

Wenn er schon gefangen war, konnte er den Gang zum Schafott auch so weit wie möglich hinauszögern. Er unterdrückte einen Seufzer. Die ganze Situation war einfach bizarr. Da stand er mit einem großen, schwarzen Monster in einer prächtigen Eingangshalle und diskutierte mit diesem, welchen Fahrstuhl sie nehmen sollten.

Die beeindruckende Variante, um nach oben zu kommen, schien der rechte Fahrstuhl zu sein. Gegenüber der Tür hing ein großer Spiegel in einem verschnörkelten, silbernen Rahmen, unter dem eine mit weißem Leder überzogene Chaiselongue stand. Auf dem Boden lag teurer, grauer Teppich, der dick genug schien, um mit jedem Schritt einzusinken. Weißer Stuck verzierte die Fahrstuhldecke, der mit kleinen Zierleisten von den Wänden aus hellem Marmor abgegrenzt wurde. Weiches Licht tauchte alles in einen warmen Schein, so dass dem Raum die Kälte genommen wurde. Alan revidierte seine Meinung. Es gab für alles eine Steigerung.

Sie stiegen ein, und als sich die Türen schlossen, ertönte tatsächlich klassische Musik. Es fehlte nur noch, dass eine freundliche Damenstimme sagte: 'Nächster Stock, Damenabteilung.'

Wieder schielte Alan zu dem Biest. Dieses wirkte in dem weißen Raum wie ein schwarzer Tintenfleck auf einem sonst leeren Stück Papier. Schnell sah er weg und verstrickte sich in Überlegungen darüber, was passieren mochte, wenn sie oben angekommen wären.

Wie gewöhnlich ignorierte Tye den Spiegel. In einem Anfall von Wahn und Wut hatte er einmal versucht, alle Spiegel zu zerstören. Vergeblich. Am nächsten Morgen waren sie allesamt wieder unversehrt gewesen. Das war Teil des Fluchs, und es war ein Fluch für sich. Er konnte nichts verändern. Der einzige Vorteil bestand darin, dass er sich nie darum kümmern musste, die Reste des Essens wegzubringen oder den Müll zu entsorgen, aber alles andere war ein Höllentrip.

Jetzt jedoch war es leicht, den Spiegel nicht zu beachten. Er betrachtete das blonde, schimmernde Haar seines Gastes, das helle, schöne Gesichtchen, die großen Edelsteinaugen, und spürte sein Herz schneller schlagen. Ein Mensch. Ein wirklicher Mensch, mit dem er sich unterhalten konnte, der reagierte, der... Ein Stich durchfuhr ihn, Angst ließ seine Augen auflodern. Was, wenn Alan am nächsten Morgen genauso verschwunden war wie jede Veränderung davor? Wie die zerstörten Spiegel, die umgestellten Möbel, die zerfetzten Sessel?

'Ich lasse ihn nicht gehen!', dachte er wild und grollte unwillkürlich. 'Ich bewache ihn, ich halte ihn fest.' Er wollte nicht mehr allein sein, es trieb ihn in den Wahnsinn! Ob das Taliesins heimlicher Plan gewesen war?

Der Fahrstuhl hielt, Tye gab einen Code ein, der nur ihn und seine Familie in diesen Stock ließ. Er hatte ihn nicht vergessen, auch wenn es Ewigkeiten her war, dass er ihn genutzt hatte. Die Türen glitten lautlos beiseite und gaben den Blick auf sein persönliches Reich frei. Tye schaltete das Licht an, er brauchte es nicht, wohl aber sein Gast.

Seine Räume nahmen das gesamte Stockwerk ein, aufgeteilt in einen Wohn- und einen Arbeitsbereich. Auch hier dominierten helle Farben, jedoch weniger in der Kühle von Marmor, sondern eine Nuance dunkler, naturweiße Wolle, elfenbeinfarbene Stoffe, gebleichtes Leinen. Der Boden war mit einem dicken, wollweißen Teppich bedeckt, der die Reinigungskräfte regelmäßig zum Fluchen gebracht hatte. Tye jedoch liebte ihn. Dunkles Holz setzte Akzente, ohne den Eindruck von Licht und Luft zu stören, überall standen auch hier gut gepflegte Kübel mit Grünpflanzen. Selbst an denen hatte Tye sich schon vergriffen und sie zerfetzt. Am nächsten Tag waren sie so gesund und frisch gewesen wie eh und je.

Einzig das Picknick am Boden störte den Eindruck von Ordnung und Professionalität. Tye hatte sich nicht die Mühe gemacht, das Essen auf dem großen Tisch anzurichten, sondern hatte die verschiedenen Schalen einfach in der Mitte des Raumes auf dem Boden ausgebreitet.

Alan war gespannt, wie viel Luxus dieses Hochhaus wohl noch zu bieten hatte und wurde nicht enttäuscht. Das Stockwerk war ebenfalls sehr prunkvoll, aber gemütlich eingerichtet. Als das Biest über den weißen Teppich ging, erwartete Alan fast, dass es schwarze Abdrücke hinterließ, aber nichts dergleichen geschah.

Er zog sich die Schuhe aus, da er es als Frevel empfand, diesen Teppich mit Straßenschuhen zu betreten. Langsam ging er durch den Raum und schenkte den Schalen auf dem Boden nur einen kurzen Blick. Er spürte, wie er langsam resignierte. Was würde das Monster jetzt tun? Sich auf ihn stürzen und verspeisen?

Als er bei einem der vielen Fenster war, legte er seine Hand auf das Glas, spürte, wie sich die Kälte in ihm ausbreitete, auch wenn er nicht so genau wusste, ob sie tatsächlich von dem Fenster kam. Alan hatte angenommen, dass er von hier aus eine gute Aussicht hatte, doch irgendwie sah draußen alles trübe aus, auch wenn vorhin am Tor noch ein klarer Himmel zu sehen gewesen war. Die Lichter der Stadt wirkten gedämpft und grau, als würden sie vom Grund einer Pfütze zu ihm hoch leuchten.

Er versteifte sich.'In was für einer komischen Stimmung bin ich denn?' Trotzig drehte er sich um und fragte: "Was wollen Sie jetzt mit mir tun?"

Tye grinste, dieses Mal ohne es zu verstecken, breit und mit allen Zähnen; er konnte es nicht unterdrücken. Der Kleine hatte Angst, das sah man, das roch man, aber gleichzeitig ließ er sich nicht davon einschüchtern. Und es war einfach zu wunderbar, jemanden hier zu haben, als dass er hätte weiterhin ernst und gesetzt schauen können. Allein der weiche Laut von Füßen auf dem dicken Teppich versetzte Tye in Freude.

"Sie zum Essen einladen." Er lachte grollend; es kam tief aus seinem Brustkorb und füllte den ganzen Raum. Und es tat verdammt gut. Wie lange war es her, dass er das letzte Mal gelacht hatte? Seine Stimmbänder fühlten sich steif an, wie brüchiges Gummi, weil sie so lange nicht mehr benutzt worden waren.

Ein Zittern durchfuhr Alan. Das raue Lachen ließ sein Herz vor Angst schneller schlagen. Die Zähne des Biestes blitzten regelrecht aus der Schwärze. Die ganze Gestalt schien einfach nicht hierher zu passen, in diesen hellen, freundlichen Raum.

Alan ballte seine Hände zu Fäusten. "Mich zum Essen einladen? Bin nicht vielmehr ich Ihr Essen?" Seine Zunge verknotete sich fast, da es sich so unpassend anfühlte, dieses Ding nach wie vor zu siezen. Da stand ein Monster, das vermutlich irgendwelche schrecklichen Dinge mit ihm anstellen wollte, und er hielt Höflichkeitsfloskeln ein? Wie absurd konnte dieser Abend noch werden?

Tye wies auf die Schalen am Boden, noch immer gluckste das Lachen in ihm, sprudelnd, wollte einfach nicht aufhören. "Nein, ich bevorzuge mein Essen gut zubereitet, nicht roh und zuckend. Setzen Sie sich doch, Mr. McAllistair. Oder soll ich am Tisch aufdecken? Und hören Sie zu zittern auf. Sie sind hier vollkommen sicher. Ich werde meinen ersten Besucher seit Jahren gewiss nicht auffressen."

Skeptisch verschränkte Alan seine Arme vor der Brust. "Sie müssen mir Recht geben, wenn ich sage, dass Sie keinen vertrauenerweckenden Eindruck machen, Mr. Dangerfield. Und machen Sie sich wegen mir keine Mühe."

Er setzte sich auf den weichen Teppich und begutachtete die Schüsseln. Wirklich Hunger hatte er keinen, dafür war die ganze Situation bisher zu nervenaufreibend gewesen, aber vielleicht kam der Appetit beim Essen. Womöglich war das ja seine Henkersmahlzeit, dachte er sarkastisch und nahm sich eines der Cocktailwürstchen.

"Sie werden mir Recht geben, dass mein Aussehen nicht meinem Willen unterliegt." Tye ging in die Hocke und stützte sich nach hinten mit dem Schwanz ab. Das war angenehmer als zu sitzen; seit er in dieser Gestalt gefangen war, hatte sich einiges geändert. "Ich gebe zu, die Begrüßung war... nicht dem Protokoll entsprechend, ich entschuldige mich noch einmal dafür. Verstehen Sie, ich hielt Sie wirklich nur für eine Illusion."

Und trotz aller Prüfung, trotz den herrlichen Schauern, die allein Alans Stimme auslöste, war Tye sich noch immer nicht ganz sicher, ob er sich nicht nur selbst in seiner Einsamkeit belog. Am liebsten hätte er den Mann wieder angefasst. Nur um sich zu vergewissern, dass er noch immer greifbar war.

Verärgert zogen sich Alans Augenbrauen zusammen. Warum war der Kerl so höflich? So musste er selbst in irgendwelche Höflichkeitsfloskeln flüchten. Ihm war es schon immer schwer gefallen, jemanden zu kritisieren, der höflich und zuvorkommend war, ganz gleich wie dieser aussah.

Alan wollte schon widersprechen und sagen, dass er nicht an irgendwelche Feen glaubte, schloss aber sogleich wieder den Mund. Wieso sollte es keine Feen geben, wenn dieses Monster offensichtlich echt war?

"Wie sieht denn eine Begrüßung dem Protokoll entsprechend aus?", fragte er stattdessen, drehte nachdenklich ein kleines Gürkchen in den Fingern und sah das Biest an, das ihn von der Farbe und Geschmeidigkeit her irgendwie an flüssige Tinte erinnerte. "Und wieso sollte ich eine Illusion sein? Immerhin hat mich Ihre Anzeige hierher geführt."

Wieder lachte Tye. "Das Protokoll sieht vor, dass ich Sie höflich begrüße und frage, was Sie hierher geführt hat. Gewiss aber nicht, dass ich Sie... überfalle."

Er spürte Hitze in den Wangen und war froh, dass seine Schwärze nicht enthüllte, dass er errötete. Am unangenehmsten war wohl das Ablecken gewesen, aber Tye wusste, dass er es wieder tun würde, sollte Alan verschwinden und neu auftauchen. Es fühlte sich real an, realer, als nur zu schauen. Und so im Nachhinein betrachtet, hatte der Mann angenehm geschmeckt.

"Was die Anzeige betrifft, die Sie hierher geführt hat – ich kann Ihnen versichern, dass ich sie nicht aufgegeben habe. Mein Kontakt zur Außenwelt ist sehr beschränkt. Das meiste, was ich versucht habe, hat die Außenwelt auf die eine oder andere Art nicht erreicht. Der Lieferservice ist die einzige, mir bekannte Ausnahme. Und auch nur, solange ich mich strikt auf Essensbestellungen beschränke."

Düster starrte er auf die Schalen und Schüsselchen. Einmal nur war es ihm gelungen, die Aufmerksamkeit des Lieferanten zu erregen, und es hatte eine schreiende Flucht zur Folge gehabt. Seine E-Mails waren nie beantwortet worden, bei Telefonatsversuchen nahm manchmal der Gesprächsteilnehmer ab, aber legte dann wieder auf, ohne mit ihm zu sprechen. Beiträge in Foren erschienen gar nicht. Briefe, die er hinter das Tor geschoben hatte, waren regelmäßig wieder zurückgetrieben, als herrschte ein leichter Wind.

"Wer hat sie dann aufgegeben?" Alan sah sich die Schüsseln und Teller an und überlegte, was er wohl probieren könnte. Und auch wenn alles recht achtlos auf den Boden verteilt war, machte es immer noch einen sehr vornehmen Eindruck.

Er entschied sich für das Sushi und nahm eines, das aussah, wie ein kleines Schiffchen aus Seetang, das mit Reis und Kaviar gefüllt war. Diese Sorte hatte er zuvor noch nie gegessen und er machte große Augen, als er es probierte. Verdammt, ist das lecker, kein Vergleich zu dem Sushiladen bei ihm um die Ecke. Genießerisch kaute er darauf herum und vergaß für einen Augenblick, dass der Höllenfürst persönlich vor ihm saß.

Tye zuckte mit den Schultern, was die Flügel hinter seinem Rücken hob und wieder senkte. "Ich vermute, dass es eine Verwechslung ist und Ihr potentieller Arbeitgeber nun vergeblich auf Sie wartet." Wahrscheinlich würde dieser Alan für unzuverlässig halten. "Aber ich bin froh darum, auch wenn ich verstehe, dass Sie nicht so empfinden, Mr. McAllistair."

Regelrecht entzückt beobachtete er, wie Alan eines der Sushistückchen aß, das ihm offensichtlich schmeckte. Die zarten Brauen hoben sich anerkennend, die Augen weiteten sich eine Spur, ehe sich die Lider genau die Spur wieder senkten, die Genuss anzeigte. Tye nahm sich von dem Nasi Goreng, mehr, um Alan Gesellschaft zu leisten, als dass er Hunger hatte. Er war viel zu aufgeregt, um zu essen

'Verflucht.' Resigniert sackten Alans Schultern nach unten. Das Geld von dem Job hätte er durchaus gebrauchen können. Jetzt würde er sich wieder etwas Neues suchen müssen.

"Sie wären auch nicht erfreut, wenn Sie von einem großen, schwarzen Fabelwesen verschleppt worden wären, Mr. Dangerfield." Aus lauter Frust plünderte Alan den Sushiteller, bis ihm fast schlecht wurde und er nichts mehr essen konnte. Langsam verlor er die Angst, und das gefiel ihm ganz und gar nicht.

Ein Blick zum Fenster sagte ihm, dass er langsam wirklich gehen sollte. Draußen war es fast so dunkel, wie die Haut des Monster, und nur einige wenige Sterne schickten trübe ihr Licht durch diesen seltsamen Schleier, der das Gebäude zu umgeben schien. Alan hatte Semesterferien und für morgen nicht wirklich etwas geplant, und doch sehnte er sich nach der Sicherheit seiner kleinen Ein-Zimmer-Wohnung.

Ein wenig schwerfällig stand er auf, da sein Magen entschieden zu voll war. "Mr. Dangerfield, ich möchte jetzt gerne gehen. Es ist bereits sehr spät."

"Mr. McAllistair, ich habe Sie nicht verschleppt, wenn ich das richtig stellen darf. Sie haben mein Grundstück aus eigenem Willen betreten und sind mir freiwillig hierher gefolgt." Tye stieß sich leicht mit dem Schwanz ab, als er aufstand. Angst griff nach ihm, er wollte seinen ersten menschlichen Kontakt nach Ewigkeiten nicht gleich wieder verlieren.

Wenn Alan den Park verließ – falls er ihn verlassen konnte, Tye war sich nicht wirklich sicher – würde er ihn vermutlich vergessen, so dass er niemand von ihm erzählen konnte. Er wollte nicht mehr allein sein. Nicht erneut in trübe Hoffnungslosigkeit versinken! Das erste Mal seit Jahren fühlte Tye sich wieder lebendig. "Ich weiß, dass mein Äußeres nicht gerade ansprechend oder gar vertrauenerweckend ist. Ich bitte Sie trotzdem, bleiben Sie noch. Seien Sie mein Gast."

'Als freiwillig würde ich das nicht gerade bezeichnen', dachte Alan bissig und fühlte sich hin- und hergerissen. Was sollte er tun? Würde ihn das Biest gehen lassen, wenn er es wollte? Wieder sah er zu den Fenstern, beobachtete seine schemenhafte Gestalt, die sich dort spiegelte. Sie war genauso blass und unklar, wie er sich im Moment fühlte. Einige Atemzüge lang wog er sämtliche Möglichkeiten ab, bevor er sich endlich entschied. "Ich werde noch bleiben, Mr. Dangerfield." Er hoffte, dass dieser sich damit zufrieden gab und ihn später gehen lassen würde.

Tye lächelte erleichtert, seine Augen leuchteten auf. "Ich danke Ihnen, Mr. McAllistair. Kommen Sie, ich zeige Ihnen Ihr Zimmer. Danach würde ich mich freuen, wenn Sie mir noch etwas Gesellschaft leisten würden."

Er winkte, ihm zu folgen, und auch wenn er sich nicht nach ihm umdrehte, um den Anblick eines Menschen weiter zu genießen, lauschte er doch auf die leichten Schritte hinter sich. Wieder nahmen sie den Aufzug, dieses Mal jedoch für nur zwei Stockwerke nach unten, wo die luxuriöseren Gästezimmer des Hauses lagen. Tye wählte das schönste davon aus. Er gab den Code des Hausherrn in das kleine Kästchen ein, das auch mit Karte zu öffnen war und ließ Alan ein. "Hier, bitte. Sie haben Ihr eigenes Wohnzimmer, das Schlafzimmer schließt dort an. Durch diese Tür gelangen Sie zu Ihrem Badezimmer."

Auch hier war alles hell, teuer und aufs vorzüglichste ausgerüstet. Der Computer war in den Schreibtisch integriert, so dass er nicht störte, von Plasma-TV bis zu einer ausgewählten Videothek gab es alles, was das Herz in dieser Hinsicht wünschen konnte. Mittlerweile waren die Filme natürlich nicht mehr auf den neuesten Stand. Das Badezimmer war eher eine Badelandschaft mit eigenem Jaccuzzi, der selbst mit der trüberen Sicht durch den Fluch noch einen herrlichen Blick auf die Stadt bot.

Überwältigt betrachtete Alan die teure Einrichtung. Dieses Hochhaus war wirklich erstaunlich. Mittlerweile würde es ihn nicht mehr überraschen, wenn eines der Stockwerke ein Schwimmbad beinhalten würde. Er ging ins Schlafzimmer, bestaunte das riesige Bett und verlief sich fast im Badezimmer, wobei 'Zimmer' schon fast eine Beleidigung war, vielmehr war es eine Badehalle. Solch dermaßen luxuriös ausgestatteten Suites kannte er nur aus dem Fernsehen, wenn mal wieder über eines dieser teuren Hotels berichtet wurde. Nie hätte er sich träumen lassen, dass er selbst in so einem Apartment eine Nacht verbringen würde. 'Eine Nacht verbringen.' Eigentlich hatte er angenommen, in der Nacht irgendwie verschwinden zu können, aber sein 'Gastgeber' ging wohl davon aus, dass er erstmal bleiben würde.

"Was haben Sie jetzt vor Mr. Dangerfield? Ich glaube nicht, dass ich einen angenehmen Gesprächspartner abgebe." Der Kerl, auch wenn er aussah wie ein Dämon, hatte Geld wie Heu, worüber sollte er mit so einem reichen Schnösel sprechen? Aktienkurse?

Tye grinste sein zahnreiches Grinsen. "Oh, glauben Sie mir, Sie sind der angenehmste Gesprächspartner, den ich seit Jahren hatte."
Kapitel 3
Tye wies mit einer knappen Geste zu der Couch hin. "Ich dachte, dass wir uns bei einem Glas Wein oder Whiskey unterhalten könnten. Was bevorzugen Sie? Ich habe natürlich auch Bier, Cognac, Sherry... Sagen Sie, was sie möchten. Ganz zivilisiert, als wäre ich nicht im Körper eines Dämons gefangen und als wären Sie auf eine nette Einladung hier."

Einladung? Als wenn ihn jemand mit so viel Geld jemals freiwillig einladen würde. Alan riss sich zusammen und ging schnurstracks zu einem der Sessel. Auf die Couch wollte er nicht, nicht dass der Kerl noch auf die Idee kam, sich neben ihn zu setzen. Er schlug seine Beine unter und beschloss, das Ganze tatsächlich als eine Art Verabredung zu betrachten, auch wenn es grotesk schien.

Kurz seufzte er. Da wurde er endlich mal von jemanden eingeladen, der sich zu benehmen wusste und auch noch wohlhabend war, und dann sah dieser Jemand aus, als wäre er direkt der Hölle entstiegen. Irgendetwas passte an seinen Einladungen nie. Entweder waren die Männer grob und vulgär oder schrecklich langweilig oder sahen eben aus wie ein Spezialeffekt aus einem Horrorfilm.

"Whiskey", wählte er, als ihm einfiel, dass er noch nicht geantwortet hatte.

"Eine gute Wahl." Tye ging zur Hausbar hin, holte eine Flasche Bunnahabhain heraus und zwei Gläser mit dickem Boden. Ob Alan Eis wollte, fragte er nicht. Er fand, dass es eine Schande war, wenn solch edle Tropfen auf diese Art verwässert wurden. Nachdem er eingeschenkt hatte, setzte er sich auf die Couch über Eck zu Alan, ein wenig mehr Platz als nötig zwischen ihnen lassend, um den Mann nicht weiter zu verunsichern.

Sie stießen an, was Alan zu irritieren schien, als hätte er auch das nicht erwartet. Tye nippte an seinem Glas, aber hielt es dann nur locker in der Hand. "Sie sind also auf der Suche nach Arbeit, Mr. McAllistair? Da sie die Stelle als Blumengießer jetzt vermutlich nicht mehr bekommen, darf ich fragen, nach was Sie Ausschau halten?"

Alan war ein wenig überfordert und nippte daher erstmal an dem Glas. Der Whiskey war wie erwartet hervorragend und ging sanft die Kehle runter, ohne zu kratzen. Alan kostete den angenehm rauchigen Geschmack nach, bevor er sich einen weiteren Schluck gönnte.

Vage zuckte er mit den Schultern. "Ich suche irgendetwas, mit dem ich mir in den Semesterferien etwas dazuverdienen kann." Hoffentlich wollte der Kerl ihn nicht nach seinen Lebensumständen ausfragen! Alan hatte wirklich keine Lust, das vor ihm auszubreiten.

Tye nickte leicht und drängte seinen Schwanz in die Rille zwischen Sitzpolster und Rückenlehne. Es war nicht wirklich bequem, aber es ging. "Dann haben Sie jetzt also Semesterferien? Vielleicht kann ich aushelfen, da ich ja gewissermaßen an Ihrem Jobverlust Schuld bin, indem ich am falschen Fleck wohne. Was schwebt Ihnen denn als Tätigkeit vor, sind Sie flexibel? Wie viele Stunden die Woche können Sie entbehren? Was für eine Vorstellung haben Sie, was Ihr Gehalt betrifft?" Es war ihm ziemlich gleichgültig, mit was er Alan an diesen Ort band. Hauptsache, der junge Mann ging nicht. Oder zumindest nicht so schnell. Auf Geld sollte es ihm dabei wirklich nicht ankommen!

Für einen Augenblick dachte Alan, er hätte sich verhört. Er nahm einen kräftigen Schluck von dem Whiskey, ohne diesen wirklich zu schmecken. Seine Gedanken huschten wirr in seinem Kopf, und hätte man sie auf Leinwand gebannt, würde das Bild M.C. Escher zur Ehre gereichen.

Er saß mit einem Höllenfürst, der von einer Fee verflucht worden war, in einem edel eingerichteten Zimmer und sie führten eine Art Einstellungsgespräch? Ein weiterer Schluck Whiskey folgte. Mit der freien Hand rieb er sich die Schläfen, langsam bekam er Kopfschmerzen. "Es ist mir egal, was ich tu, solange ich es kann. Zeit habe ich reichlich."

'Leider', fügte er in Gedanken hinzu, bevor er sich einen Vollidioten schimpfte. Diese Information hätte er Mr. Dangerfield gar nicht geben brauchen, wer wusste schon, wohin das führte. Aber Alan wurde langsam müde, und der Whiskey war auch nicht gerade förderlich Der Alkohol untergrub ganz hervorragend seine Vorsicht.

"Gut." Aufgeregt lehnte Tye sich vor, aber kaschierte es, indem er sein Glas auf dem Tisch abstellte. "Das einzige, was ich wirklich brauche, ist Gesellschaft, Mr. McAllistair. Alles andere regelt sich fast von allein."

Er sah, wie sich Alan verspannte und wollte ihn schütteln. Verdammt, wenn er nun wirklich etwas nicht wollte, dann war es, den jungen Mann zu verletzen, zu vertreiben, zu benutzen. Er wollte doch nur... dass er da war. "Ich habe wirklich nicht vor, über Sie herzufallen. Ich bin ein ganz manierlicher Zeitgenosse, auch wenn ich nicht danach aussehe."

Aber wie sollte man das beweisen, wenn allein der Schein genau das Gegenteil erzählte? Wenn die Klauen davon sprachen, dass man Kehlen zerfetzte und die Reißzähne von Lust am Verschlingen? Wenn jeder Aspekt dem eines Dämons aus den finstersten Niederhöllen glich?

Alan zog seine Knie an, machte sich so kleiner, als wolle er seinem Gegenüber weniger Angriffsfläche bieten. "Soll das heißen, dass Sie mich als eine Art Gesellschafter einstellen wollen, Mr. Dangerfield?"

Er setzte das Glas an und leerte es mit einem Zug, auch wenn es schade um den guten Tropfen war. Müde sah er zu dem schwarzen Wesen hin. Unzählige Fragen kamen ihm in den Sinn. Was hatte es mit diesem Fluch auf sich? Wer war er? Warum war er verflucht? ... Aber er konnte sie nicht stellen. Langsam bekam Alan das Gefühl, dass sein Verstand nicht mehr in der Lage war, weitere Informationen aufzunehmen. Am liebsten hätte er sich schlafen gelegt, in der Hoffnung, anschließend aus diesem obskuren Traum aufzuwachen.

Langsam nickte Tye. "Genau. Als eine Art Gesellschafter." Es klang ganz schön verzweifelt, wenn er das neutral betrachtete. Und das schlimme war, dass dieser Eindruck der Wahrheit entsprach. Er wollte Alan nicht gehen lassen, um keinen Preis der Welt, einfach weil er das erste lebendige Wesen war, das die Tür durchschritten hatte. Es war nicht wichtig, wer er war, was er war. Vollkommen gleichgültig, wie er war, woher er kam und was ihn hierher geführt hatte. Einzig wichtig war, dass er blieb.

Aber fast genauso sehnsüchtig, wie Tye sich sein Bleiben wünschte, so unwohl schien Alan sich zu fühlen. Tye wünschte, er hätte ihn anders empfangen. Zivilisierter. Zurückhaltender. Angemessen. Wenn er doch nur nicht daran gezweifelt hätte, dass der Mann echt war! Tye betrachtete ihn ruhig, bemerkte die leicht hochgezogenen Schultern und den festen Griff um das leere Glas ebenso, wie er den leichten Schleier über den Augen wahrnahm.

Widerstrebend stand er auf. Alles in ihm sperrte sich dagegen; er wollte Alan weiter ansehen, wollte ihn die Nacht bewachen, wollte ihn atmen hören und riechen, dass er da war. Wollte spüren, dass es einen Mensch in dieser leeren Blase gab, die seine Existenz umhüllte.

Dennoch nickte er leicht. "Ich sehe, Sie sind müde, Mr. McAllistair. Ich werde mich jetzt zurückziehen. Nachtbekleidung können Sie im Schrank im Schlafzimmer finden. Es sollte etwas dabei sein, das Ihnen passt. Bitte, denken Sie über mein Angebot nach. Über das Geld können wir dann morgen sprechen. Es soll zu Ihrem Schaden nicht sein."

Träge beobachtete Alan, wie sein Gastgeber den Raum verließ. Als dieser die Tür hinter sich schloss, sackte er in sich zusammen. Die ganze Anspannung, seit er das Tor durchschritten hatte, fiel plötzlich von ihm ab. Er verbarg seinen Kopf zwischen den Knien und wollte seine Gedanken ordnen, doch sie huschten in ihm umher wie ein Mottenschwarm ums Licht, so dass er es nicht weiter versuchte.

Langsam erhob er sich und ging in das Schlafzimmer. In einem gewöhnlichen Raum hätte das riesige Bett alles dominiert, doch hier wirkte es nur wie ein weiteres Schmuckstück. Alan knipste überall das Licht aus und schloss für einen Augenblick die Augen, um sich an die Dunkelheit zu gewöhnen. Dann sah er zum Fenster hin. Die Lichter der Stadt hüllten das Zimmer in ein düsteres Zwielicht.

Alan nahm sich keine Schlafsachen, sondern zog sich nur bis auf seine Unterhose aus und legte sich in das Bett. Die Matratze war genau richtig, die Decke schmeichelte schon fast seiner Haut, und doch wälzte er sich nur ein paar Mal hin und her. Er sah auf die mit Stuck verzierte Decke, die momentan in ein dreckiges Grau gehüllt schien und wusste, dass er so nicht würde schlafen können. Der Raum war zu groß, im Bett war zu viel Platz, und es ließ ihn sich ausgeliefert fühlen.

Genervt schlug er die Decke zurück und stand auf. Was sollte er jetzt tun? Seine Gedanken umkreisten ihn noch immer, und Alan verscheuchte sie ärgerlich. Er hatte keine Lust mehr, über diese ganze Situation nachzudenken, es bereitete ihm Kopfschmerzen, und müde, wie er war, würde er keine Lösung finden.

Als er in einer etwas versteckten Ecke einen großen Sessel entdeckte, nahm er sich die Decke und ein Kissen vom Bett, um es sich dort gemütlich zu machen. Es war unsinnig, das wusste er. Wenn die Bestie sich doch dazu entschließen sollte, ihm etwas anzutun, war es gleich, wo er schlief. Aber es ließ ihn sich wenigstens nicht ganz so schutzlos fühlen. Einen Fluchtversuch wollte er noch nicht riskieren, da sein Gastgeber aller Wahrscheinlichkeit nach noch wach war.

Er wickelte sich komplett in die Decke ein und ließ seinen Kopf erschöpft auf die Armlehne sinken. Fast augenblicklich schlief er ein, der Tag war einfach zu aufregend gewesen.
*

Tye verharrte vor der Tür, kaum dass er sie hinter sich zugezogen hatte. Er musste gegen das fast unbändige Verlangen ankämpfen, sofort wieder umzukehren, um sich zu vergewissern, dass Alan wirklich dort war. Nur mühsam gelang es ihm, sich abzuwenden und den Flur zu verlassen, um das Treppenhaus zu seiner eigenen Etage empor zu steigen.

Die Tür glitt vor ihm auf, und er ließ seinen Blick durch den Wohnbereich gleiten. Die Sushi-Platte war geplündert, und in dem dicken Teppich meinte er fast noch, den Abdruck des schlanken Mannes zu sehen. Tye hockte an der Stelle nieder und ließ seine Hand darüber gleiten, ein Stück sternenloser Nacht über dem hellen Boden.

'Ich sperre die Türen ab', ging es ihm durch den Kopf, aber gleichzeitig wusste er, wie sinnlos es war. Am Morgen wäre alles wieder offen, was zum Zeitpunkt des Fluchs offen gewesen war und verschlossen, was verschlossen gewesen war. Alans Zimmer, das Treppenhaus und die Eingangstür zählten nicht dazu. 'Aber er darf nicht gehen! Was, wenn er derjenige wäre, der... Er findet mich abstoßend. Er kann die Abscheu doch kaum im Blick verbergen. Wie soll das möglich sein? Dennoch, er muss bleiben! Er muss!'

Mit einem Satz war Tye auf den Beinen; ein weiterer brachte ihn zum Fenster und hinaus. Wie ein Raubvogel im Beuteflug stürzte er hinab, bis er kurz vor dem Grund die Flügel ausbreitete und in einer steilen Kurve wieder nach oben schoss. Er kreiste höher und höher, die einzige Richtung, in der er weit kam, ohne von dem Zauber aufgehalten zu werden.

Es war nicht viel; auch wenn er die Wolken erreichte, war er nicht frei. Auch hier gab es niemanden. Auch hier konnte er nicht viel weiter sehen als vom Dach des Hauses aus. Aber er konnte für einige Momente Freiheit fühlen, wenn er fiel; er konnte die Geschwindigkeit spüren, den peitschenden Wind im Gesicht. Die Erde raste heran, wartend, ob es ihm auch dieses Mal gelang, den Irrsinn abzufangen, sich zu fangen.

Tye kreiselte um das Hochhaus, schoss zwischen Bäumen hindurch, streifte sie mit seinen Schwingen und brachte das Laub zum Rauschen. Vögel kreischten erschrocken auf, Eichhörnchen schnatterten erschreckt. Er landete hart, jagte in großen Sätzen am Boden dahin, wendete scharf, indem er gegen die Stämme der Bäume sprang.

Sein Atem flog, seine Schwingen schmerzten von dem rasanten Manövern. Seine Arme und Beine zitterten, als er schließlich innehielt. Schweiß rann seinen Rücken und seine Brust hinab. Er brauchte einige Zeit, ehe sein Herz nicht mehr mit jedem Schlag seine Brust sprengen wollte und sein Atem wieder normal ging. Dann erst spürte er die Erschöpfung, in seinem Körper und seinem Geist.

Langsamer ging er zum Hochhaus zurück, genoss den leichten Wind, der die Baumkronen wispern ließ, das trübe Licht der Sterne. Heute schienen sie heller zu sein. Statt nach oben zu fliegen oder die Fassade empor zu klettern, nahm er den Fahrstuhl. Doch er drückte den Knopf für Alans Etage, nicht seine eigene.

Zögernd verharrte er, als er den Fahrstuhl verlassen hatte und starrte die Tür an. War der Mann wirklich dahinter? Tye hob die Hand und zögerte. Dann klopfte er verhalten. Niemand antwortete. Tyes Herz begann erneut, schmerzhaft zu schlagen.

Er konnte sich nicht davon abhalten, den Code einzugeben und die Tür zu öffnen. Lautlos schlich er über den Teppich, die Augen so schmal zusammengepresst, dass er kaum noch etwas sah. Er wollte nicht, dass Alan von ihrem Leuchten erschreckt wurde. 'Wenn er noch da ist. Und die Augen machen es dann auch nicht mehr schlimmer, wenn er mich sieht. Er wird denken, ich bin gekommen, ihn zu fressen.' Dennoch ging er weiter und öffnete leise die Tür zum Schlafzimmer, nachdem er das Wohnzimmer verlassen vorfand.

Das Bett war leer.

Tyes Herz setzte einen Schlag aus, seine Kehle wurde eng und drückte ihm die Luft ab. Dann hörte er einen leise gemurmelten Laut und fuhr herum. Auf dem Sessel in der Ecke des Zimmers, zusammengekauert wie ein Kind, lag Alan. Das zerzauste helle Haar sah aus dem Bündel Decke hervor, fiel ihm in die Stirn und ließ ihn noch niedlicher wirken, als er ohnehin war. Die schönen Augen waren geschlossen, die Lippen weich und entspannt. Ohne den Ausdruck von Furcht war er nicht nur hübsch, sondern schön, ganz egal, ob er nun der einzige Mann war, den Tye seit dem Beginn seiner Verbannung in Fleisch und Blut vor sich gehabt hatte.

Leise atmete er auf und glitt näher. Er lächelte leicht und betrachtete das herrliche Bild. Ganz vorsichtig strich er Alan die Haare aus dem Gesicht, genoss das Gefühl der weichen Haut unter seinen Fingerspitzen. Lange stand er einfach nur da und betrachtete den Schlafenden, ehe er ihn ganz vorsichtig und mit angehaltenem Atem aus dem Sessel hob. Er wollte nicht, dass sein kleiner Gast am nächsten Morgen vollkommen verspannt aufwachte, und zudem war es eine willkommene Ausrede, um ihn in aller Unschuld berühren zu dürfen. Alan murmelte wieder und ließ ihn erstarren, doch dann sank sein Kopf nur gegen Tyes Schulter und schickte einen Freudenschauer durch ihn hindurch. Er trug ihn zum Bett, verharrte erneut und legte ihn dann behutsam ab. Sorgfältig deckte er ihn zu und verzichtete mit großer Anstrengung darauf, an seinem weichen Haar zu riechen.

Wieder stand er lange da und sah Alan an, ehe die Müdigkeit schleichend immer weiter von ihm Besitz ergriff. Die Nacht kam, ob er wollte oder nicht. Er konnte nicht wachbleiben, auch wenn er es wollte. Widerwillig verließ er das Zimmer, um in seine eigenen Räume zurückzukehren. Er taumelte bereits vor Erschöpfung, als er die Tür passierte. Und noch ehe er das Bett erreichte, sank er zu Boden und schlief ein.

*

Alan schmatzte kurz und drehte sich im Schlaf um. Das diesige Licht der Sonne schien in das Zimmer und weckte ihn langsam. Er rollte sich noch einmal herum und wunderte sich, dass er so viel Platz dafür hatte. War sein Bett schon immer so groß gewesen? Und warum hatte er vergessen, die Vorhänge zuzuziehen? Verschlafen öffnete er seine Augen und versuchte, das Licht wegzublinzeln. Sein Blick klärte sich langsam und erfasste das luxuriöse, helle Zimmer.

Mit einem Ruck setzte er sich auf und Erinnerungen an den Vorabend schossen durch seinem Kopf . Das riesige, schwarze Monster. Augen, die wie Lava glühten. Schneeweiße Reißzähne. Sein Herz schlug schmerzhaft schnell in seiner Brust, erschrocken sah er sich um. Es war kein Traum. Hektisch stieg Alan aus dem Bett und sammelte, noch immer vom Schlaf leicht benommen, rasch seine Sachen zusammen. Er musste hier weg!

Kopflos stürzte er aus dem Zimmer und stand vor dem Fahrstuhl. Da man diesen nur mit einem Code bedienen konnte, widmete er sich dem Treppengang. Stufe um Stufe eilte er runter und hatte das Gefühl, dass es nie enden würde. Nach einer scheinbar endlosen Zeit erreichte er die Eingangshalle und rannte zur Tür raus.

Als ihm die frische Luft entgegenschlug, blieb er für einen Moment stehen. Seine Sinne klärten sich. Langsamer ging er den gewundenen Weg durch den Park entlang. Im Hellen sah dieser wesentlich weniger bedrohlich aus.

Was tat er hier? Nach und nach kam ihm mehr von dem Abend in den Sinn, das Essen und das Gespräch mit Mr. Dangerfield. Wenn das Monster ihn hätte fressen wollen, dann hätte es dies sicherlich bereits in der Nacht getan, oder? Dann fiel ihm ein, dass er eigentlich im Sessel geschlafen hatte. Ein kurzer Schauer rann über Alans Rücken. Die Bestie war nachts in seinem Zimmer gewesen, hatte aber scheinbar nichts weiter getan, als ihn ins Bett zu legen.

Vielleicht… vielleicht sollte er wieder umdrehen? Dieser Mr. Dangerfield schien tatsächlich nur seine Gesellschaft zu wollen, und er hatte sich besser verhalten als die meisten Männer, die Alan auf Partys , oder in der Disco kennengelernt hatte. Nun ja, bis auf die Begrüßung, aber dafür hatte dieser sich sogar entschuldigt. Alan entschloss sich, mit der schwarzen Gestalt zu reden. Später. Vielleicht. Per Telefon. Wenn er hier weg war!.

Beharrlich ging er weiter, bis er vor dem Tor stand. Bei Tageslicht sah es wesentlich weniger alt aus. Es war sogar in einem recht guten Zustand. Resolut drückte Alan dagegen, doch nichts geschah. Auch Rütteln half nicht. War es vielleicht abgeschlossen? Er ging ein Stück am Zaun entlang, in der Hoffnung, ein Loch zu finden, an dem er hindurch schlüpfen konnte. Vergeblich. Die Zeit wurde knapp. Nicht, dass Mr. Dangerfield aufwachte und seine Flucht vereitelte! Schließlich entdeckte er an einer Stelle einen alten Baumstumpf, auf den er steigen konnte. Nach einigen Versuchen schaffte er es so, sein rechtes Bein auf die erste Querstrebe zu stützen, die für jemanden, der auf dem Boden stand, entschieden zu weit oben lag, und zog sich mühsam hoch, nur um dann festzustellen, dass er nicht über den Zaun steigen konnte. Irgendetwas hielt ihn auf.

Wackelig balancierte er auf den Eisenstangen und tastete mit einer Hand nach vorne. Er spürte etwas Weiches, aber Undurchdringliches. Als hätte man Luft die Konsistenz von Watte verpasst. Ungläubig drückte er kräftiger und stemmte sich schließlich sogar mit dem Körper dagegen. Die Wattewand gab ein wenig nach und federte dann zurück. Mit rudernden Armen versuchte Alan erschrocken, sein Gleichgewicht zu wahren; hilflos tastete er in der Luft nach Halt, kippte nach hinten und fiel.

*

Tye öffnete die Augen und war wach. Er lag auf dem Boden, starrte zur Decke und überlegte für einen Moment orientierungslos, was geschehen war, dass er beschlossen hatte, direkt hinter der Tür zu schlafen. Dann kehrte die Erinnerung abrupt zurück, und Tye sprang energiegeladen auf die Beine. Er grinste über das ganze Gesicht, sein Herz stolperte erwartungsfroh mehrere Takte zu schnell, Aufregung prickelte durch seinen ganzen Körper.

Er war nicht mehr allein! Es gab Alan.

Am liebsten wäre er direkt zu dem Mann ins Zimmer gestürzt, um ihn zu wecken und sich zu vergewissern, dass er noch da war. Aber sein Gast nähme es bestimmt nicht gut auf, risse er ihn auf diese Art aus dem Schlaf. Stattdessen nahm Tye die Abkürzung durchs Fenster und flog zum Tor, um das Frühstück durch die Gitterstäbe zu angeln. Er würde die Bestellungen vergrößern müssen, wie herrlich!

Mit der Tasche flog er zur Dachterrasse empor, deckte dort einen Ecktisch und spannte den dazu gehörenden hellen Sonnenschirm auf. Aufgedreht kehrte er in seine Wohnung zurück und ging ins Bad, in der irrsinnigen Hoffnung, irgendetwas an seinem Erscheinungsbild so ändern zu können, dass er nicht mehr ganz so sehr wie ein Monster wirkte.

Dann sah er das erste Mal seit langer Zeit wieder in den Spiegel. Der Anblick war nicht ermutigend. Weder hatte sich etwas an den wuchtigen Hörnern auf seinem Kopf, noch an den glühenden Lavaaugen oder gar an seinem Raubtiergebiss geändert. Sein Haar war sogar noch ungebändigter als sonst, und Tye beschloss, dass er Alan so nicht entgegentreten wollte. Er duschte ausgiebig, wusch die Haare und summte sogar brummelnd vor sich hin. Das Leben hatte an Farbe gewonnen. Rabiat bürstete er die noch nassen Haare durch und fasste sie im Nacken zu einem Zopf zusammen.

Dann wartete er. Er lief mehrfach an Alans Zimmertür vorbei. Und wartete. Er richtete die Teller und Tassen anders aus. Und wartete. Er flog dicht an Alans Schlafzimmer vorbei, warf einen glücklichen Blick auf die zierliche Gestalt. Und wartete. Wie lange konnte ein Mann schlafen? Wie erschöpft war Alan gewesen? Vielleicht war er am Vortag schon früh wach gewesen, vielleicht gar weit vor Sonnenaufgang. Sie hatten viel zu kurz miteinander gesprochen. Tye starrte auf das Frühstück, brachte eine Kerze auf die Dachterrasse und räumte sie wieder weg. Und wartete.

Er beschloss, erneut an Alans Räumen vorbeizufliegen und sprang mit einem kleinen Satz auf die Brüstung. Eine unerwartete Bewegung in der Nähe des Tores lenkte seinen Blick auf sich, um ihm gleich darauf einen eisigen Schreck einzujagen. Alan schlief nicht mehr. Er hatte sich entschieden. Gegen Tye.

"Nein", flüsterte er rau und ließ sich fallen.
Kapitel 4
So schnell ihn seine Flügel trugen, jagte Tye auf Alan zu, der am oberen Rand des Zauns hing und Anstalten machte, darüber zu klettern. Er konnte ihn nicht gehen lassen! Nicht so! Nicht so schnell! Doch noch ehe er ihn erreicht hatte, verlor der junge Mann das Gleichgewicht und kippte nach hinten.

Tye tauchte hinab, schoss nach vorne. Er streckte die Arme aus und schaffte es, Alan zu fangen, ehe dieser auf dem Boden aufschlug. Der Schwung trug ihn weiter; Tye schleuderte ihre beiden Körper herum. Es gelang ihm, sich mit einem Fuß am Zaun abzufangen. Er ächzte und drückte sich mit Kraft weg; seine Flügel drehten sich, fingen ihn und katapultierten ihn regelrecht zurück in die Luft. Tye fasste nach, erwischte Alan besser und drückte den schlanken Körper an sich.

"Bist du lebensmüde?", grollte er und steuerte das Dach des Hochhauses an. Sein Herz raste vor Schreck und Enttäuschung, aber auch vor Erleichterung, weil Alan nichts passiert war... und weil dieser nicht hatte fliehen können.

Alan wagte nicht, sich zu rühren. Er flog. Oh mein Gott, er flog! Sein Blick fiel unfreiwillig nach unten – er gab einen leisen Angstschrei von sich und klammerte sich an die schwarze Gestalt. Verdammt, war das tief! Der Flug fühlte sich an wie eine Achterbahnfahrt und er hasste Achterbahnen. Er konnte nicht nachvollziehen, dass einige freiwillig so etwas Wahnwitziges taten und sich in die Tiefen stürzen ließen.

Erst, als sie endlich das Dach erreichten und er wieder festen Boden unter sich spürte, atmete Alan erleichtert auf. Vom Adrenalin ganz zittrig setzte er sich auf den erstbesten Stuhl und hoffte, dass sich sein Herzschlag nicht erst in einigen Stunden wieder beruhigen würde. Nach einigen Atemzügen fiel ihm wieder ein, warum es überhaupt dazu gekommen war, dass Mr. Dangerfield mit ihm geflogen war. Sein Magen krampfte sich zusammen und er hatte das Gefühl, dass sämtliches Blut aus seinem Gesicht verschwand. Unwillkürlich ballte er seine Hände und starrte auf die teure Tischdecke.

"Sie hatten Recht, Mr. Dangerfield. Ich kann Ihr Grundstück nicht verlassen." Es auszusprechen, ließ die Situation real werden. Verzweifelt schlug er die Hände vor sein Gesicht, als ihm die Tragweite der Worte bewusst wurde. Er war ebenso gefangen wie sein Gastgeber.

Tye warf ihm nicht vor, dass er zu fliehen versucht hatte. Bei Gott, er selbst hatte es wieder und wieder auf alle erdenklichen Arten versucht, und nie war es gelungen. Aber es erfüllte ihn mit bodenloser Erleichterung, dass Alan nicht entkommen konnte, auch wenn er es wollte. Dass er selbst nicht mehr allein sein musste. Dennoch litt er mit ihm, konnte den Schmerz nur zu gut verstehen. Das Leben und alle Menschen, die einem wichtig und lieb waren, befanden sich außerhalb der Gitter. Ein wenig unbeholfen drückte er Alan kurz die Schulter.

"Vielleicht finden wir zu zweit einen Weg, den einer allein nicht zu erdenken vermag", sagte er leise. Er schenkte Kaffee ein und schob ihm die Tasse hin, ein bewährtes Mittel, soweit es ihn betraf. "Zucker, Milch?"

'Einen Weg zu zweit?' Das hörte sich ganz und gar nicht nach einem Monster an und wenn Alan die Augen schloss, konnte er sich der Illusion hingeben, dass einfach nur ein netter Mann mit ihm am Tisch saß. Langsam nahm er seine Hände runter. "Danke. Milch, bitte."

Inständig betete er, dass sie eine Lösung finden würden. Ihm fielen immer mehr Dinge ein, die sich aus diesem Problem ergaben. Seine Eltern, seine Freunde würden umkommen vor Sorge und das war nur eines davon, wenn gleich auch das Schlimmste. Aber vielleicht kam es nicht dazu, kampflos würde er nicht aufgeben.

Mr. Dangerfield gab Milch zu seinem Kaffee; dankbar nahm Alan die Tasse und nippte daran. Sich umsehend stellte er fest, dass auch die Dachterrasse sehr komfortabel war und durch die vielen Pflanzen gemütlich wirkte. In dieser Höhe müsste es eigentlich ziemlich windig sein, doch spürte man nichts dergleichen. Die Architekten hatten ganze Arbeit geleistet. Für einen Ort der Verdammnis war es hier recht angenehm – es hätte ihn schlimmer treffen können.

"Wie kam es, dass Sie verflucht wurden, Mr. Dangerfield?" Alan sah sein Gegenüber an. Dieser bot leider, trotz strahlendem Sonnenschein, immer noch einen unheimlichen Anblick, aber dessen Höflichkeit und das zum Äußeren unpassend gesittete Benehmen milderten den Eindruck ab.

Tye zuckte leicht zusammen, fing sich jedoch gleich wieder. Er warf Alan einen kurzen Blick zu, aber sah dann auf die Auswahl an Gebäck, Belag und frischem Obst, die er auf dem Tisch aufgebaut hatte. Umständlich rückte er sich einen der Korbsessel zurecht, die es ihm ermöglichten, seinen Schwanz nach hinten unterzubringen, und setzte sich ebenfalls.

"Ich habe den Fehler gemacht und mich mit einer Fee eingelassen", sagte er schließlich. "Ich war nicht an einer Beziehung interessiert, er schon. Als ich ihn zum wiederholten Male abgewiesen habe, ist er zornig geworden. Wenn ich ihn nicht will, soll mich auch niemand wollen. Das Ergebnis können Sie jetzt hier bewundern, Mr. McAllistair."

Alan verschluckte sich heftig an seinem Kaffee und musste ein paar Mal husten. 'Er?' Der Typ hatte sich also mit einem Mann eingelassen? Überrascht starrte er Mr. Dangerfield an, ehe er in Gedanken tief seufzte. Da lernte er einen Mann kennen, der aufmerksam und nett war, fast schon lächerlich reich und der auch noch auf Männer stand. Und dann musste der aussehen wie ein lebendig gewordener Gargoyle! 'Verdammte Scheiße.' Nie hatte er Glück in solchen Sachen.

"Das scheint mir eine ziemlich jähzornige Fee gewesen zu sein", meinte er jedoch nur leichthin, nahm sich ein Croissant und schnitt es auf. Sein Blick glitt über den Tisch und er wählte Orangenmarmelade, um sie auf die eine Croissanthälfte zu streichen.

Tye nickte knapp. "Halten Sie sich bloß an den bekannten Ratschlag: Lasse dich niemals mit einer Fee ein. Selbst dann nicht, wenn man zu wissen meint, dass man alles abgeklärt und jedes Für und Wider abgewogen hat", sagte er trocken und griff nach einem der obszön süßen Puddingteilchen.

"Ich werde versuchen, Ihre Worte zu berücksichtigen, sollte ich jemals das Bedürfnis haben, mit einer nähere Bekanntschaft zu schließen", erwiderte Alan ebenso trocken. Vorsichtig biss er von dem Croissant ab, in dem Versuch, möglichst nicht zu krümeln. "Die Fee war also männlich?"

Irgendwie hatte er sich Feen immer als geschlechtslose, ätherische Dingelchen vorgestellt. Offensichtlich war dem nicht so, wenn man mit einer in die Kiste springen konnte.

In dem Moment wurde ihm bewusst, dass Mr. Dangerfield ganz normal aß. Interessiert beobachtete er ihn und fragte sich, wo das Essen landete. Wie es schien, hatte der Mann nichts, was er auf der Toilette benutzen konnte. Von dieser faszinierenden Entdeckung abgelenkt starrte er Mr. Dangerfield an, während er gedankenverloren weiter aß.

Tye nickte ein wenig belustigt, auch wenn der Gedanke an Taliesin ihm schlechte Laune machte. "Es war zumindest alles dran, was ihn zum Mann gemacht hat." Nachdenklich legte er den Kopf leicht schräg und erwiderte Alans Blick. "Irritiert Sie das?" Das würde ihm zu seinem Glück jetzt noch fehlen. Sein einziger Kontakt ein Homophober, der nicht nur vor seinem Äußeren, sondern vom ihm selbst abgestoßen war.

Überrascht hob Alan die Brauen. "Nein, ganz und gar nicht." Nur knapp konnte er verhindern auszuplaudern, dass er selbst Männer in Beziehungen bevorzugte. Dass er schwul war, ging einen Fremden nichts an, auch wenn es Mr. Dangerfield mit Sicherheit nicht stören würde.

Sein Blick glitt wieder über den Frühstückstisch und er nahm eins von den unverschämt gut aussehenden, kleinen Törtchen. Sollte er hier tatsächlich länger bleiben müssen, würde er bestimmt kugelrund werden. Zwischen zwei Bissen fragte er: "Wie lange sind Sie denn schon verflucht?"

"Drei Jahre, zwei Monate und ein paar Tage", antwortete Tye nüchtern. Es fühlte sich viel länger an, die Tage gingen einer in den anderen über, ohne dass er sie gegeneinander abgrenzen konnte, die Wochen flossen vorbei. Es gab nicht viel, was die Eintönigkeit unterbrach. Aber das Datum hatte er sich sehr gut gemerkt. "Ich weiß nicht, ob es Sie beruhigen oder ängstigen wird, aber Ihre Freunde und Verwandten werden vermutlich nicht einmal merken, dass Sie verschwunden sind. Tye Dangerfield war kein unbekannter Name auf dem internationalen Parkett. Ich habe Termine anstehen gehabt, die von großer Wichtigkeit waren. Ich kann Ihnen nicht sagen, wie das geschehen ist, aber sie wurden von meinen Managern wahrgenommen. Niemand hat eine Vermisstenanzeige aufgegeben, keine Freunde, keine Bekannten – nicht einmal meine Eltern. Keine Zeitung hat vom mysteriösen Verschwinden des Vorsitzenden des Dangerfield-Konzerns berichtet. Meine Firmen laufen, als wäre ich da und würde sie lenken. Manche Sparten haben sich sogar verbessert. Es ist, als hätte es mich nie gegeben."

Alan aß sein Törtchen auf, während er versuchte, die Fülle an Informationen zu verarbeiten. Über drei Jahre schon! Er konnte nicht einmal Entsetzen spüren und vermutete, dass das später noch kommen würde. Momentan klang alles viel zu bizarr, als dass er es wirklich begreifen konnte, selbst wenn die Luft über dem Zaun ihn zurückgeworfen hatte. Hatte sie das überhaupt? Oder hatte sein von Panik umnebelter Verstand ihm einen Streich gespielt? Möglicherweise war er einfach abgerutscht. Wenn er jetzt daran zurückdachte, wusste er nicht mehr, was er davon halten sollte.

Es beruhigte ihn zumindest auf eine Art, dass ihn alle vergessen würden. Eigentlich war das kein schöner Gedanke, aber er war nicht bei ihnen, sodass es ihm nicht wehtat und es würde sich zumindest keiner um ihn sorgen. Sein Leben ging so gesehen weiter, auch wenn er nicht mehr daran teilnehmen konnte.

'Vorsitzender eines Konzerns'. Sein Gastgeber war also nicht nur einfach irgendein reicher Schnösel, er schien der ehrgeizige, reiche Schnösel schlechthin zu sein. Alan rieb sich seine Schläfen und hoffte, dass er nicht wieder Kopfschmerzen bekam. Ein weiteres Törtchen fand den Weg in seinen Mund.

"Das ist ja fast wie Robinson Crusoe, nur luxuriöser, und ich bin Freitag", meinte er zynisch mit vollem Mund. Es wunderte ihn, dass er das alles so locker aufnahm. 'Das ist vermutlich die Auswirkung des Schocks', dachte er sarkastisch.

"Soll ich Sie Freitag nennen?", fragte Tye amüsiert und schob den Teller mit den restlichen Törtchen näher zu Alan hin. Immerhin schien sein unfreiwilliger Gast Humor zu haben – und einen gesunden Appetit.

"Wenn ich Sie Robinson nennen darf." Alan zuckte mit den Schultern und sah zu den leckeren Törtchen, nahm sich aber keines mehr. Er war satt. Stattdessen goss er sich Kaffee nach. "Langweilen Sie sich nicht furchtbar? Wie haben Sie sich die Zeit vertrieben?" Es war kein Wunder, dass Mr. Dangerfield so erpicht darauf war, ihn hier zu behalten. Alan bot zumindest zeitweise ein wenig Ablenkung.

"Nun, das klingt auf jeden Fall netter als Mr. Dangerfield. Meinen Sie, dass Sie es über sich bringen könnten, mich Tye zu nennen?" Tye versuchte wenig erfolgreich, sein furchteinflößendes Lächeln zu unterdrücken.

Erneut zuckte Alan mit den Schultern. "Wieso nicht. Wir werden schließlich eine Zeit lang miteinander auskommen müssen. Ich möchte dich nur um einen Gefallen bitten. Kein Herumschleichen im Dunkeln. Ich kann darauf verzichten, in so jungen Jahren einen Herzinfarkt zu erleiden." Dann lächelte er verhalten. "Ich bin Alan." Er lehnte sich zurück und ließ seinen Blick über die Terrasse schweifen. "Besteht die Möglichkeit, an frische Kleidung zu kommen?" Er würde es keinen Tag länger in der selben Unterhose aushalten.

"Zu sehr von Fluchtgedanken besessen gewesen, um zu duschen und dich umzusehen?" Tye grinste, aber winkte ab. "Das solltest du nachholen. In den Schränken müsste etwas sein, was dir passen könnte. Ansonsten versuchen wir, etwas zu bestellen. Manchmal funktioniert es, manchmal nicht. Und dann zeige ich dir das Haus. Es gibt hier einiges, mit dem man die Zeit totschlagen kann."

Verärgert sah Alan Tye an. Die aufgebaute Sympathie schwand ein Stück weit dahin. Der Mann konnte ihm ja wohl schlecht vorhalten, dass er so schnell wie möglich wieder verschwinden wollte. Er stellte seine Tasse ab und erhob sich. "Dann werde ich mal nachsehen, was sich finden lässt."

Kurz nickte er Tye zu und verschwand von der Terrasse, indem er nach kurzem Suchen den Treppengang nutzte. Rasch ging er die zwei Stockwerke zu seiner Gästewohnung herunter und schloss erleichtert die Tür hinter sich. Energisch ignorierte er die Gedanken, die sich hartnäckig hinter seiner Stirn sammelten. Noch würde er sie nicht zulassen. Jetzt nicht.

Alan ging zu einem der großen Schränke und wühlte sich durch die Massen an Sachen. Nachdem er einige verworfen hatte, fand er etwas, das ihm einigermaßen passen konnte. Ein schwarzes Polohemd und eine gerade geschnittene, grüne Hose. Mit der Kleidung, einem Paar Socken und einer sogar noch in Plastik verpackten Unterhose ging er ins Bad.
Ein wenig ungelenk zog er sich aus und legte seine alten Sachen auf eine hübsch verzierte Kommode, bevor er in die ausladende Dusche stieg und das Wasser einstellte. Etliche kleine Düsen in der Decke ließen es wie einen weichen Regenschauer auf ihn fallen. In einer eingebauten Ecke standen unzählige Shampoos, Seifen, Badezusätze und Duschgelflaschen zur Auswahl. Alan wählte ein Shampoo, dessen Farbe ihm gefiel und fing an, sein Haar einzuschäumen.

Unweigerlich drängten sich ihm nun wieder seine Gedanken auf und er lehnte sich stöhnend an die Wand. Verdammt, er war hier gefangen! Vermutlich für die nächsten Jahre… oder gar für immer?

Entsetzt starrte er auf die hellen Fliesen und beobachtete fast hypnotisiert, wie die Tropfen kleine Krater und Ringe auf dem Wasser bildeten, die gleich darauf von anderen ausgelöscht wurden. Langsam ließ er sich auf den Boden sinken. Er spürte, wie ihm Tränen in die Augen stiegen. Ausgelöscht, wie seine Existenz. Einzig der Gedanke, dass sich seine Familie keine Sorgen machen würde, tröstete ihn trotz allem noch immer.



Tye aß gedankenverloren die letzten Törtchen, dann räumte er den Tisch ab, was er schon lange nicht mehr getan hatte. Wenn er die Sachen stehen ließ, waren sie am nächsten Morgen entweder aufgeräumt oder verschwunden. Amüsiert fragte er sich, wie das wohl auf Alan wirken würde – ein Dämon, der Hausarbeit machte. Er grinste trocken. Fehlte nur noch eine rosafarbene Schürze, um gänzlich albern zu sein. Aber immerhin würde niemand behaupten können, dass die Farbe ihn blass machte. Er lachte.

Wie üblich ignorierte er die Treppe und nahm mit der Frühstückstasche die Abkürzung über die Brüstung zu den Fenstern, um in seine Wohnung zu gelangen. Er verzichtete heldenhaft darauf, sich zwei Stockwerke tiefer absacken zu lassen, um einen Blick in Alans Räume zu werfen, auch wenn es ihn danach verlangte, den Mann wiederzusehen. 'Kein Herumschleichen im Dunkeln' umfasste mit ziemlicher Sicherheit auch die Privatsphäre des Mannes. Verständlich, aber nach all der Zeit allein war es dennoch schwer zu respektieren.

Nachdem er die Tasche achtlos in der Küche abgeladen hatte, gelang es ihm sogar, sich nicht vor Alans Tür zu setzen, um dort auf ihn zu warten. Aber in seiner Wohnung hielt ihn nichts. Mit ein wenig schlechtem Gewissen lauschte er im Treppenhaus, ob er Geräusche von unten hörte, die ihm sagten, dass der zierliche Mann seine Zimmer verließ.



Nachdem Alan eine Weile so auf dem Boden der Dusche verbracht hatte, riss er sich zusammen und stand auf. Es brachte nichts, sich den Kopf zu zerbrechen. Er würde einfach nehmen, was kam. Verzweifeln konnte er später immer noch.

Nass, wie er war, tapste er im Bad herum und nahm sich eines der großen Handtücher. Mann, waren die flauschig! In das weiche Frottee gehüllt setzte er sich auf einen schlichten, aber verdammt teuer wirkenden Hocker und begann, sich gemächlich abzutrocknen. Obwohl es erst früher Vormittag war, war es angenehm warm, sodass er nicht fror und sich Zeit lassen konnte. Beim Anziehen stellte Alan fest, dass die Sachen erstaunlich gut passten.

'Und jetzt?'

Tye hatte ihm den Rest des Hochhauses zeigen wollen. Ein wenig unsicher wanderte Alan noch ein bisschen in der Wohnung umher, bevor er beschloss, einfach raus zu gehen und sich der Situation zu stellen. Mit noch nassen Haaren ging er zum Treppenhaus, unschlüssig, wohin er sich wenden sollte.

Tye hörte das leise Geräusch der sich öffnenden Tür sofort. Es war anders als die Laute, die sein Kopf ihm manchmal vorgaukelte, um Gesellschaft zu erfinden, wo es keine gab. Und es war ungewohnt, etwas zu hören, das weder er, noch der Wind verursachte. Beschwingt ging er die Treppe hinab, auch wenn ihm bewusst war, dass Alan sofort merken würde, dass er gewartet hatte.

Als sie sich nur Momente später im Treppenhaus gegenüber standen, war das erste, was ihm auffiel, dass Alan sich umgezogen hatte. Die Kleidung lag körperbetonend an und hob seine schlanke Statur hervor; das feuchte Haar ließ das Gesichtchen blasser und die grünen Augen größer erscheinen. Unvermittelt wurde Tye etwas klar, das nichts mit Einsamkeit und seiner Sehnsucht nach Gesellschaft zu tun hatte.

'Er... ist schön. Wirklich schön. Um so ein Gesicht müssten sich doch sämtliche Schwulenmagazine reißen, die nicht gerade auf Bären ausgerichtet sind.' Und ohne Schuhe, nur mit Socken an den Füßen, sah er zudem noch niedlich aus. Eigentlich genau der Typ Mann, auf den Tye stand.

'Verdammt, das wird Schwierigkeiten geben', dachte er erschrocken. Mit einem Schlag war ihm wieder bewusst, wie sein eigenes Spiegelbild aussah. Grobschlächtig und wenig menschlich. Tye schluckte den bitteren Geschmack in seiner Kehle herunter und vernichtete die letzten Schritte zwischen ihnen. Dann fiel ihm noch etwas auf. Alan hatte geweint. Selbständig hob sich seine Hand, wollte Alan tröstend berühren, ihm über das Haar streichen...

Im letzten Moment wandelte er die Bewegung in eine Geste ab, die das Treppenhaus umfasste. "Möchtest du gleich alles sehen? Dann fangen wir unten an und arbeiten uns bis oben hoch. Oder willst du das Interessanteste zuerst anschauen?"

An den Anblick der schwarzen Gestalt würde sich Alan wirklich erst gewöhnen müssen. Noch immer fand er Tyes Anblick fremd. Alan hatte immer das Gefühl, eine lebendige Statue vor sich zu haben. Er kratzte sich überlegend am Kopf. Mist, er hätte sich wenigstens mal kämmen sollen. Nun war es auch egal.

"Für mich ist vermutlich alles interessant, aber ich denke, ich möchte deine interessanten Sachen zuerst sehen. Mal sehen, was der reiche Schnösel zu bieten hat", neckte Alan und musste dabei grinsen, das erste Mal, seit er hier war. Es fühlte sich seltsam an. Ein wenig so, als müsste er seine Gesichtsmuskeln erst wieder daran gewöhnen.

"Ich hoffe, du wirst nicht enttäuscht sein." Das Grinsen gefiel Tye besser als Tränen, und so erwiderte er es froh. Er unterdrückte seinen ersten Impuls, den Mund geschlossen zu halten, um nicht zu schrecklich auszusehen. Sie würden vermutlich eine lange Zeit zusammen verbringen, da konnte Alan auch gleich anfangen, sich an ihn zu gewöhnen. Tye wollte lachen, er wollte grinsen und lächeln, nun da er wieder Grund dazu hatte. "Komm!"

Er führte seinen Gast in das Stockwerk, das zwischen ihren Wohnungen lag. Neben einem perfekt ausgestatteten Fitnesscenter mit diversen Saunen beherbergte es auch ein großes Innenschwimmbad, dessen mit Mosaiken verzierte, organisch geformte Becken die Architekten und Statiker zum Haareraufen gebracht hatten. Bis zum Boden reichende Fenster ließen reichlich Licht in den Raum. Farbenprächtige Orchideen, exotische Farne und andere Pflanzen aus warmen Gefilden waren in Inseln zusammen gruppiert und erweckten mit deckenhohen Palmen, geschickt platzierten Lampen und der Farbgestaltung von Wänden und Decke den Eindruck, sich auf einer Südseeinsel zu befinden.

"Ich schwimme leider nicht mehr. Du glaubst nicht, wie unpraktisch Flügel sein können. Aber der Jaccuzzi und die Saunen sind herrlich entspannend." Tye war sehr zufrieden mit dem ungläubigen Ausdruck auf Alans Gesicht.

Alan wurde das Gefühl nicht los, dass es Tye Spaß machte, ein bisschen angeben zu können. "Du hast wirklich zu viel Geld", sagte er nur und sah sich weiter um. Wenn man es nicht so genau nahm, konnte man sich hier wie auf einer tropischen Insel fühlen, nur mit besserem Klima. Er hockte sich an den Rand des großen Beckens, hielt seine Hand in das Wasser und betrachtete dabei das farbenfrohe Mosaik am Grund. Das Wasser war angenehm warm, sodass Alan Lust bekam, eine Runde zu schwimmen. Natürlich tat er es nicht und richtete sich auf, sah Tye dabei an.

"Gut, dann zeig mir noch mehr, womit du angeben möchtest", sagte er freundlich und warf noch einmal einen Blick nach draußen. Auch bei Tage war der graue Schleier zu sehen und die Stadt sah aus wie ein Gemälde, über dem eine dicke Staubschicht lag.

Tye lachte dunkel; er genoss Alans Lächeln ebenso, wie dass der Mann ihn langsam etwas freundlicher ansah. Natürlich war es zu verstehen, dass er von der neuen Lage nicht begeistert war. Aber immerhin konnte Tye guten Gewissens sagen, dass er nicht daran Schuld war. Er hatte ihn nicht hergebracht, er hatte ihn nicht eingesperrt. Trotzdem war es nett, dass die grünen Augen nicht nur mit Gewitterwolken verhangen waren.

"Magst du Filme?", fragte er, als sie den schnellen Aufzug nach unten nahmen, um bis in den Keller zu gelangen. "Dann wird dir unser nächster Halt auf der Tour de Turm gefallen."
Kapitel 5
Tye führte Alan ins hauseigene Kino mit gemütlichen, samtbezogenen Sesseln, Sofas und natürlich einer großen Leinwand über mehrere Meter. Der Raum war in Bordeaux gehalten, die Holzteile der Möbel und die Tische bestanden aus dunklem Holz.

Alans Augen weiteten sich. Eigentlich wollte er nicht offen staunen, um seinem Gastgeber nicht zu viel Genugtuung zu geben, aber es gelang ihm nicht. Er warf sich probeweise in einen der Sessel, die erschreckend bequem waren. Ob es hier auch Popcorn gab? Er lehnte den Kopf in den Nacken und sah Tye über Kopf an.

"Was hast du für Hobbys? Außer Angeben natürlich." Es interessierte ihn, was so ein reicher Mann wie Tye in seiner Freizeit tat, wenn er überhaupt Zeit für derlei gehabt hatte.

Tye stützte sich mit den Unterarmen auf der Sessellehne ab und sah auf Alan herunter. Für einen kurzen Moment starrte er sich auf den weichen Lippen fest, dann lenkte er den Blick zu Alans Juwelenaugen.

"Angeben steht natürlich ganz vorne." Er lächelte leicht. "Ich habe oft Golf gespielt, macht zwar nicht wirklich Spaß, aber viele Geschäfte werden bei Golfpartien besprochen. Fallschirmspringen – es macht, dass man sich frei fühlt. Die eigenen Flügel sind natürlich besser. Segeln. Das ist noch besser als Fallschirmspringen. Ich habe eine kleine Yacht, die man Einhand segeln kann. Ich habe es genossen, für zwei-drei Wochen im Jahr keine Menschenseele um mich zu haben. Nur ich und der Ozean." Er vermisste es – das Schwanken der Planken, das Knarzen der Segel, der Kampf mit einem Sturm, der einen ans Limit und darüber hinaus trug. "Nun, Einsamkeit hatte ich jetzt allerdings reichlich. Und was machst du so in deiner Freizeit?"

'Typisch reicher Schnösel. Fallschirmspringen?' Schon allein bei dem Gedanken daran drehte es Alan den Magen um. Und ganz allein auf dem Meer zu sein, schien ihm auch keine bessere Alternative. 'Haben alle reichen Leute so komische Hobbys?'

Er erwiderte Tyes Blick, was ihm eine leichte Gänsehaut bescherte. 'Wie zwei Stück glühende Kohle.' Hastig sah er auf seine Hände. "Meine Hobbys sind banaler. Ich spiele Handball im Verein und wandere oft. Und ich mag meine Fische." Bei dem Gedanken an seinen bunten Haufen lächelte er, doch gleich darauf senkte sich ein Schatten über sein Gesicht. Hoffentlich würde sich jemand um sein kleines Aquarium kümmern.

"Du könntest mir Handball beibringen." Tye lachte, als er versuchte sich vorzustellen, was er dabei wohl für eine Figur machen würde. Sprung nach dem Ball, ein Griff – seine Klauen bohrten sich in die Hülle, zischend strömte die Luft heraus. "Zum Wandern kann ich dir leider nichts anbieten. Die Laufbänder sind doch ein recht magerer Ersatz. Aber wenn du Fische magst, habe ich etwas für dich." Er zögerte. "Wenn du es überhaupt sehen willst. Will ja nicht schon wieder angeben."

Alan lachte. "An deine Angeberei werde ich mich wohl gewöhnen müssen." Er drehte sich in dem Sessel um und kniete sich auf die Sitzfläche. Belustigt tätschelte er eines von Tyes Hörnern. "Du kannst nichts dafür, du bist nun mal ein reicher Schnösel." Das Horn fühlte sich merkwürdig warm an und ganz so, wie er es sich vorgestellt hatte, fest und mit Rillen durchzogen. Rasch zog er seine Hand fort, als er merkte, was er tat. "Oh. Entschuldige." Um davon abzulenken, sprang er vom Sessel und sah Tye auffordernd an.

"Es hätte dich auch schlechter treffen können." Tye grinste trocken, nicht sicher, ob es ein gutes Zeichen war, getätschelt zu werden, weil Alan die Angst vor ihm verlor, oder ein schlechtes; es war unangenehm, auf diese Art betrachtet zu werden, ein wenig wie ein exotisches, aber gutmütiges Tier im Zoo. "Stell dir vor, ich würde in einer zugigen Hütte inmitten eines dornenreichen Grundstücks leben. Mit Lehmboden und Stroh an Stelle von Matratzen." Er wies mit einer Kopfbewegung zur Tür hin. "Komm. Es ist nicht weit von hier."

"Du bist im falschen Märchen. Das wäre dann Dornröschen gewesen und danach siehst du wirklich nicht aus. Ach nein, die hatte ja auch ein Schloss", witzelte Alan. Es überraschte ihn, die Angst vor Tye so schnell verloren zu haben, so dass er ihn ganz selbstverständlich berührte. Immerhin war es möglich, dass dies alles nur ein Spiel zu Tyes Unterhaltung war. 'Eigentlich sollte ich argwöhnischer sein', schalt er sich selbst. Aber es war viel zu anstrengend, permanent aufpassen zu müssen – und Tye schien zumindest nett zu sein.

Tye schmunzelte. Ob Alan daran dachte, dass Dornröschen durch den Kuss der wahren Liebe erlöst worden war? Sollte dieser je auf diesen Gedanken kommen, würde ihn das unweigerlich unter Druck setzen. Es reichte, dass Tye selbst diesen Druck zu spüren begann. 'Wie soll man sich unter diesen Bedingungen verlieben können?' Tye nahm sich vor, alles abzustreiten, sollten Alans Gedanken je in diese Richtung wandern.

Sie nahmen den Aufzug, um ein Stockwerk höher zu gelangen. "Es gibt zwei Bereiche", erklärte Tye, noch ehe die Türen sich öffneten. "Einer für die tropischen Meere, der andere für heimische Gewässer."

Gedämpftes Licht mit einem leichten Blaustich empfing sie, als die Türen des Fahrstuhls aufglitten. Aquarien in verschiedenen Größen und Formen führten um Säulen herum, die die oberen Stockwerke stützten, waren in Wände eingelassen oder bildeten selbst welche. Bunte Korallen wurden von zahlreichen nicht minder bunten Fischen um- und überschwommen, Seeigel krochen langsam über Sand, Garnelen lugten aus Felsspalten hervor. Ein besonders großes Becken beherbergte sogar einige kleinere Haiarten. Bänke luden zum Verweilen ein, es gab Sitzgruppen und Tische, einige gedeckt wie in einem Restaurant, bevor Speisen aufgetragen wurden.

Alan blieb noch im Fahrstuhl stehen und riss überrascht die Augen auf. Mit so etwas Großem hatte er trotz Tyes Warnung nicht gerechnet. Solche Vielfalt hatte er bisher nur in dem großen Londoner Aquarium gesehen, nie in Privatbesitz. Er fühlte sich fast, als würde er in der Südsee tauchen.

Mit einem simplen 'Wow', das aber alles ausdrückte, ging er in den Raum und sah sich staunend um. Für einen Moment wusste er nicht, wo er anfangen sollte; aufgeregt wuselte er von einem Aquarium zu anderen. Dort kroch gemächlich eine Seegurke, und da, war das eine Languste? Sogar Haie gab es. Hier würde er sich stundenlang aufhalten können, ohne sich zu langweilen. Alan fühlte sich wie ein Kind, dass das erste Mal auf einem Jahrmarkt war. "Das ist fantastisch." Völlig hingerissen strahlte er Tye an und sah sich dann weiter um.

Tye folgte ihm gemächlich, er beobachtete lieber Alan als die Fische. Es war herrlich, wie der zierliche Mann sich begeistern konnte für alles, was irgendwie schwamm oder kroch, solange es offensichtlich unter Wasser war. Mit offenem Mund konnte er den Kapriolen eines Igelfisches zuschauen, strahlte entzückt, wenn er versteckte Fetzenfische entdeckte oder verharrte ehrfürchtig, wenn ein Rochen gemächlich an ihm vorbeiglitt. Tye selbst mochte die Südsee-Aquarien, aber der andere Bereich gefiel ihm sogar noch besser. Er vermutete, dass es bei Alan anders sein würde, deswegen drängte er ihn nicht. Sie hatten Zeit. Stattdessen machte er ihn auf Fische aufmerksam, zeigte ihm versteckte Ecken in den Becken und erklärte hier und da, was er sich selbst hatte erklären lassen, als noch jemand dagewesen war, der sich um die Aquarien gekümmert hatte. Jetzt schien die Magie des Fluches sie zu versorgen.

Alan war froh, dass Tye so viel Geduld mit ihm hatte; sicher benahm er sich wie ein kleiner Junge, aber er konnte nicht damit aufhören. Fasziniert beobachtete er einen kleinen Kraken, der sich zwischen etlichen Korallen versteckte.

"Wer kümmert sich um die Aquarien?" fragte er, ohne den Blick abzuwenden. Er konnte sich nicht vorstellen, dass Tye sie säuberte oder die Fische fütterte.

Tye zuckte mit den Schultern, eine Geste, die seine Flügel anhob. "Ich lasse die Finger davon, ich würde das System hier bestimmt mit einer Einmischung zum Kollabieren bringen. Muss irgendetwas mit dem Fluch zu tun haben. Die Pflanzen oben welken ja auch nicht, obwohl ich sie noch nicht einmal gegossen habe in all der Zeit."

Jetzt sah Alan doch auf. "Das heißt, der Zauber erhält alles am Leben, ohne, dass etwas stirbt? Wie ist das mit dir? Alterst du? Wachsen deine Haare?" Der Fluch hatte also nicht nur Tye verwandelt und die Leute vergessen lassen, sondern wirkte sich auf noch weitaus mehr aus. Dass ein einzelnes Wesen solch eine Macht besaß, ließ Alan frösteln. Was ist das für eine Fee, die zu so etwas fähig ist?

"Ja, der Zauber hält alles am Leben, und er erhält in gewisser Weise alles so, wie es gewesen ist, als die gingen, die es vor dem Fluch am Leben erhielten. Manche Dinge kann man ändern, manche nicht. Ob ich altere, kann ich nicht sagen. Dafür war die Zeit bisher zu kurz. Aber meine Haare wachsen. Und wenn ich mich verletze, heile ich nicht über Nacht." Tye zögerte, ehe er hinzufügte: "Aber ich heile schneller als zuvor."

Tye vermutete, dass es damit zusammenhing, dass Taliesin ihn zwar hatte verfluchen wollen, strafen dafür, dass er ihn nicht liebte, aber dass er ihm nicht wirklich schaden wollte – immerhin hatte der Feenmann eine Liebesbeziehung mit ihm gewollt. Vielleicht war es ja sein heimlicher Plan, in ein paar Jahren zurückzukehren und es noch einmal zu versuchen, nachdem Tye von der Einsamkeit zermürbt worden war.

Kurz fragte sich Alan, ob Tyes Blut noch immer rot war, oder ob es genauso schwarz war wie der Rest von ihm. Seine Augen wanderten wieder zu den Fischen, beobachteten das bunte Leben. Wie trist muss es bisher gewesen sein, wenn sich nichts änderte. Wenn das meiste am nächsten Tag immer noch genauso aussah wie zuvor. Genau das erwartete ihn. Langsam ballte Alan seine Hand zur Faust, mit der er das Glas berührte.

"Weißt du, wie man den Fluch aufheben kann?" Er seufzte. Natürlich wusste Tye es nicht, sonst wäre er nicht in dieser Lage, oder aber die Bedingung war nicht erfüllbar.

Unbehaglich zuckte Tye mit den Schultern. Alan hätte sich ruhig noch etwas Zeit mit dieser Frage lassen können, selbst wenn sie so ziemlich das interessanteste war. "Vielleicht löst er sich nach tausendundeiner Nacht auf. Vielleicht nach einhundert Jahren. Meine private Vermutung ist, dass Taliesin mich nur schmoren lassen will, so dass er mir als Erlöser in der Einsamkeit erscheint, wenn er irgendwann wiederkommt. Aber da hat er sich verrechnet, wenn das tatsächlich sein Plan ist."

"Tausend Nächte sind schon vorbei", murmelte Alan leise, bevor er sich wieder Tye zuwandte. "Willst du lieber die Ewigkeit in diesem Hochhaus verbringen, als dich mit ihm einzulassen? Der Kerl scheint ja einen ganz schönen Narren an dir gefressen zu haben." Er grinste leicht und konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, was die Fee an Tye fand, auch wenn er durchaus Manieren besaß und sehr freundlich war – nun ja, meistens jedenfalls.

Tyes Blick verfinsterte sich, er knurrte leise, ehe er erneut mit den Schultern zuckte. "Ich glaube, ich drehe ihm eher den Hals um, als dass ich mich mit ihm einlasse. Liebe kann man nicht erzwingen, momentan erzwingt er höchstens Wut und Verachtung. Vielleicht hat er auch keinen Narren gefressen, sondern verträgt einfach nur die Ablehnung nicht."

Mit Willenskraft brachte er seinen Zorn unter Kontrolle und glättete seine Miene. "Komm, ich zeige dir meinen Lieblingsplatz hier."

"Natürlich kann man Liebe nicht erzwingen, aber ewige Einsamkeit scheint mir auch keine bessere Alternative zu sein." Tyes Ausbruch hatte Alan zusammenzucken lassen. Natürlich war es normal, dass Menschen manchmal wütend wurden, ganz besonders, wenn man diese besondere Situation bedachte, aber bei ihm wirkte es bedrohlich. Beklommen folgte er Tye.

"Ich bin lieber ewig allein als mit jemandem zusammen, der solche Spielchen spielt", antwortete Tye kurz und beschleunigte seinen Schritt. Seine Klauen klackten lauter auf dem Boden, als er sie zuvor wahrgenommen hatte.

Er führte Alan zu einem Durchgang, der wie ein Höhleneingang gestaltet war. Schwarzer Samt verbarg die Öffnung. Tye musste sich ein wenig ducken, um gut hindurch zu kommen. Er hielt Alan den schweren Stoff beiseite und ging erneut voran, als der hübsche Mann ihm gefolgt war. Hier und dort waren kleine Aquarien in die rauen Wände des künstlichen, sich windenden Felsganges eingelassen und erleuchteten ihn schwach in einem grünlichen Licht. Hier gab es keine bunten Korallen und farbenfrohe Fische. Die Unterwasserwelt der heimischen Süßwässer wurde präsentiert, mit grünen Algen, silbrigen Fischen und einigen Süßwassermuscheln.

Nach mehreren Metern weitete sich der Gang zu Tyes Lieblingsplatz. Eine künstliche, beinahe runde Grotte war erschaffen worden, die mehr als doppelt so hoch wie Tye war. Auf ihrer einen Seite hatte man durch eine fast raumhohe Scheibe einen Blick in den See des Grundstückes. Teile einer untergegangenen Ruine waren dort arrangiert worden, durch die Hechte, Aale und Brassen streiften – wenn man Glück hatte.

Das Panorama auf der gegenüber liegenden Seite war weniger hoch, aber gerade bei Sonnenschein wunderschön. Verzweigte Baumwurzeln, die sich um Felsen schlangen und Höhlen bildeten, dienten jungen Fischen als Versteck; zahlreiche Algenarten hatten sich dort angesiedelt. Tye hatte auf dieser Seite allerdings eine heimliche Vorliebe für die unzähligen Kaulquappen, die man quirlig und quicklebendig dort einen großen Teil des Jahres beobachten konnte.

In der Mitte des Raumes war eine runde Vertiefung mit Polstern ausgelegt, so dass man dort gemütlich sitzen oder liegen und das Panorama genießen konnte.

Auch wenn der Raum an Leben und Farben bei weitem nicht mit den Salzwasseraquarien mithalten konnte, fand Alan ihn wunderschön und sehr gemütlich. Beeindruckt sah er sich um und fühlte sich, als würde er aus dem Staunen nicht mehr herauskommen. Irgendwann würden ihm die Augen ausfallen, wenn das so weiterging.

Langsam ging er zu der Seite mit der Ruine, die durch das sanfte Licht etwas Mystisches ausstrahlte. Er konnte sich gut vorstellen, dass in so einer Umgebung Meermenschen lebten, sofern es sie gab und wieso sollte es das nicht? Feen waren anscheinend auch echt. Der Raum hatte etwas Beruhigendes und mit einem sanften Lächeln beobachtete Alan das Leben in dem See. Ein Aal glitt vorbei und verschwand nur Momente später wieder im milchig grünen Seewasser. "Es ist wirklich schön hier."

Tye lächelte, die Ruhe war zu ihm zurückgekommen. Mit einer sparsamen Geste wies er auf die Vertiefung in der Mitte. "Hier habe ich schon Stunden verbracht, habe in den See geschaut und Musik gehört." Er trat zu der versteckten Anlage und schaltete ein. Unaufdringliche Klänge füllten den Raum. "Das ist das Standard-Programm, extra für diesen Raum entworfen. Aber natürlich kannst du auch alles andere hören. Was magst du für Musik?"

"Das kommt ganz auf die Situation an." Alan ging zu der Vertiefung und legte sich probeweise auf die Polster. Das war wirklich gemütlich und entspannend. Man konnte den See beobachten, ohne einen steifen Hals zu bekommen. "Zu diesem Raum passen sanfte, klassische Stücke. Beim Handballtraining mag ich es eher kraftvoller, energiegeladener. Irgendwas mit viel E-Gitarre und Schlagzeug. Bei Musik kann ich mich nicht wirklich festlegen." Ein gutes Buch wäre jetzt schön, oder etwas zu Knabbern.

"Wir müssen unbedingt etwas zu Knabbern finden. Kino ohne Popcorn macht nur halb so viel Spaß", fiel ihm plötzlich ein.

"Dann willst du heute Abend ins Kino?" Tye versuchte einzuschätzen, was ein Mann wie Alan wohl gerne mochte. Er selbst stand auf ganz profane Abenteuerfilme; sie mussten nicht viel Anspruch haben. Sein Bedarf an Fantasy hingegen war fürs erste gedeckt, nachdem er gewisse verwandtschaftliche Gefühle für den Balrog und andere Dämonen entdeckt hatte. "Prima. Der Abend rückt ohnehin näher, hier sieht man bald nicht mehr viel. Komm, lass uns bei meinem Haus- und Hofservice bestellen, damit wir das Essen haben, bevor wir anfangen. Manchmal braucht man zwei oder drei Anläufe, ehe die Bestellung rausgeht. Und die Zubereitung braucht auch noch seine Zeit."

"Wenn du ein paar gute Filme hast." Eigentlich wollte Alan nur sagen, dass generell zum Kino Popcorn gehört, aber seinetwegen konnten sie sich auch so die Zeit vertreiben. Ein wenig bedauernd stand er von den Polstern auf, sie waren wirklich kuschelig. Beim Hinausgehen ließ er seinen Finger über den rauen Stein streifen, noch immer ganz fasziniert von der Bauart des Raumes.

Gemeinsam gingen sie wieder zu den Fahrstühlen und fuhren diesmal in den 30. Stock, zu Tyes Privaträumen.

Tye holte die gute alte Speisekarte des Lieferservices aus der Schreibtischschublade; mittlerweile war sie veraltet, aber er hatte es innerhalb von drei Jahren nicht geschafft, eine neue zu ordern, auch wenn er es regelmäßig versuchte. Das gehörte wohl zu den Mysterien des Fluchs, die er nie ergründen würde. Er reichte sie Alan, damit der schon einmal einen Überblick gewinnen konnte, während er den Computer hochfuhr und die Website des Unternehmens aufrief.

All die Aquarien hatte Tye Hunger auf Fisch gemacht, auch wenn er erst den Abend zuvor Sushi gegessen hatte - obwohl Alan einen Großteil davon verputzt hatte. Tye bestellte wieder eine große Platte mit viel Auswahl für vier Personen, dazu Jakobsmuschelgratin und gebratene Nudeln süß-sauer für Alan, nachdem dieser sich entschieden hatte. Zum Knabbern kamen Popcorn, mehrere Sorten ungewöhnlicher Schokolade – mit schwarzem Pfeffer, mit Gewürzen, mit verschiedenen exotischen Fruchtaromen – aber auch ganz gewöhnliche Sorten wie Vollmilch und Haselnuss, Nachos und Chips auf die Liste, dazu Gemüseschiffchen und verschiedene Dipps.

Dieses Mal benötigte er ganze vier Anläufe, ehe die E-Mail versandt worden war. Nach einer kleinen Wartezeit konnte er sogar den Status anschauen; Tye war dankbar für diese Funktion, die ihm sagte, dass die Bestellung angekommen war und ausgeliefert werden würde.

"So", unternehmungslustig rieb er sich die Hände, "jetzt haben wir das erledigt, jetzt geht es ans Aussuchen des Unterhaltungsprogramms. Was hättest du denn gerne? Magst du Klassiker wie Indiana Jones?"

"Indiana Jones? Au ja." Alan hatte eh eine Action-Komödie aus den 80ern vorschlagen wollen. Sie gingen zu einem Schrank, der einen Teil von Tyes Filmesammlung enthielt und ihn mal wieder in Staunen versetzte. Da war wirklich für jeden Geschmack etwas dabei. Auf dem weichen Teppich sitzend wühlte er sich durch die Fantasy-Abteilung und zog einen Film raus, auf dessen Cover ein Dämon abgebildet war.

"Schau mal, der sieht fast so aus wie du", kicherte Alan, aber legte ihn wieder beiseite, da er Tye nicht kränken wollte. Letztendlich entschieden sie sich für die ersten beiden Teile von Indiana Jones und falls sie es schaffen sollten, den vierten Teil von Star Wars, was ihn ganz besonders freute.

Tye mochte es, sich ganz altmodisch durch einen Schrank mit DVDs und Bluerays zu wühlen. Das meiste hatte er auch simpel in der Bibliothek auf dem PC, aber seine Lieblingsfilme hatte er alle zusätzlich in einer nicht nur virtuellen Sammlung – von seinen ganz besonderen Lieblingen zum Teil sogar mehrere Versionen, bei denen sich nur das Cover unterschied. Mit Alan in Frage kommende Filme auf einen Stapel zu legen und auszusortieren, was sie sehen wollten, machte gleich noch einmal so viel Spaß.

Alan legte sich auf den hellen Teppich und überflog die Filmtitel der unteren Reihe – fast alles Filme, die ihn ansprachen. Allzu schnell dürfte ihm hier nicht langweilig werden. Sein Magen knurrte leise und er hoffte, dass das Essen nicht mehr lange auf sich warten ließ. Wieder fiel ihm ein, dass Tye ebenfalls aß und daher anscheinend einen ganz normalen Stoffwechsel haben musste; wie aber funktionierte das? Von der Seite schielte er kurz und unauffällig in Tyes Schritt, der auch aus der Nähe noch immer so geschlechtslos wie Barbies Freund Ken wirkte, und wurde dabei leicht rot. Er hätte es gerne gewusst, traute sich aber nicht zu fragen.

Das Magengrummeln lenkte Tyes Aufmerksamkeit von dem Schrank weg und zu Alan hin; er stand aus der Hocke auf. "Geh schon mal ins Kino vor und nimm die Filme mit. Ich schaue, ob unser Essen bereits auf uns wartet und warte sonst meinerseits darauf. Allzu lange dürfte es nicht mehr dauern. Wir haben ja ordentlich Zeit fürs Aussuchen gebraucht."

Mit zwei Schritten war er beim Fenster, öffnete es und sprang mit einem kleinen Satz nach draußen. Den angenehmen Service, dass bei Ankunft des Essens geklingelt wurde, den gab es seit dem Fluch auch nicht mehr. Tye wusste nicht, ob der Lieferant nicht klingelte oder ob die Klingelanlage schlicht kaputt war.

Alans Herz machte einen erschrockenen Satz – sie befanden sich immerhin im obersten Stockwerk des Turms. Rasch sprang er auf und lief zum Fenster, um Tye hinterher zu sehen. Dass dieser sich traute, aus dieser Höhe zu springen, war ihm unverständlich, Flügel hin oder her. Ihm hingegen wurde schon am Fenster leicht schwindelig. Er schloss es schnell und warf noch einen letzten Blick auf die schwarze Gestalt, die mit ihren ausgebreiteten Flügeln sehr beeindruckend aussah, ehe er die Filme aufhob und zu den Fahrstühlen lief.

Im Kino legte Alan sie auf einen der Tische, da er sich mit der ganzen Technik nicht auskannte; er wollte schließlich nichts beschädigen. Gemütlich setzte er sich auf das Sofa und überlegte, was das Schaltpaneel an der Seite bewirkte.

Da er nichts Besseres zu tun hatte als zu warten, probierte er die Einstellungen neugierig nacheinander aus. Man konnte das Sofa verstellen wie diese teuren ergonomischen Stühle – die Rückenlehne ließ sich nicht nur stufenlos kippen, man konnte auch pro Sitzeinheit die Stützfunktion verändern, Fußauflagen herausfahren und fast lautlose Massagen einstellen.

Nach etlichem Hin und Her hatte Alan das Sofa soweit eingestellt, dass es eine Liegewiese bildete. Er legte sich auf den Bauch, bettete seinen Kopf auf die Unterarme und wartete auf Tye, während er versuchte, das Knurren seines Magens so gut wie möglich zu ignorieren.
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