Die Osterhochzeit von Snoopy279 (Abgeschlossen)
Inhalt: Nachdem sie ihre Hochzeit letztes Jahr verschieben mussten, heiraten Max und Gerrit endlich. Passenderweise an einem Ostersamstag mit erstem Frühlingsvollmond, wie bei ihrem ersten Date...
Genres: Reale Welt, M/M (yaoi)
1. Warnung: Zucker
2. Warnung: Keine
3. Warnung: Keine
Kapitel: 2
Veröffentlicht: 17/04/22
Aktualisiert: 02/05/22
Die Trauung
Anmerkungen zum Kapitel:Hallo ihr Süßen,

wir haben wieder Ostern. Natürlich gibt es auch dieses Jahr ein Update von Max und Gerrit. Ich hoffe, ihr habt mit ihrer Hochzeit viel Spaß! Weil es dieses Mal besonders lang geworden ist, gibt es heute nur den ersten Teil, der zweite folgt am Ostermontag.

Ich wünsche euch allen frohe Ostertage. Genießt das schöne Wetter und bleibt gesund!
liebe Grüße, Snoopy
„So, es wird Zeit. Geh hoch und zieh dich um“, ordnet meine Mutter an, nachdem sie mich bis vor fünf Sekunden mit ihren Anweisungen auf Trab gehalten hat. Lauter Aufgaben wie Tisch und Stühle in den Garten stellen, Tisch decken, Sonnenschirme aufstellen und ähnliches. Es fühlt sich an, als wäre ich wieder ein Kind, das seiner Mutter bei den Vorbereitungen für eine Feier helfen muss. Der Eindruck verfliegt allerdings schlagartig, als mir wieder bewusst wird, wofür ich mich jetzt umziehe. Stattdessen steigt meine Nervosität mit jeder Treppenstufe, die ich nehme, weiter an. Gleich werde ich den Mann meines Lebens endlich heiraten!
An sich gibt es gar keinen Grund, so aufgeregt zu sein. Erstens sind wir gesetzlich schon seit Gründonnerstag verheiratet, also seit vorgestern. Zweitens weiß ich genau, dass Gerrit nicht der impulsive Typ ist. Er wird es sich also nicht über Nacht anders überlegt haben. Wobei, vielleicht liegt genau da das Problem. Obwohl wir verheiratet sind, hat meine Mutter darauf bestanden, dass wir die Nacht getrennt voneinander verbringen. Weil heute doch die „richtige Hochzeit“ ist. Dass meine Mutter das sagt, obwohl wir als schwules Paar nicht kirchlich heiraten dürfen, bedeutet mir unfassbar viel. Das sie darauf bestanden hat, dass wir bei uns im Garten heiraten, nachdem wir uns bei Gerrits Eltern im Garten verlobt haben, noch mehr.

Ursprünglich hatten wir ja letztes Jahr schon heiraten wollen. Damals war nur standesamtlich geplant. Aber nachdem Corona uns einen Strich durch die Rechnung gemacht hatte, hatten wir Zeit, um nochmal darüber nachzudenken. Vor allem, als wir im Sommer auf einer freien Trauung eingeladen waren. Ich fand es sehr schön und sogar Gerrit fand es nett.
Es hat vor allem einen großen Vorteil – im Gegensatz zur standesamtlichen Hochzeit konnten wir die freie Trauung auf den Ostersamstag legen. An dem Tag ist dieses Jahr nämlich wieder der erste Frühlingsvollmond. Wie damals vor vier Jahren, als Gerrit den ersten Schritt gemacht hat und wir zusammengekommen sind. Von daher bin ich auch gar nicht mehr traurig, dass es letztes Jahr nicht geklappt hat. Im Gegenteil, es fühlt sich so an, als wäre es vorherbestimmt gewesen. Dabei glaube ich eigentlich nicht an Gott oder das Schicksal.

Ein Klopfen an der Tür schreckt mich aus meinen Gedanken. Bevor ich etwas sagen kann, schaut Anna, meine Schwester, schon herein.
„Du bist ja noch gar nicht umgezogen!“, stellt sie tadelnd fest.
„Ja und? Ich brauche ja nicht so lange wie du“, kontere ich reflexhaft.
Anna verdreht die Augen, verkneift sich jedoch eine flapsige Bemerkung. „Guck lieber, dass du dich jetzt umziehst. Du willst Gerrit doch nicht warten lassen.“
„Ist er schon da?“, frage ich sofort.
„Zieh dich um, dann kannst du nachschauen“, lässt sie mich erbarmungslos zappeln.
Hastig ziehe ich mein T-Shirt aus.
Mit einem lauten Krachen fällt die Tür ins Schloss. „Warn mich gefälligst vor, du Idiot“, brüllt Anna durch die geschlossene Tür.
„So redest du nicht mit deinem Bruder“, schimpft Mama direkt. Das entlockt mir trotz aller Aufregung ein kleines Lächeln. Noch vor zwei Jahren hätte ich nicht gedacht, dass sie jemals so bedingungslos hinter mir stehen würde. Natürlich hätte sie Anna für so einen Kommentar jederzeit getadelt. Doch mittlerweile hat sie endlich akzeptiert, dass ich schwul bin und den Rest meines Lebens mit Gerrit verbringen will. Unsere Verlobung vor zwei Jahren war da ein echter Wendepunkt. Deshalb hat Mama sich auch die Ausrichtung unserer Hochzeit unter den Nagel gerissen. Gerrit und ich machen uns beide nicht allzu viel aus Dekoration und ähnlichem. Von daher hat sie uns gar nicht erst groß gefragt, sondern einfach gemacht. Einzig Marianne, Gerrits Mutter, durfte ein Wörtchen mitreden.
Allerdings muss ich zugeben, dass es wunderschön geworden ist. Sie hat ganz viel Liebe zum Detail bewiesen, indem sie beispielsweise eine Tischdecke aufgetrieben hat, auf der Sterne zu sehen sind. Also jetzt nicht diese klassischen Sterne, die man auf Weihnachtstischdecken findet, sondern einen echten Ausschnitt aus dem Universum. Keine Ahnung welchen. Ich muss nachher mal Gerrit fragen.

Erneut reißt Annas Türklopfen mich aus meinen Gedanken. Immerhin habe ich es dieses Mal fertig gebracht, darüber das Umziehen nicht zu vergessen. Nur die Krawatte fehlt noch.
„Was ist? Kriegst du den Knoten nicht hin? Soll ich Papa zu dir schicken?“, fragt sie.
Ich schüttele meinen Kopf. „Nein, ich schaff das schon. Es fühlt sich nur so seltsam an“, erkläre ich und deute auf meinen Anzug. Wobei mir auch mein Ring fehlt. Seit unserer Verlobung habe ich ihn eigentlich nie abgelegt, aber die Zeremonie ist mit Ringtausch.
„Es sieht auch ungewohnt aus. Aber sehr schick. Vor allem, wenn du dir jetzt noch deine Krawatte umbindest“, antwortet Anna.
Mit einem leisen Seufzen gehorche ich. Manchmal ist meine jüngere Schwester wie meine Mutter. Ehe ich meine Krawatte nicht vernünftig trage, wird sie mich nicht aus diesem Zimmer lassen. Trotzdem liebe ich sie und habe sie zu meiner Trauzeugin gemacht. Eine Aufgabe, der sie gerade letztlich gewissenhaft nachkommt, indem sie dafür sorgt, dass ich anständig aussehe und pünktlich bin.
Nachdem ich die Krawatte gebunden habe, schaue ich mich im Bad noch einmal kurz im Spiegel an. Es sitzt alles soweit. Mein Anzug ist in einem hellen Grau gehalten. Dazu trage ich ganz klassisch ein weißes Hemd und eine dunkelrote Krawatte. Gerrits Anzug ist in einem etwas dunkleren Grau. Zu seinem ebenfalls weißen Hemd trägt er eine schwarze Krawatte, die mit Sternen übersät ist. Genauer gesagt sind es verschieden große weiße Punkte, die Sterne darstellen sollen. Im Gegensatz zur Tischdecke ist es kein echtes Bild aus dem Universum, aber er mag sie trotzdem. Und ich auch, schließlich habe ich sie ihm geschenkt. Da wir beide am Donnerstag beim Standesamt schon dasselbe anhatten, weiß ich, was er trägt, obwohl ich ihn noch nicht gesehen habe.

Als ich ihn unten am Fuß der Treppe in genau diesem Outfit erblicke, verschlägt es mir trotzdem für einen Moment den Atem. Er sieht einfach so unfassbar gut darin aus! Ich kann kaum glauben, dass er jetzt ganz offiziell an meine Seite gehört.
Gerrits Augen haben sich bei meinem Anblick genauso geweitet und er schluckt sichtbar.
„Jetzt geh schon runter und begrüße deinen Mann, anstatt ihn von hier oben mit den Augen aufzufressen“, sagt Anna hinter mir halblaut.
Automatisch setzen meine Füße sich in Bewegung. Zum Glück kennt mein Körper diese Treppe in- und auswendig, weil ich meinen Blick nicht von Gerrit lösen kann.
„Hey“, bringe ich wenig intelligent heraus, als ich endlich bei ihm angekommen bin.
„Hi“, erwidert er liebevoll. „Du siehst gut aus.“
„Du auch“, antworte ich. Wobei gut meiner Meinung nach noch untertrieben ist. Fantastisch trifft es eher. „Sind schon alle da?“
„Keine Ahnung. Meine Familie ist mit mir gekommen. Ansonsten hab ich nicht geguckt, sondern auf dich gewartet“, erklärt Gerrit ernst.
Manchmal haut es mich immer noch um, dass er mir so schöne Komplimente ganz unerwartet und sehr nüchtern macht. Als wäre es eine unumstößliche Tatsache, die ich wissen müsste.
„Dann lass uns zusammen gucken gehen“, schlage ich vor.
Gerrit nickt nur. Wir gehen durch das Wohnzimmer in den Garten. Unsere Väter sind in ein Gespräch vertieft, während von unseren Müttern und Anna keine Spur zu sehen ist. Bestimmt sind sie in der Küche beschäftigt. Wir hatten ursprünglich vor, einen Caterer zu beauftragen, aber meine Mutter war strikt dagegen. Zu meiner Überraschung hat Anna sie dabei unterstützt und versprochen, ihr zu helfen. Auch Marianne hat einiges vorbereitet, soweit ich weiß.
„Hey, da seid ihr ja!“ Erleichtert kommt Lasse auf uns zu. Er ist seit knapp einem Jahr mit Anna zusammen. Außer ihr, uns beiden und meinen Eltern kennt er hier niemanden.
„Hi Lasse“, begrüße ich ihn.
„Hey“, schließt Gerrit sich knapp an.
„Ihr seht echt schick aus“, stellt Lasse fest. Am Donnerstag war er nicht dabei, sodass er unsere Anzüge noch nicht kennt. Leicht verlegen sieht er an sich herab. „Ich hoffe, ich bin nicht zu underdressed.“ Er trägt eine schwarze Jeans zu einem hellblauen Hemd und dunkelblauen Sakko.
„Ach Quatsch, mach dir keinen Kopf. Hier sieht das niemand so eng“, beruhige ich ihn.
Gerrit neben mir winkt auf einmal. Als ich in die Richtung schaue, sehe ich Torben, einen Arbeitskollegen von Gerrit. Torben wirkt ähnlich erleichtert wie Lasse vorhin, als er auf uns zukommt.
„Hallo Gerrit. Bist du Mittwoch eigentlich noch weitergekommen?“, fragt Torben. Bevor Gerrit antworten kann, räuspere ich mich. Ich liebe seine Begeisterung für seine Arbeit, aber ich werde nicht zulassen, dass sie mir an unserem Hochzeitstag seine Aufmerksamkeit klaut!
Ertappt sehen beide mich an.
„Oh, hey Max“, begrüßt Torben mich verlegen.
„Nicht so weit, wie ich wollte, aber ein bisschen“, antwortet Gerrit. „Den Rest erzähle ich dir auf der Arbeit.“
„Hi Torben. Darf ich vorstellen: das ist Lasse, der Partner meiner Schwester. Torben ist Gerrits Arbeitskollege“, füge ich dann an Lasse gewandt hinzu.
„Ja, das dachte ich mir jetzt“, erwiderte Lasse und lacht.
In dem Moment stürmen Jackson und Delilah, die Kinder von Gerrits Bruder, auf uns zu.
„Uncle Gerrit, Uncle Mäx!“, schreien sie um die Wette. Seit unserer Verlobung, bei der sie ja dabei waren, bin ich auch zum Onkel befördert worden.
„Hi!“ Ich wirbele erst Delilah und dann Jackson durch die Luft, was sie begeistert kreischen lässt. Allerdings wird Delilah mit ihren sieben Jahren langsam zu groß und zu schwer dafür. Bei Jackson, der erst fünf ist, geht das deutlich besser.
Gerrit unterhält sich lieber weiter mit Torben und Lasse. Ihm sind beide noch zu jung, um wirklich etwas mit ihnen anfangen zu können.
„Hey Mäx“, begrüßt auch Fietje, Gerrits Bruder mich. Zur Feier des Tages verzichtet er sogar darauf, mich zur Begrüßung halb zu erschlagen.
„Hi, schön, dass ihr da seid. Wo ist Alice?“
„In der Küche, helfen“, erklärt Fietje.
Ich muss mich wirklich zusammenreißen, um bei seinem Akzent nicht zu lachen. Es ist echt faszinierend, dass es seine Muttersprache so weit verlernt hat. Anfangs dachte ich ja, dass er nur so tut. Aber selbst, wenn man ihn überrascht, ist sein Deutsch mit einem amerikanischen Akzent versehen.

„Daddy!“ Delilah zupft an Fietjes Jackett, um seine Aufmerksamkeit zu erlangen. Vermutlich ist den beiden langweilig. Sie sind heute die einzigen Kinder.
Björn und Jessica, Schulfreunde von uns, haben sich nämlich dafür entschieden, ihre Kids bei den Großeltern zu lassen. Wir waren schon in der Grundschule zusammen in einer Klasse. Die beiden sind allerdings genau wie Gerrit aufs Gymnasium gegangen.
Der Rest unserer Gäste ist tatsächlich kinderlos. Micha, ein weiterer Schulfreund von uns, ist Single und entsprechend ohne Begleitung. Sören, mit dem ich meine Ausbildung gemacht habe, ist mit seiner Partnerin Hannah da. In unserem Freundeskreis gibt es kaum schwule Paare und von denen ist heute keiner dabei. Wir haben unsere Hochzeit bewusst klein gehalten. Einerseits natürlich wegen Corona, aber auch in der ursprünglichen Variante waren nicht mehr Leute eingeplant. Gerrit hätte am liebsten nur mit mir gefeiert. Am Ende haben wir uns auf einen Kompromiss geeinigt. Immerhin sind es weniger als zwanzig Leute.
In der Zwischenzeit sind auch alle angekommen. Auch Alice, Anna und unsere Mütter sind jetzt im Garten.
Nur unser Trauredner fehlt noch. Aber es ist auch noch ein wenig Zeit, die Zeremonie soll erst in zwanzig Minuten beginnen. Wir haben extra elf Uhr dreißig, eine dreiviertel Stunde vorher auf die Einladungskarten geschrieben, damit alle pünktlich da sind.
Das schöne an so einer kleinen Anzahl an Gästen ist, dass man viel besser mit allen reden kann. Natürlich nicht gleichzeitig, das funktioniert auch bei achtzehn Leuten nicht. Aber es ist nicht so ein Stress, von Tisch zu Tisch eilen zu müssen, damit man jedem wenigstens Hallo gesagt hat. Wir passen sogar alle an einen großen Tisch.
Zehn Minuten vor Trauungsbeginn kommt Anna mit Dominik, unserem Trauredner, in den Garten. Anna hat ihn uns empfohlen, da er auch bei der Hochzeit einer Freundin die Rede gehalten hat.
Jetzt werde ich doch wieder nervös. Schließlich wird es gleich ernst.
„Hallo ihr beiden. Und, seid ihr sehr aufgeregt?“, begrüßt Dominik uns.
Ich nicke, während Gerrit den Kopf schüttelt.
Dominik schmunzelt. „Sollen wir warten oder sollen wir schon mal anfangen?“
„Anfangen“, antworten wir synchron. Die Gäste sind alle da und meine Aufregung wird durch die Wartezeit sicher nicht weniger!
Die Stühle sind in drei Reihen hintereinander aufgestellt. Vorne steht ein Campingtisch mit einer hübschen Osterdecke und einem bunten Blumenstrauß drauf.
Dominik stellt sich hinter den Tisch, während Mama und Marianne alle auf ihre Plätze scheuchen.
Gerrit und ich setzen uns auf die beiden Stühle, die direkt vor dem Tisch stehen. Unsere Hände finden sich automatisch, kaum dass wir sitzen.

„Lieber Gerrit, lieber Max und liebe Gäste! Wir haben uns heute hier versammelt, um die Hochzeit von euch beiden zu feiern. Wie die meisten vermutlich wissen, haben die beiden sich im Kindergarten bereits kennengelernt und sind seitdem unzertrennlich. So sehr, dass sie ihre Eltern damit mehr als einmal in den Wahnsinn getrieben haben. Schon damals war es Gerrits Lieblingsbeschäftigung, von Sternen zu erzählen. Passenderweise hat Max seine Vorliebe dafür entdeckt, ihm dabei zuzuhören. Bei den Vorbereitungen hast du, Max, mir erzählt, wie wichtig Gerrit für dich ist, dass er deine Orientierung und dein Halt ist. Aus genau dem Grund hast du Gerrit in deinem Heiratsantrag auch als deinen Fixstern bezeichnet. Aber eine ausgewogene Beziehung ist niemals einseitig. In dem Vorgespräch wurde deutlich, dass dir, Gerrit, Max genauso wichtig ist. Daher denke ich, dass du folgendes Zitat von Tharah Meester aus ihrem Buch ‚Der Schurke des Gentleman‘ unterschreiben würdest: ‚Was bringen uns all die Sterne, wenn wir niemanden haben, der uns nächtens auch mal vom Teleskop wegzerrt, um uns daran zu erinnern, dass neben den Himmelskörpern noch andere Dinge von Wert existieren’.“
Gerrit nickt heftig und ich lächle gerührt. Tatsächlich ist es meist eher sein Schreibtisch oder sein Computer, von dem ich ihm wegziehe. Aber da es bei seiner Arbeit in der Regel irgendwie auch um Sterne geht, passt das Zitat trotzdem perfekt.
„So schnell, unkompliziert und intensiv wie eure Freundschaft im Kindergarten gestartet ist, war euer Beziehungsstart allerdings bei weitem nicht. Aus Angst, die Freundschaft zueinander zu verlieren und dem Irrglauben, der jeweils andere würde die Gefühle nicht erwidern, habt ihr lange Zeit geschwiegen und eure Liebe zueinander verheimlicht. Doch selbst als Gerrit den Mut gefasst hatte, wäre aufgrund von Missverständnissen beinahe alles schief gegangen. Max, du warst so überzeugt davon, dass Gerrit dich nicht liebt, dass du das Picknick auf der Waldlichtung trotz vielen Kerzen und der geteilten Decke nicht als Date anerkennen wolltest. Und du, Gerrit, hast daraufhin Panik bekommen und warst der festen Überzeugung, dass du dich getäuscht hast. Dass Max dich noch nicht liebt. Am Ende habt ihr zum Glück beide begriffen, dass es nicht nur Wunschdenken ist.
Aber wie in jeder Partnerschaft war das nicht das letzte Missverständnis. Ein besonders prägendes passierte tatsächlich fast genau ein Jahr nach diesem ersten Date. Max wollte das Einjähriges zu Vollmond feiern, aber Gerrit hat es mit den Daten sehr genau genommen. Zu allem Überfluss spielte dann auch noch das Osterparadoxon mit rein, weil der astronomische Vollmond und Frühlingsbeginn nicht immer mit dem übereinstimmen, was nach der zyklischen Methode bestimmt wird. Zum Glück habt ihr beide rechtzeitig erkannt, das eure Liebe zueinander viel wichtiger als irgendwelche Daten ist und trotzdem eine harmonische Feier gehabt. Natürlich gab es auch noch andere Konflikte und Missverständnisse, doch am Ende hat immer eure Liebe gesiegt und ihr konntet das Problem klären. Und zumindest in zweierlei Hinsicht schließt sich heute der Kreis. Denn am Ostersamstag 2018, genau wie heute ein Ostersamstag mit dem ersten Frühlingsvollmond, hat vor vier Jahren euer erstes Date stattgefunden. So hat es am Ende doch gut gepasst, dass ihr die eigentlich schon für letztes Jahr geplante Hochzeit verschieben musstet. Ich wünsche euch von ganzen Herzen, dass sich auch alles Weitere auf eurem Weg fügen wird und es euch immer wieder gelingt, eure Liebe bewusst zu spüren und Wege zueinander zu finden. Lasst uns einen Moment innehalten und an all unsere guten Wünsche für Max und Gerrit denken.“

Während Schweigen einkehrt, vermeine ich eine Welle von Zuneigung und Liebe von unseren Gästen zu spüren. Es ist schön zu wissen, dass sie alle hinter uns stehen und ich bin sicher, dass sie tatsächlich gerade an ihre Wünsche für uns denken. Hektisch blinzele ich und drücke Gerrits Hand ein wenig fester. Ich habe mir fest vorgenommen, unsere Trauung ohne Weinen zu schaffen! Bis jetzt hat das auch geklappt, aber es ist knapp.
„So, nachdem ihr jetzt mit so vielen guten Wünschen gesegnet sein, erhebt euch bitte.“
Wir stehen auf und unsere Gäste folgen unserem Beispiel.
„Möchtest du, Max, Gerrit für den Rest deines Lebens lieben, ihm weiterhin zuhören und ihn daran erinnern, dass auch Essen, Schlafen und gemeinsame Zeit einen wichtigen Platz im Leben haben, so antworte mit ‚Ja, ich will‘“, fordert Dominik mich auf.
„Ja, ich will“, antworte ich. Es fällt mir schwer, die Worte verständlich herauszubringen und meine Tränen zurückzuhalten, doch ich schaffe es.
„Und möchtest du, Gerrit, Max für den Rest deines Lebens lieben, ihm von deiner Arbeit und den Sternen erzählen und ihm immer wieder den Himmel zeigen? Dann antworte mit ‚Ja, ich will‘.“
„Ja, ich will“, sagt Gerrit und ich verliere den Kampf gegen meine Tränen.
Liebevoll streicht Gerrit sie mir von den Wangen.
„Dann dürft ihr euch jetzt die Ringe anstecken.“ Es sind unsere Verlobungsringe, die jetzt das heutige Datum und den jeweils anderen Namen eingraviert haben. Wir waren uns einig, dass wir keine neuen Ringe brauchen oder wollen.
Gerrit steckt mir zuerst meinen an und dann folge ich.
„Hiermit erkläre ich euch mit all euren Gästen als Zeugen zu Ehemännern! Ihr dürft einander nun küssen“, verkündet Dominik feierlich.
Das lassen wir uns nicht zweimal sagen. Gerrit legt seine Hände an meine Wangen, während ich meine Arme um ihn schlinge. Liebevoll küssen wir uns. Die Gäste applaudieren und jubeln uns zu. Nach dem Kuss lösen wir uns nicht sofort voneinander. Ich vergrabe mein Gesicht an Gerrits Schulter. Es haben sich noch ein paar weitere Tränen aus meinen verräterischen Augen gelöst. Die muss ja nicht jeder sehen. Gerrit streichelt sanft über meinen Rücken.

Erst als ich mich wieder gesammelt habe, lasse ich ihn los.
Sofort werden wir beide von den ersten Gratulanten umarmt. Meine Mutter schluchzt.
„Das war so schön! Ihr seid so ein tolles Paar. Herzlichen Glückwunsch!“ Sie erdrückt mich beinahe.
„Danke, Mama.“
Als nächstes tauschen wir, sodass Marianne mir gratuliert und meine Mutter Gerrit. Danach folgen unsere Väter, der Rest der Familie und dann die Freunde.
Da es nicht so viele sind, nimmt jeder von unseren Gästen sich etwas mehr Zeit zur Gratulation. Das ist sehr schön, weil es umso intimer und persönlicher ist.
Nachdem alle Gratulanten bei uns beiden waren, kommen die Hochzeitsfotos dran. Dominik war netterweise bereit, ein Gruppenfoto von uns allen zu machen, obwohl das nicht zu seinen Aufgaben als Trauredner gehört. Wie üblich dauert es ein wenig, bis alle sich sortiert haben. Zur Sicherheit macht Dominik mehrere Bilder. Neben den klassischen machen wir auch ein paar Fotos, auf denen wir herumalbern. Dabei haben nicht nur Jackson und Delilah unglaublich viel Spaß!
Dann übernimmt Torben die Kamera, um ein Erinnerungsfoto von uns beiden mit Dominik zu machen. Anschließend bedanken wir uns herzlich bei ihm und er verabschiedet sich.
„Herzlichen Glückwunsch noch mal und alles Gute für euch beide! Es hat mir wirklich Spaß gemacht, eure Trauung übernehmen zu dürfen.“
„Dir auch alles Gute und vielen Dank nochmal!“
Danach machen wir mit wechselnden Fotografen noch ein paar andere Bilder. Mit Gerrits Familie, mit meiner, mit beiden und natürlich auch mit unseren Freunden. Durch die Spaßbilder ist es nicht allzu anstrengend. Trotzdem sind alle froh, als wir damit durch sind.

tbc
Die Feier
Anmerkungen zum Kapitel:Huhu, wieso ist das denn schon so spät? *kommt müde reingestolpert*
Irgendwie war der Tag heute schneller rum, als ich das wollte Traurig deshalb kommt der zweite Teil leider erst jetzt - aber immerhin noch pünktlich! Ganz vielen lieben Dank für die Favoriteneinträge, Empfehlungen und Reviews, ich habe mich sehr darüber gefreut! Antworten kommen im Lauf der Woche.
Ich hoffe, ihr hattet schöne Ostertage.

Viel Spaß mit dem zweiten Teil!
lg, Snoopy
„Dann wollen wir auf die frischgebackenen Ehemänner anstoßen! Wir haben Sekt und Orangensaft. Sagt uns einfach, was ihr wollt“, fordert mein Vater uns alle auf. Er steht mit meiner Mutter am Buffet, eben den vorbereiteten Sektgläsern.
Ich entscheide mich für Sekt, während Gerrit beides gemischt nimmt.
„Ihr seid wie füreinander geschaffen und wir sind sicher, dass ihr auch in Zukunft unzertrennlich bleibt. Auf eine glückliche Ehe und auf Max und Gerrit!“, übernimmt Gunther, Gerrits Vater, den Trinkspruch.
„Auf Max und Gerrit“, wiederholen die Gäste, bevor wir alle den ersten Schluck trinken.
„Vielen lieben Dank! Wir freuen uns sehr, dass ihr alle gekommen seid und heute mit uns feiert. Ein besonderer Dank gilt unseren Familien, die die Feier heute organisiert und alles vorbereitet haben. Viel mehr will ich gar nicht sagen, da ihr jetzt bestimmt alle hungrig seid und vielleicht auch eine gute Grundlage für weitere Getränke braucht. Hiermit erkläre ich das Buffet für eröffnet“, wende ich mich anschließend an alle. Sofort bricht ein Sturm auf das Buffet aus.
Ich warte noch ein wenig. Durch die Aufregung merke ich jetzt erst langsam, dass ich hungrig bin.
Gerade als ich mich in Richtung Buffet aufmachen will, signalisiert Gerrit mir, dass ich zu ihm kommen soll.
„Setz dich, ich habe dir was mitgebracht“, sagt er.
„Danke, dass ist nett von dir.“
Gemeinsam nehmen wir platz. Gerrit und ich sind nicht am Kopfende des Tisches, sondern in der Mitte einer der langen Seiten platziert worden. Das ist total schön, weil wir so mitten unter den Gästen sind und mit möglichst vielen gleichzeitig reden können.
Auf meiner anderen Seite sitzt Sören, neben Gerrit Torben.
Uns gegenüber sitzen Fietje und Alice mit den Kindern. Am einen Ende sitzen unsere Schulfreunde mit Anna und Lasse, an dem anderen unsere Eltern. So hat jeder jemanden in der Nähe sitzen, mit dem er reden kann und den er kennt. Ich bin wirklich beeindruckt, wie sorgfältig und durchdacht meine Mutter das alles vorbereitet und geplant hat!
Auf meinem Teller sind Nudeln mit einer köstlichen Pilz-Sahne-Sauce.
„Hier, dein Salat“, sagt Lasse und stellt mir noch ein Schälchen mit einem bunten Salat hin.
„Danke“, erwidere ich verdutzt. Gerrit dagegen nickt zufrieden. Scheinbar hat er Lasse damit beauftragt, mir den zu bringen, weil er keine Hand dafür mehr frei hatte.
Neben Gerrits Teller, der mit Reis und der Sauce befüllt ist, steht jetzt auch ein Salat. Keine Ahnung, wer ihm den mitgebracht hat.
Jackson und Delilah haben beide Nudeln mit Tomatensauce. Das führt bei Jackson auch in Windeseile zu einem rot-orange-verschmierten Mund, der mich zum Schmunzeln bringt.
„Das Essen ist köstlich geworden“, lobe ich. Marianne, Anna und meine Mutter freuen sich, vor allem, als auch die anderen sich dem Lob anschließen.
Als ich mir Essen nach nehme, entscheide ich mich für Reis mit der Tomatensauce. Auch beides sehr lecker. Zudem gibt es noch Baguette mit verschiedenen Aufstrichen. Es ist ein eher kleines Buffet, aber mit genug Auswahl, dass jeder etwas findet, was ihm oder ihr schmeckt.
Nur den Nachtisch vermisse ich noch. Aber der kommt bestimmt später noch. Ich kann mir nicht vorstellen, dass meine Mutter ausgerechnet den vergessen hat!
Weil ich mich auch bei den Aufstrichen durchprobieren will, esse ich noch einige Scheiben Baguette. Da ist auch alles sehr lecker. Der Kräuterfrischkäse und die Kräuterbutter scheinen sogar selbst gemacht zu sein.
Am Ende bin ich so satt, dass erst mal sowieso kein Nachtisch mehr reinpasst.

„So, ich hoffe, ihr seid alle satt geworden!“, erhebt Anna ihre Stimme.
Alle nicken und einige reiben sich ihre vollen Bäuche.
„Sehr gut. Es heißt ja ‚nach dem Essen sollst du ruh‘n oder tausend Schritte tun’. Wir haben uns gedacht, dass ausruhen für eine Hochzeit zu langweilig ist. Ein Spaziergang kam uns aber auch nicht so passend vor. Zum Glück haben wir etwas gefunden, was Bewegung verspricht. Vielleicht kommt nicht jeder von euch am Ende auf die tausend Schritte, aber zumindest zusammen werdet ihr die auf jeden Fall schaffen!“, fährt sie fort.
Gespannt sehen wir sie an.
„Als erstes nehmt ihr bitte alle euren Stuhl und tragt ihn hier rüber auf die freie Fläche. Achtet dabei darauf, dass ihr mindestens einen Meter Abstand in alle Richtungen habt.“
„Was machen wir jetzt?“, fragt Gerrit mich leise.
„Ich habe keine Ahnung. Aber so, wie ich Anna kenne, werden wir es nur erfahren, wenn wir ihre Anweisungen befolgen“, antworte ich.
Kurz darauf sitzen wir alle wieder auf unseren Stühlen. Der Tisch ist allerdings verwaist.
„Wir spielen jetzt ein Spiel. Es ist ziemlich einfach. Wann immer ich euch erwähne, lauft ihr eine Runde um euren Stuhl herum. Ein Hinweis vorneweg: Die jeweiligen Begleitpersonen stehen immer mit der Person auf, mit der sie hier sind. Wenn ich das jedes Mal noch dazu sagen würde, wäre der Text viel zu lang geworden. Lasse, das heißt du stehst an meiner Stelle auf. Ich kann nicht mitmachen, wenn ihr mich am Ende noch verstehen wollt. So weit alles klar?“
Alle nicken. Fietje nutzt die Zeit, um es schnell für Alice, Jackson und Delilah zu übersetzen.
„Okay, dann starten wir jetzt den Probelauf! Wir beginnen natürlich mit Ehemax und Bräutigerrit.“
Gerrit und ich brauchen einen Moment, um zu verstehen, dass wir damit gemeint sind. Dann stehen wir auf, laufen um unseren Stuhl und setzen uns wieder. Die anderen lachen.
Als alle sich beruhigt haben, redet Anna weiter: „Ich konnte ja schlecht von Ehemann oder Bräutigam sprechen, dann weiß niemand, wer jetzt gerade gemeint ist. Wir machen weiter mit den Eltern des Hochzeitpaares.“ Sie lässt unseren Eltern genug Zeit, um um die Stühle zu gehen.
„Jetzt kommen die Geschwister des Hochzeitpaares.“ Lasse, Fietje und Alice stehen auf.
„No, not you“ „Ihr nicht“, sagen Alice und Fietje nahezu zeitgleich. Vermutlich wollten Jackson und Delilah auch mit machen.
„Ab jetzt werde ich übrigens nur noch Eltern und Geschwister sagen“, informiert Anna. „Die nächsten sind die Kids.“
Zweistimmiges Jubelgeschrei ertönt. Sehr geschickt, dass sie den eingedeutschten Begriff genommen hat, den die beiden auch ohne jede Übersetzung verstehen.
„Dann haben wir noch die Schulfreunde“, auch hier pausiert sie ausreichend, „und last, but not least, die Arbeitskollegen.“ Zufrieden nickt sie. „Wunderbar, das hat doch gut geklappt. Dann starten wir jetzt!“ Anna liest eine Geschichte über lustige Ereignisse bei einer Hochzeit vor. Allerdings bekomme ich gar nicht allzu viel mit, weil ich so darauf fokussiert bin, den „Ehemax“ nicht zu überhören und meinen Einsatz zu verpassen. Es ist wirklich lustig und wir haben viel Spaß.

Anschließend bin ich jedoch etwas außer Atem, genau wie Gerrit. Wir beide mussten mit Abstand am häufigsten aufstehen. Na gut, die Kids waren vielleicht ähnlich oft dran. Aber da habe ich den Verdacht, dass Anna das eher denen zuliebe gemacht hat und sie im Text weniger vorkamen.
„So, damit das Hochzeitspaar sich jetzt wieder ein bisschen erholen kann, haben wir als nächstes ein ruhigeres Spiel geplant“, übernimmt Micha. „Als erstes setzt ihr zwei, Max und Gerrit, euch bitte Rücken an Rücken. Der Rest bildet am besten einen Kreis um euch herum, damit ihr auch alle gut sehen könnt.“
Er macht eine Pause, damit wir die Stühle gemäß seiner Anweisungen umstellen können. Fietje setzt sich in die zweite Reihe hinter seine Familie. Da er groß genug ist, sieht er so immer noch gut. Gleichzeitig macht es ihm den Job als Übersetzer leichter.
„So, als nächstes müsst ihr beide eure Schuhe ausziehen“, fordert Micha. Irgendwie ahne ich böses. Aber da ich kein Spielverderber sein will, mache ich brav mit.
„Oh, und ich fürchte, dass wir ein Problem haben“, stellt Micha fest. „Gebt mir mal bitte gerade jeweils einen Schuh.“ Achselzuckend reiche ich ihm meinen linken Schuh. Gerrit gibt ihm ebenfalls einen seiner Schuhe.
„Könnt ihr die beiden gut unterscheiden?“, fragt Micha das Publikum.
„Nein“, ertönt es von mehreren Seiten.
„Aber sie haben verschiedene Socken an, das sollte doch auch funktionieren“, schlägt Sören vor, der offenbar weiß, worum es geht.
„Hmm, die kann man nicht ganz so gut hochhalten“, wendet Björn ein. „Das könnte mit der Sicht schwierig werden.“
„Nicht, wenn sie die Socken über ihre Hände ziehen und die dann hochhalten“, widerspricht Jessica ihm.
„Ich dachte, das Spiel sollte erholsamer sein!“, protestiere ich.
„Ist es ja auch, zumindest für eure Beine. Also, ihr habt Sören gehört, Socken aus! Einen zieht ihr über eine eurer Hände und den anderen gebt ihr weiter, sodass jeder am Ende eine Socke von Max und eine Socke von Gerrit an den Händen hat.“
Seufzend füge ich mich in mein Schicksal. Zum Glück neigen weder Gerrit noch ich besonders zu Fußschweiß oder -geruch!
Um Gerrits Socke anzuziehen, brauche ich etwas Hilfe. Das ist gar nicht so leicht, wenn die andere Hand schon besockt ist. Eine Socke ist eben kein Handschuh!
„So, wir werden jetzt testen, wie gut ihr euch wirklich kennt. Hebt immer die Hand mit der Socke, auf den es zutrifft. Fangen wir mit ein paar leichten Fragen zum Einstieg an. Wer von euch hat den ersten Schritt gemacht?“
Automatisch geht meine Hand mit Gerrits schwarzer Socke hoch. Ich brauche Gerrits Hände nicht zu sehen um zu wissen, dass es bei ihm genauso ist.
„Wer hat den Heiratsantrag gemacht?“ Zwei weiß besockte Hände gehen hoch.
„Wer ist der größere Naschkater?“ Auch das verlangt eindeutig meine weißen Socken.
„Gut, das Prinzip des Spiels sollte jetzt jedem klar sein. Fangen wir mit den ernsten Fragen an und schauen mal, wie sehr ihr da noch übereinstimmt! Wer will immer Recht haben?“
Sofort hebe ich Gerrits Socken hoch.
„Das sieht doch noch gut aus. Wer ist ungeduldiger?“
Das ist eine gute Frage. Es kommt wirklich auf den Kontext an. Wir können sehr geduldig sein, wenn uns etwas wirklich interessiert. Sonst verlieren wir beide schnell die Geduld. Nach kurzem Zögern hebe ich beide Hände.
Lachen, Pfeifen und Applaus ertönt.
„Ich bin beeindruckt! Ihr seid euch einig, dass ihr euch da nichts schenkt“, stellt Micha fest. „Wer kann denn besser kochen?“
Eindeutig ich.
„Wer putzt häufiger die Wohnung?“
Das teilen wir recht fair untereinander auf.
„Wer ist der bessere Verlierer?“
Schweren Herzen hebe ich Gerrits Socken hoch. Gelächter ertönt.
„Nun, ich denke, bei der Frage ist es nicht verkehrt, wenn ihr jeweils den Anderen dafür haltet“, sagt Micha. Das überrascht mich und ich kann mir nicht verkneifen, mich zu Gerrit umzudrehen. Er erwidert ähnlich ungläubig meinen Blick.
„Hey, ihr zwei, konzentriert euch auf das Spiel! Turteln könnt ihr später noch“, ermahnt Micha uns unbarmherzig.
„Wer kann besser Auto fahren?“
Gerrit.
„Wer hat mehr Macken?“
Bei der Frage muss ich lachen, während ich meine Socke hochhebe. Gerrit lacht ebenfalls.
„Warum lacht ihr?“, fragt Micha neugierig.
„Weil wir uns bei der Frage nie einig sein werden“, antworte ich.
„Max wird sich selbst genommen haben, genauso wie ich mich“, ergänzt Gerrit.
„Spannend. Dabei hätte ich immer gedacht, dass die Antwort eindeutig Gerrit ist“, findet Anna.
„Sag das deinem Bruder!“, erwidert Gerrit sofort, was alle zum Lachen bringt.
„Wer ist sensibler?“
Das bin ich.
„Wer hat die Hosen in der Beziehung an?“
Hmm, da wir uns meist recht einig sind, finde ich das schwer zu sagen. Vielleicht eher Gerrit?
Da unsere Gäste lachen, drehe ich mich neugierig um. Zu meiner Überraschung hält Gerrit meinen Socken hoch.
„Echt, findest du?“, frage ich ihn erstaunt.
„Na ja, eher als ich“, antwortet er. „Aber die Frage war schwierig. Insgesamt ist es doch ziemlich ausgeglichen, würde ich behaupten.“
„Das sehe ich auch so.“
Wir drehen uns wieder voneinander weg.
„Dann kommen wir zur letzten Frage. Wer von euch schläft heute Nacht als Erstes ein?“
Sofort hebe ich meinen Socken hoch. Das Gelächter verrät mir, dass wir wohl wieder unterschiedlicher Meinung sind.
„Na, wenn ihr gleichzeitig einschlaft, dann passt das ja“, sagt mein Vater.
„Berichtet uns morgen“, fordert Marianne. „Ich denke, es wird Zeit, an den Küchentisch zurückzukehren“, fährt sie dann fort.

Nachdem wir die Stühle umgestellt haben, verschwinden Anna und meine Mutter in die Küche. Sie kommen kurz darauf mit der Hochzeitstorte wieder.
Es ist meine heißgeliebte Schoko-Buttercreme-Torte. Zur Feier des Tages hat meine Mutter sie sogar zweistöckig gemacht. Kaum, dass sie die Torte sicher abgestellt haben, umarme ich sie stürmisch.
„Danke.“
„Nichts zu danken“, antwortet sie und erwidert meine Umarmung ebenso fest.
„So, dann dürft ihr die Torte jetzt anschneiden“, sagt sie laut, als wir uns voneinander gelöst haben.
Ich nehme das Messer vom Tisch und gebe es an Gerrit weiter. Anschließend lege ich meine Hand oben drauf. Gemeinsam schneiden wir das erste Tortenstück raus.
„Es ist eindeutig Max, der das Sagen hat!“, ruft Jessica laut.
Lachend schüttele ich meinen Kopf. „Beim Anschneiden hat Gerrit geführt, er hat das bessere Augenmaß. Ich habe meine Hand einfach nur oben drauf gelegt und bin ihm gefolgt“, widerspreche ich ihr.
„Trotzdem hast du Recht, Jessi. Max hat nämlich einfach beschlossen, dass ich anschneiden soll“, stimmt Gerrit ihr zu meiner Überraschung zu.
„Aber du hast das bessere Augenmaß“, wiederhole ich stur.
„Das stimmt. Ich glaube allerdings nicht, dass es beim Anschneiden so wichtig war.“
„Du hättest etwas sagen sollen, wenn du es lieber anders herum gewollt hättest!“
Gerrit schüttelt seinen Kopf. „Es war mir egal.“
„Jetzt hört auf zu diskutieren und füttert euch gefälligst damit! Sonst füttere ich euch“, droht meine Schwester rabiat, aber effektiv.
Sofort nehmen Gerrit und ich eine der bereitliegenden Kuchengabeln in die Hand. Wir sind uns einig, dass wir auf keinen Fall von Anna gefüttert werden wollen. Allein die Vorstellung ist beängstigend!
Gerrit lädt seine Kuchengabe ziemlich voll, während ich nur ein kleineres Stück nehme. Das bringt uns beide zum Grinsen. Normalerweise wäre es genau umgekehrt! Es erfordert einiges an Konzentration, aber wir schaffen es, uns ohne Unfälle gleichzeitig zu füttern. Am Ende habe ich vermutlich zwei Drittel von unserem Stück gegessen und Gerrit nur ein Drittel. Damit sind wir jedoch beide sehr zufrieden. Er mag die Torte meiner Mutter auch, aber es gibt vermutlich niemanden, der so verrückt danach ist wie ich es bin.
Nachdem wir fertig sind, applaudieren alle. Gerrit übernimmt es höchstpersönlich, den Rest der Torte zu schneiden. Ich dagegen bin so dreist, mir das zweite Tortenstück auch unter den Nagel zu reißen und dieses Mal ganz allein zu essen. Als alle ein Stück haben, ist meins schon wieder aufgefuttert und ich nehme mir noch eins.
Anna schüttelt wie jedes Mal ungläubig ihren Kopf. Dabei sollte man meinen, dass sie sich nach all den Jahren dran gewöhnt hat, dass ich von der Buttercreme nicht genug kriege!
Meine Mutter erzählt dagegen, dass ich schon als Vierjähriger mindestens zwei, meist sogar drei Stücke gegessen habe, wenn sie die Torte gemacht hat. Da ich heute deutlich größer als damals bin, ist es doch logisch, dass ich jetzt auch mehr esse!
Allerdings schaffe ich heute nicht ganz so viele wie sonst – ich bin noch zu voll vom Mittagessen.

Anschließend folgt der gemütliche Teil der Feier. Nicht, dass es bislang ungemütlich war. Aber es macht doch einen Unterschied, ob es einen Plan gibt oder es nur ein Beisammensein ist.
Besonders freue ich mich, mal in Ruhe mit Sören reden zu können. Wir haben uns in den letzten Jahren viel zu selten gesehen, da er nach der Ausbildung weggezogen ist. Seine Freundin Hannah ist in ein lebhaftes Gespräch mit Alice und Anna vertieft, während Fietje mit den Kindern herumtobt. Gerrit diskutiert gerade mit Torben und ich bin mir sicher, dass es doch um die Arbeit geht. Aber es soll mir recht sein. Lasse scheint bei Micha, Jessica und Björn Anschluss gefunden zu haben und unsere Eltern sind auch in ein Gespräch vertieft.
„Ich hoffe, dass wir uns nächstes Jahr wiedersehen“, sagt Sören und schmunzelt.
„Heißt das etwa, dass ihr heiratet?“, frage ich neugierig.
„Wenn es nach mir geht, ja. Hannah weiß aber noch nichts davon. Ich will ihr nächsten Monat an ihrem Geburtstag einen Antrag machen.“
„Oh, wie schön! Hast du schon genaue Pläne?“
Sören nickt. „Die verrate ich aber nicht. Wie hast du den Antrag eigentlich gemacht?“
„Wir waren Ostern bei Gerrits Eltern. Ich habe Eier mit Sternbildern bemalt und ihn hinter ein paar Büsche gelockt, weil ich vor Zuschauern viel zu nervös geworden wäre. Und dann ganz klassisch – ich habe mich vor ihm hingekniet, ihm gesagt wie sehr ich ihn liebe und ihm die Frage aller Fragen gestellt. Oh, nur eine Sache war anders. Statt einem Schmuckkästchen hatte ich den Ring in einem aufgeklappten Ei.“
„Passt ja auch besser zu Ostern.“
„Eben“, bestätige ich.

Gegen sieben Uhr verabschieden sich unsere Gäste so langsam. Wir haben extra schon mittags eingeladen und auch auf die Karten geschrieben, dass wir abends noch Pläne zu zweit haben. Viele Hochzeiten gehen ja bis in die Nacht, aber das wollten wir nicht. Um diese Jahreszeit ist es für eine lange Feier draußen auch noch zu kalt. Zur Not hätten wir zwar drinnen feiern können, aber da ist es doch ziemlich beengt. Zudem wollen mindestens unsere Eltern in die Ostermesse gehen. Es ist schon erstaunlich genug, dass meine Mutter einer Hochzeit am Ostersamstag zugestimmt hat. Anna und Lasse gehen glaube ich auch mit. Bei Björn und Jessica bin ich mir nicht ganz sicher. Der Rest geht definitiv nicht in die Kirche.
Zum Glück haben alle eine Übernachtungsmöglichkeit in der Nähe gefunden. Micha, Björn und Jessica übernachten wie wir bei ihren Eltern. Hannahs Eltern wohnen lustigerweise in der Nähe, sodass Sören und sie dort Ostern verbringen werden. Torben wird in Gerrits Zimmer schlafen, weil der heute Nacht bei mir bleibt. Lasse wird ebenfalls bei uns schlafen, wenn auch im Wohnzimmer. Anna und er sind ja schließlich noch nicht verheiratet.
Gemeinsam mit meinen Eltern, Anna und Lasse räumen wir noch das Gröbste auf. Zu sechst geht das ziemlich schnell, sodass wir einiges schaffen.

„Wir machen uns dann auf den Weg“, informiert Gerrit die anderen.
Überrascht sehe ich auf meine Uhr und stelle fest, dass es schon acht Uhr sind.
„Aber erst sollten wir uns noch umziehen. So gut dir der Anzug steht, für den Wald ist der eher unpraktisch“, stelle ich fest.
„Natürlich. Ich dachte nur, dass es sinnvoller ist, wenn wir uns jetzt direkt verabschieden und gleich nicht nochmal rauskommen“, antwortet Gerrit.
„Oh. Ja, das ergibt Sinn.“
„Einen schönen Abend noch“, wünscht meine Mutter uns.
„Danke, euch eine gute Messe“, erwidere ich.
„Viel Spaß. Und denkt nachher dran, ihr seid nicht allein im Haus diese Nacht“, flüstert Anna mir ins Ohr, als sie mich umarmt. Zur Strafe dafür zwicke ich sie in die Seite.
„Lass das!“ Sie haut auf meinen Oberarm.
„Kinder, hört auf“, ermahnt meine Mutter uns. Verlegen sehen wir sie an und nicken.
Nachdem wir uns auch von Lasse und meinem Vater verabschiedet haben, gehen wir in mein Zimmer und ziehen uns um. Dort ist auch die große Tasche mit allem, was wir brauchen.
„Warte“, fordere ich Gerrit auf, als wir unten an der Haustür angekommen sind.
Verdutzt sieht er mich an, nickt aber. Schnell flitze ich in die Küche und hole die Dose aus dem Kühlschrank.
Als Gerrit sieht, was ich mitgebracht habe, lacht er.
„Das hätte ich wissen müssen. Ein Wunder, dass überhaupt noch Torte dafür übrig geblieben ist“, spottet er liebevoll, während wir uns auf den Weg machen.
„Natürlich. Im Zweifelsfall hätte ich schon dafür gesorgt“, kontere ich.
„Das glaube ich dir sofort. Ein Glück, dass es nicht notwendig war. Gewalt auf einer Hochzeit erscheint mir ein wenig unpassend.“
Dafür strecke ich ihm die Zunge raus.

Den Weg zu unserer Lichtung verbringen wir schweigend. Diese zufriedene Stille fühlt sich intimer an als ein Gespräch es sein könnte. Es ist gerade noch hell, sodass wir nicht einmal eine Taschenlampe brauchen. Für den Rückweg haben wir allerdings eine in der Tasche.
Da wir dieses Mal direkt zu zweit sind, sind die Vorbereitungen schnell erledigt. Gerrit verteilt die Kerzen und zündet sie schon an. Es wird jetzt schnell dunkel werden und wir wollen ja nicht in einer Viertelstunde nochmal aufstehen müssen, um sie anzumachen.
Ich baue währenddessen unser Lager auf. Wobei Lager übertrieben ist – es ist nur eine dicke Isomatte, eine warme Decke und natürlich der Tee und die Torte. Ich setze mich auf die Isomatte, kuschele mich schon mal ein wenig in die Decke und halte sie für Gerrit einladend offen.
Er setzt sich zu mir und legt die Decke um seine Schultern.
„Und, haben wir noch genug Zeit?“, frage ich.
„Ja, aber nicht viel. Es sind keine fünf Minuten mehr, bis zum Vollmond“, antwortet er.
„Ein Glück, dass du auf die Uhr geschaut hast. Ich hatte die Zeit völlig aus den Augen verloren.“
Ich lege meinen Kopf in den Nacken, um schon mal zu schauen, wo der Mond jetzt ist.
Gerrit dreht meinen Oberkörper nach rechts, woraufhin der Mond in mein Blickfeld gerät. Er sitzt jetzt hinter mir. Dankbar lasse ich mich zurücksinken und lege meinen Hinterkopf auf seine Schulter. So ist es viel bequemer, als wenn ich meinen Kopf in den Nacken legen und selbst dort halten muss.
„Jetzt fehlt mir die Matratze schon ein bisschen“, gebe ich zu. „Da könnten wir uns jetzt beide drauf legen.“
„Das stimmt. Aber die hierher zu tragen wäre ziemlich anstrengend gewesen.“
„Ja, ich weiß.“
„Dafür ist die Umgebung hier schöner. Und vor vier Jahren waren wir auch hier“, versucht Gerrit, mich die positiven Seiten sehen zu lassen.
„Hey, willst du etwa behaupten, dass unsere Wohnung nicht schön ist?“, protestiere ich gespielt.
Bevor er antworten kann, vibriert sein Handy. Automatisch gehen unsere Blicke wieder zum Mond.
Nicht, dass er jetzt im Vergleich zu vor fünf oder zehn Minuten erkennbar anders aussähe. Trotzdem hat es etwas magisches, zu wissen, dass genau jetzt Vollmond ist. Und so kitschig das auch klingt – in diesem Moment fühle ich mich vollkommen eins mit Gerrit. Letzte Nacht stand ich tatsächlich am Fenster, weil ich vor Aufregung und ohne ihn nicht einschlafen konnte. In dem Moment, wo ich auf den Mond geguckt habe, bin ich automatisch ruhiger geworden. Der Mond gehört eben zu unserer Beziehung von Anfang an dazu. Mit ihm hat schließlich alles angefangen…

ENDE
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