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Veröffentlicht: 16/04/09 Aktualisiert: 18/03/12
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1. Der wahren Liebe Kuss

Es war einmal in einem fernen Königreich, da lebten ein König und eine Königin, die sich mehr als alles andere ein Kind wünschten, mehr als alles andere auf der Welt. Nach langen Jahren des Hoffens und Wartens hatten sie diesen Wunsch schon fast aufgegeben, als die Königin einen Traum hatte.
In diesem sah sie sich selbst mit einem Kind im Arm und danach entdeckte sie, dass sie guter Hoffnung war. Überwältigt von Freude ob dieser Nachricht ließ der König ein großes Fest geben. Das ganze Land, jeder Einwohner teilte seine Freude und Dankbarkeit.
Es zog kein Jahr ins Land, da wurde der kleine Prinz geboren. Und er war so reizend und kostbar, dass seine Eltern ihm den Namen Aurel gaben. Zu seiner Namensgebung luden sie alle Adeligen des Landes ein, aber auch die Vertreter des Feenvolkes.
Da die Gunst der Feen ihnen immer Glück, sowie ein fruchtbares, friedliches Land gebacht hatten, fühlten sich der König und die Königin verpflichtet, nur das feinste und schönste für ihre Gäste zur Verfügung zu stellen. Doch bei den Vorbereitungen fand man nur zwölf silberne Gedecke und zwölf goldene Becher. Daher beschlossen der König und die Königin, den Vertreter des dreizehnten Volkes nicht einzuladen. Zudem wurde die Zahl Dreizehn als Unglückszahl betrachtet und keiner wollte, dass dem jungen Prinz etwas zustieße.
Am Tag der Namensgebung kamen alle Gäste frohen Mutes zusammen, Menschen ebenso wie Feen. Ausgelassen wurde gegessen und getrunken und getanzt. Als das Fest dem Ende zuging, wollten die Feen dem König die Ehre erweisen, indem sie den jungen Prinzen mit Gaben beschenkten.
Der erste trat vor, berührte das goldene Haar und sprach: "Ich schenke dir Verhandlungsgeschick."
"Ich schenke dir eine schnelle Auffassungsgabe", sagte die zweite.
"Ich schenke dir Schönheit", fuhr die dritte fort.
Während die Feen ihre Gaben an den Prinzen unter dem Jubel der Menge vorbrachten, erschien das geschmähte Oberhaupt des dreizehnten Feenvolkes vor den Toren des Schlosses. Keine Wache konnte ihn aufhalten, als er in den Festsaal trat, gerade als die elfte Fee seine Gabe vergeben hatte.
Ohne Respektsbezeugungen trat er neben das ahnungslose Kind und sah grimmig in die Wiege. "Da ich nicht eingeladen wurde, komme ich eben zu dieser Zeit, um dem jungen Prinzen mein Geschenk zu überbringen."
Der Saal blieb still. Keiner wusste, zu was ein Feenoberhaupt befähigt war. So strich der unerwünschte Gast ebenfalls durch die zarten Locken des Knaben, lächelte ihn an und sprach: "Mein Geschenk an dich ist, dass du dich vor deinem sechzehnten Geburtstag an einer Waffe schneidest und stirbst. Und das gesamte Schloss und alle seine Einwohner mit dir."
Nachdem die Worte verklungen waren, hob die Fee seine Arme und verwandelte sich in einen tanzenden Blätterwirbel, der vom Wind fortgetragen wurde.
Entsetzen breitete sich aus. Die Königin presste unter Tränen ihren Sohn an sich und klagte über das grausame Schicksal, welches ihrem Kind und allen anderen Schlossbewohnern nun beschieden war.
Verzweifelt wandte sich der König an die Feen. "Gibt es denn nichts, was ihr tun könnt, um dieses Schicksal abzuwenden?"
Die Fee, welche ihren Wunsch für den Prinzen noch nicht ausgesprochen hatte, antwortete: "Völlig abwenden kann ich dieses Geschenk nicht, aber ich kann es abmildern." Traurig trat sie zu der Königin und lächelte dem Knaben zu. "Zwar sollst du dich vor deinem sechzehnten Geburtstag an einer Waffe schneiden, aber sterben wirst du nicht, sondern schlafen. Und nur der wahren Liebe Kuss kann dich daraus erwecken – das ist mein Geschenk an dich."
Der König war enttäuscht von der Magie der Feen. "Wenn ihr es nicht abwenden könnt, so kann ich es. Bis mein Sohn sechzehn ist, darf keine scharfe Waffe, kein scharfes Messer in seine Nähe. Und er muss im Schloss bleiben, zu seiner eigenen Sicherheit. Verbreitet die Kunde im Königreich! Keine Waffe darf mehr über die Schwellen des Schlosses gelangen!"
Es geschah, wie der König es befohlen hatte.
Beinahe sechzehn Jahre lang mussten alle Waffen vor dem Schloss abgegeben werden, alle Speisen mussten so zubereitet werden, dass sie mit einem Löffel gegessen werden konnten.
Während der Prinz heranwuchs, lernte er seine Schwertkunst, indem er mit Stoff umwickelte Holzschwerter benutzte. Er kannte keine Welt außerhalb des Schlosses, keine Menschen außer denen, die dort arbeiteten. Seine Eltern hielten sein Schicksal vor ihm verborgen, aus Sorge, es könne ihren Sohn bekümmern. Keinem Diener, keinem Soldat und keinem Vertrauten war es erlaubt, darüber zu sprechen.
Je älter Aurel wurde, umso beengter fühlte er sich in den Schlossmauern. Und keiner sagte ihm, warum er das Schloss nicht verlassen durfte.
Noch schlimmer wurde es, als seine Eltern anfingen, ihm Bräute vorzustellen, auf das er noch vor seinem sechzehnten Geburtstag den Kuss der wahren Liebe erleben mochte und so sein Schicksal niemals erfüllte.
Doch so viele Prinzessinnen auch vorsprachen, er zeigte keinerlei Interesse an ihnen. Er war höflich und freundlich, aber keiner in Liebe zugetan. Da aber seine Schönheit, seine Liebenswürdigkeit und sein Verhandlungsgeschick dank der Magie der Feen so überwältigend war, kamen immer wieder neue Bräute. Sein Vater drängte darauf, dass er heiratete oder sich zumindest verlobte. Doch je mehr er gedrängt wurde, umso weniger war er bereit, diesem Wunsch nachzugeben.
Er flüchtete in die Türme des Schlosses, wo kaum einer je nach ihm suchte und er die Welt außerhalb der Tore sehen konnte.
So geschah es auch am Tag vor seinem sechzehnten Geburtstag. Die Vorbereitungen hatten die Ankunft einiger neuer Prinzessinnen eingeschlossen, die ihm alle feurige Blicke zugeworfen hatten. Er floh auf den Ostturm, doch dort traf er einen Mann, den er nie zuvor im Schloss gesehen hatte. Er hatte ein feines Gesicht. Sofort fühlte Aurel sich eingenommen von der Schönheit, dem Leuchten der Haut und dem einladenden Lächeln des Fremden. Es war ihm, als hätte er potenten Wein getrunken, der ihm nun Schwindel bereitete.
"Kommt näher, Prinz Aurel", rief der Unbekannte freundlich.
"Woher kennt Ihr meinen Namen?"
"Wer kennt ihn nicht, Hoheit? Meiner ist Narvin. Jetzt, da wir uns kennen, braucht Ihr keine Angst zu haben. Kommt!"
Aurel folgte der Einladung. Als er näher getreten war, bemerkte er das unbekannte Ding in den Händen des Fremden und schenkte ihm einen fragenden Blick.
"Das hier? Das ist ein Schwert", sagte der Fremde und hielt es Aurel hin.
Ohne zu zögern griff der Prinz nach dem Schwert, unwissend, dass die Schneide scharf war, packte er sie. Zuerst schmerzte es, dann sah er Blut an seiner Hand.
Der Fremde lachte voller Hohn. "So endet es alles so, wie ich es gewünscht habe. Dies ist dein Todestag und dieser Raum deine Grabkammer, Prinz Aurel."
Diese Worte vernahm Aurel noch, dann fiel der Prinz zu Boden.
Seines Triumphes sicher, schritt Narvin durch das Schloss und versicherte sich, dass alle Bewohner das Schicksal des Prinzen teilten. Als er keine Spur von Leben mehr feststellte, verließ er das Schloss.
Draußen traf er die Fee, die den Fluch abgemildert hatte.
"Sie sind nicht tot, sie schlafen nur. Dein Wunsch hat sich nicht erfüllt," sprach sie. "Und wenn Aurel den Kuss der wahren Liebe erfährt, werden sie alle wieder erwachen."
Daraufhin flammte Zorn in Narvin auf und er ließ eine gewaltige Dornenhecke um das Schloss wachsen. "Ich werde dafür sorgen, dass sie in alle Ewigkeit schlafen!", rief er aus und schwor sich, dass keiner diese Hecke durchbrechen würde.

So gingen die Jahre in das Land.
Ohne König hatten die Feenoberhäupter die Macht und das Land unter sich verteilt. Jedes Jahr kehrte Narvin mindestens einmal zum Schloss des schlafenden Prinzen zurück, um sich zu vergewissern, dass seine Hecke noch genügend Abwehrstärke hatte. Denn es gab viele, die von den schlafenden Prinzessinnen und Prinzen gehört hatten. Viele hatten versucht, die Hecke zu durchdringen, aber waren gescheitert und hatten mit dem Leben bezahlt.
Zuerst kam er nur allein, später brachte er seinen Sohn und Erben Verian mit, so dass der Knabe die Macht seines Vaters kennenlernen und bewundern konnte. Für seinen Sohn lichtete sich die Hecke, so dass Verian das Schloss untersuchen konnte. Der Junge durchstreifte neugierig die Hallen, Säle und Räume, betrachtete die Schlafenden, bis sein Vater ihn zurückrief. Je älter er wurde, umso mehr erkundete er, doch nie schaffte er es, die Türme und die Keller zu erforschen.
Als er alt genug war, allein die Welt zu bereisen, kam er ohne seinen Vater zum Schloss, weil er endlich auch die unbekannten Teile des Schlosses kennenlernen wollte. Die Hecke teilte sich für ihn, so wie sie es immer getan hatte. Das Innere war ihm wohlbekannt, es schien ihn geradezu Willkommen zu heißen, als er eintrat.
Da er nun alle Zeit der Welt hatte, begann er in den Kellerräumen. Sie waren feucht und modrig.
Danach folgten die Nebenräume, die aber keine Überraschungen bereit hielten.
Die Türme betrat er als letztes.
Als er den Raum betrat, in dem Aurel lag und schlief, erstarrte er. Der junge Menschenprinz sah so schön und verlockend aus, dass er sich wie in einem Traum gefangen neben Aurel kniete. Er betrachtete das ebenmäßige Gesicht und die rosigen Lippen, die ihm süßer als Honig erschienen. Er gab der Versuchung nach und küsste Aurel.
Sobald sich ihre Lippen gelöst hatten, regte sich der Prinz. Aurel öffnete die Augen und sah die Fee, die Nirvan an Schönheit in nichts nachstand. Sie lächelten sich an, während sich auch im Rest des Schlosses erneutes Leben regte. Die Königin und der König erwachten auf ihrem Thron, die Prinzessinnen erwachten in ihren Gemächern.
Die Dienerinnen eilten nach Wasser und Essen, die Wachen kontrollierten die Gänge, der Narr machte seine Späße, alles schien wieder wie zuvor.
Der König ließ nach seinem Sohn suchen, damit dieser auf seinem Geburtstagsfest erscheine. Doch noch bevor Aurel gefunden werden konnte, kam er Hand in Hand mit Verian in den Thronsaal.
Aurel stellte den Fremden vor: "Das hier ist Verian, der Sohn eines Feenkönigs. Ich werden ihn heiraten."
Die Königin fiel in Ohnmacht und der König hob an, diese Verbindung zu verbieten, als erregte Meldungen kamen, die verkündeten, dass sie beinahe hundert Jahre geschlafen hatten.
"Euer Reich ist nicht mehr, werter König," bestätigte Verian die Neuigkeiten. "Aber nach der Heirat wird Aurel gleichberechtigt mit mir über unser Reich herrschen."
Der König verkündete betrübt: "Dann bleibt mir wohl keine Wahl, als diesen Bund zu segnen."
Überschwänglich küssten sich die jungen Leute erneut, dabei erklang erster Jubel.
Getrübt wurde die Freude nur, als Verian erfuhr, dass sein Vater tot umgefallen war, als er Aurel den Kuss der wahren Liebe geschenkt hatte. So wurde er zum König der Feen und Menschen, ebenso wie Aurel nach ihrer Hochzeit.
Unter ihnen kannten weder Menschen noch Feen harte Zeiten. Das Land erblühte in nie gekannter Vielfalt und Glückseligkeit. Auch waren sie einander stets in Liebe zugetan und lebten glücklich bis an ihr gemeinsames Ende.
Aktualisiert: 16/04/09
Veröffentlicht: 16/04/09
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Alex am 29/04/09 15:27
Ja das Märchen ist wirklich sofort zu erkennen und wirklich schön umschrieben. Damit meine ich auch die Idee mit dem Sohn der Fee. Sehr schön. ^^

Antwort des Autors Nika (01/05/09 17:24):
Ich danke dir für das nette Lob. Es war nur eine kleine Eingabe, aber hatte ein gutes Ende zu Folge.

Bist du auf den Titel des Super-Reviewers aus? Go, go go!
Der wahren Liebe Kuss
Asagao am 12/05/09 21:06
Ach ja ein altbekanntes Märchen, wunderbar ummodelliert. Ich mag dein umgeschriebenes Märchen sehr. Das gibt von mir ganze 5 Sterne!
Der wahren Liebe Kuss
waidgnom am 18/05/09 15:41
Der Titel hört sich so schön romantisch an.Er passt sehr gut zu der Geschichte.An sonsten finde ich die Geschichte viel schöner als das Orginal.>grins< Ich finde es nähmlich viel realer ,das nach dem langen Schlaf das das Königreich nicht mehr da ist.So lange ein Land ohne Regierung lassen,da geht doch alles drunter und drüber.Stimmt es oder habe ich recht!?

Antwort des Autors Nika (18/05/09 16:41):
Klaro hast du recht! Hundert Jahre? Da herrscht dann ja Anarchie! Freut mich ja sehr, dass es dir gefallen hat. Es ist einfach ein kleines Schmankerl zum wohlfühlen.
Der wahren Liebe Kuss
Kumo-chan am 30/03/10 14:34
Hallöle ^^y
nicht schlecht...*grins*
und wirklich sweet...^^
Der wahren Liebe Kuss
split am 18/06/12 09:57
Süüüüüß...
Hast du fein gemacht *keks zuschieb*
Relativ am Ende hast du mal Nirvan statt Narvin gechrieben, sonst eigentlich keine Fehler.
Und Alex hat recht, dass mit dem Sohn is ne coole Idee. *flausch*

LG, dat split
Der wahren Liebe Kuss
HeisseZitrone am 27/01/13 23:15
Einfach wunderschön, und teilweise sogar besser und vor allem logischer als das Original. (Zum Beispiel konnte im ursprünglichen Märchen, soweit ich mich richtig erinnere, ein ganz normaler Prinz die Hecke durchqueren, wobei es doch viel logischer ist, dass diese sich von allein vor dem Sohn des Feenoberhaupts teilt.)

Bester Satz: "Die Königin fiel in Ohnmacht." xD Einfach herrlich! Lächelnd



Antwort der Autors Nika (28.01.13 10:26):
Danke danke!
Bei der Vorbereitung habe ich Feen recherchiert und dabei auch herausgefunden, dass sie an sich auch männlich sein können - hurra! Nun ja, es war ein wirklicher Spaß, dieses Märchen zu schreiben.

Danke für dein Review und freut mich, dass es dich zum Lachen gebracht hat.
Der wahren Liebe Kuss
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Witch23
20/08/22 10:06
Hallo zusammen

gerdhh171
23/07/22 21:10
hallo jungs

Witch23
29/06/22 06:27
Hallo auch

split
23/06/22 14:41
Hallo, welcome back

minori
22/06/22 18:02
Wenn man nach 13 Jahren mal wieder vorbei schaut :) Heyho

Witch23
10/06/22 09:30
Tja, solange bxb existiert sollte das auch ^^

carrabas
09/06/22 21:23
Dieser alte Login funktioniert noch :O

Witch23
18/04/22 12:17
Danke dir, sonst wünsche einfach schöne Feiertage, die sollten fast alle ab Freitag haben ^^

split
15/04/22 09:43
Keine Ahnung, ob man das schon am Karfreitag tut, aber ich wünsche Euch allen schon einmal Frohe Ostern und ein paar entspannte Tage.

Witch23
25/01/22 13:28
Freuen uns über jeden der hier ist

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