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Veröffentlicht: 14/06/09 Aktualisiert: 14/04/12
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1. Von Blicken...

Kapitel 1 ~ Von Blicken...

Ob es so etwas wie meinen Traummann gibt? Ich glaube nicht wirklich an solche Dinge. Bestimmungen, das Schicksal… was macht man, wenn einem nicht auffällt, dass der Richtige genau vor einem steht? Hat man dann Pech gehabt? Wird man anschließend sein Leben lang unglücklich herum laufen, immer wieder auf den Falschen treffen?
Wie gesagt, ich glaube nicht daran, dass es den Menschen, der für einen richtig ist, den Traummann schlechthin, gibt. Und dennoch habe ich natürlich ein paar Vorstellungen, wenn man mich fragen würde, wie die Person sein oder aussehen sollte. Ich mag dunkle Haare und braune Augen. Ich verliere mich gerne darin, sei es mein Blick oder meine Finger. Natürlich, ich hatte schon mehr als einen blonden Freund, aber dennoch, wenn ich es mir aussuchen könnte…
Ob für mich nur das Aussehen zählt? Nein, aber ist es nicht dennoch der erste Punkt, der einem auffällt? Erst wenn man die Augen auf die Person geworfen hat, kann man sie kennenlernen, den Charakter, die Stärken und Schwächen, die Macken. Ich kann mir gut vorstellen, dass auf diese Weise eine Menge Beziehung, die eigentlich so perfekt passen würden, niemals zustande kommen; weil sie wählerisch sind, er auf große Brüste steht oder ihr einfach seine Nase nicht gefällt. Es ist schade, weshalb ich versuche, mich nicht nur nach den eindeutig hübschen Männern umzusehen.
Auf diese Weise ist er mir aufgefallen, vor gar nicht so lange Zeit.
Er sitzt meistens auf demselben Platz während der Statistikvorlesung oder wenigstens in derselben Reihe; in der dritten. Alleine ist er fast nie, doch ich glaube nicht, dass er viele Freunde hat. Er wirkt wie ein sehr ruhiger Typ, vielleicht etwas schüchtern, zurückhaltend. Er ist unscheinbar, weshalb er mir wohl nicht früher aufgefallen ist. Er ist nicht besonders hübsch oder irgendwie besonders; er sticht nicht heraus aus der Masse. Und doch, letztendlich ist er mir ins Auge gestochen, irgendetwas an ihm, das ich nicht beschreiben kann. Manchmal in der Mensa suche ich ihn, beobachte ihn im Gespräch, seine Gestiken und Mimiken, sein lachendes Gesicht oder die nachdenkliche Miene. Natürlich bekommt man auf diese Art keinen besonders umfangreichen Eindruck eines Menschen, doch mir hat es gereicht, ihn nicht zu vergessen. Ich frage mich, was er wohl für Hobbys hat, ob er gerne Sport treibt und ob ich ihn einladen soll, abends mal mit ins Klivens zu kommen. Er würde wahrscheinlich ziemlich doof gucken, denn ich habe keine Ahnung, ob er mich je bewusst wahrgenommen hat.
Ich für meinen Teil finde ihn jedes Mal in der Statistikvorlesungen. Er hat schwarze Haare, seine Augen sind blau. In den letzten Wochen habe ich mich von einer der hintersten Reihen bis zur fünften vorgearbeitet. Von hier aus kann ich seine Finger sehen und die kleinen Locken, die seinen schönen Nacken umspielen. Wenn ich seitlich ein Stück von ihm entfernt sitze, kann ich sein markantes Profil beobachten, wie es aufmerksam zur Tafel gerichtet ist, während er kleinlichst mitschreibt, was Mrs. Stewis, eine nette, aber langsam schon sehr gebrechliche, alte Frau, uns berichtet. Ich höre ihr schon lange nicht mehr zu, zu unwichtig ist der Stoff, zu genau steht er auch in den Lehrbüchern beschrieben. Wenn nicht er hier sitzen würde, käme ich nicht mehr. Doch auf diese Weise kann ich die zwei Vorlesungsblöcke kaum erwarten. Manchmal frage ich mich, was mich eigentlich von einem Stalker unterscheidet.

Mit voller Wucht lasse ich meinen Kopf nach vorne auf die Tischplatte knallen. Kurz hält Mrs. Stewis inne, doch als ich meinen Kopf einfach liegen lasse, fährt sie schnell fort. Von hier und da höre ich Gekicher, Hannah beugt sich näher an mich heran, auch ihre Stimme klingt belustigt.
„Geht es dir gut?“, flüstert sie und streift mein Haar.
Ich schüttle bloß den Kopf, drehe ihn dann auf dem Tisch um sie anzusehen.
„Was ist denn los?“ Ihr Blick bleibt amüsiert, weiß sie doch, wie ich zu Übertreibungen neige.
„Ich will mit ihm sprechen“, gebe ich zu, während mein Blick an ihr vorbei aus dem Fenster fällt. Regen. Hat vorhin nicht noch die Sonne geschienen?
„Dann tu es endlich.“ Natürlich weiß sie genau was ich meine.
„Und was soll ich sagen? Hey, ich bin dein persönlicher Stalker?“
„Wenigstens wäre das originell…“
Ich verdrehe die Augen. „Ich will nicht originell sein… sondern sympathisch…“
„Das bist du sowieso.“ Sie lehnt sich gegen meine Schulter, während ihre Finger meine Haare zwirbeln. „Was hast du schon zu verlieren? Du weißt, dass er schwul ist, single ist er, glaub ich, auch… du siehst gut aus, bist witzig… wo liegt also dein Problem?“
„Ich kenne ihn nicht.“
„Na und? Darum machst du dir doch sonst keine Gedanken.“
„Ich weiß!“ Schwungvoll hebe ich nun den Kopf endlich wieder von der Tischplatte, werfe den Blick zwei Reihen vor mich. „Aber normalerweise geht es mir um Sex. Aber dieses Mal…“ Vielsagend breite ich die Hände aus.
„Wie süß!“ Ein letztes Mal wuschelt sie mir lachend durchs Haar, dann nimmt sie ihre Hand zurück. „Verliebt in einen Unbekannten…“
„Ach, sei still.“ Seufzend verschränke ich meine Arme auf dem Tisch, bette meinen Kopf darauf und fixiere die schwarzen Locken.
Wie so oft wünsche ich mir, mit den Fingern hindurch fahren zu können, die Strähnen neckisch um meinen Finger zu wickeln, ihm einen Kuss ins Ohr zu hauchen. Nicht nur Hannah, sondern auch ich selbst weiß, dass dies ziemlich außergewöhnliche Wünsche für mich sind. Klar, ich mag Berührungen, doch normalerweise gehen sie weiter als das, sind definitiv nicht so harmlos… und doch, wenn ich mir diesen Mann anschaue, wünsche ich mir nichts sehnlicher, als einfach nach seiner Hand greifen zu können. Mehr nicht.
Das ist ja so was von bescheuert!

Die Vorlesung vergeht schleichend und doch zu schnell. Ich kann meine Augen nicht von ihm nehmen und durch meinen Kopf geht die Frage, was ich wohl zu ihm sagen würde, wenn ich tatsächlich vor ihm stünde. Ich bin nicht auf den Mund gefallen, mir fällt fast immer ein schlagfertiger Spruch ein, doch was ihn angeht, scheint mein Kopf wie leergefegt. Ich habe das Gefühl, schon bei mit einem einfachen „Wie geht es dir?“ vollkommen zu versagen.
Mrs. Stewis beendet ihre Vorlesung und um uns herum geht das Rascheln von Taschen und Jacken los, Stimmen werden laut. Ich bleibe sitzen, beobachte ihn zwei Reihen vor mir, wie er mit seinem Nachbarn spricht. Ich sehe sein Lächeln und in meinem Magen kribbelt es als habe ich tierischen Hunger. Oder es sind die bescheuerten Schmetterlinge im Bauch von denen Teenagern immer sprechen. Ich mag gar nicht daran denken.
Seufzend richte ich mich endlich auf und will mich zu Hannah drehen, als sie verschwunden ist. Irritiert blicke ich um mich, nur um sie in der nächsten Sekunde zwei Reihen vor mir zu sehen. Es ist, als würde man mir mit voller Wucht in den Magen treten.
Und dann, zum ersten Mal seit ich mich erinnern kann, treffen mich seine Augen ganz direkt. Zugleich ist es wohl auch das erste Mal, dass ich einem Blick so schnell ausweiche. Wie von der Tarantel gestochen springe ich auf, habe meine Sachen geschnappt und bin nach vorne gestürzt. Ich erreiche Hannahs Arm und drücke ihn fest.
„Was soll das?“, zische ich wütend, während ich den Blick direkt auf mir spüre. Ich kann ihn nicht ansehen.
„Was denn?“ Hannah dreht sich um und grinst mich breit an. „Ich habe ihn nur gefragt, ob er dir helfen kann.“
„Helfen?“ Ich fixiere ihre Augen, als könnte ich sie damit im nächsten Erdloch versenken; und mich gleich hinterher.
„Wegen Statistik“, antwortet mir eine andere Stimme, eine vertraute und doch vollkommen unbekannte Stimme. Nie habe ich sie direkt mit mir sprechen hören. Nun kann ich nicht anders, als ihn anzusehen. Seine blauen Augen lächeln mich an. „Hannah meinte, dass du Probleme damit hast und ob ich dir vielleicht ein paar Kniffe zeigen will.“
Ich starre ihn an, meine Hand wird immer fester um Hannah Arm. Hätte ihr keine offensichtlichere Lüge einfallen können? Als hätte irgendwer Probleme mit diesem Stoff! Und warum sollte sie ausgerechnet auf ihn kommen?
„Also?“, kommt er nun einen winzigen Schritt auf mich zu. „Ich hätte Zeit…“
„Das ist-“
Weiter spreche ich nicht, dann bleibt mir der Mund offen stehen, da ich, der ich an seinen Augen hänge wie ein Ertrinkender, begreife, dass er tatsächlich die offensichtliche Lüge glaubt. Er glaubt sie. Ist das zu fassen?
Plötzlich verspüre ich das Bedürfnis, zu lachen, mich bescheuert im Kreis zu drehen, zu singen. Stattdessen schließe ich aber bloß meinen Mund und nicke. Endlich lasse ich Hannahs Arm los.
„Na wunderbar, dann ist das geklärt!“, deutet sie dies wie einen Startschuss.
Sie klopft mir auf die Schulter, drängt sich an mir vorbei, und noch ehe ich begreife, dass ich von ihr mit ihm alleine gelassen werde, ist sie auch schon verschwunden. Nicht nur das, wir sind tatsächlich vollkommen allein, bemerke ich, als ich mich fast panisch umblicke. Der Raum wird in Totenstille getaucht.
Tief durchatmend wird mir das ganze Ausmaß bewusst und in meinem Magen tanzt irgendwas Tango, oder Cha-Cha-Cha, ich kenn mich da nicht so aus.
Nur schwer schaffe ich es, den Kopf wieder zu ihm zurück zu drehen. Zu meiner Erleichterung hat er mir seine Aufmerksamkeit entzogen und packt stattdessen seine Sachen ein. Mein Blick fällt auf den Schlüsselanhänger. Er sieht aus wie ein kleiner, grinsender Wurm in plastikgrün. Hässlich, doch irgendwie beneide ich das Vieh. Wenn ich mich doch nur auch gerade so klein machen könnte.
„Hast du heute noch eine Vorlesung?“, reißt es mich aus meinen Gedanken.
Ich schüttle den Kopf, setze erst dann ein „Nein.“ hinterher. Klang meine Stimme schon immer so bescheuert?
„Gut, ich auch nicht.“
Ein Lächeln, dann deutet er mit dem Kopf zur Tür.
„Kommst du?“
Als ich es schaffe, mich in Bewegung zu setzen, spüre ich, wie meine Beine zittern. Es ist, als könne mich ein einfacher Windhauch umblasen, so unsicher fühle ich mich bei jedem Schritt, den ich ihm folge. Gleichzeitig führe ich mich innerlich vors Kriegsgericht, frage mich aus, wie es sein kann, dass ich dermaßen nervös bin. Wie oft in meinem jungen Leben war ich mit einem fremden Mann vollkommen alleine, den ich begehrte? Ich kann es nicht mehr zählen. Aber war ich auch nur einmal annähernd so unsicher wie in diesem Augenblick?
Das ist doch vollkommen albern!
Schweigend folge ich ihm in den Regen hinaus. Noch immer entdecke ich keine Hoffnung auf die Sonnenstrahlen vom Vormittag am Himmel, sondern nur graue Wolken. Ich sehe, wie er seine schönen Locken unter einer Kapuze verbirgt.
„Mistwetter!“, stöhnt er und ich halte auf meinen unsicheren Beinen nur schwer mit ihm Schritt.
Wohin gehen wir eigentlich gerade? Ich fühle mich wie blind.
„Wollen wir in die Bibliothek gehen?“, ist es, als habe er meine Frage gehört. „Oder die Mensa?“
„Mir egal.“
„Deine Unterlagen hast du dabei?“
„Welche?“
„Für Statistik.“ Er bleibt stehen, sieht mich an.
Jetzt erst begreife ich, dass es nur eine rhetorische Frage war. Wenn ich wirklich an der Statistikvorlesung interessiert wäre, hätte ich natürlich meine Unterlagen dabei.
„Nein“, gebe ich also kleinlaut zu, ein merkwürdiger Blick trifft mich darauf.
„Naja, es wird auch ohne sie-“
„Wie könnten sie holen“, unterbreche ich ihn, mir plötzlich der Möglichkeit bewusst. „Oder wir lernen bei mir… ich meine, wenn dir das nichts ausmacht.“
„Wieso sollte es?“
Er lächelt und seine Augen sehen direkt in meine. Ich kann nicht anders, als das Lächeln zu erwidern. Es ist ein strahlendes Blau; ein schönes. Wie es wohl aus nächster Nähe aussieht…
„Mein Kasten steht da vorne.“
„Was?“ Irritiert aus dem Gefühl gerissen, meine Finger nach seinen Augen auszustrecken, blicke ich mich um.
„Mein Auto“, erklärt er und geht wieder los.
Jetzt erst fällt mir auf, dass wir ja noch immer mitten im Regen stehen. Im Gegensatz zu seinen Locken müssen meine Haare mittlerweile klatschnass und schlapp herunterhängen. Na klasse, sieht bestimmt sehr sexy aus. Mit einem Mal will ich Hannah wieder verfluchen.
Ich folge ihm also schnellen Schrittes zum Parkplatz hin. Ohne jegliches Wort schließt er mir die Tür auf, geht dann zur Fahrerseite und lässt sich selbst ein. Das kleine, alte Auto hat keinen wirklichen Charme, und dennoch ist es, als würde ich mich in eine Limousine begeben, als ich mich zögernd auf dem Sitz niederlasse. Es ist ja so dämlich, sich geehrt zu fühlen, mit ihm in seinem Auto fahren zu können.
„Ich bin übrigens Dominik.”
„Ich weiß.” Noch während ich die zwei Worte spreche, möchte ich mich verfluchen. Natürlich weiß ich das, ich beobachte ihn ja auch schon seit drei Monaten. Aber das weiß er doch nicht! „Ich meine… Mrs. Stewis hat mal…“
Ich verstumme, da mir klar ist, wie dämlich die Ausrede ist. Mrs. Stewis spricht uns nur beim Nachnamen an, wie im Übrigen auch alle anderen Professoren. Sein Lächeln zeigt mir, dass ihm dies ebenso bewusst ist, doch es scheint ihn nicht zu stören. Und seine Hand wartet noch immer darauf, von mir ergriffen zu werden.
„Michael“, erkläre ich und erwidere endlich die Berührung.
Sie elektrisiert mich ebenso wie seine Worte:
„Ich weiß.“
Nun grinst er, während das Blau seiner Augen mich verschlingt. Sein Handgriff ist fest, fühlt sich unglaublich gut an. Ich will ihn nicht gehen lassen, als er verschwindet.
„Wo du wohnst, weiß ich allerdings nicht“, sagt Dominik dann und steckt den Schlüssel ins Zündschloss. Mir fällt wieder der hässlich grinsende Wurm auf.
Ich zwinge meinen Straßennamen hervor und verfluche mich, dass ich nicht weiter weg wohne. Ich laufe immer, mit dem Auto dürfte es keine fünf Minuten dauern. Ich will dieser Enge aber nicht schon wieder entsteigen.
Das röchelnde Geräusch des Motors lässt mich den Blick endlich vollkommen von Dominik nehmen. Ich sehe hinaus und frage mich mit einem Mal, wie meine Wohnung eigentlich aussieht. Das letzte Mal aufgeräumt habe ich vor drei Tagen, es sollte also nicht so schlimm sein. Gespült habe ich auch erst gestern. Und gewaschen.
Ich zucke zusammen bei dem Gedanken. Hektisch werfe ich einen Blick zur Seite, dann wieder aus dem Fenster. Wir biegen bereits in die richtige Straße.
Scheiße! Ich habe vergessen, dass der volle Wäscheständer noch immer mitten im Wohnzimmer prangt, da ich bisher zu faul war, ihn abzuhängen. Dementsprechend wird Dominiks erster Eindruck von mir auf Ewigkeit der eines vollkommen bekloppten und wortkargen Typens sein, mit gestreifter Unterwäsche. Als wäre mein Verhalten allein nicht schon schlimm genug!
„Hier?“
„Ja.“ Ich sinke tiefer in den Sitz.
Er parkt das Auto am Straßenrand und steigt aus. Ich zögere lange, bevor ich es ihm gleich tue.
Noch während wir die Treppen zu Stockwerk vier hinaufsteigen, gehe ich im Kopf jede Möglichkeit durch, wie ich den Wäscheständer verschwinden lassen könnte. Natürlich fällt mir noch nicht mal eine einzige ein. Mit dieser Erkenntnis schließe ich also die Wohnungstür auf.
„Ich geh mir eben die Haare abtrocknen“, erkläre ich, nachdem wir uns unserer Jacken entledigt haben. „Kann ich dir irgendwas zum Anziehen anbieten?“
Die Frage kommt mir anzüglich und doof vor, doch auf seine nasse Hose schauend, käme ich mir unhöflich vor, es ihm nicht anzubieten.
„Nein, geht schon“, lächelt er jedoch bloß und wendet sich in Richtung der Tür, welche ich ihm als Wohnzimmertür erklärt habe.
Schnell husche ich ins Bad. Seinen ersten Blick auf den Wäscheständer will ich wirklich nicht miterleben.
Die Tür hinter mir geschlossen, bleibe ich sofort wieder wie angewurzelt stehen. Aus dem Spiegel schaut mir ein hochrotes Gesicht verklebt mit nassen Haaren entgegen. Kein besonders schöner Anblick. Leise fluchend greife ich nach einem Handtuch und während ich mir die Haare abtrockne, lasse ich mich auf dem Badewannenrand nieder. Ich schiele zur Tür und weiß, dass ich keine Lust habe, das Bad so bald wieder zu verlassen. Dabei sollte ich in diesem Augenblick doch so glücklich sein, mich so sehr freuen… Bei keinem der Männer, die je hier waren, habe ich mir ihre Gesellschaft so sehr erträumt, wie ich es bei ihm getan habe. So viele Tage, Wochen beobachte ich ihn nun im Stillen und habe mich schon oft gefragt, was wohl wäre, wenn er einmal hier her kommen würde. Nun ist er es und ich würde ihn am liebsten fortschicken.
Das kann doch wohl nicht wahr sein!
Drei Sekunden vergehen, bis ich dem Bedürfnis, Hannah anzurufen, nachgebe. Als sie meinen Anruf mit den überraschten Worten „Huch, so schnell hab ich gar nicht mit dir gerechnet!“ entgegen nimmt, piepse ich flüsternd ein „Sei still!“ entgegen. Natürlich klingt es auf diese Weise nicht gerade energisch.
„Was ist denn los?“, flüstert witzigerweise auch sie nun.
„Er ist in meinem Wohnzimmer bei meiner gewaschenen Wäsche… und ich-“
„Verkriechst dich im Bad“, vervollständigt sie meinen Satz. Wahrscheinlich hört sie den Hall. „Das ist nicht dein Ernst!“
„Doch.“ Ich sinke weiter in mir zusammen.
„Okay, du bist mir ja schon von Anfang an fremd gewesen, als du anfingst, ihn zu stalken… aber jetzt? Bist du krank?“ Ihre imaginäre Hand fühlt meine Stirn. „Du verhältst dich wie zwölf. Nein, warte, selbst damals warst du nicht so schlimm!“
„Ich bin nervös!“, zische ich.
„Ach wirklich“, kommt es kühl. „Na und?“
„Ich war noch nie nervös!“ Am liebsten würde ich schreien; ich muss mich tierisch anstrengen, es nicht zu tun. „Ehrlich, ich habe keine Ahnung, was mit mir los ist! Ich bekomme kein Wort heraus und wenn er mich ansieht, geht mein Mageninhalt zum Tanztraining. Ich-“
„Echt? Das ist cool! Welcher Stil denn?“
„Das hab ich mich auch schon- stopp, hör auf mit dem Quatsch, darum geht es nicht!“
Ein Lachen. „Worum dann?“
„Ich weiß nicht, was mit mir los ist!“
„Oh, ich schon. Das ist sogar ziemlich eindeutig.“
„Ach ja?“
„Ja. Mit dir ist das los, was mit fast jeder Frau bei ihrem ersten Date passiert. Oder bei Männern, wenn sie endlich mit ihrer Traumfrau ausgehen. Das ist etwas vollkommen Normales.“
Traumfrau? Da hätten wir es wieder.
„Nicht für mich!“
„Doch, auch für dich. Es hat nur so lang auf sich warten lassen, dass ich schon dachte, ich müsse dich zu einer Therapiestunde für gefühlskalte Leute schicken.“
„Na vielen Dank! Das hilft mir jetzt auch nicht weiter!“
„Micha, hör zu…“ Ihre Stimme ist plötzlich wieder ganz ruhig, fast meditierend.
„Hm?“
„Mach dich nicht so verrückt. Es verlangt doch keiner von dir ne Kerze anzünden und rote Rosen zu kaufen. Rede einfach mit ihm, ganz normal, wie du auch mit mir redest, über Gott und die Welt. Lern ihn kennen, das hast du dir doch gewünscht.“
„Ich weiß.“
„Na also. Und jetzt leg mich endlich auf, denkst du nicht, er geht dir vor Nervosität in deinem Wohnzimmer ein wie eine welkende Tulpe, wenn du noch länger in Selbstmitleid badest?“
„Wieso sollte er?“ Zögernd erhebe ich mich, trete vor den Spiegel. „Aber du hast recht.“
„Na also. Und versprich mir, dass du gute Neuigkeiten hast, wenn du mich das nächste Mal anrufst!“
Ohne eine Antwort abzuwarten ist im nächsten Augenblick die Leitung tot. Mit einem tiefen Seufzer vergrabe ich mein Handy wieder in meiner Hosentasche, wuschle mir durch die Haare, streiche sie glatt, damit sie irgendeine Frisur annehmen. Ich sehe schrecklich aus!
Mir darüber im Klaren, dass ich daran nun aber überhaupt nichts ändern kann, und dass ich ihn tatsächlich schon seit einer halben Ewigkeit mit meiner Unterwäsche alleingelassen habe, kehre ich endlich dem Bad den Rücken.
Wenn doch nur endlich mein Herzklopfen nachlassen würde.

Ende ~ Kapitel 1
Aktualisiert: 14/06/09
Veröffentlicht: 14/06/09
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Puncky am 17/06/09 21:47
Hey,
Ich finde deine Geschichte echt süß... Wie viele Gedanken er sich macht und so ist echt sehr realistisch.
Ich hoffe, du schreibst bald weiter!

lg, Claudia
Von Blicken...
maia am 20/06/11 21:01
das einzige was mir zu dem ersten kapitel einfällt ist: ach wie süß...
was wirklich witzig ist, ist dass in meiner statistik vorlesung
auch ein micha, ein dominik und eine hannah sitzen...
ich bin schon auf das nächste kapitel gespannt...
lg maia
Von Blicken...
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Witch23
20/11/22 01:51
jo ist nur etwas wenierg los hier als früher ^^°

split
04/11/22 19:22
Also wenn die Seite offline gewesen wäre, hättest du die Frage nicht schreiben können, glaub ich. Jetzt funktioniert jedenfalls alles, soweit ich sehen kann *lebenszeichen geb*

beerman
03/11/22 22:08
Seite off`?

Witch23
20/08/22 10:06
Hallo zusammen

gerdhh171
23/07/22 21:10
hallo jungs

Witch23
29/06/22 06:27
Hallo auch

split
23/06/22 14:41
Hallo, welcome back

minori
22/06/22 18:02
Wenn man nach 13 Jahren mal wieder vorbei schaut :) Heyho

Witch23
10/06/22 09:30
Tja, solange bxb existiert sollte das auch ^^

carrabas
09/06/22 21:23
Dieser alte Login funktioniert noch :O

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