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Tannenbaumcrash

von jainoh [Ab 14 ] [Reviews - 8] (Abgeschlossen)
Veröffentlicht: 03/08/09 Aktualisiert: 24/03/10
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1. Kapitel 1

1

Julian war fertig. Die letzten Tage waren eine Hölle gewesen, und er war sich mal wieder sehr sicher, dass er niemals Kinder wollte. Seit acht Tagen wohnte sein Neffe Dennis, der siebenjährige Sohn seiner Schwester, seines Zeichens Nervensäge, Heulboje und McDonaldsunterstützer, bei ihm.
Dies war so, weil Dennis' jüngere Schwester die Windpocken aus dem Kindergarten nach Hause gebracht hatte, und Julians Schwester unter der Last mit einem kranken Kind und einem aus der Hölle, was Julians geheime Vermutung blieb, einfach überlastet war.
Julian hatte ihre Jammerattacken nicht mehr aushalten können und hatte Dennis einen Platz in seiner geräumigen Zweizimmerwohnung angeboten. Sogar in seinem Bett. Er schlief auf dem ausgeklappten Sofa. Es war ein großer Fehler gewesen und das nicht nur, weil das Sofa erstaunlich unbequem war. Im Nachhinein betrachtet hätte er die Schwester mit den Windpocken nehmen sollen.
Sein Neffe ja war eigentlich ein liebes Kind, aber konnte zum Teufel werden, wenn er schlafen sollte, wenn er etwas gesundes essen sollte, wenn er mit dem Nintendospielen aufhören sollte, wenn er morgens mal schneller machen sollte, wenn er baden sollte, wenn sie im Supermarkt an den Süßigkeiten vorbeikamen, wenn... Die Liste war in das Unendliche zu verlängern.
Aber Dennis hatte auch seine Vorteile an sich. Seit er da war, konnte Julian ohne Sorgen die Kinderpuddings kaufen, konnte zum Frühstück Cartoons ansehen, ohne sich dumm zu fühlen dabei, und seit Dennis in seiner Wohnung war, hatte er von dessen Mutter auch die Weihnachtsdekoration übernehmen müssen. Nicht nur das. Sie hatte ihn persönlich heimgesucht und dafür gesorgt, dass die Weihnachtlichkeiten ihren rechten Platz erhielten.
Vor seiner Tür hing ein Kranz mit roten Schleifen, der sein Namensschild verdeckte, an der Längswand seines Flures tobten vierundzwanzig Teddybären mit dicken Bäuchen, die den Adventskalender seines Neffen darstellten und zu Julians gelindem Ärger seine Kalenderbilder aus dem Men 2000 überdeckten. Allerdings hätte er den ohnehin nicht behalten dürfen, um den Jugendschutzaugen seiner Schwester zu genügen.
In seinen Fenstern klebten über den Ficusbüscheln, die es noch mit ihm aushielten, etliche goldene oder pergamentene Sterne, die den Blick auf die kahlen Bäume gegenüber nahmen. In der Küche hatte Julians Schwester gar ein Pfefferkuchenhaus aufgestellt, mit Eiszapfen aus Zuckerguss, mit einer Hexe. Sogar ein kleiner Brunnen aus Lebkuchen war dabei gewesen, aber den hatte Dennis in einem Anfall bereits aufgegessen.
Julian hatte offiziell nie viel von Weihnachtsatmosphäre gehalten. Zuhause hatte er sich rebellisch gegen das Baumschmücken und Kerzenanbrennen ausgesprochen. Doch mittlerweile, in seiner eigenen Wohnung, gab er es für sich auch zu, dass es ihm gefiel. Er mochte das warme Licht der Adventskerzen, die sie zum Frühstück und Abendbrot anzündeten, und er mochte die Geschichten aus dem Adventsbuch, von denen er Dennis jeden Abend eine vorlesen musste. Heimlich hatte er schon vorweggeblättert, nur um festzustellen, dass natürlich die übliche biblische Weihnachtsgeschichte am Vierundzwanzigsten stand.
Zudem war Dennis praktisch, denn er bemerkte als erster und sehr richtig, dass zwei Wochen vor Weihnachten die nackten Fenster neben Julians Wohnung nicht mehr mit unbewohnter Schwärze gähnten, sondern leichte Gardinen enthielten. Diese Bemerkung an sich brachte noch nicht viele Veränderungen, aber zwei Handwerkerautos und ein Umzugslastwagen vor dem Wohngebäude ließen schon einiges erahnen.
Julian vergaß über Dennis' nervigem Gehampel beim Türaufschließen und seinem Gejaule, dass er unbedingt und sofort auf Klo müsse, gleich wieder, dass er einen neuen Nachbarn hatte. Dieser brachte sich erst am nächsten Morgen, einem Morgen, an dem Dennis erst zur dritten Stunde zur Schule musste, weswegen sie eigentlich länger schlafen konnten, sehr nachdrücklich in Erinnerung. Mit Schlafen war es natürlich punkt acht Uhr vorbei, als nebenan ein Schlagbohrer zu Dröhnen begann.
In den nächsten Tagen folgten kreischende Sägen, Hämmern, Klopfen, Rücken von Möbeln, laute Fußtritte von Möbelpackern, Türenknallen und jede Menge weiteres Bohren. Julian saß mit Ohrstöpseln in seiner Küche, wo er am liebsten lernte und versuchte die Konzentration zurück zu erlagen, während er sich überlegte, wieso ein neuer Nachbar noch einmal genau das gewesen war, was ihm gefehlt hatte.
Er hatte sich ursprünglich gefragt, wann endlich jemand einziehen würde, und wann die kahlen Fenster aufhören würden, wohlmöglich noch Diebe anzulocken. Nun fragte er sich, wieso er nicht einfach zufrieden gewesen war, dass er seine Ruhe gehabt hatte, seit seine schwerhörige Nachbarin in das Altenheim umgezogen war und niemand mehr so dermaßen lautstark Radio hörte, dass er in seiner Wohnung von der Heideblüte mitsingen konnte.
Der neue Nachbar begann von Julian gedanklich in eine Dartscheibe verwandelt zu werden, auf die er mit jedem neuen Anschwellen des Getöses möglichst vergiftete Pfeile warf. Die Vormittage, die er ohne Dennis eigentlich genossen hatte, wurden durch den Baulärm zur Hölle. Die Nachmittage verbrachten er und Dennis im Zoo, im Kino, in der Fußgängerzone, im Schwimmbad und im Park, nur um dem Lärm entkommen zu können. Zum einen kam Julian raus wie nie zuvor und stellte fest, dass er es verwirrender Weise mochte. Es hatte auch den angenehmen Nebeneffekt, dass Dennis am Abend rechtschaffend müde war und mit einem Mal ohne Protest schlafen ging. Leider war auch Julian zu müde, um noch an seiner Doktorarbeit weiterzuschreiben.
Doch nach einigen Tagen, eine Woche vor Weihnachten, kam die Erlösung, die himmlische Erlösung in Julians Augen. Er erwachte, und es war still. Lediglich eine Krähe krächzte und flatterte vor dem Haus durch die kahlen, ein wenig von Raureif überzogenen Ästen, als Julian erst ein Auge, dann das andere probeweise öffnete.
Er war eigentlich nur deswegen schon wach, weil es in den letzten Tagen immer so früh laut gewesen war auf dem Hausflur, und auch nur aus diesem Grund erwischte seine Schwester ihn auch am Telephon nicht so grummelig wie sonst, obwohl es Samstag war.
Ein Blick in den Spiegel im Flur neben dem Telephon präsentierte Julian sein blasses, ein wenig zu zerknittertes Gesicht unter einem Mopp wilder Haare. Um seine grünbraunen Augen lagen Ringe, die deutlich zeigten, dass er in den letzten Tagen systematisch fertiggemacht worden war, von seinem Nachbarn und seiner Verwandtschaft aus der Hölle.
"Alles ist hier soweit wieder im Lot, Juli. Ich werde mein kleines Krümelmonster dann morgen Abend einsammeln, ist das in Ordnung?"
"Sehr. Monster ist auch ganz richtig. Da bedanke ich mich herzlich. Das kostet ein Essen, mindestens." Julian gähnte und rieb sich die Augen, streckte sich ein wenig und ließ den Unleidigen raushängen. Seine Schwester ignorierte ihn.
"Fährst du Weihnachten nach Hause, Brüderchen?" Ihre Stimme klang so angespannt, wie es bei dem Thema immer Zuhause gewesen war. Natürlich fuhr er nicht nach Hause, nicht nachdem seine Eltern sich nur für ihn schämten, seit er es einmal gewagt hatte, mit seinem Freund gemeinsam zu kommen.
Julian spürte den Stich in seinem Magen und schüttelte den Kopf, auch wenn sie es nicht sehen konnte. "Nein. Du weißt genau, dass es eh keinen Zweck hat. Christine hat mich außerdem gestern gefragt, ob ich Zeit für 'nen lustigen Job hab. Wir werden als Weihnachtsmann und Christkind arbeiten, und dann werde ich mich ein wenig betrinken. Am ersten Weihnachtstag bin ich schon zu einem Essen eingeladen, mach dir also keine Sorgen."
"Die mache ich mir aber, Juli." Sie seufzte und verlangte "Gib mir meinen Murkel mal."
"Vergiss es. Der schläft, und ich wecke das Monster nur, wenn es unbedingt sein muss." Julian grinste und fuhr sich durch seine mal wieder viel zu langen Haare. Probehalber versuchte er, sie im Nacken zusammen zu nehmen, während seine Schwester mit einer Litanei "Sag ihm, dass ermirssososooofehlt, daßichihnsososososooooliebehab" begann. Er zuckte zusammen, als er gleich darauf eine resolute Stimme hörte "Ich bin aber wach!"
Julian reagierte schnell und eiskalt. "Dein Glück. Der Weihnachtsmann will dich sprechen, Dennis. Er fragt, wieso du so unartig warst." Sich mühsam das Lachen verkneifend lauschte Julian gleichzeitig über den entsetzten Vortrag seiner Schwester von der pädagogischen Undenkbarkeit einer solchen Aussage und betrachtete den geschockten, sehr schuldbewussten Gesichtsausdruck seines Neffen.
"Angeschmiert, Dennis-menace. Deine Regierung, zum Todesschuss bereit." Er reichte den Hörer weiter und ging ins Bad, während Dennis maulig in den Hörer verkündete "Du bist doof, Mama. Ich will bei Julian wohnen. Ich darf hier immer Nintendo spielen, wann ich will."
Wenig später saßen sie nach einer Strafpredigt von Mama an Julian das Nintendospielen betreffend und einer Dusche, für die Dennis prompt zum beleidigt prustenden Walross geworden war, am Frühstückstisch, und Dennis beschwerte sich, dass er nicht gleichzeitig die Cartoons sehen und spielen konnte, weil es einen Mangel an Fernsehern in Julians Wohnung gab. Julian überließ ihn im Wohnzimmer seinen inneren Debatten und konnte nach einer Weile hören, dass das Nintendo gewonnen hatte.
Er war sich der Stille im Haus wieder bewusst geworden und hatte seine Lernsachen in der Küche ausgebreitet. Genüsslich sog er den Duft aus seinem Kaffeebecher ein und spielte mehr mit den Seiten der Arbeit, die er noch immer korrigieren musste, als dass er wirklich produktiv war. Es war einfach schon zu friedlich und freundlich an diesem Morgen. Er hatte seinen roten Lieblingspulli und die Hosen mit den Flicken überall angezogen und fühlte sich herrlich, weil ihm klar wurde, dass er einmal nicht aus der Wohnung musste.
Er verfiel in eine Art Tagtraum, der sich um das Wiedersehen mit einem ehemaligem Schwarm von ihm am ersten Weihnachtstag drehte. Das war von einer gemeinsamen Freundin über ein Essen arrangiert worden und Julian setzte nach längerem Singledasein seine Hoffungen darauf. Gerade hatte er das Gesicht seines Schwarms heraufbeschworen, als es auf dem Balkon, den er mit dem neuen Nachbarn teilen würde, laut rauschte, dann krachte, worauf ein gellender Schrei ihn zusammenzucken und zur Balkontür eilen ließ.
Ein merkwürdiges Bild bot sich ihm. Ein wirklich fett zu nennender Weihnachtsbaum hing quer über das niedrige Gitter, der Stumpf wackelte, zitterte und neigte sich in Zeitlupe der Erde, zwei Stockwerke tiefer gelegen, zu. Am anderen Ende, in einige Äste und die Spitze gekrallt, hing ein fluchender Mann, dem die schwarzen Haare in die Stirn gefallen waren, so dass vom Gesicht nicht viel zu erkennen war.
Julian musste erst lachen, dann fasste er mit an, gerade noch rechtzeitig, um sich an einigen der Nadeln zu verletzen, bevor der Baum mit lautem Rascheln abwärts stürzte, wo er mit einem dumpfen Paff aufkam.
Der schwarzhaarige Mann ließ sich keuchend und leicht zitternd vornüber hängen und Julian dachte schon bestürzt, dass er sich etwas getan hatte, weswegen er über die Brüstung flankte, die ihre Balkone unterteilte. Doch der andere lachte. Er prustete laut los, als er sich aufrichtete und hielt, fröhlich zwinkernd, die Finger vor seinen Mund.
Dann lief er mit zwei behänden Sprüngen zur Brüstung und lehnte sich darüber, um hinunter zu starren. Erneut lachte er lauthals auf, während Julian seinen Hintern in einer engen, beigen Jeans sehr vorteilhaft ausgestellt, begutachten konnte, bevor er sich neben den anderen an die Brüstung begab.
Der Baum stand selbstbewusst mitten in dem winterlich leeren Beet der alten, zickigen Nachbarin aus dem Erdgeschoss und sah aus, als hätte jemand ihn dort eingepflanzt. Julian lehnte sich vor und warf einen Seitenblick auf den Besitzer, seinen neuen Nachbarn, wie er nun messerscharf schloss.
Nicht nur die Rückseite war attraktiv. Der junge Mann hatte ein ovales, frisch getöntes Gesicht, das durch die Anstrengung und das Lachen nun leicht gerötet war, die Wangen glühten förmlich. Pechschwarzes Haar fiel ihm in unregelmäßigen Strähnen in die Stirn und vor die recht hellen, runden Augen. Er hatte eine zierliche Nase und einen schönen Mund, wie Julian sogleich träumerisch befand.
Rasch senkte er den Blick auf seine Füße in den ausgelatschten Hausschuhen und verbot sich diese Gedanken, verbot sich diese Art, auf den anderen zu schauen. Leider hatte sich das Bild schon eingebrannt. Julian hatte seine Gesichtsform verinnerlicht. Durch das Kunstgeschichtestudium nahm er Bilder einfach zu schnell in fertige Kategorien in sein Gedächtnis auf und dieses hier würde er lange behalten.
Doch der andere wirbelte in einer eleganten Drehung zu ihm herum, um ihn zu begrüßen. Sein Lachen funkelte noch immer in seinen Augen, steckte an und bevor sie sich vorgestellt hatten, prustete sie beide wieder los, Julian nahm jedoch die Hand und schüttelte sie.
Er hielt die schlanke, warme Hand des anderen fest, holte Luft und brachte seinen Namen eben gerade so heraus "Julian..."
"Reicht mir, reicht mir. Ich bin Kevin. Wir sind... oh nein!"
Julian öffnete seine Finger, aber konnte sich dann doch nicht von Kevin lösen; ihre Finger klebten durch reichlich Baumharz aneinander fest.
Kevin lachte schon wieder los und schüttelte an Julians Finger zerrend den Kopf. "Ich bin immer so tollpatschig, mir musste so etwas ja passieren!"
"Wieso hast du den dicken Baum runtergeworfen?", erkundigte Julian sich vorsichtig, während er Kevins Handgelenk umfasste und ihre Finger trennte. Dabei fiel ihm das zierliche Silberkettchen auf, das der andere trug. Hoffnung keimte in ihm auf.
Kevin lachte noch immer, es klang ein wenig nervös, dann erwiderte er noch einmal runterblickend "Dicker Baum ist gut! Ich wollte ihn bis Weihnachten auf dem Balkon stehen lassen. Ich konnte ja nicht ahnen, dass der Balkon so kurz und der Dicke so..." Er rührte mit den Fingern in der Luft herum.
Julian grinste. "...selbstmordgefährdet ist?"
Wieder mussten sie lachen, doch dann erklärte Kevin ruhiger werdend "Er hatte sich mit einem Ast an der Balkontür verhakt und ist dann so plötzlich losgeschnellt, dass ich... ich hab mich erschrocken und da war das Malheur auch schon passiert."
Er lehnte schwer atmend an dem Türrahmen und kicherte noch immer leise, während er zu seiner Wohnung deutete. "Kann ich mich irgendwie revanchieren, für die Rettungsangebote? Eine Tasse Tee oder Kaffee vielleicht?"
"Erst mal holen wir den dicken Baum zurück, schlage ich vor. So können wir ihn nicht lassen", entgegnete Julian grinsend.
In dem Moment raschelte es erneut, und eine Katze rannte fauchend aus dem Garten fort. Der Baum war umgekippt und lag nun quer vor dem Hauseingang. Kevin bekam vor Lachen kaum noch Luft, während er herausbrachte "Nein, nicht mal zu Weihnachten kann man den so lassen."
Sie stiefelte nebeneinander die Treppe herunter, und Julian stellte fest, dass er Kevin mehr als nur interessant und nett fand. Die ansteckende Fröhlichkeit, die sie über diese Ansammlung von Missgeschicken kichern statt fluchen ließ, war herrlich. Das lebendige, offene Gesicht zeigte deutlich, dass Kevin ihn ebenso mochte. Da war Julian sich sicher. Davon abgesehen war es noch ein geradezu schönes Gesicht, in das man gern blickte.
Julian war nicht viel größer als der andere, doch Kevin kam ihm zierlicher vor, auch wenn es nicht daher kommen konnte, dass er zu schmal war. Deutlich konnte man Muskeln sehen, als er die Ärmel seines Hemdes aufkrempelte, und auch im Ausschnitt sah Julian, dass Kevin viel Sport betreiben musste.
Sie hatten nur wenig Schwierigkeiten mit dem Baum. Mit vereinten Kräften schafften sie ihn wieder in den zweiten Stock und von dort auf den Balkon zurück, wo Kevin ihn sorgfältig in einen grünen Ständer verankerte.
Dann bot er Julian an "Du kannst dir in meinem Bad die Hände waschen, Seife und Handtuch hab ich schon ausgepackt."
Sie kehrten wieder ins Wohnzimmer zurück und Julian sah sich neugierig um. Die Wohnung von der Vorbesitzerin war nicht mehr zu erkennen. Zwar war alles noch chaotisch mit Umzugskartons vollgestellt, die halb ausgeräumt den Weg versperrten und aus denen reichlich alte Zeitungen quollen, aber die Möbel, zwar noch kahl, waren sehr geschmackvoll und geschickt in dem Raum verteilt.
Helle Regale, ein schwarzes Ledersofa, ein interessanter, moderner Couchtisch und einige edel mit silbernen Rahmen gefasste Photographien hatten den Raum gemeinsam mit einem frischen Anstrich und neuem, teuer aussehenden Teppichboden in hellem Beige komplett verändert.
Wegen seines Blickes in der Runde war ihm entgangen, dass Kevin zu ihm getreten war. Er hatte rote Wangen und sah Julian erschrocken in das Gesicht. "Oh, das ist mir so peinlich. Per Weihnachtsbaumcrash hab ich mich bei meinem neuen Nachbarn vorgestellt, nicht wahr?"
"Nun, eigentlich hat man ja schon die ganze letzte Woche gehört, dass da jemand renoviert", entgegnete Julian trocken, auch wenn er sich gleich danach gern dafür gehauen hätte.
Kevin ließ den Kopf ein wenig hängen. "Verdammt, wie kann ich es wiedergutmachen? Ich wünschte, ich hätte vorher schon Sektflaschen rumgehen lassen für alle, weil ich doch die Fußböden und diese Deckenvertäfelung hab raushacken lassen. Die Handwerker waren zu laut, nicht wahr?"
"Nein, schon gut. Es war eine Art Scherz. Ich bin zwar einige Male aufgewacht, aber wer ist schon den ganzen Tag zu Hause, nicht? Mach dir nichts draus", versuchte Julian verständnisvoll zu antworten und hielt sich in letzter Sekunde zurück Kevins Schulter zu drücken, wonach ihm in diesem Moment wirklich war.
Die etwas gespannte Situation zwischen ihnen hob sich gleich darauf auf, weil ihm seine klebrigen, harzigen Finger wieder ins Gedächtnis kamen. Hastig ging seine Hände waschen. Auch das Bad war neu, hell und modern eingerichtet. Dies erklärte zumindest den ohrenbetäubenden Lärm gerade am Anfang der Umzugsphase von Kevin. Aber gelohnt hatte es sich, kein Vergleich zu den ekelgrünen Fliesen in seinem eigenen Bad.
Auf dem Badewannenrand standen noch etliche Farbeimer und Pinsel herum. Es roch auch noch frisch gestrichen, geklebt, renoviert. Julian blickte in den zierlichen, mit geätzten Gräsern verzierten Spiegel und kämmte sich mit den Fingern durch die wuscheligen Haare, registrierte seufzend, dass er noch nicht rasiert war. /Und das, wo du einen Traumnachbarn kennen lernst. War ja klar, dass du aussehen musst wie ein Strolch./
Nervös kehrte in das Wohnzimmer zurück, wo Kevin gerade ein weiteres Bild aufhängte. "Du könntest mir mal sagen, ob es gerade hängt. Ich seh das aus der Nähe so schlecht."
Es war eine Photographie. Sie zeigte zwei Ballett-Tänzer im Sprung, von einem strahlenden Lichteffekt umgeben und dynamisch wirkend, als würden sie jeden Moment auch auf dem Bild noch landen.
Nun erst sah Julian sich bewusster um, während Kevin das Bild nach seinen Angaben an einem Nylonfaden hin- und her ruckelte, bis es einigermaßen gerade hing. "Es sind ja alles Ballettaufnahmen, nicht?"
"Ja." Kevin nahm das nächste Bild auf und hielt es an die Wand.
"Das ist sehr schön. Mehr links runter, ja so."
"Ich mag die Bilder auch gern."
"Kennst du welche von den Tänzern?"
Unsicher schlich sich Julian näher an die noch am Boden stehenden Bilder heran und betrachtete eines genauer. Die leise Antwort von Kevin, der nun zu ihm trat, kam gleichzeitig mit seiner eigenen Erkenntnis. "Ich bin einer der Tänzer, auf diesem Bild zum Beispiel. Die anderen sind von Freunden und Kollegen, die ich bewundere."
"Wow... ja, sieht man eigentlich auch. Tanzt du noch immer?" Beeindruckt betrachtete Julian Bilder von den Dingen, die Kevin so mit seinem Körper anstellen konnte. Zudem war es von ihm zuvor schlau beobachtet gewesen. Der andere war trainiert, bewegte sich so elegant. Erstaunlich, dass er zur selben Zeit so tollpatschig sein konnte, den Baum fallen zu lassen.
"Ich tanze nicht mehr, sondern gebe Unterricht an der Akademie. Die ist gleich hier um die Ecke, ich kann zu Fuß hin, was mir sehr recht ist."
Kevin ging von ihm weg zur Küche und fragte "Magst du etwas trinken, bevor du über den Balkon zurückkletterst?"
"Nein, nein... ich kann auch einfach klingeln, Dennis wird schon... oh verdammt, Dennis!"
Rasch lief Julian über den Flur und klingelte an seiner Haustür. "Nun mach schon auf, bitte." Als Dennis ihm nach einigen Malen des Klingelns nicht öffnete, erfasste Julian eine heiße Angst, die ihm klar machte, dass er das kleine Monster wider Erwarten doch gern hatte.
Kevin trat zu ihm und fragte "Ein kleines Kind?"
"Ja. Oh, wenn ihm nur nichts passiert ist. Er ist erst sieben. Gerade in die Schule gekommen. Dennis! Mach bitte auf!"
Um Kevins Mund zuckte es leicht, während er zu seiner Wohnung zurückdeutete und ein wenig distanziert fragte "Willst du doch über meinen Balkon...?"
Er kam nicht weiter, denn Dennis öffnete die Tür und nörgelte "Wo warst du denn?"
"Oh, dir ist nichts passiert. Gott sei dank!" Rasch umarmte Julian Dennis einmal und drückte ihn an sich, um ihm durch die strubbeligen, blonden Haare zu wuscheln. Ein Merkmal, das in der Familie lag.
"Ich konnte nicht aufmachen, musste erst abspeichern. Ich muss mal aufs Klo, machst du die Hose auf, ich kann das nicht."
Julian half Dennis mit den Hosenträgern der Winterhose und erklärte über seinen Rücken zu Kevin hin, der einen Schritt entfernt dastand und sie anstarrte. "Dennis the menace. Ich bin froh, wenn das Monster in der nächsten Woche wieder bei seiner Mutter ist."
Kevin nickte lediglich einmal und sagte leise "Ich entschuldige mich noch einmal für den Lärm. Und dann bedanke ich mich noch einmal für die Hilfe. Ich muss jetzt leider los, man sieht sich ja im Hausflur, denke ich."
Aktualisiert: 03/08/09
Veröffentlicht: 03/08/09
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Witch23 am 26/11/09 16:24
zwar kenne ich soweit ich weiß alle deine bisher veröffentlichten Geschichten, aber dennoch lese ich sie immer wieder gerne.

Und da ich seit neustem fleißig Reviews abgebe, wede ich beim erneutem lesen auch vor deinen Geschichten nicht halt machen.

Die Chars sind schön beschrieben, es wird mehr nebenbei und beiläufig der Charakter der Personen aufgezeigt. Was etwas ist was ich schön finde und auch bewundere.

Antwort des Autors jainoh (13/12/09 17:57):
Danke für deinen Kommentar schon so früh in der Geschichte. Danke auch für das Lob für die Figuren.
Kapitel 1
darkman1979 am 19/09/14 03:31
Kevin denkt falsch. Typisch mal wieder



Antwort der Autors jainoh (20/09/14 06:46):
Kevin ist natürlich nicht nur ein wenig älter als Juli, auch erfahrener. Er hat nicht nur gute Erfahrungen gemacht. Das hat in der Geschichte halt keinen Platz. Daher sein Misstrauen.
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Witch23
20/11/22 01:51
jo ist nur etwas wenierg los hier als früher ^^°

split
04/11/22 19:22
Also wenn die Seite offline gewesen wäre, hättest du die Frage nicht schreiben können, glaub ich. Jetzt funktioniert jedenfalls alles, soweit ich sehen kann *lebenszeichen geb*

beerman
03/11/22 22:08
Seite off`?

Witch23
20/08/22 10:06
Hallo zusammen

gerdhh171
23/07/22 21:10
hallo jungs

Witch23
29/06/22 06:27
Hallo auch

split
23/06/22 14:41
Hallo, welcome back

minori
22/06/22 18:02
Wenn man nach 13 Jahren mal wieder vorbei schaut :) Heyho

Witch23
10/06/22 09:30
Tja, solange bxb existiert sollte das auch ^^

carrabas
09/06/22 21:23
Dieser alte Login funktioniert noch :O

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