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Chinese Food

von veri [Ab 14 ] [Reviews - 20] (Abgeschlossen)
Veröffentlicht: 28/09/09 Aktualisiert: 01/02/10
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1. 1

Dass ich nicht so mies aussah, wie ich mich fühlte, zeigte mir der Spiegel des Waschraums meines Lieblingsasiaten. Mein halblanges Haar war leicht verworren, aber das hätte auch Absicht sein können. Eine Rasur war vielleicht mal wieder fällig. Meine Augen waren glasig, aber nicht blutunterlaufen. Etwas blass war ich um die Nase, aber da es Sommer war, verdeckte die Sonnenbräune das gut.

Ich spritzte mir noch etwas Wasser ins Gesicht und ging zurück auf meinen Platz, um meine Traubenschorle auszutrinken und zu bezahlen. Tja, dass ich das ganze Thai-Curry wieder in ihre Toilette erbrochen hatte, würde die Kellnerin bestimmt nicht davon abhalten, die sechs Euro für das Mittagsmenü zu kassieren.

Seit der letzten Chemo saß ich jeden Tag in diesem China-Restaurant am Buffet und aß Reis mit etwas roter Currysoße. Etwas anderes brachte ich nicht runter und heute hatte ich nicht mal das bei mir behalten können.


***


Den Nachmittag verbrachte ich, wie immer, auf der Terrasse meines Elternhauses. Hier war ich nach der Diagnose vor drei Monaten wieder eingezogen. Immodium Akut und eine Flasche Mineralwasser halfen mir über den Tag. Es war ein schlechter Tag. Die häuften sich derzeit.

Wie eigentlich täglich weckte meine Mutter mich gegen fünf, ich war mal wieder in der Sonne eingeschlafen. Sie versuchte, mich zum Essen zu bewegen, gab auf, als ich den Würgereflex beim Anblick ihrer Hausmannskost kaum noch unterbinden konnte, ließ mir ein heißes Bad ein und verschwand in ihrem Schlafzimmer.

Für mich konnte zurzeit nichts heiß genug sein. Achtundzwanzig Grad im Schatten und ich brauchte trotzdem das heiße Bad, um die Kälte aus meinen Knochen zu vertreiben. Ich fühlte mich unglaublich alt, gar nicht wie zweiundzwanzig. Waren tatsächlich erst drei Monate vergangen, seit der Arzt mir eröffnet hatte, dass sich an meiner Leber ein Tumor eingenistet hatte?

Bis dahin war meine größte Sorge die Vordiplom-Prüfung gewesen, die meine Kommilitonen letzten Monat ohne mich abgelegt hatten. Eigentlich hatte ich geplant, ab Ende September ein Semester in London zu verbringen. Wohl eher nicht. Nach zwei Sechserzyklen Chemo zeichnete sich ab, dass es ohne eine OP wohl doch nicht funktionieren würde. Also sollte ich erst mal wieder zu Kräften kommen (was nicht so leicht war, wenn man nichts bei sich behalten konnte) und mich dann aufschneiden lassen.

Meine Freundin war ich zu allem Überfluss auch noch los. Selbst Schuld, wenn man sich auf eine Betriebswirtschaftlerin einlässt, aber ich hatte nun mal als Muster-Student die meiste Zeit in der Uni verbracht und demzufolge waren die meisten Frauen, die ich kennengelernt hatte, aus meinem Studiengang.
Ja, auch ich hatte mich für BWL entschieden. Ich war eben hinter der dicken Kohle her. Medizin war nichts für mich und auf Jura hatte ich irgendwie auch keinen Bock. Da war Betriebswirtschaft naheliegend. Hatte auch alles wunderbar funktioniert. Ich hatte schon ein paar Praktika in großen Unternehmen hinter mir, mit Zahlen konnte ich schon immer gut umgehen und gegen eine Sechzig-Stunden-Woche hatte ich eigentlich auch nichts einzuwenden gehabt.


Jetzt war alles anders. Meine Familie war wie verwandelt. Meine Mutter war plötzlich zur Glucke mutiert, mein Vater kam sogar ab und an vor sieben aus dem Büro, meine Schwester besuchte uns oft am Wochenende, mein kleiner Bruder war nett zu mir. Ich musste wohl todkrank sein oder so.

Jetzt saß ich hier rum und langweilte mich den ganzen Tag. Seit drei Monaten! Die einzige Abwechslung waren meine kleinen Ausflüge zum Asiaten, die ich seit dem Ende der letzten Chemo vor zwei Wochen jeden Tag unternahm.


***

Am nächsten Tag: eine Veränderung in meinem Trott! Ein neuer Kellner. Recht jung, Asiate, wie alle hier. Vergleichsweise groß, sehr freundlich und aufmerksam, nicht zu aufdringlich, nettes Lächeln, und hat zur Abwechslung mal keine Schwierigkeiten, mich zu verstehen. Das wenige, das er redet, spricht er dialektfrei. Da ich immer am gleichen Tisch sitze, bedient er mich ab sofort jeden Tag. Bald sind wir ein eingespieltes Team. Er weiß, was ich bestelle, und dass ich nach einer halben Stunde die Rechnung will. Kein Nachschenken oder sonstige Extras.


***

Ist es normal, dass ich vier Wochen nach der Chemo mitgenommener war als unmittelbar danach? Ich entschloss mich, trotzdem zum Asiaten zu gehen. Langsamer als sonst, aber rauskommen aus der Bude musste ich einfach einmal am Tag.

Das erwies sich als Fehler. Der Essensgeruch bekam mir nicht besonders gut. An der Türe machte ich sofort kehrt und kotzte in die Ziersträucher neben dem Eingang.
„Alles okay?“
Da stand doch tatsächlich mein Kellner hinter mir, allerdings in ziviler Kleidung und mit einer Umhängetasche um die Schultern.
„Geht schon wieder …“
„Also an unserem Essen kann’s nicht liegen. Du warst ja noch nicht drin.“
Das rang mir ein Lächeln ab. Er sprach tatsächlich total ohne Dialekt.
„Kann ich dich irgendwo hinfahren? Nach Hause? Zu einem Arzt?“
„Danke, ich komm klar …“
„Sag das nicht aus falscher Höflichkeit. Ich hab grad eh nichts zu tun. Hab Schluss für heute.“
„Also vielleicht wäre es doch besser, wenn du mich heimfährst. Ich fühl mich irgendwie ziemlich wacklig auf den Beinen.“
„Okay, mein Auto steht gleich da hinten.“
„Bist du überhaupt schon alt genug dafür?“
„Hey Vorsicht, ich werde nächsten Monat neunzehn.“
Fünf Minuten später setzte er mich zu Hause ab und ich bedankte mich höflich.


***

Am nächsten Tag musste ich meinen Besuch im Restaurant ausfallen lassen und stattdessen meinen Arzt aufsuchen. Der konnte auch nicht viel mehr machen, als mir ein paar Pillen aufzuschreiben. In zwei Wochen sollte ich wieder vorbeischauen, dann würde das mit der OP entschieden werden. Wenn ich Pech hatte, bekam ich nochmal einen Sechserzyklus, diesmal stationär.


***

„Hallo. Einmal Buffet und, Achtung, jetzt kommt’s: Eine Apfelsaftschorle, bitte“, grinste ich.
„Wow, du bist ja wirklich unberechenbar. Warum keine Trauben mehr?“
„Öfter mal was Neues.“
„Geht es dir besser?“
„Etwas.“
„Soll ich dir deinen Reis mit roter Curry-Sauce bringen?“
„Du weißt sogar, was ich mir vom Buffet hole?“
„Ja und ich muss dir sagen, du nutzt unser Angebot nicht wirklich aus. Wenn es dir wieder gut geht, musst du mal richtig zuschlagen.“
Hm, wann das wohl sein würde?

Er brachte mir eine Schüssel Reis und eine Schüssel Soße.
„Sag Bescheid, wenn du noch was brauchst.“
„Das nenn ich echt mal Service. Danke.“
„Nur für Stammgäste.“
Er zwinkerte mir zu und kümmerte sich wieder um die anderen Gäste.

Nach einer halben Stunde kam er zu mir.
„Na, willst du die Rechnung?“
„Acht Euro zehn?“
„Weißt du, du musst kein ganzes Buffet bezahlen. Gib mir nen Fünfer, das passt schon.“
„Und was ist mit Trinkgeld?“
„Das ist okay, echt. Du wirst ja arm, wenn du jeden Tag zehn Euro hier lässt.“
„Und du wirst arm, wenn du jedem fünfzig Prozent Rabatt gibst.“
„Nicht jedem, nur Stammgästen die jeden Tag kommen. Wenn du noch wartest, bis ich eine Kleinigkeit gegessen habe, dann kann ich dich wieder nach Hause bringen.“
„Du isst hier?“
„Klar. Das ist wohl die beste Werbung für den Laden. Ich weiß genau, was in der Küche vor sich geht und esse trotzdem gern hier. Also wartest du auf mich?“
„Sicher.“

Er löffelte eine Suppe und dippte ein paar Wan Tans rein. Ich rümpfte die Nase.
„Hey, das schmeckt toll. Willst du kosten?“
„Na, ich weiß nicht …“
„Bist du Vegetarier oder so?“
„Nein, aber in Suppe dippen?“
„Da ist Süß-Sauer-Soße drin, nur verdünnt. Hier, probier schon.“
Na gut, zugegeben, das schmeckte wirklich nicht übel.
„Also, isst du morgen doch wieder das Buffet? Inklusive Vorspeisen?“
„Ich weiß nicht, ob das eine gute Idee wäre. Eure Ziersträucher da draußen haben bestimmt schon genug von meinem Mageninhalt gesehen …“
Er lachte, stopfte sich das letzte Wan Tan in den Mund und stand auf.
„Dann lass uns verschwinden, hm?“
Er verabschiedete sich noch kurz auf … einer asiatischen Sprache von der Frau am Empfang und schon saßen wir im Auto.

„Du bist der erste, den ich hier näher kennenlerne. Ich bin erst vor zwei Wochen hergezogen.“
„Woher kommst du eigentlich?“
„Aus der Nähe von München.“
„Nein, ich mein, wo bist du geboren?“
„In München.“
„Nein, ich meine… hm… Wie heißt du denn zum Beispiel?“
„Josef.“
„Nicht dein Ernst!“
„Nein, aber das sag ich immer, wenn jemand einfach nicht glauben kann, dass ich aus München komme.“
„Verstehe. Aber du hast ja vorher auch eine andere Sprache gesprochen.“
„Ja, das stimmt. Aber davon kann ich nur ein paar Brocken. Das war Indonesisch.“
„Also kommen deine Vorfahren nicht aus Indonesien?“
„Nein, aus China.“
„Danke, das war alles, was ich wissen wollte.“
„Und was fängst du jetzt mit der Info an?“
„Bist du irgendwie angepisst deswegen?“
„Woher kommen denn deine Vorfahren?“
„Ähm… keine Ahnung… ein paar aus Österreich, ein paar aus der Tschechei…“
„Und, beeinflusst dich das irgendwie?“
„Nein, aber du arbeitest in einen China-Restaurant.“
„Touché.“
„Und wie heißt du nun?“
„Dayu.“
„Dayu. Hört sich schön an. Kann man auch gut sagen. Ich mag dunkle Vokale.“
„Und du?“
„Marc.“
„Kurz und prägnant. Nicht übel.“
„Na ich weiß nicht…“
„Hier wohnst du, richtig?“
„Ah, ja, das ging jetzt schnell…“
„Sehen wir uns morgen?“
„Höchstwahrscheinlich. Und vielleicht überrasche ich dich und bestell eine Cola.“
„Das würde mein Weltbild zerschmettern.“
„Danke für’s Fahren.“
„Gern geschehen. Liegt auf dem Weg. Bis morgen.“
„Bis morgen.“
Das war nett. Und meinem Magen ging es auch passabel. Ich war guter Dinge und beantwortete endlich ein paar E-Mails von Kommilitonen, was ich schon lange vor mir hergeschoben hatte.


***


„Na, was darf’s sein?“
„Buffet und … Traubensaftschorle.“
„Hm, wie wäre es mit Mango-Schorle?“
„Die gibt’s?“
„Klar, hast wohl schon lange keinen Blick mehr in die Karte geworfen, hm?“
„Wozu auch?“
„Stimmt. Also, Vorspeise gefällig?“
„Das lass ich lieber. Ich hol mir mein Zeug schon.“
„Geht’s deinem Magen immer noch nicht besser? Vielleicht solltest du mal zum Arzt gehen?“
Tja, was sollte ich darauf sagen?
„Danke für den Tipp …“
„Was hältst du von Gesellschaft beim Essen? Ist eh nicht mehr viel los … also, nur wenn du nicht lieber allein bist …?“
„Seh ich so eigenbrötlerisch aus?“
„Eigentlich nicht … dann hol ich mir mal was.“

Diesmal gab’s Frühlingsrollen mit Knoblauchsoße und gebratenem Reis.
„Mahlzeit.“
„Gleichfalls.“
Wir aßen relativ schweigsam. Dann gab er sein Geld ab, verabschiedete sich auf indonesisch von der Empfangsdame und schon saßen wir wieder bei ihm im Auto.

„Auf den Weg wohin liegt mein Haus eigentlich?“
Eigentlich hatte ich damit gerechnet, dass er erstmal nicht wusste, was ich meinte. Aber er lächelte.
„Zu meinem Dojo. Karate.“
„Du machst aber viele asiatische Sachen …“
„Aber Karate ist nicht chinesisch, sondern …“
„Japanisch, ich weiß. Ich hab auch mal dort trainiert. Recht lange sogar.“
„Ja? Welche Stufe?“
„Vierter Kyu.“
„Nicht übel. Vielleicht können wir ja mal einen Übungskampf machen, wenn du wieder fit bist.“
„Ja, mal sehen … was für ne Farbe hast du?“
„Braun. 3. Kyu.“
„Echt? Damit bist du hier wohl einer der Jüngsten.“
„Ja, stimmt. Also, wenn du Lust hast, mitzukommen …“
„Ein anderes Mal gerne.“
„Cool. Wie lang hast du bei Thorsten trainiert?“
„Seit ich 12 war, bis zum Abi vor drei Jahren. Also sieben Jahre.“
„Dann bist du jetzt 22?“
„Im Kopfrechnen bist du schnell.“
„Bringt der Job so mit sich. Ich konnte dein Alter überhaupt nicht schätzen.“
Ich wusste, was er meinte. Die Ringe unter meinen Augen ließen mich eher wie dreißig wirken.
„Naja, dann sehen wir uns also morgen?“


***

Das machten wir eine Woche lang jeden Tag. Redeten unablässig, scherzten und verstanden uns. Langsam fühlte ich mich wieder besser.
„Kommst du heute mal mit ins Dojo?“
„Auf einen Sprung vielleicht…“
„Sehr schön. Thorsten freut sich auch schon, dich mal wieder zu sehen. Du warst wohl einer seiner Lieblingsschüler.“
„Ich hab halt immer fleißig an den Prüfungen teilgenommen und auch mal das Kindertraining geleitet. Aber durch das Studium musste ich wegziehen und hatte auch nicht mehr die Zeit.“
„Was studierst du denn?“
„BWL.“
„Echt wahr? Würg! Hätte ich dir gar nicht zugetraut.“
„Hm, danke, glaub ich …“
„Und dann sitzt du später mal in der Chefetage eines riesigen Konzerns, feuerst zweitausend Mitarbeiter und verlagerst den Firmensitz nach China?“
„Mal abwarten …“
„Kommst du mit 'ner Sechzig-Stunden-Woche klar?“
„Mal sehen … das hat ja alles noch Zeit.“
„Aber darüber hast du doch bestimmt nachgedacht, bevor du das Studium begonnen hast. Was ist mit den wirklich wichtigen Dingen? Oder geht’s dir nur um Kohle?“
„Hey, jetzt mal langsam, ja? Kannst du mit den Vorwürfen vielleicht warten, bis sie akut sind?“
„Was ist mit einer Beziehung? Ich meine, eine Woche hat 168 Stunden. 56 davon schläfst du schon. Bleiben noch 112. 32 davon am Wochenende. Bleiben 80. Also hast du unter der Woche nur 20 Stunden für dich, das sind vier am Tag. Und da kommt noch Dienstweg dazu, Besorgungen, und ob es tatsächlich bei 60 Stunden die Woche bleibt ist auch fraglich…“
„Du stehst echt auf Zahlen, hm?“
„Das ist nicht der Punkt. Wann willst du denn da noch leben? Das Leben ist kurz, weißt du?“
„Ja, verdammt, das weiß ich! Das brauchst du mir nicht erzählen!“, schnauzte ich viel lauter als nötig.
Er schaute mich erschrocken an und fuhr rechts ran.

„Du bist krank, oder? So richtig krank?“
Ich nickte.
„Was hast du?“
„Krebs.“
„Wirst du behandelt?“
Ich nickte.
„Also ist es heilbar?“
„Das stellt sich noch raus.“
„Es tut mir leid.“
„Schon okay …“
„Kann ich irgendwas tun?“
„Du machst doch schon genug. Ich bin froh, mal raus zu kommen und irgendwas Essbares bei mir behalten zu können.“
„Aber das reicht doch nicht! … Ich muss doch noch was tun können …“
„Hey, Dayu, wir kennen uns noch nicht lange und trotzdem kutschierst du mich jeden Tag durch die Gegend. Das ist mehr als genug.“
„Du verstehst das nicht. Ich will noch mehr für dich tun. Du bedeutest mir was. Ich kenn hier nicht viele Leute, … ich bin gerne mit dir zusammen. … Also, wenn ich noch mehr für dich tun kann …“
„Ich wohne wieder bei meiner Familie, da bin ich gut versorgt. Aber ab und an ein bisschen Ablenkung … vielleicht mal Kino oder so …“
„Heute Abend? Dienstags kostet es nur die Hälfte. Ich hol dich ab und lad dich ein. Du musst dich um nichts kümmern.“
„Aber eines musst du mir versprechen: Wenn es dir zu viel wird, dann sagst du es mir ehrlich. Ich bin dir dann nicht böse oder so.“
„Okay, das kann ich dir versprechen. Soll ich dich jetzt lieber zu Hause absetzen, weil es dir sonst zu viel wird?“
„Wäre vermutlich vernünftiger …“

Um sechs klingelte es. Ich hatte bis fünf geschlafen und fühlte mich sehr ausgeruht. Da stand Dayu, in weinrotem T-Shirt und olivgrüner Dreiviertelhose.
„Na, fühlst du dich fit?“
„Allerdings.“
„Hast du Rocky Balboa schon gesehen? Der würde nämlich tatsächlich noch laufen und ich bin immer noch nicht dazu gekommen.“
„Läuft der jetzt nicht schon bald ein halbes Jahr? Ich würd ihn jedenfalls gern anschauen.“

Der Film war nicht übel, die Zeit verging schnell und das Popcorn schien ich auch gut zu vertragen.
„Danke, Dayu, ich hatte echt einen tollen Abend.“
„Willst du noch ne Kleinigkeit essen?“
„Besser nicht.“
„Oder noch ein bisschen mit zu mir kommen? Ich hab einen PS2 …“
„So? Hm … das wäre echt eine Überlegung wert …“
„Es sei denn, du bist zu müde oder so, das würde ich echt total verstehen …“
„Nein, mir geht’s gut.“
„Also zocken wir noch eine Runde?“
„Gern.“

Wir parkten vor einem Mehrfamilienhaus.
„Ich wohne ganz oben, dritter Stock. Schaffst du das?“
„Ganz so kaputt bin ich noch nicht …“
„Na gut.“
„Wohnst du hier alleine?“
„Ja.“
„In einer fremden Stadt?“
„Ja.“
„Das muss echt blöd sein.“
„Jetzt weißt du, warum ich so klammere.“
„Tust du doch gar nicht. Wenn es mir zu viel wird, sag ich’s dir schon.“

„So, willkommen in meiner bescheidenen Hütte.“
Zwei Zimmer, Küche, Bad, funktional eingerichtet, aber nicht kalt. Ab und an ein asiatischer Touch, einige Trainingsgeräte lagen rum. Ich ließ mich auf die nicht allzu große Couch plumpsen.
„Willst du was trinken?“
„Hast du irgendwelche Säfte da?“
„Traube oder Apfel?“
„Traube.“
„Warum frag ich eigentlich? Mit Sprudel?“
„Jep.“
„Also das Übliche, hm?“
„Genau.“
Dayu stöpsele seine PS2 an und ließ sich vor der Couch am Boden nieder. Wir fuhren Autorennen, warfen ein paar Körbe und am Ende verkloppten wir uns gegenseitig. Ich hatte echt Spaß und vergaß für ein paar Stunden, mich krank zu fühlen.

Bis sich diese Kopfschmerzen anschlichen …
„Geht’s dir nicht gut?“
„Irgendwie dröhnt mein Schädel …“
„Ich mach das mal aus.“
Er dämpfte das Licht und setzte sich neben mich.
„Willst du ne Aspirin oder sowas?“
„Ich hab meine eigenen Pillen, aber dann werd ich immer so schläfrig …“
„Soll ich dich besser nach Hause fahren?“
„Ich hab noch keine Lust …“
„Übernimm dich nicht. Morgen ist auch noch ein Tag.“
„Trotzdem. Ich glaube es wird schon besser. Oder bist du müde?“
„Überhaupt nicht. Ehm … Marc?“
„Hm?“
„Darf ich was zu deiner Krankheit fragen?“
„Klar.“
„Was für Krebs?“
„Ein Tumor an der Leber.“
„Kann man den nicht wegschneiden oder so?“
„Ich hab übermorgen eine Untersuchung, da wird das festgestellt. Kann sein, dass ich noch mal eine Runde Chemo brauche …“
„Du hattest eine Chemo-Therapie?“
„Sogar zwei Zyklen.“
„Aber deine Haare …“
„Die fallen nicht bei jedem aus, und es kommt auch auf die Wirkstoffe an.“
„Wie stehen deine Chancen?“
„Mal sehen. Die Ärzte wollen sich da nicht festnageln lassen.“
„Und was kann bei der Untersuchung übermorgen rauskommen?“
„Entweder der Tumor ist operabel, dann komm ich so bald wie möglich unters Messer, oder die meinen, er muss nochmal mit Chemie behandelt werden, bevor ich unters Messer kann, dann komm ich am Montag für zwei Wochen in die Klinik und danach hab ich noch ein wenig Schonfrist. Dann gibt es noch die Möglichkeit, dass das Teil schon gestreut hat, dann war’s das.“
„Sag das nicht so beiläufig!“
„Aber so ist es nun mal.“
„Was ist mit einer Transplantation?“
„Ich bin auf der Liste, aber kein guter Kandidat …“
„Dann müssen sie das Teil eben wegschneiden, das kann doch nicht so schwer sein!“
„Viel bleibt dann aber von meiner Leber nicht übrig. Man muss sehen, wie viele große Blutgefäße da reinführen und so. … Naja, ich muss eben abwarten, was übermorgen raus kommt.“
„Wie kannst du dabei bloß so gelassen bleiben?“
„Ich hab mich eben damit abgefunden, dass ich nichts tun kann …“
„Irgendwas kann man doch immer tun!“
„Kommst du mir jetzt mit Alternativ-Medizin? Chinesischer vielleicht?“, grinste ich.
„Mach dich nicht über mich lustig!“
Sein Ton war mehr als gereizt, deshalb sagte ich lieber nichts mehr.
„Weißt du, Marc, scheinbar liegt dir nicht viel daran, dass du weiterlebst, aber mir schon.“
„Wie kannst du denn sowas sagen!? Ich bin schließlich der, der unter dem ganzen Scheiß zu leiden hat.“
„Und ich bin der, der zusehen muss, wie es dem Menschen, in den ich mich verliebt hab, schlecht geht!“


„Dayu?“
„Ja?“
„Ich bin nicht schwul.“
„Ist mir aufgefallen.“
„Ich hatte keine Ahnung, dass du … so … für mich empfindest.“
„Tut mir leid, ich hätte dich nicht auch noch mit meiner Scheiße belasten sollen. Ich will dein Freund sein, das ist mir das Wichtigste. Vergiss den Rest einfach.“
„Aber …“
„Lass uns morgen darüber reden, ja? Ich bring dich nach Hause.“

Auf der Heimfahrt schwieg er eisern. Wie man sich vorstellen kann, schlief ich in dieser Nacht nicht besonders gut. Ich mochte Dayu, sehr sogar. Ja ich wünschte mir fast, schwul zu sein. Es wäre bestimmt toll, mit ihm eine Beziehung zu führen. Aber ich war nun mal nicht schwul. Ich konnte mir nicht vorstellen, auf diese Art mit ihm zusammen zu sein. Aber ich verbrachte gern Zeit mit ihm. War das fair ihm gegenüber? Sollte ich nicht lieber den Kontakt abbrechen, um ihm keine weiteren Hoffnungen zu machen? Aber in den letzten eineinhalb Wochen war es mir so gut gegangen wie schon lange nicht mehr. War das nicht schrecklich egoistisch? Andererseits, ich hatte Krebs. Durfte man da nicht ein wenig egoistisch sein?


***

Ich entschied mich, am nächsten Tag wieder ins Restaurant zu gehen. Ohne zu fragen, knallte er mir die Traubensaftschorle hin.
„Viel los. Selbstbedienung.“
Also trottete ich zum Buffet. Während ich aß, sah ich Dayu dabei zu, wie er von Tisch zu Tisch hetzte und die Leute (außer mir) ständig fragte, ob er ihnen noch etwas bringen konnte. Einige wirkten schon leicht genervt. Er wollte also beschäftigt wirken, um sich nicht mit mir auseinandersetzen zu müssen. Aber warum? Wäre das nicht mein Part gewesen?

Nach einer halben Stunde brachte er mir die Rechnung. Ich bezahlte, blieb aber sitzen. Er schaute immer wieder irritiert zu mir rüber, immer noch bemüht, beschäftigt zu wirken, was zunehmend schwerer wurde, da nur noch drei Tische besetzt waren. Ich winkte ihn zu mir rüber, er verdrehte die Augen und stapfte herbei.
„Nachspeise?“, fragte er sarkastisch.
„Reden.“
„Nicht hier.“
„Nimmst du mich mit zu dir?“
Er nickte und holte seine Sachen. Ein paar Minuten später fand er sich aufbruchbereit bei mir am Tisch ein.
„Willst du nichts essen?“, fragte ich.
„Kein Appetit.“
„Können wir dann zu dir?“
Er nickte und ich folgte ihm schweigend.

Erst beim Aufsperren seiner Wohnungstür durchbrach er das Schweigen.
„Am besten du vergisst einfach, was ich gestern gesagt habe.“
„Das wäre am einfachsten für mich, aber nicht für dich. Bist du wirklich in mich verliebt? So richtig?“
„Marc …“
„Sag schon. Keine Schwärmerei oder so?“
„Nein, mich hat es echt erwischt.“
„Aber du weißt, dass ich das nicht erwidern kann, oder? Selbst wenn ich wollte.“
„Du bist hetero, das weiß ich. Hab’s mir nicht so ausgesucht.“
„Wie soll ich damit umgehen? Was macht es dir am leichtesten? Soll ich besser auf Abstand gehen? Oder …“
„Nein! Ich will Zeit mit dir verbringen.“
„Aber wenn du denkst, dass …“
„Denk ich nicht. Du hast deinen Standpunkt klar gemacht.“
„Dann können wir einfach Freunde sein?“
„Ja.“
„Gut. Ich mag dich nämlich wirklich. Und du tust mir gut.“
„Das freut mich.“
„Ich bin dir echt dankbar und fühl mich wirklich geschmeichelt …“
„Jetzt hör schon auf, so perfekt zu reagieren. Das macht es mir nicht gerade leichter …“
„Sorry. Soll ich lieber einen auf Arsch machen?“
„Keine Ahnung, nein … nur normal halt. Wie ein normaler Mensch …“
„Ich bin ein arbeitswütiger BWLer, mit mir im Normalzustand hättest du nicht viel Freude.“
„Stimmt. Du, willst du mit ins Dojo? Ich muss doch trainieren …“
„Ja, dann genieß ich es, dir ein wenig beim Schwitzen zuzusehen … also, du weißt schon.“
„Ja, ich weiß. Werd nicht eigenartig, ja?“
„Okay, sorry …“
„Und noch was: Da weiß keiner Bescheid, also …“
„Meine Lippen sind versiegelt.“

Thorsten freute sich riesig, mich zu sehen, auch wenn er mich mit Seitenblicken musterte. Ich sah nicht mehr aus wie damals. Ich hatte über 15 Kilo abgenommen. Ein paar der Kids aus meinem Kindertraining waren auch da und schauten Dayu und einem anderen bei ihrem Übungskampf zu.

Thorsten nahm mich in einem ruhigen Moment bei Seite.
„Was ist los mit dir, Marc? Bist du krank? Du nimmst doch nicht etwa Drogen?“
„Nein. Was Medizinisches, aber ich bin gut versorgt. Das wird schon wieder.“
„Okay. Sag mir, wenn ich was tun kann. Und ich hoffe echt, dass du mal wieder vorbeikommst. Dayu macht sich gut, hm?“
„Allerdings.“
„Ist ja auch kein Wunder, bei dem Vater.“
„Häh?“
„Sag bloß, du weißt das nicht! Dai Feng Liu, sagt dir das was?“
Klar sagte mir der Name was. Das war ein Meister, der in den späten 80ern so ziemlich alle großen Wettkämpfe gewonnen hatte und jetzt eine Karate-Schule in München betrieb. Moment mal.
„Du meinst…?“
„Dayu Liu. Die Namensgleichheit ist kein Zufall.“
„Krass.“
Da kam der Junior auch schon:
„Hey, ich geh noch schnell duschen, bin gleich bei dir.“
„Alles klar, Xiao Liu.“
„Du hast es rausgefunden, hm?“
„Warum hast du nichts gesagt?“
„Lange Geschichte …“

Bei sich zu Hause erzählte er mir dann davon. Nachdem er seiner Familie gesagt hatte, dass er auf Jungs steht, war so ziemlich alles in die Brüche gegangen. Deshalb war er auch weggezogen, alleine hier her, um im Restaurant einer befreundeten Familie zu jobben und sein letztes Schuljahr anzutreten. Er hatte keinen Kontakt zu seinen Eltern und wollte eigentlich auch nicht mehr den Namen seines Vaters benutzen. Deshalb hatte er mir nichts davon erzählt und deshalb saß er jetzt mit Tränen in den Augen neben mir auf der Couch. Verstohlen wischte er sich über’s Gesicht. Ich wollte ihn in den Arm nehmen.
„Nicht! Tu das lieber nicht.“
„Warum?“
„Weil ich dich dann küssen muss und ich nicht noch mehr Ärger brauchen kann.“
„Tut mir leid …“
„Vielleicht sollte ich dich jetzt heimbringen …“
„Wenn du meinst.“
„Wir sehen uns ja morgen.“
„Eigentlich … also, das werde ich wohl nicht schaffen. Ich hab ja diesen Arzttermin …“
„Oh mein Gott, das hab ich ja total vergessen! Und ich labere dich hier mit meinen Problemchen zu. Tut mir leid. Wie geht’s dir? Kann ich was tun? Wann bekommst du die Ergebnisse?“
„Ganz okay, vorerst nicht, gleich morgen.“
„Soll ich dich abholen?“
„Meine Mutter kommt mit.“
„Willst du mich danach sehen?“
„Kommt drauf an, was rauskommt.“
„Dann rufst du mich an?“
„Kommt auch drauf an, was rauskommt.“
„So geht das nicht, Marc. Du kannst mich nicht bis übermorgen schmoren lassen. Ich will bei dir sein, bitte.“
„Okay, dann ruf ich dich auf jeden Fall an.“
„Willst du noch drüber reden?“
„Ich will eigentlich nur noch schlafen, damit die Zeit schneller vergeht.“


***


„Es tut mir leid, Herr Steinmann, aber wir werden wohl noch einmal in die Chemo-Therapie gehen müssen. Danach muss man weitersehen.“
Meine Mutter begann sofort zu schluchzen. Das war genau, was ich befürchtet hatte. Noch mehr Tortur ohne Garantie. Noch mehr hoffen und bangen. Ich wollte endlich Bestimmtheit. Das Schlimmste, das ich mir vorstellen konnte, war diese Ungewissheit. Ich wollte mich endlich darauf einstellen können, was mit mir passieren würde. Und dass meine Mutter so heftig reagierte, machte es nur schlimmer.

Deshalb rief ich Dayu an.
„Hey, kannst du mich vielleicht doch abholen?“
„Ja sicher, ich bin in einer viertel Stunde am Haupteingang.“
„Danke.“

„Wen hast du angerufen, Schatz?“
„Einen Freund. Er holt mich ab. Ich will es noch ausnutzen, dass es mir gut geht.“
„Welchen Freund? Jens? Dominik?“
„Einen neuen, du kennst ihn noch nicht.“
„Er passt aber auf dich auf, oder?“
„Ja natürlich. Wir sehen uns zu Hause, ja?“
„Klopf kurz, wenn du heim kommst.“
„Ich bin keine 16 mehr …“
„Tu mir den Gefallen.“
„Na schön.“

Ich wartete am Haupteingang, musste aber nicht lange rumsitzen, da steuerte Dayu schon auf mich zu, mit ziemlich besorgter Miene. Ich konnte nur hoffen, dass wenigstens er seine Nerven bewahren würde.
„Hallo.“
„Hey, und?“
„Wollen wir noch kurz spazieren gehen?“
„Klar.“
Ich führte ihn zur klinikeigenen Grünanlage.
„Also, noch kann ich nicht operiert werden. Der Arzt meint, ich soll vorher nochmal in die Klinik und eine dritte Chemotherapie starten.“
„Oh, okay … das ist weder ganz gut, noch ganz schlecht, oder?“
„Das ist nur ganz anstrengend.“
„Ich bin für dich da. Das sag ich nicht bloß so. Jederzeit, Tag und Nacht.“
„Ich werde ab Montag zwei Wochen in der Klinik sein und danach wird mit mir auch nicht viel anzustellen sein. Da muss ich alleine durch.“
Er legte beim Gehen tatsächlich einen Arm um meine Taille.
„Nein, musst du nicht. Ich werde dich jeden Tag besuchen und dich ein wenig ablenken. Ich würde es zwei Wochen ohne dich sowieso nicht aushalten.“
„Hör mal, ich werde in echt schlechter Verfassung sein …“
„Ich hab dich schon kotzen sehen, Marc.“
„Ja, aber das war noch gar nichts. Ich will eigentlich nicht, dass jemand mich so sieht.“
„Nicht mal deine Eltern?“
„Nicht mal die.“
„Du wirst mich nicht los.“
„Aber …“
„Nein, nichts aber. Und jetzt lass uns zu mir fahren und einen schlechten Film anschauen, über den wir uns das Maul zerreißen können. Hast du gegessen?“
„Gestern …“
„Dann holen wir noch rotes Curry.“

Mit Dayu Filme schaun war irgendwie seltsam, aber auf eine gute Art. Er war immer total auf die Geschichte fokussiert und war kaum ansprechbar, aber kaum lief der Abspann, gab es kein Halten mehr und er zerlegte die Handlung und die Umsetzung bis ins Detail. Ich konnte ihm bei den meisten Dingen einfach nur beipflichten und mich wundern, wie viel mehr er wahrgenommen hatte, als ich.

„Hattest du einen schönen Nachmittag?“, fragte er mich, als er sein Auto vor meinem Haus parkte.
„Den besten. Danke.“
„Ich liebe deinen Sinn für Humor.“
„Du bist der Einzige, der ihn versteht.“
Er schaute mich für einen Moment so seltsam an, aus seinen dunklen Mandelaugen. Ich dachte schon, er würde versuchen, mich zu küssen. Aber das tat er nicht. Er wandte seinen Blick einfach wieder ab. Das alles war bestimmt nicht leicht für ihn, aber er beschwerte sich nicht.
„Morgen?“, fragte er.
„Morgen.“


***


Noch drei Tage hatte ich, bevor ich in der Klinik erscheinen musste, und die gedachte ich auch zu nutzen. Dayu nahm sich frei und ich quartierte mich bei ihm ein. Kirmes, Kino, rotes Curry, verdammt, plötzlich war es Sonntagnachmittag und ich musste nach Hause, um zu packen.
Das Schlimmste war der Blick, mit dem er mich ansah, als wir uns im Auto verabschiedeten. Gott, wenn ich so einen Blick jemals von meiner Ex bekommen hätte, wäre ich der glücklichste Mann auf Erden gewesen. Ich konnte das nicht so weiter gehen lassen. Ich wollte ihn nicht noch unglücklicher machen.
„Dayu?“
„Ja?“
„Besuch mich nicht. Ich verbiete es dir.“
„Vergiss es.“
„Ich will nicht, dass du mich besuchst. Ende“, verkündete ich laut und deutlich.
„Aber …“
„Nichts Aber! Halt dich fern!“
Tränen. Oh nein, bitte keine Tränen!
„Warum sagst du sowas? Warum willst du mich nicht bei dir haben?“
„Nicht weinen, bitte.“
„Warum stößt du mich weg? Was hab ich denn falsch gemacht?“
„Nichts! Natürlich nicht! Du machst alles richtig! Genau deshalb will ich ja nicht, dass du verletzt wirst!“
Er blinzelte ein paar Tränen weg und schaute mich an, als wolle er sagen ‚Hallo, mach mal die Augen auf’.
„Ich wollte dir nicht weh tun“, fügte ich kleinlaut hinzu.
„Dann lass es in Zukunft.“
„Wenn das so einfach wäre …“
„Ich liebe dich, Marc. Daran kannst du nichts ändern.“
„Verdammt.“
Ja, ich weiß, nicht die angemessene Reaktion. Aber das hieß, dass es zu spät war um auszusteigen. Das war’s, er würde leiden, und ich war schuld daran.
„Dayu, ich … du bist mir unglaublich wichtig. Wenn ich dich nicht hätte, dann würde ich das alles nicht durchstehen. Aber du darfst nicht so selbstlos sein. Was soll denn aus dir werden, falls ich …“
Bamm! Seine Hand auf meiner Wange, nicht zärtlich, sondern klatschend.
„Wag es nicht, das auszusprechen! Daran darfst du nicht mal denken! … Oh Gott, tut mir leid, ich wollte das nicht. Alles okay?“
„Schon gut. Mir geht’s gut.“
„Es tut mir leid, ich will nur echt nicht, dass du sowas auch nur denkst.“
„Okay, ich werde mich hüten.“
„Marc, verdammt, reiß nicht ständig deine Witzchen!“
„Soll ich lieber rumheulen? Das nutzt ja auch nichts …“
„Immerhin könnten wir dann zusammen heulen und ich würde mir nicht so blöd vorkommen.“
„Ach du … komm her.“
Ich hielt ihn eine Weile fest, bis er sich löste.
„Ich komm so gegen halb zwei.“
„Okay, bis morgen dann“, resignierte ich.


***

Als er kam, hing ich noch am Tropf und langweilte mich schrecklich. Er hatte mir tatsächlich seinen alten Gameboy mit großer Spieleauswahl mitgebracht. Und natürlich Reis mit rotem Curry. Der würde heute Abend wohl wieder in der Toilette landen, aber ich aß ihn trotzdem. Dayu blieb lange, so konnte ich ihn noch meiner Mutter und meinem Bruder vorstellen, mit dem er wohl ab September zur Schule gehen würde.

Tatsächlich besuchte mich Dayu jeden verdammten Tag. Am Anfang machten wir noch Ausflüge in die Grünanlage, bald schaute er mir fast nur noch beim Kotzen zu, streichelte mir den Rücken, gab mir Papier und Wasser. Er war nicht davon abzubringen, immer wieder zu kommen.


***

Am Mittwoch der zweiten Woche war ich wirklich am Tiefpunkt angelangt. Obwohl die Schule inzwischen angefangen hatte, stand Dayu um halb zwei mit was zu essen und einer Zeitschrift im Zimmer. Ich fror und kotzte und weinte und konnte einfach nicht mehr. Und was macht er? Holt einen verdammten Eimer, den er neben das Bett stellt, schleppt mich in selbiges, deckt mich zu, setzt sich neben mich und isst! Er isst während ich mir die Seele aus dem Leib kotze!!
„Du bist eklig.“
„Ich hab heut noch nichts gegessen. Komm, trink einen Schluck. Da kommt doch eh nichts mehr raus.“
„Sag das mal meiner Speiseröhre …“
„Entspann dich. Lehn dich zurück. Trink einen Schluck Wasser. Soll ich dich massieren?“
„Du lässt auch n….“
„Wäh, jetzt vergeht mir aber doch langsam der Appetit.“
„… nichts unversucht, wollte ich sagen“, beendete ich meinen Satz nachdem ich bewiesen hatte, dass doch noch etwas aus mir rauskommen konnte.
„Willst du mich nicht fragen, wie es in der Schule war?“
„Wie war’s in der Schule?“

Daraufhin folgte ein zehnminütiger Monolog darüber, dass Schule doch überall gleich sei, die gleichen Cliquen, die gleichen Typen, sogar die gleichen Lehrer. Als wäre er in einem parallelen Universum gelandet. Und er war immer noch der stille Chinese der jeden mit Karate verdreschen kann. Zu dem war man besser freundlich, mehr aber auch nicht.
„Dein Bruder gehört ja zu einer ganz seltsamen Truppe. Lauter Mini-BWLer. Ätz.“
„Ich bin echt froh, dass wir uns erst jetzt kennengelernt haben. Sonst hättest du dich bestimmt nicht in mich verliebt.“
„Doch, ich hätte dir einfach ganz tief in die Augen geschaut und deine Seele erblickt. Danach wäre alles klar gewesen.“
„Du bist ja hoffnungslos romantisch!“, sagte ich und kotzte wieder.

Danach ließ ich mich erschöpft ins Kissen zurücksinken, wo inzwischen sein Arm lag.
„Ist das okay? Oder …“
„Nein, das ist okay. Mir ist sowieso kalt.“
„Soll ich noch eine Decke besorgen?“
„Kannst du vielleicht meine Füße wärmen?“
„Sicher, aber dir ist schon klar, dass es draußen 25 Grad hat, oder?“
Da lag ich also, in Dayus Arm, schlotternd, während er seine Füße an meine rieb.
„Besser?“
„Ich bin plötzlich so müde …“
„Dann schlaf ein wenig. Ich pass auf dich auf.“

„Marc? Wach auf, wir haben hier ein kleines Problem“, flüsterte mir jemand ins Ohr.
Ich blinzelte und sah meine Mutter und meinen Bruder in der Tür stehen. Sie wirkten irgendwie … verwirrt. Neben mir bewegte sich jemand. Dayu. Ich lag noch immer in seinem Arm.
„Hey Mum.“
„Hallo Schatz.“
„Tom.“
„Dayu.“
„Es ist nicht so, wie es aussieht“, stammelte ich.
„Das geht uns gar nichts an. Hauptsache du bist glücklich, richtig Tom?“
„Glaub schon …“, gab mein Bruder unsicher von sich.
„Aber es ist doch gar nicht … wir sind doch gar nicht …“
„Das ist ganz allein deine Sache. Du brauchst nichts erklären.“
„Aber …“
„Lass gut sein, Marc. Sei froh, dass deine Mutter so cool reagiert.“
Ja, da konnte ich wirklich froh sein, verdammt. Dayu war deshalb von seinen Eltern verstoßen worden. Das Ganze musste ja nicht jetzt gleich geklärt werden.
„Tom? Tust du mir einen Gefallen?“, bat Dayu.
„Welchen denn?“
„Bitte häng es in der Schule nicht an die große Glocke.“
„Werde ich nicht …“
„Sollen wir euch beide lieber alleine lassen?“, fragte meine Mutter verständnisvoll.
„Nein, ich muss sowieso los. Muss noch Englisch machen.“
Er kraxelte aus dem Bett.
„Das ist nicht so viel. Aber Mathe war krass“, berichtete mein Bruder.
„Das hab ich gestern schon gemacht.“
„Naja, wir sehen uns dann morgen in der Schule, oder?“
„Ja, bis morgen. Bis morgen, Marc.“
„Bis morgen …“

Als Dayu weg war, schauten die beiden mich weiter mit großen Augen an.
„Ich bin nicht schwul.“
„Selbst wenn, Schatz …“
„Danke, aber wir sind nur Freunde. Wirklich.“
„Ja klar, ich kuschle auch immer mit meinen Freunden“, spöttelte Tom, worauf er von unserer Mutter einen leichten Klaps auf den Hinterkopf bekam. Und damit wollte sie über das Thema kein Wort mehr verlieren. Oh Mann.

Gegen halb acht schaute Dayu nochmal vorbei, um zu erfahren, was meine Mum und Tom noch so dazu gesagt hatten. Um kurz nach acht schmiss die Nachtschwester ihn raus. So ein Drachen!


***

Die Ärzte fanden plötzlich, dass ich das Wochenende auch noch in der Klinik verbringen sollte, weil es mir so schlecht ging. Davon war ich überhaupt nicht begeistert, aber Dayu wusch mir den Kopf. Ich sollte mich gefälligst schonen, statt hier rumzuzicken und den Leuten das Leben schwer zu machen. Er versprach, das ganze Wochenende bei mir zu bleiben, etwas, das er nicht täte, wenn ich zu Hause wäre. Damit gab ich mich zufrieden.

Am Samstagnachmittag saß er über irgendwelchen Hausaufgaben und ich versuchte, seinen vorgelegten Tetris-Rekord zu schlagen. Dayu verbrachte echt seine gesamte Freizeit bei mir.
„Sag mal, ist Thorsten nicht sauer, weil du nicht mehr trainierst?“
„Wer sagt, dass ich nicht mehr trainiere?“
„Ja wann denn?“
„Na abends, wenn hier keine Besuchszeit mehr ist.“
„Ernsthaft? Bist du da dann nicht total fertig?“
„Ich schlafe gut, das stimmt.“
„Wird dir das nicht zu viel? Ich meine, du musst nicht hier rumhocken und dich mit mir langweilen …“
„Aber ich langweile mich doch nicht mit dir! Und jetzt hör auf, dir über so einen Scheiß den Kopf zu zerbrechen.“
„Gott, du hast wirklich total die rosa Brille auf.“
„Stimmt ja gar nicht. Ich sehe durchaus auch deine Charakterschwächen.“
„So? Und die wären?“
„Du bist ein echt miserabler Tetris-Spieler.“
„Pah, dir werd ich’s zeigen!“


***

Nach der Klinik wollten die Ärzte mir ein paar Wochen geben, bevor sie mich mit weiteren Untersuchungen nervten. Mir ging es jeden Tag besser. Bald konnte ich Dayu sogar soweit bringen, mit mir ein wenig zu trainieren. Ein bisschen laufen, ein paar leichte Schlagkombinationen, es ging echt bergauf. Dayu wurde endlich mal wieder ein bisschen entspannter und musterte mich nicht ständig besorgt von der Seite.

Ich traf mich sogar mit Isi, meiner Ex, um ihr noch ein paar Sachen zurückzugeben. Sie meinte, ich sähe nicht so schlimm aus, wie sie es sich vorgestellt hatte und richtete auch Grüße von ein paar Kommilitonen aus, unter anderem von Dirk, mit dem sie jetzt ging. War die schon immer so eine Schnepfe gewesen?


***

Verdammt, mir ging es echt gar nicht so übel! Anfang November fuhr meine Mutter mich in die Klinik. Jetzt würden die Ärzte entscheiden, ob ich operiert werden konnte. Nach stundenlangem Warten und in Röhren geschoben werden, war es schon nach drei, als der Chefarzt mich endlich in sein Büro holte, meine Mutter immer dicht hinter mir. Ach, mir ging es gut, der Tumor musste wohl also geschrumpft sein, ich machte mir keine Sorgen und lächelte meine Mutter aufmunternd an.
„Herr Steinmann, es werden noch einige Tests nötig sein. Der Tumor hat sich leider weiter ausgedehnt. Um ihn in seiner Ganzheit zu erwischen, müsste ein großer Teil ihrer Leber entfernt werden.“
„Oh. Also geht’s mit Chemo weiter?“
„Wir haben leider noch mehr entdeckt, in ihrer Lunge. Um sicher sagen zu können, um was es sich handelt, sind weitere Tests nötig. Könnte ein gutartiger Zweittumor sein, oder ein bösartiger. Oder …“
„Metastasen.“
Er nickte. Meine Mutter schluchzte auf.
„Wie gesagt ist es noch zu früh, etwas Genaues zu sagen, aber selbst wenn es sich um Metastasen handelt, könnten diese entfernt werden. Allerdings macht das erst Sinn, wenn der Lebertumor entfernt ist.“
„Aber sie haben doch gerade gesagt, dass das nicht geht.“
„Als letzter Ausweg schon. Aber so weit sind wir noch lange nicht. Sie sollten sich auf eine Woche in der Klinik einstellen.“
„Geht das nicht auch ambulant?“
„Tut mir leid, aber darauf muss ich bestehen. Wenn sie noch Fragen haben, rufen sie mich jederzeit an. Ansonsten sehen wir uns morgen Vormittag.“

Ich fühlte mich irgendwie so seltsam, wie in Watte gepackt. Mir ging es doch gut, das konnte doch nicht sein! Und Dayu, wie würde der reagieren? Meine Mutter jedenfalls kämpfte verzweifelt die Tränen nieder. Ich nahm sie in den Arm.
„Soll ich Dayu anrufen?“, fragte sie, als wäre sie gerade dazu fähig zu telefonieren.
„Nein, setz mich lieber bei ihm ab.“
„Er kann zu uns kommen. Wir müssen es Tom und Papa sagen.“
„Ja, klar. Hauptsache er ist da.“

Ich schrieb ihm eine SMS und als wir kurz nach vier nach Hause kamen, wartete er schon mit Tom und Dad im Wohnzimmer. Und alle drei rechneten mit dem Schlimmsten, das konnte ich ihnen ansehen. Mein Dad stieß hervor:
„Was ist los, was haben die Ärzte gesagt?“
Ich ließ mich erst mal neben Dayu auf’s Sofa sinken. Mum blieb stehen, atmete tief durch und erzählte es. Erst als ich alles nochmal aus ihrem Mund hörte, wurde mir so richtig klar, was los war. Ich würde nicht mehr gesund werden, nie wieder. Die würden mir einen Teil der Lunge raus schneiden und vermutlich auch der Leber. Wenn ich überlebte, dann nur mit sehr vielen Einschränkungen. Tränen stiegen mir in die Augen und ich konnte die mitleidvollen Blicke meiner Familie nicht mehr ertragen. Ich vergrub mein Gesicht an Dayus Schulter und versuchte, so leise wie möglich zu schluchzen. Beiläufig spürte ich, wie er mir über den Rücken strich und fühlte mich so beschützt.

Keine Ahnung, wie viel Zeit verging. Ich hörte nur noch Dayus gleichmäßige Atmung und spürte seine Hände auf meinem Rücken. Als ich den Kopf hob, waren wir alleine im Wohnzimmer. Seine Augen waren so gerötet wie meine sich anfühlten, aber er versuchte trotzdem, zu lächeln.
„Alles wird wieder gut, mein Liebling.“
Es war so absurd und doch so rührend, dass er mich so nannte, dass ich nicht wusste, ob ich lachen oder weinen soll, entschied mich dann für ein bisschen was von beidem. Muss ziemlich verrückt gewirkt haben.


***

Unnötig zu sagen, dass Dayu mir nicht mehr von der Seite wich, bis ich am nächsten Morgen von Mum in die Klinik gefahren wurde und er doch noch die letzten drei Schulstunden besuchte. Die ganze Nacht über hatte er mich festgehalten, mich gestreichelt wie ein kleines, krankes Kind und mir gut zugeredet. Am liebsten hätte ich ihn überhaupt nicht mehr weggelassen, aber meine Mutter bestand darauf, dass er nicht den ganzen Tag fehlte.

Drei Tage lang wurde ich gepiekst, durchleuchtet und weiß Gott was alles. Dann, am Freitagvormittag kam der Chefarzt höchstpersönlich. Ich war alleine, als er mir mit mitfühlender Miene mitteilte, dass es sich leider tatsächlich um Metastasen handelte. Drei Stück nämlich. Er sagte auch, dass ich eine schwerwiegende Entscheidung zu treffen hatte und erklärte mir ruhig und sachlich meine Optionen. Ich sollte mich über’s Wochenende mit meinen Angehörigen beraten und ihm am Montag meine Entscheidung mitteilen. Er machte meine Entlassungspapiere fertig und ließ meine Mutter anrufen, um mich abzuholen.

Sie löcherte mich mit Fragen, aber ich brauchte erst mal Zeit für mich, um zu begreifen, was los war. Ich schloss mich für zwei Stunden in meinem Zimmer ein. Als ich dann ins Wohnzimmer kam, war Dad bereits zu Hause und Tom und Dayu waren wohl zusammen aus der Schule gekommen. Mum wischte krampfhaft Staub und in einem Sessel in der Ecke saß meine große Schwester Kathi. Sie alle hatten mich noch nicht bemerkt.
„Hey Leute.“
Alle fuhren hoch, stürmten auf mich zu, umarmten mich. Alle außer Dayu. Er stand einige Meter entfernt und schaute mich so wissend an.

Ich war überrascht, wie klar und stark meine Stimme klang.
„Ich habe drei Metastasen in der Lunge. Die sind prinzipiell entfernbar, allerdings macht das nur Sinn, wenn der Streuungsherd weg ist. Und das geht bei mir nicht so ohne Weiteres. Wenn ich die OP machen lasse, stehen die Chancen gut, dass ich nicht mehr aufwache. Und wenn, dann schafft meine Rest-Leber ihre Arbeit vermutlich nicht mehr, was auch innerhalb von wenigen Tagen den Exodus bedeuten würde. Wenn ich die OP nicht machen lasse, kann man die Metastasen trotzdem entfernen, das gibt mir Zeit. Aber nicht ewig. Fünfzig Prozent schaffen es drei Jahre lang, man muss immer wieder unters Messer und zur Chemo und so weiter. Qualität und Quantität, ihr wisst schon. Kurz, es sieht so aus, als hätte ich die Wahl zwischen einer OP, bei der ich vermutlich draufgehe, einer OP, die mir vielleicht noch drei unschöne Jahre verschafft und einem halben Jahr ohne weitere Eingriffe mit einem vergleichsweise schnellen Tod durch Leberversagen. Das ist die Entscheidung, die ich treffen muss. Ich hab bis Montag Bedenkzeit.“
„Aber da muss es doch noch mehr geben …“
„Nein Dad, das sind die Optionen.“
„Was ist mit experimentellen Methoden oder sowas?“
„Meine Leber ist nicht zu retten. Und mit Metastasen bekomm ich auch keine Transplantation mehr.“
„Aber was ist mit noch mehr Chemos? Vielleicht schrumpft der Tumor ja dann.“
„Wenn er es nach drei Zyklen nicht getan hat, nicht.“
„Also willst du einfach aufgeben?“
„Ich hab noch nichts entschieden“, log ich.
„Können wir darüber reden?“
„Ruft Doktor Benz an und redet darüber. Ich brauch jetzt ein bisschen frische Luft. Kommst du mit, Dayu?“

Wir setzten uns draußen auf die Hollywood-Schaukel, Dayu schaute mich immer noch so durchdringend an.
„Du hast dich schon entschieden, oder?“
„Option A kommt nicht in Frage. Die Vorstellung, nächste Woche im OP zu sterben … das ist einfach zu früh. Und wenn es funktionieren würde, dann hätte ich quasi keine Leber mehr. Ich dürfte so gut wie nichts mehr essen. Kein rotes Curry mehr. Und dann noch mehr Chemos und OPs, um die Metastasen zu entfernen. Höchstwahrscheinlich hat das Ding schon sonst wo hin gestreut. Nein, ich darf nicht anfangen, die an mir rummetzgern zu lassen.“
„Also willst du gar nichts tun?“
„Doch, eine experimentelle Chemo, die die Metastasen bekämpft und mir Zeit verschafft. Ich will sicher gehen, dass ich auch wirklich an Leberversagen sterbe und nicht qualvoll ersticken muss. Ein halbes Jahr, in dem es mir gut genug geht, dass ich noch etwas vom Leben habe. Mehr kann ich wohl nicht erwarten.“
Aktualisiert: 28/09/09
Veröffentlicht: 28/09/09
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kestrel am 28/09/09 23:24
aaaaalso, die geschichte hat mir garnicht gefallen... du kannst von glück sagen, dass es nicht an deinem stil oder den figuren oder der idee oder sonst was lag... aber geschichten ohne happy end gehen garnicht -.- deshalb hab ich auch die warnung ergänzt, damit es andern nicht so geht wie mir. die tatsache, das die geschichte vor seinem tod endet, ändert ja nichts daran, dass er stirbt.

ich kriech jez unter die bettdecke und heul :,-( keine bewertung, bin gerade nicht zurechnungsfähig ^^°
1
Lumen am 29/09/09 10:20
Im Gegensatz zu den anderen Meinungen, gefällt mir die Geschichte.
Sie hat ein trauriges Ende, aber das war irgendwie von vornherein klar.
Der Stil, in dem die Geschichte aufgebaut ist, gefällt mir hingegen nicht so.
Er liest sich schnell und es fehlt mir an Emotionen, die das Thema an sich mitbringen sollte; was durch die vielen Dialoge die nacheinander kommen verstärkt wird.
Aber vielleicht war das auch bewußt so gewollt.
Der Spagat gelingt dir an sich sehr gut, nicht ins allzu kitschige abzudriften, und auch dein Humor gefällt mir. Ich hätte Marc bestimmt auch gemocht ^_~
Ansonsten mag ich den Sinn darin. Eine Liebe die über das körperliche hinausgeht. Ein Seelenverwandter, zu dem die Liebe nicht inniger gewesen sein könnte, wäre Marc schwul gewesen.
Ich kenne mich nur bedingt mit den Gegebenheiten einer Chemo und der darauffolgenden Therapie aus, aber sehe diesbezüglich über 'falsche' Fakten hinweg.
Man kann nicht immer alles recherchieren. ich weiß selbst, wie schwer es ist über soetwas im netz etwas zu finden.

Fazit:
Eine traurige, aber auch schöne Geschichte.
Die mir alles in allem vier Punkte wert ist.

LG

Antwort des Autors veri (29/09/09 10:48):
Danke Lumen. Tatsächlich hab ich bewusst einen eher leichteren Stil gewählt, weil ich denke, dass das Thema an sich, und auch das Ende schon genug Gefühle auslösen. Und auch weil es zu Marcs Charakter passt, der sich ja auch nicht wirklich in irgendwelchen negativen großen Emotionen verliert, sondern versucht, sein Leben weiter zu leben. Nur etwas schneller halt. Desweiteren sind die Dialoge mein Mittel, um die Beziehung der beiden darzustellen. Wenn man nicht knutschen kann, was macht man dann mit seinem Seelenverwandten? Sich anders austauschen. Außerdem steh ich auf Dialoge a la Gilmore Girls ^^
Dankeschön & auf Wiedersehn,
veri
1
LichterSchrei am 01/10/09 17:45
Seit langem eine Geschichte bei der ich wirklich fast weinen musste.
Ich finde, du hast genau die Zwischentöne getroffen und ein Sterben in Würde beschrieben, wie es sich wohl viele Menschen in der Situation wünschen würden.
Auch diese Liebe, die so vielschichtiger und komplexer ist als das "Friede, Freude, Eierkuchen" Gesülze in vielen Geschichten, hast du einfach wundervoll umschrieben.

Vielleicht könntest du das ausarbeiten und mit mehr Hintergrundwissen spicken. Oder es als Kurzgeschichte an einen Verlag senden..das ist nämlich nicht nur eine einfache Zeitvertreibgeschichte sondern wunderbare Literatur..

Liebste Grüße, Licht

Antwort des Autors veri (01/10/09 18:01):
Dankeschön Licht!
Ich glaub leider nicht, dass der Charakter der Geschichte erhalten bleiben würde, wenn es viel länger wird. Und Kurzgeschichten von unveröffentlichten Autoren gehen in Verlagen leider schlecht. Aber danke für die aufbauenden Worte!
Liebe Grüße, Veri
1
Witch23 am 26/11/09 12:00
wow das ist echt eine klasse Geschichte an der ich gerade nichts finden kann, außer dem das sie Traurig ist. Aber trotz der traurigen Thematik bring sie einen echt oft zum lachen *mich zumindest*.

Um nur eine stelle zu nennen die mir sehr gut gefallen hat, das war wo Dayu seine Gefühle gesteht so nebenbei im Gespräch.
Also für Leute die trauriges nicht ab können ist diese Geschichte wohl nichts, aber super toll geschrieben und ich habe erst den ersten teil gelesen...

Antwort des Autors veri (26/11/09 12:08):
hey witch,

freut mich, denn genau dieses "doppelgefühl" soll die geschichte erzeugen.
dir "viel Spaß" beim 2. teil zu wünschen, wäre also etwas unpassend ...

liebe grüße,

veri
1
split am 03/02/10 23:14
Ich fange an dich zu hassen... du suchst dir immer so schwierige Themen aus und setzt die wirklich überzeugend und realistisch um und dabei werd ich am Ende immer voll deprimiert *snief*
Wenn deine nächsten geschichten net glücklicher sind, red ich nimmer mit dir *schmoll*

Antwort des Autors veri (03/02/10 23:59):
weiha, genau so hab ichs mir gedacht. was bleibt denn noch? along the way? ohjeh, du wirst mich zeitweise hassen.
aber hey! das, woran ich grad schreib, is ... nicht so runterziehend, find ich!
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Yavia
29/08/21 12:27
An alle, die eine Nachricht an die Admins über die Mailadresse schicken: Bitte gebt euren Usernamen in der Nachricht mit an, damit wir wissen, wer um Hilfe fragt. Vielen Dank!

Snoopy279
16/05/21 18:14
gerne natürlich auch die, die Fanfiktion lesen/Fanfiktionschreiber einfach unterstützen wollen

Snoopy279
16/05/21 18:14
alle, die auch Fanfiktion schreiben, bitte bei der Petition mitmachen, damit das auch in Zukunft möglich bleibt!
http://chng.it/WnwVCzxGff


jabba
21/01/21 22:32
Knuddel! Knuddel! Alle ganz doll knuddel! Heute ist Weltknuddeltag! Knuddel! Knuddel!

Witch23
01/01/21 02:37
*Pfeif Zisch* Gutes neues Jahr wünsche ich euch allen

split
01/01/21 00:01
Frohes Neues *krach baller lärm*

split
24/12/20 23:24
Frohe Weihnachten

Niemue
24/12/20 12:29
Ich wünsche Euch allen schöne Feiertage, einen guten Rutsch und viel Gesundheit im Neuen Jahr! :*

Witch23
24/12/20 11:02
Wünsche ich euch auch. Vor allem habt schöne Feiertage.

Yavia
24/12/20 10:48
Frohe Weihnachten euch allen!

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