Lesen nach
Andi hat sich von Martin getrennt, doch seit seiner feigen Schluss-SMS belagert sein Ex wie ein Wolf das Haus und wartet darauf, daß das kleine Geißlein herauskommt.

Genres: Reale Welt, M/M (yaoi)
1. Warnung: Zucker, Depri/Emo
2. Warnung: Keine
3. Warnung: Keine
Challenges: Märchen Challenge

Kapitel: 1     Gelesen: Nicht möglich
Inhaltsverzeichnis

Wörter: 9470     Klicks: 11139
Veröffentlicht: 27/09/10 Aktualisiert: 05/10/10
[PDF speichern]
[Drucker]
Optionen: [Melden]
Anmerkungen zur Geschichte
Mein Beitrag zur Märchen-Challenge. Die Idee kam mir beim Beantworten eines Reviews und hat mich nicht mehr losgelassen. Wenn sowas passiert, dann MUSS ich einfach das schreiben. Habe versucht stattdessen die anderen Geschichten weiterzuschreiben, aber totale Schreibblockade.

Hoffe meine treuen Fans, die auf die Fortsetzung meiner anderen Geschichten warten können das verstehen und dass sie diese kurze Story über die Wartezeit hinwegtröstet.

Außerdem ist meine Geschichte keine 'Homofizierung' eines Märchens, sondern eine Interpretation der Grundidee. Diese ist folgende:
Die Geißlein sitzen im Haus und warten darauf, daß die Mutter nach Hause kommt, während der Wolf draußen lauert. Schließlich schafft es der Wolf durch eine List hereinzukommen.
[PDF speichern]
[Drucker]
- Schriftgröße +
Optionen: [Melden]

1. Der Wolf und das kleine Geißlein

‚Wie lange will er noch da draußen sitzen?’ dachte ich bei mir, als ich schon wieder – nämlich zum wohl zehnten Mal in dieser Stunde – zum Fenster neben der Haustüre hinauslugte und Martin noch immer in seinem Auto vorm Gartentor sitzen sah. Ein Glück, dass es nicht Winter war, aber ich bezweifelte, dass er dann nicht auch dort sitzen würde.
Am liebsten hätte ich die Polizei gerufen, aber er verstieß damit gegen kein Gesetz – zumindest keines, das mir bekannt wäre und so musste ich seine stumme Anwesenheit ertragen.
Nervös ging ich wieder ins Wohnzimmer zurück und setzte mich auf die Couch. Der große Haufen unaufgefalteter, ungelesener Papiere – Briefe – lag noch immer auf dem niederen Tisch – alle von ihm – und selbst dieser Anblick machte mich nur noch nervöser. Ich hatte sie eigentlich wegwerfen wollen, aber ich brachte es einfach nicht fertig.
Seit 3 Tagen ging das nun schon so dahin.
Er saß draußen in seinem Auto, schrieb Briefe, die er in den Briefkasten meines Bruders warf, rief gelegentlich und abwechselnd mein Handy und den Festnetzanschluss an und wartete. Wartete darauf, dass ich mir seine Ausflüchte und Entschuldigungen anhörte.
Ich hatte, seitdem ich mich im Haus meines Bruders verschanzt hatte, keinen Fuß mehr vor die Türe gesetzt. Nur in der kurzen Zeit, in der er sich etwas zu Essen besorgt und somit unweigerlich seinen Posten verlassen hatte, hatte ich mich dazu gezwungen den mittlerweile überquellenden Briefkasten zu leeren.
Das Läuten des Telefons ließ mich entsetzt auffahren. Konnte er mich nicht endlich in Ruhe lassen? Es war aus und vorbei. Irgendwann wurde es mir doch zu nervig und ich ging hin, um dem Hörer einen kleinen Klaps zu verpassen, der ihn kurz von der Gabel springen ließ, wie ich es heute schon unzählige Male gemacht hatte. Ein Glück, dass er eine Handy-Flat hatte. Ich wollte Martin keine unnötigen Kosten bereiten – ich wollte einfach nur meine Ruhe.
Als ich aber dann die Nummer auf dem Display sah, beeilte ich mich den Hörer abzuheben.
„Tom, bist du es?“ fragte ich ungläubig in den Hörer hinein und hörte das Plastik unter meinem nervösen, etwas zu festen Griff ächzen.
„Na klar, bin ich es. Hat er immer noch nicht aufgegeben?“ fragte mein Bruder besorgt.
„Nein. Sitzt in seinem Auto, schreibt unentwegt Briefe, die er in deinen Briefkasten schmeißt, ruft hier an und starrt zum Haus rüber. Er schläft sogar in seinem Auto.“ Plapperte ich drauf los. Es tat gut, endlich wieder mit der Außenwelt in Kontakt zu treten und ich musste ja nur noch 2 Tage aushalten, ehe Tom von seiner Dienstreise zurückkehren würde.
Essen und Trinken hatte ich genug im Haus, aber langsam begann ich den Verstand zu verlieren.
Nachts wachte ich auf und hatte das Gefühl, dass Martin im Haus war. Ich war letzte Nacht sogar aufgestanden, doch als ich aus dem Fenster neben der Türe blickte, lag mein Ex seelenruhig auf dem Vordersitz und schlief.
Und nicht nur nachts hatte ich diesen Verfolgungswahn. Ich hatte bereits am ersten Tag die weißen Store an allen Fenstern zugezogen und obwohl Martin keinen Fuß aus seinem roten Golf tat – außer um einen weiteren Brief einzuwerfen – hatte ich das Gefühl ständig von ihm beobachtet zu werden.
„Vielleicht solltest du endlich mal mit ihm reden.“ Seufzte Tom und wahrscheinlich hatte er sogar recht. Aber wie sollte ich ihm nur gegenübertreten? Ich beschloss es mir noch einmal durch den Kopf gehen zu lassen und so beendete ich das Telefonat und zog mich wieder ins Wohnzimmer zurück, dem einzigen Ort, an dem ich mich komischerweise etwas sicherer fühlte, denn er war auch sogleich der einzige Ort, der zum Hang hinaus gelegen lag und daher niemand durch die Fenster blicken konnte.
Ich starrte einige Minuten auf den Stapel Papiere. Martin hatte viele kleine und große Herzen darauf gemalt oder auch in seiner wunderschönen, geschwungenen Schrift meinen Namen drauf geschrieben. Schließlich angelte ich mir mein Buch, das ich daneben abgelegt hatte, schlug es beim Lesezeichen auf und las die wohl spannendste Szene der ganzen Geschichte - heute zum vierten Mal und ohne auch nur ein Wort davon richtig zu begreifen.
Seufzend ließ ich es nach 5 Minuten sinken, erhob mich und ging wieder zur Türe.
Martin war in seinem Vordersitz nach vorne gerutscht, die Knie aufs Lenkrad gestützt, den Block auf den Oberschenkeln und kaute grübelnd auf seinem Kuli.
Irgendwie konnte ich es gar nicht glauben, dass er mir fremd gegangen war, doch das Foto, das ich in unserer gemeinsamen Wohnung gefunden hatte und das ihn mit einem anderen Kerl nackt und inflagranti zeigte, sprach Bände. Es musste auf der einen Party entstanden sein, zu der ich nicht mitkommen konnte, weil ich mit einer üblen Erkältung im Bett gelegen hatte.
‚Nimm ne Ass, dann geht das schon.’ Hatte Martin mich angebettelt und war schließlich beleidigt davon gerauscht, nachdem ich ihn verbal aus dem Zimmer geschmissen hatte. ‚So hatte er mir das also gedankt!’ kochte ich vor Wut, zog den kleinen Spalt, den ich den Store zurückgezogen hatte ruckartig zu und brauste gereizt in die Küche.
„Meine SMS war perfekt formuliert.“ Redete ich in den leeren Raum hinein. Auch das hatte ich mir in den letzten 3 Tagen angefangen, um nicht doch zu Martin hinauszugehen und mit ihm zu reden.
Es war feige von mir gewesen ihm nur eine SMS zu schicken, in der ich mit ihm Schluss gemacht hatte und genauso feige meine Sachen zu packen, während er in der Arbeit war.
Ich wusste, dass ich früher oder später mit ihm reden musste und sei es nur um ihm zu sagen, dass das ganze Briefeschreiben und Anrufen sinnlos war.
Er hatte mich zutiefst verletzt und kein Wort der Entschuldigung könnte das wieder gut machen.
Ich zog eine Flasche kühle Cola aus dem Kühlschrank und begab mich wieder zur Türe. Es dauerte 5 endlose Herzschläge, bis ich mich dazu zwang den Schlüssel im Schloss herumzudrehen, die Türe zu öffnen und ganz schnell die Cola hinauszustellen.
„Andi, bitte.“ Hörte ich Martin von seinem Auto aus rufen, doch im nächsten Moment hatte ich die Türe bereits wieder ins Schloss gedrückt und zugesperrt.
Ich wollte zwar nichts mehr mit ihm zutun haben, aber ich wollte auch nicht, dass er wegen mir bei dieser drückenden Hitze einen Hitzschlag bekam.
Die ganze Scheiße ging wieder bis zum Abend dahin. Beinahe alle 5 Minuten ging ich zum kleinen Fenster neben der Türe und lugte hinaus und immer sah ich das gleiche Bild:
Ein roter Golf und hinter seinem Steuer mein Ex mit Stift und Zettel. Aus dem Briefkasten ragten schon wieder vereinzelte Blätter heraus und der Block auf seinem Schoß neigte sich dem Ende zu.
Er hatte sich wahrscheinlich die ganze Woche frei genommen und so wartete er und wartete – so wie ich.
Ich seufzte meinen mittlerweile tausendsten Seufzer an diesem Tag und schaltete den Fernseher ein. Wie von alleine zappten die Programme vorüber, aber es lief nichts Interessantes in der Kiste.
Die Haustürglocke ließ mich hochschrecken und im selben Moment hörte ich von draußen eine junge Dame „Pizza-Service“ rufen.
Verwirrt ging ich zur Türe und lugte erstmal durch das Fenster hinaus. Vor der Türe stand Sabrina, unsere Stamm-Pizza-Lieferantin. Ich hielt nach Martin Ausschau und erblickte ihn im Auto – eine Pizzaschachtel auf dem Schoß und mit langen Käsefäden kämpfend.
Vorsichtig öffnete ich die Türe und lugte nach draußen. Martins Kopf war sofort herum geruckt, aber er machte keine Anstalten zu mir zu kommen. Das hatte er die letzten Tage, wenn ich ihm eine Flasche Cola hinausgestellt hatte, schon zu oft versucht um zu wissen, dass das keinen Sinn hatte.
„Ich habe nichts bestellt. Sorry.“ Sagte ich an Sabrina gerichtet.
„Jo. Martin hat. Hat auch schon bezahlt. Lass es dir schmecken.“ Sagte die zierliche Frau und drückte mir dann die Pizza-Schachtel in die Hand. Dann drehte sie sich einfach um und ging zu ihrem gelben Pizzaauto zurück.
Etwas verdattert blickte ich dem wirbelnden Blondschopf nach und ließ dann meinen Blick auf die Schachtel gleiten.
„Danke.“ Murmelte ich kaum hörbar, drehte mich dann auf dem Absatz herum und ging ins Haus zurück. Ich hatte wirklich Hunger, aber warum schickte mir Martin eine Pizza? Aus Liebe? Als Wiedergutmachung? Als Dankeschön für die Cola-Flaschen? Warum verstand er nicht endlich, dass ich nichts mehr mit ihm zutun haben wollte?
Seufzend ließ ich mich mit meiner Fracht auf die Couch nieder und machte endlich etwas anderes als die ungelesenen Briefe anzustarren – ich starrte die ungeöffnete Pizzaschachtel an.
Schließlich – die Pizza musste schon längst kalt gewesen sein, entschloss ich mich zu essen. Ich hob den Deckel an und ließ ihn dann ungläubig nach hinten klappen. Es war eine ganz normale Salami-Champignon-Peperoni-Pizza, wie ich sie am liebsten hatte, aber Martin hatte scheinbar den Pizzabäcker überreden können die Peperoni in Herzform anzuordnen.
Lustlos schnappte ich mir, nachdem ich diesen Schock überwunden und mich über seine Naivität geärgert hatte, ein Stück und schlang es lieblos hinunter.
Wie sollte ich es schaffen, Martin endlich davon zu überzeugen, dass ich nicht reden wollte? Ich zermarterte mir noch lange das Hirn, bis mich schließlich mein eigenes Gähnen überraschte. Es war weit nach Mitternacht, aber ich hatte keine Lösung gefunden. Mein routinierter, aber auch verspäteter Gang zur Türe ergab, dass Martin bereits schlief.
Er hatte den Stuhl so weit es ging zurückgelassen, aber der Mechanismus war defekt, sodass er in einer halb sitzenden, halb liegenden Position schlief.
‚Wie hatte ich mich nur so in ihm täuschen können?’ überlegte ich und es war auch der letzte Gedanke, den ich dachte, bevor ich im Bett des Kinder- bzw. Gästezimmers im ersten Stock einschlief.
Der Traum, den ich hatte, war so real …

***

Ich stand in einer kleinen, verrauchten WG-Wohnung. Der Fußboden war mit durchsichtiger Plane ausgelegt worden, die Möbel mit weißen Laken verhängt und auch die Couch war mit dicken Decken überzogen worden.
Markus, mein bester Freund, hatte mich hierher geschleppt. Es war meine vierte Homo-WG-Party, die einer seiner Freunde schmiss.
Die Bude war brechend voll. Man musste aufpassen, wo man hintrat, um nicht entweder jemandem auf die Füße oder in irgendwelche unbefinierbaren Häufchen zu treten. Überlaute Musik, viel Alkohol und Zigaretten. Alles nur Männer und ich als Jungfrau unter diesen Wölfen.
Ich war keinesfalls unerfahren. Ich hatte gerade meinen ersten Freund hinter mir – ein tränennasses Erlebnis, von dem ich mich gerade erst erholt hatte – und vor meinem Sinneswandel zig Mädchen im Bett. Nicht schlecht für junge 18 Jahre.
Ich hasste diese Partys, aber ich sollte mir hier was Neues suchen – so stellte sich Markus zumindest meine Rehabilitation von meinem Ex vor.
„Sieh dich ruhig um.“ Raunte mir Markus ins Ohr und drückte mir ein Bier in die Hand, bevor er von seinem Lover Sebastian in die Menge zurückgezogen wurde.
Ich entschied mich erstmal eine kleine Runde zu drehen und entdeckte auch den einen oder anderen Bekannten. Mehr als ein kurzes Hallo wurde aber nicht daraus.
Ich war kein Party-Muffel und kein Mauerblümchen und eigentlich ging ich gerne auf Privatpartys, doch irgendwie wollte es mir hier nicht gefallen.
Auf den anderen Partys wurde wenigstens getanzt – hier waren alle am Turteln, Fummeln oder stupiden Komasaufen, was wiederum zu ersten beiden Optionen führte.
Gerade in diesem Moment erhob sich ein Chor, der einen Wahnsinnigen zum Trichtersaufen anspornte. Wie auf ein Kommando drücken alle nach links um sich das Spektakel nicht entgehen zu lassen. Ich drückte nach rechts.
Ich war schließlich froh aus dem Gedränge heraußen zu sein und folgte der Musik. Wenn man schon nicht tanzen konnte, wollte ich mir wenigstens die Ohren beschallen lassen. Der Rhythmus kam aus einem der Nebenzimmer. Ich drängte mich an zwei Kerlen vorbei und schon war ich hinein geschlüpft. Zu meiner Überraschung war es hier annähernd leer.
Auf dem Bett lag ein knutschendes Pärchen und auf seinem Rand saßen zwei Kerle, die eindeutig schon zu viel getrunken hatten, dem gläsernen Blick in ihren Augen nach zu beurteilen. Dann viel mein Blick auf die fünfte Gestalt im Raum:
Braune, kurze Haare, mit viel Gel zu igligen Stacheln aufgestellt, braune funkelnde Augen, die mich auffordernd anblitzten. Ein schelmiges Lächeln auf den Lippen. Gefolgt von einem hautengen, schwarzen Oberteil und knackigen Jeans weiter unten.
Er wäre mir wahrscheinlich nicht so extrem aufgefallen, wenn er einfach nur herumgestanden hätte, aber er tat etwas, das ich nicht erwartet hatte: Er tanzte. Er teilte tatsächlich meine Leidenschaft – das Tanzen – und das auf einer Party, auf der eigentlich alle nur auf Wildfang waren.
Sein Lächeln wurde noch eine Spur breiter, als ich mich von der Türe abstieß, die Bierflasche auf den Tisch stellte, in wiegenden Schritten auf seine provisorische Tanzfläche kam und mich dann ganz von der Musik führen ließ. Wir tanzten eine Ewigkeit – gegenüber – ein stummes Duell aus Schritten und Moves und plötzlich kam er näher und beugte sich im Tanz zu meinem Ohr.
„Du tanzt gut. Wie heißt du?“ fragte er.
„Andi und du?“ stellte ich die Gegenfrage.
„Martin. Endlich mal einer, der mit mir tanzt.“ Brüllte er über die laufe Musik hinweg. Dann richtete er sich wieder auf und wir tanzten weiter.
Plötzlich fühlte ich einen harten Schlag im Rücken. Etwas schweres, träges, riss mich nieder und ich hatte Mühe mich wieder aufzurappeln.
Martin reichte mir seine Hand und griff gleichzeitig nach dem anderen Kerl, der mich mit sich zu Boden gerissen hatte. Es war Markus. Er hatte schon verdammt viel intus und schien kurz verwirrt zu sein. Sebastian, sein tuntiger Freund, kam auf seinen Highheels dahergestöckelt, griff nun auch nach Markus und gemeinsam mit Martin hatten sie meinen besten Freund wieder auf die Beine gestellt.
„Guuut, dass ich dich gefunnnden hab. Hab was schnnnuckeliges für dich.“ Lallte er mir ins Gesicht. Ich musste von seinem üblen Atem die Nase rümpfen und drückte ihn erstmal auf Abstand. Er musste wirklich schon zu viel getrunken haben. Er wankte und hielt sich krampfhaft an Sebastians Schulter fest.
„Kommmmmit.“ Sagte er schließlich, packte einfach mein Handgelenk und zog mich mit sich aus dem Zimmer. Kurz blieb er stehen, wohl um sich zu orientieren und dann ging es quer durch die geballte Menge und in ein weiteres Zimmer.
Hier war das Gedränge fast genauso schlimm und hätte er mich nicht grob am Türpfosten vorbeigezogen, hätte ich noch nicht einmal den Wechsel in den anderen Raum bemerkt.
In der Ecke stand eine kleine Eckcouch, auf der bereits ein muskulöser Kerl saß.
Braun gebrannt, wahrscheinlich vom Solarium, Anabolika-Junkie und eben genau NICHT mein Typ. Ich stand eher auf rank, schlank und sportlich, wie ich selbst war.
Und genau neben diesen Kerl drückte mich Markus nieder. Im nächsten Moment hatte der Fremde auch schon den Arm um meine Taille geschlungen und zog mich noch ein wenig näher.
„Das ist Viktor. Zur Zeit auch Solo und ein richtiges, kleines Schnuckelchen.“ Schrie mir Markus von hinten ins Ohr – eine Spur zur laut, als es eigentlich hätte sein müssen.
Geschockt bog ich den Oberkörper zurück, weg von dem Kerl und drehte mich nach meinem besten Freund um, doch dieser war gleich nach der kurzen Vorstellung über seinen ‚Schatz’ hergefallen. Als ich mich dann wieder zu Viktor herumdrehte, war dieser mir noch näher gekommen, war meiner Flucht gefolgt und kam nun mit seinem Kopf neben mein Ohr.
„Hi.“ Raunte er mir zu. Er schien, wie Markus schon gut gesoffen zu haben. „Ich hab gehört, du bist auf der Suche. Ich nämlich auch.“ Er hob den Kopf wieder zurück und blickte mich erwartungsvoll an – oder war das etwa Lüsternheit in seinen Augen?
„Ich … äh …“ stotterte ich panisch, doch Viktor legte mir einen seiner dicken, starken, männlichen Finger auf die Lippen und brachte mich so zum Schweigen.
„Scht. Entspann dich und überlass alles mir.“ Wieder beugte er sich vor und dann spürte ich seine Lippen an meinem Hals.
Entsetzt stemmte ich die Arme zwischen uns. Was der Kerl wollte war eindeutig und eine solche Hau-Ruck-Aktion – auch wenn er vielleicht nicht unbedingt Sex wollte, oder wie mein Ex, Florian, nur Bottom war – war so gar nicht mein Ding. Ich musste raus hier und jetzt, wo dieser Wolf einmal Blut geleckt hatte – mein Blut – musste ich die Beine in die Hand nehmen und verschwinden.
„Moment.“ Japste ich, sah mich noch einmal nach Markus um, aber der war mit Sebastian beschäftigt und hatte mich ganz meinem Schicksal – Viktor – überlassen. Toller Freund.
Ich sprang regelrecht von der Couch, sammelte mich und blickte Viktor dann so entspannt, wie ich nur konnte, an. ‚Nur keine Angst zeigen, dann schöpft er keinen Verdacht.’ Redete ich mir gut zu.
„Bin gleich wieder da. Muss mal auf die Toilette.“ Log ich.
„Soll ich dir helfen?“ Grinste Viktor und ein erneuter Schauer ging mir durch Mark und Bein.
„Nein.“ Japste ich erschrocken, dann riss ich mich wieder zusammen, sammelte alle Coolness, die in mir fand und setzte mein verführerisches Lächeln auf. „Das kann ich schon alleine.“ Flötete ich und Viktors strahlendes Lächeln wurde fast nuklear. „Bleib einfach hier sitzen und warte auf mich.“ Er wollte noch etwas sagen, aber ich ließ ihm keine Gelegenheit und holte meine letzte Waffe heraus, die ich noch auf Lager hatte: „Sweet-Heart.“
Nun war wirklich der ganze Raum von seinem Lächeln verstrahlt. Ich wollte nicht wissen, was Viktor in diesem Moment dachte, welche Dinge er mit mir anstellen wollte – ich wollte einfach nur raus.
Gerade, als ich mich umdrehen wollte, griff er jedoch nach meiner Hand und zog mich zu sich herab. Ich musste mich mit der anderen auf seinem Bein abstützen, sonst wäre ich aufs Knie gefallen und das wiederum schien ihm noch einen weiteren Kick hinsichtlich seines heutigen Bettvergnügens zu geben.
„Beeil dich, mein Häschen.“ Raunte er mir zu und dann küsste er mich auch noch direkt auf den Mund, ehe er meine Hand losließ und ich fast panisch – zumindest in schnellem Schritt und überhastet – in die Menge stürzte.
Kaum außer Sichtweite, wischte ich mir angewidert mit dem Handrücken über die Lippen.
Jetzt bloß raus hier. Morgen wird sich dieser Viktor hoffentlich an nichts erinnern können, aber wie sollte er mich auch hier in dieser großen Stadt finden? Er war sicherlich Student und würde mich erstmal auf dem Uni-Gelände suchen – Fehlanzeige. Ich war gerade mal mit der Realschule fertig und am Anfang meiner Ausbildung zum FIAE – einem stinknormalen Programmierer. Ich hatte über meinen 4 Jahre älteren, besten Freund Markus eine Ausbildungsstelle in der Firma bekommen, in der auch er neben dem Studium arbeitete. So genau wusste ich darüber auch nicht bescheid.
Wie sollte mich also dieser Viktor finden … Markus … WG … Partys. Oh mein Gott, der Kerl WÜRDE mich finden, aber das sollte mir erstmal egal sein. Oberste Priorität: Ich musste raus, bevor der Kerl anfing sein ‚Häschen’ zu vermissen.
Ich schaffte es schließlich bis zur Türe, legte die Hand an den Griff und wollte gerade herunterdrücken, als ich eine Hand auf meiner Schulter spürte. „Hey, Andi, du gehst schon?“
Ich wirbelte erschrocken herum und war erleichtert, als ich Martin sah.
„Alles OK?“ fragte er.
„Ich brauche nur frische Luft.“ Stotterte ich und ließ einen flüchtigen Seitenblick in die Menge schweifen. Von Hasinator keine Spur.
„Gute Idee. Was dagegen, wenn ich mitkomme?“ fragte er.
„Ich … äh … nein.“ Stotterte ich und schollt mich einen Idioten. Eigentlich hatte ich vorgehabt nach Hause zu gehen, aber jetzt hätte ich wahrscheinlich 10 Minuten Ruhe und dann müsste ich wieder mit Martin zurück zur Party.
Ich versuchte gute Miene zu bösem Spiel zu machen und wollte gerade hinausgehen, als der andere seine Hand auf meine legte.
„Ich hol uns noch schnell was zu trinken, warte hier.“ Schrie er über den Lärm der Party mir zu.
„Nein, nicht … nötig …“ fing ich an, doch Martin wirbelte bereits herum und verschwand wieder im Tumult.
So stand ich nun wohl 5 Minuten da – neben der Türe, mit einem gehetzten Blick in die Menge und von Sekunde zu Sekunde nervöser.
Plötzlich erspähten meine Augen genau das, was ich nicht erhofft hatte – Viktor. Er drängte sich durch die Menge und Gott sei Dank genau in die andere Richtung auf direktem Weg zur Toilette. Hoffentlich dreht er sich nicht um, betete ich.
„Na, können wir?“ riss mich plötzlich eine bekannte Stimme aus meiner Starre. Es dauerte 2 Sekunden, bis ich mich von Viktor losgerissen hatte, wirbelte dann herum und verließ endlich die Party. Martin kam mir nach.
Er hatte einen kleinen Karton unterm Arm, aus dem es verdächtig gläsern rumpelte.
„Wollen wir zu dir oder zu mir?“ fragte er grinsend. Entsetzt wich ich einen Schritt zurück. Noch so einer? Und dabei hatte ich Martin noch nicht einmal so eingeschätzt.
„Hey, das war ein Scherz. Außerdem das mit dem zu mir ginge schon mal nicht.“ Er deutete mit dem Daumen Richtung Türe.
Erleichtert ließ ich die Luft aus den Lungen.
„Du wohnst also dort?“ fragte ich.
„Japp. Basti hat mich so lange angebettelt, bis ich zu dieser kranken Party zugestimmt hab – vonwegen wir wären ja alle ein bisschen. War eigentlich nur dort, um dafür zu sorgen, dass mir keiner aufs Bett reiert. Dafür hab ich Getränke frei und das nutze ich so richtig aus.“ Grinste er und deutete mit der freien Hand auf die Schachtel.
„Und wohin jetzt?“ fragte ich ein wenig unbeholfen. Wir waren zwei Blocks von meiner Wohnanlage entfernt – dort hätte ich gewusst, wo man sich gemütlich hinsetzen und trinken konnte.
„In der Nähe gibt’s nen kleinen See und ein paar Bänke. Ich denke, da dürfte um die Uhrzeit niemand sein.“ Überlegte Martin, zog eine Flasche aus dem Karton und zu meiner Überraschung war es kein Bier. Er reichte mir den Breezer und angelte sich selbst einen heraus. Dann klemmte er sich den Deckel zwischen die Zähne, drehte den Schraubverschluss auf und spuckte den Kronkorken einfach auf den Boden.
„OK.“ Antwortete ich, kam neben ihn und zusammen gingen wir zu besagtem Ort.
„Du bist neu hier? Hab dich zumindest noch nie aufm Kampus gesehen.“ Fragte Martin auf unserem Weg.
„Ich bin auch kein Student.“ Erklärte ich. „Markus ist mein bester Freund und hat mir vor kurzem ne Lehrstelle in seiner Firma verschafft.“
„Achso, siehst auch ziemlich jung für einen Studenten aus.“ Bemerkte Martin. „Wie alt bist du eigentlich?“
„18“ verkündete ich stolz „und du?“
„21. Hab gerade erst mit meinem Bachelor angefangen.“ Antwortete Martin. Ich kannte mich mit diesem ganzen Uni-Kram kein bisschen aus und so sagte ich nur ein ‚Achso.’ als Antwort.
Wir hatten mittlerweile den See erreicht und setzten uns auf eine der Bänke. Das kleine, runde Gewässer maß nur etwa 10 Meter im Durchmesser, aber es war trotzdem ein ruhiger, fast schon romantischer Anblick.
Martin stellte die Kiste neben die Bank und setzte sich auf die eine und ich mich auf die andere Seite.
„Tut das gut.“ Seufzte er und streckte die Glieder. „Ich hoffe nur, dass mein Bett heute noch benutzbar ist, wenn ich wiederkomme.“ Wir lachten.
Martin und ich hatten den gleichen Humor und je länger ich mit ihm redete – über teilweise ganz sinnlose Dinge – desto eindeutiger entschied ich mich – Viktor hin oder her – später mit ihm wieder auf die Party zurückzukehren.
„Ganz schön kalt, heute.“ Sagte Martin schließlich fröstelnd und rieb sich die mit Gänsehaut überzogenen Oberarme. „Wir sollten wieder zurückgehen.“ Und mit diesem Satz stand er einfach auf, hob die mittlerweile halbleere Kiste Breezer auf und blickte mich auffordernd an.
Ich ließ mir mein Unbehagen nicht anmerken, erhob mich ebenso, wandte mich zum gehen und bereits in diesem Moment zweifelte ich an meiner Entscheidung, Viktor gegenüberzutreten und ihm klar zu machen, dass ich nicht sein Häschen und er schon gar nicht mein Typ wäre, als ich plötzlich hinter mir ein Scheppern, einen unterdrückten Schrei, gefolgt von einem lauten Platschen hörte.
Das Bild, das sich mir bot, war einerseits urkomisch, andererseits auch bemitleidenswert. Die erste Seite überwog und so lachte ich – obgleich des Alkoholeinflusses – ungeniert.
Martin stand breitbeinig am kleinen Tümpel, der eine Fuß an Land, der andere bis zum Knie im Wasser und hatte sich vorn übergebeugt um seinen Sturz mit den Händen abzufangen.
„Verdammte Scheiße … so ein Mist … bah ist das widerlich … und saukalt … lach nicht, sondern hilf mir raus.“ Fluchte er und nahm dann meine Hand, die ich ihm hinstreckte, nachdem ich zu ihm gekommen war.
Mit einem Ruck war er wieder an Land und dann sahen wir erst die Bescherung. Sein weißer, linker Turnschuh und das Hosenbein bis zum Knie waren mit grünbraunem Modder überzogen und triefte – es hatte ja nie jemand behauptet, dass der kleine Tümpel für Fische geeignet war – er war eher eine abgestandene Kloake aus aufgefangenem Regenwasser, in den gerne mal der eine oder andere Besoffene urinierte – dennoch war er ein Highlight für Liebespärchen. Auch das T-Shirt war vom Spritzwasser erwischt worden und hatte nun an der Vorderseite dunkle, nasse Flecke, die Martin auf der Haut klebten.
„So brauch ich zumindest nicht auf die Party zurückkehren.“ Sagte er und wischte sich mit den Fingern die Schmiere von der Hose. „Wenn ich mich da Ausziehe, werden diese sexgeilen, halbbesoffenen Bestien nur so über mich herfallen.“
Das Bild, das ich gerade im Kopf hatte, war ein Bild für Götter – ich musste schmunzeln, aber ich sah auch den Ernst der Lage. Martin hatte ein echtes Problem.
„Gehen wir zu mir. Meine Klamotten müssten dir auch passen.“ Seufzte ich, sammelte die noch heilen Flaschen aus dem Karton am Boden – man sollte nichts verkommen lassen – und wand mich zum gehen.
„Danke, aber brauchst dir wegen mir echt keine Umstände machen. Will dir ja nicht die Party verderben.“ Stammelte Martin leicht verlegen.
„Glaub mir, das könntest du gar nicht. Hatte sowieso keinen Bock mehr drauf.“ Entgegnete ich. „Und es sind auch nur 2 Blocks, falls du dann wieder zurück willst.“
„Ne danke, ich werd mich wohl morgen früh überraschen lassen, ob ich noch in meinem Bett schlafen kann oder nicht.“ Grinste er, kam zu mir und blickte mich dann auffordernd an.
„Ist nur die Straße runter – 10 Minuten.“ Erklärte ich, während wir zuerst wieder Richtung Party und anschließend die Straße hinunter gingen.
Wie ich gehofft hatte, waren die anderen noch auf der Party. Markus – sofern er noch in der Lage wäre – hätte mich sofort über meinen neuen ‚Freund’ ausgequetscht. Das hatte er letztens, als ich einen hetero Arbeitskollegen mitgebracht hatte und mich nur kurz für Disco umziehen wollte, auch gemacht - peinlich.
Martin, unser WG-Kollege, war sicherlich auf einer der ‚normalen’ Partys und Chrissi bei seiner Freundin.
„Nette Bude – bei euch klappt es wenigstens mit dem Aufräumen.“ Bemerkte Martin, als er die kleine, aber dennoch geräumige 5-Zimmer-Wohnung betrat.
„Japp.“ Antwortete ich, streifte die Schuhe an der Garderobe ab und ging voraus in mein Zimmer. Sofort kramte ich nach einer frischen Jeans und Socken.
Martin kam mir wenige Sekunden später nach.
„Hier kannst du dich erstmal saubermachen. Wenn du duschen willst, nimm dir einfach ein Handtuch aus dem Schrank.“ Sagte ich, nachdem er den Stapel Wäsche entgegengenommen hatte, trat an ihm vorbei, mit einem Schritt über den Flur und betätigte den Lichtschalter, der draußen vor der Türe angebracht war.
„Danke. Bist echt ok.“ Erwiderte Martin und verschwand dann hinter der Türe.
Während ich wartete, beschloss ich uns ein paar Snacks aus unserer WG-internen Snackbar zu besorgen, warf 3 Euro in die dafür vorgesehene Kasse und nahm mir Chips, Flips und Nüsse aus dem Schrank.
Schließlich kam Martin wieder vom Duschen. Er hatte seine dreckige Wäsche zu einem Klumpen zusammengerollt und stand schließlich mit nacktem Oberkörper da.
„Hättest du vielleicht noch ein T-Shirt für mich? Meines hat doch einige Spritzer abbekommen.“ fragte er verlegen.
„Klar, such dir eins raus – rechte Türe, oberster Stapel.“ Sagte ich, während ich auf eine Schale die Knabbereien verteilte. Als ich mich dann zu Martin umdrehte, hielt ich vor Verwunderung und Staunen fast den Atem an.
Martin hatte noch immer seinen Kopf in meinen Kleiderschrank stecken und kehrte mir so seinen Rücken zu. Dort prangte ein riesiges, wunderschönes Tattoo, das zwei weiße Engelsflügel zeigte, die ihm bis kurz vor den Hosenbund ‚hinabhingen’. Jede einzelne Feder war wunderschön herausgearbeitet, ein wahres Meisterwerk, doch die Flügel waren eher die eines gefallenen Engels, mit Blut besudelt und hatten so etwas Faszinierendes an sich.
„Wow.“ Kam es mir über die Lippen.
Martin drehte sich zu mir um, hatte wohl endlich etwas gefunden und blickte mich verwirrt an. Dann schien es ihm plötzlich einzuleuchten.
„Ah, mein Tattoo.“ Sagte er und verrenkte den Hals um es selbst zu sehen. „Ist nicht jedermanns Sache. Hab es mir vor einem Jahr auf einem Tattoo Contest stechen lassen.“ Erklärte er weiter und zog sich dann das T-Shirt über den Kopf.
„Es ist wunderschön.“ Entgegnete ich, sah, wie Martin sich einfach neben mich setzte und uns dann zwei weitere Flaschen Breezer angelte.
„Prost.“ Stieß er schließlich an meine Flasche an und nahm einen kräftigen Schluck. „Danke, noch mal, Andi. Bist echt voll OK.“
„Passt schon.“ Erwiderte ich und wahrscheinlich war ich mal wieder rot wie eine Tomate angelaufen. Ich hasste Komplimente.
„Was wolltest du eigentlich auf der Party?“ fragte Martin nach einer Weile, in der wir schweigend nebeneinandergesessen – oder mehr gelegen - getrunken und geknabbert hatten.
„Ich sollte mir einen neuen Freund suchen.“ Erklärte ich.
„Sollte?“ fragte er nach.
„Ja, Markus meinte, ich sollte mir endlich Ersatz für Florian suchen.“ Grummelte ich und schob mir eine Hand voll Nüsse in den Mund.
„Florian ist dein Ex.“ Stellte er eher fest, als dass es eine Frage war.
„Ja, hat vor 2 Wochen Schluss gemacht. Seitdem zieht mich Markus von einer Homo-Party zur nächsten.“
„Tut mir leid.“ Meinte Martin und irgendwie hatte ich das Gefühl, dass sein Beileid ehrlich gemeint war.
„Schon OK. Ich bin schon lange über ihn hinweg und bis jetzt auch heil von den Partys zurückgekommen.“ Wischte ich sein Mitleid beiseite.
„Und? Was gefunden?“ fragte Martin weiter.
„Nicht wirklich und ich werde mich das nächste Mal mit Händen und Füßen wehren, wenn er mich wieder zu einer solchen Party mitschleppen will. Privat-Party schön und gut, aber NICHT homo.“ Stellte ich klar. Ich war mittlerweile redselig vom vielen Alkohol geworden. Martin hatte einen gewaltigen Zug und ich wollte ihm in nichts nachstehen.
„Wie sieht’s bei dir aus?“ fragte ich schließlich.
„Naja, ich bin gerade solo und eigentlich nicht auf der Suche. Ab und zu mal einen Quicky, aber mehr nicht.“ Die Antwort war anders, als ich erwartet hatte. Irgendwie war ich davon ausgegangen, dass er vergeben war und sein Freund einfach nicht mit zur Party gekommen war – was mich keineswegs überrascht hätte. Und was die Quickys anging – nun ja, jedem das Seine.
Plötzlich klingelte mein Handy. Flink hatte ich mich aufgesetzt und friemelte es aus der Hosentasche.
„Hey, Andi, Viktor sucht dich schon überall.“ Lallte Markus.
„Sag ihm, ich bin nicht an ihm interessiert.“ Fauchte ich zurück und legte dann einfach auf.
„Ein Verehrer?“ gluckste Martin.
„Nicht wirklich. So ein Kerl Namens Viktor, der meint, ich wäre sein ‚Häschen’.“ Entgegnete ich angewidert.
„Ui, böses Faul. Der Kosename alleine ist schon schlimm.“ Lachte er und ich musste auch lachen. Martin und ich waren wirklich auf einer Wellenlänge und irgendwie war ich froh, dass Markus nicht locker gelassen hatte, als er mich heute versucht hat, zu dieser dämlichen Party zu überreden.
Plötzlich sprang Martin in die Höhe, kam näher und beugte sich dann über meinen Bauch. Er hatte die Hand nach meiner CD-Sammlung ausgestreckt.
„Ich werd verrückt. Du hast schon die neue?“ strahlte er und zog die oberste CD vom Stapel. Es war die neue Dream Dance, die heute herausgekommen war. Er lehnte sich wieder zurück und studierte die Track-List auf der Rückseite. Ich erhob mich nun auch, nahm ein kleines Kästchen vom Nachttisch und drückte darauf.
Es dauerte einige Sekunden, bis der erste Titel der ersten CD anspielte.
„Heute gekauft.“ Bestätigte ich seine Frage, die mehr ein Ausruf war. Dann legte er sich wieder hin, studierte weiter die Rückseite der Hülle und wir ließen uns von der Musik beschallen.
Je mehr Zeit verstrich, desto lustiger wurden wir. Nachdem die Breezer leer waren, holte ich meinen Whiskey und eine Flasche Cola aus dem Kühlschrank und wir becherten weiter.
„… er hat tatsächlich geglaubt, dass Dennis auf ihn stehen würde und ihn voll angebaggert. Du hättest mal das Gesicht von diesem Hetero sehen müssen, als Michael ihm die Hand auf die Wange gelegt hatte. So etwa …“ erzählte Martin prustend einen seiner Streiche, die er seinem WG-Kollegen gespielt hatte und legte mir dabei die Hand an die Wange. Wir lagen noch immer nebeneinander, die Füße über die Bettkante hängend, hatten uns auf den Ellenbogen abgestützt und uns einander zugewandt. Seine Berührung ging mir durch Mark und Bein. Wir hatten uns den ganzen Abend über wie Kumpels verhalten, aber mit dieser – wahrscheinlich unbewussten – Geste, bewegte er etwas in mir. Und auch Martin spürte es. Er hatte aufgehört zu lachen und blickte mich endlose Sekunden an. Dann überwand er schließlich die kurze Distanz und küsste mich zärtlich auf den Mund.

***

Der Traum, aus dem ich erwachte, war so real … Nein, es war kein Traum gewesen, es war eine Erinnerung – an unsere erste Begegnung. Ich erinnerte mich daran noch genauso gut, als wäre es erst gestern passiert. Wenn mir jemand erzählt hätte, mein Freund wäre mir fremd gegangen, den hätte ich ausgelacht.
Bis letzten Freitag. Ich hatte gerade 2 Wochen Urlaub genommen und war früher nach Hause gekommen. Genug Zeit die Wohnung aufzuräumen und dabei war mir ein Karton mit Martins Sachen heruntergefallen und daraus wiederum dieses verdammte Foto.
Es zeigte Martin von hinten und diesen Rücken mit den wunderschönen Flügeln hätte ich unter tausenden wiedererkannt – schon alleine des Tattoos wegen. Eigentlich hätte mich das Bild nicht schockieren dürfen. Ich wusste, dass mein Freund vor mir etliche Quickys hatte, aber als ich Martin damals kennengelernt hatte, hatte er braune Haare gehabt und auf dem Foto waren sie blond – schon ein wenig herausgewachsen, aber blond – genauso, wie er sie jetzt trug.
Es konnte also nur in den letzten Wochen – und zwar auf besagter Party – entstanden sein.
Ich holte das Bild aus meinem Geldbeutel und betrachtete es voller Schmerz. Es gab keinen Zweifel. Den Kerl, der ihm gerade den Arsch hinreckte, kannte ich nicht, aber der hintere war eindeutig Martin. Ich krümmte mich vor Schmerzen und unterdrückte ein Schluchzen.
Wie konnte dieser verdammte Mistkerl mir nur so etwas antun und warum zum Teufel verpisste er sich nicht aus meinem Leben?
‚Es ist Schluss. Wie konntest du das nur tun. Ich hab dich geliebt.’ Hatte ich ihm daraufhin per SMS geschickt und hatten dann so schnell es nur ging meine Sachen gepackt.
Mein Bruder Tom war 1 1/2 Wochen auf Geschäftsreise, aber ich wusste ja, wo der Ersatzschlüssel war und so hatte ich mich hier verbarrikadiert.
Martin hat hunderte Male angerufen und mir SMS geschickt – alle gelöscht.
Dann hatte er mich hier gefunden. Zuerst hatte er geklingelt und die Türe angeschrien, aber ich hatte nichts verstanden – wollte ich auch nicht. Und als er sah, dass es nichts half, hatte er sich einen Block besorgt und angefangen Briefe zu schreiben.
Nun saß ich also hier und der blödeste Vergleich, der mir für meine Situation einfiel war das Märchen vom bösen Wolf und den sieben Geißlein.
Martin war der Wolf und ich das arme Geißlein, das nur darauf wartete, dass die Mutter – mein Bruder Tom – nach Hause kam. Aber wäre dann wirklich alles vorbei?
Ich seufzte – der Tag fing ja gut an und mein Bruder würde erst morgen Mittag wiederkommen.
Ich beschloss meinen routinierten Gang zur Türe zu gehen und als ich den Vorhang zurückzog, hätte mich fast der Schlag getroffen. Martin saß wie erwartet in seinem roten Golf und frühstückte ein paar Semmeln vom Bäcker, aber an der Scheibe – direkt vor meiner Nase – hatte er einen Zettel angebracht.
‚Bitte rede mit mir. Was habe ich gemacht?’ stand dort drauf. Wütend zog ich den Vorhang zu und stapfte in die Küche.
„Was er gemacht hat?“ redete ich in den leeren Raum hinein. „Das weiß er doch Haar genau oder hat er vielleicht noch mehr Scheiße angestellt und will nur wissen, hinter welche Tat ich gekommen war und auf welche er sich eine Ausrede einfallen lassen musste?“ Ich nahm meinen frisch gebrühten Kaffe aus der Senseo-Kaffemaschine, gab zwei Stück Würfelzucker und einen Schuss Milch hinein und begab mich wutschnaubend ins Wohnzimmer.
Der Tag heute verlief nicht ganz so wie der gestrige. Martin rief noch immer bei meinem Bruder an und auch der Briefkasten war mittlerweile zum zerreißen vollgestopft, aber ich zwang mich dazu, nicht mehr zur Türe zu gehen und durchs Fenster zu gucken.
Ich hatte schließlich mein Buch zu Ende gelesen, ohne auch nur den blassen Schimmer über dessen Verlauf oder Ausgang zu haben und den zweiten Band der Reihe angelesen, als ich plötzlich ein seltsames Geräusch von der Türe vernahm.
Es war ein Kratzen und schließlich Schnalzen und im nächsten Moment sah ich aus dem Wohnzimmer, wie die Türe aufsprang und sich ein schlanker Mann mit einem riesigen Reisekoffer hereindrückte – Tom. Ungläubig blieb ich in der Türe zum Flur stehen.
„… ich werde mit ihm reden, aber bitte fahr jetzt nach Hause. Das hat so keinen Sinn.“ Redete Tom nach draußen – wahrscheinlich mit Martin – ehe er die Türe ins Schloss zog.
„Du bist schon da?“ fragte ich ungläubig und im nächsten Moment überkam mich eine riesige Freude. Ich überwand die letzten Schritte und fiel meinem Bruder überglücklich um den Hals.
„Ich bin gleich nach der letzten Präsentation losgefahren. Das mit dir und Martin hat mir einfach keine Ruhe gelassen. … Ähm … könntest du mich bitte loslassen.“ Erklärte Tom und fast schuldbewusst trat ich zwei Schritte zurück. Mein Bruder war hetero oder eigentlich keins von beiden. Er stand weder auf Männer, noch hatte er das Bedürfnis nach einer Freundin gehabt. Aber hätte er sich etwas suchen sollen, dann wäre es sicherlich eine Frau gewesen.
„Ich glaub, die sind für dich.“ Sagte er und drückte mir einen Stapel Papiere in die Hand. „Wenn doch was für mich dabei ist, leg es einfach auf meinen Schreibtisch.“ Er zog sich seine Schuhe aus, stellte den Koffer im Flur ab und schlurfte dann ins Wohnzimmer.
„Setz dich, wir müssen reden.“ Sagte er, als er sich schließlich selbst niedergelassen hatte. „Also. Was ist zwischen euch beiden passiert?“ Wollte er wissen.
„Martin ist mir fremd gegangen.“ Schnappte ich beleidigt. Ich hasste es, wenn mein Bruder mich noch immer wie ein kleines Kind behandelte. Er war zwar gute 4 Jahre älter als ich, aber dennoch war auch ich bereits erwachsen.
„Und wie hast du davon erfahren? Du hattest etwas von einem Foto letztens erzählt.“ Bohrte er weiter.
„Ja. Ich hab es beim Aufräumen in seinen Sachen gefunden.“ Erklärte ich, während ich das Foto aus meinem Geldbeutel angelte. Tom nahm es entgegen und blickte es eine geraume Weile an.
„Vielleicht ist die ganze Angelegenheit auch nur ein riesiges Missverständnis. Ich weiß, es sieht wirklich so aus, als ob Martin dir fremd geht, aber du solltest ihm wenigstens die Möglichkeit geben, das alles zu erklären.“ Er seufzte.
„Ich hab keinen Bock mir seine Ausflüchte und Lügen anzuhören.“ Knurrte ich meinen Bruder an. Ich wusste, dass er recht hatte, aber ich wollte einfach mehr Zeit haben, das ganze zu verdauen.
„Und ich will vor meiner Haustüre nicht weiterhin einen roten VW parken sehen.“ Konterte Tom.
„Dann geh ich eben zu Limbi ins Hotel. Dann steht auch kein Golf mehr vor deiner Türe.“ Grummelte ich gereizt. Was konnte ICH denn bitte dafür, dass mein Ex einfach nicht aufgab. Nunja, ich weigerte mich mit ihm zu reden.
„Red endlich mit Martin, dann steht der Golf hoffentlich auch nicht länger vor meiner Türe.“ Widersprach mein Bruder. Aber ich hatte mich bereits entschieden für ein paar Tage in das Hotel unseres Onkels zu ziehen. Dort half ich immer wieder mal aus und an diesem Ort würde Martin mich sicherlich nicht vermuten. Ich stand genervt von der Couch auf, ging ohne auf Martins weitere Worte zu hören ins Gästezimmer und packte meine zwei Sporttaschen.
„Jetzt beruhige dich erstmal wieder. Was ist denn schon dabei mit Martin zu reden. Er ist eigentlich ein ganz super Kerl.“ Redete Tom weiter.
„Der mir fremd gegangen ist.“ Knurrte ich, zog den Reißverschluss energisch zu und schleppte die Taschen dann zur Türe.
Wieder klingelte das Telefon – ich konnte dieses Geräusch schon nicht mehr ertragen. Entschlossen öffnete ich, nachdem ich in meine Schuhe gestiegen war, die Türe, blickte auf meine Armbanduhr und beeilte mich zur Bushaltestelle zu kommen.
Martin war tatsächlich nach Hause gefahren.
Gerade als ich die Straße, in der Toms Haus stand, verließ, fuhr der Bus von der gegenüberliegenden Haltestelle ab.
„Na toll. Jetzt muss ich auch noch ne halbe Stunde warten.“ Schimpfte ich und ließ mich auf die Bank an der Haltestelle nieder.
Ich kam schließlich übellaunig im weißen Hasen an.
„Hallo Andi.“ Begrüßte mich meine Cousine Barbara.
„Hallo Babs, ich brauch ein Zimmer.“ Seufzte ich.
„Was ist denn passiert?“ fragte sie alarmiert und sah verwirrt auf die beiden Reisetaschen. „Hat dich Martin rausgeworfen?“
„Nein, ich bin abgehauen, weil er mir fremd gegangen ist.“ Erklärte ich.
„Oh je. Dann brauchst du wohl erstmal ein wenig Ruhe.“ Seufzte Barbara, nahm einen Schlüssel vom Haken und reichte ihn mir. „Ich sorge dafür, dass dich niemand stört. Bleib so lange du willst.“
„Danke.“ Sagte ich kleinlaut und ging dann in mein Zimmer hoch.
Ich hatte mein Buch vergessen und es war auch schon spät, so beschloss ich schlafen zu gehen.
Und mein Traum war wieder so real …

***

Verschlafen öffnete ich die Augen. Meine Güte hatte ich viel getrunken, den Kater würde ich wohl heute nicht wieder los werden.
Ich blickte auf meinen Wecker, der direkt vor meiner Nase auf dem kleinen Nachtkästchen stand. Es war kurz nach 11 Uhr. Eigentlich war ich ein Frühaufsteher, aber gestern musste es wohl noch mit Martin lange geworden sein.
Ich fragte mich, ob er in seinem Bett hatte schlafen können und musste dabei schmunzeln.
Vor meinem inneren Auge sah ich das kleine Zimmer, in dem wir getanzt hatten – vollgekotzt. Vielleicht hätte ich ihm anbieten sollen bei mir zu übernachten.
Meine Blase machte sich bemerkbar und so musste ich wohl trotz meiner hämmernden Kopfschmerzen aufstehen.
Etwas wunderte ich mich schon, dass ich nackt war, aber bei dem Saurausch, den ich wohl gehabt hatte, hätte ich wohl selbst meine Unschuld verlieren können und mich an nichts mehr erinnert.
Martin war ein gestandener Trinker und wahrscheinlich hatte ich es selbst übertrieben, um ihm in nichts nachzustehen. Tja, das hatte ich nun davon – Kopfschmerzen.
Ich begann meinen Tag mit einem Glas O-Saft und zwang mir ein Müsli mit Nüssen, Obst und Joghurt rein. Gefolgt von 2 Gläsern Leitungswasser gegen den Brand. Vitamine und viel Flüssigkeit waren das Wichtigste um einem Kater Herr zu werden.
Ich fühlte mich auch sogleich besser.
Plötzlich schlangen sich von hinten zwei Arme um meine Schultern und ein fremder Kopf lehnte sich zärtlich gegen meinen.
„Guten Morgen.“ Raunte eine Stimme gegen mein Ohr und sofort hatte ich sie wiedererkannt. Ungläubig drehte ich mich herum und starrte in ein wunderschönes Paar brauner Augen.
„Martin?“ flüsterte ich verblüfft. War er etwa gestern nicht nach Hause gegangen? Um ehrlich zu sein, ich konnte mich an gestern kaum mehr erinnern.
„Krieg ich nen Kaffee?“ fragte er spitzbübisch und sichtlich amüsiert, als er meinen perplexen Gesichtsausdruck sah und setzte sich mir gegenüber an den kleinen Beistelltisch der Küche, auf dem ich mein Frühstück eingenommen hatte.
Ihm schien nichts zu fehlen – im Gegensatz zu mir.
„Ich … ähm …“ stotterte ich, sprang dann wie von der Tarantel gestochen auf und bereitete eine Tasse Instant-Kaffee mit dem Wasserkocher zu. Den einzigen Kaffee, den es in unserer WG gab.
„Zucker? Milch?“ fragte ich und bereitete das Getränk nach seinen Wünschen zu. Als ich mich schließlich zur kleinen Tischgruppe umdrehte, wäre mir vor Schreck fast die Tasse aus der Hand gefallen.
Martin saß noch immer da, hatte mir den Rücken zugewandt und studierte die Packung meines Müslis.
Vor mir prangten die wunderschönen Schwingen auf seiner nackten Haut und endeten kurz vor seiner – oder besser gesagt meiner – Jeans.
Ich hatte mich sogleich wieder gefangen, aber irgendwie hatte ich das Gefühl, dass etwas verdammt falsch hier lief.
Ich hatte die dumpfe Befürchtung, dass gestern mehr passiert war, als nur Zusammensitzen und Saufen.
Aber hätte ich mich darüber nicht freuen sollen? Ich hatte gestern schon gemerkt, dass ich mich zu diesem Kerl hingezogen fühlte, aber seine Aussage über One-Night-Stands hatte mich sofort desillusioniert – oder doch nicht?
Ich stellte Martin seinen Kaffee hin und setzte mich ihm dann wieder gegenüber. Es war ein unheimliches Gefühl nicht zu wissen, was gestern geschehen war. Wie weit waren wir gegangen? War überhaupt etwas passiert?
Martin trank schweigend seinen Kaffe, blickte mal hier und mal dort hin und schien ganz unbeschwert zu sein.
Als er schließlich fertig war und ich abgeräumt und abgewaschen hatte, folgte er mir wieder in mein Zimmer.
Kaum hatte ich jedoch die Türe zugemacht, schlang er wieder seine Arme um mich und zog mich von hinten an seine warme Brust.
Was sollte ich jetzt bloß tun? Meine Gedanken rasten. Ich musste endlich wissen, was letzte Nacht zwischen uns gewesen war und was nun sein würde. Aber wie? Einfach fragen? Nein, ich wollte mich nicht vor ihm lächerlich machen. Ich würde einfach abwarten, was geschehen würde und so gut es ging mitspielen.
Und Martin machte tatsächlich weiter. Langsam drehte er mich zu sich, blickte mir tief in die Augen und küsste mich dann zärtlich. Seine Hände schoben sich unter mein T-Shirt und erkundeten die nackte Haut darunter. Nur zögernd legte ich meine Arme um ihn. Es war ein seltsames Gefühl über das Tattoo zu streicheln. Eigentlich spürte ich ja überhaupt nichts, aber die Vorstellung alleine war seltsam.
„Bock auf ne zweite Runde?“ fragte Martin mit lustverhangener Stimme. Er war erregt, das spürte ich. Er rieb unsere Hüften aneinander und fast hätte ich ohne nachzudenken zugesagt. Ich schaffte es gerade noch die Notbremse zu ziehen.
„Halt. Das geht mir zu schnell.“ Japste ich und plötzlich hörte Martin auf sich gegen mich zu drängen. Er ließ seine Hände an meine Schultern wandern und drückte mich an die Türe zurück.
„Was soll das heißen zu schnell? Letzte Nacht, während unserem Kuss, hast du dich doch förmlich an mich rangeschmissen und da bin ich davon ausgegangen, dass es für dich OK war. Du hast dich wortwörtlich unter mir gewunden und nach mehr geschrien.“ Verteidigte Martin sein Tun.
Das blanke Entsetzen packte mich. ICH unter IHM? Entjungfert? Sturzbesoffen und ohne Erinnerung daran? Und dann noch ein One-Night-Stand?
„Ich … ich kann mich nicht mehr erinnern.“ Gestand ich. „Ich hatte eigentlich gedacht, dass du zuhause in deinem Bett liegst und ich dich nie wieder – oder vielleicht nur auf einer anderen Party – sehen würde. Dann stehst du plötzlich hinter mir, umarmst mich, küsst mich, fässt mich an und dann erfahre ich auch noch, dass ich entjungfert wurde – von einem One-Night-Stand.“
„Hey, mach mal halblang.“ Bremste Martin meinen kleinen Weltzusammenbruch. „Wenn das ein Quicky gewesen wäre, hätte ich dir das direkt ins Gesicht gesagt. Dann hätte ich dich nicht erst kennengelernt, sondern hätte dich auf der Stelle flach gelegt, ohne Vorspiel, küssen oder dem drum und dran. Und ich wäre nach getaner Arbeit abgehauen.“ Stellte er klar.
„Aber du hattest doch gesagt, du wärst solo und nicht auf der Suche und wenn, dann nur One-Night-Stands.“ Erinnerte ich ihn. Mein Hirn hatte aufgehört zu arbeiten. Die ganze Situation überforderte mich und meine Kopfschmerzen taten den Rest.
„Quickys!“ widersprach Martin. „Rein, raus, fertig. Nix über Nacht. Und was das mit uns angeht … als du mit mir getanzt hast … da hast du mich fasziniert. Ich wollte dich kennenlernen und dann … hab ich mich total in dich verschossen. Ich hab alles auf eine Karte gesetzt und als wir uns dann so nahe waren und du mich so seltsam angesehen hast, hab ich dich geküsst. Verdammt, ich dachte, es wäre klar zwischen uns und du hast dich auch heute morgen nicht gegen mich gewehrt … aber wenn es für dich nur ein One-Night-Stand war, an den du dich noch nicht einmal erinnern kannst, dann tut es mir leid.“
„Das heißt also … daß wir jetzt Freunde sind … ein Pärchen … Verliebte …“ zählte ich auf. Ich konnte mein Glück nicht glauben.
„Wenn du das möchtest.“ Erwiderte Martin und genoss den Kuss, den ich ihm darauf gab in vollen Zügen, erwiderte ihn leidenschaftlich und dann verbrachten wir mein erstes, richtiges Mal zusammen.

***

Ich war nicht von alleine aufgewacht. Etwas hatte mich geweckt. Ein Geräusch … und dann, als ich mich aus meinem Traum losgerissen hatte, wiederholte es sich wieder.
Jemand klopfte an die Türe. „Zimmerservice.“
Eigentlich wollte ich jetzt niemanden sehen, aber der arme Kerl tat nur seine Arbeit.
„Einen Moment.“ Rief ich durch die Türe, beeilte mich mir etwas überzuziehen und ließ meinen Blick über die schlichte Uhr an der Wand streifen. Kurz vor 10 Uhr.
Ich hatte länger geschlafen, als ich dachte, aber wirklich ausgeruht fühlte sich anders an.
Gähnend öffnete ich die Türe und im nächsten Augenblick prallte ich von der Wucht, mit der mein Gegenüber sie aufstieß zurück. Ich sah einen blonden Blitz hereinwirbeln und lag im nächsten Moment bäuchlings im Bett.
Schmerzhaft verdrehte mir der Angreifer den Arm auf den Rücken.
„Ich hab die Schnauze voll. Du wirst jetzt mit mir reden. Verstanden?“ hörte ich Martins Stimme und nun klang er wirklich wütend. Ängstlich nickte ich und er ließ mich wieder los, entnahm mir dabei den Zimmerschlüssel und ging zur Türe zurück, um sie abzuschließen.
„Damit du nicht schon wieder abhaust.“ Kommentierte er, als er den Schlüssel in die Hosentasche schob und versuchte sich an einem entschuldigenden Lächeln. Ich hatte mich mittlerweile wieder aufgesetzt und blickte ihn trotzig an.
„Was soll der ganze Mist? Was ist los und was verdammt noch mal habe ich getan?“ fragte er. Von seiner Wut war nicht mehr viel übrig. Er hörte sich müde an und unter seinen wunderschönen Augen lagen dunkle Ringe.
„Das weißt du ganz genau. Oder gibt es da etwa noch mehr, das ich nicht weiß und du willst nur wissen, hinter welche Schweinerei ich gekommen bin?“ Warf ich ihm an den Kopf. „Und woher weißt du überhaupt, wo du mich findest …“ aber diese Frage konnte ich mir selbst beantworten – mein lieber Bruder Tom.
„Ich war bei deinem Bruder und er meinte, wir sollen endlich miteinander reden und der Meinung bin ich auch. Andi, ich liebe dich und vielleicht ist das alles nur ein Missverständnis. Was auch immer vorgefallen ist – gib mir eine Chance es zu erklären.“ Bat Martin, aber meine Wut war noch lange nicht verraucht. Sich heimtückisch als Zimmerservice ausgeben – jetzt fühlte ich mich wirklich wie im Märchen. Ich, das arme, kleine Geißlein und er der hinterlistige Wolf.
„Missverständnis!“ schnaubte ich „Den Schwanz in einen fremden Kerl reinhängen lassen – das nennst du Missverständnis.“
„Fremder Kerl?“ fragte Martin verwirrt. „Wovon redest du da? Da hat wohl irgendwer einen Bockmist über mich erzählt. Du müsstest mich doch mittlerweile gut genug kennen.“
„Das hatte ich auch gedacht. Bis ich es mit eigenen Augen gesehen hab.“ Wutschnaubend holte ich meinen Geldbeugel aus der Gesäßtasche, fummelte das Bild heraus und warf es ihm entgegen. Verwirrt faltete Martin das Polaroid auseinander und begann dann zu grinsen.
„Versuch dich bloß nicht herauszureden. Der Kerl oben, das bist eindeutig du. Niemand sonst hat solche Flügel auf dem Rücken.“ Knurrte ich.
„Da hast du recht. Das bin wirklich ich.“ Der Satz versetzte meinem Herzen einen Stich. Ich hatte gehofft, dass er lügt, dass sich herausstellt, dass es wirklich nur ein Versehen war.
„Dann bist du mir also doch fremd gegangen.“ Schrie ich ihn an. Nun wollte ich es wissen. „Wie oft?“
„Kein einziges Mal.“ Beharrte Martin und noch immer grinste er dämlich. „Das Bild zeigt mich und meinen letzten Quicky, bevor ich dich kennengelernt hab.“
„Red keinen Mist. Du hattest damals braune Haare und erst vor ein paar Monaten hast du sie dir blondiert!“ beharrte ich. Vor unserer Beziehung – das war unmöglich – das durfte nicht sein, denn das würde bedeuten, dass ich ihm umsonst diese Vorwürfe gemacht hatte.
„Vor unserer Beziehung hatte ich sie mir schon einmal blondieren lassen und als sie dann ein gutes Stück rausgewachsen waren, hab ich sie mir damals wieder schneiden lassen. … Aber es gibt noch einen zweiten Beweis, wenn du mir nicht glaubst. … Auf dem Foto habe ich kein Tattoo am Hals.“ Erklärte er und reckte mir zum Beweis seinen Hals entgegen.
Schockiert riss ich ihm das Foto, das er mir wieder hinhielt, aus der Hand und sah genau hin. Dort, wo eigentlich die asiatischen Zeichen prangen sollten, war nur weiße Haut. Er hatte sich meinen Namen dorthin tätowieren lassen – ein Liebesbeweis und das noch bevor er sich die Haare blond gefärbt hatte. Es hätte dort sein müssen.
Perplex sah ich die Stelle weiterhin an.
„Das ist unmöglich. … Das würde bedeuten …“ stammelte ich hilflos.
„… dass ich dir nicht fremd gegangen bin.“ Vervollständigte Martin meinen Satz, streckte die Hand nach meiner Wange aus und zog mich dann in einen zärtlichen Kuss.
„Wenn ich es nicht ernst mit dir meinen würde, hätte ich mir das Tattoo nicht machen lassen und wäre auch nicht tagelang vor dem Haus deines Bruders gesessen und hätte dir nicht unzählige Briefe und Gedichte geschrieben.“ Flüsterte er mir ins Ohr, während wir uns engumschlungen ins Bett zurücksinken ließen.
„Ich habe keinen einzigen gelesen.“ Gestand ich traurig. Aber ich nahm mir fest vor, dass ich es nachholen würde.
Wir blieben noch eine kleine Ewigkeit kuschelnd liegen und beschlossen dann zuhause in unserer Wohnung weiterzumachen, unseren Urlaub zu zweit zu genießen.
„Ich halte eigentlich nichts von Hochzeit, aber ich glaube, es ist wohl der einzige Weg um dich endgültig davon zu überzeugen, dass ich es nach 5 Jahren immer noch ernst meine.“ Lachte Martin, als wir das Zimmer verließen und ein bisschen wurde ich bei dem Satz rot im Gesicht.
Aktualisiert: 27/09/10
Veröffentlicht: 27/09/10
[PDF speichern]
[Drucker]

Optionen: [Melden]
tom62 am 03/10/10 16:11
Eine nette kleine Geschichte, die mir vom Inhalt als auch vom Schreibstil gefallen hat.
Allerdings hatte ich mir unter "Märchen" die Sache etwas anders vorgestellt. Nach lesen der Challengebedingungen verstand ich es dann besser. Aber eigentlich wollte ja der Wolf im Märchen das Geislein fressen, was man ja von Martin nicht behaupten kann und geheiratet haben sie im Märchen schon gleich gar nicht "g".
Trotzdem, mir hats gefallen.
LG tom



Antwort der Autors Schmusetuch (04/10/10 08:05):
Hallo Tom,

freut mich, daß dir die Geschichte gefallen hat und vielen Dank für das Lob.
Was deine Kommentare zur Märchen-Challenge angeht: Ich hatte (frag mich ned warum) die Märchen-Challenge anders im Kopf und deine Bedenken sind ganz richtig. In der Challenge steht eigentlich nur die "Homofizierung" der Märchengestalten. Wenn da jetzt meine Fantasie mit mir durchgeht, sehe ich die 7 Geißlein im Gangbang und den Wolf als Voyeur *Bild gleich mal zur Seite schiebt* *grusel*
Ich hatte die Märchen-Challenge eigentlich so in Erinnerung (wie gesagt, ich weiß nicht warum), daß die Schlüsselszenen in einer Interpretation herausgearbeitet werden können/sollen.

Diese sind im Märchen folgende:
- Geißlein warten auf ihre Mutter (Andi verschanzt sich im Haus seines Bruders und wartet, bis der endlich nach Hause kommt).
- Der böse Wolf schleicht um das Haus und will dort rein. (Martin sitzt davor im Auto und versucht Andi zum Reden zu bringen.)
- Der böse Wolf kommt durch eine List ins Haus. (Martin gibt sich als Zimmerservice aus und kommt so ins Zimmer rein.)

Gleichzeitig versuche ich in jeder meiner Geschichten das 'nichtexistierende Böse' einzubauen. (Es stellt sich heraus, daß Martin gar nicht fremd gegangen ist.)

Natürlich hast du recht, daß auch viele Schlüsselszenen fehlen oder falsch sind. z.B. kommt die Mutter (Tom) schon vor der List nach Hause oder die Szene mit dem Uhrenkasten, aber wie gesagt, ich habe es als Interpretation (oder wie man das nennt) gesehen.

Nachdem ich mir die Challenge jetzt nochmal durchgelesen hab (sollte ich das nächste Mal wirklich vorher machen), habe ich mich mit dem Problem an unsere lieben Admins und Mods gewandt und erwarte das göttliche Urteil. Wäre nicht direkt Traurig, wenn sie aus der Challenge rausfliegen würde - dachte halt nur, es würde dazupassen.

Vielen Dank für den Hinweis, vielleicht erwähne ich das auch nochmal in den Hinweisen und hoffe, daß du mir treu bleibst - ich tue mein Bestes.

LG Schmuse.
Der Wolf und das kleine Geißlein
split am 24/12/10 20:02
Hey Schmuse,
ist ja wirklich ne süße Geschichte. Ein wenig vorhersehbar, aber nichts destotrotz lesenswert.
An das Märchen mit dem Wolf und den sieben Geißlein erinnert mich die Geschichte jetzt gar nicht, aber das macht nichts. Is trotzdem cool.
LG
dat split



Antwort der Autors Schmusetuch (01/02/11 08:54):
Hallo split,

seuftz ich glaub ich nehm den Hinweis auf die Märchenchallenge wieder heraus ^^ Neeee.
Schön, daß es dir gefallen hat.

LG Schmuse
Der Wolf und das kleine Geißlein
anna1223 am 17/04/11 21:20
hi!
kann mich den anderen nur anschließen.
die geschichte hat zwar mit dem märchen nicht sooooo viel gemeinsam, dafür ist sie aber super süß und was nettes für zwischendurch.
lg. anna



Antwort der Autors Schmusetuch (17.05.2011 07:53):
Hi anna,

... hab mich lange davor gedrückt das Review zu beantworten ... nie die Muse dafür gefunden, sorry ^^

Es freut mich, daß es auch dir gefallen hat. Vielleicht kommt bald mal ein neues Märchen. Habe da schon 1-2 Ideen und an einer schreibe ich auch gerade halbherzig neben Dienen, Real Life, Umzug, Stress, Archiv betreuen, Archiv Programmieren ...

Also du siehst, es ist wirklich "halbherzig" - eher "viertelherzig" - und wird wohl noch lang auf sich warten lassen, wenn ich nicht gerade richtig viel Bock zum weiterschreiben habe. ^^

Liebe Grüße, Schmuse.
Der Wolf und das kleine Geißlein
Hinoto am 11/09/11 21:21
Coole Geschichte! Echt hammer geil gelungen! *lob*
Das macht Lust noch alle anderen Story's von dir zu lesen *auf deine seite lins*
Grinsend



Antwort der Autors Schmusetuch (19.09.2011 09:17):
Hallo Hinoto,

danke für dein Review.
Toll, daß es dir gefallen hat.

Meine Storys sind sehr vielseitig - hoffe, es ist noch mehr für dich dabei ^^.
Leider komme ich zur Zeit nicht zum Schreiben, also sei nicht traurig, wenns irgendwo spannend wird, aber nicht weitergeht.

LG Schmuse.
Der Wolf und das kleine Geißlein
Witch23 am 30/11/13 14:01
Brüllte er über die laufte Musik hinweg. zumindest würde das eher Sinn machen.

Eine echt verquere Geschichte. Das ganze liest sich eingangs wie eine Stalking Geschichte. Und man merkt eben auch das er Andi immer noch viel zu bedeuten scheint da er ihm immer wieder Cola hingestellt hat und auch nicht die Polizei oder so gerufen hat, wobei das wäre bei einer Beziehungsgeschichte vor allem unter Männern auch nicht unbedingt so einfach, weil es ja immer noch schwer ist für ein Gleichgeschlechtliches Paar in solchen Situationen (Polizei etc zu Rufen).
Aber eine sonst schöne Geschichte.
Der Wolf und das kleine Geißlein
aschenneller am 14/03/14 17:01
Also, die Geschichte war sehr schön, aber dieser Andi war wirklich aufregend!!! Zwinkernd
Ciao
Christina
Der Wolf und das kleine Geißlein
Aussehen wechseln!
Login

Registrieren | Passwort vergessen
BxB-Statistiken
Mitglieder: 4703
Geschichten: 891
• M/M: 815
• F/F: 68
Kapitel: 5054
Autoren: 248
Reviews: 9089
Reviewer: 565
Neuestes Mitglied: Katzenfreundin
Challenges: 61
Challengers: 16
 
Aktuell
Du bist nicht eingelogt
Laberkasten
Witch23
20/08/22 10:06
Hallo zusammen

gerdhh171
23/07/22 21:10
hallo jungs

Witch23
29/06/22 06:27
Hallo auch

split
23/06/22 14:41
Hallo, welcome back

minori
22/06/22 18:02
Wenn man nach 13 Jahren mal wieder vorbei schaut :) Heyho

Witch23
10/06/22 09:30
Tja, solange bxb existiert sollte das auch ^^

carrabas
09/06/22 21:23
Dieser alte Login funktioniert noch :O

Witch23
18/04/22 12:17
Danke dir, sonst wünsche einfach schöne Feiertage, die sollten fast alle ab Freitag haben ^^

split
15/04/22 09:43
Keine Ahnung, ob man das schon am Karfreitag tut, aber ich wünsche Euch allen schon einmal Frohe Ostern und ein paar entspannte Tage.

Witch23
25/01/22 13:28
Freuen uns über jeden der hier ist

Wer ist online?
Gäste: 253
Mitglieder:
Neueste Geschichte
Die Osterhochzeit von Snoopy279 Ohne Altersbeschränkung
Nachdem sie ihre Hochzeit letztes Jahr verschieben mussten, heiraten Max und...
Neustes Kapitel
Neujahrsvorsätze von Snoopy279 Ab 12
Während Moritz sich am Neujahrsmorgen enthusiastisch auf die Umsetzung der Neujahrsvorsätze...
Zufallsgenerator
Die Sache mit der Bettkante von Ike Ab 14
Wenn man einmal wirklich verletzt wurde, fällt es einem schwer noch an die Liebe...