Das neue Gesetz von Schmusetuch (Laufend)
Inhalt: Eine Hungersnot plagt das Land und nach dem Tod des Königs rückt Elias, sein Sohn, in sein Amt nach. Aber auch ihm will keine Lösung einfallen und selbst sein langjähriger Freund, Geliebter und Berater Dorian ist ratlos.
Schließlich kommt Elias eine Idee zu einem neuen Gesetz. Als er es mit Dorian bespricht, stößt er aber auf heftigen Widerstand und der Gegeneinfall seines Freundes ist einem Weltuntergang gleich.
Genres: Fantasy, Historisch, M/M (yaoi)
1. Warnung: Zucker, Depri/Emo
2. Warnung: Keine
3. Warnung: Keine
Challenges: Märchen Challenge
Kapitel: 4
Veröffentlicht: 12/07/11
Aktualisiert: 07/11/11
Anmerkungen zur Geschichte:Mein zweiter Versucht zur Märchenchallenge - ich hoffe, man kann es wenigstens diesmal erkennen ^^
Wenn nicht - ist trotzdem ne schnucklige Geschichte geworden und dümpelt seit über nem Jahr bei mir rum ^^
Die Nacht
„Unsinn. Du musst das Problem an der Wurzel packen.“ Entgegnete er mir langsam und in ruhigem Ton, als wäre ich noch immer ein Kind.
„Das werde ich damit auch.“ War nun meine eigene Verteidigung. Ich wusste, dass es kein Argument gegen seinen Einwand war, aber wie sonst sollte ich die große Hungersnot, die schon seit Jahren das Land plagte und an der auch mein Vater gescheitert und schließlich zugrunde gegangen war, beenden. Der Druck, der auf seinen Schultern gelastet hatte, hatte ihn schlichtweg erdrückt. Immer häufiger war er krank geworden und schließlich hatte er nicht mehr die Kraft gehabt, gegen das Fieber anzukämpfen. Und so war ich, als sein Sohn, an seinen Platz gerückt.
Dorian seufzte schwer. „Also gut.“ Fing er an und ich wusste, dass er nun mit einer anderen Taktik versuchte mich von meinem Vorhaben abzulenken. Einer Taktik, die ich hasste, denn plötzlich drehte er den Spieß um und wollte Argumente haben, die FÜR mein neues Gesetz sprachen – ich war ein lausiger Argumentierer. In meinem jetzigen Leben – und wohl auch zukünftigen – hatte ich es noch nie gebraucht. Wozu hatte ich denn sonst Berater, die sich für mich den Kopf zerbrachen? Nur bei Dorian rauchte zur Abwechslung meiner und hätte ich das Mindestmaß auf das Niveau seiner Intelligenz gesetzt, hätte auch ich laut dem neuen Gesetzesentwurf das Land verlassen müssen.
„Wie willst du denn feststellen, wer klug und wer dumm ist?“ fragte er und stieß damit genau ins Schwarze. Dieser Teil meines neuen Gesetzes war noch in Planung und ich hatte keinen blassen Schimmer.
„Das werde ich mir noch überlegen.“ Sagte ich also trotzig und sah, wie sich seine Mundwinkel zu einem siegessicheren Lächeln verzogen.
„Und was ist mit den Leuten, die weder dumm noch klug sind?“ stocherte er weiter. Ein Argument, das sich gewaschen und auf das ich ebenso keine Antwort hatte.
„Es wird hoffentlich reichen, wenn wir die Dummen loswerden, die jeden Abend im Wirtshaus saufen.“ Sagte ich also schnippig.
„Und wer macht dann die Arbeit auf dem Felde, wenn du die ganzen ‚dummen’ Bauern, die als einzige Wissen, wie man Getreide anbaut, rauswirfst?“ fragte er nun triumphierend.
„Das können dann die anderen machen. Da ist doch gar nichts dabei. Ein bisschen Pflügen, was sowieso die Ochsen machen, aussähen und warten.“ Sagte ich nun schmunzelnd und war mir sicher, dass er darauf kein Argument bringen würde. Er überlegte tatsächlich einige Sekunden, aber das hieß nicht, dass Dorian nichts eingefallen war. Wahrscheinlich baute er sich gerade ein unheimlich handfestes Szenario zusammen, das mein Gesetz wie eine dumme Bemerkung darstellen würde.
Er holte auch tatsächlich gerade Luft, als es an der wuchtigen Türe klopfte. Ohne auf ein Wort des Eintretens zu warten, schob sich die Türe auf und ein alter, gebrechlich aussehender Mann trat herein. Er war in eine samtrote Robe gekleidet, die mit seltsamen Zeichen bestickt war und hielt in der rechten Hand einen wuchtigen, mannshohen Stock, der auf seiner Spitze einen blutroten Edelstein sitzen hatte. Das Gesicht des Greises war eingefallen und von langem weißen Haar und einem ebenso imposanten, weißen Bart eingerahmt. Jedes Mal, wenn ich meinen treuen Hofzauberer und ersten Berater sah, überkam mich ein eiskalter Schauer.
„Eure Hoheit ich hatte eine Vision …“ fing er ohne Umschweife an, erblickte dann meinen Freund und hielt in seiner Rede, die er gerade angefangen hätte, inne. Die Luft knisterte hörbar und ich sah, wie auch Dorian sich versteifte.
Ich wusste, dass sich die beiden nicht leiden konnten – mehr noch, sie hassten sich – aber da sie meine engsten Anvertrauten waren, deren Rat ich beiderseitig brauchte, musste ich dieses Zusammentreffen so kurz wie möglich halten.
„Sprich Marlan.“ Forderte ich und der Mann gab sich einen sichtlichen Ruck und blickte mich auch ein wenig verwirrt an. Natürlich es war meine Art zu reden, die sich eines Königs nicht ziemte und ich beschloss mich wieder besser darauf zu konzentrieren.
„Eure Hoheit, erlaubt mir euch meinen Traum zu erzählen.“ Sagte Marlan ehrfürchtig, trat noch zwei große Schritte näher an den Kamin heran und verbeugte sich, soweit es seine alten Knochen zuließen.
„Er möge erzählen.“ Befahl ich und kam mir wie immer sehr albern vor. Ich hasste es in der dritten Person zu reden, aber es wurde von mir erwartet.
Nur mit Dorian konnte ich reden, wie ich wollte – auch etwas, das ich bei seiner Anwesenheit genoss.
„Ich hatte einen Traum, indem das Volk hungerte. Die Menschen, eure Majestät, magerten ab, bis sie nur noch wandelnde Skelette waren und ihr Zorn wurde geschürt vom ewigen Hunger. Sie haben das Schloss gestürmt, die Säle verwüstet und Euch, Allmächtiger … ich wage es gar nicht zu sagen …“ Er brach mit zitternder Stimme ab und schlug sich die Hände verzweifelt vors Gesicht, als wolle er selbst seine Gedanken nicht sehen.
„Bitte sprich weiter.“ Flüsterte ich tonlos. Ich war nervös. So aufgebracht hatte ich Marlan noch nie gesehen. Er zitterte am ganzen Körper und schon beim Eintreten hatte ich bemerkt, wie bleich er gewesen war. Es war mir in diesem Moment auch egal, ob ich mal wieder nicht in der korrekten Form sprach. Schon alleine die Vorstellung lebender Skelette war ein dunkles Zeichen.
„… sie … sie …“ stotterte Marlan, legte eine weitere Pause ein, schluckte hart und sprach es dann endlich aus: „sie haben Euch zerfetzt und aufgegessen. Wie ein Rudel Wölfe sind sie über Euch hergefallen.“
Geschockt ließ ich mich in meinen Sessel zurücksinken, aus dem ich mich aufgeregt hervorgelehnt hatte.
„Habt Dank, Marlan.“ Presste ich an dem Kloß in meinem Hals vorbei und blickte dem Weisen nach, der dann erschöpft den Raum verließ.
„Das war ja wirklich eine Meisterleistung. Du solltest ihm die Leitung des Stadttheaters überlassen.“ Lachte Dorian und klatschte vergnügt in die Hände.
„Lass den Unsinn. Das war ein böses Omen.“ Sagte ich gepresst. „Ich muss handeln, bevor es zu spät ist.“
„Da hast du tatsächlich Recht, wo wir wieder beim Thema wären. Vielleicht fragst du einfach mal deinen ‚göttlichen Seher’, ob er nicht weiß, wie man erkennt, ob jemand klug oder dumm ist. Vielleicht kann er es ja auch erträumen.“ Grinste mein Freund und seine Worte – obwohl sie nur so vor Hohn trieften – klangen gar nicht mal so falsch.
„Vielleicht werde ich das auch tun.“ Flüsterte ich erschöpft. Dorian wollte auffahren, aber ich kam ihm zuvor. „Es ist genug, Dorian.“
Im gleichen Moment tat mir aber der raue Ton, den ich ihm gegenüber benutzt hatte leid.
„Verzeih.“ Flüsterte ich deswegen tonlos.
Dorian erhob sich aus seinem Sessel und kam hinter mich. Zärtlich schlang er von hinten die Arme um meinen Körper und schmiegte seine Wange an die meine. Seine Nähe tat mir gut. Er wusste einfach immer, was ich gerade brauchte.
„Lass uns in dein Gemach gehen.“ Flüsterte er zuckersüß in mein Ohr und platzierte dann auf meinem Hals einen zärtlichen Kuss, der mir Gänsehaut den Rücken hinunterjagte. Was wir dort taten und füreinander empfanden war nicht normal, aber ich hatte mich nun mal in ihm verliebt und kostete jede freie Minute mit ihm aus.
Ich kannte Dorian schon seit meiner Geburt. Er war der Sohn von Mutters Zofe, ein Jahr älter und ist so mit mir aufgewachsen. Er war mir immer ein treuer Freund und ein phantasiereicher Spielgefährte gewesen. Die tollsten Geschichten und Spiele hatte er sich ausgedacht und mir Dinge erklärt, die Marlan mir nicht beibringen konnte.
Ja, er war schon immer der Klügere von uns beiden gewesen und hatte nachts gerne noch in einem der alten Bücher aus der großen Bibliothek geblättert.
Als ich 13 Jahre alt war, war meine Mutter erneut schwanger geworden, hatte aber eine Todgeburt und war im Kindsbett gestorben. Da nun keine Verwendung mehr für Dorians Mutter war, sollte sie entlassen werden und auch Dorian hätte dann gehen müssen, doch durch mein hartnäckiges Quengeln, konnten ich meinen Vater schließlich doch überreden die Beiden hierzubehalten.
Etwa zur gleichen Zeit war durch Dorians Wissbegierigkeit schließlich der Zwist zwischen ihm und Marlan entstanden. Er hatte angefangen Fragen zu stellen, die der alte Zauberer selbst nicht wusste, hatte das Wissen, das er uns vermitteln sollte hinterfragt oder sogar angezweifelt und widerlegt und wurde schließlich vom Unterricht ausgeschlossen.
Natürlich hatte ihn das nicht daran gehindert, seinen Wissensdurst zu befriedigen und so hatte er Buch um Buch gelesen, während ich mir Marlans langweilige Vorträge angehört habe.
Eines Tages aber, bat er meinen Vater auf Reisen gehen zu dürfen – er wollte die Wunder und Techniken, von denen er gelesen hatte, mit eigenen Augen sehen und erforschen.
Oh weh, ich hatte mich mit Händen und Füßen gewehrt, wie ein kleines Kind, als er mir das in meinem Gemach gesagt hatte und ich war damals bereits 17 Jahre alt gewesen. Ich hatte ihn angefleht hierzubleiben, aber er hatte nur milde gelächelt und mich um 2 Jahre gebeten. Dann würde er wieder kommen. Immer wieder hatte er gefragt, warum ich ihn nicht gehen lassen wollte, bis ich ihm schließlich meine Liebe gestanden hatte. Seine Antwort war süßer als die feinste Schokolade gewesen und prickelt heute noch auf meinen Lippen, wenn ich an diesen unvorstellbaren Kuss denke.
Verträumt blickte ich auf den nackten Rücken, der neben mir lag. Nachdem Dorian nach 2 Jahren zurückgekehrt war, lebte unsere Liebe endlich auf. Obwohl nur heimlich, haben wir uns abgöttisch und wo wir nur konnten geliebt. Mein Vater hatte ihn schließlich in das Amt eines Beraters erhoben und die kleineren Reisen, die er seither unternahm, hatten uns nur noch enger zusammengeschmiedet.
Nach dem Tod meines Vaters war Dorian selbstverständlich in meinen Dienst getreten und war mir seither ein guter Berater.
Mein Blick schweifte langsam zu seinem Kopf. Einige Strähnen seiner langen, blonden Haare hingen ihm wirr ins Gesicht, während der Großteil seine schmalen, leicht muskulösen Schultern bedeckte. Dorian war weder mager noch dick, weder muskelbepackt noch ein Schwächling. Er war schlicht gesagt perfekt. Ich lächelte, als ich müde meine Knochen streckte und so einen flüchtigen Blick auf sein Antlitz werfen konnte.
Man sagt, dass Menschen wunderschön aussehen, wenn sie schliefen – bei Dorian traf das nicht wirklich zu. Mir fehlte sein Lächeln oder sein niedliches Lippenbeißen, wenn er mal wieder etwas sehr interessantes las. Jetzt, wo er schlief, wirkte er so ernst.
Vorsichtig streckte ich die Hand nach der nackten Haut aus und zuckte innerlich zusammen, als ihre wohlige Wärme meine Fingerspitzen wärmte. Sie war leicht gebräunt und schweißnass, von unserem wilden Akt und glitzerte in Licht der zuckenden Flammen, die im Kamin loderten.
Ich fror, obwohl ich die dicke Decke bis zum Kinn hochgezogen hatte. Der Traum meines Hofzauberers, auch wenn Dorian behauptete, er sein ein Scharlatan, bereitete mir Unbehagen. Ich spürte den Druck des Volkes bei jeder Audienz die ich gewährte. Vor allem jetzt, wo der Winter sich dem Ende zuneigte, die Kornkammern nahezu leer waren und die Preise noch einmal angehoben werden mussten. Dass der Traum sich genau so ereignen würde – mich meine Untertanen aufessen – war wirklich Unsinn. Wir lebten in einer zivilisierten Welt, auch wenn man immer wieder Gerüchte über Familien, die ihre eigenen Kinder verspeisten, hörte - Hirngespinste.
So schlimm war unsere Hungersnot noch nicht. Die Menschen waren unterernährt und schwach und daher anfällig für Krankheiten, die einige von ihnen nicht überlebten, aber am Hunger selbst war noch niemand gestorben. Die Betonung lag auf noch.
Von Jahr zu Jahr wurde der Ertrag der Ernte weniger und die Überfälle auf unsere Handelsrouten, über die wir aus den Nachbarreichen Nahrung zukauften, häuften sich.
Ich musste also wirklich handeln.
Zitternd schlug ich die Decke zurück, stand auf und schwang die Füße über die Bettkante. Als sie den kalten Boden berührten, bereute ich meinen Einfall bereits, aber nun war es zu spät. Ich griff nach meinem Morgenmantel, schlüpfte hinein und ging dann zum Kamin. Zwei Scheite legte ich nach und stocherte ein wenig unbeholfen in der Glut herum, bis die Flammen endlich nach der neuen Nahrung leckten und es fühlbar wärmer wurde. Eigentlich wäre das die Arbeit der Diener gewesen, aber als erste Amtshandlung hatte ich die königlichen Gemächer, zu denen ich auch Dorians zählen ließ, als absolute Privatsphäre erklärt, damit wir ganz ungestört waren.
Am liebsten hätte ich ja den ganzen Tag mit ihm hier drinnen verbracht, aber natürlich hatte er mich schmerzlich an meine königlichen Pflichten erinnert. Auch das Argument jede freie Minute zusammen darin zu verbringen hatte er meinetwegen abgelehnt.
Neben uns beiden wussten nur eine Hand voll Menschen von unserer Liebe und selbst das war mir entschieden eine Hand zuviel. Ich hatte das entsetze Gesicht noch immer in Erinnerung, als mein Schatzmeister uns in einer der zahlreichen Putzkammern erwischt hatte. Er hatte eigentlich gedacht einen der Diener zu überführen, der es gerade mit einer der Mägde trieb und ich hatte Glück, dass er es nicht meinem Vater damals berichtet hatte. Wohlmöglich hätte dieser dann Dorian hinausjagen lassen.
Langsam wurde mir selbst wieder warm. Das Feuer vertrieb die Kälte aus meinen müden Knochen und ließ eine bleierne Müdigkeit von mir Besitz ergreifen. Eine Illusion, die sich schon bei der ersten Berührung der kalten Decke wieder in Luft auflösen würde. Ich seufzte schwer. Die halbe Nacht war bereits um. Dorian schlief seelenruhig. Obwohl ich ihn schon seit jeher kannte, war er mir noch immer ein Rätsel. Er schien immer gut gelaunt zu sein und egal wie wenig Zeit er hatte, er arbeitete nie unter Druck. ‚Wenn es fertig ist, ist es fertig.’ Sagte er stets. Und noch etwas war an ihm anders. Im Gegensatz zu mir, war er mit unserer Liebe wie selbstverständlich umgegangen, wenn wir mal wieder inflagranti erwischt worden waren und versuchte mich seither davon zu überzeugen es in aller Öffentlichkeit kund zu tun. Ich hingegen war ein jämmerlicher Feigling und fragte mich oft, wie dieser Mann es überhaupt mit mir aushalten konnte und in WAS er sich überhaupt verliebt hatte. In meine Sturheit? In meine Zerstreutheit? In meine üble Laune, die ich seit ich König war Tag für Tag ausbaute?
„Kannst du nicht schlafen, Elias?“ flüsterte eine sanfte Stimme plötzlich neben meinem Ohr. Sanfte Arme umfingen mich und zogen meinen Körper an eine warme Brust. Dann spürte ich Dorians Lippen, die sanft meinen Hals liebkosten. Ich liebte diese Geste von ihm. Sie gab mir Halt und Trost und er wusste immer genau, wann ich sie brauchte.
Halt suchend legte ich meine Hände auf seine Arme und ließ mich erschöpft gegen ihn sinken.
„Ach Dorian, das Ganze wird mir einfach zu viel.“ Seufzte ich. „Jedes Mal kommen mehr Leute zur Audienz und selbst du bist ratlos. Wie soll das noch weitergehen? Ich muss eine Entscheidung treffen.“
„Mir wird schon noch was einfallen. … Ich habe gestern von einem Reisenden in der Spielunke von der Dreifelderwirtschaft gehört, die einen höheren Ertrag bringen soll. Darüber wollte ich eigentlich mit dir reden, doch dann bist du mit deiner dämlichen Idee gekommen.“ Sagte Dorian.
„Heißt das, du hast eine Lösung?“ fragte ich überrascht, drehte mich um und sah ihm erwartungsvoll in die graublauen Augen.
„Vielleicht.“ Sagte er ausweichend, zog mich enger an sich und schmiegte seinen Kopf an meinen. „Das Land, indem sie diese Dreifelderwirtschaft betreiben ist Sherdian.“
Mein Herz blieb für einen kurzen Augenblick stehen und setzte dann mit einem erneuten, heftigen Schlag wieder fort. Sherdian … das lag am anderen Ende der Karte – im Osten. Es würde annähernd 6 Monate dauern dorthin zu kommen und weitere 6 Monate zurück.
„Wir könnten einen Boten hinsenden.“ Sagte ich schnell, aber Dorian schüttelte nur traurig den Kopf.
„Ich muss selbst dorthin. Ich muss es mit eigenen Augen sehen und meine Fragen stellen.“ Sagte er traurig. „Bitte.“
Ein Jahr …, dachte ich, ein Jahr, indem er mir nicht zur Seite stehen würde, in dem ich nichts von ihm hören würde. Das war grausam, aber vielleicht unsere einzige Chance. Ich zitterte am ganzen Körper und fühlte, wie Dorian seinen Griff noch etwas fester zog, mich näher an sich randrückte.
„Es wird wirklich nur für ein Jahr sein und dann werde ich das Reisen aufgeben und bei dir bleiben.“ Redete er auf mich ein.
Das war es also, was Dorian heute beschäftigt hatte. Äußerlich hatte man ihm nichts angemerkt, aber instinktiv hatte ich gespürt, dass etwas nicht stimmte. Seit seiner großen Reise war er nur noch Tage oder Wochen unterwegs gewesen und selbst diese kurze Zeit hatte ich jede Sekunde Sehnsucht nach ihm gehabt. Mein Schloss war mir dann viel zu groß und leer vorgekommen.
„Ein Jahr …“ seufzte ich und er fügte zustimmend hinzu „… nicht länger.“
„In einem Jahr werde ich spätestens wieder hier sein.“
Es dauerte lange, bis ich mich von meinem Schock erholt hatte, stimmte schließlich zu und konnte nun meine Tränen nicht mehr zurückhalten.
Mit sanfter Gewalt drückte Dorian mich ein wenig auf Abstand und lächelte mich dann bedrückt an. Dann fühlte ich seine Hand, die er auf meine Schultern gelegt hatte, sanft meinen Hals hinauf wandern und eine meiner vorwitzigen braunen Locken aus dem Gesicht streichen.
„Versprichst du mir bei meiner Abreise zu lächeln? Ich möchte dein hübsches Gesicht fröhlich in Erinnerung behalten.“ Fragte er, wie vor jeder seiner Reisen und wie immer versprach ich es ihm auch.
Der Aufbruch
Der nächste Morgen kam schließlich, auch wenn ich gehofft hatte, diese Nacht würde nie vergehen. Zeit ist nun mal etwas, worauf wir Menschen keinen Einfluss hatten und Dorians Liebkosungen, die er mir nach unserem Gespräch geschenkt hatte, hatten die Zeit nur noch schneller vergehen lassen. Wir waren nicht wieder eingeschlafen, hatten uns zwar wieder ins Bett gelegt, aber selbst Dorian schien unsere bevorstehende Trennung mitzunehmen. Natürlich hätte er es nie zugegeben, aber ich kannte ihn schon ein Leben lang, um zu merken, wenn ihn was bedrückt.
Müde blickte ich gen Osten, wo die große helle Scheibe gerade über die Hügel kroch und die Landschaft mit ihrem wunderschönen Morgenrot überzog. Alles war friedlich und ruhig und kalt, aber ich merkte mein Zittern gar nicht.
Das Feuer im Kamin war ausgegangen, kurz, nachdem Dorian mein Gemach verlassen hatte. Natürlich war er noch im Schloss und erledigte die Vorbereitungen für seine Reise, aber es fühlte sich so an, als wäre er schon längst gegangen. Langsam wanderte die Sonne höher und ließ den Schnee, der noch immer auf dem Land lag wie Millionen winziger Sterne funkeln.
„Eure Hoheit?“ hörte ich plötzlich hinter mir eine erschrockene Stimme. Flinke Füße trappelten in den Raum und als nächstes hörte ich, wie Holzscheite aus dem Korb gezogen und in den Kamin geworfen wurden. Es dauerte einige Minuten, dann hatte die Bedienstete erneut Feuer gemacht. Wohlige Wärme kroch meinen Rücken empor, aber mein Herz zu wärmen vermochte es nicht. Ein Jahr …, ging es mir erneut durch den Kopf, und was, wenn Dorian überfallen werden würde, wenn man ihn sogar umbrächte? Der Weg war gefährlich.
Eine warme Decke legte sich um meine Schultern und vorsichtig wurde ich zum Kamin gezogen. Die Bedienstete, die mich so vorgefunden hatte, war keine Geringere als Dorians Mutter. Ihr erlaubte ich als Einzige meine Gemächer zu betreten. Scheinbar hatte ich mal wieder etwas zu lange gebraucht und natürlich wusste sie auch von ihrem Sohn und mir.
Sie hatte ihre langen, mittlerweile ergrauten Haare mit einem Band zurückgebunden und trug die Kleidung der Bediensteten. Und obwohl sie mittlerweile die 40 Lenze überschritten hatte, wirkte ihr Gesicht noch immer jugendlich und nahezu faltenfrei. Dorian vermutete, dass das wohl an ihrem zwar Arbeitsreichen aber trotzdem unbeschwerten Leben lag.
„Eure Hoheit, Ihr werdet Euch noch erkälten.“ Redete sie auf mich ein, aber ich nahm ihre Worte nur am Rande wahr.
„Er geht wieder auf Reisen, Silana. Ein Jahr.“ Sagte ich nur tonlos und hörte dann ein trauriges Seufzen von ihr.
„Ich weiß, aber er will Euch nur helfen.“ Versuchte sie mich zu beruhigen und fuhr mir liebevoll über den Rücken. Silana war nach dem Tod meiner Mutter wie ein Ersatz für mich geworden und immer wieder stellte ich aufs Neue fest, dass Dorian seine Sanftheit und Einfühlsamkeit sicherlich von ihr geerbt hatte. Ich spürte, wie sie sich nach der Türe umblickte, um sich zu vergewissern, dass sie sie geschlossen hatte, ehe sie mich vollends in die Arme nahm. Trotz allem war sie noch immer eine Magd und ich der König.
„Ihr müsst nun stark und tapfer sein.“ Redete sie mir gut zu und ich nickte. „Was soll denn Euer Hofzauberer Marlan von Euch denken, wenn er erfährt, dass Ihr diesen Taugenichts von meinem Sohn liebt?“
Sie lächelte mich noch immer sanft an, streichelte mir dann mit ihrer Hand leicht über die Wange und gab mir einen Kuss auf die Stirn.
„Das Frühstück ist serviert.“ Sagte sie dann noch, nahm meine Hand und führte mich ins angrenzende Ankleidezimmer, noch ehe ich erwidern konnte, keinen Hunger zu haben.
Hilfsbereit half sie mir in meine Kleidung und reichte mir dann ehrfürchtig die Krone. Sie war ein wuchtiges Ding, mit vielen Edelsteinen und Verschnörkelungen.
Draußen musste ich mich schließlich zusammenreißen. Ich wischte mir die Tränen aus dem Gesicht, straffte meinen Oberkörper und ging dann schnellen Schrittes in den Speisesaal. Die lange Tafel war an einem Ende mit vielen leckeren Speisen gedeckt, aber ich rührte so gut wie nichts davon an. Sollen sich die Mägde und Knechte damit den Bauch vollschlagen, die mit sichtlicher Freude schließlich den Tisch abräumten. Nur Silana bedachte mich mit einem tadelnden Blick, als sie meinen Teller und den Essspieß aufräumte.
Vor dem Speisesaal warteten bereits meine Berater und unter ihnen auch Dorian auf mich. Mein Herz machte vor Freude einen Sprung, als ich ihn erblickte. Schnellen Schrittes trat er näher und verbeugte sich dann ehrfürchtig.
„Eure Hoheit, ich habe meine Vorbereitungen abgeschlossen.“ Berichtete er mir direkt heraus und sofort waren alle Blicke auf den jungen Mann zu meinen Füßen gerichtet.
Abgeschlossen … das war unmöglich. Er musste Proviant besorgen, eine Route wählen, die Pferde bereiten und packen lassen und das gleiche mussten auch seine Begleiter tun, die er auf diese lange und anstrengende Reise mitnehmen würde.
„Lasst uns alleine. Wir wünschen keine Störung.“ Befahl ich. Ich war verwirrt und irgendwie mussten sich die beiden Befehle sehr seltsam angehört haben, denn wir standen noch immer in einem der Gänge. Wie sollten sie uns da bitte nicht stören? Entschlossen wandte ich mich um und ging aufgebracht in mein Arbeitszimmer, in dem wir gestern schon gesessen und uns Marlans Traum angehört hatten.
Es war eisig kalt und ich wartete, bis die Bedienstete ein Feuer im Kamin entzündet und gegangen war, ehe ich mich Dorian zuwandte.
„Wann wirst du abreisen?“ fragte ich, obwohl ich die Antwort bereits kannte.
„Noch heute.“ Flüsterte er bedrückt und wich meinem Blick aus.
Heute … Ich hatte gedacht, wir hätten noch ein wenig mehr Zeit für uns gehabt, aber auch ich sah den Ernst der Lage. Der Frühling würde schon bald Einzug halten und dann würden Wiesen, Wald und Flüsse wieder mehr Nahrung abwerfen, aber genauso schnell würde auch der Winter wiederkommen. Dorian musste noch vor der ersten Aussaat mit dieser Dreifelderwirtschaft zurück sein.
„Du hast das schon gestern alles geplant und vorbereitet, nicht wahr?“ fragte ich.
„Ja.“ Flüsterte er tonlos. „Elias, bitte versteh das. Es ist unsere einzige Chance und ich muss selbst dort hin.“
„Ich weiß, aber kannst du nicht noch eine Woche hier bleiben, oder zwei Tage … einen?“ fragte ich hilflos und war schon wieder den Tränen nahe.
„Das hat keinen Sinn. Morgen würdest du mich um einen weiteren Tag Aufschub bitten und übermorgen wieder.“ Sagte er kopfschüttelnd und er hatte Recht. Es war jedes Mal das gleiche gewesen. Ich hatte ihn angebettelt, noch einen Tag zu bleiben und am Anfang hatte er sich auch überreden lassen, doch es blieb nicht bei einem Tag, denn am nächsten hatte ich ihn wieder beschworen die Reise aufzuschieben. Traurig sah ich der Tatsache ins Auge.
„Wen nimmst du als Eskorte mit? Franko? Rameris?“ fragte ich und wollte meinen Liebsten wenigstens in guten Händen wissen – den besten, denen ich eine solch wertvolle Fracht überhaupt anvertrauen würde.
„Beide und Seltan, Boros und Hansan. Das muss reichen.“ Er hatte mich wieder angesehen und lächelte leicht verlegen. „Du machst dir viel zu viele Sorgen um mich.“
„Ich liebe dich.“ War meine Antwort auf seine Anschuldigung.
„Und ich liebe dich auch.“ Er trat auf mich zu, nahm mein Gesicht in seine Hände und gab mir einen langen, innigen Kuss. „Es wird nur ein Jahr sein, dann bin ich wieder hier.“
Ich zwang mich zu einem schiefen Lächeln und fühlte dann, wie er seine Stirn gegen meine sinken ließ. „Genau so möchte ich dich in Erinnerung behalten und nun verzeih, ich muss nach meinen Begleitern sehen.“
Ich kehrte nach unserer Unterhaltung wieder auf mein Gemach zurück und wies Silana an, meine Termine für heute abzusagen – mir ginge es gesundheitlich nicht gut. Lediglich zur Verabschiedung Dorians wollte ich geholt werden, um der Gruppe den königlichen Segen zu erteilen. Ich verbrachte sogar die Mittagszeit im Bett und sah gedankenverloren aus dem Fenster. Ein Jahr und nur einen Tag Zeit sich an den Gedanken zu gewöhnen. Ich hatte mir überlegt jede dieser kostbaren Minuten mit Dorian zu verbringen, aber das würde unser wohlbehütetes Geheimnis vielleicht verraten.
Ein zögerliches Klopfen ließ mich hochschrecken und auf mein ‚Herein’ trat Marlan ein.
„Eure Hoheit, ich mache mir Sorgen um Euer Wohlergehen. Erlaubt mir die Heilkundigen rufen zu lassen.“ Sprach er und ein wenig ärgerte es mich, dass er trotz meines ausdrücklichen Befehles in mein Gemach kam. Aber der Zorn war schnell verraucht, denn immerhin trieb ihn nur die Sorge hierher.
„Nein, Danke, es ist nichts ernstes. Wir werden uns morgen sicherlich besser fühlen.“ Sagte ich. „Ein wenig Ruhe wird uns gut tun.“
„Wie Ihr wünscht.“ sagte Marlan und verneigte sich zum Abschied ehrfürchtig, ehe er mein Gemach verließ.
Es dauerte gar nicht lange, als es erneut klopfte und Silana umständlich mit dem Rücken zuerst hereinkam. Erst, als sie die Türe mit dem Fuß geschlossen und sich herumgedreht hatte, sah ich, dass sie ein geflochtenes Tablett aus Weidenzeigen mit einer Schüssel dampfender Suppe, etwas Brot und einen Krug Wasser, sowie meinen königlichen Kelch trug.
Sie stellte alles auf dem niederen Nachtschränkchen ab und baute sich dann demonstrativ mit den Händen in die Taille gestützt vor mir auf.
„Eure Hoheit!“ fing sie an und in ihrer Stimme schwang ein leichter Ton von Tadel mit. Schon als sie hereingekommen war, hatte ich gewusst, was jetzt kam.
„Ihr müsst etwas Essen … und aufhören Trübsal zu blasen. Ihr seid der König. Ihr könnt es Euch nicht erlauben, Eure königlichen Pflichten so leichtsinnig zu vernachlässigen. Das Volk braucht Eure starke Führung mehr denn je.“ Redete sie auf mich ein und sie hatte ja Recht. Aber ohne Dorian würde ich einfach keine Kraft dazu haben.
„Bitte, Silana, ich möchte jetzt gerne alleine sein. Morgen werde ich mich sicherlich besser fühlen.“ Sagte ich ausweichend. Eine glatte Lüge und wir beide wussten es.
„Ich werde Dorian bescheid sagen.“ Sagte sie also, wandte sich mit einem Knicks zur Türe und war dahinter verschwunden, noch ehe ich auffahren und sie zurückhalten konnte.
Es dauerte auch tatsächlich noch eine kleine Weile, bis die Türe schwundvoll aufgerissen und mit einem lauten Knall, der wohl im ganzen Schloss widerhallte, zugeworfen wurde.
Dann stapfte Dorian in seinem dicken Harnisch eingepackt und einen roten Umhang um die Schultern auf mich zu und stemmte dann genauso wie seine Mutter die Hände in die Seiten.
„Mutter sagt, du weigerst dich zu essen und würdest den ganzen Tag auf deinem Gemach bleiben. Die Leute warten bereits auf dich im Thronsaal. Sie sind von weit hergereist, um ihnen ihr Anliegen vorzutragen. Du musst dich jetzt endlich zusammenreißen. Auch ich bin nicht glücklich darüber dich zu verlassen, aber versteh endlich den Ernst der Lage und welches hohe Amt du trägst. Du redest davon Menschen aus dem Reich zu werfen, Familien zu zerrütten, sie ihrem Schicksal zu überlassen und jammerst herum, weil wir uns ein lächerliches Jahr nicht sehen?“ fuhr er mich an. Ich hatte ihn noch nie so aufgebracht erlebt. Natürlich hatte er sich auch mal darüber geärgert, wenn Marlan etwas besser als er gewusst hatte oder sein Wissen als ‚veraltet’ abgetan hatte, aber diesmal war er wirklich wütend geworden … und mit jedem Satz lauter. Er stand noch immer vor mir, atmete schwer und bebte vor Erregung. Dann, plötzlich, besann er sich, schüttelte verwirrt den Kopf, kam auf mich zu und schloss mich fest in seine Arme.
„Es tut mir leid, Elias, ich wollte dich nicht anfahren und dir Vorwürfe machen. Das Ganze nimmt mich mehr mit, als ich mir selbst zugestehe. Ein Jahr ist eine verdammt lange Zeit, aber wir werden es schon überstehen.“ Flüsterte er und dann hörte ich etwas, das ich noch nie von ihm gehört hatte – er schluchzte und drückte sein Gesicht gegen meine Schulter. Dorian, mein Freund, der immer so gelassen und entspannt und fröhlich war, heulte in meinen Armen.
„Ist gut.“ Flüsterte ich und streichelte behutsam über seinen Rücken, wie er oder seine Mutter es immer bei mir taten und es wirkte auch bei ihm. Er schaffte es schließlich sich wieder aufzurichten, küsste mich sanft und blickte mich wehmütig an.
„Du solltest jetzt Essen und dich dann um dein Volk kümmern. Ich werde dich rufen lassen, wenn wir aufbrechen.“ Sagte er, wandte sich dann um und ging.
Es dauerte noch eine geraume Weile, bis ich den Blick von der dicken Eichentüre, durch die Dorian verschwunden war, heben konnte und mich vorsichtig nach dem Tablett streckte.
Haferschleimsuppe. Ich würgte diese undefinierbare Pampe hinunter, aß das Brot und spülte mit einem kräftigen Schluck Wasser nach. Selbst schuld.
Im Vorzimmer zum Thronsaal kam mir bereits mein Schatzmeister entgegen, ein dickes Buch auf dem Arm und eine Feder in der Hand.
„Eure Hoheit, wie schön, dass Ihr Euch wieder erholt habt. Ich habe einen Ersuch von Dorian erhalten und bin mir nicht sicher, ob ich ihm diese hohe Summe überlassen kann.“ Platzte er heraus.
„Egal, was er benötigt, gebt ihm das Doppelte.“ Befahl ich. Ich wusste, dass mein Freund sicher nur mit den niedrigsten Preisen gerechnet hatte und wenn er etwas berechnete, dann hatte das Hand und Fuß. Etikette war heute wirklich nicht meine Stärke.
„Aber Eure Hoheit …“ wollte der Schatzmeister widersprechen, aber ich schnitt ihm noch im selben Moment das Wort ab.
„Und jedem deiner Begleiter gibst du weitere 10 Goldmünzen mit auf den Weg.“ Entschied ich.
„Eure Hoheit, das ist der Lohn für 2 Jahre.“ Stotterte der Mann.
„Sie werden auch ein Jahr unterwegs sein und vielleicht nützt der doppelte Sold, dass Dorian wieder heil zurückkommt.“ Sagte ich ärgerlich und mein Schatzmeister schluckte.
„Wie Ihr befehlt.“ Sagte er ehrfürchtig, verbeugte sich und ging meinen Befehl umzusetzen.
Die Audienz verlief wie die vorige und die davor und die davor – eigentlich wie jede meiner bisherigen Audienzen. Menschen aus den unterschiedlichsten Schichten und Ecken traten vor, berichteten mir von ihren Problemen und ich entschied, was getan werden musste … oder konnte. Meist traf nicht einmal ich sie selbst, sondern vertraute auf das, was mir meine Berater einflüsterten, denn immerhin wussten sie doch besser als ein einzelner Mann über alle Geschehnisse bescheid.
Viele von den Menschen hungerten, fragten um Nahrung oder mehr Land und nicht jeder war mit meiner Entscheidung zufrieden. Manche beschimpften mich auch und wurden von den Wachen hinausgeführt, aber ich hatte die strickte Anweisung gegeben niemanden wegen seiner Verzweiflung ins Verließ werfen zu lassen.
Ich hatte Probleme mich zu konzentrieren und war schließlich froh, als Silana durch einen der Seiteneingänge schlüpfte und Marlan etwas ins Ohr flüsterte.
Der Greis beugte sich zu mir herab und flüsterte wiederum mir zu: „Eure Hoheit, Dorian ist mit seinen Vorbereitungen fertig und erwartet Euren Segen.“
Ich hatte diese Nachricht erwartet, hatte sie herbeigesehnt, um diese langweilige Audienz beenden zu können und jetzt, wo ich sie endlich erhielt, krampfte sich mein Herz bei dem Gedanken an den Abschied zu einem harten Klumpen zusammen.
Zitternd erhob ich mich und hörte im nächsten Moment eine tiefe Stimme das Ende der Audienz verkünden. Ich verließ, gefolgt von meinen Beratern, den Thronsaal und folgte den langen Gängen bis in den Hof. Dort standen 6 gesattelte und 2 weitere, schwerbepackte Pferde und eine Schar von Männern in dicke Pelze gewickelt.
Ein Diener brachte mir ebenso einen Pelzmantel – einen besonders schönen, aus weichem Lammfell – und half mir hinein.
Ich erblickte Dorian, der gerade um sein Pferd herum schritt und sich vom Sitz des Sattels überzeugte. Er bemerkte mich erst, als ich dicht hinter ihm stand.
„Eure Hoheit.“ Sagte er ehrfürchtig und verneigte sich vor mir. Ich hasste es, wenn er das tat, aber es schützte nur unsere Beziehung. Ich konnte ihn noch nicht einmal in die Arme nehmen, ihn Küssen oder mich richtig von ihm verabschieden.
„Unsere Vorbereitungen sind abgeschlossen. Bitte segnet uns und unsere Reise.“ Fragte Dorian formell, kniete, wie die anderen 5 Männer, die zu der kleinen Gruppe gehörten, nieder in den Schnee und senkte das Haupt. Endlos lange Sekunden blieb ich einfach nur tatenlos stehen und starrte auf die blonden Haare vor mir. Wenn ich jetzt den Segen sprach, würde Dorian sich erheben, in den Sattel steigen und verschwinden. Was, wenn ich ihm nicht meinen Segen erteilen würde? Wenn ich den Moment noch ein wenig hinauszögerte?
„Elias, bitte.“ Hörte ich seine Stimme flüstern. So leise, dass nur ich sie vernehmen konnte. Hinauszögern hätte nichts gebracht und Verweigern erst recht nicht. Dorian würde abreisen – mit oder ohne meinen Segen.
Ich atmete tief die eisige Winterluft ein und stieß sie einem leisen Seufzen gleich wieder aus meinen Lungen heraus.
„Allmächtiger Gott, segne diese Reisenden, leite sie auf den rechten Pfaden und führe sie sicher wieder zurück. Im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.“ Dieses winzige Wort am Schluss, was das letzte, das ich von Dorian, im Chor der Anderen, hörte. Nach der Segnung erhoben sich die Männer wieder und schwangen sich auf ihre Pferde.
Ich blickte zu Dorian hoch und er lächelte. Schlagartig erinnerte ich mich an mein Versprechen und zwang nun auch meine Mundwinkel ein kleines Stück höher und betete, dass es nicht nur aufgesetzt wirkte. Dann verpasste er seinem Pferd einen leichten Schenkeldruck und lenkte es in gemächlichem Gang zum Schlosstor.
Dorian blickte sich nicht noch einmal um. Insgeheim hatte ich gehofft, dass er es tat, aber es wäre nur eine weitere Gelegenheit gewesen ihn zurück zuhalten ... und wahrscheinlich hätte ich es auch getan.
Ihm folgten die 5 Männer und formierten sich um ihre wertvolle Fracht in Sternform. Franko ritt an die Spitze, etwa 2 Pferdelängen vor meinem Freund, Rameris und Hansan setzten sich dicht neben ihn und noch einmal 2 Pferdelängen dahinter bildeten Boros und Seltan mit den beiden Packpferden den Schluss.
Ich blieb stehen und blickte ihnen nach, bis sie das Tor passiert hatten. Dann legte sich plötzlich eine Hand auf meine Schulter und ich zuckte entsetzt zusammen. Als ich mich umdrehte, erblickte ich Marlans kluge Augen.
„Sie sind unsere letzte Hoffnung. Sie werden es schaffen. Seid unbesorgt. Ihr solltet nun wieder ins Warme zurückkehren.“ Sagte er und lächelte mir aufmunternd zu. Marlan wusste nichts von unserer Liebe, aber sehr wohl von unserer Freundschaft und vermutlich dachte er, dass ich deswegen so betrübt war.
„Danke, Marlan. Ich …“ er hob tadelnd die Augenbraue und ich verbesserte mich schnell „wir möchten uns jetzt ausruhen.“
„Wie Ihr wünscht.“ Sagte er verständnisvoll und schob mich mit sanfter Gewalt zum Eingang.
Auf meinem Zimmer angekommen, brach ich vollständig zusammen. Ich ließ mich auf mein Bett sinken und weinte dicke Tränen in die Kissen. Irgendwann schlief ich erschöpft ein.
Es war später Nachmittag gewesen, als Dorian uns verließ. Man respektierte meinen Wunsch nicht gestört zu werden und Silana brachte mir das Abendessen wieder aufs Zimmer, nachdem ich mich, nach meinem Erwachen, zweimal geweigert hatte es zu verlassen.
Sie versuchte auch ein Gespräch mit mir zu beginnen, aber ich bat sie mich alleine zu lassen.
Die kommende Nacht war grausam. Ich fror, obwohl ein großes Feuer in meinem Kamin loderte und immer wieder plagten mich Fragen über Fragen.
Wie würde es Dorian ergehen? Den Umständen entsprechend … das war die beste Formulierung, die mir einfiel, aber wie waren seine Umstände? Hatte er noch die nächste Stadt erreicht und konnte in einem Gasthaus schlafen oder musste er in der klirrenden Kälte in einer Höhle am Lagerfeuer frieren? Würde er immer genügend Nahrung und Wasser haben? Was, wenn die kleine Gruppe überfallen wurde? Ich wälzte mich von einer Seite zur anderen, versuchte zu schlafen und erst tief in der Nacht, fand ich ein wenig Ruhe.
Die Kapitulation
„Guten Morgen, Eure Hoheit.“ Weckte mich eine sanfte Frauenstimme und als ich die Augen aufschlug, saß Silana an meinem Bett und wischte mir vorsichtig einige wirre Locken aus dem Gesicht. „Konntet Ihr gut schlafen?“ fragte sie besorgt.
„Nein, ich habe mir unentwegt Gedanken gemacht. Wo er schläft, ob er genug zu essen hat, ob er überfallen wird, …“ fing ich an, doch Silana legte mir schnell einen ihrer schlanken Finger auf die Lippen.
„Scht. Ihr macht Euch viel zu viele Sorgen. Mein Sohn Dorian ist ein erwachsener Mann und er findet immer eine Lösung.“ Sagte sie ruhig. „Vertraut ihm, Eure Hoheit.“
Sie hatte ja wirklich Recht, aber was wäre wenn … .
„Möchtet Ihr heute Euer Essen im Speisesaal einnehmen oder soll ich es wieder auf Euer Zimmer bringen lassen?“ fragte sie schließlich. Ich entschied mich für den Speisesaal, ließ mir von ihr in meine Kleider helfen und frühstückte erstmal ausgiebig. Dann ging ich, gefolgt von meinem Gefolge zur Sonntagsmesse und ließ die ehrfurchtgebietenden Worte des Bischofs auf mich wirken.
Wir beteten für Dorian und seine Gruppe und zu diesem Anlass ließ er mich den Psalm 23 verlesen.
„Der HERR ist mein Hirte,
mir wird nichts mangeln.
Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser.
Er erquicket meine Seele.
Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen.
Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück;
denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.
Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde.
Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein.
Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang,
und ich werde bleiben im Hause des HERRN immerdar.“
Ein Zittern überkam mich, als ich die Worte gelesen hatte und ich musste mich schwer auf die Kanzel stützen, um nicht in den Knien einzuknicken. Meine Miene blieb unbewegt und ich hoffte, dass dieser Gottesdienst bald enden würde.
Dorian und ich waren seit jeher gottesfürchtig gewesen, ich war es auch noch immer, aber seit dem Tode meines Vaters, haderte ich oft in meinen Gebeten mit ihm. Ich beklagte mich über mein Schicksal in einer solchen Hungersnot zum König ernannt geworden zu sein. Ich warf ihm vor, mir meine Familie geraubt zu haben und gestern Nacht hatte ich ihn beschuldigt mir auch noch Dorian zu nehmen.
Jetzt, wo ich hier auf der Kanzel stand, fühlte ich Reue für meine Zweifel und betete inständig, dass der Herr wirklich seine schützende Hand über die kleine Gruppe legte und meinen Liebsten unversehrt zu mir zurückbrachte. Er musste es tun, er musste einfach.
„Eure Hoheit?“ rief mich die Stimme des Bischofs wieder in die Wirklichkeit zurück und ich blickte in die mittlerweile leeren Bänke. Der Gottesdienst war zu Ende und wieder befürchtete ich, Gottes Zorn, durch meine Unachtsamkeit während des Gottesdienstes, auf mich gezogen zu haben. Schnell schritt ich von der Kanzel, kniete vor dem großen Kreuz nieder und bekreuzigte mich.
„Eure Hoheit!?“ erhob der Bischof noch einmal das Wort und erst jetzt blickte ich ihn an.
„Ich werde für Euren Freund beten und um Gottes Führung bitten. Wenn Ihr das Bedürfnis habt, das gleiche zutun, könnt Ihr mich jederzeit hier aufsuchen.“ Sagte er und ich nickte stumm. Damals, als mein Vater gestorben war, hatte er mir das Gleiche angeboten und erst nach 2 Monaten war ich darauf zurückgekommen. Es hatte wahrscheinlich mein Seelenheil gerettet und diesmal würde ich gleich morgen darauf zurückkommen.
Der restliche Tag verging sehr eintönig. Ich fühlte mich wie in einer riesigen Blase gefangen, in der die Zeit nahezu stehen geblieben und in der alles grau und trist war. Ich stocherte mit dem Essspieß nur in meinem Essen herum und verzog mich in mein Zimmer. Heute war Ruhetag – mein Glück. Morgen würde ich wieder Audienzen halten.
Vier Tage zogen ins Land und noch immer hatte sich meine Laune nicht gebessert. Ich lag Nacht um Nacht wach, bekam nur wenig Schlaf, aß kaum etwas und betete.
Während meiner königlichen Aufgaben konzentrierte ich mich nur wenig, war immer in Gedanken bei Dorian und so ließ mich Marlan die meisten Briefe noch mal schreiben, wenn sie zu viele Schreibfehler oder eine zu zittrige Schrift hatten.
Als ich am fünften Tag erwachte, fühlte ich mich überhaupt nicht gut. Mein Hals schmerzte und kratzte und meine Knochen taten mir weh. Ich hatte noch nicht einmal die Kraft aufzustehen und mir schwindelte.
Silana war die Erste, die mich so fand, als sie mich wie jeden Morgen weckte.
„Eure Hoheit! Eure Stirn glüht ja!“ rief sie entsetzt und ließ sofort nach dem Heiler rufen. Sie selbst eilte auch aus meinem Zimmer und kam mit einer Schüssel Wasser und einem sauberen Tuch wieder.
„Eure Hoheit haben eine schlimme Erkältung.“ Stellte der Heiler fest. Hätte ich noch Kraft für Sarkasmus gehabt, hätte ich wohl etwas patziges wie ‚Was sie nicht sagen.’ bzw. ‚Was er nicht sage.’ von mir gegeben, denn das wusste ich ja schon selbst. Ich konnte mich kaum auf den alten, dürren Mann konzentrieren, blickte ihn aus schweren Lidern an und kämpfte mit der bleiernen Müdigkeit, die immer mehr von mir Besitz ergriff.
„Ich werde sogleich einen Kräutersud bereiten.“ Und mit diesen Worten verschwand der Mann wieder aus dem Zimmer. Ich dämmerte tatsächlich weg, fühlte nur am Rande meiner Wahrnehmung ein kaltes, feuchtes Tuch über meine Stirn tupfen, aber die grausamen Knochenschmerzen ließen mich nicht vollends einschlafen. Es lag auch keine Erholung darin.
Eine sanfte Stimme holte mich wieder in die Realität zurück – oder zumindest an ihre Oberfläche. Ich schlug die Augen auf und erblickte Silana über mir gebeugt.
„Eure Hoheit, der Heilkundige ist wieder da.“ Sagte sie, stand auf und mein Kopf nickte leicht zur Seite, sodass ich den Mann sehen konnte.
Er hielt eine große Flasche mit einer trüben Flüssigkeit in Händen und überreichte sie Dorians Mutter. Ich war mir nicht sicher, ob ich wirklich hörte, welche Menge ich wie oft nehmen sollte, dass ich viel Ruhe und Schlaf und auch genug Flüssigkeit brauchte und mein Fieber weiter gesenkt werden müsse. Vielleicht hatte ich es mir auch nur eingebildet.
Dann hörte ich Marlans dunkle Stimme. Er fragte nach einer Prognose und was ich hörte, überraschte mich nicht wirklich.
„Wird seine Hoheit wieder gesund?“ fragte mein Hofzauberer.
„Ich kann leider nichts Genaues sagen. Das Fieber ist sehr hoch und seine Majestät sehr schwach. Wir können nur abwarten und beten.“
Die Stimmen wurden leiser und irgendwann waren sie zu einem dumpfen, monotonen Gebrabbel verschmolzen. Von Zeit zu Zeit wurde mein Oberkörper hoch gehievt. Ein Becher wurde an meine Lippen gesetzt und dann schmeckte ich einen widerlichen Geschmack, der sich zuerst über meine Zunge legte und dann meinen Hals hinab rann.
„Ich müsst trinken.“ Hörte ich Silanas besorgte Stimme. Ich wollte nicht, mein Hals war ein einziger Schmerz, aber meine Reflexe ließen mich doch schlucken, trieben mir die Tränen in die Augen. Ich schaffte es aber nicht die schweren Lider zu heben.
Es verging viel Zeit nach meiner eigenen Einschätzung. Ich hatte fantastische Träume von Dorian. Sie plagten mich, ließen mir keine Ruhe und ich führte, wie langsam der Lebenswille in mir erlosch.
„Bitte.“ Hörte ich eines Tages Silanas verzweifelte Stimme. „Helfen sie seiner Majestät.“ Sie bebte und riss mich für kurze Zeit an die Oberfläche meines Bewusstseins zurück.
„Ich habe alles in meiner Macht stehende getan. Nun kann nur noch der allmächtige Gott seine Majestät retten. Wir müssen mit dem Schlimmsten rechnen.“ Hörte ich die Stimme des Heilkundigen. Sterben … das was der Mann damit ausdrücken wollte war, dass ich sterben würde. Aber der Gedanke hatte nichts beängstigendes mehr an sich. Nein, er war sogar einer süßen Verlockung gleich. Endlich würden die Schmerzen aufhören, die mich seit schier unendlicher Zeit plagten. Ich würde nicht mehr diese scheußliche Medizin schlucken müssen – ich würde überhaupt nicht mehr schlucken müssen und hoffentlich würde ich endlich Dorian vergessen können.
Plötzlich drang ein weiteres Geräusch durch meine verschleierte Welt. Ein dünnes Schluchzen.
„Lieber Gott, du hast mir bereits so viel genommen. Meinen Mann ist tot, mein Sohn Dorian auf einer langen und gefährlichen Reise und ich weiß nicht, ob er je zu mir zurückkehren wird. Ich weiß, ich bin nicht die Königin Mutter, aber ich habe Elias wie einen Sohn in mein Herz geschlossen. Bitte gib ihm die Kraft die bösen Dämonen, die Besitz von seinem Körper ergriffen haben, zu vertreiben und lasse ihn wieder zu uns zurückkehren. Amen.“ Ich kehrte so weit an die Oberfläche zurück, dass ich Silanas Gebet deutlich verstehen konnte, ich konnte ihren Oberkörper, den sie vor dem Bett kniend neben mir aufgestützt hatte fühlen und ihre Worte bewirkten etwas in mir. Seit Dorians Abreise fühlte ich endlich wieder Wärme in meinem Herzen. Ich wollte leben. Ich wollte für Silana leben und ich wollte für Dorian leben.
Der Gedanke war wundervoll und ich fühlte, wie Stückchen für Stückchen die Lebensenergie zurückkehrte. Ich kämpfte gegen diese schrecklichen Dämonen, die mir der Teufel eingesetzt hatte an und irgendwann hatte ich wieder soviel Kraft, dass ich die Augen öffnen konnte.
Es dauerte Lange und ich kämpfte unerbittlich gegen die Müdigkeit an, die mich mit aller Macht zurückhielt, aber dann hörte ich endlich einen entsetzen Aufschrei.
„Elias!“ stieß Silana überglücklich aus. Sie stürmte heran und ich fühlte ihre wunderschöne Umarmung.
„Du bist endlich wieder wach!“ rief sie und blickte mir tief in die Augen. Ihre Hand fühlte meine Stirn und ein kleines Bisschen wurde ihr Lächeln noch strahlender. „Endlich ist das Fieber zurückgegangen. Wachen! Ruft den Heilkundigen, den Bischof und den Hofzauberer. Seine Majestät hat endlich das Bewusstsein erlangt.“
Mühevoll formte ich ein ‚Danke’. Aber sie legte mir nur kopfschüttelnd den Finger auf die Lippen. „Ihr solltet noch nicht reden. Ihr müsst euch erstmal erholen.“ Flüsterte sie. Dann riss sie plötzlich den Kopf herum, stand auf und entfernte sich demütig einige Schritte vom Bett.
Unter großen Kraftanstrengungen drehte ich den Kopf und konnte nun auch die Türe sehen.
Marlan, der Bischof und der Heilkundige traten hintereinander ein und blickten verwirrt auf mein Bett.
„Eure Hoheit!“ schmetterte Marlan und seine laute Stimme bereitete mir Kopfschmerzen. „Könnt ihr mich hören?“ Ich deutete ein Nicken an.
„Der allmächtige Herr hat seine Majestät wieder aus der Dunkelheit geführt. Preiset den Herrn.“ Verkündete der Bischof und die Anwesenden bekreuzigten sich.
„Das Fieber ist gesunken.“ Bemerkte der Heilkundige. „Seine Majestät befindet sich auf dem Weg der Besserung. Noch einige Tage Bettruhe und Ihr werdet wieder gesund sein.“ Verkündete er, verneigte sich dann mit den Worten ‚Ich werde morgen wieder nach euch sehen.’ und verließ den Raum. Die beiden anderen Männer folgten ihm schon bald und dann beugte sich wieder Silana über mich. „Glaubt Ihr, Ihr seid schon in der Lage eine Suppe zu euch zu nehmen?“ fragte sie besorgt, aber ich schüttelte nur vorsichtig den Kopf.
„Ruhe.“ Bat ich. „Schlafen.“ Meine Stimme hörte sich brüchig und rau an. Ich schluckte trocken und verzog schmerzhaft den Mund. Mein ganzer Körper war ausgemergelt und meine Kraftreserven neigten sich dem Ende zu.
„Wie Ihr befehlt, Eure Hoheit.“ Sagte sie.
„Elias.“ Flüsterte ich krächzend, dann übermannte mich die Müdigkeit. Nur von weitem hörte ich sie meinen Namen flüstern und glitt dann endlich hinüber in einen erholsamen Traum.
Ihre sanfte Stimme weckte mich nach einer schieren Ewigkeit. Ich fühlte mich matt und die Schmerzen waren mit einem Mal zurückgekommen, aber nicht mehr müde.
„Möchtet Ihr etwas Hühnersuppe essen?“ fragte mich Silana und schon die bloße Erwähnung ließ mich meinen quälenden Hunger spüren. Ich nickte und sie hiefte mich samt Kissen hoch, sodass ich fast aufrecht saß.
Vorsichtig ließ sie mir einen Löffel in den Mund laufen. Es war nur noch warm, nicht mehr heiß, aber die Schmerzen beim Schlucken ließen mich gepeinigt die Augen zusammenkneifen. Ich schaffte nicht einmal den halben Teller und wandte dann abweisend den Kopf ab.
„Eure Hoheit, Ihr müsst essen.“ Beschwor mich Silana.
„Elias.“ Presste ich hervor. „Bitte, lass das förmliche.“
Ich war über meine eigene Stimme überrascht. Sie hörte sich fremd in meinen Ohren an.
„Gut.“ Flüsterte sie und hielt mir noch einmal den Löffel hin. „Dafür werden Eure Majestät aufessen.“ Sie lächelte versonnen und ihre Absicht dahinter war mir vollkommen klar. Ich würgte also noch weitere 7 Löffel und Qualen hinunter und bat sie erneut aufzuhören. Diesmal sah sie es sogar ein.
Die Tage vergingen und ich erholte mich Zusehens. Schon bald konnte ich mein Bett verlassen und meine erste Amtshandlung bestand darin mich auf wackligen Beinen dem Volk zu präsentieren. Sie jubelten mir vom Hofe aus zu und feierten das kleine Wunder, das Gott bewirkt hatte. Über 3 Wochen hatten sie um mein Leben gebangt, bis ich das erste Mal wieder die Augen aufgeschlagen hatte und noch weitere 2 Wochen hatte es gedauert, bis ich mich selbst in der Lage fühlt hatte, meinen Untertanen gegenüber zutreten.
Ihre Freude spendete mir weiter Kraft.
Das Buch
Es waren irgendwann fast 6 Monate vergangen, seit Dorian das Schloss verlassen hatte. Silana und ich beteten täglich eine Stunde für seine Rückkehr und der Zweifel wuchs.
Eines Tages kam ein berittener Bote und verlangte mich zu sprechen. Er hatte ein altes, zerschundenes Buch dabei und überreichte es mir ohne ein weiteres Wort. Verwundert blickte ich diesem seltsamen Kerl hinterher, als er den Thronsaal verließ und schlug dann das Buch auf.
Sofort erkannte ich die Schrift wieder – es war Dorians. Ich schlug das Buch heftig zu, brüllte, dass ich nicht gestört werden wollte und verzog mich in mein Gemach. Dort öffnete ich es wieder und fuhr ehrfürchtig über die erste Seite. Es roch nach Pergament und fühlte sich spröde, fast schon zerbrechlich an. Einige Seiten wiesen Risse auf und es war während seiner Reise ganz schön mitgenommen worden. Dorian hatte einige Zeichnungen eingefügt – von Gerätschaften, aber auch romantische.
Dann begann ich endlich zu lesen.
„Tag 1.
Lieber Elias.
Ich habe mir vom Buchbinder in der Stadt einige Bücher anfertigen lassen, um meine Erfahrungen, aber auch meine Gedanken darin festzuhalten. Wenn du das hier ließt, werde ich wahrscheinlich schon ein halbes Jahr unterwegs sein. Ich habe vor dir dieses Buch nach 3 Monaten zu schicken, damit du dir nicht so viele Sorgen um mich machst.
Wir haben heute das Schloss verlassen und sind in Beregold in eine Gaststätte eingekehrt. Morgen werden wir über Bachera nach Heidesund reiten und vielleicht erreichen wir in den späten Abendstunden auch noch Angor. Sei unbesorgt, wir finden schon ein warmes Plätzchen.
Danke, dass du mir noch dein Lächeln geschenkt hast. Es hat mir den Abschied leichter gemacht.“ Ich musste traurig schmunzeln. Mein Lächeln, das hatte er immer haben wollen.
Ich las den zweiten Tag.
„Tag 2.
Heute war es anstrengend. Nicht nur für die Pferde. Mir tun alle Knochen weh, aber Rameris hat mir ein Kraut gegeben, das die Schmerzen lindern soll. Es hilft tatsächlich. Wir haben Angor bei Anbruch der Dunkelheit erreicht und wurden herzlich aufgenommen. Jetzt muss ich erst einmal meine durchgefrorenen Glieder wärmen. Wir liegen schon heute besser in der Zeit, als ich es geplant hatte. Vielleicht schaffe ich es ja schon einen Monat früher bei dir zu sein.
Der Tag war aber auch aus einem anderen Grund grausam. Erst heute ist mir wirklich bewusst geworden, wie sehr ich dich vermissen werde. Ich hatte sogar von dir geträumt.“ Genau dort waren ein paar Wassertropfen, welche die Tinte leicht verlaufen hatten lassen. Ich konnte nur erahnen, ob Dorian wirklich geweint hatte oder ob es der Regen gewesen war.
Auch meine Augen begannen sich zu füllen und ich richtete mein Augenmerk schnell auf die rechte Seite – den achten Tag. Dorian hatte nicht jeden Tag Zeit zum Schreiben gehabt.
„Tag 8.
Ich komme kaum zum Denken und noch weniger zum Schreiben. Verzeih. Die Tage sind eintönig und ich friere unentwegt. Wenn wir schließlich in eine Gaststätte einkehren, ist es oft schon tiefste Nacht und ich bin so müde, dass ich sofort einschlafe. Trotz der vielen Stunden, die wir unentwegt reiten und den kurzen Pausen, die wir leider nur selten in einer warmen Stube verbringen, liegen wir unserem Zeitplan nach. Das vorankommen ist schwerer, als ich es gedacht hatte. Ich hoffe, dass bald die Schneeschmelze einsetzt – immerhin reiten wir ihr ja entgegen, aber vorher müssen wir noch den Himai überqueren.
Es ist ein seltsames Gefühl dieser gigantischen Gebirgskette entgegenzureiten, denn haben wir sie schließlich – in etwa 15 Tagen – überquert, habe ich auch unser wunderschönes Land verlassen.“
Der Himai – die natürliche Grenze zwischen Kalensia und Ubustan. Man brauchte für seine Überquerung mehrere Tage und gerade im Winter war das ein gefährliches Unterfangen.
Ein falscher Tritt und das war das Ende. Schnell las ich weiter. Die nächsten Tage waren mit Zeichnungen, Einfällen, Gedichten und rohen Lageberichten gespickt. Dorian hatte nun wieder fast täglich schreiben können. Er hatte auch von Nächten in der kalten Wildnis berichtet, den Wasser- und Nahrungsreserven, die mal schrumpften und dann wieder gut aufgestockt werden konnten. Auch von seinem Liebeskummer berichtete er mir und immer hatte er den Himai vor Augen.
„Tag 14.
Peteria – endlich angekommen. Vor uns erstreckt sich der majestätische Himai. Wir konnten unsere Vorräte noch einmal aufstocken und das Glück scheint es gut mit uns zu meinen. Die Schneeschmelze hat eingesetzt. Das Land, hatte ich dir ja erzählt, ist weitgehend eisfrei und die Bewohner des Dorfes sagten uns, dass auch der Pass begehbar sei. Ich hatte schon befürchtet, dass wir das Gebirge umgehen müssten oder eine Weile hier festsitzen würden.
In etwa einer Woche sind wir dann in Ubustan.
Ich vermisse dich. Ich würde dich so gerne wieder in die Arme nehmen, aber wir sind gerade erst am Anfang unserer Reise.“ Ich lächelte schwerfällig. Damals waren gerade mal 2 Wochen vergangen gewesen und heute ist es bereits ein halbes Jahr. Ich fragte mich, wie es Dorian nun erging, ob er auch so litt, wie ich und dennoch kämpften wir beide tapfer weiter.
„Tag 26.
Die Überquerung hat länger gedauert, als ich erhofft hatte, aber ich hatte diese Verzögerung bereits in meine Reiseroute eingeplant. Es tut weh zu sehen, dass der kleine Vorsprung, den wir gehabt hatten geschmolzen ist und wir sogar im Rückstand nun sind. Ich hatte so fest gehofft, dass ich einige Tage früher bei dir sein könnte.
Aber noch ist nichts gesagt. Der erste Monat ist fast um, ein großes Stück ist geschafft und bereits in 5 Monaten werde ich mich wieder auf den Heimweg machen.
Ich hoffe, du denkst auch positiv.
Wir haben eines unserer Packpferde verloren. Es war auf den vereisten Steinen ausgerutscht und hatte sich den Fuß gebrochen. Hansan hatte es notgeschlachtet und wir hatten uns tagelang von seinem Fleisch ernährt. Eine willkommene Abwechslung zu Dörrfleisch und hartem Brot.
Hier in Ubustan ist es endlich wärmer – der Frühling hat Einzug gehalten und die schwierigste Strecke liegt hinter uns. Wir werden am Lirell entlang reiten, damit wir immer ausreichend Trinkwasser haben. Dort liegen auch viele Städte und Dörfer.
Wir befinden uns gerade in Syria und morgen werden wir in Traver die Illarin überqueren.
Ich vermisse dich. Ich liebe dich.“
Er hatte es also bis nach Ubustan geschafft – mir fiel ein Stein vom Herzen – aber sonst hätte er mir ja auch das Buch nicht schicken können, wenn ihm auf dem Pass etwas zugestoßen wäre.
Ein zaghaftes Klopfen ließ mich aufblicken und im nächsten Moment öffnete sich die Türe. Ein zierlicher Frauenkörper schob sich herein, schob die dicken Eichenbretter in ihren Rahmen zurück und kam mit erwartungsvollem Blick auf mich zu.
„Ich habe gehört, dass Ihr ein Buch erhalten habt.“ Fing Silana umständlich an. Sie war nervös. „Dorian hat mir erzählt, dass er Euch seine Aufzeichnungen schicken will. Es ist von ihm, nicht wahr? Bitte, Eure Hoheit, wie ist es ihm ergangen?“ fragte sie.
Ich winkte sie zu mir und deutete ihr sich zu setzen. Bei meinem Blättern hatte ich auf den letzten Seiten zwei Briefe gefunden – der eine an mich, der zweite an seine Mutter.
Ich schlug das Buch an besagter Stelle auf und reichte es ihr. Ehrfürchtig nahm sie es entgegen und begann zu lesen.
Ich beobachtete sie dabei. Mal verzogen sich ihre Lippen zu einem Lächeln, mal legte sie die Stirn in ernste Falten. Einmal schüttelte sie sanft lächelnd den Kopf.
„Habt Dank, Eure Hoheit,“ flüsterte sie, als sie mir das Buch zurückgab. „Unsere Gebete wurden erhört.“
Sie erhob sich, blieb aber dann zögernd stehen.
„Darf ich Eure Hoheit um einen kleinen Gefallen, bitten?“ fragte sie. „Wenn ihr des Lesens überdrüssig seid, dürfte ich dann noch einmal den Brief meines Sohnes lesen?“
„Bitte, Silana, lass dieses eure Hoheit weg. Ich habe einen Namen,“ seufzte ich und blickte dann auf die aufgeschlagene Seite, auf der mein Freund feinsäuberlich den Brief an seine Mutter geschrieben hatte. Kurz entschlossen packte ich die 4 Blätter und riss sie aus dem Buch. Silana war, von dem Geräusch erschrocken, herumgefahren und starrte auf die Seiten in meiner Hand.
„Er ist an dich gerichtet, daher solltest du ihn auch behalten,“ sagte ich und hielt ihr das Papier entgegen. Es dauerte einige Augenblicke, in denen die Frau mich noch immer anstarrte. Dann löste sie sich plötzlich, stolperte auf mich zu und schloss mich in ihre Arme.
„Habt Dank, Eure Hoheit,“ schluchzte sie. Ihr Körper bebte regelrecht. Vorsichtig schloss ich meine Arme um die weinende Frau. „Danke, … Elias.“
Es dauerte eine halbe Ewigkeit, bis Silana sich wieder beruhigt hatte. Dann löste sie sich aus meiner Umarmung, senkte verlegen den Kopf und steckte dann den Brief unter ihr Gewand, ehe sie mein Gemach verließ.
Ich ließ mich wieder aufs Bett nieder und suchte die Seite, an der ich aufgehört hatte. Dorians Reise war weitgehend ohne Zwischenfälle verlaufen. Es hatte noch viele kleinere oder größere Geschichten gegeben, die er mir erzählte und auch seine Sehnsucht nach mir wuchs von Tag zu Tag. Das hinterste Viertel des Buches war mit leeren Seiten gefüllt und so kam ich schließlich am Brief an.
„Liebster Elias,
es wird Zeit dir dieses Buch zu schicken. Ich habe auf den letzten Seiten einen Brief an Mutter geschrieben. Bitte lass sie ihn lesen. Sie hatte sich bei meiner Abreise so stark gegeben, aber ich weiß, dass sie die letzte Nacht geweint hatte. Das hatte sie vor jeder meiner Reisen.
Ich werde auch weiterhin meine Gedanken in ein Buch schreiben, das du dann nach meiner Heimkehr lesen kannst. Das gibt mir Mut jeden Tag wieder aufs Neue in den Sattel zu steigen und weiter zu reiten.
Ich verspreche dir, dass ich so schnell wie möglich nach Hause zurückkehren werde und dann werde ich nie wieder von deiner Seite weichen.“ Eine dicke Träne tropfte von meiner Wange und landete auf der Seite, fraß sich förmlich in das Pergament und ließ die Tinte zu zackigen, dicken Linien verlaufen. Unbewusst wollte ich den Tropfen wegwischen, fuhr mit der Hand über das Papier und verwischte die Schrift dadurch noch mehr. Ein weiterer Tropfen bahnte sich seinen Weg und landete auf dem Pergament, gefolgt von einem dritten. Schnell schob ich das Buch von mir, presste die Hände vors Gesicht und konnte ein Schluchzen kaum mehr zurückhalten. Ich erstickte es schließlich in meinem Kissen und ließ dem seit 6 Monaten angestauten Schmerz endlich freien Lauf.
Ein halbes Jahr noch … ein verdammtes halbes Jahr … dieser Gedanke kreiste unentwegt in meinem Kopf herum, bis ich schließlich erschöpft einschlief.
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