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2. Dez

1. Dezember 2009

"Duett" von Knops


Altersfreigabe: Ab 12
Genres: m/m, Reale Welt

Es war Tradition in dem kleinen Städtchen, dass es zu Heiligabend eine abendliche Konzertaufführung gab. Für viele Alleingebliebene, ältere Ehepaare oder einfach nur für diejenigen, die nicht mit ihrer Familie um den Gabentisch sitzen wollten oder konnten, war es eine willkommene Abwechslung. Das Programm war unterhaltsam, vielseitig und nicht allzu schwer; die meisten leichteren Stücke der Klassik eben – wieder und wieder gespielt.
Für Chaim kam das gerade recht, denn zuhause war es still und öde. Also übernahm er jedes Jahr die unbeliebten Konzerte an Weihnachten und Neujahr. Seine Kollegen mit Familie hatten sowieso das erste Wahlrecht, auch bei der Urlaubsverteilung, aber da war ja ohnehin Sommerpause.
Von seinem etwas erhöhten Platz konnte er gut auf die Streicher blicken. Es war kein großes Orchester, und wegen des Feiertages auch nicht voll besetzt, 14 Geigen waren immerhin zusammengekommen. Aber nur die Bratschen hatten es ihm angetan, genauer gesagt, nur eine ganz bestimmte Bratsche. Er sah immer kaum mehr als seine schwarzen Haare, und in jeder Pause schaute er hinunter, ob er nicht doch einen Blick auf sein Profil erhaschen konnte. Bei den Proben wechselten sie wenige Worte, und bei den Gelegenheiten, an denen einige Mitglieder abends beim Wein zusammensaßen, war er nie dabei. Deshalb war Chaim nach und nach diesen Treffen ebenfalls ferngeblieben.
Er wohnte sicher mit ihm im Studentenwohnheim, denn ab und zu begegnete er ihm vor der Haustür und sie wechselten banale Worte. Nie konnte Chaim sich aufraffen, mehr als nur einige verschämte Blicke auf ihn zu werfen.
Seine konservative jüdische Erziehung machte ihm immer noch zu schaffen. Seit er ganz allein nach Deutschland gekommen war, um die Musikhochschule zu besuchen, war er von seiner Familie getrennt und die vereinzelten Briefe ließen ihn seine Einsamkeit nur noch mehr spüren. Inzwischen hatte er diese Stelle im Symphonieorchester bekommen und eigentlich könnte alles ganz gut sein. Aber Freundschaften und Abenteuer blieben weiterhin aus, so steckte Chaim all seine Kraft in die Musik.

Nach dem letzten Stück, dem alljährlichen Abschluss „Stille Nacht“, gab es den obligatorischen langen Applaus. Guiseppe, der heutige Gastdirigent aus Mailand, verbeugte sich. Die Zuschauer zerstreuten sich zwischen den roten Polstersitzen des kleinen Konzertsaales. Hinter dem Vorgang warteten vielleicht schon einige Backstage-Mitarbeiter, um den Saal partytauglich für die Neujahrsfeier zu machen. Chaim sammelte sorgsam seine Notenblätter zusammen. Simone, die Klarinette neben ihm, verabschiedete sich und hatte es eilig, zu ihrer eigenen Weihnachtsfeier zu kommen.
„Wir machen heute eine Bowle mit einigen Freundinnen“, sagte sie schnell. „Und - was hast du noch vor?“
„Nichts Bestimmtes“, wich Chaim aus. „Vielleicht Lesen oder einen Wein trinken.“
Simone sah ihn mitleidig an, sagte „na, dann mach's gut bis zur Silvesterprobe, frohes Fest“ und war schon weg.

Das Podium leerte sich. Chaim genoss diesen chaotischen, verhaltenen Radau ebenso wie er die Stimmproben liebte. Das Konzert wurde davon so wundervoll eingerahmt, ein anarchistischer Rahmen für einen winzigen Teil melodischer Musik dazwischen.
„Ich wünschen allen Ihnen ein ruhig und espressivo Weih-Noel“, rief der Dirigent freudig in die verbliebene Musikerschar, dann verbeugte er sich nochmals in deren Richtung und alle standen auf und applaudierten ihm. „Wir uns sehen schon an Dezember den zwanzigsiebten zu Probe. Verlernen bis dahin Sie nicht Spaß und Können an Musik!“
Alle lachten und strömten danach zu den beiden Podiumsausgängen. Es wurde ruhiger. Obwohl Chaim nicht viel an seiner Querflöte einzupacken hatte, schloss er die Augen und ließ sich unendlich viel Zeit. Sogar als es fast still geworden war, ließ er das Schurren der Musikerfüße in seiner Erinnerung vorbeiziehen, verschränkte die Arme hinter dem Kopf und lauschte dem erleichterten Knacken der Dielen.
Er glaubte sogar die Töne seines Lieblingsstückes zu hören. „Viens, Mallika... Dôme épais le jasmin“ schlich sich zaghaft an sein Ohr. Wie oft hatte es die letzten Wochen geübt! Es war natürlich kein Stück für Querflöte, sondern ein wundervolles Gesangsduett aus „Lakmé“, aber er behauptete stolz von sich, es einigermaßen gut übertragen zu haben. Beide Partien konnte er fast perfekt und sogar Teile der Orchesterbegleitung hätte er hinbekommen. Aber wie sollte man sich selbst begleiten? Er hörte es jetzt sogar so deutlich, dass er gut und gerne den zweiten Part daraus hätte mitspielen können. Erschrocken öffnete er die Augen.

Nie würde er diesen Augenblick vergessen. ER saß nur zwei Plätze weiter, dort wo sonst Rudolf und Alexander mit ihren Fagotten saßen. ER blickte ihn mit schwarzen Mandelaugen an und er spielte den Part von Mallika ganz leise auf seiner Bratsche. Er nickte ihm auffordernd zu und lächelte.
Chaim schraubte das Kopfstück seiner C-Flöte wieder auf und suchte den Einstieg nach den ersten Takten. Bis zu dem Ausklingen in weiter Ferne, bei dem beide Instrumente nur noch ihre Melodie hauchten, spielten sie das Duett in wunderbarem Einklang. Das Liebesduett, nicht gesungen, sondern für Bratsche und Querflöte, empfunden von zwei Menschen, deren Leben die Musik war.
Als Chaim die Flöte absetzte, rückte ER auf den Platz neben ihn und legte vorsichtig sein Instrument ab. „Ich glaube, du hast es mindestens zweihundert Mal gespielt. Da konnte ich nicht anders und musste mir auch die Noten besorgen. Es ist wirklich ein wundervolles Stück, obwohl Oper sonst nicht zu meinen Lieblingen gehört.“
Chaim wurde rot. „Aber wieso...?“
„Du wohnst genau neben mir. Hinter der Tür, wo Yoshiko Ishii dransteht, ist mein Zimmer.“ Er lächelte. „Es ist nun mal ziemlich eng in so einem Wohnheim, aber seltsamerweise weiß man oft nicht, wer neben einem lebt und arbeitet.“
Yoshiko Ishii! Chaim schluckte nur.
Der Japaner fuhr fort: „Also, Weihnachten verläuft bei mir immer ziemlich öde. Eine Heimreise ist zu teuer, die anderen möchten bei ihrer Familie nicht gestört werden, also leihe ich mir meist einen Stapel Mangas oder Animes aus und arbeite die der Reihe nach durch. Achja: Weihnachtsmusik habe ich natürlich auch, wenns nicht anders geht. Ich lade dich ein, ich kann Lost and Found oder Secret Contract anbieten.“
Chaim machte ein fragendes Gesicht.
„Na, scheinst dich nicht auszukennen. Egal. Es gibt noch andere schöne Dinge, mit denen man sich an den Feiertagen die Zeit vertreiben kann. Das wird sicher mein schönstes Fest, seit ich in Deutschland bin.“
„Meins auch“, sagte Chaim leise


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Snoopy279
16/05/21 18:14
gerne natürlich auch die, die Fanfiktion lesen/Fanfiktionschreiber einfach unterstützen wollen

Snoopy279
16/05/21 18:14
alle, die auch Fanfiktion schreiben, bitte bei der Petition mitmachen, damit das auch in Zukunft möglich bleibt!
http://chng.it/WnwVCzxGff


jabba
21/01/21 22:32
Knuddel! Knuddel! Alle ganz doll knuddel! Heute ist Weltknuddeltag! Knuddel! Knuddel!

Witch23
01/01/21 02:37
*Pfeif Zisch* Gutes neues Jahr wünsche ich euch allen

split
01/01/21 00:01
Frohes Neues *krach baller lärm*

split
24/12/20 23:24
Frohe Weihnachten

Niemue
24/12/20 12:29
Ich wünsche Euch allen schöne Feiertage, einen guten Rutsch und viel Gesundheit im Neuen Jahr! :*

Witch23
24/12/20 11:02
Wünsche ich euch auch. Vor allem habt schöne Feiertage.

Yavia
24/12/20 10:48
Frohe Weihnachten euch allen!

Witch23
20/12/20 12:51
Einen schönen vierten Advent euch allen und hoffentlich bald wieder etwas entspanntere Tage

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