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10. Dezember 2009

"Zwischen Weihnachten und Neujahr"(Teil 2) von Violet_Bellis


Altersfreigabe: Ab 14
Genres: m/m, Reale Welt
Warnungen: Zucker, Sex
Inhalt: Wegen eines unbedacht gesagten Satzes, erlebt Luca ein turbulentes und aufreibendes Weihnachtsfest und muss sich Ende des Jahres entscheiden, wem er sein Herz schenken will. Hat seine Liebe überhaupt eine Chance?
Kommentar: Zweiter Teil meines Beitrages an den Adventskalender 2009 von boy x boy. Ich wünsche allen viel Spaß damit.

… In diesem Moment schlängelt sich eine fremde Hand über meine Hüfte und presst mein Becken an ein Fremdes. Eine andere Hand legt sich um meine Brust, zieht mich sanft zurück und ich spüre wie sich fremde, warme Lippen in meine Halsbeuge drücken. „Du sprichst von mir, mein Wildfang?“


Nur mit Mühe kann ich den Drang unterdrücken, wie ein Wahnsinniger um mich zu schlagen und grabe stattdessen die Fingernägel in meine Handflächen bis es weh tut. Dass Zittern, das durch meine Körper läuft, kann ich allerdings nicht kontrollieren. „Chris…“

„Stets zu Diensten, mein Wildfang.“ Ich spüre den Würgereiz in mir aufsteigen, versuche aber so ruhig wie möglich zu bleiben. Mit mühsam beherrschter Stimme fahre ich ihn an. „Nimm deine Finger von mir. Ich warne dich.“ Atmen Luca, Atmen. Und nicht den Verstand verlieren. Wenn schon alle um dich herum verrückt geworden sind, dann musst wenigstens du versuchen einen kühlen Kopf zu bewahren.

„Wo ich dich endlich eingefangen hab, soll ich dich gleich schon wieder ziehen lassen? Ich finde, du passt ganz wunderbar in meine Arme, Wildfang. Als ob du einzig und alleine für den Zweck geboren wurdest, bei mir zu sein.“ Ich spüre Zähne an meinem Ohr knabbern und eine Zunge hinterlässt eine feuchte Spur auf meiner Haut. Mir wird schwindelig und wieder läuft ein Zittern durch mich hindurch.
„Chris…“ Ich höre nur noch ein leises Brummen und spüre Haare an meiner Wange, als sein Mund sich einen Weg zurück in meine Halsbeuge küsst. Seine Hand an meiner Brust beginnt sich in kleinen Kreisen in Richtung Bauchnabel zu bewegen. Alles hat einmal ein Ende. Auch meine Geduld.

Ich bin zwar nie besonders stark gewesen und leider hat sich auch das jahrelange Krafttraining noch nicht großartig bemerkbar gemacht, doch ich habe das Überraschungsmoment auf meiner Seite, als ich in seinen Armen herumwirble und das Knie hebe. Okay, ein Kerl tut einem anderen Kerl so was eigentlich nicht an, aber irgendwie kann ich im Moment einfach nicht klar denken. Es ist beinahe so, als ob ein roter Schleier meinen Verstand umhüllt und ich nur noch nach meinen Gefühlen handle.

Wütend starre ich in schmerzgeweitete Augen, höre ein erschrockenes Keuchen und spüre wie sich Finger in meine Hüfte bohren. Volltreffer.

„Ich hatte dich gewarnt.“ zische ich ihn an. In meinem Kopf dreht sich alles, das Denken fällt mir immer noch schwer und ich spüre meinen Puls hart in meinen Schläfen pochen. Mein ganzer Körper fühlt sich an, als ob ich in Flammen stehen würde.
Chris verdreht die Augen und sackt vor mir auf die Knie, seine Hände pressen sich in seinen Schritt. Er atmet schwer und sein Körper beginnt unkontrolliert zu zittern. Ich fühle wie sich Felix an mir vorbei zwängt, in die Knie geht und seine Hand auf Chris Rücken legt. Er sagt irgendwas zu ihm, allerdings kann ich seine Worte nicht verstehen. Als er kurz zu mir aufblickt, kann ich in seinen Augen Unverständnis und Erschrecken erkennen.
Und in diesem Moment wird mir bewusst, was ich getan hab. Mist.

„Chris, ich … Oh Gott, es tut mir leid.“ Ich sinke selbst auf meine Knie, lege die Hände auf seine Schultern und blicke ihm ins Gesicht. Er ist ganz weiß, Schweiß glänzt auf seiner Stirn. Sein Blick ist starr auf den Boden vor sich gerichtet, seine Pupillen sind geweitet. Hoffentlich hab ich keinen bleibenden Schaden angerichtet. Ich kann mich nicht einmal mehr erinnern, wie stark ich zugetreten habe. Schwach oder doch eher mit voller Wucht?

„Luca, hast du sie noch alle beisammen? Was war das denn?“ Felix Stimme überschlägt sich beinahe. Ich glaube er ist wirklich überrascht und geschockt von meinem Verhalten. Da ist er aber nicht der Einzige.
Ich kann ihm nicht antworten, frage mich selbst, was das sollte. Verzweiflung steigt in mir auf. Was ist nur los mit mir? Ich weiß nicht was ich machen soll, blicke nur weiter erschrocken auf Chris. Langsam geht seine Atmung wieder gleichmäßiger. Das Zittern hat allerdings nicht nachgelassen. Also war mein Tritt wohl doch nicht so „sanft“ wie ich gehofft habe.

Er hebt den Blick, schaut mir direkt in die Augen.
„Ich hoffe für mich, du bist im Bett feinfühliger.“ Ein schiefes Grinsen legt sich um seinen Mund. So ein Vollidiot. Allerdings sitzt der Schock über meinen Ausbruch noch zu tief, als dass der Vulkan in mir noch einmal hoch gehen könnte. Glück für ihn.

„Also wenn du jetzt schon wieder solche Sprüche reißen kannst, dann hat Luca wohl doch nicht das Zentrum getroffen.“ erklingt eine trockene Stimme hinter mir. Sebastian. In den Händen hält er fünf Gläser mit einer durchsichtigen Flüssigkeit. Ich hoffe, dass es Wasser ist. Ich könnte jetzt dringend eine Abkühlung vertragen. Hinter ihm steht Marco mit fünf Flaschen Bier. Das wäre jetzt vielleicht auch nicht schlecht.

„Hilf mir mal zum Sofa dahinten Felix, ich muss mich hinsetzten.“ Chris Stimme hört sich immer noch ziemlich dünn an und als Felix unter seine Achseln greift, um ihm hoch zu helfen, zittern seine Knie wie Espenlaub. Ich hab vielleicht nicht sein Zentrum getroffen, aber ich denke, mein Knie war nah dran.

Vorsichtig setzt Felix Chris auf dem Sofa ab und dreht sich zu mir um. In seinen Augen kann ich immer noch das Unverständnis über meine Tat sehen. Kopfschüttelnd sucht er nach den richtigen Worten.
„Okay Luca, was war das? Bist du verrückt geworden Chris dahin zu treten? Du weißt doch selbst wie empfindlich diese Region ist.“

Was soll ich darauf antworten? Ich weiß selbst nicht, was in mich gefahren ist. Das war ein Reflex. Schließlich hat er mich auch provoziert. Und ich hatte ihn ja auch gewarnt. Gut, das ist keine Entschuldigung. Es gibt Dinge, die macht man einfach nicht, da hat Felix schon recht.

Ich zucke hilflos mit den Schultern und starre ihn an. Diese ganze Situation überfordert mich maßlos. Und ich hasse es, wenn Felix sauer ist. Besonders wenn er auf mich sauer ist.

Plötzlich taucht vor meinen Augen ein Glas auf und in Felix Sichtfeld schiebt sich eine Flasche Bier.
„Beruhigt euch ihr Zwei. Felix setzt dich hin und Kleiner, du atmest erstmal durch und trinkst was. Du bist ja fast weißer im Gesicht als Chris.“ Marco legt mir freundschaftlich die Hand auf die Schulter und Sebastian gibt Felix einen leichten Schubs gegen die Brust.
„Hätte nicht gedacht, dass du so aufbrausend bist. Wirkst eigentlich eher wie ein schüchternes, verschrecktes Häschen.“ raunt Marco mir entgegen als er sich auf einen der Sessel in der Sitzecke fallen lässt. Felix und Sebastian nehmen rechts und links von Chris Platz. Nur ich kann mich nicht setzten. Irgendwie bin ich zu aufgewühlt.
Marco hat recht, diese Reaktion passt nicht zu mir. Ich bin vielleicht kein verschrecktes Häschen, aber normaler Weise benutze ich meinen Verstand, bevor ich mich körperlich gegen jemanden wehre. Nur Chris Anwesenheit schafft es, dass sich mein Gehirn in den Urlaub verabschiedet.

Der Betreffende hebt langsam den Blick und nimmt das ihm dargebotene Glas Wasser von Sebastian entgegen. Ich fühle mich unwohl, nicht nur weil ich von allen angestarrt werde, sondern vor allem, weil ich nicht weiß, was ich jetzt machen soll. Soll ich etwas sagen? Soll ich mich entschuldigen? Wäre wahrscheinlich angebracht. Nervös nippe ich an dem Glas in meiner Hand. Irgendwie schmeckt es komisch. Bitter. Was haben die hier denn für ein Wasser?

„Was stehst du da denn jetzt rum? Setzt dich hin, Wildfang.“ Chris Stimme ist zwar immer noch leise, aber ich kann keine Spur von Wut raus hören. Das verwundert mich. Wenn mir jemand in meine empfindlichste Stelle getreten hätte, wäre ich wahrscheinlich kurz davor zu platzten.

Ich blicke ihn an. Für einen Kerl sieht er eigentlich gar nicht schlecht aus. Auch wenn die Qualität seines Charakters mehr als nur zu wünschen übrig lässt.

Chris ist der typische Traumprinz, den jeder haben will. Groß, ungefähr 10 cm größer als ich selbst, muskulös, sportlich, mit pechschwarzen, kurzen Haaren, die auf abenteuerliche Weise immer in alle Richtungen abstehen und trotzdem irgendwie symmetrisch wirken. Das Besondere an ihm sind seine Augen. Ich habe selten solche klare, stechende Augen gesehen. Meerblau. Wenn man zu lange hinein blickt, hat man das Gefühl in die Tiefen des Ozeans gezogen zu werden. Gefährlich.
Er ist ein Charmeur und Verführer, der einen solange mit Worten einlullt, bis man ihm die absurdesten Dinge glauben würde. Sogar das die Erde eine Scheibe ist. Er kann einem mit seiner Stimme den Verstand rauben und lässt dich, sobald er hat was er will, als sabberndes Häufchen Etwas zurück. Sein Verhalten ist so subtil, dass dir am Anfang gar nicht bewusst ist, dass er es auf dich abgesehen hat.
Und genau dass ist der Grund, weswegen ich ihn nicht leiden kann. Auf solche Menschen, die mit den Gefühlen Anderer spielen, nur um ihren eigenen Nutzen daraus ziehen zu können, kann ich getrost verzichten. Ich will mir nicht einmal vorstellen, mit wem er schon alles im Bett war. Ganz zu schweigen davon, mit wie vielen. Er kann sich nicht auf einen Partner festlegen, flirtet mit allem was ansatzweise in sein Beuteschema passt und nimmt auch alles mit, was sich freiwillig und manchmal auch nicht ganz freiwillig bereit erklärt, mit zu gehen. Sein Weg muss gepflastert sein von gebrochenen Herzen.

Und trotzdem gibt es immer wieder Kerle, die auf ihn hereinfallen. Manche vielleicht unbewusst, die meisten aber ganz gezielt, denn sein Ruf ist eigentlich legendär in dieser Stadt und auch in der Umgebung. Sogar Sebastian und Felix sind seinem Charisma schon mehrfach verfallen. Ich habe immer wieder einen Schock bekommen, wenn Chris plötzlich halbnackt in der Wohnung stand. Einmal stand er mir auch komplett hüllenlos im Flur gegenüber, als ich von einer Vorlesung nach Hause kam.
Ich bin nur froh, dass die beiden zwischen Spiel und Ernst unterscheiden können und sich emotional nie auf ihn eingelassen haben. Ich kann zwar nicht nachvollziehen, wie sie mit ihm das Bett teilen können, aber im Grunde muss ich das auch nicht. Die beiden haben bestimmt auch nie wirklich verstanden, was mich bei Mirya gehalten hat.



Das erste Mal hab ich ihn vor fünf Jahren an der Uni gesehen. Wir drei waren gerade neu in die Stadt gezogen und noch voller Tatendrang und Übermut. Jedenfalls Sebastian und Felix. Ich hatte damals noch meine Rosa- Rote- Mirya- Brille auf.
Zwar konnte ich nicht nachvollziehen, warum sie auf meine Anfrage, ob wir uns gemeinsam eine Wohnung nehmen sollen, mit nein geantwortet hatte, dachte mir aber noch, dass wir alle Zeit der Welt haben. Schließlich waren wir ja auch noch recht frisch zusammen, gerade mal etwas über ein Jahr.
Mirya hatte sich nicht für ein Studium entschieden, war nicht so ihr Ding, sagte sie. Stattdessen fand sie einen Ausbildungsplatz und zog zeitgleich mit Felix, Sebastian und mir um. Ihre Ein- Zimmer- Wohnung lag in der gleichen Straße, wie unsere WG, von daher hatten wir immer die Möglichkeit uns zu sehen, ohne uns wirklich auf den Wecker zu gehen.

Das erste Semester war gerade erst losgegangen und wir, als absolute Frischlinge, stromerten über den Campus, um uns ein wenig zu orientieren. Sogar Sebastian hatte damals Probleme damit, in den ganzen verwinkelten Gängen der unterschiedlichen Gebäude und Fachbereiche nicht den Überblick zu verlieren.

Vor der Mensa erblickten wir ihn dann inmitten einer Traube von Menschen. Selbstbewusst, charismatisch, mit einem strahlenden Lächeln auf den Lippen, saß er auf einer Bank und erklärte einigen seiner Kommilitonen irgendetwas. Sebastian war sofort hin und weg von ihm und auch Felix konnte sich nicht von seinem Anblick los reißen.
Und dann passierte es. Er hob den Blick, ließ ihn durch die Gegend schweifen und fixierte uns, sprach ein paar Worte zu einem der Anwesenden. Heute weiß ich, dass es Marco war. Danach erhob er sich und schlenderte gemächlich auf uns zu, blieb nah vor Sebastian stehen. Im Schlepptau hatte er nicht nur ein paar Groupies, sondern auch seine beiden besten Freunde. Einer davon ist Marco.

Sein Blick streifte erst mich, dann Felix und heftete sich direkt in Sebastians Augen.
„Neu?“ Diese Stimme, dachte ich mir nur. Warm und weich, beinahe zärtlich gehaucht kam dieses eine, kleine Wort über seine Lippen. Sie ist irgendwie nicht definierbar, denn selbst wenn er nur ganz leise spricht, hat man das Gefühl, dass sich die Töne wie Glockenschläge in jeder Zelle deines Körpers festsetzten.

Sebastian und Felix bekamen ihre Zähne nicht mehr auseinander, starrten ihn nur an, also ergriff ich das Wort. Da wusste ich noch nicht, um was für eine Art Kerl es sich handelte und was für weitreichende Konsequenzen mein Handeln mit sich ziehen würde

„Ja, könntest du uns vielleicht helfen? Wir suchen das Verwaltungsgebäude.“
„Helfen, hmm?“ Sein Blick fixierte immer noch Sebastians Augen, während er ganz ruhig sprach. Ich erinnere mich noch gut daran, dass mich das Lächeln, das auf Marcos Gesicht erschienen war, irgendwie irritierte und beunruhigte. Hätte ich damals über mein heutiges Wissen verfügt, hätte ich meine Freunde wahrscheinlich an ihren Ohren von Chris weggezogen.

„Helfen können wir immer. Ist nur eine Frage des Preises.“ Was den für ein Preis? Wir wollen doch nur den Weg wissen. Ich kann mich an meine Gedanken noch ganz genau erinnern. Beinahe als ob es erst gestern gewesen wäre. Himmel, ich war noch so naiv. Doch die Antwort, die mit zitternder Stimme aus Sebastian Mund kam, zeigte mir zum ersten Mal, wie sehr Chris die beiden damals schon beeinflusste.
„Wir würden jeden bezahlen.“

Was darauf folgte, war nur noch der Ablauf eines gut eingeplanten Spiels. Chris, Marco und Dominik zeigten uns den Weg zum Verwaltungsgebäude und kaum eine Woche später begegnete mir Chris im Bad.

Dominik ist der Dritte Part im Bunde der flatterhaften und durchtriebenen Kerle. Keine Ahnung wie ich sie anders beschreiben soll, bei den Drei komme ich einfach an die Grenzen meiner Wörter. Er hat mittlerweile sein Studium abgeschlossen und ich habe ihn vor einem Jahr das letzte Mal gesehen.

Marco ist meiner Meinung nach bis über beide Ohren in Sebastian verliebt. Ich lebe zwar oft in meiner eigene Welt, aber das hab sogar ich bemerkt. Ich bin mir nur nicht so ganz sicher, wie Sebastian mit der ganzen Sache umgeht.

Gegen die Annäherungsversuche der beiden, konnte ich mich in der Vergangenheit auch immer relativ gut zu Wehr setzten. Ich glaube, sie haben irgendwann einfach das Interesse daran verloren, mich zu ärgern.
Chris hingegen bin ich nicht losgeworden. Je mehr ich ihm die kalte Schulter gezeigt habe, desto mehr hatte ich das Gefühl, dass er sich für mich interessiert und meine Nähe sucht. Vielleicht findet er es auch nur wahnsinnig spannend mal einen Heterosexuellen Kerl zu verführen.



„…. Wildfang?“ Ich sollte mir wirklich angewöhnen, gedanklich nicht immer abzudriften. Jetzt hab ich schon wieder nicht mitbekommen, was die anderen gesprochen haben. „Entschuldigt, was?“
„Ob du dich nicht hinsetzten willst, hat Chris gefragt.“ wiederholt Felix und nickt mit seinem Kopf zu dem Sessel in meinem Rücken. Ihnen direkt gegenüber. Keine gute Idee. Der ganze Abend ist schon so verkorkst und ich bin so durcheinander, dass ich ihren bohrenden Blicken nicht standhalten könnte. Solange ich noch stehen kann, kann ich auch immer noch schnell Richtung Ausgang flüchten.
Wenigstens scheint Felix nicht mehr so geschockt zu sein, wie vor ein paar Minuten noch. Das Lächeln, das er mir zu wirft, wirkt auf jeden Fall um ein vielfaches freundlicher.

„Ich mag seine Zerstreutheit. Er wirkt dann immer so hilflos. Da möchte ich ihn am liebsten gleich in den Arm nehmen und ganz fest an mich drücken.“ Chris seufzt theatralisch auf. Ich spüre wie ich schon wieder wütend werde. Konzentrier dich, Luca.
„Und dann machst du wieder mit seinem Temperament Bekanntschaft. Beziehungsweise gewisse Körperteile von dir.“ entgegnet ihm Marco trocken.

„Oh, ich hab nichts dagegen wenn manche Körperteile von mir Bekanntschaft mit seinem Temperament machen. Ich stelle mir das sogar ziemlich aufregend und vor allem erregend vor. Nur an seiner Feinmotorik müssen wir beide noch arbeiten.“
Ich würde ihn jetzt am liebsten anspringen und die Augen auskratzen, beherrsche mich aber und presse meine Lippen stattdessen aufeinander.

„Seine leichte Kratzbürstigkeit, wenn er sich gegen meine Berührungen wehrt, reizt mich schon sehr. Trotzdem mag ich seine ruhige und besonnene Art am meisten. Dieser träumende Ausdruck auf seinem Gesicht, wenn er sich vollkommen in ein Buch oder einen Text vertieft und dann nicht ansprechbar ist. Oder wenn er einfach nur wieder irgendwohin mit seinen Gedanken abtreibt. Ich würde viel darum geben, zu erfahren, an was oder an wenn er dann denkt. Und in welchen Facetten seine Phantasien leuchten.
Doch wenn man ihn dann mal soweit hat, dass er sich vollkommen fallen lässt, sich vollkommen auf einen einlässt, erlebt man manch wunderschöne Überraschungen. Dann zieht sich über sein Gesicht, diese leichte Röte und seine Augen beginnen zu strahlen, wie kleine Sonnen.“
Als ich den Blick auf sein Gesicht lenke, sehe ich ein breites Grinsen. So ein …

Woher will der wissen, wie ich bin, wenn ich mich fallen lasse? Ich hab noch nie die Beherrschung verloren und mich vollkommen fallen gelassen. Weder bei Mirya noch bei Einer vor ihr. Ich meine, dass ist doch auch nicht nötig, so absolut die Kontrolle abzugeben und den Verstand auszuschalten. Ich glaube, ich kann so was gar nicht. Vor allem nicht, nach allem was passiert ist. Nach Mirya und dem ganzen Schmerz.
Der hat einfach keine Ahnung wovon er redet.

Chris schließt genüsslich die Augen und schmunzelt. Er streckt seine langen Beine aus und spielt gedankenverloren mit den Fingern an seinem Gürtel. Moment mal, wo schau ich da eigentlich hin? Schnell wende ich den Blick ab und starre den Boden vor meinen Füßen an. Sollte mal wieder gewischt werden. Aber die Musterung ist irgendwie interessant.

Ich war noch nie im „In“, finde die Räumlichkeiten aber sehr interessant gestaltet. Aus einem großen Raum wurde mit Hilfen von Säulen, Trennwänden, Tischen, Sitzecken und größeren und kleineren Bar viele kleine Abteile geschaffen, in die man sich zurück ziehen kann, wenn man keine Lust mehr hat, zu tanzen. Oder insgesamt keine Lust auf das Gehampel auf der Tanzfläche hat.
Im Moment ist hier alles sehr Weihnachtlich eingerichtet. Überall findet man verzierte Tannenzweige, auf den Tischen brennen Kerzen und liegen Christbaumkugeln herum und über den Tanzfläche hängen große Lametta Schlangen. Und die Angestellten laufen mit einer Weihnachtsmütze auf dem Kopf herum.
Wäre mein Gefühlszustand derzeit nicht so durcheinander, könnte sich bei mir sogar eine richtige Weihnachtstimmung einstellen.

Als Chris Stimme wieder einsetzt und ich ihren Klang höre, wird mir auf einmal ganz anders. Wenn er so spricht, wenn er mit jemandem im Bett ist, dann... Himmel.
„Mhhhhh, wenn sein innerer Kampf dann zu meinen Gunsten ausgefallen ist, wenn er gemerkt hat, wie sehr er es eigentlich will, wie sehr ihn meine Berührungen erregen, wenn ich in seinen Augen dieses Fieber erkenne und jede Faser seines Körper, jeglicher Sinn nur noch zu mir strebt, dann erlöse ich ihn und schenke ihm den Himmel auf Erden.“
Marco stöhnt unterdrückt auf „Wenn du so weiter redest, geht mir noch einer auf den Kleinen ab.“

Erschrocken blicke ich ihn an. Der wird doch jetzt nicht hier, mitten im „In“, sein Kopfkino anschalten? Mit mir als Hauptakteur? Ich wende mich an Sebastian und Felix. Was ich erblicke behagt mir gar nicht. Während Felix die Augen geschlossen hat und sich wer weiß was vorstellt, unterzieht mich Sebastian einer äußert intensiven Musterung. Das ist doch alles ein Alptraum. Was denken die sich eigentlich? Oder sollte ich mich besser fragen, denken die überhaupt noch?

Ich räuspere mich und versuche die Situation wieder in den Griff zu bekommen, bevor die ganze Sache noch total aus dem Ruder läuft. „Er kann euch sehr deutlich hören.“

„Jetzt wo du es erwähnst Chris, ich habe Luca in all der Zeit noch nicht einmal wirklich völlig losgelöst erlebt. Noch nie. Wenn er mit Mirya im Bett war, war sie danach zwar immer total von der Rolle, aber bei ihm hatte ich immer das Gefühl, dass da noch mehr hätte sein können. Vielleicht bekommt er dieses mehr ja, wenn er es mal mit einem Kerl versucht. Was meinst du Felix?“ Sebastians Blick ist immer noch auf mich gerichtet.
Spinnt der? Fängt hier an über mein Privatleben zu reden. Vor Chris. Und dann auch noch so ein absurder Vorschlag. Felix wird da bestimmt nicht drauf eingehen. Er hat mittlerweile die Augen wieder geöffnet, fixiert leicht grinsend mein Gesicht und antwortet schlicht. „Stimmt.“

„Na dann ...“ Chris schmunzelt und setzt seinen Körper in Bewegung, während es in meinem Kopf eine laute Explosion gibt.

Schockzustand. Das kann nicht sein. Das ist unmöglich.
Ich fühle mich von meinen beiden besten Freunden hintergangen und verraten. Tränen kriechen in mir hoch, eine Leere legt sich über mein Herz. Wie durch einen Nebel höre ich Felix Stimme „Luca, alles ok? Shit, Sebastian, Volltreffer. Luca, das war doch nicht ...“
Und dann reagiere ich einfach nur noch. Raus. Ich muss raus aus dieser Hölle.

Die Entscheidung, stehen geblieben zu sein, erweist sich in diesem Moment als Gold richtig, als ich mich umdrehe und wie von Sinnen, zu rennen beginne. Ich achte nicht auf die Rufe meiner Freunde hinter mir, bekomme nicht mit, dass ich einen der Abräum- Boys beinahe über den Haufen renne und spüre nicht wie sich Hände über meinen Körper bewegen, als ich mich quer durch die tanzende Masse schiebe.

Felix und Sebastian, meine beiden ältesten Freunde, haben aus meinem intimen Privatleben geplaudert, als ob sie beim Bäcker ein Brot bestellen würden. Die beiden, von denen ich immer gedacht hatte, dass ich sie kenne. Ich habe ihnen vertraut. Und was machen sie?
Geben meine Geheimnisse an einen Fremden weiter. Und nicht an irgendeinen Fremden. Nein! An einen widerlichen, schmutzigen und durchtriebenen Kerl. Und wofür? Ein bisschen guten Sex? Noch mehr Kopfkino? Oder eine Runde von der Sex- und- Lust- triefenden- Chris- Stimme?

In der Nähe des Ausgangs rassle ich dann doch noch sehr unsanft in jemanden rein und verliere mein Gleichgewicht. Alles um mich herum verschwimmt und mein Hintern tut mir weh. Als ich versuche meinen Körper wieder in die Horizontale zu erheben, spüre ich wie sich einen Hand an meinen Oberarm legt und mich nach oben zieht.
„Luca, alles okay? Ist dir was passiert?“ Verschwommen sehe ich in Felix Augen. Er ist ganz bleich im Gesicht.

Ich kann nicht sprechen. Ich will weg hier. Weg von Sebastian und Felix und weg von Chris. Erst recht weg von ihm. Raus aus dem Club, der sich als Vorhof der Unterwelt entpuppt hat.
Ich stemme mich mit meiner ganzen Kraft gegen Felix Brust und schaffe es irgendwie mich zu befreien. An meinen Mantel, der noch an der Garderobe auf mich wartet, denke ich nicht einmal, als ich aus dem „In“ stürme und einfach ziellos zu rennen beginne. Ich höre die Schritte von mehreren Personen hinter mir, höre die geschrienen Bitten, Stehen zu bleiben und versuche noch schneller zu laufen. Vielleicht kann ich ja in der Zeit zurück rennen?

Ich bekomme erst wieder etwas von meiner Umgebung mit, als an der Straßenecke kurz vor unserer WG, der Alkohol, von dem ich doch mehr hatte, als ich dachte, zu wirken beginnt. Meine Beine fühlen sich plötzlich an, als wären sie aus Gummi und ich beginne zu straucheln. Hätte Sebastian mich nicht aufgefangen, wäre ich der Länge nach im Graben gelandet.

„Luca, bleib doch stehen. Bist verrückt, so zu rennen? Du hast monatelang keinen Sport mehr gemacht. Und dann der viele Alkohol, den du heute Abend hattest.“ Keuchend sieht er mich an, als er meinen Körper zu sich herum dreht. Sebastian, der unterkühlte und logische Sebastian, blickt mir vollkommen konfus ins Gesicht.
„Gott sei Dank, du hast ihn.“ Felix kommt neben uns zum stehen, stemmt die Hände in die Hüften und atmet schwer. Auch mein Atem überschlägt sich beinahe und die kalte Luft brennt mir schmerzhaft in den Lungen. Trotzdem will ich nicht stehen bleiben. Ich kann den beiden nicht mal in die Augen schauen. Ich bin so unglaublich enttäuscht und wütend.

„Also Wildfang, du hast echt ne ganz schöne Power, dass muss ich dir lassen.“ Japsend bleibt Chris stehen und hält sich an der Hauswand fest. Zum wiederholten Male an diesem Abend sehe ich rot. Und obwohl Sebastian mich fest hält, versuche ich mich an ihm vorbei zu zwängen und zu dem Objekt meines ausgemachten Hasses zu gelangen. Ich muss meine Wut jetzt einfach raus lassen.

„Du verfluchter, sexbesessener, perverser, wahnsinniger Idiot. Wieso tust du mir das an? Warum hetzt du meine beiden besten Freunde gegen mich auf und bringst sie dazu mich zu verraten? Was hab ich dir eigentlich getan?“ Ich spüre wie mir die Tränen haltlos übers Gesicht laufen, als ich ihn anschreie.
Mein Körper zittert wie Espenlaub und meine Beine geben nun endlich der Erschöpfung nach. Ich breche in Sebastians Armen zusammen und schluchze haltlos vor mich hin. Das darf doch alles nicht wahr sein.

Felix beugt sich erschrocken über mich und Sebastian schlingt die Arme um meinen Brustkorb, presst mich fest an sich. „Luca? Luca, bitte sag doch was. Sollen wir einen Arzt holen? Brauchst du etwas?“ Ich schlucke bitter und beiße mir auf die Zunge, kann aber aus eigener Kraft nicht aufblicken, versuche nur verkrampft nicht zu hyperventilieren.
Sanft legen sich Felix Hände auf meine Wangen, heben meinen Kopf und ich muss ihm in die Augen schauen. Felix, der immer ein Lächeln auf den Lippen trägt, der selbst Lachen würde, wenn die Welt vor ihrem Untergang stehen würde, weint. Tränen laufen, wie bei mir, vollkommen ungebremst über seinen Wangen.

„Luca, wir wussten es nicht.“ Was? Was wussten sie nicht? Ich komme da gerade nicht mit. Mein Gehirn kann diese absolut chaotische Situation nicht in, für mich verständliches, Material umsetzten. Wovon zum Teufel spricht Felix da?
„Ich wollte einen kleinen Scherz auf deine Kosten machen, Luca. Einen Scherz, einen trockenen Witz. Vielleicht nicht besonders originell und auch nicht besonders nett, aber eben nur einen Scherz. Als kleine Rache für das letzte Jahr. Ich wusste nicht, dass meine Worte der Wahrheit entsprechen.“ Sebastians Stimme hört sich gepresst an.

Sie wussten es nicht. Sie ... Ja woher denn auch? Ich hab das auch nie erwähnt. Es spielt für mich ja im Grunde auch keine übergeordnete Rolle. Und nach dem ganzen Chaos in den letzten Monaten, dachte ich für mich selbst auch, dass es die richtige Entscheidung war, nicht vollkommen den Kopf in die Wolken zu stecken. Und dass alles nur wegen einer anderen Person
Schlagartig wird mir bewusst wie bescheuert ich mich verhalten habe. Woher sollten die beiden bitte schön auch wissen, dass ich mich noch nie hab gehen lassen im Bett? Über so was haben wir nie gesprochen. Und dass Sebastian so etwas von sich gibt, passt auch irgendwie zusammen. Er hat diesen absonderlichen Humor.
Und ich habe wirklich gedacht, die beiden hätten mich verraten. Ich habe an ihnen gezweifelt, nicht umgekehrt.

Wie ein Hammer schlägt das schlechte Gewissen auf mich ein. Die beiden sind meine Freunde. Meine besten und ältesten Freunde. Wir haben alles miteinander durchlebt und erlebt. Sie waren in den dunkelsten Stunden meines Lebens an meiner Seite, haben sich um mich gekümmert und gesorgt. Sie wollten mich aus meinen Depressionen raus holen, auch wenn der Weg, den sie dafür eingeschlagen haben, etwas absonderlich war.
Und ich zweifle an ihrer Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit mir gegenüber. Nicht Chris ist hier der Idiot, sondern ich.

„Es tut mir Leid.“ Meine Stimme ist tränenschwer und ganz dünn. „Ich dachte, ihr beiden ...“
„Hör auf. Bitte, hör auf Luca. Das ist nicht deine Schuld.“ Energisch schüttelt Felix den Kopf und umarmt mich dann kurzerhand. Zum zweiten Mal diesen Abend bin ich zwischen ihren Körper eingeschlossen, doch dieses Mal ist es okay und auch gut so. Da ist wieder der Felix, der die Last der Welt von meinen Schultern nimmt. Einfach nur durch eine simple Umarmung.

Ich schlinge meinen Armen um seinen Rücken und vergrabe meinen Kopf an seiner Brust. Sebastian zieht mich noch fester in seine Arme, legt den Kopf auf meinem Rücken ab, während Felix ganz leicht über meine Haare streichelt und immer etwas vor sich hin murmelt. Irgendwie ist das Beruhigend. So warm …

Ich weiß nicht wie lange wir so zusammengekauert auf der Straße saßen, als uns ein dezentes Räuspern darauf aufmerksam macht, dass wir nicht alleine sind. „Okay, ich hab mittlerweile verstanden, dass ihr alle drei einem großen Missverständnis aufgesessen seid, aber wenn ihr beiden meinen Wildfang weiter so knuddelt, werde ich Eifersüchtig.“ Chris

Langsam lösen sich unsere Körper voneinander, Sebastian und Felix helfen mir beim Aufstehen und mir fällt zum ersten Mal auf wie bitter kalt es ist. Und obendrein steh ich im T-Shirt auf einem verschneiten Gehweg. Schnee? Der lag heute Nachmittag aber noch nicht. Gibt es also doch noch weiße Weihnachten.

Als Chris sieht, wie ich zu zittern beginne, zieht er sich kurz entschlossen seinen Pulli über den Kopf und reicht ihn mir. Die Muskeln seiner Oberarme spannen sich unter einem grünen T-Shirt und ich kann seine Bauchmuskeln erahnen.
Schwach schüttle ich den Kopf, obwohl ich wirklich gerne annehmen würde. „Danke Chris, ist nicht nötig. So wie ich das sehe, stehen wir, so gut wie vor unserer Haustür.“

„Und wenn du schon im Hausflur stehen würdest oder dich in deine Decke kuschelst, ist mir egal. Du frierst. Du bist gerannt, hast geschwitzt, ne Menge Alkohol getrunken und geheult. Zieh den Pulli an.“ Seine Stimme klingt irgendwie streng. Und ehrlich gesagt fehlt mir im Moment die Kraft noch weiter mit ihm zu streiten. Also nehme ich kleinlaut seinen Pullover und ziehe ihn mir über den Kopf. Zu groß, aber dafür wahnsinnig warm.
„Danke Chris.“

„Sag das noch mal. Das klang so schön. Meinen Namen mal nicht mit feindseligem Unterton aus deinem Mund zu hören, kommt nicht oft vor.“ Verträumt blickt er mich an. Meint er das ernst? Erstaunt ziehe ich die Augenbrauen zusammen. Dieses Gesicht kenn ich gar nicht von ihm. Es wirkt so ... ehrlich.

„Also wenn wir schon fast bei euch zu Hause sind, können wir die restlichen Meter auch noch hinter uns bringen und uns bei euch etwas aufwärmen. Wir gehen eh nicht mehr ins „In“ zurück und die Sachen können wir auch noch das nächste Mal holen.“ Marcos Stimme. Den hab ich ja gar nicht mehr bemerkt.
„Außerdem habe ich da noch so eine Erinnerung, dass ihr erwähnt habt, dass noch etwas von meinem mühevoll erstellten Weihnachtsmenü übrig ist.“ Aha, da wäre also die Lösung dieses Rätsels. Das Menü kam von Marco. Wusste gar nicht dass er kochen kann. Ein Abend voller Überraschungen.

„Wäre das in Ordnung für dich Wildfang? Ich will nicht für noch mehr Missverständnisse verantwortlich sein.“ fragt Chris zögernd. Schon wieder dieses ehrliche Gesicht. Die Überraschungen nehmen ja gar kein Ende mehr. Ob es wohl daran liegt ,dass heute Weihnachten ist?
„Was soll ich darauf antworten, Chris? Nein? Du stehst hier im T-Shirt und wenn ich mich recht erinnere wohnst du am andere Ende der Stadt.“

„Du weißt wo ich wohne?“ Er klingt ehrlich überrascht. „Woher? Und warum?“ Schwingt da etwa leichte Hoffnung mit in seiner Stimme? Wieso?
„Bild dir nur nichts darauf ein. Ich hab Felix mal bei dir abgeholt, daher kenne ich deine Adresse.“

„Ah, ach so. Ja klar. Felix, ist ja logisch.“ Stottert er etwa? Irgendwie wirkt er jetzt so geknickt, senkt seinen Blick und tritt unruhig von einem Fuß auf den anderen. Shit, hab ich ihn etwa mit meiner Aussage verletzt?
Also heute ist echt der Wurm drin. Erst sorge ich fast dafür, dass er fast seine Fruchtbarkeit verliert, dann benehme ich mich wie ein pubertierender Teenager und renne heulend durch die Straßen und am Ende trampele ich dann auch noch auf Chris Gefühlen rum. Ganz toll.

„Du warst aber noch nie bei mir in der Wohnung. Wahrscheinlich hätte ich dich dann nicht mehr gehen gelassen. Ich hätte dich in mein Schlafzimmer geschleift und mit Handschellen an mein Bett gefesselt.“
Empört blicke ich ihm in die Augen und zucke wieder zurück. Obwohl er um einen belustigenden Ton in seiner Stimme bemüht ist, kann ich jetzt ganz deutlich sehen, wie verletzt er ist. Er seufzt kurz und schließt für einen Moment die Augen. Als er sie wieder öffnet, sitzt seine Maske wieder.

„Wir sollten wirklich gehen. Es wird allmählich ziemlich kalt und wenn wir morgen nicht alle krank im Bett liegen wollen, dann würde ich vorschlagen, dass wir uns bei einer Tasse Glühwein aufwärmen. Wir müssten noch ein paar Flaschen von dem Selbstgemachten meines Opas bei uns rum stehen haben. Und ich finde jetzt wäre der perfekte Zeitpunkt sie zu öffnen.“ meint Felix
Ich glaube nicht, dass das für mich so eine gute Idee ist. Mir ist immer noch schwindelig. Dabei hatte ich eigentlich nicht das Gefühl, so unglaublich viel getrunken zu haben. Zu Hause während des Essens ein wenig Wein und im Club dann noch ein wenig was und das Wasser. Das irgendwie seltsam geschmeckt hat.

„Das war kein Wasser, oder Sebastian?“ Er schaut erst ein wenig irritiert und beginnt dann zu grinsen. Okay, das reicht mir als Antwort. Dieser Schuft. Aber irgendwie kann ich ihm im Moment nicht böse sein. Vielleicht hat man nur ein gewisses Kontingent Wut in sich und meines hat Chris diesen Abend voll erschöpft.

„Ich hätte eigentlich gar nichts dagegen, morgen den ganzen Tag im Bett zu verbringen. Solange ich nicht alleine bin. Was meinst du, Wildfang, ist bei dir noch eine Ecke frei in deinem Bett?“
Aha, da ist er wieder. Wusste doch dass er es nicht lassen kann. Unverbesserlich.

„Lass das Chris. Strapaziere meine Geduld nicht über. Bloß weil ich gesagt hab, dass du mit kannst, heißt das noch lange nicht, dass ich dich mag.“
Dieses Mal bin ich zu weit gegangen. Sogar ich erkenne, wie falsch das Lächeln auf seinen Lippen ist und dass er deutlich bemüht ist, sich eine Antwort bereit zu legen. Ich wusste gar nicht dass man so viel Schmerz in einem Augenpaar unterbringen kann. Der wird doch nicht ernsthaft...

„Kleiner, du hast es echt drauf, ihm einen Tiefschlag nach dem anderen zu verpassen.“ Ich blicke Marco an, der tröstend eine Hand auf die Schulter seines Freundes legt. Sorgenvoll blickt er ihn an.
„Ist schon okay, ich muss mich ja mal langsam daran gewöhnen, dass er mich nicht leiden kann. Ich kann ja nicht ewig in meiner kleinen Phantasiewelt leben.“

Das war eindeutig. Das schnalle jetzt sogar ich. „Das ist kein Scherz? Du magst mich?“

Vier Augenpaare richten sich auf mein Gesicht. Irgendwie hab ich das Gefühl eben etwas ganz Blödes gesagt zu haben. Sebastian schüttelt vollkommen resigniert den Kopf, Marco schließt genervt die Augen und Chris sieht mich an, als ob ich ihn gerade gefragt hätte, ob er mir ein Messer durchs Herz stoßen könnte. Einzig Felix ist zu einer Aussage fähig
„War das gerade ernst gemeint Luca? Ob er dich mag? Ob Chris, der große Verführer und Männerverschlinger, dich mag, hast du gefragt? Wo hattest du das letzte Jahr eigentlich deine Augen? Und nicht nur das letzte Jahr. Schließlich ...“

„Das reicht Felix, mach es nicht noch schlimmer. Wir ... Wir sollten jetzt wirklich mal schauen, dass wir zu euch in die Wohnung kommen.“ Chris wirkt auf einmal unglaublich nervös. Und ich bin einfach restlos überfordert mit der Situation. Das hält man doch im Kopf nicht aus. Warum können die eigentlich nicht mal Klartext reden?

„Nein, ich will das vorher erst wissen. Chris, du magst mich, ist das richtig? Nicht bloß als Verarschung oder als Spiel oder als sonst irgendetwas Perverses, Krankes? Du magst mich so richtig ernsthaft?“
Damit hab ich ihn überrumpelt. Und ich befürchte nicht nur ihn, wenn ich mir die Gesichter anderen Drei näher betrachte. Chris sackt förmlich in sich zusammen. Die anderen drei sehen mich an, als hätte ich den Verstand verloren. War die Frage denn so abwegig?

Dann straft Chris auf einmal seine Schultern und blickt mich durchdringend an. Als er zu sprechen beginnt, habe ich das Gefühl, dass mein Herz zu schlagen aufhört.
„Ja Wildfang, Luca, ich mag dich. Ich hab dich so lange aus der Ferne beobachtet; erst nur aus Langeweile, irgendwann machte es Spaß und wurde dann zu echtem Interesse. Es endete damit, dass ich dich will. Du sollst mir gehören. Mit Haut und Haaren.
Und auch wenn ich weiß, dass du noch nie was mit nem Kerl hattest, habe ich gehofft, das ändern zu können. Ich wollte dich irgendwie für mich gewinnen. Dir zeigen, dass das Verlangen zwischen zwei Männern so entfesselnd sein kann, das dir Hören und Sehen vergeht.
Wahrscheinlich hab ich mich nicht immer ganz geschickt angestellt, aber irgendwie war ich, irgendwann einfach mit meinem Latein am Ende. Und dann habe ich beschlossen, dass ich dich mit purem Anstarren und viel Hoffen nicht für mich gewinnen kann und bin in die Offensive gegangen.
Naja, und dein Kuss letzte Weihnachten hat mich in meinem Tun dann auch bestärkt. Ich dachte eigentlich, ich müsste dir nur nen Schubs in die richtige Richtung geben. Oder vielleicht doch etwas mehr als nur einen Schubs. Aber so wie der Abend heute verlaufen ist, sehe ich es ein. Du ... du kannst vielleicht einfach nicht mit Männern. Oder nicht mit mir. Von Felix oder Sebastian lässt du dich ja anfassen.“

Wow. Was war das? Ich starre ihn vollkommen entgeistert an.
„War das eine Liebeserklärung?“ Hab ich das eben laut gesagt? Chris Gesichtsausdruck zu urteilen ja. Weiß wie die Wand wird er, schüttelt ungläubig den Kopf und bekommt keinen Ton raus, obwohl sein Mund offen steht.

„Kleiner, du bist ein echtes Gefühlstrampeltier. Chris, willst du heim? Chris?“ Marco starrt mich erst missbilligend an und wendet sich dann wieder an seinen Freund. Dieser starrt mich seinerseits immer noch wie paralysiert an. Oder doch an mir vorbei?

Ich höre wie Felix rechts von mir scharf die Luft einzieht und auch Sebastian zischt leise etwas, dass ich allerdings nicht verstehe. Als ich mich umdrehen will, packt mich Chris blitzschnell an den Schulter, hält mich fest und fixiert meinen Blick.

„Wildfang, wenn ich dir jetzt sage, dass ich dich liebe und zwar wirklich liebe und dass ich eine Beziehung mit dir möchte, was würdest du dazu sagen? Ganz spontan.
Ich weiß, ich bin nicht die Art Mensch, die du gerne in deiner Nähe hast, aber vielleicht hast du auch nur ein falsches Bild von mir und musst mich erst richtig kennen lernen.
Ich kann dir versprechen, dass ich alles tun werde, um jede Art von Schmerz von dir fernzuhalten. Sei es von mir oder von jemand anderem ausgehend. Du müsstest noch nicht einmal mit mir ins Bett steigen, ja du müsstest mich noch nicht einmal anfassen, geschweige denn zurück lieben.
Du könntest dich einfach nur für mich und meine Anwesenheit in deiner Nähe entscheiden.“

Zu viele Informationen auf einmal. Und warum will er jetzt eine Entscheidung? Irgendwie macht mir das Angst. Er wirkt auf einmal so gehetzt, so drängelnd. Was ist denn nur los? Ich soll mich entscheiden? Ja, aber warum so schnell?
„Wildfang? Sie mich an. Ich mein das ernst.“ Seine Stimme hört sich fest an, aber in seinen Augen lese ich eine steigende Panik. Er überfordert mich maßlos.

In dem Moment seufzt Marco auf, blickt auf einen Punkt hinter mir und ergreift Chris Handgelenk. „Lass ihn los, Chris. So kann er sich nicht entscheiden. Nicht ohne einen Blick hinter sich geworfen zu haben.“

„Nein, ich verliere ihn sonst.“ Dieses Mal höre ich auch ganz deutlich die Panik aus seiner Stimme heraus. Seine Fingernägel bohren sich fast Schmerzhaft in meine Schultern. Sein Blick ist so verzweifelt und voller Angst und als er mich dann doch los lässt, zittern seine Hände.
Er atmet keuchend ein, schließt für einige Sekunden die Augen und fixiert dann meinen Blick.
„Ich werde dich nicht aufgeben. Egal was passiert, egal wie du dich entscheidest. Ich werde alles dafür tun, um dich zu bekommen.“ Seine Stimme schwankt, kippt aber nicht

Das begreife ich alles nicht. Was will Chris damit sagen? Wofür sollte ich mich entscheiden? Und was meinte Marco damit, dass ich einen Blick hinter mich werfen soll?
Ich verstehe es nicht. Weder Chris Angst, noch die harten Blicke in den Augen meiner Freunde, als ich mich zu ihnen umwende. Allerdings sind diese nicht auf mich gerichtet, sondern auf irgendetwas das in einiger Entfernung steht. Auf jemanden.

„Wildfang ...“ es hört sich fast so an, als ob Chris weint. Ich kann mich allerdings nicht umdrehen um meine Vermutung zu überprüfen. Das ist alles so surreal. Die ganze Situation, der ganze Abend, alle gesprochenen Wörter ergeben keinen Sinn. Chris, sein Liebesgeständnis, dieses Angebot und seine Angst mich zu verlieren. An wen und warum?
Und was mich im Moment wirklich interessiert: Wer steht denn da?

Als sich der Schatten langsam von der Hausmauer löst und in das Licht einer Laterne tritt, bleibt die Zeit stehen.
„Fröhliche Weihnachten Luca.“ Der warme Klang ihrer Stimme lässt meine Welt in Chaos versinken.

Mirya ...





Ende Teil 2/ Heilig Abend- Chris




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Snoopy279
16/05/21 18:14
gerne natürlich auch die, die Fanfiktion lesen/Fanfiktionschreiber einfach unterstützen wollen

Snoopy279
16/05/21 18:14
alle, die auch Fanfiktion schreiben, bitte bei der Petition mitmachen, damit das auch in Zukunft möglich bleibt!
http://chng.it/WnwVCzxGff


jabba
21/01/21 22:32
Knuddel! Knuddel! Alle ganz doll knuddel! Heute ist Weltknuddeltag! Knuddel! Knuddel!

Witch23
01/01/21 02:37
*Pfeif Zisch* Gutes neues Jahr wünsche ich euch allen

split
01/01/21 00:01
Frohes Neues *krach baller lärm*

split
24/12/20 23:24
Frohe Weihnachten

Niemue
24/12/20 12:29
Ich wünsche Euch allen schöne Feiertage, einen guten Rutsch und viel Gesundheit im Neuen Jahr! :*

Witch23
24/12/20 11:02
Wünsche ich euch auch. Vor allem habt schöne Feiertage.

Yavia
24/12/20 10:48
Frohe Weihnachten euch allen!

Witch23
20/12/20 12:51
Einen schönen vierten Advent euch allen und hoffentlich bald wieder etwas entspanntere Tage

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