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14. Dezember 2009

"Grampaldratzn" von Schmusetuch


Altersfreigabe: Ohne Alterbeschränkung
Genres: M/M, Reale Welt
Warnungen: Zucker
Inhalt: Stefan macht mit seiner Freundin Isabel, der Schwester seines besten Freundes, Schluss. Dieser droht ihm mit Schlägen, aber Stefan kann sich gerade noch retten. Später zieht er dann mit seinen beiden anderen Freunden los zum Grampaldratzn.
Kommentar: Grampaldratzn ist eine – ich denke bayrische – Tradition auf dem Land – zumindest bei uns in Niederbayern. Der Grampal ist das bayrische Wort für Krampus – dem bösen Gehilfen des Nikolaus und dratzn heißt soviel wie ärgern oder necken. Jugendliche von 16 bis etwa 25 verkleiden sich mit schwarzen Kostümen, Kutten, Jutesäcken, Fellen oder sonstiges und setzen eine scheußliche Maske oder eine präparierte Mütze auf. Außerdem tragen sie eine Kette als Gürtel, damit jeder sie hört und eine Rute. Diese Grampal ziehen dann stundenlang durch das Dorf. Jüngere Kinder – so mit 12 Jahren war mein erstes Mal glaube ich – necken die Grampal mit langen Nasen oder so was und werden dann gejagt. Erwischen sie ein Kind, kriegt es mit der Rute eins drauf und darf wieder weiterlaufen. Die Älteren, die sich nicht als Grampal verkleiden, müssen schon etwas mutiger sein. Sie müssen versuchen den Grampal die Mütze bzw. Maske vom Kopf zu ziehen und dann ganz schnell davonlaufen. Werden sie erwischt, gibt’s einen drauf und weiter geht’s. Das ganze findet am Nikolaustag statt und beginnt etwa um 18 Uhr.
Nikolausfeuerwerk habe ich selbst erfunden – keine Ahnung, ob es das gibt, aber es passt so schön dazu.
Ich weiß nicht, ob „Ratsche“ jedem bekannt ist – das ist eine Klatschtante – oder auch Tratsche.
Fun-tasy ist eine von mir erfundene Disco, genauso wie Underground.

~1~

„Ich liebe dich.“ Flüsterte sie ihm ins Ohr, während sie zärtlich über die kleine Beule in seiner engen Jeans streichelte. Mit spitzen Fingern öffnete sie die Knöpfe seiner Hose und fuhr mit der Hand darunter. Stefan ließ ein leises seufzen hören und schon war Isabel mit ihrer Arbeit zufrieden. Sie umschloss seine beträchtliche Männlichkeit mit der Hand und begann mit pulsierenden Auf- und Abbewegungen.
„Was ist mit dir los?“ fragte sie nach einigen Minuten, „Gefällt es dir denn nicht?“
„Doch, doch.“ Versicherte Stefan, öffnete die Augen und schob seine Arme hinter den Kopf. Er hatte Christian versprochen ihr nichts davon zu erzählen.
‚Mach sie einfach glücklich,’ hatte er gesagt und in einem schärferen Ton hinzugefügt ‚Wenn nicht, werde ich dich so lange verprügeln, bis du es tust.’
Er hatte keine Angst vor Christian – immerhin waren sie seit 4 Jahren die besten Freunde – aber seine fanatische Schwesterliebe hatte ihn schon immer gestört. Zu allem Unglück hatte sich Besagte auch noch in ihn verliebt und nun lag er in ihrem Zimmer, wie schon etwa zwei duzend Male zuvor in ihrer 2 monatigen Beziehung.
Er hatte sie auf heiße Schokolade oder einen gemütlichen Winterspaziergang eingeladen, war mit ihr Ski gefahren und Schlittschuhe und hatte stundenlang mit ihr in ihrem Zimmer verbracht und geredet, aber so richtig intim war es noch nie geworden. Ein Kuss da, ein Streicheln über seine Genitalien, aber mehr nicht. Das alles lag mit seinem – mit Christian geteilten – Geheimnis zusammen.
Bis vorgestern hatte es also noch keine Intimitäten gegeben, aber an diesem Abend hatte ihm Isabel plötzlich etwas ins Ohr geflüstert. ‚Schlaf mit mir.’ Ihm wäre fast das Herz in die Hose gerutscht. Nein, er war keinesfalls noch Jungfrau; er hatte schon 4 Freundinnen vor Isabel gehabt und mit 3 von ihnen geschlafen, aber dieser Sex hatte ihm nie etwas gegeben. Im Gegenteil. Nach jedem Mal hatte er sich schlecht und schmutzig gefühlt und während seinen Schäferstündchen nur an eines gedacht: ‚Wann ist diese Scheiße endlich vorbei.’
Der schlechte Sex war auch immer der Grund gewesen, warum die Mädchen Schluss gemacht hatten – nicht dass es ihn gestört hatte.
„Sag mal, woran denkst du gerade? Er will überhaupt nicht steif werden.“ Raunte ihm Isabel ins Ohr und küsste langsam von seinem Hals aufwärts bis zu den Lippen. Mit ihrer freien Hand angelte sie nach seiner und legte sie behutsam auf ihre Brüste. Eigentlich hätte es ihn anmachen sollen, aber wie sie selbst schon festgestellt hatte war bei ihm im wahrsten Sinne des Wortes Tote Hose. Trotzdem begann er sanft über ihre Brüste zu streicheln – er hatte es ja versprochen und keine Lust auf die Konsequenzen.
„Hmmm ... du hast echt ein Händchen für so was. Ich liebe dich.“ Flüsterte Isabel bereits nach einigen Sekunden. Puh, Gefahr abgewehrt.
„Du, Stefan, du hast noch nie gesagt, ich liebe dich. Oder irgendwas auf meins geantwortet,“ stellte sie nach einigen Minuten überrascht fest.
„Ich steh einfach nicht auf so was,“ rettete sich Stefan aus der Affäre und Isabel schien es einfach hinzunehmen.
Genervt kraulte er ihre Brüste weiter und versank sofort wieder in Selbstmitleid.
‚Willst du mit mir gehen?’ hatte sie ihn damals auf einer der zahlreichen Privatpartys gefragt.
‚Sorry, ich hab zur Zeit keine Lust auf ne neue Freundin,’ war seine Antwort gewesen, aber Madam war heulend zu ihrem Bruder – seinem besten Freund Christian – gelaufen und dieser hatte ihm dann ernst ins Gewissen geredet. Bereits am nächsten Tag musste er sich bei Isabel entschuldigen – der Alkohol wäre schuld gewesen (obwohl er an diesem Tag absolut nüchtern gewesen war) – und sie gleich darauf eingeladen.
‚Das mit den Gefühlen wird schon noch kommen,’ hatte ihm Christian versichert ‚Lern sie erst einmal richtig kennen.’ Und nun stand er echt in der Scheiße. Aus Isabels anfänglicher Verliebtheit war eine richtige Liebe geworden – obwohl er sich alle Mühe gegeben hatte ihr die kalte Schulter zu zeigen und was seine Gefühle anging – das dürfte ja wohl nun jedem klar sein. Allen, bis auf Isabel.
„Du liebst mich gar nicht,“ jammerte Isabel plötzlich. Sie hatte wohl auch einige Minuten nachgedacht. „Sei ehrlich und sag mir die Wahrheit. Ich kann sie verkraften.“
Jetzt saß er wohl noch mehr in der Scheiße. Er war nun endgültig am Entscheidungspunkt angelangt und er wusste, egal, wie er sich jetzt entscheiden würde, es würde in einem Desaster enden. Bliebe er weiterhin bei der Lüge, könnte er sie niemals richtig glücklich machen und diese Ketten, die diese Bindung um seinen Brustkorb gelegt hatte, schnürten sich von Tag zu Tag enger und sie wieder zu sprengen würde ihm immer schwerer fallen. Andererseits, wenn er jetzt die Wahrheit sagen würde, bekäme er verdammt viel Ärger mit Christian.
„Stefan, bitte, sag doch was,“ rief ihn Isabels Stimme wieder in die Realität zurück und im gleichen Moment, in dem sich ihre Blicke trafen und er den vielen Schmerz darin sah, hatte er sich auch schon entschieden.
Er atmete einige Male tief durch und ließ beim letzten Atemstoß die Luft, einem Seufzer gleich, wieder entweichen. Dann richtete er sich im Bett auf und setzte sich auf den Bettrand.
„Ich glaub, wir müssen reden,“ sagte er schließlich, nachdem sie sich neben ihn gesetzt und die Arme um seine breiten Schultern geschlungen hatte. Und bereits dieser kleine Satz, ließ Isabels Herz für einige Sekunden still stehen. Ihr Griff begann zu krampfen und ihr ganzer Körper bebte. Stefan hatte irgendwie das Gefühl, dass er das leise glockenhelle Klirren, mit dem ihr Herz gerade zersprungen war, gehört hatte und plötzlich war er sich gar nicht mehr so sicher. Er würde jetzt die kleine heile Welt eines lieben Mädchens zerstören, ihre große Liebe und er fand sie wirklich sehr nett. Die Stille, die sich im Raum ausgebreitet hatte, wurde langsam drückend. Er musste irgendwie das ganze schnell hinter sich bringen und dann nichts wie raus hier.
„Es liegt echt nicht an dir. Du bist ein wirklich nettes Mädchen. Aber ich kann einfach keine Gefühle für irgendwen entwickeln,“ begann Stefan zu erklären und schon im nächsten Augenblick schluchzte Isabel herzzerreißend auf und eine Woge aus starken Beben durchfuhr ihren Körper.
„Verdammt, ich hab keine Ahnung, was mit mir los ist. Du hast was Besseres als diese Beziehung mit mir, die auf einer einzigen Lüge aufgebaut ist, verdient. ... Ich hoffe, du verstehst mich irgendwann, wenn du dich wieder beruhigt hast. ... Vielleicht können wir ja Freunde bleiben,“ sagte Stefan und biss sich selbst auf die Zunge. So ein Unsinn – eine gescheiterte Beziehung kann keine Freundschaft werden – er würde ihr immer mit seiner Anwesenheit weh tun. Erst jetzt spürte er, dass seine Schulter schon ganz nass geweint war. Er angelte vom Nachtkästchen ein Tempo und reichte es Isabel. Diese nahm es mit einem leisen, geschluchzten ‚Danke’ entgegen und schnaubte sich erst mal die Nase.
„Es tut mir leid. Aber ...“ er brach ab, das hatte alles keinen Sinn. Er war der letzte, der sie in diesem Moment trösten konnte, so gern er es auch wollte. Was dieses Mädchen jetzt brauchte, war Ruhe, Zeit und vielleicht ihren Bruder. Er streifte Isabels Arme von seinen Schultern und legte das weinende Bündel auf ihr Bett. Das Mädchen rollte sich sofort zusammen und drückte das Gesicht ins Kissen – erstickte so ihre herzzerreißenden Schluchzer.
Stefan blickte noch einmal zurück, bevor er die Türe zu Isabels Zimmer öffnete und trat dann schnell hinaus. Wie unter Verfolgungswahn hastete er zur Garderobe, schlüpfte in seine gefütterten Stiefel, nahm Jacke, Schal und Mütze und wollte gerade das Haus verlassen, als ihn eine Hand grob an der Schulter packte und herumriss.
„Was hast du mit Isabel gemacht,“ schrie ihn Christian wütend an und nagelte Stefan an den Schultern schmerzhaft gegen die nächste Wand.
„Nichts. Ich hab ihr die verdammte Wahrheit gesagt,“ verteidigte sich Stefan und versuchte seinen besten Freund von sich zu stoßen.
„Ich hab dir gesagt, du sollst sie glücklich machen. Jetzt wirst du die Konsequenzen spüren.“ Christan holte mit der Hand aus und wollte seine Faust gerade in Stefans Gesicht platzieren, als Isabel aus ihrem Zimmer gewankt kam, die Augen vom heulen rot, die Haare klebten ihr auf der Stirn. Das leise ‚Christian’, das sie mit ihrer fistelnden Stimme gesagt hatte, ließ Christian in seiner Bewegung inne halten. Er packte Stefan grob am Kragen.
„Bete zu Gott, dass ich dich heute nicht mehr sehe. Das wird noch ein übles Nachspiel haben,“ knurrte er und ließ Stefan los. Dann eilte er zu seiner Schwester und nahm sie tröstend in die Arme.
Stefan hingegen verließ fluchtartig das Haus und lief sogar noch einige Meter die Straße hinauf, bis er keuchend stehen blieb. Verdammt, so wütend hatte er Christian noch nie erlebt. Er beschloss also erst mal nach Hause zu gehen. Ob er heute noch ‚Grampaldratzn’ würde, bezweifelte er. Eigentlich wäre er mit Christian und seinen beiden Freunden gegangen, aber er bezweifelte, dass das eine so gute Idee jetzt wäre, Christian danach zu fragen. Da könnte er sich gleich selbst erschießen – das wäre zumindest schmerzfreier als diesem wütenden Berserker jetzt zu begegnen.
Er beschloss also den Rest des Tages zuhause zu verbringen und machte sich sogleich auf den Weg.
In seinem Zimmer schaltete er gleich den PC an und zockte Counter Strike mit ein paar Schulfreunden, die in seinem Clan waren. Sie kämpften heute gegen einen verdammt harten Gegner – zumindest kam es Stefan so vor – aber wahrscheinlich lag es nur daran, dass er unkonzentriert war.
„Stefan, deine Freunde sind da und guck mal, was der Nikolaus für dich gebracht hat,“ rief seine Mutter um kurz vor 6 Uhr. Hinter ihr standen Thomas und Philipp und zu seiner Erleichterung war Christian nicht dabei. Er nahm seiner Mutter das Säckchen ab und hing es an den Bettpfosten. Er fühlte sich keineswegs kindisch behandelt, weil er immer noch was vom Nikolaus bekam – seine Mutter machte es ja eigentlich nur für seine beiden Geschwister, die 3 und 4 Jahre jünger als er waren. Außerdem wusste er genau, dass sie ihm neben dem ganzen Süßen noch einen Fuffi zugesteckt hatte und das freute ihn um so mehr.
„Christian kann nicht kommen, er meinte, er müsse noch was erledigen,“ sagte Thomas und irgendwie war Stefan erleichtert, dass die beiden nichts von allem wussten.
„Hmm, eigentlich wollte ich auch zuhause bleiben,“ erklärte Stefan, „aber irgendwie hab ich doch Bock drauf.“ Und so ging er mit ihnen nach draußen.
Es war bereits dunkel geworden und es hatte wieder angefangen zu schneien. Stefan zog die Mütze tiefer ins Gesicht und stapfte voraus Richtung Dorfplatz.
Prompt trafen sie auch gleich auf zwei Grampal. Stefan duckte sich in den Schatten eines Hauses und beobachtet sie, während Thomas und Philipp hintenrum schlichen und rechts und links sich im Schatten versteckten. Er blickte zu seinen beiden Freunden, die ihm mit einem Nicken signalisierten, dass sie bereit wären. Nun hob er etwas Schnee auf, formte ihn zu einer lockeren Kugel und trat aus dem Schatten heraus. Er hatte die beiden belauschen können und so wusste er, wem er gegenüberstand.
„Hey, Daniel,“ rief er und schleuderte dem angesprochenen den Schneeball mitten ins Gesicht. Das war auch gleichzeitig das Signal für Thomas und Philipp, die nun aus ihren Verstecken rannten und den beiden Grampal die Masken vom Kopf rissen. Dann nahmen alle drei die Beine in die Hand und rannten so schnell sie nur konnten los. Natürlich war Daniel nicht verdattert, angelte im Lauf seine Maske vom Boden und rannte den dreien hinterher. Der Fluchtplan war natürlich genau geplant und so trennten sie sich an einer ausgemachten Weggabelung.
„Na warte, Maier, wenn ich dich in die Finger kriege,“ schrie Daniel und verfolgte Stefan. Sein Kollege – Matthias – rannte Thomas und Philipp nach. Nun ging es über Stock und Stein, durch Gärten und Wiesen und sogar über einen kleinen Bach, bis Daniel schließlich erschöpft aufgab.
„Wenn ich dich erwische,“ keuchte er und hob drohend die Faust, erntete jedoch nur Stefans Lachen. Mission erfolgreich ausgeführt, dachte Stefan, hopste nach einigen Minuten über den Bach zurück und ging wieder zu den ersten Häusern am Dorfrand zurück. Er hoffte Thomas und Philipp hatten auch so großes Glück wie er und machte sich auf den Weg zum Treffpunkt. Er hatte gerade die halbe Strecke hinter sich gebracht, da packten ihn plötzlich zwei starke Arme und zogen ihn hinter eine Hecke. Die Wucht, mit welcher der andere ihn herumriss, ließ ihn das Gleichgewicht verlieren und er stolperte zu Boden. Gleich hatte er sich herumgewälzt und das starke Paar Arme drückte seine Schultern fest in den kalten Schnee. Im fahlen Licht der Laterne konnte er dann endlich seinen Angreifer erkennen – sein bester Freund Christian.
„Christian, verdammt. Du hast mich fast zu Tode erschreckt.“ Lachte Stefan, aber etwas sagte ihm, dass seinem besten Freund nicht zum Lachen war.
„Isabel geht es wieder besser,“ sagte Christian und machte keine Anstalten von ihm runterzugehen.
„Da bin ich aber froh. Komm, lass uns das ganze einfach vergessen,“ schlug Stefan vor. Irgendwie benahm sich sein Freund seltsam, lauernd, die Ruhe vor dem Sturm.
„Ich bin dir noch was schuldig,“ entgegnete Christian. Dann schlug er zu. Seine Rechte traf Stefans Brustkorb und ließ ihn überrascht aufstöhnen – presste ihm dabei die ganze Luft aus den Lungen. Die Linke knallte direkt ins Gesicht und riss seinen Kopf zur Seite, er schmeckte Blut. Verzweifelt versuchte sich Stefan zu wehren, Christian von sich zu werfen und schließlich gelang er ihm auch. Er rollte herum, kam auf alle viere und wollte sich mit einem Satz nach vorne retten, aber der andere war schneller. Er packte Stefans Fuß und zog ihn mit einem Ruck zurück, so dass der Junge den Halt verlor und mit dem Gesicht in den Schnee fiel. Gleich versuchte er sich wieder aufzurappeln, aber Christian trat mit dem Fuß zwischen seine Schulterblätter und drückte seinen ganzen Oberkörper wieder in den Schnee. Endlose Sekunden kämpfte Stefan gegen den Druck auf seinem Rücken an und plötzlich war er weg. Er war aber keineswegs außer Gefahr. Schon im nächsten Augenblick trat Christian ihn in die Seite. Stefan keuchte schmerzhaft auf, zum schreien fehlte ihm jede Kraft und er krümmte sich unter Schmerzen. Der nächste Tritt landete in seinem Magen und er drohte sich zu übergeben. Dann war es ruhig. Stefan lauschte einige Auenblicke mitgeschlossenen Augen und öffnete sie dann. Er konnte gerade noch sehen, wie Christian seine Hände nach ihm ausstreckte, seinen Kragen packte und ihn mit einem harten Ruck auf die Beine stellte. Dann zuckte die Faust wieder auf sein Gesicht zu. Stefan reagierte blitzschnell, drehte den Kopf zur Seite und versetzte Christian einen ungezielten Tritt in den Genitalbereich. Dieser jaulte vor Schmerzen auf, ließ von Stefan ab und krümmte sich. Aber es hielt nur wenige Augenblicke und das Adrenalin in Christians Venen tat sein übriges dazu. Entsetzt drehte er sich herum, stolperte auf die Straße hinaus und sah nur noch, wie zwei blendende Lichter auf ihn zukamen.


~2~

Der Aufprall war nicht stark gewesen, vielleicht Schrittgeschwindigkeit, aber es reichte Stefan von den Füßen zu reißen, auf die Motorhaube zu schleudern und dann fiel er auch noch rücklinks mit dem Kopf zuerst auf die Straße zurück. Alles drehte sich, aber er war bei Bewusstsein geblieben und rappelte sich bereits wieder auf.
„Oh mein Gott, alles in Ordnung?“ rief ihm eine aufgeregte Stimme zu. Dann kniete sich jemand neben ihm nieder.
„Hey, kannst du mich verstehen? Geht es dir gut? Verdammt, du musst doch gucken, wenn du über die Straße rennst.“
„Alles … OK.“ Stammelte Stefan verwirrt und hob den Blick, bis er sich mit dem des Nikolauses traf. Es hatte ihn wohl schwerer erwischt, als er geglaubt hatte. Er beobachtete den anderen, wie dieser eine Packung Taschentücher aus seinem roten Mantel zog und dann nervös eines heraus friemelte.
„Hier, press das auf die Wunde, ich hol den Verbandskasten.“ Stotterte der heilige Mann, was so überhaupt nicht zu ihm passte. Er war auch irgendwie viel schlanker und jünger, als sich Stefan ihn immer vorgestellt hatte. Verdattert blickte er auf das weiße Taschentuch und dann dem Mann hinterher, der schließlich mit einem etwas größeren Koffer wiederkam.
Er legte das gute Stück auf den Boden, klappte den Deckel hoch und entnahm ein Päcken mit Wundkompressen und eine Flasche rote Flüssigkeit.
Dann träufelte er etwas davon auf die eine Kompresse und tupfte vorsichtig die rechte Seite der Stirn ab. Kaum hatte er die Stelle berührt, schoss ein unangenehmer Schmerz – wie Nadelstiche – von dem Punkt aus in seinen Körper und er unterdrückte gerade noch einen Schmerzensschrei, indem er ihn in ein gequältes Stöhnen verwandelte. Dann beträufelte der Nikolaus auch die andere Kompresse mit dem Zeug und klebte sie mit langen Streifen Heftpflaster auf seiner Stirn fest.
„So, hast du irgendwo Schmerzen? Ist dir schlecht?“ fragte der heilige Mann schließlich, zückte eine Taschenlampe und leuchtete damit in Stefans Augen. Ohne auf eine Antwort zu warten, packte ihn der Mann schließlich unter dem Arm und zog Stefan auf die Beine.
„Ich bring dich lieber ins Krankenhaus. Du siehst gar nicht gut aus.“ Erklärte der Nikolaus und führte den Jungen zum Wagen. Langsam verschwand das schummrige Gefühl in Stefans Kopf, doch noch bevor er recht Begriff, wo er war, hatte der Mann auch schon alles verstaut und war eingestiegen.
„Du hast mir echt einen großen Schrecken eingejagt.“ Fing der Nikolaus plötzlich an zu reden. Vielleicht auch nur um die Stille im Auto zu überbrücken.
„Sieht nicht so aus, als wenn du eine Gehirnerschütterung hast. Aber warum bist du einfach drübergelaufen? Hat fast so ausgesehen, als wäre der Teufel höchstpersönlich hinter dir her.“
„Vielleicht war er es auch.“ Sagte Stefan betrübt und wohl eher an sich selbst gerichtet.
„Wie meinst du das?“ fragte der Mann verstutzt und noch ehe Stefan überhaupt über eine Antwort nachdachte, legte der Nikolaus eine Vollbremsung hin und schaltete wutschnaubend die Warnblinkanlage ein.
„Verdammtes Kostüm.“ Schimpfte er, riss den Bart von seinem Gesicht, zog die Perücke vom Kopf und stieg wütend aus. Stefan hörte die Kofferraumklappe mit einem Quietschen hochfahren und nach wenigen Minuten, wie sie mit einem lauten Knall wieder geschlossen wurde. Er nutze die Zeit um sich im Auto umzusehen. Es war ein großer Kombi, die Rücksitzbank nach vorne geklappt und im langen Kofferraum eine überbreite Matratze ausgelegt – wahrscheinlich stammte sie von einem Futon.
Dann stieg der Mann wieder ein. Stefan musste sich selbst berichtigen, der Kerl war nicht älter als 20, hatte braune kinnlange Haare, war schmal aber dennoch muskulös – eigentlich wie er selbst.
„Ich bin Florian. Aber nenn mich einfach Flo.“ Sagte er und reichte Stefan die Hand.
„Stefan.“ Sagte dieser knapp.
„Sorry wegen dem Wutausbruch eben, aber das Scheißteil hat mich schon den ganzen Abend aufgeregt. Was sollte das denn vorher heißen?“ fragte Flo und setze den Wagen wieder in Bewegung.
„Naja, mein bester Freund ist stinksauer, weil ich mit seiner Schwester Schluß gemacht hab.“ Erklärte Stefan.
„Jaja, immer das Kreuz mit den Weibern. Wenn sie nicht das kriegen, was sie wollen, rennen sie zu Papa oder ihrem Bruder. Da bin ich ja echt froh, dass ich diese Probleme nicht mehr hab.“ Lachte Flo und bog zum Krankenhaus ein.
„Warum?“ fragte Stefan überrascht, aber im selben Moment beantwortete er sich die Frage selbst – klar, verheiratet.
„Ich bin schwul.“ Sagte Flo und stieg aus. Stefan saß wahrscheinlich eine Ewigkeit geschockt da – zumindest kam es ihm so vor – und er wäre wohl noch länger so dagesessen, hätte Flo nicht die Türe geöffnet.
„Komm, wir sind da.“
Zögernd stieg Stefan aus und folgte dem Kerl ins Krankenhaus. Entgegen seinen Erwartungen gingen sie jedoch nicht zur Notaufnahme, sondern tiefer in das Gebäude hinein auf Station 44.
„Hallo Margarete, hat Ludwig noch Dienst?“ fragte Flo die dortige Nachtschwester.
„Ja, er ist im Aufenthaltsraum.“ Sagte sie und schon führte Flo ihn weiter.
„Bist du Arzt?“ fragte Stefan überrascht.
„Nö, Sani.“ Erklärte Flo und öffnete die Türe zum besagten Raum.
„Hallo Ludwig. Könntest du dir mal kurz wen angucken?“ fragte er in den Raum hinein und schon nach wenigen Sekunden kam ein älterer Herr aus dem Zimmer.
„Das ist Stefan, hab ihn angefahren und bin mir nicht ganz sicher, ob er sich was getan hat.“ Erklärte Flo.
„Warum gehst du dann nicht zur Notaufnahme?“ fragte der Mann tadelnd.
„Wenn es rauskommt, dass ich den Jungen angefahren hab, bin ich meinen Führerschein los.“ Erklärte Flo und das schien den alten Mann zu überzeugen.
Die Untersuchung ging schnell vorüber und zu Stefans Erleichterung – und wohl auch zu Flos – fand der Arzt nichts.
„Danke, Ludwig, hast was gut bei mir.“ Sagte Flo und führte Stefan dann wieder endlose Gänge hinaus zum Auto.
„Puh.“ Stöhnte Flo, ließ sich sichtlich erschöpft auf den Fahrersitz fallen und fuhr sich fahrig über das Gesicht.
„Es tut mir echt leid, aber du bist so schnell aus der Hecke rausgesprungen, dass ich nicht mehr bremsen konnte.“ Entschuldigte sich Flo.
„Schon ok, war ja auch selbst schuld.“
„Hmmm … Hast du Bock heute das Nikolausfeuerwerk anzusehen? Als Wiedergutmachung. Hab auch genug Alk und Knapperzeug dabei.“ fragte Flo in eher beiläufigem Ton.
„Ich … ähm … ich meine … du bist …“ stotterte Stefan los. Flo blickte ihn zwei, drei Sekunden verdattert an, dann fing er plötzlich kräftig an zu Lachen.
„Oh Mann, keine Angst, ich würde nie drauf kommen einen Hetero anzugrabschen – das ist ganz freundschaftlich und als Wiedergutmachung gemeint. Nichts anderes. Aber OK, wenn du nicht willst, dann kann ich dich auch gerne mal in die Disco mitnehmen oder wir gehen einen saufen.“
„Nein, nein, schon OK.“ Warf Stefan ein. Er war wahrscheinlich hochrot angelaufen. Wie konnte er überhaupt so von Flo denken. Der Kerl hatte überhaupt nichts gemacht – im Gegenteil, er war sehr nett.
„Gut, ich kenne einen guten Ort, nicht weit von hier.“ Sagte Flo und fuhr los.
„Wie alt bist du eigentlich?“ fragte der Kerl plötzlich.
„16 und du?“ fragte Stefan zurück.
„19. Solltest besser deine Eltern anrufen. Machen sich sonst noch Sorgen.“ Erinnerte Flo. Daran hatte Stefan gar nicht gedacht. Er zückte sein Handy und drückte auf den roten Knopf – nichts passierte. Er drückte erneut, aber das kleine Display blieb dunkel.
„Mist, tot.“ Schimpfte Stefan.
„Hier, nimm meins.“ Bot Flo an, griff mit der rechten Hand umständlich in die linke Hosentasche und rückte eines der neusten Modelle heraus.
„Wow, ein Sony Erricson.“ Staunte Stefan nicht schlecht und griff danach. Dabei berührte er für eine Winzigkeit Flos Hand und zog erschrocken zurück. Was war denn nun schon wieder mit ihm los? Er und Christian hatten sich doch normalerweise auch die Hand gegeben oder sich gegenseitig auf die Schulter geklopft. Aber er war froh, dass Flo nichts mitbekommen hatte. Irgendwie mochte er den Kerl.
„Hi, Mama, ich übernachte heute bei einem Freund. Wir gucken uns das Feuerwerk an. Morgen bin ich wieder zuhause. Tschau.“ Dann legte er auf und fuhr im selben Moment entsetzt zusammen. Er hatte gesagt, dass er übernachten würde. Wo sollte er denn heute Nacht bitte schlafen? Das Feuerwerk ginge bis 1 Uhr, dann würde Flo ihn heimbringen.
Er war so in seine Gedanken versunken, dass er gar nicht bemerkte, wie Flo in einen Waldweg einbog und diesen hinauf fuhr. Auch als sie den Wald wieder verließen und auf der Kuppel des kleines Hügels stehen blieben, starrte Stefan immer noch gedankenversunken vor sich hin. Flo, der den Jüngeren aus den Augenwinkeln beobachtet hatte, fing an sich Sorgen zu machen. Er wusste, wie Männer – vor allem Jugendliche – auf Schwule reagierten. Sie ekelten sich vor ihnen oder hatten Vorurteile, dass alle Homos nur Sex wollten. Langsam war er sich nicht mehr sicher, ob es überhaupt eine gute Idee gewesen war, Stefan einzuladen.
„Hey, alles in Ordnung?“ fragte Flo, als Stefan immer noch keine Anstalten machte und riss ihn damit aus seinen Gedanken hoch.
„Passt schon.“ Erwiderte er – eine Spur zu schnell, als dass es glaubhaft geklungen hätte – und lächelte nervös. Er hatte immer noch keine Lösung für sein Problem gefunden – klar, einfach heimgehen wäre möglich, aber es würde seine Mutter misstrauisch machen.
„Wenn du Angst vor mir hast ... kann ich echt verstehen ... dann bring ich dich gern wieder nach Hause, aber ich hab echt überhaupt nichts im Sinn. Einfach nur einen netten Abend verbringen – wie Kumpels.“
„Nein, Nein, es ist nicht wegen dir. Ich hab nur meiner Mama gesagt, dass ich übernachte und sitz jetzt echt in der Tinte. Die wird sicherlich misstrauisch, wenn du mich mitten in der Nacht heimbringst.“
Flo blickte ihn zwei, drei Sekunden lang an, dann brach er wieder in schallendes Gelächter aus. Stefan runzelte die Stirn. Er hatte ein echtes Problem und der Kerl machte sich darüber lustig.
Irgendwann hatte sich Flo endlich beruhigt und wischte sich die Tränen aus den Augen.
„Mensch, du hast Probleme. Boah, und ich mach mir Sorgen, dass es dir in meiner Gegenwart unangenehm wäre oder du sogar Panik schieben würdest. Du kannst gerne bei mir schlafen. Den Hügel runter das Haus dort. Da wohne ich.“ Sagte er und deutete auf eine Gruppe kleiner Lichter am Fuße des Berges. „Ich hab auch eine Gästecouch.“ Fügte er noch schnell hinzu. „Dann könnte ich sogar was trinken.“
Stefan überlegte kurz – die Lösung war perfekt und dass Flo doch so ein Schwein war, wie er über Schwule immer gehört hatte, glaubte er schon überhaupt nicht mehr. Er musste sich sogar eingestehen, dass er sich sehr wohl bei ihm fühlte.
Flo stieg auf Stefans OK schließlich aus, stapfte um das Auto herum und kletterte dann von hinten in den Kofferraum, die Schuhe an der Seite der großen Matratze abstreifend, damit er sie nicht schmutzig machte.
Stefan folgte ihm auf einen Wink und fand zwei große Kissen, die direkt hinter den Vordersitzen waren, sodass er sie bei seinem flüchtigen Rundumblick gar nicht gesehen hatte. Er schnappte sich eines und stopfte es hinter seinen Rücken, dann nahm er die Flasche, die ihm Flo entgegenhielt und drehte, nach einem gemurmelten Danke, den Schraubkronkorken vom Alkopop.
„Prost.“ Sagte Flo, stieß mit seiner eigenen Flasche an und nahm einen kräftigen Schluck.
Anfangs waren ihre Gespräche eher nebensächlichen Inhalts, aber nach und nach tat der Alkohol seine Wirkung. Stefan erfuhr, dass Flo schon seit 4 Jahren schwul war und derzeit solo. Außerdem hatte er den Nikolausjob für einige Familien ehrenamtlich übernommen und war Sanitäter in Ausbildung. Gleichzeitig hatte sich sein neuer Freund auch sehr für sein eigenes Privatleben interessiert.
„Ich bin irgendwie froh, dass ich Schluss gemacht hab.“ Seufzte Stefan, nachdem er Flo auch über Isabel berichtet hatte.
„So? Warum das denn?“ fragte dieser.
„Tja, es war einfach nichts zwischen uns beiden … eigentlich bei keiner meiner Freundinnen. Was ist denn das für eine Beziehung, wenn man sich zu einem Treffen zwingt und hofft, dass es bald vorbei ist?“ jammerte Stefan.
„Hört sich fast so an, als wenn du schwul wärst.“ Lachte Flo. Wie vom Blitz getroffen, verkrampfte sich Stefan, riss die Augen ungläubig auf und blickte Flo an.
„Oh mein Gott, entspann dich, das war nur ein Witz. Du findest sicherlich die Richtige.“ Lachte Flo. Der Kleine war echt zu leicht in Verlegenheit zu bringen, sodass er sich den Spruch nicht verkneifen hatte können. Leider war damit auch ihr Gespräch zum Erliegen gekommen. Flo schollt sich einen Narren, er sollte es wirklich unterlassen und vielleicht würde er sich mit diesen ewigen Sticheleien – die er auch stets in ihr ganzes Gespräch gestreut hatte – noch die Freundschaft verderben.
„Hey, tut mir echt leid. Ich wollte dich nur aufziehen, ehrlich.“ Versuchte er sich zu entschuldigen.
„Schon OK.“ Seufzte Stefan, aber es hörte sich nicht danach an – und schon gar nicht danach, dass sie weiterreden könnten.
Also schaltete er das kleine, batteriebetriebene Kofferradio an und suchte einen passenden Sender. Er drehte wahrscheinlich 5 Minuten an dem großen Knopf, bis er endlich seinen Lieblingssender gefunden hatte.
„Sag mal, wie ist das eigentlich … schwul zu sein oder einen Jungen zu küssen?“ fragte Stefan plötzlich.
„Wie meinst du das? Es ist ganz normal, als würdest du ein Mädchen küssen, wenn du hetero bist.“ Erklärte Flo umständlich. Er hatte echt keine Ahnung, wie er es erklären sollte. Dann erhob er sich aus seiner bauchlägigen Position, die er zum Verstellen des Radios eingenommen hatte, auf alle Viere und krabbelte auf Stefan zu. Obwohl es stockdunkel war, fühlte er, wie sich dieser spannte. Er näherte sich dessen Gesicht und blieb kurz davor stehen.
„Willst du es ausprobieren?“ fragte er mit belegter, flüsternder Stimme und schon im nächsten Moment schollt er sich einen Idioten. Der Junge war hetero und mit seinem Annäherungsversuch machte er gerade alles kaputt. Warum hatte er nicht einfach irgendwas wie ‚Es wird alles in Ordnung. Du bist nicht schwul’ gesagt. Aber jetzt gab es kein Zurück mehr. Dann plötzlich, er spürte es mehr, als er es sah, nickte Stefan – fast unmerklich, eine einzige kleine Bewegung und Flo überwand die letzten Zentimeter.
Stefan versteifte sich sofort noch mehr, aber kaum hatten sich ihre Lippen berührt, schossen unvorstellbar schöne Schauer über seinen Rücken. Sein Bauch kribbelte und er überlegte vergebens, wann er je so ein Gefühl empfunden hatte. Vielleicht bei seinem ersten Kuß – nein selbst dort, war es nur ein Hauch gewesen.
‚Schwul’ dachte er entsetzt, er war schwul. Jede Zelle in seinem Gehirn erinnerte ihn daran, dass das Ganze so falsch, so widerlich, so pervers … und doch so geil war. Dann brach Flo den Kuss und rutschte so weit er in diesem engen Kofferraum konnte von ihm weg.
„Es tut mir leid, ich hätte das nicht tun dürfen. Ich fahr dich lieber jetzt nach Hause. Vergiss das alles einfach. Du bist nicht schwul. Du findest eines Tages sicherlich die Richtige.“ Flo tastete nach seinen Schuhen und wollte gerade den ersten überziehen, als sich plötzlich eine Hand auf seine Schulter legte und ihn mit einem festen Ruck nach hinten riss. Er verlor das Gleichgewicht und fiel auf die Matratze zurück. Dann fühlte er, wie sich Stefan seitlich über ihn beugte und kurz vor seinem Gesicht stehen blieb. Er hatte seinen inneren Kampf noch immer nicht ganz ausgefochten. Sein Körper sagte ja, aber sein Geist versuchte vehement eine Erklärung zu finden.
Diese winzige Entfernung und doch so unüberwindlich wie eine Wand aus Glas. Schließlich schüttelte Stefan verwirrt den Kopf und setzte sich wieder auf seinen Platz zurück.
„Schon OK. Ich bleib hier.“ Sagte Stefan, griff sich eine neue Flasche und trank einen mehr als nur großen Schluck.
„Wolltest du mich gerade noch mal küssen?“ fragte Flo unsicher und krabbelte auf Stefan zu.
„Ich …“ Stefan brach ab und nahm einen erneuten riesigen Schluck aus seiner Flasche. Langsam begannen sich seine Gedanken zu vernebeln, genau das, worauf er gehofft hatte.
„Du solltest nicht so viel trinken.“ Bemerkte Flo schließlich, als er hörte, dass der andere noch eine weitere Flasche aus dem Rucksack mit den Getränken herauszog. Er hatte sich dem Jungen wieder gegenüber gesetzt und auf eine Antwort gewartet, aber dieser hatte die letzte Flasche ein drittes Mal an die Lippen gesetzt und sie in einem Zug geleert. Nachdem der Junge schließlich ein zweites Mal von der neuen Flasche getrunken hatte, gab sich Flo einen Ruck, entnahm Stefan den Alkohol und zog den Rucksack aus dessen Reichweite.
„Hey.“ Sagte Stefan empört. Er war noch immer nicht so betrunken, wie er eigentlich gewollt hatte, um seinen Kopf endlich zur Ruhe zu bringen. Dann hörte er, wie sich sein Gegenüber wieder auf ihn zu bewegte und wieder kurz vor seinem Gesicht anhielt.
„Wolltest du mich gerade noch mal küssen?“ fragte Flo sanft.
„Ich weiß es nicht,“ gestand Stefan nach einem kurzen Zögern, „das alles ist so verwirrend. Es ist wunderschön, aber es ist falsch.“ Erklärte er.
„Wer sagt das?“ flüsterte Flo und hauchte dem Jungen einen zarten Kuss gegen die Lippen. Er selbst wusste, was mit dem anderen los war. Fast jeder Schwule machte diese Phase anfangs durch. Noch ehe Stefan etwas sagen konnte, rutschte Flo noch ein Stück näher und streckte die Hand nach der Wange seines neunen Freundes aus. Sanft und ohne jede Hast, um den anderen ja nicht zu verschrecken, streichelte er über dessen Haut.
„Keine Angst.“ Flüsterte er dem Jungen zärtlich zu, als sich dieser wieder versteifen wollte. Er ließ die Hand langsam an Stefans Hals hinabstreicheln, schob sie schließlich in dessen Nacken und kraulte dort durch den blonden Haaransatz.
Um Stefan wieder von der ungewohnten Situation abzulenken, küsste er ihn zärtlich und schob sich noch ein Stück näher an ihn heran, sodass seine linke Seite dessen Bein berührte. Dann tastete er mit der rechten Hand, nach dessen linken, fand sie schließlich auch und führte sie vorsichtig zu seinem Gesicht. Hauchzart küsste er über die empfindlichen Fingerspitzen und ließ die Hand dann in der Schwebe los – in der Hoffnung, dass Stefan seine Angst überwinden würde. Die Finger schwebten noch einige Augenblicke vor seinem Gesicht, dann erwachte der Junge endlich aus seiner Starre. Er ließ nun seine Hand über Flos Wange streifen, den Hals hinab und in dessen Nacken – und er ging noch ein winziges Stückchen weiter – er überwand die kleine Distanz zwischen ihnen und legte seine Lippen sanft auf die des anderen.
Langsam umschloss Flo den jüngeren mit beiden Armen und zog ihn mit sich auf die Matratze, ließ ihm aber stets genug Raum um im entscheidenden Moment doch noch einen Rückzieher zu machen.
Dann entschied er noch ein wenig weiter zu gehen. Er öffnete den Mund und leckte mit der Zunge über Stefans Lippen. Nur ganz kurz verkrampfte dieser sich, öffnete dann aber doch den Mund ein bisschen und ließ Flos verspielte Zunge ein.
„Scheiße, ich hab mich in einen Hetero verknallt.“ Lachte Flo, als sie sich wieder schwer atmend voneinander trennten.
„Und ich mich in einen Schwulen.“ Fügte Stefan schmunzelnd hinzu. Vom eigentlichen Feuerwerk, das über ihren Köpfen stattfand, bekamen beide nichts mit – sie hatten ja ihr kleines, ganz privates Feuerwerk, das nur für sie alleine knisterte.


~3~

Stefan blinzelte gegen das grelle Licht, das ihm ins Gesicht schien und kniff die Augen einige male fest zusammen. Boah, was für ein seltsamer Traum. Er und mit einem Kerl geknutscht. Aber irgendetwas hatte der Gedanke, etwas, worauf sein Körper mit Wohlwollen und Entspannung antwortete. Dann hatte er genug Sonne getankt und drehte sich im Bett herum.
Entsetzt über das, was er auf der anderen Seite sah, machte er einen Satz zurück, merkte zu spät, dass er an der Bettkante geschlafen hatte und fiel mit wild rudernden Armen zu Boden.
Kein Traum, schoss es ihm in den Kopf und er versuchte die Details wieder in sein Gedächtnis zu rufen.
Christian hatte ihn verprügelt und dann war er angefahren worden. Flo hatte ihn versorgt und dann zum Nikolausfeuerwerk mitgenommen und dann … ja, was ist dann passiert? Er konnte sich an einen Kuss erinnern und auch an Flos zärtliche Berührungen.
„Sag mal, willst du da unten weiterschlafen oder kommst du wieder ins Bett?“ rief ihn eine halbschlafende Stimme aus seinen Gedanken. Er zögerte noch einen Augenblick, dann gab er sich einen Ruck und krabbelte wieder ins Bett zurück. Statt sich aber hinzulegen, blieb er sitzen und begutachtete den schlafenden neugierig. Er hatte noch nie jemanden genauer angesehen.
Flo lag halb seitlich, halb auf dem Bauch zu ihm gewandt und hatte die Augen sanft geschlossen. Mit den Armen umklammerte er das Kissen, als könnte es ihm jeden Moment davon rutschen. Irgendetwas zog Stefan magisch an. Er zweifelte kurz, dann zuckte er mit den Schultern und beugte sich vorsichtig hinunter. Sanft legte er seine Lippen auf Flos und gab ihm einen zärtlichen Kuss und wieder wunderte er sich, welch starke Gefühle alleine diese flüchtige Berührung in ihm hervorrief.
„Sieht so aus, als würdest du mich nicht mehr weiterschlafen lassen.“ Schmunzelte Flo und hatte die Augen nach Stefans zögerlichem Kuss geöffnet.
„Tut mir leid, ich wollte dich nicht wecken. Schlaf einfach weiter.“ Stotterte der Junge schuldbewusst, drehte sich abrupt um und zog die Decke bis unters Kinn. Er hatte ihn wirklich nicht wecken wollen. Plötzlich spürte er, wie sich die Decke bewegte – wahrscheinlich drehte sich Flo auch um, doch dann legte dieser den Arm um seine Taille und zog ihn mit einem schnellen Ruck zu sich. Er fühlte die warme Haut an seinem Rücken und die verspielten Finger, die sanft über seinen Bauch streichelten. Dann wurde er auf den Rücken gedreht und Flo beugte sich im Liegen über ihn. Er erstickte den erschreckten Laut mit einem innigen Kuss und gab Stefan die Zeit sich daran zu gewöhnen.
Der pure Wahnsinn, dachte Stefan, nachdem er den ersten Schrecken überwunden hatte und sich ganz Flos zärtlichen Lippen hingab.
Sanft küsste sich dieser tiefer, den schlanken Hals hinunter zum Schlüsselbein.
„Brüderchen, du sollst aufstehen und …“ Die Türe wurde aufgerissen, knallte gegen irgendetwas – wahrscheinlich die Wand – und mitten im Satz stockte die Mädchenstimme. Stefan zuckte erschrocken zusammen und wäre am liebsten im Boden versunken. Obwohl er sich langsam an den Gedanken gewöhnte, war es ihm immer noch unangenehm und peinlich anderen gegenüber.
„Tut mir leid, ich wollte nicht hereinplatzen, ich konnte ja nicht wissen, dass du Besuch hast. Dann sag ich Mama sie …“ sie brach wieder mitten im Satz ab und dann kam der Hammer. „Stefan?!?!“
Stefan konnte über Flos Schultern nur einen Blondschopf erkennen, aber kombiniert mit der Stimme, wusste er nun, wer das Mädchen war und sie kannten sich sehr wohl. Nathalie – so hieß das Mädchen – war in seiner Klasse und zu allem Übel eine echte Klatschtante. Sein Plan, das Comming Out bis nach dem Ende des letzten Schuljahres hinauszuzögern, war bereits am ersten Tag gescheitert.
„Ich wusste gar nicht, dass du schwul bist.“ Stammelte Nathalie, nachdem sie ihren ersten großen Schrecken überwunden hatte.
„Das wusste er bis gestern Abend auch noch nicht. “ Lachte Flo und setzte sich im Bett auf. Nun konnte er das Mädchen direkt sehen und was noch viel schlimmer war, sie ihn auch. Er fühlte, wie er rot anlief. Warum sie, konnte es keines von den grauen Mäusen sein, die nie den Mund aufbekamen. Aber der peinliche Moment ging vorüber. Nathalie lächelte ihn herzlich an und dann kam der zweite Hammer.
„Ich bin froh, dass mein Bruderherz endlich wieder einen Freund hat. Ich sag Mama, dass sie noch ein Gedeck mehr hinstellen soll. Viel Spaß euch beiden und kommt nicht zu spät zum Essen.“ Dann war sie weg und die Türe wieder zu.
„Lass uns Essen gehen.“ Sagte Flo knapp, krabbelte aus dem Bett und streifte seine Jeans von gestern über die schlanken, langen Beine. Dann zog er sich ein neues T-Shirt, das er sich aus seinem Schrank angelte, über und ein paar neue Socken. Stefan rührte sich keinen Millimeter. Er war immer noch geschockt von Nathalie und der Gedanke mit den Eltern zu essen behagte ihm überhaupt nicht.
„Was ist los? Wegen Nathalie? Keine Angst, sie ist zwar eine echte Ratsche, aber was das Privatleben von mir und meinen Freunden angeht, wird sie sicherlich nichts sagen. Ihr seid in der selben Klasse, oder?“ Stefan nickte nur. Ganz glauben konnte er das zwar nicht, dafür kannte er sie viel zu gut – zumindest was ihre Verschwiegenheit von privaten Dingen anderer anging – aber er wollte sich jetzt nicht damit fertig machen. Entschlossen zog er seine Klamotten, die er scheinbar gestern achtlos auf den Boden geschmissen hatte, an und ging zögernd zu Flo, der schon an der Türe, auf ihn wartete. Erst jetzt fiel ihm auf, wie groß sein neuer Freund war. Stefan war nie sehr groß gewesen, aber Flo überragte ihn um fast einen Kopf. Ohne den Kopf auch nur ein bisschen zu senken, gab er ihm einen Kuss auf die Stirn und schloss ihn sanft in die Arme.
„Keine Angst, meine Eltern wissen schon lange, dass ich schwul bin und haben es eigentlich ganz locker weggesteckt. Sie sind ganz cool drauf.“ Dann öffnete er die Türe und führte Stefan an der Hand die Treppe hinunter, die direkt vor seinem Zimmer lag. Er konnte sich nicht erinnern hier hochgekommen zu sein und auch vom Rest des Abends fehlte jegliche Spur in seinem Kopf. Er hasste Filmrisse.
Unten angekommen befanden sie sich direkt im Wohnzimmer. Er hatte eigentlich erwartet wie üblich in einem finsteren Gang rauszukommen. Kaum waren sie von der letzten Stufe gestiegen, reckten sich plötzlich zwei kleine Schopfe über die Lehne der Couch und schon im nächsten Moment rannten zwei Kleinkinder herbei und setzten sich prompt auf Flos Füße. Lachend stapfte dieser weiter und zog die beiden Racker dabei eins nach dem anderen mit sich, Stefans Hand immer noch haltend.
„Onkel Flo, ist das unser neuer Onkel?“ fragte schließlich das kleine Mädchen auf Flos rechtem Fuß.
„Ja, so in etwa. So und nun ab marsch essen.“ Sagte Flo und schon sprang das Mädchen auf und rannte ins nächste Zimmer – dich gefolgt von ihrem – vielleicht 1 Jahr jüngerem Bruder.
„Lisa und Alex, die Kinder meiner Schwester Kathrin. Die ist wohl auch gerade zu Besuch.“ Erklärte er und Stefan wurde noch nervöser. Dann kam ihnen ein älterer Mann entgegen – Mitte 60, graue Haare, mit durchschnittlicher Figur und einem kleinen Bauchansatz.
„Guten Morgen, habt ihr endlich ausgeschlafen? Das ist also dein neuer Freund Stefan. Ich bin Felix, Flos Papa. Nett dich kennenzulernen, fühl dich ganz wie zuhause.“ Begrüßte sie der Mann und hielt Stefan die Hand hin. Nur zögernd griff dieser danach und wurde fast von den Füßen gerissen, als der Mann kräftig seine Hand schüttelte. Dann wies er ihnen mit einem Wink den Weg ins Esszimmer. An einer großen Tafel war für 10 Personen gedeckt und auch fast genauso viele wuselten in dem Zimmer herum, saßen bereits auf ihren Plätzen oder verteilten noch fehlendes Besteckt, Servietten und Gläser.
„Guten Morgen, ihr beide.“ Rief eine reife Frauenstimme in das Geschrei der beiden Kleinkinder hinein und eine schlanke Frau, mit schon ein paar Falten im Gesicht kam aus einer zweiten Türe – in der linken Wand zu ihnen.
Flo umarmte sie herzlich und gab ihr einen Kuss auf die Backe, dann umschloss sie Stefan und drückte ihn fest.
„Schön, dass ihr zum Essen kommt. Setzt euch. Ach ja, ich bin Simone.“ Und so schnell sie gekommen war, war sie auch wieder in der Küche verschwunden. Flo fasste Stefan an der Hand und zog ihn mit sich auf die lange Eckbank, die die ganze Tafel an zwei Seiten umspannte. Sie saßen am Ende des langen Teils, Flo außen und Stefan in der Mitte. Neben ihn rutschten nach ein paar Minuten Nathalie und eine zweites, jüngeres Mädchen, das sich als Maria, Florians dritte und jüngste Schwester, vorstellte. Am Ende der Tafel, auf das kürzere Teil der Eckbank hockten sich die beiden Kinder und am anderen Ende saß Felix. Schließlich kam das Essen herein: Herrlich duftender Schweinebraten in Soße, Knödel, Sauerkraut und Blaukraut und als dann schließlich alles auf dem Tisch stand, setzen sich auch noch die drei letzten Personen – Mama Simone gegenüber Flo, daneben Schwester Kathrin und ihr Mann Manfred.
Noch ehe Stefan wusste, wie ihm geschah, war sein Teller von Flo voll beladen, sein Glas von Nathalie mit Apfelsaft vollgeschenkt worden und alle unterhielten sich lautstark – sogar mit ihm, als wäre er schon seit Langem ein Teil der Familie.
Als sie schließlich fertig waren und Simone noch zum Nachtisch Kirschflämmlis gebracht hatte – sogar einen für ihn, obwohl sie eigentlich gar nicht wissen konnte, dass er da war – zog Flo ihn mit sich wieder aufs Zimmer.
„Hammer.“ Stöhnte Stefan, als Flo die Türe zugezogen hatte und ließ sich erschöpft auf den Bettrand sinken.
„Ich hab dir ja gesagt, meine Familie ist ganz cool. … Was hast du eigentlich heute Abend vor? Bock auf Disco?“ fragte Flo, setzte sich neben Stefan und küsste ihn zärtlich auf die Lippen.
„Eigentlich geh ich mit meinen Freunden immer ins Fun-tasy. Aber ich würd auch gerne mit dir dahin gehen.“ Gestand Stefan und wurde sofort rot im Gesicht. Es war ungewohnt zuzugeben, dass er die Nähe von Flo genoss und schon einen Horror vor Montag hatte, an dem sie sich wohl eine Woche lang nicht mehr sehen würden.
„Ich mag das Fun-tasy nicht. Wie wäre es mit Underground?“ fragte Flo, eher beiläufig.
„Underground?!“ stieß Stefan überrascht hervor. Die coolste und angesagteste Disco in 100 km Umgebung, in die nur VIPs dürfen und jeder Jugendliche davon träumt einmal dort drinnen gewesen zu sein.
„Kommst du mit?“ fragte Flo und hauchte Stefan einen sanften Kuss an die Schläfe.
„Das fragst du noch?“
„Dann ruf lieber deine Eltern an, du wolltest eigentlich heute heimkommen.“ Erinnerte Flo und deutete auf das Telefon, das auf seinem Nachttisch stand. Etwas überrumpelt griff Stefan danach und tippte die Nummer.
„Hi Mama, ich …“ er brach ab und lauschte, was, seine Mama sagte. Es waren keine guten Nachrichten und sie war sehr in Sorge um ihn.
„Ja, ich bin angefahren worden, aber es sind nur Schürfwunden. Nichts ernstes. Ich wollte … gut, ich klär das mit ihm. Ich hab dich lieb, bis gleich.“ Betrübt legte er den Hörer auf und ließ die Schultern hängen.
„Was ist los?“ fragte Flo, der aus den Wortfetzen seines Freundes nicht schlau geworden war.
„Christian ruft seit heute morgen fast stündlich an, ob ich schon zuhause wäre und er hat ihr erzählt, dass ich angefahren worden bin. Ich soll nach Hause kommen und das klären.“
„Na, dann klären wir das und fahren dann in die Disco – ganz einfach.“ Entschied Flo, packte Stefan an der Hand und zog ihn aus der Türe, die Treppe hinunter bis zur Garderobe. Dort zogen sie ihre Jacken und Stiefel an und Flo nahm noch einen Schlüssel vom Bord.
Sie mussten noch den Berg hinaufsteigen, zu der Stelle, an der sie gestern das Feuerwerk angesehen hatten und von dort aus ging es mit dem Auto wieder durch den Wald zurück zur Straße. Erst jetzt wusste Stefan, wo er war. Das kleine Dorf, an dessen Rand Flo wohnte hieß Tannenöd und war etwa 7 km von Neukirchen entfernt. Sie brauchten keine 15 Minuten bis nach Hause und kaum hatte er die Haustüre durchschritten, kam auch schon seine Mutter zu ihm.
„Ich hab mir echt große Sorgen gemacht, als Christian sagte, du wärst angefahren worden. Ich hab sogar im Krankenhaus angerufen, aber die hatten nichts davon gewusst.“ Stefans Mutter schloss ihn in die Arme und drückte ihn fest an sich. Dann gewahrte sie erst den Fremden, der hinter ihrem Sohn das Haus betreten hatte.
„Oh, Entschuldigung.“ Flüsterte sie Stefan zu und trat einen Schritt zurück. Dann streckte sie die Hand aus.
„Entschuldigung, ich bin Sibille.“ Sagte sie und Flo ergriff die Hand.
„Ich bin Florian, aber nennen sie mich Flo.“
„Mama, es gibt da etwas, das ich mit dir bereden muss.“ Erklärte Stefan umständlich und trat von einem Fuß auf den anderen. Flo hatte ihn gefragt, ob er es seiner Mutter gleich sagen würde. Nein, hatte er geantwortet und Flo hatte darauf nur gesagt, dass es sehr schwer wäre es zu verbergen und er sich nur unglücklich machen würde. Während der ganzen Fahrt hatte er es sich überlegt und sich entschlossen Flos Ratschlag ernst zu nehmen.
„Ähm, wie meinst du das? Was ist denn los?“ fragte sie zögernd und verwirrt. Nun gab es kein Zurück mehr. Flo rückte noch einen Stück näher an ihn heran um ihm die nötige Kraft zu geben. Er erinnerte sich an sein Comming Out. Er wäre fast vor Angst gestorben und dann hatten seine Eltern einfach geantwortet OK und ihn in die Arme genommen. Er hoffte, dass auch Stefans Eltern so wären.
„Flo ist der Freund, bei dem ich heute übernachtet hatte. Und …“ er brach ab, schluckte den Kloß hinunter und setzte dann erneut an.
„Ich hab dir doch erzählt, dass ich meine Freundinnen nicht geliebt habe.“ Sagte er ausweichend. Er konnte es nicht. Er konnte es einfach nicht sagen.
„Soll ich lieber rausgehen?“ fragte Flo, als Stefan schließlich gar nicht mehr weiterredete.
Schließlich war es seine Mutter, die das Schweigen brach.
„Du kannst mir alles sagen. Hast du Drogen genommen? Oder ein Mädchen geschwängert?“ fragte sie sanft.
„Nein, ich habe mich verliebt … in einen Jungen … in Flo.“ Stammelte er.
Für ein, zwei Sekunden stand seine Mutter irritiert da. Dann lächelte sie sanft und schloss ihren Sohn in die Arme.
„Du dummer Junge, jagst mir so einen Schrecken ein und ich dachte schon es sei etwas Schlimmes passiert.“ Dann drückte sie ihm noch einen Kuss auf die Wange und entließ ihn in Flos Umarmung.
„Klär lieber das mit Christian. Der hängt mir seit 8 Uhr morgens in den Ohren.“ Dann lächelte sie Flo zu und verschwand dann im Wohnzimmer.
„Ich habs dir ja gesagt. Mit einer Lüge lebt es sich nicht leicht. Kümmern wir uns um deinen besten Freund.“ Sagte Flo und folgte Stefan hoch in sein Zimmer. Ein kurzes Telefonat und schon klingelte es an der Türe. Zu seiner Überraschung kam Isabel mit ihm. Christian blickte Flo irritiert an, welcher es sich im hinteren Teil des Zimmers auf den Schreibtischstuhl bequem gemacht hatte und dann Stefan.
„Ist OK. Warum ist sie dabei?“ fragte Stefan.
„Sie wollte mit dir reden. Wegen gestern, Mann, das tut mir echt leid. Ich hab zu viel getrunken und …„ Christian brach ab.
„Schon OK.“ Sagte Stefan lächelnd. Obwohl sein bester Freund ihr halb tot geprügelt hatte, verzieh er ihm.
„Wer ist das?“ fragte Christian mit einem Wink in Flos Richtung.
„Das ist Flo. Er ist der, der mich gestern angefahren hat und …“ Stefan zögerte. Das Wort Freund hatte für ihn plötzlich eine neue Bedeutung bekommen. Vielleicht wäre es den beiden nicht aufgefallen, aber er selbst traute sich noch nicht das Wort auszusprechen.
„Ich muss dir noch was sagen.“ Fing Stefan stattdessen an.
„Du weißt, wir haben viel über meine Beziehungen geredet. Du weißt am besten, was ich gefühlt habe und ich hab nun endlich eine Antwort auf dieses ganze Chaos gefunden.“ Christian sah ihn irritiert an.
„Ich bin schwul.“ Sagte Stefan schließlich und hörte, wie Stefan entsetzt der Atem anhielt.
„Du und so eine schwanzlutschende Tunte? Vergiss es, da irrst du dich. Nur, weils bei den letzten Mädchen nicht ganz gefunkt hatte, heißt das noch lange nicht, dass du schwul bist.“ Lachte Christian und klopfte Stefan mutmachend auf die Schulter.
„Ich habe mich in Flo verliebt, er ist auch schwul.“ Entgegnete Stefan ernst und schon war Christian wieder verstummt.
„Du machst Witze und willst dich wegen gestern rächen.“ Stammelte Christian.
„Nein, ich meine es ernst.“
„Was ist denn so schlimm daran, wenn er schwul ist?“ mischte sich plötzlich Isabel ein, trat zu Stefan und gab ihm einen Kuss auf die Backe.
„Ob er nun mit einem Mädchen oder einem Jungen zusammen ist – ist doch eigentlich scheiß egal. Unser Cousin Mario ist doch auch schwul, hat dich auch nicht gestört. Warum also bei ihm?“ Christian blickte noch einmal zwischen Stefan, Flo und Isabel hin und her, dann schüttelte er lächelnd den Kopf.
„Du hast recht. Aber wehe du fässt mir irgendwann an den Arsch, dann prügel ich dich windelweich.“ Und alle lachten.
Flo integrierte sich sehr schnell in die kleine Gruppe und Stefans Mutter brachte irgendwann heißen Kakao und Kekse. Anfangs beäugte Christian Flos und Stefans Geturtel mit Skepsis, aber schon bald hatte er alle Vorurteile über Bord geworfen und entschuldigte sich sogar bei Flo für die ‚schwanzlutschende Tunte’. Ehe sich die vier versahen, wurde es auch schon dunkel.
„Kommt ihr zwei dann überhaupt mit ins Fun-tasy? Oder macht ihr es euch im Bett gemütlich?“ fragte Christian.
„Ähm, wir hatten eigentlich vor ins Underground zu gehen. Flo kennt da irgendwen, der uns reinläßt, glaube ich.“ Er hatte ganz vergessen mit Flo darüber zu reden, wie er dort reinkommen wolle.
„Wenn ihr wollt, nehme ich euch auch mit.“ Schlug Flo vor.
„Ich darf erst in 3 Monaten in die Disco, sorry.“ Jammerte Isabel, die immer noch 15 war.
„Ich muss Mel anrufen. Alleine mag ich nicht mit euch beiden Turteltauben. Wer weiß, vielleicht kommt ihr auch noch auf die Idee nen flotten Dreier zu machen.“ Lachte Christian, zückte das Telefon und rief seine Freundin Melanie an. Diese sagte sofort zu. Die vier verabschiedeten sich voneinander – Flo von Isabel sogar mit Küsschen auf die Wangen – und verabredeten sich um 20 Uhr vor Christians Haustüre.


~4~

„Pack ein, was du in die Disco anziehen willst.“ Sagte Flo, nachdem Isabel und Christian gegangen waren.
„Wie meinst du das?“ fragte Stefan verwirrt. „Ich geh normalerweise so wie ich bin in die Disco. Jeans und T-Shirt.“
Flo begutachtete ihn kurz, dann murmelte er „ich glaub, da müsste ich noch was für deine Größe haben. Können wir fahren?“
„Moment.“ Stefan kramte in einer Schublade, holte etwas heraus und steckte es in die Hosentasche seiner Jeans. Dann nahm er seinen Geldbeutel und steckte ihn ebenso ein.
Sie fuhren diesmal nicht den Waldweg hinauf, sondern eine Straßenabzweigung weiter und bogen in eine geteerte Siedlungsstraße. Diese dann bis zum Ende und hielten vor einem großen Haus an. Erst beim Eintreten erkannte Stefan, dass es das Haus war, in dem er heute Morgen aufgewacht war. Flo führte ihn direkt ins Zimmer und begann in seinem Schrank zu wühlen. Ganze 15 Minuten zog er Hosen und T-Shirts hervor, begutachtete sie und sortierte sie dann auf vier Haufen – je zwei für Oberteile und Hosen. Als er schließlich fertig war, stopfte er je einen – den größeren der beiden – Stapel in den Schrank und nahm zuerst den kleinen Hosenhaufen mit aufs Bett. Dann griff er Stefan hinten an den Hosenbund und drehte ihn nach außen, damit er die Größe lesen konnte.
„Hab ichs mir doch gedacht. Perfekte Größe. Die müsste dir passen.“ Sagte Flo und warf ihm eine schwarze Hose hin. Stefan hielt sie hoch und staunte gar nicht schlecht über den Schlag, den ihre Hosenbeine hatten. Er zog seine eigene Hose aus und schlüpfte hinein. Sie passte perfekt und endete genau einen Zentimeter über dem Boden.
„Das müsste dazupassen.“ Sagte Flo, nachdem er den kleinen T-Shirtstapel durchforstet hatte und warf ein schwarzes Oberteil aufs Bett. Stefan zog auch das an und wieder passte es perfekt. Er trat vor den großen Spiegel an Flos Kleiderschrank und drehte sich hin und her.
„Du siehst echt heiß aus.“ Flüsterte Flo plötzlich an sein Ohr, schlang von hinten die Arme um ihn und fuhr mit den Fingern unter das T-Shirt auf Stefans Brust. Dann entfernte er sich wieder und ließ Stefan total überrumpelt und mit pochender Erektion im Schritt stehen.
Diese andauernden Gefühlsschübe, die Flo mit jeder Berührung auslöste machten ihn noch wahnsinnig. Schon zum vierten Mal heute kämpfte er seine Erregung nieder und versuchte wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Nachdem Flo ihn einfach so vor dem Spiegel hatte stehen gelassen und sich wieder den Klamottenhaufen zugewandt hatte, war Stefan auf die Toilette verschwunden, hatte sein Geschäft verrichtet und lehnte nun die Stirn gegen die kalten Fliesen. Der reine Wahnsinn, diese Gefühle, dachte er wieder.
„Alles OK?“ fragte Flo und klopfte an die Türe.
„Ja, komme.“ Rief Stefan und öffnete. Vor ihm stand Flo, in eine glitzernden und schimmernden weinroten Raverhose mit fast weiterem Schlag, als seine eigene hatte und ein schlichtes, ärmelloses, hautenges Oberteil. Aus dem Sani-AZUBI war ein richtiger Raver geworden.
„So und nun kümmern wir uns um die Haare.“ Sagte er knapp, packte Stefans Hand und zog ihn mit sich die Stufen hinunter und ins Badezimmer. Dort wartete bereits Nathalie in neongrünem Tank-Top und neongrüner Raverhose, deren Schlag mit gleichfarbigem Plüsch bis zu den Knien hoch verziert war. Sie hatte sich bereits geschminkt und hielt Flo Spraydose und Bürste hin.
Ihr Bruder machte sich sogleich daran ihre Haare in Form zu bringen und binnen 10 Minuten war sie perfekt gestylt.
„Ich würde sagen, wir machen ein Vogelnest bei ihm.“ Beriet Nathalie und Flo stimmte zu. Dann machte sich das Mädchen gleich an die Arbeit, frisierte, gelte, föhnte und sprayte, bis sie schließlich mit ihrer Arbeit zu frieden war.
Flo hatte unterdessen die Zeit genutzt und sich selbst gestylt. In dicken, spitzen, plattgedrückten Büscheln standen seine Haare kerzengrade nach oben. Nathalie prüfte noch einmal nach, sprayte mal hier und mal da und nickte schließlich zufrieden.
„Wow.“ Staunte Stefan. Einerseits über Flo, andererseits über sich selbst. Sie beide waren kaum wiederzuerkennen.
„So und jetzt lass uns deinen Freund abholen.“ Sagte Flo, reichte Stefan und Nathalie die Hand und zog beide hinter sich her.
„Nimm die. Die hab ich mir erst letzte Woche gekauft. Müsstest dieselbe Schuhgröße, wie ich haben.“ Flo warf ihm ein Paar neue Schuhe mit 3 cm hohen Sohlen – richtige Ravenboots – hin und zog aus dem Schuhschrank ein zweites paar, das jedoch kaum älter aussah und zu Stefans Verwirrung auch noch absolut gleich.
„Ich kauf mir immer ein Paar als Ersatz, wenn mir welche gefallen.“ Erklärte Flo, stand auf und machte einige Trockentanzbewegungen um den passenden Sitz zu testen.
Wie Stefan erwartet hatte, kam Nathalie mit ihnen mit und pünktlich um 20 Uhr holten sie Christian und Melanie ab.
Sie fuhren eine halbe Stunde, ehe sie an der Nobeldiscothek ankamen.
„Scheiße, da stehen wir ja ewig an.“ Murmelte Christian, als sie die lange Schlage am Eingang sahen. Flo parkte den Wagen und alle stiegen aus. Dann hakte er sich bei Stefan und Nathalie, welche sich wiederum noch bei Christian einhakte ein und führte sie zum Eingang.
Verdutzt blickte Stefan auf das Ende der Schlage, als sie einfach daran vorbeigingen, unter der Absperrung durchtauchten und auf der anderen Seite der Treppe – die durch die Absperrung zweigeteilt worden war – zum Eingang hinaufgingen.
„Hi, Flo. Alles klar?“ Begrüßte sie einer der Türvorsteher und drückte den Schlanken an sich.
„Könnte nicht besser gehen. Das sind meine Freunde.“ Sagte Flo und deutete hinter sich.
„Ist gut, ihr könnt rein. Sag Mixi nen schönen Gruß, er soll euch was Feines mixen.“ Und mit diesen Worten drückte der Bär von einem Mann Flo einen kleinen Stapel Papiere in die Hand, die er während ihrem Gespräch abgezählt hatte. Wie sich später herausstellte für jeden 2 Freigetränkekarten, die Flo drinnen verteilte.
Am Kassenhäuschen, an dem der Kopf der langen Schlange anstand, ging Flo einfach durch den Nebeneingang und schon waren sie im Raverdom.
„Also, wenn wir uns trennen sollten, treffen wir uns um 0 Uhr wieder hier.“ Erklärte Flo und zog den Zug dann zur nächsten Bar.
„Hi, Mixi. Schönen Gruß von Kurt. 2 Sex-On-The-Beach“ Sagte Flo und schob dem Barkeeper seine zwei Zettel hin.
„Hi, Flo, wer sind denn deine neuen Freunde?“ fragte der Mann.
„Das ist Stefan, mein neuer Freund. Sein bester Freund Christian und dessen Freundin Meli. Leute, das ist Mixi. Wenn ihr was trinken wollt, dann geht zu ihm.“
„Hier, deine Drinks.“ Sagte Mixi, der nebenher die Getränke zubereitet hatte und die anderen staunten gar nicht schlecht. Statt zwei Longdrink-Gläser hielt ihnen Mixi zwei Biergläser hin.
Christian und Meli bestellten sofort selbst Getränke und als Stefan sich nach Nathalie umsah, war sie verschwunden.
„Nathalie ist zu ihrem Freund hoch.“ Erklärte Flo und nippte an seinem Glas.
Als nächstes führte Flo die kleine Gruppe zur DJ-Kanzel und stieg ohne auch nur auf die Sicherheitsleute zu blicken über die Absperrung, welche den DJ von den anderen Leuten trennte. Der Mann war gerade dabei die Boxen zu testen und blickte genervt zur Uhr.
„Hi, Tom“ schrie Flo dem Mann zu und dieser drehte sich überrascht um. Dann lächelte er und begrüßte Flo und seine Leute.
„Welches willst du?“ fragte Tom und deutete auf einen kleinen Bildschirm auf dem Mischpult.
„Hmmm, das da.“ sagte Flo, nachdem er sich einige Sekunden die Liste angesehen hatte.
„Gut, ich spiels als drittes.“ Verkündete er und schon schwang sich Flo über die Absperrung, gefolgt von seiner kleinen Gruppe, die immer noch nicht wusste, was hier eigentlich los war.
„Sag mal, wer oder was bist du eigentlich, dass du hier einfach reinspazierst, nix zahlst und auch mal schnell beim DJ Lieder aussuchst?“ wollte Christian schließlich wissen.
„Der Ex vom Sohn des Besitzers.“ Lachte Flo, setzte sich an einen Tisch und zog Stefan zu sich. Auch die anderen setzten sich. Dann begann das Intro mit atemberaubenden Lichteffekten, viel Nebel und einem gigantischen Bass.
„Laß uns tanzen.“ Schrie Flo Stefan ins Ohr, nachdem das Schauspiel vorbei und das erste Lied angespielt wurde.
„Ich kann nicht tanzen.“ Schrie dieser zurück.
„Dann lernst du es jetzt.“ War Flos Antwort und schon schob er seinen Freund vom Tisch, ergriff dessen Handgelenk und zog ihn auf die Tanzfläche. Mit elegantem Schwung drehte er seinen Freund herum und umschlang ihn von hinten mit den Armen – legte die Hände dabei auf dessen Bauch und seinen Kopf auf Stefans Schulter.
„Mach die Augen zu und konzentrier dich auf den Rhythmus.“ Flüsterte Flo ihm ins Ohr und obwohl es eigentlich viel zu laut war, als dass er die leisen Worte verstanden hätte können, wusste er irgendwie, was Flo von ihm wollte. Er schloss also die Augen und fühlte, wie jede Erschütterung, die der Bass hervorrief, wie ein Impuls durch seinen Körper floss. Es musste ein Bild für Götter sein, urkomisch, wie sie beide dastanden – rundherum tanzten alle und er lauschte auf den Bass. Trotzdem vertraute er Flo.
„Und jetzt … TANZ WIE ICH“ schrie dieser, entfernte sich zwei Schritte von ihm und begann selbst zu tanzen. Verwirrt drehte sich Stefan um. Er hatte erwartet, dass Flo ihm irgendwelche Schritte zeigen würde, aber dann verstand er endlich, was Flo meinte. Er zeigte ihm ganz einfache Schritte und noch etwas ungelenk versuchte Stefan die Moves nachzumachen. Dann setzte der Flash ein und verzerrte ihre Bewegungen in ein Schauspiel aus Zeitlupenbilder, das selbst die größten Fehler perfekt überspielte. Stefan konnte tanzen. Er fasste es nicht. Das, wovor er sich immer gedrückt hatte, war eigentlich ganz leicht.
Plötzlich beugte sich Flo vor und schrie ihm etwas zu. Stefan hörte es nicht und so blieben sie stehen und Flo kam näher.
„Gleich kommt das Lied, das ich mir ausgesucht hab. Sieh zu.“ Und auf Stefans Nicken schwang sich sein Freund auf die nächstgelegene Box und hoch zu einer Tänzerin in den Käfig vor der DJ-Kanzel.
Stefan lehnte sich gegen das Geländer, das um die Tanzfläche gespannt war und nur durch 4 Zugänge unterbrochen wurde und wartete gespannt, was ihm sein Freund zeigen wollte. Dann überspielte der DJ geschickt den Übergang aufs nächste Lied, die Scheinwerfer zentrierten sich auf die kleine Plattform und Flo bewegte sich zur Melodie. Langsam und geschmeidig, den Käfig als Tanzpartner benutzend und unglaublich gelenkig.
Stefan war ganz fasziniert. Dann setzte endlich der Bass ein und aus Flos grazilen Bewegungen wurde durch den Flash ein abgehacktes, geniales Schauspiel, wie er es nur von den GoGo-Tänzerinnen im Fun-tasy kannte und dann viel es ihm wie Schuppen von den Augen. Flo war GoGo-Tänzer und er spielte mit dem Publikum und den Käfigstangen.
Plötzlich nahm Flo noch die Tänzerin mit in sein sinnliches Spiel mit dem Rhythmus und es sah fast so aus, als würden die beide es öffentlich miteinander treiben. Stefan schauderte. Er war nicht eifersüchtig oder gar angeekelt, ihm gefiel, was er sah und er hätte Flo noch stundenlang zusehen können, doch schon war das Lied vorbei. Halb tanzend und im Rhythmus des nächsten Liedes wippend schwang sich Flo wieder herunter und ging auf Stefan zu.
„Na?“ fragte er frech und tänzelte vor Stefan herum.
„Du tanzt echt gut.“ Bestätigte Stefan. Flo packte wieder seine Hand und führte ihn zu ihrem Tisch zurück, auf dem es sich Christian und Meli gut gehen haben lassen und bereits ihre Gläser bis zur Hälfte geleert hatten. Erschöpft ließ Flo sich auf der kleinen Sitzbank, welche den Tisch an drei Seiten einfasste, nieder und nahm einen tiefen Schluck von seinem Glas. Dann wartete er, bis sich auch Stefan erfrischt hatte und zog ihn gleich wieder auf die Tanzfläche. Sie tanzten wohl 2 1/2 Stunden mit kleinen Getränkepausen, bis Stefan nach der fünften Runde erschöpft sitzen blieb.
„Boah, ich kann nicht mehr.“ Schnaufte er. Christian und Meli waren gerade auf die Tanzfläche verschwunden und Flo tänzelte immer noch auf dem kleinen Gang. Woher nahm der nur diese Energie. Er musste zur Ruhe kommen und so zog er das kleine Päckchen, das er beim Umziehen von seiner Hose in die neue Hose gesteckt hatte, aus der Hosentasche und schnippte den Deckel auf. Dann führte er es zum Mund und zog mit den Lippen eine Zigarette heraus. Er wollte sie sich gerade anzünden, als Flo ihm den Glimmstängel wegnahm und ihn angewidert vor seinem Gesicht hin und herdrehte.
„Du Rauchst?“ schrie er ihm zu.
„Nur in der Disco.“ Versicherte Stefan und nahm Flo die Zigarette wieder aus den Fingern. Während er das Feuerzeug aus der Schachtel angelte, beugte sich Flo zu ihm hinunter.
„Ich hab nichts dagegen, wenn du rauchst, aber wenn du es tust, werd ich heute nicht mehr mit dir knutschen. Ich küsse keine Aschenbecher.“ Entsetzt ließ Stefan die Zigarette fallen und blickte in Flos grinsendes Gesicht. Das konnte er doch wohl nicht ernst meinen. Aber sein Freund war wie ein Buch mit sieben Siegeln. Er wollte sich den Abend unter keinen Umständen von einer solch blöden Angewohnheit verderben.
„Bist KO, nicht wahr?“ fragte Flo schließlich und Stefan nickte.
„Ich hab noch nie getanzt. Das geht echt an die Kraftreserven.“
„Komm mit.“ Sagte Flo, nahm sein Glas und hielt Stefan die Hand entgegen. Dieser ergriff sie zögernd, nahm sein eigenes Getränk mit und ließ sich von Flo noch mal auf die Tanzfläche führen. Dort redete er kurz mit Christian, wartete auf dessen Nicken und führte Stefan die Treppe in den ersten Stock hoch. Dort angekommen ging es weiter zu einer Türe, auf der in großen Buchstaben ‚PRIVAT’ stand. Flo zückte seine Autoschlüssel, fummelte daran herum und steckte schließlich einen davon in das Schloss. Im nu war die Türe auf und führte die beiden in einen weißgestrichenen Gang. Kaum war die Türe hinter ihnen wieder ins Schloss gefallen, konnte Stefan die Musik nur noch als dumpfes Pochen hören und folgte Flo bis zu einem kleinen Kästchen an der Wand. In ihm hingen mehrere Schlüssel mit Nummern dran.
„Such dir ein Zimmer aus.“ Flüsterte Flo, stellte sich hinter Stefan, schob ihn zum Kasten hin und küsste dann sanft seinen Nacken. Stefan schauderte. Er war erregt und trotzdem hatte er Angst. Er hatte Flo eigentlich erst kennenlernen wollen. Gleich mit ihm ins Bett zu hüpfen, das wollte er noch nicht.
„Bitte, ich bin noch nicht so weit. Ich … ich hab noch keine Ahnung von all dem.“ Stammelte er, riss sich aus Flos Umarmung und brachte schnell zwei Schritte Abstand zwischen sie beide. Flo sah ihn verdutzt an. Dann brach er in lautes Gelächter aus.
„Oh mein Gott, Stefan. Ich wollte nur ein wenig kuscheln. Für Sex bist du wirklich noch viel zu unerfahren. Keine Angst. Ich werd dich ganz langsam an alles heranführen.“
„Oh, ich … ähm …“ Stefan schwieg. Das war ihm mehr als nur peinlich. Flo zog einen Schlüssel aus dem Kästchen, nahm Stefan behutsam in die Arme und flüsterte ihm leise ins Ohr: „Keine Angst, ich mache nichts, was dir nicht auch gefällt und du kannst jederzeit ‚Stop’ sagen.“
Dann führte er ihn auf Zimmer 5 und schloss hinter ihnen die Türe ab. Der Raum war eher spärlich eingerichtet. Seine Möbel konnte Stefan an 5 Fingern abzählen: Ein Garderobenständer, eine kleine Kommode mit Spiegel, eine große Ledercouch und davor ein niederer Tisch. Was aber das Zimmer unglaublich schön machte, war die Aussicht. Die ganze Fensterseite bestand aus einer einzigen, riesigen Fensterfront mit genialer Sicht auf das nähe Städtchen, das am Fuße des Berges lag, auf dem das Underground errichtet war.
Flo schaltete das Licht, das er beim Eintreten angeschaltet hatte wieder aus, fasste Stefan bei der Hand und führte ihn im Mondlicht zur Couch. Es hatte wieder angefangen zu schneien und wie weiche Wattebausche rieselten die Eiskristalle vom Wind getragen zur Erde.
Flo setzte sich, zog den staunenden Jungen auf seinen Schoß und küsste ihn zärtlich auf die Lippen.
Nach einigen Minuten, in denen sie nur dasaßen und sich zärtlich küssten, tastete Flo nach Stefans Hand und führte sie unter sein T-Shirt. Anfangs musste er ihn führen, doch schon bald hatte der Junge seine Scheu überwunden und erforschte Flos Oberkörper alleine. Nun schob auch der ältere seine Hand unter Stefans Oberteil und streichelte sanft über seinen Bauch, die Brust und reizte schließlich mit spitzen Fingern die Brustwarzen.
Erregt stöhnte Stefan auf und sprang im nächsten Moment entsetzt auf. Sein Kopf hatte sich mal wieder zu Wort gemeldet. Falsch, falsch falsch, schlugen die Alarmglocken in seinem Gedanken Alarm.
„Alles OK? Gefällt es dir nicht? Sollen wir aufhören?“ fragte Flo besorgt.
„Nein, ich meine Ja. Es ist wunderschön, aber …“ er brach verwirrt. Aber was eigentlich? Nur, weil alle Welt sagte, es sei falsch und er auch noch so dumm war und auf alle Welt hörte?
„Vielleicht bist du einfach noch nicht so weit.“ Entschied Flo.
„Doch, doch.“ Stammelte Stefan und setzte sich wieder auf die Couch. Er nahm einen großen Schluck von seinem Drink, atmete tief durch und wandte sich wieder Flo zu. Dieser hatte sich weiter zu ihm gesetzt und drückte Stefan auf die Couch zurück.
„Entspann dich und genieße.“ Flüsterte Flo in die fast schon heilige Stille im Zimmer, schob Stefans T-Shirt hoch und küsste sanft über die empfindliche Bauchdecke. Sofort waren die Gänsehaut und diese unstillbare Lust, die wie kalte und heiße Schauer durch seinen Körper pulsierte, wieder da. Langsam, unendlich langsam, wanderten seine Lippen über die weiche Haut und brachten Stefan fast um den Verstand. Sanft streichelte Flo über die bebende Brust, die ganz und gar mit Gänsehaut überzogen war und streifte wie zufällig über die Warzen.
Stefan stöhnte erneut unter den zärtlichen Berührungen auf, verkrampfte sich, wurde aber gleich wieder unter Flos sanften Fingern entspannt.
„Du brauchst dich nicht zu schämen, wenn du stöhnst. Das bringt mich erst recht in Fahrt.“ Wisperte Flo, nahm Stefans Hand und küsste die Fingerspitzen. Dann zog er den Jungen zu sich und führte seine Hand unter sein eigenes T-Shirt. Zögernd streichelte Stefan über Flos Bauch und dann langsam die Brust hinauf.
„Oh ja.“ Stöhnte Flo. „Zieh es aus.“ Und schon griff Stefan mutig nach dem Saum und zog das T-Shirt über Flos Kopf. Er warf es achtlos auf den Boden und küsste mutig über die freigelegte Brust. Sie schmeckte salzig, aber es störte ihn nicht. Er war zu sehr diesen Rausch von Gefühlen und Erektion verfallen und nicht mehr in der Lage zu denken.
Plötzlich packte Flo ihn um die Taille und manövrierte ihn mit sanften Drucken auf seinen Schoß. Bauch an Bauch saßen sie nun auf der Couch, in einen zärtlichen Kuss vertieft. Dann packte Flo Stefans T-Shirt und zog es ihm langsam über den Kopf. Als der Junge die Arme strecken musste, um herauszukommen, nahm Flo die Gelegenheit wahr und küsste den wehrlosen über die Brust.
Entsetzt und erregt zugleich stöhnte Stefan auf und drückte das Kreuz durch, versuchte seine Arme aus dem Shirt zu ziehen und umklammerte Flo halt suchend, als er es endlich geschafft hatte.
„Das ist der reinste Wahnsinn.“ Flüsterte Stefan Flo ins Ohr.
„Warte erst ab, wenn wir richtig intim werden. Aber keine Angst, nicht heute.“ Traurig blickte Flo zu seinem Handy, das er aufgeklappt auf den kleinen Tisch gelegt hatte.
„Es wird Zeit zu gehen. Ihr seid immer noch nicht Volljährig. Spätestens 0 Uhr müssen wir draußen sein, sonst kriege ich riesigen Ärger.“ Sagte Flo, küsste Stefan sanft auf die Lippen und drückte ihn noch einmal fest an sich. Dann wartete er, bis der Junge von ihm heruntergeklettert war, trank den letzten Schluck seines Drinks und verließ mit Stefan das Zimmer.


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Snoopy279
16/05/21 18:14
gerne natürlich auch die, die Fanfiktion lesen/Fanfiktionschreiber einfach unterstützen wollen

Snoopy279
16/05/21 18:14
alle, die auch Fanfiktion schreiben, bitte bei der Petition mitmachen, damit das auch in Zukunft möglich bleibt!
http://chng.it/WnwVCzxGff


jabba
21/01/21 22:32
Knuddel! Knuddel! Alle ganz doll knuddel! Heute ist Weltknuddeltag! Knuddel! Knuddel!

Witch23
01/01/21 02:37
*Pfeif Zisch* Gutes neues Jahr wünsche ich euch allen

split
01/01/21 00:01
Frohes Neues *krach baller lärm*

split
24/12/20 23:24
Frohe Weihnachten

Niemue
24/12/20 12:29
Ich wünsche Euch allen schöne Feiertage, einen guten Rutsch und viel Gesundheit im Neuen Jahr! :*

Witch23
24/12/20 11:02
Wünsche ich euch auch. Vor allem habt schöne Feiertage.

Yavia
24/12/20 10:48
Frohe Weihnachten euch allen!

Witch23
20/12/20 12:51
Einen schönen vierten Advent euch allen und hoffentlich bald wieder etwas entspanntere Tage

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