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16. Dezember 2009

"Zwischen Weihnachten und Neujahr"(Teil 3) von Violet_Bellis


Altersfreigabe: Ab 14
Genres: m/m, Reale Welt
Warnungen: Sex, Zucker
Inhalt: Wegen eines unbedacht gesagten Satzes, erlebt Luca ein turbulentes und aufreibendes Weihnachtsfest und muss sich Ende des Jahres entscheiden, wem er sein Her schenken will. Hat seine Liebe überhaupt eine Chance?
Kommentar: So, nun geht es weiter mit Lucas Gefühlschaos. Viel Spaß damit und einen schönen Tag wünsche ich euch allen.

„Fröhliche Weihnachten Luca.“ Der warme Klang ihrer Stimme lässt meine Welt in Chaos versinken.
Mirya ...



Rote Locken kringeln sich sanft um ein blasses Gesicht. Warme, Rehbraune Augen blicken mich prüfend an. Um die Nasenspitze zieht sich eine sanfte Röte und ich merke deutlich, dass ihr kalt ist. Sie kräuselt dann meistens ihre Nase leicht nach oben und ballt ihre Hände zusammen.
Wie sie da steht. Eingepackt in einem dunkelblauen Mantel, dicke Winterstiefel an den Füßen, knallrote Handschuhe schützen ihre Finger vor der Kälte. Sie wirkt schlanker als vor einen Jahr. Und so klein, so zierlich. Ich hab mich immer gewundert, wie viel Power in so einer kleinen Person stecken kann. Wenn ich mich da selbst betrachte, liegen zwischen ihr und mir Welten. Ich bin zwar kein Riese, aber trotz allem um einiges größer als Mirya. Doch ich habe nicht einmal ansatzweise, dieses Feuer, das sie hat.

Als sie einen Fuß vorsetzt und sich auf mich zu bewegt, wirbeln ihre Schuhe leicht den Schnee auf. Hier ist noch niemand gelaufen heute Nacht. Irgendwie wirkt dieses Bild, von dem herumwirbelnden Schnee beruhigend. So normal.

Ich kann sie nur anstarren, unfähig irgendetwas zu sagen oder mich zu bewegen. Ich könnte nicht einmal sagen, ob irgendjemand anderes spricht. Das Einzige, das ich höre, ist das Rauschen meines Blutes in meinen Ohren und mein beschleunigter Herzschlag.
Als sie ein paar Schritte vor mir zum Stehen kommt, lasse ich die Luft aus meinen Lungen. Ich hatte unwillkürlich aufgehört zu atmen. Keine gute Idee, denn auf einmal wird mir so unglaublich schwindelig. Sie kann nicht wirklich da stehen. Das kann einfach nicht wahr sein. Ausgerechnet jetzt?

„Hey Luca, alles okay? Du siehst so blass aus.“ Gut, vielleicht ist das doch keine Halluzination, ihre Stimme hört sich nämlich verdammt real an. Und das Gefühl ihre Finger auf meiner Schulter, fühlt sich auch erstaunlich echt an. Aber vielleicht verliere ich nach diesem verrückten Abend einfach nur ganz allmählich den Verstand. Oder ich bin irgendwann Ohnmächtig geworden. Eventuell als ich an der Garderobe mit dem anderen Kerl zusammen gestoßen bin?

„Luca, sag was. Jetzt.“ Ihre Stimme nimmt einen leicht genervten Ton an und in diesem Moment beginnt sich der Nebel in meinem Kopf zu verziehen.
„Mirya? Was .. ? Wieso? Wie?“ Irgendwie bin ich in die Babysprache zurück gefallen. Das kann doch nicht sein. Ihre Anwesenheit kann mich doch nicht so derartig aus der Bahn werfen. Und doch stehe ich hier, stammle unzusammenhängende Wörter und benehme mich wie ein Kleinkind.

„Wie, was? Was meinst du mit was? Ich hatte eher damit gerechnet, dass du mir um den Hals fällst, sobald ich hier auftauche. Aber stattdessen bekomme ich mit, wie ein anderer Kerl dir einen Liebeserklärung macht und du nicht einmal fähig bist mir ordentlich Hallo zu sagen.“ Spöttisch lächelt sie mich an.
Diese Frau. Unglaublich. Kommt hier mir nichts, dir nichts her und hält mir dann noch Vorträge. Sie hat sich wirklich kein bisschen verändert.

„Ich glaube, was Luca sagen wollte ist, wie du hierher kommst und warum.“ Ich spüre wie sich Felix ganz nah an mich heran schiebt und den Arm auf meinen Rücken legt. Kann es sein oder ist seine Stimme irgendwie kälter als sonst? Sie wirkt so harsch.

„Nun, dass ihr beide nicht in Begeisterungsstürme ausbrecht, war mir eigentlich klar. Trotzdem freue ich mich, euch zu sehen. Felix, Sebastian, hallo und fröhliche Weihnachten.“ Ihre Stimme wirkt immer noch freundlich, aber ihre Augen haben diesen leicht missbilligenden und verwirrten Blick angenommen. Wie meint sie das denn jetzt schon wieder?

Ich versuche mich zu sammeln und strecke den Rücken durch. Es kann ja schließlich nicht sein, dass alle die Ruhe selbst sind, während ich hier den Verstand verliere. Moment, alle? Da war doch noch…
Ruckartig drehe ich mich um und blicke in traurige meerblaue Augen. Chris.

„Chris, ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube, du hast Mirya noch nicht kennen gelernt.“ Fest blicke ich ihn an. Ich spüre seine Unruhe ganz deutlich. Schwer zu sagen, wie viel er von meiner Beziehung zu Mirya weiß. Vor allem, wie viel er von dem Ende unserer Beziehung weiß.

Er pustet leicht aus, erwidert meinen Blick starr. „Wir wurden uns zwar nie vorgestellt, aber ich kenne sie.“
„So?“ ertönt es hinter mir. Ihre Stimme hat jetzt ganz eindeutig einen ungemütlichen Ton angenommen. Das kann ganz schön böse enden, wenn man sie jetzt noch weiter reizt.

„Dann übernehme ich das doch jetzt. Chris, darf ich vorstellen, dass ist meine Ex-Freundin Mirya, die sich vor etwas über einem Jahr nach Australien verabschiedet hat und mich mit meinen Gefühlen in einem Chaos zurück gelassen hat, dass ich versucht habe, in den letzten Monaten zu überleben und zu bereinigen.
Und Mirya, darf ich dir Chris vorstellen? Ein … mein … ein Freund von mir. Der Kerl, von dem ich bisher immer gedacht habe, dass er es mit niemandem ernst meint und nur auf seinen eigenen Vorteil aus ist und der mir vor fünf Minuten mitgeteilt hat, dass er mich gerne hat und mit mir zusammen sein will.
Und da wir ja jetzt alle wissen, wer wer ist, kannst du mir doch sicherlich sagen, was du hier willst?“
Gegen Ende wurde meine Stimme immer lauter. Ich spüre wie Wut in mir aufsteigt. Die können doch nicht ernsthaft glauben, dass ich diese ganze Geschichte einfach so hinnehme und zu allem 'Ja und Amen' sage. Spielen hier alle mit meinen Gefühlen Ping Pong ohne Rücksicht auf Verluste.

„Dein Freund, Wildfang? Du nennst mich deinen Freund?“
Ich blicke in Chris Augen. Das darf doch jetzt nicht wahr sein. Warum kann ich meine Sätze eigentlich nicht anders formulieren? Nicht so zweideutig, sondern einfach mal klar und deutlich. Nun das würde aber auch voraussetzten, dass ich weiß, was ich will.

Dann sehe ich wie er belustigt die Augen zusammen kneift. „Das ist doch schon mal ein Anfang, Wildfang. Das hört sich für mich ja fast wie ein Friedensangebot an. Ausbaufähig.“ sagt er keck.
„Mensch Chris, du machst mich wahnsinnig.“ seufze ich auf. Hmm, das hat sich jetzt irgendwie komisch angehört. Irgendwie aufreizend. Oh oh …

„Ich hoffe ich kann dir noch mehr solcher Reaktionen entlocken. Am liebsten würde ich dafür sorgen, dass du wegen mir deinen klaren Verstand verlierst.“ Sagt er verführerisch, schlingt einen Arm um mich und zieht mich an seine Brust. Seine andere Hand legt sich sanft an mein Kinn, zwingt mich ihm in die Augen zu sehen.
Ich spüre seinen Atem auf meinem Gesicht, warm und ein wenig süß. Seine Augen sprühen vor Leidenschaft, die Hitze seines Körpers dringt in mich ein und lässt mein Herz schneller schlagen. Ich beginne mich in dem blau seiner Augen zu verlieren, versinke in ihnen förmlich, merke wie diese zwei blauen Saphire mir immer näher kommen und wie ganz sanft Lippen über meine Hauchen. Ich spüre kaum die Berührung, kann sie mehr erahnen, dann schließt er seufzend die Augen und presst seinen Mund kurz auf meine Stirn.

So schnell wie er mich an sich gezogen hatte, so schnell lässt er mich wieder los. Ich hätte fast das Gleichgewicht verloren, wenn Sebastian mir nicht kurz den Rücken gestützt hätte. Wo kam der denn auf einmal her? Irgendwie hab ich das Gefühl, Felix und Sebastian sind immer genau zur richtigen Zeit bei mir, um mich aufzufangen. Als ob sie einen siebten Sinn für so was haben.

Chris blickt mir noch einmal tief in die Augen und dreht sich dann zu Mirya. Spöttisch lässt er seinen Blick über ihren Körper gleiten und als seine durchdringende und ruhige Stimme einsetzt, läuft mir ein Schauer über den Rücken.
„Du bist hier, weil du ihn zurück willst, nicht wahr?“ Mirya erwidert seinen Blick mit der gleichen Kühle. „Ja.“
Was?

„Dieses Mal werde ich es dir nicht so leicht machen Mirya. Ich werde um ihn kämpfen. Und ich werde es nicht zulassen, dass du seine Entscheidung durch irgendwelche Tricks beeinflusst. Nur weil du ein Mädchen bist, hast du noch nicht gewonnen.“

Das war deutlich. Mirya schluckt kurz, dann legt sich ein dünnes Lächeln um ihre Lippen.
„Erklärst du mir den Krieg, Chris? Oder willst du nur die Spielregeln festlegen?“ Spielregeln? Meinen die das ernst?

„Das ist kein Spiel Mädchen.“ antwortet Chris hart.
„Du sprichst hier nicht von irgendeiner Schachfigur, sondern von Luca, einem der warmherzigsten, feinfühligsten, verplantesten und atemberaubensten Menschen, den ich in meinem Leben kennen gelernt hab. Und selbst wenn er sich nicht für mich entscheidet, werde ich darum kämpfen, dass er mich niemals in seinem ganzen Leben vergessen wird.“ Wow.

Ich bin sprachlos, starre Chris nur aus großen Augen an. Das meint er ernst. Das meint der Kerl wirklich, allen Ernstes, so wie er es sagt. Jedes einzelne Wort. Er dreht sich wieder zu mir, lächelt leicht.

„Keine Angst, Wildfang, egal was ich tue, ich werde meine Grenzen bei dir nicht überschreiten. Ich werde dich zwar vielleicht an deine führen und möglicherweise auch darüber hinaus, aber ich werde nichts tun, dass du wirklich nicht willst. Allerdings kannst du dich darauf gefasst machen, dass ich dich von jetzt an nicht mehr in Watte packen werde. Sei also gewarnt.“

In Watte gepackt? Gewarnt sein? Will der mich hier auf den Arm nehmen? Was war das dann heute Abend? Eine Einstimmung? Das Vorspiel? Ich werde bei meinen eigenen Gedanken rot. Ich sollte nicht nur lernen, nicht zweideutig zu reden, sondern auch nicht zweideutig zu denken.

Mein Blick gleitet zu Mirya. Sie hat bisher noch gar nichts zu Chris Aussage gesagt. Was entweder daran liegt, dass es ihr einfach egal ist, oder dass sie sich ihrer Sache sehr sicher ist. Die feinen Züge in ihrem Gesicht sind ganz entspannt, als sie zu lächeln beginnt.
Sie zieht ihre Handschuhe aus, greift in die Manteltasche und befördert einen Briefumschlag zu Tage. Als sie ihn mir entgegen streckt, sehe ich ihn. Den Ring. Unseren Ring. Dieses verfluchte kleine Silberding. Sie hat ihn noch. Als sie vor einem Jahr am Flughafen stand, hatte sie ihn abgelegt. Es sollte leichter für uns beide sein, sagte sie damals. Leichter los zulassen.

Total verwirrt greife ich nach dem Umschlag, blicke allerdings die ganze Zeit auf ihren Ringfinger.
„Warum? Warum jetzt? Nach einen Jahr?“ Die Stimme aus meinem Mund hört sich so fern an. Es fühlt sich auch alles fern an. Ich fühle mich, als ob ich neben mir stehen würde. Meine Hand zittert stark, als ich den Briefumschlag aus Miryas kleinen Fingern ziehe.
„Hast du etwa gedacht, ich hätte ihn weggeworfen?“ Sie hört sich ein wenig verschnupft an.

Ich weiß nicht, was ich gedacht habe. Ich kann noch nicht einmal sagen, was ich im Moment denke. Ich bin total verwirrt. Das ist doch alles nicht wahr. Kann es denn noch schlimmer kommen heute Nacht?

„Du hast ihm keine Antwort auf seine Frage gegeben, Mirya.“ Felix stellt sich neben mich, ergreift sanft mein Handgelenk, blickt auffordernd in ihre Richtung. Sebastians Körper fühle ich an meiner anderen Seite, er legt seine Hand zwischen meine Schulterblätter, stützt mich. Langsam beginne ich meinen Körper wieder wahrzunehmen. Ich habe wohl wirklich zwei Weihnachtsengel bei mir heute Abend.

Mirya sucht meinen Blick und als ich es endlich schaffe, ihr in die Augen zu schauen, sagt sie mit leiser Stimme „Lies den Brief, Luca, danach entscheide dich. Ich bin die nächsten 7 Tage bei Chaps. Ihre Nummer steht da drin. Alles was dann kommt, liegt in deiner Hand.“
Und an Felix gewandt antwortet sie: „Wenn es euch so sehr interessiert, warum ich zurück gekommen bin, fragt ihn, was in dem Brief stand.“

Damit dreht sie sich um und geht einige Schritte die Straße hinunter zu einem Auto und steigt ein. Ich erkenne ihre Freundin Chaps hinter dem Lenkrad, als die beiden an uns vorbei fahren. Ich fand diesen Namen schon immer komisch. Und eigentlich heißt Chaps auch Bianca. Irgendjemand hat ihr während der Abi Zeit, diesen komischen Spitznamen verpasst und seither spricht sie niemand mehr anders an.

Ich blicke noch kurz dem Wagen nach, sauge dann die kühle Dezemberluft in meine Lungen und beginne mich in Bewegung zu setzten. „Luca?“ Sebastians Stimme hört sich sorgenvoll an.
„Nach Hause. Kalt. Müde. Schlecht.“ abgehackt antworte ich ihm.

Zu mehr bin ich im Moment nicht fähig. Das war definitiv zu viel für einen Abend. Erst das veränderte Verhalten von meinen besten Freunden, dann Chris mit seinen Annäherungsversuchen, danach das Missverständnis zwischen Felix, Sebastian und mir, eine Liebeserklärung von dem Kerl, den ich bis dahin immer verabscheut habe und dann steht auch noch meine Ex- Freundin wieder vor mir und will mich zurück. Ich finde da hat man das Recht dazu den Kopf zu verlieren. Die können doch froh sein, dass ich überhaupt noch stehe.

Die letzten Meter bis zu unserer Haustüre hab ich schnell hinter mich gebracht und auch die Tür in Rekordzeit geöffnet. Es ist wirklich eiskalt da draußen. Ich lehne die Eingangstüre an und schleppe mich die Stufen in den zweiten Stock hoch. Die Wohnungstür lasse ich hinter mir offen, trotte zum Bad und verschließe die Tür hinter mir.

Als ich mich an der glatten Wand neben der Dusche runter rutschen lasse und den Kopf auf meine Knie senke, merke ich, dass mein Gesicht nass ist vor Schweiß und Tränen. Meine Augenlider werden immer schwerer und ein unkontrolliertes Zittern erfüllt meine Glieder. Was hab ich denn nur verbrochen?

Schwer zu sagen, wie lange ich so da saß, als ein zaghaftes Klopfen an der Badezimmertür mich aus meinem Zustand völliger Verzweiflung, reißt. „Wildfang?“ dringt es mit sanfter Stimme zu mir rein.
Wie, Chris ist hier? Warum? Ich will ihn nicht sehen, ich will niemanden sehen. Können die mich nicht einfach alle in Ruhe lassen? Ich spüre eine leichte Übelkeit meine Speiseröhre hoch kriechen und versuche den Klos wieder runterzuwürgen. Das fehlt mir jetzt noch.

„Wildfang, hörst du mich oder bist du eingeschlafen? Du solltest ins Bett. Mach die Tür auf.“ Seine Stimme und das Klopfen an der Tür werden lauter. Ich höre die gedämpften Stimmen von Felix und Sebastian, kann aber nicht verstehen mit wem sie reden oder was sie sagen.
Nach einem weiteren, kräftigen Schlagen an der Tür ist es eine Weile lang still und ich drifte wieder in meine Gedanken.

Wie lange stand Mirya wohl in der Kälte? Wann ist sie wieder in Deutschland angekommen? Wie lange will sie bleiben? Warum waren Felix und Sebastian so unfreundlich zu ihr? Ich dachte immer, die beiden können sie gut leiden. Wie kommt sie nur auf einmal darauf, wieder zu mir zurück zu kommen? Warum?
Was ist mit Chris? Was meinte er damit, ich soll mich in Acht vor ihm nehmen? Und das er es dieses Mal nicht zulässt, dass Mirya mich wieder bekommt? Wieso dieses Mal? Gab es da schon mal ein Mal? Und wie will er mich über meine Grenzen hinaus bringen? Was will er überhaupt von mir? Freundschaft, eine Beziehung, Sex?
Bei dem letzten Wort wird mir ganz heiß.

Sex. Ich mit einem Kerl. Unmöglich. Ausgeschlossen. Niemals. Nein, nie.
Und trotzdem wird mir ganz heiß, wenn ich an seine Augen denke. Und als er mich auf der Straße umarmt hat, als ich seine Lippen auf meinen gespürt habe und er mir den Kuss auf die Stirn gedrückt hat, habe ich auf ihn reagiert. Noch nicht allzu merklich, aber ich hab genau gespürt, dass ich diesen Augen verfallen könnte. Das kann doch nicht sein. Ich bin nicht schwul!

Ein Kratzen am Türschloss lässt mich wieder aus meinen Gedanken hochschrecken und keine Minute später steht Chris im Bad. Die Türen in unserer Altbauwohnung sind einfach nicht Einbruchsicher. Wenn da jemand rein will, kommt er auch rein. Und Chris wollte eindeutig rein.

Er sieht mich mit einem unergründlichen Blick an, kniet sich dann vor mich hin und legt die Hände auf meine Oberarme. Sein Blick bohrt sich in mich und ich habe das Gefühl, als versuche er meine Seele zu durchforschen.
„Duschen.“ Bestimmt er kurzerhand, zieht mich zu sich nach oben und bevor ich überhaupt begreifen kann was er tut, schiebt er seine Hände unter meine Klamotten.

Meine ich das nur, oder Brennen seine Handflächen auf meiner Haut als, er mir meine Kleidung nach oben schiebt? Ich trage immer noch seinen Pulli über meinem T-Shirt, dass er jetzt beides auf den Boden gleiten lässt. Als ich meinen Blick hebe um ihm in die Augen zu sehen, starrt er mich unverhohlen an. Und wieder schafft er es mich mit diesen Augen zu fesseln. Dieser Kerl ist gefährlich, so unglaublich gefährlich.

Sanft fährt er mit seinen Fingern über meine Schultern, die Arme runter, nimmt meine Finger kurz zwischen seine und fährt dann über meine Seiten und den Bauch an den Bund meiner Jeans. Ich spüre wie ich unruhig werde und versuche einen Schritt zurück zu treten, murmle matt „Danke, aber den Rest kann ich selber machen.“

„Du kannst dich kaum noch auf den Beinen halten Wildfang. Und ich will dir nur helfen. Ich tue nichts, das du nicht willst.“ Ja, klar helfen. Der will sich eher selber helfen. Und trotzdem schaffe ich es nicht, mich von ihm zu lösen. Mittlerweile kann ich nachvollziehen, warum so viele Kerle auf ihn reinfallen. Der Typ ist Erotik pur, das spüre sogar ich als Hetero.

Sanft zieht er mich noch ein Stück näher an sich heran und öffnet den Knopf meiner Hose, zieht langsam und vorsichtig den Reißverschluss nach unten. Er berührt meine Haut dabei kein einziges Mal. Während der ganzen Zeit, lässt er mein Gesicht nicht einmal aus den Augen, blickt mich immer prüfend an. Ob er stoppen würde wenn ich es sage? Will ich es überhaupt?

Leicht streichen seine Finger um meine Hüfte herum, ziehen an einer der Gürtelschlaufen die Jeans über meinen Po nach unten. Sein Gesicht gleitet an mir herunter und ich spüre seinen Atem auf meiner Brust, meinem Bauch und an meinen Oberschenkeln, als er in die Knie geht um meine Hose ganz bis nach unten zu schieben. Immer noch hat er mich nicht berührt und immer noch schaut er mir prüfend, abwartend ins Gesicht.

Als er sich wieder zu mir aufrichtet, stößt er zitternd den Atem aus, fixiert meinen Blick und seufzt leise auf.
„Ich möchte dich umarmen.“ Dieses Blau …

Zu meiner eigenen Verwunderung, nicke ich leicht und ehe ich mich versehe, spüre ich Chris Hände auf meinem Rücken, die eine auf meiner linken Schulter, die andere spüre ich an meiner rechten Seite. Er atmet in mein Haar rein, ich rieche eine leichte Alkoholfahne. Viel hatte er aber nicht und irgendwie ist das Aroma leicht süßlich. Nicht unangenehm. Wenn Mirya was getrunken hatte, dann war ihr Atem immer herber.

Er zieht mich noch ein wenig näher an sich und ich spüre das Beben, das wellenartig durch seinen Körper läuft. Und ich spüre seine Härte, die sich leicht gegen meinen Unterbauch, drückt. „Chris, du…“
„Schhh, alles ok. Keine Angst, ich mach nichts. Daran kannst du sehen, wie sehr ich dich will.“ Seine Stimme ist ganz sanft, einschmeichelnd.
„Körperlich.“ Antworte ich bitter und versuche mich ernsthaft aus seiner Umarmung zu befreien.

„Ja natürlich Wildfang. Ich bin auch nur ein Mann und hab meine Bedürfnisse. Sag mir jetzt nicht, dass du das nicht kennst. Aber bei dir ist es mehr. So viel mehr. Du erregst nicht nur meinen Körper, sondern auch meinen Geist. Du weckst in mir sowohl den Jagdtrieb, wie auch den Beschützerinstinkt. Deine Widerspenstigkeit macht mich rasend, zeitweise auch wütend, denn ich weiß, dass du eigentlich nichts dagegen hast.
Doch wenn du so wie jetzt, ganz ruhig bist, ganz sanft in meinen Armen liegst, dann bringst du mich beinahe um meine Selbstbeherrschung.“

Sachte zieht er mich wieder in seinen Arm zurück, nimmt mir meine kurz zuvor erkämpfte Freiheit. Und wieder wundere ich mich über mich selbst, denn ich gebe diese Freiheit gerne wieder auf. Es ist seine Stimme, diese verfluchte ruhige, laszive und total einnehmende Stimme, die mir den Verstand raubt und mich meine Gedanken vergessen lässt.

Er legt seinen Kopf auf meiner Schulter ab und ich spüre seine Lippen an meinem Schlüsselbein. Ganz vorsichtig und ohne großen Druck streichen sie über den Knochen, in die kleine Mulde unterhalb meines Kehlkopfes, verharren da einige Sekunden und fahren dann leicht schräg zu meinem Ohrläppchen hoch. Ich muss mich zusammenreißen um nicht aufzuseufzen. Himmel, er macht das wirklich gut.

„Jahrelange Übung?“ Kommt es mir zitternd über die Lippen. Ich spüre wie sich sein Mund zu einem leichten Lächeln verzieht, merke wie seine Hand von meiner Hüfte den Rücken hoch streicht und ebenfalls an meiner Schulter zum Erliegen kommt. Er zieht mich noch ein wenig näher an sich heran, hebt dann den Kopf und blickt mich schelmisch an.
„Nein, ich wollte dir nur zeigen, dass auch du auf mich nicht nur negativ reagieren kannst. Ich hab dir doch gesagt, ich höre auf dich in Watte zu packen und spiele mit offenen Karten. Und dazu gehört es eben auch, dass ich versuche dir alle Möglichkeiten zu zeigen.“ Und während er das sagt, drückt er ganz leicht seine Hüfte gegen meine. Shit…

Ich kann es nicht glauben. Das kann nicht wirklich wahr sein. Ich .. ich bin tatsächlich hart.
Nicht vollkommen hart, aber ich habe eine deutlich spürbare Beule zwischen den Beinen. Das kann nicht sein. Absolut unmöglich.

Ich spüre wie mir das Blut in den Kopf schießt. Jetzt sehe ich bestimmt wie eine dunkelrote Tomate aus. Und als Chris noch einmal leicht mit seiner Hüfte gegen meine drückt, kann ich ein kleines Stöhnen nicht mehr zurück halten. „Schön?“ fragt er neckend.

„Nein.“ versuche ich zu stammeln, halte mich aber gleichzeitig zitternd an seinen Oberarmen fest. Wenn er mich jetzt los lässt, falle ich wie ein nasser Sack Kartoffeln zu Boden. Und das Schlimmste ist, ich weiß nicht ob ich ihn bitten kann, dass er aufhört. Ich weiß nicht, ob ich will dass er aufhört.

„Chris, ich weiß nicht was ich tun soll.“ Noch einmal presst er sich sanft gegen mich, drückt meinen Körper gegen die kalten Fliesen der Badezimmerwand. Der Kontrast zwischen der Kälte hinter mir und Chris heißem Körper vor mir, macht mich ganz schwindelig. Ich hebe den Blick und schaue ihm in die Augen. Was ich dort sehe ist Lust und Verlangen und doch merke ich, dass er sich versucht zu zügeln.

„Hmm, das kommt darauf an, wie weit du gehen kannst. Allerdings solltest du dich schnell entscheiden. Oder für den Anfang erst einmal aufhören, mich so anzuschauen. Sonst kann ich nämlich für nichts garantieren und leg dich hier im Badezimmer flach.“ sagt er mit schwankender Stimme.

Erschrocken will ich zurück weichen, erreiche damit aber nur, dass mein Becken gegen seines gedrückt wird. Chris keucht leise auf, schließt die Augen und zieht die Luft scharf zwischen den Zähnen ein. „Du hast echt Mut Wildfang. Oder willst du mich wirklich bis zum äußersten reizen? Nachdem was heute Abend alles passiert ist, erreichst du meine Grenzen schneller als dir lieb ist.“ Er grinst mich schief an.

Verzweiflung beginnt sich in mir auszubreiten, weil ich nicht weiß, was ich machen soll, weil ich nicht weiß was ich will. Was ist mit Mirya? Ich weiß noch immer nicht, warum sie zurück gekommen ist. Was steht nur in diesem verdammten Brief? Wo ist der überhaupt?

Stumm starre ich Chris an und merke wie mir schon wieder die Tränen in die Augen schießen. Ich bin heute aber auch eine Heulsuse. Er erwidert meinen Blick lange und ich spüre deutlich wie er mit sich ringt, wie er für mich und für sich nach einer Lösung sucht. Dann schließt er kurz die Augen und als er sie wieder eröffnet, liegt ein kleines Lächeln mit einem Hauch Wehmut in ihnen,
Chris drückt mich noch ein letztes Mal kurz an sich, atmet dann tief ein und geht einen kleinen Schritt zurück um mein Gesicht in seine Hände zu nehmen. Sanft streicheln seine Daumen meine Wangen. Er fängt meinen Blick mit seinem ein, streichelt meine Seele mit diesem Blau und ich spüre wie ich mich langsam wieder beruhige. Wahnsinn, was der Kerl für eine Ausstrahlung hat.

„Ich weiß, dass du noch nicht so weit bist, dich für irgendjemanden zu entscheiden und ich will der Letzte sein, der dich zu irgendetwas zwingt. Versprich mir nur Eins. Denk darüber nach, wie ich es schaffen konnte, dir das.“ und damit greift er mir in den Schritt und drückt einmal kurz zu, „zu zaubern.“

Ruckartig dreht er sich um und flüchtet aus dem Bad. Mich lässt er total verwirrt zurück. Was war das?
Als ich meinen Blick auf den Boden zu dem Knäuel meiner Klamotten senke, sehe ich Miryas Brief. Mit feiner Schrift steht da: Für Luca und darunter in kleinerer Schrift Fröhliche Weihnachten, mein Liebling. Oh man.

Mit einem Seufzen strample ich mir die Jeans von den Füßen und leg meine Shorts ab. Na klasse, jetzt kann ich mich auch noch darum kümmern. Es ist nicht so, dass ich etwas dagegen hab, erregt zu sein. Beim besten Willen nicht. Nur heute ist mir das irgendwie zu viel. Viel zu viele Emotionen. Außerdem bin ich mir nicht sicher, ob ich wirklich wissen will, an wen ich denke, wenn ich selbst Hand an lege. Also dann doch besser die kalte Dusche.



Als ich nach einer schier endlosen Dusche, abwechselnd heiß und kalt, langsam ins Zimmer wanke, spüre ich ein Kratzen im Hals. Wunderbar, jetzt werde ich zu allem Überfluss auch noch krank. Das hat mir gerade noch gefehlt. Ich beschließe mir noch einen heißen Tee zu machen und vielleicht haben wir auch noch irgendwo Aspirin Plus C. Ich erinnere mich daran, neulich noch eine Packung gesehen zu haben. Wo war das doch gleich?

Ich mache noch einen kurzen Abstecher in meinem Zimmer, suche unter meiner Bettdecke nach meiner Schlafhose und tapse in Richtung Küche. Während ich noch darüber nachdenke, dass es wirklich blöd wäre, kurz vor dem Jahreswechsel ernsthaft krank zu werden, höre ich plötzlich Marcos Stimme.
„Das wird dich fertig machen Chris. Ist der Kleine das wirklich wert?“ Die Küchentür ist offen und Licht dringt in den Flur, auf dem ich wie angewurzelt stehen geblieben bin. Sehen kann ich die anderen nicht, ich höre nur die Geräusche.

„Wenn er es nicht wert wäre, dann hätte ich mir schon zehn Mal Felix geschnappt und viele nette Stunden mit ihm verbracht. Oder ich hätte den kleinen Wildfang im Bad genommen. Ohne Zögern. Also, was denkst du Marco?“

Ich höre ein Seufzen, dann Stühlerücken und irgendetwas wird auf die Tischplatte abgestellt. „Hier trinkt, den kannst du glaub ich gebrauchen.“ Aha, Sebastian.
„Ich würde mit dir heute Abend sowieso nicht mitgehen, dafür bist du zu sehr durch den Wind. Luca hat dich ganz schön aus der Bahn geworfen, hmmm? Und Mirya erst. Ich hab schon gedacht, dein Herz bleibst stehen, als sie da plötzlich aus dem Schatten getreten ist.“ Und mit Felix währen die Vier dann vollzählig.

Zu gern würde ich Chris Gesicht sehen. Ich kann leider nur ein undeutliches Brummeln und Glucksen hören, dann wird wieder etwas auf den Tisch gestellt. „Mehr.“
„Nee, ich glaube, das reicht erstmal. Ich hab keine Lust, heute Nacht noch hinter dir her zuwischen“ Aha, also trinkt er Alkohol. Naja, wenn er meint. Ich hab meinen Kummer auch schon öfter ertränkt. Viel hat es zwar nicht gebracht, aber daraus gelernt hab ich irgendwie auch nie. Moment mal, Kummer? Neugierig, gehe ich noch ein wenig näher an die Küchentüre.

„Chris, hast du dir das gut überlegt? Ich mein es ernst, du weißt ich kann den Kleinen gut leiden, aber ich erkenne dich kaum wieder. Wärst du noch der Kerl vor zwei Jahren, dann hättest du den Kleinen wirklich ohne Umschweife im Bad flach gelegt. Was habt ihr da drin eigentlich so lange gemacht? Ich hatte schon Angst er tritt dir wieder in die Weichteile.“

Anstelle einer Antwort kommt nur ein unterdrücktes Seufzen und ich spüre wie ich rot werde und es in meinem Körper zu kribbeln bedingt. Das kann doch nicht wahr sein, werde ich schon anhand der bloßen Erwähnung daran nervös?

„Hör bloß auf weiter zu fragen. Aus mir bekommst du sowieso nichts raus. Und wenn ich mich noch weiter daran erinnere, wie ich ihn im Arm hatte, können sich die Jungs ne neue Küche zu legen. Der macht mich einfach wahnsinnig.“

„Hmm, so schaust du auch aus. So durcheinander hab ich dich noch nie erlebt, da hat Marco recht. Luca hat es dir wirklich angetan.“ Das war keine Frage von Sebastian, sondern eine reine Feststellung, realisiere ich.
Wieder höre ich nur ein Brummeln, dann ein lautest Aufseufzen und das Knarren von einer Stuhllehne.

„Wisst ihr, als ich ihn damals mit euch auf dem Campus entdeckt habe, war er mir relativ egal. Ich konnte zwar nicht mit Sicherheit sagen, dass er auf Frauen steht, aber ich hatte da dieses Gefühl. Also hab ich mich eher an euch zwei gehalten, Sebastian und Felix.
War ja auch wirklich ne schöne Zeit. Man kann nicht sagen, dass wir drei keinen Spaß zusammen hatten. Ich konnte nur nie nachvollziehen, wieso ihr mit ner Hete in einer WG wohnt, ohne über ihn herzufallen.“

„Das könnte daran liegen, dass er unser Freund ist.“ erklärt Sebastian trocken.
„Das Argument zählt nicht. Felix ist auch dein Freund und du bist über ihn hergefallen. Mehr als einmal.“ argumentiert Chris.
„Dann überzeugt es dich vielleicht, das Luca mit Mirya zusammen war und damit eindeutig in festen Händen. Und irgendwie ja auch hetero.“ Was heißt den hier irgendwie? Ich bin hetero. Die Sache im Bad war ein einmaliger Ausrutscher und wird nicht mehr vorkommen. Bei dem Gedanken an das Bad wird mir schon wieder so seltsam.

„Weniger überzeugend, Felix. Schließlich hat Mirya selbst ja auch nicht besonders viel von Treue gehalten. Und dass er hetero ist, glaubt ihr zwei doch schon lange nicht mehr. Spätestens nach dem Kuss vor nem Jahr steht für euch doch fest, dass er Männer anziehend findet. Ich will ja auch nicht sagen, dass er schwul ist, aber auf jeden Fall, ist er der Männerwelt nicht abgeneigt.“
Die Sache schon wieder. Können wir das nicht einfach vergessen? So wie die Sache im Bad vielleicht?

„Wir sind aber nicht so wie du und Luca ist nicht so wie Mirya. Deswegen ist es uns gegen Ende ja auch immer schwerer gefallen, nichts zu ihm zu sagen, oder ihm einfach mal die Leviten zu lesen, wenn es mal wieder scheiße mit ihr lief. Wir waren ehrlich gesagt ganz froh, als sie gegangen ist.
Wir haben nur nicht damit gerechnet, dass es Luca so runter zieht. Ich hätte ihr heute Abend an die Gurgel gehen können, als ich sie gesehen hab. Erst macht sie ihn von sich abhängig, dann betrügt sie ihn und verletzt ihn, danach serviert sie ihn ab und jetzt besitzt sie auch noch die Frechheit wieder zurück zu kommen und ihn zurück zu wollen. Das ist alles wie in einem schlechten Film.“
Ganz meine Worte, Felix. Ich kann gerade noch ein Aufseufzen unterdrücken.

„Und genau das ist es, weshalb ich mir Sorgen um dich mache, Chris. Dass du in den Kleinen verliebt bist, weiß ich schon lange. Musste ja irgendwann mal passieren. Und vielleicht tut es dir auch mal ganz gut, nicht immer von einem Bett ins nächste zu hüpfen. Schau mich nicht so an. Du weißt genau, dass du so bist.“
Ich fange an zu grinsen. Marco kann ja ganz schön austeilen.

„Aber, wenn der Kleine sich jetzt für Mirya entscheidet und die beiden wieder zusammen kommen, dann bist du derjenige, der leidet. Ich meine, du hast gesehen, wie er ihren Ringfinger angestarrt hat. Ich hatte fast die Befürchtung, ihm fallen gleich die Augen aus. Liebe kann nicht nur schön sein, sie kann auch äußerst grausam werden.“
Mir entgeht der leicht unterschwellig, traurige Ton nicht. Also ist er doch in jemanden unglücklich verliebt.

„Aber nicht nur ich werde dann leiden. Was glaubst du, wie Luca am Boden sein wird, wenn er realisiert, dass Mirya sich nicht geändert hat, dass sie ihn weiterhin betrügt und verletzt. Oder glaubt ihr ernsthaft, die hat sich verändert? Manche Dinge können Menschen nicht ändern und ich glaube, bei ihr gehört das dazu. Sie braucht jemanden für eine offene Beziehung. Oder jemand, der ihr das gibt, was sie offensichtlich in Luca nicht gefunden hat.“
Chris Worte machen mich nachdenklich. Vielleicht hat er ja Recht und Mirya wird immer die sein, die sie vor einem Jahr war. Dann kann das mit uns nicht funktionieren.

„Und wenn ich eines nie wieder sehen will, dann ist es diese Art von Trauer in seinen Augen. Das würde mich wahnsinnig machen und am liebsten würde ich dann jemanden ermorden, so wütend macht mich schon allein der Gedanke daran.
Als ich angefangen hab, zu begreifen, dass Luca mir echt am Herzen liegt, war es um mich eigentlich schon geschehen. Seine Art ist so fesselnd und einnehmend.
Wenn er voll und ganz in einem Thema aufgeht und sich komplett hinein fühlt, so sehr, das er vollkommen darin versinkt, möchte ich ihn einfach nur anstarren. Er wirkt dann immer wie ein kleiner Träumer, der trotzdem irgendwie auf dem Boden geblieben ist.
Oder wenn wieder irgendetwas nicht klappt, dass er sich vorgenommen hat und er erstmal zu schimpfen beginnt, bevor er versucht, das Problem logisch zu lösen. Das ist einfach nur zum niederknien lustig. Er verzieht seinen süßen Mund dann immer von links nach rechts und wieder zurück, ballt die Zehen zusammen und sieht so aus als ob er kurz davor steht in die Luft zu springen.
Wenn er ganz konzentriert an einer Sache dran sitzt. Dieser Ausdruck in seinen Augen, die Ernsthaftigkeit, mit der er an eine Sache ran geht, bewundere ich. Im Gegensatz zu mir ist er so wahnsinnig bodenständig und es mangelt ihm nicht an Fleiß. Und all die Eigenschaften, die Mirya an ihm vielleicht langweilig fand, dass er ein Stubenhocker ist zum Beispiel, stören mich nicht im Geringsten.
Ich könnte mir vorstellen mein Leben lang mit ihm im Bett zu liegen. Gut, ich würde vielleicht mal was zu essen brauchen und auf Dauer wäre eine Dusche auch nicht schlecht, aber seine Gegenwart strahlt diese Ruhe aus, die ich in meinem Leben suche. Ein Ort an dem ich Durchatmen kann.
Und wenn ich mir dann vorstelle, dass er zerstört wird, von ... von dieser Person, auch noch mutwillig, dann, man, dann werde ich einfach so unglaublich wütend. Ich hätte sie am liebsten gegen die Wand gedrückt und sie angeschrien, dass sie gefälligst ihre Hände von Luca lassen soll. Sie hat kein Recht dazu ihn noch mal zu verletzen. Sie hat noch nicht mal das Recht dazu ihn anzusprechen. Was denkt die sich eigentlich?
Taucht hier einfach auf, wo er es gerade geschafft hat, wieder beide Beine auf den Boden zu stellen. Und dann kommt die daher und bringt wieder alles durcheinander. Und am Ende lässt sie ihn dann doch wieder fallen wie ein heiße Kartoffel.“

„Ähm, Chris ...“ Ich blicke direkt in Marcos geschockte Augen. Moment, ich blicke?
„Er steht da im Türrahmen.“

Chris dreht sich entgeistert um und sieht mich an. Ich bin nicht weniger verstört, wann bin ich denn bitte in den Türrahmen getreten? Wie kann es sein, das ich heute Abend nicht einmal mehr mitbekomme, wenn sich mein Körper in Bewegung setzt?

„Hallo Wildfang.“ Chris lächelt mich sanft an. „Waren wir zu laut? Oder wolltest du was Bestimmtes? Mich?“
Irritiert starre ich zurück. „Halsschmerzen.“ Ich glaub ich versuch es erst morgen wieder, vollständige Sätze zu formulieren.

„Magst du einen Tee und ne Aspirin? War heute ziemlich viel, das alles.“ Felix steht auf und füllt den Wasserkocher, sucht eine Tasse und schüttet einige Blätter Pfefferminze hinein. Als er sich wieder zu mir umdreht hält er ein Glas Wasser in den Händen, in dem sich eine Brausetablette gerade auflöst.
Dankend nehme ich sie ihm ab und stehe betreten in der Tür. Ich kann Chris nicht anschauen. Immerzu sehe ich ihn, wie er mich im Arm hält, sehe die Erregung in den blauen Ozeanen und spüre förmlich, wie seine Finger warm über meinen Rücken streichen. Mist, ich wollte doch nicht mehr daran denken.

„Gehst du schlafen?“ Ich blicke auf und sehe in Sebastians Augen. Ernst schaut er mich an. Ich nicke, setze das Glas an meine Lippen und beginne zu trinken. Das tut gut.
Aus dem Augenwinkel bekomme ich mit, wie Chris sich weg dreht, aufsteht und zu unserer Küchenzeile geht. Gezielt greift er nach der Flasche Wein und schenkt sich ein.

Als er zu trinken beginnt, fängt meine Welt wieder an sich zu drehen. Die Muskeln an seinem Oberarm spannen sich ein wenig, als er das Glas an die Lippen setzt, der breite Rücken vibriert unter den kräftigen Schlucken, der flache Bauch zuckt rhythmisch. Seine Beine hat er leicht gespreizt und ich sehe die feinen Haare an den Waden und Oberschenkeln. Wann hat er eigentlich seine Kleidung ausgezogen? Und wieso steht er jetzt nur noch in dieser karierten Boxer Shorts in der Küche?

Ich finde erst wieder in die Welt zurück, als vor meiner Nase eine nach Kräutern riechende Tasse auftaucht.
„Seine Unterwäsche solltest du ihm anlassen, sofern du nicht heute Nacht in einem Bett mit ihm schlafen willst.“
Irritiert schaue ich Felix in die schmunzelnden Augen und bemerke dann, dass ich Chris wohl sehr genau gemustert haben muss.

Beschämt senke ich den Blick und greife blind nach der Tasse. „Autsch.“
Erschrocken gleitet mir der heiße Behälter aus der Hand und der Inhalt hätte sich wahrscheinlich über meine nackten Füße ergossen, wenn Chris mich nicht geistesgegenwärtig zur Seite gezogen hätte. „Pass auf!“
Da ich ja eigentlich schon ins Bett gehen wollte, trage ich nur meine etwas zu große Schlafhose. Keine Socken, kein Oberteil.

„Bin ich froh, dass wir irgendwann auf bruchfestes Geschirr umgestiegen sind.“ Sebastian erhebt sich seufzend und holt einen Lappen um den Tee aufzuwischen. Felix setzt in der Zwischenzeit noch einmal heißes Wasser auf und füllt die Tasse mit neuen Pfefferminzblättchen. Und ich stehe immer noch nah an Chris Körper, spüre seine Wärme, erzittere unter seinem Atem an meiner Schulter und will einfach nur im Erdboden versinken.

Ich behaupte doch immer steif und fest, nicht schwul zu sein und dann reagiere ich so verräterisch auf den Körper eines anderen Kerls und mache ihm durch mein sehr eindeutiges Verhalten vielleicht falsche Hoffnung. Und ich verstehe es noch nicht einmal.
Es ist ja nicht so, dass ich noch nie einen nackten Kerl gesehen hätte, schließlich wohne ich in einer reinen Männer WG. Und es ist auch nicht so, dass mich noch nie ein anderer Kerl angefasst hätte, auch das kommt in einer Männer WG ab und zu mal vor. Und selbst wenn Sebastian wieder einen seiner etwas seltsamen Späße abgezogen hat, hab ich niemals auch nur die geringste Erregung dabei verspürt.
Warum also bei Chris?

„Wildfang, ähm, könntest du vielleicht einen Schritt nach vorne gehen?“ Ich stehe immer noch mit meinem Rücken an seiner Brust, spüre wie sie sich unter seinem Atmen hebt und senkt. Und spüre überdeutlich, dass er schon wieder erregt ist. Hilfe, was hab ich den für eine Auswirkung auf ihn? Oder liegt das vielleicht an dem Wein?
Als ich mich zu ihm umdrehe ist sein Blick leicht glasig.

„Wie viel hattest du schon?“ Nervös knabbert er an seiner Unterlippe, blickt mir in die Augen
„Machst du dir Sorgen um mich, Wildfang? Glaub mir, ich kann einiges vertragen.“

„Klar und am Ende ertrinkst du dann, wie ich letztes Jahr an Weihnachten, in Selbstmitleid und belagerst unsere Couch, knutscht fremde Kerle ab, versinkst ein Jahr lang in noch mehr Selbstmitleid und stehst nächstes Jahr dann in irgendeiner Küche und weißt nicht wo hinten und vorne ist. Außerdem hat unser Teppich schon genug Rotweinflecken von mir. Ich bezweifle dass er noch mehr ertragen kann.“

Belustigt schaut er mich an. „Du kannst ja schon wieder Witze machen Wildfang.“ Dann wird er plötzlich wieder ernst. „Würde es dich stören, wenn ich anfange würde mit einem fremden Kerl zu knutschen?“
Wie? Was? Darüber hab ich mir jetzt noch keine Gedanken gemacht. Würde es mich?

Ich versuche meine Gedanken auf diese Frage zu richten, entscheide dann aber, dass ich heute Abend keine zufriedenstellende Antwort mehr bekommen werde. Und als ob Chris meine Gedanken gelesen hätte, ergreift er die Tasse mit dem dampfenden Tee von Felix und dreht mir den Henkel so hin, dass ich mich dieses Mal nicht verbrennen kann.
„Gute Nacht Wildfang.“

Ich spüre wie sich Sebastians Hand auf meinen Kopf legt und er mich leicht Richtung Türe schiebt. Felix drückt mich noch einmal vorsichtig an sich und aus Marcos Richtung kommt ein gebrummeltes „Nacht Kleiner.“, dann tapse ich durch den Flur in mein Zimmer.

Als ich mich in mein Bett lege, fällt mein Blick auf den Brief auf meinem Schreibtisch. Den hab ich vorher, als ich aus dem Bad kam, dort abgelegt und wollte ihn eigentlich gleich lesen, hab dann aber das Kratzen in meinem Hals bemerkt. Jetzt bin ich mir nicht mehr so sicher, ob ich ihn lesen soll.
Andererseits werde ich nicht schlafen können, bevor ich nicht weiß, was Mirya mir geschrieben hat.


Nachdem ich mich zum zweiten Mal in meine Kissen lehne, dieses Mal mit dem Brief in der Hand, spüre ich meine innere Anspannung. Zitternd öffne ich den Umschlag und ziehe die zusammengefalteten Blätter heraus. Während ich sie glätte, sehe ich Miryas klare Handschrift. Es ist ungewöhnlich etwas von ihr zu lesen, das nicht auf dem PC ist. So nach einem Jahr Email Verkehr.

„ Hallo mein Liebling,
du wunderst dich bestimmt, dass ich dir heute Abend auf der Straße aufgelauert habe. Ich weiß, dass muss für dich alles sehr verwirrend sein und doch hoffe ich, dass du diesen Brief aufmerksam durchliest und mir danach noch eine Chance gibt.
Ich ......“

Eine Stunde später lege ich die Blätter zur Seite und bin hellwach und nüchtern. Meine Uhr zeigt mir an dass es mittlerweile halb fünf durch ist. In der Wohnung ist es ruhig geworden. Ich hab nicht mal mitbekommen, dass die anderen schlafen gegangen sind. Ob Chris noch da ist?

Leise steige ich aus meinem Bett, bin froh, dass ich vorher unter der Dusche stand. Ich ziehe mir einen meiner Lieblingspullis aus dem Schrank und schlüpfe in eine frische Jeans. Wahllos schmeiße ich einige Kleidungsstücke in meine Reisetasche, darunter auch der Pullover von Chris. Danach nehme ich Miryas Brief in die Hand und schleiche in die Küche. Meine Zimmertür lasse ich offen stehen.

Auf einem herumliegenden Zettel kritzle ich eine kurze Nachricht an Sebastian und Felix und als ich an unserem Wohnzimmer vorbei komme, höre ich die gleichmäßigen Atemzüge einer Person. Durch das einfallende Licht der Straßenlaterne, sehe ich Chris entspannte Züge. Kurz versinke ich in seinem Anblick, dann drehe ich mich um und gehe auf die Wohnungstür zu.

Als ich an diesem ersten Weihnachtsfeiertag die Straße vor unserer Wohnung betrete, fühle ich mich als ob ich einen Berg besteigen will. Und wenn man es übersetzt in mein Vorhaben, dann könnte man sogar sagen, dass ein Berg nicht einmal reicht.
Vorsichtig strecke ich meine Glieder, sauge die kühle Morgenluft ein und wende mich nach rechts.


Ich hoffe, dass meine Entscheidung richtig ist.




Ende Teil 3/ Heilig Abend- Ehrliche Worte




Vielen Dank fürs Lesen!


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Snoopy279
16/05/21 18:14
gerne natürlich auch die, die Fanfiktion lesen/Fanfiktionschreiber einfach unterstützen wollen

Snoopy279
16/05/21 18:14
alle, die auch Fanfiktion schreiben, bitte bei der Petition mitmachen, damit das auch in Zukunft möglich bleibt!
http://chng.it/WnwVCzxGff


jabba
21/01/21 22:32
Knuddel! Knuddel! Alle ganz doll knuddel! Heute ist Weltknuddeltag! Knuddel! Knuddel!

Witch23
01/01/21 02:37
*Pfeif Zisch* Gutes neues Jahr wünsche ich euch allen

split
01/01/21 00:01
Frohes Neues *krach baller lärm*

split
24/12/20 23:24
Frohe Weihnachten

Niemue
24/12/20 12:29
Ich wünsche Euch allen schöne Feiertage, einen guten Rutsch und viel Gesundheit im Neuen Jahr! :*

Witch23
24/12/20 11:02
Wünsche ich euch auch. Vor allem habt schöne Feiertage.

Yavia
24/12/20 10:48
Frohe Weihnachten euch allen!

Witch23
20/12/20 12:51
Einen schönen vierten Advent euch allen und hoffentlich bald wieder etwas entspanntere Tage

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