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2. Dezember 2009

"Alle Jahre wieder" von Lumen


Altersfreigabe: ohne Altersbeschräkung
Inhalt: Weihnachtsmärkte sind etwas schönes. Solange sie nicht Ziel einer Völkerwanderung werden. Manchmal haben aber viele Menschen etwas gutes...

Wiebke betrachtete mürrisch den Weihnachtsmarkt.
Sie war gern hergekommen. Ein ganzes Programm an Fresserei lag vor ihr.
Waffeln. Quarkkrapfen. Heiße Maronen. Gebrannten Mandeln und ein kitschiges Lebkuchenherz, das ihr Marko schenken sollte.
Doch die vielen Menschen.
Geschubse.
Getrete.
Geschrei.
Wiebkes Nerven lagen jetzt schon blank.
Keine entspannende Atmosphäre mehr. Oder gar weihnachtliche Stimmung.
Das Gedränge auf dem Markt und um die Buden herum kam einem Kriegsschauplatz gleich. Jeder wollte der erste sein und keiner nahm Rücksicht auf den anderen.
Wiebke seufzte tief.
Sie sah hinauf in den dunklen Himmel. Kein einziger Stern war zu sehen.
Nur ihr Atem, der in kleinen Wölkchen vor ihrem Mund kondensierte.
Kein klarer Himmel bedeutete aber auch die Chance auf Schnee. Und Wiebke liebte Schnee.
Dicke bauschige Flocken, die wie Wattebäusche aussahen.
Sie liebte das Kribbeln, wenn die Schneeflocken auf ihrer Haut schmolzen. Und wenn die kleinen Kristalle in ihrem Haar hängen blieben und wie silberne Tropfen glitzerten.
Ein eisiger Windhauch kroch ihr unter den Kragen und sie schauderte. Die Schulter hochgezogen versteckte sie ihr Gesicht, hinter dem dicken schwarzen Schal.
Die Mütze wurde noch etwas weiter über die Ohren gezogen und die Hände in die Jackentasche gestopft.
Ungeduldig trat sie von einem Bein auf das andere.
Marko hatte sie abgesetzt, während er einen Parkplatz suchte.
Warum waren sie auch auf die dumme Idee gekommen, am Wochenende auf den Weihnachtsmarkt zu fahren?
Wiebke lechzte nach einem heißen Glühwein. Der Drang verstärkte sich, als eine Gruppe an ihr vorbei ging und der würzige Duft in ihre Nase stieg.
Doch würde sie einen Kakao vorziehen, sonst würde Marko sie nach Hause tragen müßen.
Alkohol war ihr Untergang.
Sie trank kaum welchen, und wenn doch, dann setzte er ihr schon nach geringen Mengen zu.
Sie bewegte ihre Zehen in den Stiefeln, die sich schon fast gefroren anfühlten.
„Blöde Kälte“, murmelte sie und beobachtete die Leute.
An einem Kerzenstand fiel ihr ein Pärchen auf. Nichts ungewöhnliches, nur schön anzuschauen, wie die Augen des Mädchens funkelten, als ihr ihr Freund anscheinend etwas geschenkt hatte. Mit einem Kuss bedankte sie sich und Wiebkes Augen wurden groß, als sie nun feststellte, das der Junge gar kein Junge war.
Plötzlich kam sie sich wie eine Spannerin vor und wandte hastig den Blick ab. Sie musterte ihre Schuhspitzen und die vielen Schuhabdrücke im fest getretenen Schnee.

Es war nicht möglich.
Sie konnte sie einfach nicht vergessen.
Die fremde junge Frau. Deren Namen sie nicht einmal kannte, und doch hatte sie sich in Wiebkes Erinnerung gebrannt. Unauslöschlich.
Jetzt noch, nach fünf Jahren, konnte sie sie einfach nicht vergessen.
Aufgeregt begann ihr Herz, allein beim Gedanken an diese wunderbare Geschöpf, zu schlagen.
Wiebke schüttelte den Kopf.
Es war ein Weihnachtsfestival gewesen. Mehrere Gruppen hatten gespielt. Unter anderem auch eine aus Japan.
Wiebke hatte sie vom Namen her gekannt. Doch die Musik war ihr neu gewesen, und warum nicht anhören, wenn sie die Chance dazu hatte.
Ihr damaliger Freund hatte keine Lust gehabt, also war sie mit einem befreundetem Pärchen gegangen.
Die Halle war brechend voll gewesen. Bald aus allen Nähten geplatzt.
Wiebke war nicht gerade groß und hatte versucht etwas von der Bühne aus zu sehen.
„Ich kann nicht mal die Mikros erkennen, da werde ich die Musiker gar nicht zu Gesicht bekommen“, hatte sie sich deprimiert an ihre Freundin gewandt. Diese hatte das gar nicht registriert, das sie heiße Küsse mit ihrem Freund ausgetauscht hatte.
Mit einem resignierten Seufzen wieder der Bühne zugewandt, war ihr Arm leicht berührt worden war.
„Soll ich dich hoch heben?“
Wiebka hatte überrascht den Kopf gewandt.
Lächelnd hatte sie dagestanden.
Die junge Frau.
Nur wenig größer als Wiebke selbst. Kurze schwarze Haare und kaum geschminkt. Gerade ein Lidstrich und getuschte Wimpern.
Die schönen Lippen waren zu einem Lächeln verzogen und braune Augen musterte Wiebke freundlich.
„Nein, danke“, hatte sie sich stotternd heraus gepresst, mit einem verlegenen Lächeln abgewandt.
Plötzlich war eine ganze Armee Ameisen durch ihren Bauch unterwegs. Verstohlen hatte sie ihre Nachbarin gemustert, die aus dem Nichts gekommen zu sein schien.
Schmale schöne Hände, die kaum beringt waren. Insgesamt war die Fremde nur schlicht gekleidet.
In einem schwarzen Anzug und einem seidenen Schal um den Hals.
Ihre Handrücken berührten sich fast zufällig und Wiebkes Haut begann an der Stelle zu kribbeln, als würde sie sich verbrennen.
Ihre Blicke trafen sich erneut und zu mehr als einem schüchternen Lächeln war sie nicht in der Lage gewesen.
Das Konzert begann, doch Wiebke konnte sich kaum auf die Musik konzentrieren. Immer wieder hatte sie sie ansehen müßen. Konzentriert hatte die Fremde mitgesungen. Die schönen Lippen zum Text mitbewegt und den schlanken Körper vom Rhythmus treiben lassen.
„Er legt sich bestimmt gleich hin“, erklang die Stimme erneut an Wiebkes Ohr.
Verwirrt hatte sie sie angesehen. Augenscheinlich hielt sie Wiebke für einen Fan. Doch konnte sie nicht einmal die Musiker, die sich herausgeputzt hatten, auf der Bühne auseinander halten.
Sie hatte nicht gewußt, was sie darauf sagen sollte. Nur genickt und wieder den Blick auf die Bühne gerichtet.
Schneller als gedacht war das Konzert vorüber gewesen.
„Und?“, hatte Wiebkes Freundin gefragt. „Wie hats dir gefallen?“
„Naja, ging so.“
Als sich Wiebke ihrer Nachbarin zuwenden wollte, war sie fort gewesen. Der Platz neben ihr leer.
Voller Enttäuschung hatte sie versucht, die Fremde ausfindig zu machen. Doch die homogene schwarze Masse machte es nicht gerade einfach nach jemanden zu suchen, der wie neunzig Prozent der restlichen Anwesenden ausgesehen hatte.

Wiebke seufzte leise.
Noch heute könnte sie sich treten, das sie nicht nach ihrer Telefonnummer gefragt hatte. Noch nicht einmal ihren Namen kannte sie.
Sie war nur die schöne Fremde, die sich in ihr Hirn gebrannt und vor verwirrende Tatsachen gestellt hatte.
Warum war sie enttäuscht gewesen? Warum hatte ihr Herz wie ein kleiner Vogel in ihrer Brust geflattert?
Zuhause hatte sie über mehrere Foren versucht, sie ausfindig zu machen. Doch nie war eine Reaktion gekommen. Nur eine, und es war die Falsche gewesen.
Wiebke hatte sich schon öfter gefragt, ob sie lesbisch war. Doch konnte sie sich selbst diese Frage nicht beantworten.
Frauenkörper waren schön anzusehen, doch regte sich nichts bei ihr. Das Poster mit dem durchtrainierten Männeroberkörper und dem unverhüllten Knackarsch brachte ihre Phantasie da ganz anders in Wallung.
Sogar einen Porno hatte sie sich ausgeliehen. Doch lesbische Sexszenen entlockten ihr nur ein gelangweiltes Gähnen.
Was also war es dann? Was war es, das sie diese Frau einfach nicht vergessen konnte?
Allein der Gedanke an ihr ebenmäßiges Gesicht und die sinnlichen Lippen machten Wiebke schwach.
Auf der anderen Straßenseite konnte sie Marko erkennen, der ihr winkte.
Sie hob lächelnd die Hand.
Seid einem Jahr war sie mit ihm zusammen und sie konnte schon behaupten, das sie ihn liebte. Immerhin planten sie eine gemeinsame Wohnung.
Und doch kam es ihr so vor, als würde etwas fehlen. Nur leider war es ihr nie möglich einen Finger darauf zu legen.
Sie war glücklich, ja und doch spürte sie, das das nicht alles war.
Marko sprang über eine kniehohe Schneewehe am Straßenrand. Er hatte eine ganz rote Nasenspitze.
„Parkplatz gefunden“, ächzte er lächelnd.
Wiebke hängte sich bei ihm ein. „Gut. Ich bin schon fast steif gefroren. Ich brauche jetzt einen heißen Kakao.“
Während sie los liefen, sah sie sich noch einmal nach den beiden Frauen um. Sie waren ein schönes Paar, wie sie fand.
Ihr Seufzen mußte wohl wehmütig geklungen haben, als Marko sie fragend musterte.
Lächelnd schüttelte sie den Kopf und blieb vor der großen Holzpyramide stehen, die haushoch mitten auf dem Marktplatz stand.
Eine Schneeflocke landetet direkt auf ihren schwarzen Wimpern.
Sie blinzelte und schon schmolz eine weitere auf ihrer Nase.
„Och ne, jetzt fängt es auch noch an zu schneien“, nöhlte Marko neben ihr. „Ich laufe nochmal schnell zurück und deck den Wagen ab.“
Wiebke sah ihm seufzend nach, wie er die Straße hinunter hastete.
„Bis du wiederkommst, kann ich von der Weihnachtsaufführung gar nichts mehr sehen“, brummte Wiebke sich selbst zu.
„Soll ich dich hochheben?“


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Snoopy279
16/05/21 18:14
gerne natürlich auch die, die Fanfiktion lesen/Fanfiktionschreiber einfach unterstützen wollen

Snoopy279
16/05/21 18:14
alle, die auch Fanfiktion schreiben, bitte bei der Petition mitmachen, damit das auch in Zukunft möglich bleibt!
http://chng.it/WnwVCzxGff


jabba
21/01/21 22:32
Knuddel! Knuddel! Alle ganz doll knuddel! Heute ist Weltknuddeltag! Knuddel! Knuddel!

Witch23
01/01/21 02:37
*Pfeif Zisch* Gutes neues Jahr wünsche ich euch allen

split
01/01/21 00:01
Frohes Neues *krach baller lärm*

split
24/12/20 23:24
Frohe Weihnachten

Niemue
24/12/20 12:29
Ich wünsche Euch allen schöne Feiertage, einen guten Rutsch und viel Gesundheit im Neuen Jahr! :*

Witch23
24/12/20 11:02
Wünsche ich euch auch. Vor allem habt schöne Feiertage.

Yavia
24/12/20 10:48
Frohe Weihnachten euch allen!

Witch23
20/12/20 12:51
Einen schönen vierten Advent euch allen und hoffentlich bald wieder etwas entspanntere Tage

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