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21. Dezember 2009

"Fiat Lux" von kestrel


Altersfreigabe: Ab 12
Genres: Paranormale Welt
Warnungen: Depri, Zucker
Inhalt: Ein Mann, der in der Dunkelheit gefangen war, erfüllt seine letzte Aufgabe und wird zurück ins Licht geführt.

Er stand in einer der dunklen Ecken der Kirche. In Gedanken versunken lauschte er dem Gesang der Gemeinde und dem Läuten der Glocken, nahm die erhabene Atmosphäre in sich auf. Er war alt, so unendlich alt. Einst war er dem Ruf des Herrn gefolgt, hatte für ihn gelebt. Er hatte seine Aufgabe erfüllt und war nunmehr nichts weiter als ein uralter Geist in einem ebenso alten Körper.

Er sehnte sich nach dem Licht, war vom Flackern der Kerzen hypnotisiert wie ein Nachtfalter. Ja, der Vergleich passte. Er war als Mensch geboren worden, als Mensch gestorben und doch lebte er. Der Herr hatte gerufen und er war gefolgt, aus seinem Grab erstanden um die Auferweckung des Messias zu bezeugen. Er hatte seine Aufgabe erfüllt.

Einst hatte er seinen Stern sterben sehen. Gedemütigt und gequält hatte er die Hoffnung sterben sehen, den Mann, für den er lebte. Sein Licht war erloschen, weil er nicht glauben konnte. Er hatte ihn aufgegeben, ihm nicht vertraut. Er war ein Teil der Schatten geworden, weder Mensch noch Geist, kein Engel und kein Dämon. Kaum zwanzig war er, als er starb und lebte nun bald zweitausend Jahre. Man sah ihm sein Alter nicht an.

Zu Beginn der Adventszeit hatte es ihn an diesen Ort gezogen. Das Dorf war klein, doch die Menschen waren gut. Dieser Ort schien ihm der Himmel auf Erden, denn er konnte hier keine Falschheit spüren. Ohne groß darüber nachzudenken, hatte er die kleine Kirche betreten, war den Mittelgang entlang gegangen, war mit seinen Fingern über die einfachen Holzbänke gestrichen. Ja, das Holz, lebendig unter seinen Fingern. Er war vor dem Altar auf die Knie gefallen und hatte zum ersten Mal seit Jahrtausenden gebetet. „Herr, wieso hast du mich hierher geführt?“

Er war mit den Schatten verschmolzen und hatte hier in dieser Nische gewartet. Auf eine Antwort oder ein Zeichen, irgendetwas. „Meine Aufgabe ist erfüllt, Herr. Was soll ich hier?“

Am ersten Sonntag der Adventszeit hatte er den Gottesdienst verfolgt, mit den Menschen gebetet und innerlich Gesungen. Es tat ihm gut, mit ihnen zu feiern. Er fühlte sich beinahe lebendig. Der Priester der Gemeinde war sehr jung. Unerfahren, nicht nur an ihm selbst gemessen. Er schloss die Augen und sah mit dem Herzen.

Zum ersten Mal seit dem Tode seines Sterns weinte er, allein in der Dunkelheit. Er sah das Licht dieses Mannes, das so hell strahlte, wie einst der Morgenstern vor seinem Fall gestrahlt haben musste, viel heller als je ein Mensch es vermochte. Er selbst konnte die Wärme spüren, die dieser Mann schenkte. Und er sah das Gift, das Dunkel, das seinen Körper fraß. „Oh Herr, deine Wege sind wahrlich unergründlich. Hast du mich hierher gesandt, damit ich einmal mehr die Hoffnung sterben sehe?“

Seit diesem Tage sammelte er Kraft. Er nahm jedes bisschen Wärme und Glück in sich auf, badete in dem Licht, das den Advent begleitete. All sein Sehnen, all sein Hoffen legte er in diesen Wunsch. „Herr, lass ihn nicht sterben. Ruf ihn noch nicht zu dir.“

Dies war der Heilige Abend. Das Fest des Lichts, des einen Sterns, der erlosch, um so viel heller zu erstrahlen. Doch dieser Mann war seine Vergangenheit. Seine Zukunft wartete dort unten.
Es war verrückt. Zwei Jahrtausende hatte er sich nach dem Licht verzehrt und fürchtete sich nun, die Schatten hinter sich zu lassen. Doch dieser Mann war das Licht, das dieses Dorf erleuchtete. Er war sich sicher, die Gemeinschaft würde mit ihm sterben.

Der letzte Glockenschlag verklang und er verließ seine Nische. Leise trat er zu dem Mann, der erschöpft in der ersten Reihe saß. „Lucian.“ Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.

Der Priester erschrak, sah ihn aus vor Schreck geweiteten Augen an. Das dunkle Haar ließ ihn noch blasser wirken. Er hatte geweint.

„Lucian. Du weißt, dass dies dein letztes Fest war. Du weißt, dass du sterben wirst.“ Er konnte den Tod in den Augen seines Gegenübers sehen.

„Bist du gekommen um mich zu holen? Ich hatte gehofft, dass mir noch ein wenig mehr Zeit bleiben würde.“ Der Priester war erschöpft, doch in seinen Augen lag keine Angst.

Er lachte. „Ich bin nicht gekommen, um dich zu holen, nein. Ich will dich retten. Das Gift aus deinem Körper vertreiben. Doch... vielleicht bin ich nicht stark genug. Ich habe schon einmal gezweifelt.“

Der Priester sah ihn abschätzend an. Nun, eine gewisse Ähnlichkeit zu den Todesengeln war nicht von der Hand zu weisen. Auch er trug bevorzugt Schwarz. Und die blonden Locken hatte er zumindest mit Sariel gemein.

Er trat näher. Atmete tief durch. „Schließ deine Augen, Lucian. Bete, dass ich die Kraft habe.“ Er schloss die Augen und streckte seine Hand aus. Fuhr mit den Fingern die Linien des feinen Gesichts nach. Strich über die Lippen, fuhr den Hals hinab. Legte die Hand auf das Herz des Mannes. Die Dunkelheit pulsierte unter seinen Fingern. „Herr, lass ihn Leben. Nimm das Leben, was du mir schenktest und gib es ihm. Ich bin nichts weiter als ein Schatten, doch er... er ist das Licht. Ich bitte dich, Herr, lass ihn leben.“

Die Dunkelheit pulsierte, reckte sich seinen Fingern entgegen, kroch aus dem Leib des Priesters in seinen Körper. Er konnte ihn seufzen Hören, als das Gift ihn verließ. Er konnte fühlen, wie es sich in ihm ausbreitete, seinen uralten Körper befiel und sich an seiner Kraft labte.

Er sah dem Priester in die Augen. „Du wirst Leben, Bruder.“ Er lächelte, sein Lächeln wurde erwidert. Sachte beugte er sich vor und raubte dem Gottesmann einen winzigen Kuss, eine letzte Geste des Lebens.

„Was bist du?“, fragte Lucian erstaunt. Er lächelte. „Ich bin Eleazar.“ Die Schatten schluckten ihn.


Er erwachte vom Prasseln des Kamins und leiser Musik. Sanfte Hände fuhren durch sein Haar und streichelten seine Wange. Einmal mehr war Eleazar gestorben und einmal mehr hatte man ihm das Leben geschenkt. Das Gift war verschwunden, ebenso wie die Schatten. Eleazar horchte in sich hinein. Er war kaum zwanzig, als er zum ersten mal starb. Nun, nach dem zweiten mal, konnte er das Knarzen der Räder hören, als die Räder der Zeit anfingen, sich erneut für ihn zu drehen. Er würde wieder altern. Eine Träne kullerte über seine Wange.

„Du bist ja wach.“ Lucian beugte sich besorgt über ihn, wischte die Träne weg. „Du hast mich ganz schön erschreckt.“ Lucians Lächeln war so unendlich warm. „Lucian, bitte... darf ich bei dir bleiben?“ Eleazar war seit zwei Jahrtausenden nicht mehr so nervös gewesen. Nicht er hatte den Priester geheilt, der Priester hatte ihn aus den Schatten geführt. Wie ein Nachtfalter war er dem Licht gefolgt. Lucian lachte. „Du hast mich gerettet, natürlich darfst du bleiben. Du bist schließlich mein Engel.“

Er lächelte. „Kein Engel. Ich bin Eleazar.“

Bemerkungen:

Da meine Beta meinte, dass die Geschichte ziemlich verwirrend ist, hier eine kleine Erklärung zu Eleazar:

Der Name bedeutet auf hebräisch soviel wie „Gott hat geholfen“ oder auch „geheilt“. Generell dürfte er euch eher unter dem Namen Lazarus ein Begriff sein. In meiner Geschichte ist Lazarus von Bethanien gemeint, der auf Jesu Zuruf wieder von den Toten aufersteht. Dies gilt als Vorzeichen für die Auferweckung Christi.

Der Morgenstern steht selbstverständlich für Luzifer. Lucian heißt übrigens „Lichtbringer“; er ist aber wirklich durch und durch menschlich.


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Snoopy279
16/05/21 18:14
gerne natürlich auch die, die Fanfiktion lesen/Fanfiktionschreiber einfach unterstützen wollen

Snoopy279
16/05/21 18:14
alle, die auch Fanfiktion schreiben, bitte bei der Petition mitmachen, damit das auch in Zukunft möglich bleibt!
http://chng.it/WnwVCzxGff


jabba
21/01/21 22:32
Knuddel! Knuddel! Alle ganz doll knuddel! Heute ist Weltknuddeltag! Knuddel! Knuddel!

Witch23
01/01/21 02:37
*Pfeif Zisch* Gutes neues Jahr wünsche ich euch allen

split
01/01/21 00:01
Frohes Neues *krach baller lärm*

split
24/12/20 23:24
Frohe Weihnachten

Niemue
24/12/20 12:29
Ich wünsche Euch allen schöne Feiertage, einen guten Rutsch und viel Gesundheit im Neuen Jahr! :*

Witch23
24/12/20 11:02
Wünsche ich euch auch. Vor allem habt schöne Feiertage.

Yavia
24/12/20 10:48
Frohe Weihnachten euch allen!

Witch23
20/12/20 12:51
Einen schönen vierten Advent euch allen und hoffentlich bald wieder etwas entspanntere Tage

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