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Schlittenfahrt

von Celia [Ab 14 ] [Reviews - 2] (Abgeschlossen)
Jannis geht spazieren und trifft seinen Ex-Freund wieder. Der sieht immer noch so gut aus wie damals, hat aber inzwischen einen Sohn. Und dann weiß Jannis nicht, wo er Weihnachten feiern soll ...

Genres: Reale Welt, M/M (yaoi)
1. Warnung: Zucker
2. Warnung: Keine
3. Warnung: Keine

Kapitel: 2     Gelesen: Nicht möglich
Inhaltsverzeichnis

Wörter: 7599     Klicks: 19116
Veröffentlicht: 01/01/12 Aktualisiert: 01/01/12
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Anmerkungen zur Geschichte
Adventsgeschichte 2011
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1. 1

Er hatte Ferien, und er wünschte sich, er könnte arbeiten. Jannis dachte, dass das wirklich traurig war. Denn das lag nicht daran, dass ihm seine Arbeit so viel Spaß machte, sondern daran, dass er nicht wusste, was er mit der freien Zeit anfangen sollte. Im Gegenteil, eigentlich hasste er seine Arbeit, aber die freie Zeit ließ ihn nachdenken, an Julian denken und er wollte nicht an Julian denken, obwohl er es musste. Jannis hatte ihm gesagt, dass es besser wäre, sie würden sich eine Weile nicht sehen, damit er nachdenken konnte. Aber bisher hatte er sich in Arbeit vergraben und überhaupt nicht nachgedacht. Und bis jetzt war er auch noch zu keinem Entschluss gekommen. Er wusste einfach nicht, was er wollte. Allein in seiner Wohnung zu sitzen machte ihn nur noch trübsinniger, also beschloss er, spazieren zu gehen.

Seit Wochen lag so viel Schnee, dass man kaum gehen konnte, ohne mindestens einmal den Halt zu verlieren. Die meisten seiner Freunde waren bereits weggefahren. Die meisten hatten ja auch eine Familie irgendwo, mit der sie zusammen feiern konnten. Nur seine Eltern hatten beschlossen, dieses Jahr ebenfalls wegzufahren, irgendwo in die Südsee. Sie meinten wohl, ihre Kinder wären inzwischen alt genug, dass ihnen Weihnachten nicht mehr so wichtig war, aber für Jannis war es immer noch wichtig, wann sonst kam schon die ganze Familie zusammen. Er hatte sich darauf gefreut, und auf die Nachricht seiner Eltern recht geschockt reagiert. Er würde zwar bei seiner Schwester und ihrer Familie feiern können, aber das war nicht dasselbe.

Es war zwar klirrend kalt, doch die Sonne schien und die Luft war wunderbar erfrischend. Nicht weit von seiner Wohnung entfernt verlief ein breiter Fluss, und der Abhang des Deiches davor wurde von Kindern zum rodeln benutzt. Es waren so viele, dass die ganze schneebedeckte Wiese mit Menschen übersät war, Kinder in Schneeanzügen liefen kreuz und quer über den schneebedeckten Deich, ihre Schlitten hinter sich herziehend, oder fuhren kreischend damit hinunter.

Als er klein gewesen war, hatte er es geliebt, Schlitten zu fahren. Sie hatten einen langen steilen Berg hinter ihrem Haus gehabt, den er den ganzen Tag hinunter gefahren war, zusammen mit den Nachbarskindern. Jannis musste lächeln, als er den Kindern zusah. Ihnen konnte so etwas Einfaches so eine große Freude bereiten. Und die ganz Kleinen sahen in ihren bunten Schneeanzügen einfach zu niedlich aus. Er würde nie Kinder haben. Der Gedanke daran schmerzte ihn jedes Mal. Seine Nichte und sein Neffe liebten ihn zwar abgöttisch, aber er sah sie nur alle paar Monate, da seine Schwester so weit weg wohnte. Nein, eigene Kinder wären etwas ganz anderes. Aber er hatte keine, mit Julian hatte er nie darüber geredet. Und jetzt war er dabei, ihn zu verlieren, es gab so viele Dinge, die er einfach nicht verstand, er lebte in den Tag und wollte für nichts Verantwortung übernehmen, ganz bestimmt nicht für Kinder, nicht für ihre Beziehung, manchmal nicht mal für sich selbst. Vor drei Jahren hatte ihn das noch nicht gestört, aber er hatte sich verändert, während Julian immer noch genauso war, wie er ihn kennen gelernt hatte.

Plötzlich sah Jannis einen Schlitten direkt auf sich zukommen.
„Vorsicht!“, rief der Mann, der zusammen mit einem Jungen darauf saß und Jannis sprang zurück.
Der Schlitten, der ein wahnsinniges Tempo drauf hatte, stoppte abrupt, als der Schnee endete.
Der kleine Junge, der vielleicht drei oder vier Jahre alt war, wurde von dem Mann gerade rechtzeitig festgehalten, bevor er herunterfallen konnte.
„Entschuldige!“, rief der Mann ihm zu, und stand auf.
„Noch mal!“, rief der kleine Junge hüpfend und seine Augen leuchteten.
Jannis wollte schon weitergehen, aber er hatte dem Mann in die Augen gesehen, und etwas ließ ihn stocken. Diese Augen kannte er, es konnte nicht …
„Jannis?“ Unsicher sahen ihn diese Augen an, Augen, in die er schon hunderte Male geblickt hatte, vor so langer Zeit.
„Mein Gott, Jannis!“, der Mann lächelte nun und schüttelte gleichzeitig den Kopf.
„Marten ...“
„Was machst du denn hier?“ Er schien es immer noch nicht fassen zu können, dass sie sich begegneten, und Jannis ging es nicht anders. Es schien ihm wie in einem anderen Leben, dass er zuletzt in diese Augen geblickt hatte, dieses Lächeln gesehen hatte, und noch viel mehr von ihm. Seine Figur war schon immer kräftig gewesen, aber nun war er ein erwachsener Mann, sein Kinn kräftig, ein leichter Bart, dunkle Augenbrauen über dem forschenden Blick, und kurze dunkle Haare. Früher waren sie immer länger gewesen.
Er sah immer noch so gut aus.

„Jannis?“, hakte Marten nach.
„Ich gehe nur spazieren, ich wohne in der Nähe.“
„Ach! Ich wusste überhaupt nicht, dass du in der Stadt lebst.“
„Auch erst seit einem halben Jahr.“
„Immerhin.“ Marten lächelte wieder, und schüttelte den Kopf.
„Lange her, oder?“
„Ja, sehr lange.“
„Du siehst gut aus.“ Jannis spürte Martens Blicke seinen Körper abtasten.
„Du auch.“
Sie lachten beide. „Komm!“ Marten umarmte ihn. Trotz der dicken Windjacken zwischen ihnen, war das eine Nähe, die Jannis irritierte, ihm jedoch nicht unangenehm war.

„Noch mal!“, meldete sich der Junge, der ungeduldig mit dem Schlittenband wedelte.
„Gleich, ja?“ Marten strich dem Jungen liebevoll über die Wollmütze. „Das ist ein alter Freund von mir, ich möchte mich kurz mit ihm unterhalten.“
Der Junge zog einen Schmollmund.
„Dein Neffe?“, fragte Jannis.
Vielleicht ging es ihn nichts an, aber die Vertrautheit der beiden beunruhigte ihn auf seltsame Weise.
„Nein, das ist mein Sohn Noah.“
Jannis musste sich zwingen, Marten nicht mit offenem Mund anzustarren. Er hatte ihm einmal gesagt, dass er niemals mit einer Frau schlafen könnte.
„Weißt du, ich hatte ein Erlebnis, und dann habe ich zu Gott gefunden. Seitdem habe ich meine Sünden hinter mir gelassen.“
Marten sah ihn ganz ernst an, aber dann spielte ein Lachen um seine Lippen und er stieß Jannis gegen den Arm.
„Nein, quatsch, eine Freundin von mir ist lesbisch, sie und ihre Partnerin wollten ein Kind und haben mich gefragt und jetzt habe ich diesen Quälgeist.“ Er hob Noah hoch, drehte ihn auf den Kopf, und schüttelte ihn. Dem Jungen fiel die Mütze vom Kopf, und er lachte vergnügt.
„Ach so.“ Jannis musste ebenfalls schmunzeln. Nein, er hätte keine Sekunde glauben können, dass Marten Hetero geworden war.

Marten ließ Noah wieder runter. „Komm fahr eine Runde alleine, ja?“ Noah stürmte augenblicklich mit dem Schlitten den Deich hoch.
„Wie geht es dir?“, erkundigte er sich nun wieder in ernsthafterem Ton.
„Gut. Und dir?“
„Eigentlich auch sehr gut. Aber Noahs Mütter haben sich gerade schlimm gestritten, ich hoffe, sie trennen sich nicht. So lange habe ich ihn. Was für ein Zufall, dass ich dich jetzt treffe.“
Es war ein seltsames Gefühl, sich mit Marten zu unterhalten, seine Gestik, seine Ausdrucksweise, sein Blick hatten sich nicht verändert. Sie kannten sich auf eine Art, wie man sich nur kennen konnte, wenn man die wichtigsten Jahre der Jugend zusammen verbracht hatte, aber was ihn in den letzten Jahren verändert hatte, was ihm heute wichtig war, das wusste er nicht.

„Willst du auch mal fahren?“, fragte Marten.
„Nein, das muss nicht sein.“
„Ach, komm schon, das macht irre Spaß und ich leihe dir Noah als Alibikind.“ Marten zwinkerte ihm zu.
„Nein, wirklich.“
„Du willst es doch, ich sehe es.“ Marten winkte ihm, ihm den Berg hoch zu folgen. Allein, dass er es überhaupt schaffen würde hochzukommen, ohne auszurutschen, bezweifelte Jannis. Die Kinder stürmten hier herum, als wäre das ihr natürlicher Lebensraum, aber er war so etwas nicht mehr gewohnt. Dennoch schaffte er es heil nach oben, und als Noah den Schlitten hinter sich herziehend zu ihnen kam, hatte Marten ihn auf den Schlitten platziert, noch ehe er richtig wusste, wie ihm geschah. Er hielt Noah fest, und dann ging es auch schon steil bergab. Sein Herz machte einen kleinen Aussetzer, und dann waren sie auch schon unten. Ja, irgendwie hatte es Spaß gemacht. „Schneller!“, befahl Noah beim hochrennen.

„Na, gut?“, fragte Marten.
„Hm“, Jannis schmunzelte.
„Das ist das tolle an Kindern, man kann so viele Sachen machen, die Spaß machen, die man sich sonst nicht traut.“
„Das stimmt.
„Willst du noch mal?“
„Nein.“ Eigentlich wäre er gerne noch einmal gefahren, aber er kam sich albern dabei vor, das zuzugeben.
Marten lachte. „Ich wollte eigentlich auch gerade aufbrechen.“
„Es war nett dich zu treffen … und deinen Sohn kennen zu lernen.“
„Warte, jetzt haben wir uns gerade erst getroffen. Hast du nicht Lust, in ein Café zu gehen? Ich möchte wissen, was du machst, wie es dir ergangen ist.“
Jannis zögerte einen Moment, doch dann willigte er ein. Auch er wollte mehr über Martens jetziges Leben erfahren. Nach einigem Protest, dass er noch bleiben wollte, war Noah schließlich auf dem Schlitten eingeschlafen.
Marten zog ihn hinter sich her und sie liefen den Weg zu einem gemütlichen Café, das Jannis kannte. Es war bereits voll mit Familien, die ebenfalls vom Schlittenfahren oder vom Spaziergang kamen, und sich aufwärmen wollten, aber sie fanden noch einen freien Platz. Noah schlief immer noch halb, und Marten nahm ihn vorsichtig auf den Schoß.

„Eigentlich komisch, dass wir uns nicht früher begegnet sind“, sagte Jannis. Er hatte nur noch zu wenigen seiner Jugendfreunde Kontakt, aber keiner hatte Marten je erwähnt.
„Ja, das letzte Mal war, glaube ich, bei Fionas Geburtstag.“
„Ja, das kann sein.“ Jannis erinnerte sich dunkel. Damals hatten sie sich zwar gesehen, aber nicht miteinander geredet.
Sie bestellten beide einen Milchkaffee und ein Stück Kuchen. Bei dem Wort war Noah plötzlich wieder wach, saß aber ruhig auf Martens Schoß.
„Was machst du jetzt? Mein letzter Stand war, dass du nach Hamburg gegangen bist.“
„Da habe ich Grafik-Design studiert. Hier habe ich einen Job bekommen. “
„Du klingst nicht so begeistert.“
„Na ja, es ist wenigstens gut bezahlt, aber eigentlich nicht das, was ich machen möchte.“
„Du hast immer so toll gezeichnet. Ich habe bestimmt noch welche von deinen Bildern.“
„Echt?“
„Na, die habe ich doch nicht weggeworfen.“
Jannis war gerührt, dass Marten seine Bilder aufbewahrt hatte. Damals hatte er noch frei zeichnen können, was er wollte, nun mussten es Werbegrafiken sein.
„Und du?“
„Ich bin Landschaftsarchitekt.“
„Wow“, Jannis war wirklich beeindruckt. Marten hatte anscheinend an seinem Traum festgehalten.
„Das hört sich aber irgendwie auch cooler an, als es ist. Jedoch, wie du sagtest, ein fester Job ist nicht zu unterschätzen.“ Marten beugte sich plötzlich vor und sah ihm in die Augen, als wollte er in seine Seele blicken.
„Gott, ich würde so gerne alles über dich wissen.“
Jannis schluckte. „Alles kannst du wohl nicht wissen.“
Einmal hatte er das Gefühl gehabt, Marten würde alles über ihn wissen, ihn so gut kennen, beinahe besser, als er sich selbst.

Und dann erzählten sie sich ihre Leben. Ihre Leben, von dem Moment, als sie sich aus den Augen verloren hatten.
„Ich weiß gar nicht mehr, warum wir uns getrennt haben, damals.“ Marten biss nachdenklich in seinen Kuchen, als wüsste er es wirklich nicht mehr.
„Na ja, wir haben wohl beide nicht geglaubt, dass es halten würde, wenn wir uns so lange nicht sehen.“
„Ja, warum musste ich auch diesen Austausch machen? Eigentlich war es grauenhaft in Amerika, natürlich auch interessant, aber nun ja.“
„Hattest du eigentlich jemanden, als du da warst? Ich hatte immer so ein Gefühl.“
„Ja, du hast recht, ich hatte jemanden, es war nichts ernstes, dennoch hatte ich so ein schlechtes Gewissen deswegen. Ich glaube, ich bin dir nur deshalb aus dem Weg gegangen, als ich wieder da war.“
Jannis schluckte. Es war lange her, aber damals hatte es sein Leben bestimmt, und obwohl sie sich einvernehmlich getrennt hatten, es gemeinsam vereinbart hatten, dass es die vernünftigste Lösung war, es hatte lange gedauert, bis die Wunden sich geschlossen hatten.

„Ich habe dennoch oft an dich gedacht. Warst du mit jemandem zusammen?“
„Erst wieder auf der Uni.“ Es war Jannis nicht unangenehm, dass sie so schnell über intime Dinge sprachen, er spürte einen Rest der alten Vertrautheit zwischen ihnen. Sie redeten so lange, bis es draußen dunkel war, und sie mit ihren Erzählungen und Fragen in der Gegenwart angekommen waren. Nun wussten sie voneinander, dass sie beide ihr Traumstudium abgeschlossen hatten, sie hatten beide kaum noch Kontakt zu ihren alten Freunden, und dafür hier neue gefunden.
„Und, bist du mit jemandem zusammen?“, frage Marten. Die letzte Sache, über die sie noch nicht gesprochen hatten.
„Nein, ja, ich weiß es nicht.“
Marten lachte auf. „Gerade jemanden kennen gelernt?“
„Nein, das Gegenteil. Ich habe seit drei Jahren einen Freund, aber seit einer Weile ist es nicht mehr so … es ist irgendwie mehr wie eine Freundschaft, als wie eine Beziehung. Ich mag ihn immer noch gern, aber er macht mich immer mehr verrückt. Wir wollen uns erst mal nicht sehen, ich ...“ Jannis schüttelte den Kopf.
„Du weißt nicht, was du tun sollst?“
„Ja.“
Es war so schwer, die Gefühle in Worte zu fassen, denn in Bezug auf Julian änderten sie sich ständig. Mal wollte er ihn nicht verletzen, wollte das was sie hatten nicht kaputtmachen, ihn nicht verlieren, dann wieder tat Julian etwas, und er wollte sich sofort von ihm trennen. Und in den letzten Tagen hatte das zweite immer mehr die Überhand gewonnen.

„Was ist mit dir?“
„Ach, es ist nicht so einfach. Ich arbeite viel zu viel, und wenn ich nicht arbeite kümmere ich mich um Noah, es ist toll, ich mache es gern, aber eigentlich hatte ich mir das anders vorgestellt. Als wir beschlossen haben, ihn zu bekommen, war ich mit jemandem zusammen, aber dann wollte er es doch nicht.“
Jannis hörte die Enttäuschung in Martens Stimme.
„Läuft nicht immer so, wie man es sich vorstellt.“
„Nein.“
Jannis sah auf die Uhr, und stellte fest, dass es bereits Abend war. Noah war inzwischen wieder wach und wollte nach Hause.
„Dann werde ich auch mal ...“ Jannis zog sich seine Jacke an. Marten hatte darauf bestanden, ihn einzuladen, und bezahlte.
„Essen wir jetzt Pincakes?“, fragte Noah hoffnungsvoll.
„Es heißt Pancakes. Du hast doch schon Kuchen gegessen.“
„Aber du hast versprochen Pincakes zu machen. Du hast es versprochen!“
„Oh, dann muss ich es wohl halten.“ Marten klemmte sich den Schlitten unter den Arm, und wandte sich wieder Jannis zu.
„Hast du auch Lust auf Pancakes? Das ist das einzige Gute, was ich in den USA gelernt habe. Ich kann wirklich sehr gute machen.“
„Ich weiß nicht, ...“
„Hast du noch was vor heute?“
„Eigentlich wollte ich einen Film gucken.“
„Also nichts, was du heute tun musst.“ Martens Blick war so sicher, als wüsste er, dass Jannis nicht nein sagen konnte.
„Dann könnte ich dir auch gleich meinen Garten zeigen.“
Marten hatte ihm ausführlich von dem von ihm gestalteten Garten erzählt, und Jannis hatte es sich nicht wirklich vorstellen können.
„Na gut.“
„Na gut? Ein bisschen mehr Begeisterung für meine Pancakes bitte!“
Jannis musste lachen. Noah rief schon die ganze Zeit Pincakes. Erst als sie bereits auf dem Weg waren, fiel Jannis auf, dass er den Garten in der Dunkelheit kaum sehen würde.

Martens Wohnung war riesig, das Wohnzimmer offen zur Küchenzeile, abgegrenzt nur durch Arbeitsflächen davor. Eine Reihe offener Bücherregale grenzte eine Sitzecke zum Balkon hin ab. Davor standen ein großer Esstisch, und zwei dunkelrote Sofas an der Seite, vor einem riesigen Fernseher. Obwohl der Raum so groß war, wirkte er sehr gemütlich und stilvoll eingerichtet. Jannis fühlte sich sofort wohl in diesem Raum. Nachdem Marten Noah seinen Schneeanzug ausgezogen, und ihn draußen ausgeschüttelt hatte, zeigte er Jannis die restliche Wohnung. Ein Badezimmer mit großen sandfarbenen Fliesen und einer freistehenden Badewanne. Sein Schlafzimmer mit einem großen Bett in der Mitte, die Wand dahinter in warmen Violett. „Bist du auch noch Innenarchitekt? Deine Wohnung ist echt schön.“
„Danke. Habe mir auch Mühe gegeben.“ Marten lächelte, und zeigte ihm das letzte Zimmer, Noahs. Hier herrschte im Gegensatz zum Rest der Wohnung ein großes Chaos von verstreutem Spielzeug. Aber auch dieses Zimmer war gemütlich und überlegt eingerichtet. Über dem Bett hingen Bilder von Dinosauriern, und neben der Tür war eine Geraderobe, deren Haken ebenfalls Dinosaurier darstellten.
„Sieht man, dass er eine Dinophase hat?“
Noah stand plötzlich neben ihnen, mit einer Dinofigur in der Hand. „Der ist der stärkste!“ Er ließ die Figur durch die Luft gleiten.
„Was hältst du davon, wenn du Sesamstraße guckst, bis die Pancakes fertig sind?“
„Ja!“ Noah hob jubelnd die Arme in die Höhe und lief zum Fernseher. Ernie und Bert erschienen auf dem Bildschirm.
„Gott ist das lange her, dass ich das gesehen habe.“
„Ich finde ja, die beiden sollten heiraten.“
Jannis lachte. Ja, das wäre wirklich mal was.

Sie gingen in die Küche hinüber, und Marten erklärte ihm, wie man Pancakes machte. Er hatte den Teig schnell angerührt und bald die Teller mit amerikanischen Pfannkuchen beladen. Dazu gab es Sirup und Apfelkompott.
„Am liebsten mag ich sie mit Erdbeeren oder Blaubeeren“, schwärmte Marten.
„Das sieht aber auch gut aus. Ich glaube, ich habe das so überhaupt noch nie gegessen.“
„Dann wird es ja höchste Zeit.“
Sie deckten den Tisch und Noah kam sofort angelaufen. Die Teile schmeckten absolut köstlich und Jannis aß so viel, bis ihm beinahe schlecht wurde. Noah aß fast genauso viel und Jannis wunderte sich, wie viel in so ein kleines Kind hineinpassen konnte.
„Möchte noch jemand?“ Marten hielt den Teller mit dem letzten Pancake hoch.
„Nein, ich platze gleich. Das war echt total lecker.“
Noah sah aus, als müsste er es sich noch überlegen.
„Momentan nicht“, sagte er schließlich.
Marten lachte. „Was ist das denn für eine Ausdrucksweise? Also soll ich den für später aufheben? Ich glaube ja nicht, dass du noch was essen kannst.“
Sie räumten den Tisch ab, und Noah verschwand mit dem Dinosaurier in seinem Zimmer.
„Ich glaube, ich bringe ihn gleich mal ins Bett.“
Marten führte Noah im Schlafanzug ins Bad und dann zurück in sein Zimmer. Jannis hörte, wie er ihm etwas vorlas. Er war wirklich ein guter Vater. Sich eine Beschäftigung suchend, wusch Jannis das Geschirr ab, das nicht in die Spülmaschine passte. Dann sah er sich die Zeitschriften durch, die auf dem Couchtisch lagen. Es waren Gartenzeitschriften, Designzeitschriften und der National Geographic. Als er sich den letzteren durchsah, bekam er Sehnsucht danach, in den Urlaub zu fahren. Auf eine der abgebildeten Inseln.

Jannis blickte zu Noahs Zimmertür. Das zu Bettbringen schien eine langwierige Angelegenheit zu sein. Vielleicht sollte er gehen, aber ihm war noch nicht danach. Es wäre vernünftig gewesen, aber er fühlte sich so wohl hier, in Martens Nähe. Er kam schließlich und setzte sich zu ihm.
„Entschuldige. Er schläft im Moment immer schwer ein. Er fragt immer, wann seine Mütter wiederkommen.“
„Ist es sehr schlimm mit ihnen?“
„Ich weiß es nicht. Ich hatte Noah noch nie so lange alleine. Ich meine, ich habe ihn gerne hier, aber wenn sich die beiden trennen würden, wäre das bestimmt schwer für Noah. Necla hat Karin betrogen. Und als sie es rausgefunden hat, hat sie Noah bei mir abgegeben und ist weggefahren. Gestern hat sie angerufen und gesagt, sie hätte mit Necla geredet. Die beiden sind seit fünf Jahren zusammen. Ich hätte nie gedacht, dass so was passieren würde.“
„Das ist wirklich eine blöde Situation.“
„Ja, und ich kann gar nichts machen, nur hoffen, dass Karin Necla verzeihen kann.“ Marten sah sehr besorgt aus. Dann erhob er sich jedoch. „Ich will dich damit nicht nerven. Willst du ein Glas Wein? Ich habe gerade ganz wunderbaren geschenkt bekommen.“
„Gerne.“

Marten kam mit zwei Weingläsern und einer teuer aussehenden Flasche zurück. Der Wein schmeckte wirklich sehr gut, besser als das meiste, was er bisher getrunken hatte.
„Der ist von einem Winzer aus Italien, den ich kenne.“
„Ich würde auch gerne einen Winzer kennen, der solchen Wein macht.“
„Ein Vorteil meines Jobs.“ Marten grinste.
Sie schwiegen eine Weile, aber es war Jannis nicht unangenehm.
„Ich weiß nicht, ob ich das richtige studiert habe. Ich dachte immer, das wäre es, aber dieser Job jetzt ist einfach nur langweilig. Manchmal muss ich mich richtig zwingen ins Büro zu gehen. Eine Kollegin ist zwar sehr nett, aber mein Chef ist ätzend.“
„Was würdest du denn stattdessen gerne machen?“
„Ich weiß es nicht. Illustrationen. Oder einfach in einer anderen Branche, etwas, wo ich kreativer sein kann. Ich weiß, dass ich erst mal klein anfangen muss, und dass die Konkurrenz groß ist. Aber ich habe Angst, dass ich nachher bei dem hängen bleibe, was ich jetzt mache.“
„Dann solltest du dir was anderes suchen. Wenn du nur unglücklich bist. Ernsthaft. Ich meine, ein sicherer Job ist zwar toll, aber nur, wenn es dir auch Spaß macht. Sonst machst du dich selbst kaputt. Nach dem Studium habe ich erst mal gar nichts gekriegt. Ich habe Aushilfsjobs gemacht, für sechs Euro die Stunde. Aber ich habe mich immer wieder beworben, und schließlich hat es geklappt. Ich weiß, dass du es kannst. Es ist dein Leben. Lass dir nicht einreden, du müsstest irgendwas tun, nur weil es so erwartet wird.“
„Du hast wahrscheinlich recht. Ich habe mich bisher wohl nicht genug angestrengt, mir meinen Traum zu erfüllen.“
„Dafür ist es nie zu spät.“

Sie saßen einfach nebeneinander, tranken Wein, und Jannis bekam immer mehr das Gefühl, dass Marten ihm immer noch genauso vertraut war, wie damals. Er hätte wohl irgendwann sagen sollen, dass er gehen musste, aber er war einfach sitzen geblieben, und Marten hatte auch nichts gesagt.
„Die Zeit mit dir ist mir noch so gut in Erinnerung, fast besser als die letzten Jahre. Erinnerst du dich noch an unseren Urlaub in Frankreich? Wir mussten unsere Eltern ewig überreden, weil wir erst siebzehn waren. Diese Wellen, ich bin nie wieder auf solchen Wellen gesurft. In den USA, da gab es auch tolle Surfstrände, aber in Frankreich, mit dir, das war was Besonderes, das war herrlich.“
„Ja, das war einer meiner schönsten Urlaube. Aber dieser Campingplatz war etwas seltsam. Diese Grillen haben mich beinahe wahnsinnig gemacht. Sie waren so groß wie meine Hand, und die Frauen, die neben uns waren, haben uns die ganze Zeit komisch angesehen.“
„Das habe ich ganz verdrängt. Bestimmt haben sie uns nachts gehört.“
Jannis musste sich ein Grinsen verkneifen. Sie waren damals so jung und frei gewesen. Alles war neu, der Sex mit Marten war immer aufregend gewesen. Aber vielleicht lag das daran, dass er der erste für ihn gewesen war, dass er mit ihm alles das erste Mal erlebt hatte.
„Ich bin ewig nicht mehr surfen gewesen.“
„Ich war letztes Jahr, an der Ostsee, das war schön, aber nicht so gut wie damals. Du warst immer so gut.“
„Du warst besser.“
„Nein, das stimmt doch gar nicht. Weißt du noch, der letzte Abend am Strand? Das war so schön. Wir haben da gesessen, mit Cidre und uns den Sonnenuntergang angeschaut. Total kitschig, aber einfach wunderschön. In dem Moment war ich so glücklich.“
„Oh ja.“ Jannis erinnerte sich noch genau an diesen Abend. Auch er konnte sich kaum erinnern, wann er jemals wieder so einen schönen Moment erlebt hatte. Sie hatten da gesessen, sich geküsst. Und danach hatten sie sich im Zelt geliebt, und es war intensiver gewesen, als jemals zuvor.

Sie blickten sich in die Augen, die Luft zwischen ihnen schien sich aufzuladen, wie vor einem Gewitter. Jannis fühlte sich wie gefangen, er konnte sich nicht rühren. Und dann rückte Marten näher zu ihm, seine Hand streichelte seine Wange, und er erzitterte unter der Berührung. Seine Lippen pressten sich hart auf seine, er seufzte auf, und dann gab er sich dem Kuss hin. Sein Körper brannte unter den Berührungen, sie küssten sich besinnungslos, trunken vor Erregung. Jannis spürte, dass er gleich eine Erektion bekommen würde. Marten lag schon halb auf ihm und fuhr über seine Brust. Doch dann hielt er plötzlich inne.
„Wir sollten in mein Zimmer gehen.“
„Und wenn Noah aufwacht?“ An den Jungen hatte Jannis gar nicht mehr gedacht.
„Er wacht nicht auf. Wenn er einmal schläft, schläft er auch. Ihn könnte kein Gewitter aufwecken.“
„Bist du sicher?“
„Ganz sicher.“ Marten stand auf und bot Jannis seine Hand, um ihn hochzuziehen. Jetzt kehrte sein Verstand zurück, und er fragte sich, was er hier überhaupt tat. Er wusste keine Antwort, aber es war ihm auch egal. Marten zog ihn mit sich, auf sein Bett. Als er seinen Körper auf seinem spürte, war er sofort wieder so erregt, wie zuvor. Hastig zogen sie sich gegenseitig aus. Marten hatte mehr Haare am Körper bekommen, aber auf der Brust schien er sie rasiert zu haben. Er selbst dagegen, war nicht auf so einen Moment vorbereitet, wie hätte er auch damit rechnen können.
Aber das störte ihn ebenso wenig wie Marten. Sein Blick sagte ihm, dass ihm gefiel, was er sah. „Du hast dich kaum verändert.“
Er küsste ihn wieder, ihre Körper rieben aneinander, die Hitze in Jannis‘ Körper steigerte sich noch mehr, als Marten mit der Hand über seine Beine fuhr. Dann küsste er ihn so lange, bis Jannis' Lippen brannten. Er erinnerte sich, wie sie damals stundenlang in seinem Zimmer auf seinem Bett gesessen und sich einfach nur geküsst hatten. Und als wäre seitdem keine Zeit vergangen, fühlte sich die Aufregung, das Kribbeln in ihm, die sich steigernde Erregung genauso an wie damals. Sie kannten ihre Körper, kannten jede empfindliche Stelle, jeden Leberfleck auf der Haut, und doch wieder nicht. Denn sie hatten sich beide verändert, beide ihre Erfahrungen mit anderen Männern gemacht. Doch Jannis hatte auch bestimmte Vorlieben behalten. Er mochte es immer noch lieber, den anderen dabei ansehen zu können. Marten ließ ihn los und beugte sich zu seinem Nachttisch herüber. Er wühlte darin herum. „Wo ist nur ...“ Bei ihm schien es also auch schon länger her zu sein, seit er das letzte Mal Kondome gebraucht hatte. Jannis glaubte schon, er würde keine mehr finden, und überlegte zu sagen, dass sie auch so weitermachen konnten, sie mussten nicht so weit gehen. Aber er wollte es. Er hatte es die ganze Zeit gewollt.
Endlich schien Marten etwas gefunden zu haben. „Entschuldige.“
„Länger her?“
„Viel zu lange.“ Marten beugte sich wieder über ihn.

Als Jannis aufwachte, schlief Marten noch tief und fest. Sie hatten beide nackt geschlafen und als er die Decke zurückzog, fröstelte ihn. Jannis suchte seine Kleidung vom Boden und zog sich an. Was hatte er sich nur dabei gedacht? Er sah Marten einen Moment beim Schlafen zu. Er wollte nicht einfach gehen, ohne sich zu verabschieden, das hatte er nicht verdient.
„Marten?“, flüsterte er. „Marten?“, er wurde lauter, beugte sich über ihn. „Ich muss nach Hause.“
Marten reagierte überhaupt nicht. Jannis erinnerte sich, dass er früher schon einen festen Schlaf gehabt hatte, und eher spät aufstand. Einmal hatte er sogar eine Stunde lang weiter geschlafen, während der Wecker die ganze Zeit geklingelt hatte.
Jannis überlegte, ihn zu küssen, aber dann ließ er es.

Als er aus dem Zimmer trat, rannte Noah hellwach durch die Wohnung, ein Miniaturflugzeug in der Hand und machte Geräusche dazu.
„Hallo“
Noah blieb stehen. „Machst du mir Frühstück?“
„Was willst du denn essen?“
„Smacks!“
Jannis sah sich in der Küche um, er fand keine Smacks, wahrscheinlich durfte Noah die gar nicht essen.
„Wie wäre es mit dem Pancake von gestern?“ Er legte ihn auf einen Teller und setzte ihn Noah vor, gab ihm nur eine Gabel, da er unsicher war, ob er bereits mit einem Messer umgehen konnte.
„Ich muss jetzt los. Tschüss.“
„Kommst du wieder?“, fragte Noah mit vollem Mund.
„Ich glaube nicht.“ Jannis zog die Tür hinter sich zu. Als er im Dämmerlicht nach Hause ging, hatte er ein seltsames Gefühl. Er hatte sich Marten so nahe gefühlt, als hätten sie sich nie getrennt. Mit ihm zu schlafen war so schön gewesen. So etwas hatte er viel zu lange nicht mehr erlebt. Aber obwohl sie sich einander so viel erzählt hatten, hatten sie jetzt getrennte Leben, sie waren nicht mehr siebzehn. Marten war in allem viel zu perfekt für ihn.
Aktualisiert: 01/01/12
Veröffentlicht: 01/01/12
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Snoopy279
16/05/21 18:14
gerne natürlich auch die, die Fanfiktion lesen/Fanfiktionschreiber einfach unterstützen wollen

Snoopy279
16/05/21 18:14
alle, die auch Fanfiktion schreiben, bitte bei der Petition mitmachen, damit das auch in Zukunft möglich bleibt!
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jabba
21/01/21 22:32
Knuddel! Knuddel! Alle ganz doll knuddel! Heute ist Weltknuddeltag! Knuddel! Knuddel!

Witch23
01/01/21 02:37
*Pfeif Zisch* Gutes neues Jahr wünsche ich euch allen

split
01/01/21 00:01
Frohes Neues *krach baller lärm*

split
24/12/20 23:24
Frohe Weihnachten

Niemue
24/12/20 12:29
Ich wünsche Euch allen schöne Feiertage, einen guten Rutsch und viel Gesundheit im Neuen Jahr! :*

Witch23
24/12/20 11:02
Wünsche ich euch auch. Vor allem habt schöne Feiertage.

Yavia
24/12/20 10:48
Frohe Weihnachten euch allen!

Witch23
20/12/20 12:51
Einen schönen vierten Advent euch allen und hoffentlich bald wieder etwas entspanntere Tage

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