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Ankunft

von Knops [Ab 14 ] [Reviews - 6] (Abgeschlossen)
Veröffentlicht: 31/05/12 Aktualisiert: 05/07/13
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1. Ankunft 1

1.
Vor dem Fenster schwebt die Seilbahn halbstündlich vorbei, sie surrt und die Drähte schwingen, es scheint mir ein stiller Tag, obwohl es alles andere als das ist. Die Berge sind nicht schweigsam, sie täuschen nur vor, leise an Ort und Stelle zu verharren, aber sie ächzen und brausen; ich fühle die Weite des Tales, das von allen Tälern das gewaltigste ist. Ferne Wasserfälle durchdringen die dünne Luft mit ihrem heimlichen Rauschen, all die feinsten Töne, unterbrochen vom seltenen Poltern ferner Lawinen, ungefährlich für mein kleines Chalet, aber drohend in ihrer Allmacht und tödlich für den Wanderer, der zufällig dort ist. Die senkrechten Felswände vollbringen, dass die Töne der Natur niemals ganz verschwinden, das Echo wirft sie solange zurück, bis sie zu einem vollendeten Singen geläutert werden. Mir drängt sich der Vergleich mit einer fernen Autobahn auf, die ich des nachts hörte und deren Rauschen ebenfalls unendlich schien. Nur dass dieses Tal soviel beeindruckender, friedlicher und abgeschlossen ist. Das erhabene Berg-Dreigestirn lächelt von oben herab auf das winzige Menschenbemühen und hüllt seine Häupter in zerrissene Wolken.

Ich lege den Stift auf die Seite, mit dem ich versuche, mein Gedanken zu notieren. Schreiben war nie meine große Stärke, und ich versuche mir in Erinnerung zu rufen, wann und zu welchem Anlass ich je geschrieben hatte, jedenfalls niemals ein Tagebuch, das steht fest. Aber jetzt ist es mir ein Bedürfnis. Mein Blick wandert durch das adrette Zimmer. Es ist für Touristen wie mich hergerichtet: karierte Überdecke, Minibar, Ständer für Skier und Wanderstöcke, Münzfernseher, und alle Wände und Möbel komplett in Holz getäfelt, bis mir ganz braunflimmerig im Gehirn wird. Und wenn ich meinen Rundblick abgeschlossen habe und es schließlich wage, wieder zu meinem Büchlein und zu meiner Hand zurückzukehren, schrecke ich manchmal noch zusammen. Es ist nicht so sehr der vernarbte rote Strich an meinem rechten Handgelenk als vielmehr das Handgelenk selbst, das mich erschreckt. Für einen Außenstehenden ist nichts besonderes daran: es ist schmal, und genauso schmal ist die Hand, die linke wie die rechte, wohlgeformt und durchaus ansehnlich, gar nicht derb und klobig, sondern feingliedrig – gerade wie es sich für eine junge Frau gehört.


2.
„Du spinnst“, sagte Rufus. „Du kommst da nie rüber.“ Der schlaksige Junge, der zu seinem Verdruss auch den Namen zu seiner Haarfarbe trug (nämlich feuerrot), spuckte lässig Kirschkerne in den Fluss, so wie es alle Jungs hier immer schon getan hatten. Die anderen der Pantherbande standen erwartungsvoll um ihn herum, endlich geschah in diesem von Gott vergessenen Kaff etwas aufregendes. Und wenn es nur Eikes Vorhaben war, am Kabel der Fähre über den Fluss zu hangeln.
„Das ist Stahl“, fuhr Rufus fort. „Das schneidet dir so die Finger ab, die bleiben oben hängen und du kannst dein Pausenbrot mit den Füßen essen.“ Einige der zehnjährigen Knirpse lachten unschuldig, die älteren schwiegen mit roten Wangen. Soetwas hatte sich noch niemand getraut.
Eike war klein, hübsch und schmächtig. Helles Haar umspielte seine wachen Augen. Ihm erschien der Versuch ebenso verrückt. Und die längste Strecke, die er je zu hangeln geschafft hatte, war die grüne Wäscheleine im Hof, ganze drei Meter weit, bis der Haltemast aus der Erde gerissen wurde und Eike sich bei dem harmlosen Sturz das Knie böse aufschlug. Ausgerechnet auf den einzigen Stein musste er fallen! Er war wirklich vom Pech verfolgt, aber um ein echter Panther zu werden, würde er es wagen.

Rufus, als der älteste und Anführer, ahnte als einziger die Gefahr. Der Fluß würde keine Sekunde zögern, den unvorsichtigen Jungen bis zum großen Wehr fortzutreiben, und das in einem atemberaubenden Tempo, denn die Strömung war tückisch. „Du kannst auch was leichteres versuchen. Es würde mir reichen, das Krähennest aus der Kastanie zu klauen. Da kommst du gut hoch. Dann wärst du ein echter Panther, versprochen. Also echt, mach‘ keinen Mist!“
Eike zeigte stolz die Arbeitshandschuhe seines Vaters vor. Er grinste. „Geht schon“, sagte er und war sich plötzlich absolut sicher. „Ich habe eine halbe Stunde, bis die Fähre ablegt.“ Er war dafür bekannt, beharrlich und uneinsichtig zu sein, ganz im Gegensatz zu seinem weichen Antlitz, das es ihm schwermachte, als ganzer Kerl zu gelten. Und weil er nicht nur der kleinste, sondern auch ein Träumer war, nahm er jede Herausforderung an, um in die heiligen Hallen des Jungendaseins zu gelangen. Ein echter Panther mit Seifenkistenrennen, blutiger Zweikampf-Nase und einer Zwille am Hosenbund!

Als wäre dem Anführer die selbst auferlegte Verantwortung plötzlich nicht mehr wichtig, zuckte er nur die Schultern und stopfte sich drei Kirschen in den Mund, die er aus einer Papiertüte klaubte. Großzügig wie er war, überließ er es dem dicken Christian, ihm die Tüte zu halten. Als Anführer musste er schließlich seine Hände freihaben! „Na dann los, du halbe Portion. Das will ich sehen!“ Und die pubertäre Dummheit durchdrang sofort alle anwesenden Jungen, sie warfen die Arme hoch und gröhlten Unfeinheiten, während der dicke Christian still den unbeobachteten Moment nutzte und sich schnell den eigenen Mund mit Kirschen füllte.

Es war ein kleiner Fluß, ein unberechenbarer, aber nicht so unbarmherzig, einen vierzehnjährigen Jungen sofort in seinen Wirbeln ertrinken zu lassen. Eike schaffte es bis zur Mitte des schwankenden Seiles, bis ihn seine Kräfte verließen, und für diese Strecke brauchte er nicht mal zehn Minuten. Darauf war er geradezu stolz, als er fiel, und die restlichen Meter in die Tiefe flößten ihm überhaupt keine Angst ein. Die bekam er umso mehr, als er schmerzhaft aufschlug und sofort untertauchte. Eike konnte leidlich schwimmen, aber die Strömung war stärker als er und so blieb ihm nichts weiter übrig als bloß am Leben zu bleiben. Prustend drehte er sich wie ein Korken, kopfüber und kopfunter, paddelte mit den Armen, aber es war unmöglich, die Richtung zu bestimmen oder gar ans rettende Ufer zu gelangen. Also ergab er sich seinem Schicksal, schluckte seine Panik und viel Wasser hinunter und hoffte.
Die Jungen am Ufer liefen gestikulierend und schreiend hinterher.


3.
Heiße Ziegenmilch ist dermaßen eklig, dass ich nach zwei heldenhaften Nipp-Versuchen das Zeug in das kleine Spülbecken kippe. Frisch und kalt ist sie schon gewöhnungsbedürftig genug. Die gurgelnde Spirale im Abfluss erinnert mich an etwas, aber ich komme nicht darauf. Ein Badezimmer? Natürlich muss ich Ziegenmilch probieren, schließlich bin ich im Heidi-Land und kosten gehört unbedingt dazu. Jetzt bin ich davon geheilt. Ich spüle meinen Mund mit frischem Wasser aus, sogar das Wasser schmeckt hier nach Berge. Wahrscheinlich tun sie den Geschmack den Touristen zuliebe hinein, denke ich, denn alles hier besteht aus Souvenirläden, Fotogeschäften, Hotels und Pensionen, aber ganz besonders aus gesalzenen Schweizer Preisen. Dafür ist das Wetter herrlich, die Standseilbahn fährt bis 22:00 Uhr, die Wanderwege sind dreisprachig ausgeschildert und ich werde hier weder angerufen noch sonstwie gestört. Es gibt sogar ein Bankinstitut, falls jemand länger bleiben möchte und Geld braucht, wen wundert‘s, denn die Schweiz besteht aus Kühen, Banken, Eisenbahnen und alles andere sind Sehenswürdigkeiten. Es ist genau der richtige Ort, um eine Zeitlang der Wirklichkeit zu entfliehen, um, genauer gesagt, meiner Wirklichkeit zu entfliehen, denn ich bin mir nicht sicher, ob sie meine ist. Bislang hat sich nichts Gegenteiliges gezeigt, nur dass sie beharrlich darauf besteht, zu meiner Wirklichkeit zu werden.

Ich kehre zu meinem Schreibplatz zurück, eigentlich schade, die lockende Gebirgssonne mit Stubenhocken zu vergeuden, aber ich habe heute nicht den Drang, mich in eine überfüllte Seilbahngondel pressen zu lassen. Natürlich könnte ich den Weg zur Bergstation einschlagen, dazu brauche ich keine Bahn zu benutzen, aber die Strecke ist lang und eigentlich stehen da immer nur öde Nadelbäume. Immerhin sind die bläulich-imposanten Bergrücken die ganze Zeit da, sie rücken keinen Millimeter und stehen immer noch genauso, wenn ich am Ziel angekommen bin, nach stundenlanger Wanderung. Zurück könnte ich dann wieder die Bahn nehmen. Nein, bitte keine Berührung heute, keine Parfumwolken gutmeinender Amerikanerinnen, keine Lederdüfte totgewachster Wanderstiefel, geschweige denn Schweißhemden und Hosengerüche. Der Gedanke daran lässt mich würgen und an Ekel werde ich mich gewöhnen müssen. Denn riechen kann ich wirklich gut.


4.
Martine war die einzige, die sich in die Fluten stürzte. Es war für ihr eigenes Leben nicht ungefährlich, denn der Strudel konnte auch sie, wie den hilflosen Jungen, in endloser Umarmung umfasst halten, in ewig kreisender Rotation. Als das Wehr gebaut wurde, hatte man nicht vorausschauend gedacht. Nun war sie nicht blöd: einen dummstehenden Autofahrer überzeugte sie, ihr sein Abschleppseil auszuleihen, und das war ihr Glück, denn ohne diese Rettungsleine wäre sie ebenso kläglich ersoffen. Am Wehrgeländer gesichert hechtete sie hinein, schnappte sich mühsam irgendein Körperteil des ohnmächtigen Eike, brüllte, dass man gefälligst zu ziehen hätte und einige Passanten begriffen das auch. Mit vereinten Kräften zog und zerrte man die beiden aus dem tosenden Becken, schleifte sie über die schräge Betonbefestigung, die es vorher unmöglich gemacht hatte, aus eigener Kraft zu entkommen.

Eike war blau und gab kein Lebenszeichen von sich. Warum, in Teufels Namen, gehörte Erste Hilfe nicht zur Schulausbildung? Martine hatte noch keinen Führerschein, aber die wichtigsten Griffe kannte sie aus einem mehrwöchigen Praktikum in einer Behinderteneinrichtung. Gottlob. Wie war das denn noch? Erst drücken, oder erst beugen? Na, egal, Hauptsache schnell. Scheiß Gaffer hier, machen sich gleich in die Hose, was? Ruf doch mal einer den NOTARZT! Da kam Wasser aus der Kehle gelaufen, sieht gut aus. Martine dachte keineswegs an irgendetwas, als sie die eismeerblauen Lippen des Jungen auseinanderdrückte und ihre Atemluft hineinblies. Herzmassage, draufhauen, warten, wieder draufhauen. War das so richtig? Dann endlich: „Lass mich mal ran“, sagte ein hinzugekommener Mann, der sich beim Niederknieen die Krawatte lockerte. Sie war gelb-schwarz gestreift. Martine rückte erleichtert beiseite und verfolgte die Prozedur. Es sah wirklich professioneller aus, gestand sie sich ein. Jahrtausende vergingen. Schließlich begann Eike zu würgen und zu husten. Ein erleichtertes Raunen ging durch die angestaute Menge. Aus der Ferne schwoll das Martinshorn heran.


5.
Draußen vor dem Fenster stehen drei Kühe. Neben dem kleinen Sportplatz, den man nicht als solchen bezeichnen möchte, denn dort warten nur zwei Basketballkörbe, haben sie sich durch den Zaun gefressen. Auf ihrem unersättlichen Weg zu irgendeinem wohlriechenden Kraut an der Hauswand sind sie nun hier angekommen, weiter geht‘s nicht. Kaugummikauend betrachten sie mich, eher gleichgültig, wie ein Einheimischer einen Touristen betrachtet, und genau das bin ich ja. Ich bin in der Schweiz ganz sicher ein Tourist, aber ansonsten beginne ich, einheimisch zu werden. Ich bin in mir selbst heimisch geworden. Es begann als ein Fremder in einem fremden Land, aber inzwischen kenne ich die wichtigsten Orte, die versteckten Winkel, viele Töne und einiges mehr ganz gut. Einigermaßen. Glaube ich. Es ist ja fast alles am gewohnten Platz, auch die Erinnerungen, sogar die Träume, aber sie sind dennoch nicht genau dieselben. Was die Erinnerungen angeht: sie ändern ihre Farbe. Manche werden lauter, aber das Entscheidende ist vielmehr, dass sie unwichtiger werden. Sie gehören zu einer anderen Epoche. Interessant ist, dass sich die neuen Erinnerungen von den alten unterscheiden, die an der Oberfläche liegenden sind anders. Genau genommen, wachsen die neuen zu einem Jahrmarkt zusammen, in dem sie eingebettet sind: bunte Karussells voller Lärm und Musik, die in einem wirren Farbenspiel um mich wetteifern. Ich bin darüber nicht erstaunt. Die neuen Erinnerungen sind mir längst die liebsten und ich freue mich auf sie.

„Na, ihr Kühe?“ frage ich durchs Fenster. Mein Zimmer liegt im Erdgesschoss. „Ich könnte jetzt die Herbergsmutter rufen, dann wärt ihr aber – sowas von zackzack – wieder in eurem Corral. Aber eigentlich ist es nett, euch beim Fressen zuzusehen. Aber die Topfblumen sind tabu! Ich hoffe nur, dass ihr nicht abends über die Klippen stürzt. Also was ratet ihr mir, soll ich tun? Wollt ihr wild und frei sein, oder doch lieber eingesperrte Dummerchen?“

Das Problem löst sich von selbst, denn draußen läuft wild schimpfend ein filzbehüteter Mann und schwingt eine Gerte. Sofort wenden die Kühe ihre Köpfe von mir ab und erliegen einer gemütlichen Panik. Schwerfällig trotten sie in alle Richtungen, der Mann schimpft noch mehr, aber schließlich gelingt es ihm, die Tiere zurückzutreiben. Sie hätten es auch sicher ohne ihn geschafft, allerdings später, denn dort im Pferch gibt es Wasser und Heu, also unbedingt überzeugende Argumente dahin zurückzulaufen.
„Haben sie Ihnen was getan?“ fragt der Bauer, angestrengt hochdeutsch sprechend. Touristen sind eben Touristen, da muss man sich Mühe geben. Er blickt mich freundlich, ängstlich und nervös an, denn schließlich soll es schon vorgekommen sein, wegen so einer Lappalie den Mietpreis zu mindern. Während er sich verlegen unter seinem Hut kratzt, begutachtet er mich und ich komme zu der Erkenntnis, dass ich nicht in sein Beuteschema passe. Sein angestacheltes Interesse an meinem Gesicht im Fensterrahmen erlahmt abrupt.

„Nein, ist schon in Ordnung“ erwidere ich. Mir kommt es vor, als ob ich krächze, aber der Mann bemerkt nichts an meiner Stimme. Er gibt die Konversation jedoch nicht auf und ich seufze innerlich.
„Warum ist denn ein so hübsches Madel wie Sie nicht unter Menschen? Hier in der Hütten zu hocken, gefällt‘s Ihnen das? Wir haben doch allerlei zu bieten im Dorf, und die Sonne scheint.“

Ja, das ist mir auch aufgefallen. Kann man eigentlich nicht übersehen, die Sonne. Bestimmt hat er einen netten Freund, Standseilbahnfahrer oder so, das Dorf ist sicher voll von kernigen Burschen, und ein Techtelmechtel für eine Nacht mag manchem gefallen. Wenn nicht ihm, dann doch seinem Frund. Darauf läuft‘s doch hinaus. Gibt es nicht genügend Touristinnen, die sich einen strammen Manneskerl für die Nacht herauspicken? So einen richtig tüchtigen Einheimischen, der‘s bringt? Für Geld? Ja, das gibt‘s auf Hawaii genauso. Da wollte ich schon immer mal hin. Oder überhaupt was mit Strand. Dass er das Dorf „Dorf“ nennt, amüsiert mich, denn eine kleine Stadt ist es allemal, dieses Mürren. Nichts gegen Hamburg natürlich. Das hätten sie aber niemals hier oben hinbauen können. Zu wenig Platz. Die linke Augenbraue vom Bauern zuckt mehr als die rechte. Gebräunt ist er ja, könnte mir gefallen. Ach nee, seine Nase ist doch erheblich unerotisch. Und zu alt. Und überhaupt. Was denke ich denn gerade für einen Blödsinn? Nie im Leben...!

Aber da naht ja schon die gute Frau des Hauses, ein Glück, sie schielt skeptisch zu mir her, dabei bin ich es doch, die für Geld sorgt, als Touristin nämlich. Ich hab für drei Wochen Halbpension eingemietet. Also soll sie gefälligst nicht rumzicken, aber sie ist eigentlich ganz nett, und was ist schon dabei, so ein Gespräch von Touristin zu Herbergsvater am offenen Fenster? Von hübschem Madel zum Filzhutbauern? Nein, im Gegenteil, sie ist ebenso erleichtert wie ihr Bur, dass die Kühe nicht meine Haare gefressen haben, sie reibt sich verlegen die Hände und versinkt gerade vor Scham. Ob sie was an mir bemerkt? Nein, ich bin ja nur eine junge Frau, die gerade im Kreis denkt und mit allen Sinnen gleichzeitig aufsaugt, was um sie herum abgeht. Ja, die Kühe haben Hinterlassenschaften hinterlassen. Die Sonne wärmt meine Haut. Denken kribbelt im Gehirn. Aber das Kleid ist wirklich der Hammer. Ist ein Dirndl. Rot mit blauen Karos. Wenn ich sowas anziehen würde, also ich weiß nicht recht. Zu quietschige Farben. Naja, muss wohl hauptsächlich praktisch sein. Und die Farbe muss ja nicht praktisch sein, sondern nur der Schnitt. Ist Rot also unpraktisch? Der Schnitt sicher nicht, eher Rustikal-Tourismus. Vielleicht sollte man hier die Karo-Hose für die Dame einführen. Bestimmt trägt sie die Farben, um die Kühe zu erschrecken. Oder den Touristen glauben zu machen, hier wäre alles echter Heidi-Look. Heidi trug auch Rot, glaube ich. Mit Schürze. Aber erschrockene Kühe geben schlechter Milch, habe ich gehört. Die Schweizer sind ein verschrobenes Volk. Nein, sie findet nichts ungewöhnliches an mir. Die Bauersfrau, meine ich. Und die Wolken ziehen auch zu, ha, Bauer, mal sehen, wie lange die Sonne heute scheint....

„Geht‘s Ihnen nicht gut?“ fragt die Frau, und sie hat recht. Ich bin noch lange nicht geübt darin. Ich habe plötzlich stechende Kopfschmerzen: alles zu schnell und zu viel. Mir ist regelrecht übel. Zuviel und zu schnell gedacht, zuviel gesehen, zuviel gerochen, gehört und gefühlt, alles gleichzeitig. Das passiert ganz automatisch, ich kann nichts machen. Ich wünschte manchmal, ich könnte einiges leichter ausblenden, sicherer das Unwichtige vom Wesentlichen trennen, meine Sinne im Zaum halten.
„Doch, eigentlich schon, geht gleich vorbei. Nur ein bisschen Kopfweh, wegen der Höhe. Die dünne Luft, wissen Sie...“ Ich halte mich am Fensterrahmen fest, Holz natürlich.
Mitfühlend bietet Sie mir an, einen heißen Tee für mich zu kochen. Ich nehme dankend an. Dazu müsste ich in den kleinen Speisesaal für gerade mal zehn Personen, selbst das ist mir zuviel, aber die Herbergsmutter kommt mir zuvor, sie spürt, dass ich den Tee lieber auf dem Zimmer trinken möchte und so geschieht es auch. Der Tee ist heiß und aromatisch, und ich beschließe, danach eine halbe Stunde zu schlafen.


6.
Ob es ein Wink des Himmels war, dass Eike durch Martine aus dem Wasser gefischt wurde, wer weiß das schon. Eines stand jedoch schnell fest: sie brachte seine Hormone kräftig durcheinander. Vielleicht wurde dieser Schub durch Todesangst ausgelöst, oder sie war nur ein plötzlicher Ersatz für die Englischlehrerin seiner Klasse, die anzuhimmeln für alle Jungs zum unbedingten Muss gehörte. Martine war siebzehn und kleine Jungs interessierten sie nicht die Bohne. Das wusste Eike natürlich damals nicht. Aber sie schaute im Krankenhaus vorbei, das verlangte der Anstand, begleitet von schießwütigen Reportern des Lokalblatts, die den Moment ablichteten, in dem sie ihm einen formellen Blumenstrauß für 15 Euro überreichte. Den hatte sie vom Klinikpersonal. „Die Heldin des Monats“ und „Die Wehr-Nixe“ stand anderntags auf den Titelseiten, darunter ein blasser Eike am Tropf, daneben Martine, blöd in die Kamera grinsend.

„Na, du Dummerchen“, sagte Martine nur, ihr fiel nichts Geistreiches ein. „Hast aber Glück gehabt, dass ich gerade vorbeikam, wie?“
„Ja“, sagte Eike. Er konnte den Blick nicht losreißen. „Du hast mich also gerettet?“
Darauf konnte selbst Martine nichts antworten. Das war doch logisch. Kleine Jungs hatten manchmal eine lange Leitung. Sie zog sich einen Stuhl heran, tätschelte sein Händchen und wollte eigentlich in fünf Minuten wieder verschwunden sein. Ihre Aufgabe war nun zur Zufriedenheit aller erledigt, und der ganze Starrummel ließ sie kalt. Sie hatte getan, was sie für jeden getan hätte. Wenn es zu verhindern galt, dass jemand stirbt, hatte sie das eben verhindert. Punkt und aus.
Eikes Eltern saßen an der Bettkante gegenüber.
„Nun bedank dich doch mal“, sagte seine Mutter vorwurfsvoll und blickte nervös von ihrem Mann zu Eike und zu Martine und wieder zurück, als ob sie daran zweifelte, dass sich alle diese Menschen tatsächlich im selben Raum befanden.

Eike wurde rot. „Ja, natürlich. Also, danke. Martine heißt du, richtig?“ Als ihre Finger seinen Handrücken streichelten wie eine Mutter ihr Kind streichelt - ohne Hintergedanken, eine Verlegenheitsgeste vielleicht, jedenfalls ohne dass sie darüber nachdachte, weil er wie ein kleiner Bruder so dalag und vom Ertrinken genas - explodierte etwas in ihm. Man könnte auch sagen, etwas anderes bahnte sich seinen Weg an die Oberfläche, ganz und gar wörtlich und nur durch die Bettdecke gestoppt. Aber Martine zog ihre Hand schnell zurück, als käme ihr der stumm schluckende Eike mit leuchtenden Augen allzu verdächtig vor, und die Wallung verpuffte. Aber das Schicksal begann seinen Lauf und Eike würde nie wieder derselbe sein. Martine trat in sein Leben!

„Genau“, grinste Martine. „Martine, wie Martin, bloß mit e hinten. Betonung auf i.“ Puh, was für ein blödes Gefasel. Sie merkte schnell, dass sie von Eikes Eltern nicht als Vorzeigeretterin akzeptiert wurde. Genau genommen steckten sie in einem Dilemma, denn einerseits mussten sie ihr dankbar sein, andererseits konnten sie ein gewisses spießbürgerliches Gehabe nicht verstecken. Das kannte sie bereits. Eike bemerkte von alledem nichts. Ihm war es egal, dass Martine tätowiert war, ein Drache vom Oberarm runter bis zum Handgelenk. Dass ihre Kleidung eher einem Flohmarkt entsprang, sie zwei Röcke über einer löchrigen Strumpfhose trug, ihre Haare dem Mop von Nachbarin Boltemann glichen und auf ihrer abgegriffenen Umhängetasche sich Millionen von Buttons tummelten, die politisch ausgesprochen links waren und darauf auch unmissverständlich hinwiesen. Die Henna-Kur war missraten, kein Wunder bei ihren schwarzen Haaren, aber sie hatte mit drei Haarklammern ein vergängliches Kunstwerk daraus gezaubert.

Eine Schürfwunde vom Fahrrad hatte sie auch, quer übers Schlüsselbein, aber da konnte man eben nichts machen. Heilt schon wieder. Heute hatte sie sich zusammengerauft und kein Spaghettitop übergezogen, das sie sonst bevorzugte, schließlich war die Presse da. Aber ansonsten, davon abgesehen und überhaupt, war Martine das tollste Mädchen der Welt. Und das war sie wirklich. Wer es schaffte, durch ihr demonstrativ-provokantes Auftreten hindurchzublicken, entdeckte ihren Sinn für flapsigen Humor, ein abgrundtiefes Herz, in das viel reinpasste und die Fähigkeit, Menschen blitzschnell und treffsicher in gut und böse zu unterteilen, ohne dass sie es diese spüren ließ. Außerdem - und das war für Eike im Moment das Einzige, was zählte, denn er kannte ja ihre inneren Qualitäten nicht - war sie extrem süß. Er sah sie und war sofort ihr Sklave. Ihre Waffen waren ein unnachahmliches Kräuseln ihrer Grübchen, tiefgründig, mitleidig, verbunden mit einem Speerblick aus den Tiefen des Universums. Sie verstand es, jeden permanent anzumachen, mit jeder kleinsten Bewegung, auch wenn sie es gar nicht wollte. Sie strahlte eine freche, herausfordernde Weiblichkeit aus, derer sie sich durchaus bewusst war, ihre angezählten Opfer jedoch ließ sie hinter sich zurück, ohne groß darüber nachzudenken. Wer es mit ihrem Selbstverständnis aufnehmen wollte, musste schon einiges bieten.
Soetwas lässt sich niemals erklären. Und sie war auch komplett anders als die Englisch-Lehrerin, das stand fest.
„Einen wirklich wunderschönen Drachen hast du da“, sagte Eike linkisch.
„Vielen Dank“, prustete Martine los.


7.
Es gibt frühmorgens und auch abends eine merkwürdige Lichtstimmung in den Bergen, die hier, in diesem weiten Trogtal, zu einem absoluten Naturschauspiel reift. Es hat doch nicht geregnet. Eiger, Mönch und Jungfrau sind wieder wolkenfrei und die rote Sonne – dieselbe wie vorhin – überzieht den gegenüberliegenden Berghang mit Gold, während sie nach Australien auswandert. Die Demarkationslinie gleitet stetig nach oben, von unten nagt unbarmherzig der graublaue Schatten, er frisst sich unwiederbringlich in alle Gipfel, löscht jegliche Hoffnung und das Licht wird zu schmelzendem Erdbeereis. Es ist die Finsternis, die aus der Hölle aufsteigt. Es bedrückt mich, den schweigenden Abgesang des Lichts zu beobachten, aber es ist gleichzeitig sehr erhaben. Es stirbt groß und zögert das letzte Stückchen hinaus, bis es wehtut. Als die Berge endlich schwarz und drohend sind, überfällt mich eine kleine Depression, so als ob es nicht ganz sicher scheint, dass es morgen einen neuen Sonnenaufgang geben wird.

Das merkwürdige daran ist: es gibt immer einen neuen Sonnenaufgang. Gäbe es keinen mehr, ist man tot und somit existiert keine Möglichkeit, die Aussage zu bestätigen oder zu entkräften. Natürlich weiß ich, dass mein Leben nicht ausschlaggebend für das Universum ist und die Sonne schert sich beim täglichen Aufgang nicht um mich. Dennoch: wer sagt mir, dass sie nach meinem Ableben noch da ist? Beweise bitte! Ich habe mir inzwischen vorgenommen, jeden Sonnenaufgang als einen Neuanfang zu betrachten. Vielleicht bleibt mir nichts anderes übrig, denn jeder Tag zwingt mich zu einem nahen Ziel, das ich schon bald erreicht habe. Das war nicht immer so.

In der einsamen Sicherheit des dämmrigen Chalets öffne ich die Kleiderschranktür, der eher ein Spind ist, und aus gewachstem Holz. An der Innenseite ist ein Spiegel, das hervorstechende Merkmal aller Kleiderschränke der Welt, mit geschliffenem Rand. Die Tür knarrt und mein Ebenbild schwingt vor mich hin, zittert, starrt mich an so wie ich es anstarre. Ist es nicht normal für ein junges Mädchen, sich mehrmals täglich zu mustern, die Problemzonen in Gedanken einzukreisen, eine heimliche Kartografie anzulegen von all den Attributen, die missfallen? Mit tödlichem Urteilsvermögen checke ich Bauch und Hüfte, raffe meine Haare am Hinterkopf zusammen, drehe mich und nicke zustimmend. Ich kann an meiner Taille ein Speckröllchen greifen, und ich spüre es zwischen meinen Fingern. Da ist wirkliches Fleisch auf den Knochen! Ich knöpfe meine Bluse auf, da erscheint ein BH, den tatsächlich etwas ausfüllt und nicht nur ein Vorwand für meine Weiblichkeit ist. Ungepolstert ragt allerdings das Becken hervor, ich streiche über die harten Knubbel links und rechts. Der Bauch ist darin eingelassen wie ein ovaler See. Könnte ich mit einer riesigen Hand über die Jungfrau fahren, würde es sich so anfühlen wie diese Beckenstachel hier? Ich schmunzele. Ich schweife ab. Welcher depperte Schweizer ist nur auf die bescheuerte Idee gekommen, einen Berg Jungfrau zu nennen? Naja, vielleicht weil der Mönch gleich daneben steht, da wird nicht viel passieren, weil Mönche sowas eben nicht tun. Sie wird ewig Jungfrau bleiben. Die Touristen, die sie besteigen, zählen nicht. Also eigentlich doch ganz logisch irgendwie. Bloß: was spielt der Eiger für eine Rolle? Ich nehme mir vor, nachzuschlagen, was der Name bedeutet. Ob er derjenige sein wird, der die Jungfrau...?

Nun kommt der zweitschwierigste Teil. Ich öffne den BH. Das mit dem Hintenrum klappt noch nicht so, wie es soll, also drehe ich den Verschluss nach vorne und löse den Haken. Problemlösungsmodus, denke ich, um mich abzulenken. Ich schaue lange. Meine Augen stellen sich scharf, dann wandert der Fokus in die Ferne und wieder zurück, bleibt an den rosa Nippeln hängen, ohne dass ich den Kopf wegdrehen muss. Es sind meine! Ich sehe mich, aber ich nehme mich nicht sofort wahr. Lasse mich in mich reinfließen, ich atme ganz ruhig. Sacht bebt mein Busen mit. Ich brauche nicht schreiend fortzustürzen, ich stehe hier und kann nicht anders. Ich bin glücklich. An jedem neuen verwunschenen Tag fließe ich ein bisschen mehr, bis ich ganz im Meer aufgegangen sein werde. Ich bin weggedriftet, ohne an etwas zu denken, mein Spiegelbild wartet mit mir, aber blöderweise tun Spiegelbilder ja immer nur dasselbe und das ist langweilig. Besser gesagt: Spiegelbilder tun eigentlich gar nichts von selbst, und das ist ihr Hauptproblem. Vor mir steht ein Jemand, und ich bin unschlüssig, ob ich mich in mich selbst verlieben soll oder nicht. Ich erröte bei dem Gedanken.


8.
Eike war jetzt ein Panther – ehrenhalber – aber es interessierte ihn gar nicht mehr. Er hatte nur Gedanken für Martine, aber das war aussichtslos. Erstens war er vierzehn. Zweitens waren seine Eltern strikt dagegen. Drittens hatte Martine sich rückstandslos aus seinem Leben verabschiedet und nicht geahnt, was sie in dem pochenden Jungenherzen angerichtet hatte. Dabei hinterließ sie weder Adresse noch sonstwas, am allerwenigsten hinterließ sie ein Interesse an ihm. Und viertens würde Martine ihn nicht mal interessant finden, wenn er 20, ein funkelnder, gut aussehender Vampir oder mindestens Brad Pitt gewesen wäre. Wobei, je nach Generationsvorliebe, auch Til Schweiger oder George Clooney erlaubt waren. Richtige knackige Männer eben. Denn sie interessierte sich überhaupt nicht für Jungs. Eike hatte mal wieder das kürzeste Streichholz gezogen, aber das ahnte er nicht, Pechvogel wie er war, und er entwickelte Riesenkräfte, um Martine wiederzufinden. Und weil er, wie schon beschrieben, eine eiserne Ausdauer besaß, wenn es um seine Träume ging, setzte er alle Möglichkeiten ein.

„Du bist echt verknallt in die Strulle, was?“ fragte Rufus, der immer noch Anführer, aber nun auch beeindruckt von Eikes Heldentat war. Er nannte ihn jetzt nicht mehr „halbe Portion“, sondern tauschte mit ihm Fußballbilder und ließ ihn zuhause auf seiner Playstation daddeln. Eike stieg zum Vizechef auf. Aber wie das immer so ist: wenn das andere Geschlecht in das Leben eines Jungen getreten ist, sind Fußballbilder nur Kinderkram und im Konsolen-Zweikampf holte Eike sich eine virtuelle blutige Nase, weil er so unkonzentriert spielte. Dazu kam, dass Eike tatsächlich in die Höhe schoss, er bekam seine ersten Haare im Gesicht, testete heimlich Parfüm in der Kosmetikabteilung und probte unter der Decke schon mal die angemessene Kondomgröße. Die Pubertät haute ihn so um, dass ihm schwindelig wurde. Seine Eltern verzweifelten.

Rufus, der wegen des Unfalls ein schlechtes Gewissen hegte (er hätte es doch verhindern müssen), nahm ihn beiseite. „Also, wenn du so einen Druck hast, ich kenne da eine ganz nette Vollbusige, die macht es für‘n Zwanziger...“ Er war siebzehn und kannte sowas. „Wir legen alle zusammen, und du...“
Eike schüttelte den Kopf. „Du verstehst nicht. Ich will nicht irgendeine, ich will Martine.“ Das unterschied ihn anscheinend vom Rest der Bande, denn denen war es schnurzpiepegal, wie ihre Wichsvorlage aussah, Hauptsache, es waren Titten dran. Frau war Frau, oder? Und ein paar hatten es schon mal probiert und prahlten, was das Zeug hielt. Eike hingegen war ein Spätzünder und Träumer, und seine Träume wuchsen oft so gewaltig an, dass sie sein zaghaftes Gemüt zu zerreißen drohten. Oft konnte er ihrer nicht mehr Herr werden. Dann drangen die Wünsche und Träume hervor und trieben ihn zu unbegreiflichen Taten. Er überließ sich mit Haut und Haar seinen innersten Sehnsüchten.

Obwohl er nun offensichtlich in der Pantherbande angekommen war, und eigentlich alle Freiheiten ausnutzen durfte, sonderte er sich erneut ab. Die ferne Unerreichbarkeit von Martine, jenem verklärten Trugbild, das in seinem Herzen wuchs und wuchs, stachelte ihn umso mehr an, je aussichtsloser es war. Sicherlich hätte man zu diesem Zeitpunkt zweifellos eine psychische Störung erkennen können, wenn seine Eltern das jemals in Betracht gezogen hätten. Eike bekam zunehmend schlechte Noten. Das ist die Pubertät, das geht vorbei, seufzten die Eltern. Eike schloss sich in sein Zimmer ein, aß nicht, redete nicht und drehte Gothic-Musik voll auf, obwohl er sie vorher nie mochte. Das ist die Pubertät, hofften die Eltern. Eike pumpte sein Fahrrad auf und streifte tagelang durch die Kneipen und Cafes, aber er fand Martine nicht. Natürlich suchte er an den falschen Orten, das konnte er nicht ahnen. Alles nur Pubertät, schwitzten die Eltern, dauert das noch lange?

Und eines Tages stand sie, Martine, vor ihm an der Supermarktkasse. Es war das erste Mal seit Monaten, dass er überhaupt dort einkaufte, denn seine Mutter lag mit Migräne im Bett und hatte ihn geschickt. Er erkannte Martine von hinten zuerst nur an der Art und Weise, wie sie die Ware auf das Band legte, es geschah mit derselben Lässigkeit und es war ebenso unvergleichlich wie ihre Berührung damals auf seiner Hand, der einzigen Berührung, die er je von ihr kennengelernt hatte und die ihn so aus der Bahn geworfen hatte. Dann erst erblickte er ihr Drachentatoo, all die Eigenschaften, die er sich in langen Nächten zurechtgeformt hatte, tauchten nach und nach aus dem Nebel auf: die klimpernde Umhängetasche, der baumelnde Schlüsselanhänger, das zusammengestopfte schwarze Haar unter einer Schirmkappe, hochgekrempelte Jacke über einem Hemd mit Sportabzeichen, die Schlappen in Kunstleopard, aber ganz besonders wartete er auf einen Blick von ihr, mit dem sie ihn töten würde, und wenn dieser Blick nicht kam, würde er ebenso sterben. Sie bemerkte ihn noch nicht, und die nachfolgenden Kunden schubsten ihn mürrisch von hinten. Martine zückte ihr Portemonnaie - Pailletten und Lederfransen -, angelte zehn Euro und das passende Kleingeld heraus, und dann sah sie ihn. Die Natur erweist sich immer als ungerecht: während er ihr Bild in seine Erinnerungen gemeißelt hatte, runzelte sie nur kurz die Stirn und erkannte ihn nicht. Mit flinken Händen warf sie scheinbar achtlos ihren Einkauf in einen Jutebeutel, einiges in ihre Tasche, und noch immer stand er versteinert und vergaß seinen Einkauf komplett.
„Was ist, junger Mann, wollen Sie nicht langsam anfangen?“ fragte die Verkäuferin, als er an der Reihe war, und ein älterer Herr hinter ihm drängelte so sehr, dass Eike aus seiner Starre erwachte. Martine war schon an der Automatiktür.

„Entschuldigung!“ stammelte er hilflos und rannte los. Der verwaiste, volle Einkaufswagen, schimpfende Kunden, überraschte Verkäuferin – es war ihm egal. Und tatsächlich gelang es ihm sogar, am Detektiv vorbei, nach draußen zu entwischen.
„MARTINE!!“
Sie drehte sich um. Über ihr Gesicht kroch eine Ahnung, wer da auf sie zukeuchte. Zwei feine Stirnfalten der Anstrengung: sie erforschte Dutzende Möglichkeiten. „Ja, bitte?“
Eike blieb stehen und der Mut verließ ihn sofort. Sie war immer noch einen halben Kopf größer als er, obwohl er kräftig aufgeholt hatte. Inzwischen war er fünfzehn geworden, so ganz nebenbei übrigens, ohne besondere Party, nur mit Mama und Papa und Torte und neuer Playstation.
„Das Wehr... Krankenhaus... weißt du noch?“ stotterte Eike und blickte zu Boden. Ihm war plötzlich die Sprache abhanden gekommen. Verteufelte Hormone, verdammt seien sie! Und jetzt war Martine life und unmittelbar vor ihm!
„Ach, duuu bist das!“ grinste Martine breit. „Hallo!“ Fast wäre sie in die Hocke gegangen, hätte seine schmalen Schultern gepackt und ausgerufen: „Mensch, bist du aber groooß geworden.“ Sowas tun nur nervige Großtanten, also unterdrückte sie es schleunigst. Nicht auszudenken, wenn sie ihn auch noch in die Wange gekniffen hätte. Peinlich. Puh, das gäbe jede Menge an gekränktem Bubenstolz.

Stattdessen stellte sie den Beutel ab und reichte ihm die Hand, das war eine unverfängliche, neutrale Freundlichkeit und sie wähnte sich damit auf der sicheren Seite. Aber gerade die Hand war es, die ihn elektrisierte, die ihn an damals erinnerte, er starrte darauf, als ob sie ihm einen Kohlrabi entgegenstreckte. Der Drache züngelte aus dem Ärmel. „Was is‘n los?“ wunderte sie sich und gab ihr Vorhaben auf, nicht ohne blitzschnell nachzuprüfen, ob sie nicht doch ekliges Zeugs an den Fingern hatte. Nein. Er ist ja niedlich, dachte sie. So verträumt, soooo schüchtern, und kehrt überhaupt nicht den Macho-Kaspar raus. Wenn er älter wäre und überhaupt, naja, wer weiß, er hat schöne Augen und seine Haare sind wie geschaffen zum Wuscheln. Schade eigentlich. Von allen Jungs, die sie kannte, würde er am ehesten als Mädchen durchgehen. Wirklich schöner Mund, süße Nase, verdammt...
„Ich... ich...“, begann Eike und traute sich nicht, aufzusehen. Die Röte in seinem Gesicht wollte überhaupt nicht mehr weichen. Er trippelte von einem Fuß auf den anderen. Mit Grauen spürte er seine pochende Jungmännlichkeit wachsen.

Martine begriff erst allmählich. Ach du scheiße. Eike war verknallt in sie. So war das also. Wieso musste ihr das nur passieren? Das konnte doch alles nicht wahr sein. „Also gut“, lenkte sie ein und schaute den Jungen mitleidig an. „Da drüben steht mein Käfer. Ich habe seit drei Wochen den Führerschein, weißt du! Das war vielleicht eine Plackerei und teuer dazu, sage ich dir. Ey, der Fahrlehrer war ein echtes Arschloch. Wie der mich schikaniert hat! Ich will jetzt hier nicht Wurzeln schlagen, ich nehm‘ dich mit. So! Wo must‘n du hin?“ Aus den Augenwinkeln bemerkte sie nämlich den Detektiv, der argwöhnisch vor der Supermarkttür stand. Ein Ärger mit dem wäre jetzt absolut unnötig. Sie grinste freundlich zu ihm rüber, wedelte mit ihrem Bon, der obendrauf lag, und gottlob kapierte der Mann und gab kampflos auf. Na, die gehören zusammen, also gut.

Als sie sich wieder Eike zuwandte, bemerkte sie seine Tränen.
„Hey, du“, murmelte sie und war zum ersten Mal gerührt, aber auch komplett hilflos. Ob das mit dem Mitnehmen jetzt noch eine gute Idee war?
Da sagte Eike schon leise: „Königsburger Straße, aber ich muss da nicht unbedingt hin, hab‘ ja meinen Einkauf stehenlassen.“
„Na klar, stimmt. Was mach‘ ich jetzt bloß mit dir? Willst‘n Eis?“
„Nö“, druckste Eike. „Vielleicht zu dir?“
Martine lachte hell auf. „Du gehst aber ran, Boy“, gluckste sie und knuffte ihn sanft auf den Oberarm. „Na gut, warum eigentlich nicht?“ Sie ergriff sofort diese Möglichkeit, ihn zu kurieren. Hart, aber kurz. Charlotte würde ihn überzeugen und auf den Teppich zurückbringen. Sie hatte in Gedanken die Sache schon abgeschlossen. Für Martine war das alles nur ein witziges Zwischenspiel.


9.
Ich bin hungrig und plötzlich gutgelaunt. Es sollte reichen, um im Speiseraum einige Schnittchen zu essen. Einige Menschen um mich herum wären jetzt genau richtig. Das Buffet hat noch geöffnet. Mittagstisch ist vorbei, aber darauf habe ich ohnehin keinen Appetit. Die Herbergsmutter kommt zugleich zu mir und fragt nach meinem Befinden.
„Es ist wie weggeblasen“, lobe ich. „Das war sicher nur Ihr Tee.“ Sie freut sich, weiß natürlich, dass ich flunkere, aber so ein Tee ist ein wunderbarer Placebo. Wirklich geholfen hat mir, dass ich geschlagene drei Stunden geschlafen habe. Mürren liegt ja auch so verdammt hoch, dünne Luft und so. „Was leichtes hätte ich gerne. Aber trotzdem mit viiiiel Kalorien, entweder eine Käsestulle oder es darf auch Konfekt sein. Alle wäre jetzt recht.“ Die Frau lächelt und kommt mit einem gemischten Teller zurück. Perfekt. Es gibt hier nur drei Gäste, so nimmt sie sich die Zeit, zu jedem an den Tisch zu kommen.
„Sonst haben wir ja nur das kalte Buffet hier“, erläutert sie und setzt sich kurz zu mir. „Einen Fruchtsaft oder doch was mit Alkohol?“
„Ich glaube, ein Fruchtsaft wäre genau das richtige.“ Ich habe ein schlechtes Gewissen, weil sie zuvorkommend hin- und herläuft. Aber wenn sie es denn gerne macht...?

Sie setzt sich wieder zu mir und wir reden unverbindlich über das Lauterbrunner Wetter, die letzte Schneeschmelze, ihren Kater, der vorigen Monat ausgebüxt war und noch vermisst wird. Sie hat‘s im Kreuz, umso mehr gräme ich mich, dass sie die Kellnerin für mich spielt. Ich könnte mir doch den Fruchtsaft selber holen...
„Aber Anton hat‘s noch schlimmer erwischt“, fährt sie fort, „denn weil er den Star hat, darf er nicht mehr Autofahren. Dann wird‘s schwer mit den Lieferungen. Aber mit den Kühen klappt‘s schon noch, die Liesl allein gibt genug Milch für die zehn Gäste, die in der Saison hier im Chalet einfallen.“ Ah, vielleicht hat er mich also gar nicht richtig scharf gesehen, was wäre wohl gewesen, wenn er den Star nicht hätte? So schlimm sah es doch noch nicht aus, denke ich.
„Anfangsstadium“, erklärt sie. „Nächstes Frühjahr fährt er nach Interlaken, zur Operation.“ Sie zieht ihre Stirn zusammen, „ja, das ängstigt mich tatsächlich“, fügt sie leise hinzu. Aber die Fortsschritte der Medizin... Was ich denn hier so mache, auf der „Alm“, wie sie sagt. Die Alm ist wirklich nicht weit weg, ein Viertelstündchen mit der kleinen Bahn über den gemauerten Viadukt und schon ist man da. Ob ich schon Ziegenmilch probiert hätte...? Ja, schmeckt mir aber nicht. Leider. Das ist aber schad. Aber gegen einen Becher Lieslmilch hätte ich nichts einzuwenden, ist die beste Kuhmilch. „Es gibt doch nicht besseres“, sagt sie. „Das ist wie reine Sahne. Noch ein Bier. Kommt gleich! Die Gäste trinken nur Bier, dabei haben wir einen feinen Wein hier. Sogar Japaner und Australier trinken Bier.“ Sie erklärt mir, dass das Zapfen in dieser Höhe eine Kunst für sich sei. Ob ich denn schon auf dem Jungfraujoch war? Teuer ist das, und man muss wirklich früh oben sein, sonst sieht man den Gletscher vor lauter Touristen nicht mehr. Und auf den Turm kommt man schon gar nicht mehr ab morgens zehne. Aber der Schorsch oben, der in der Poststation, kennt einen, der mich auch nach Feierabend noch hochlassen würde, ein so fesches Madel wie mich. Frau und Kinder hat der in Lauterbrunnen, freut sich über jedes frohe Gesicht. Und ich liebe dieses scheinbar banale Geplauder, ich glaube nach einer Weile alle Menschen der Schweiz zu kennen.

Sie zapft das gewünschte Bier, bringt es dem Gast und kassiert, Bier kostet extra, der Anton ist grad nicht da, verschollen. Ja, die Bahn ins Tal fährt heuer bis zehn in der Spät, bitte, gern geschehen. Sie räumt meinen Teller ab. Die Herbergsmutter beugt sich vor und legt ihre mütterlichen Hände auf meinen Arm. „Nicht gleich bös‘ sein“, flüstert sie mir im Geheimen zu, „aber das mit dem Rouge im Gesicht ist arg zuviel, das haben Sie nicht nötig, Sie strahlen doch so schon genug mit den Augen, den grünen, hören Sie mal auf eine alte Frau, nehmen Sie weniger Rouge. Gott sei mit Ihnen.“

Ich strahle also... mit meinen grünen Augen.... ? Sogar die Wirtin ist überzeugt, mit ihrer Erfahrung, allen Menschen das Geheimste an der Nasenspitze abzulesen, mit ihrer Menschenkenntnis? Ich - ein junges Mädchen und ich hätte das gar nicht nötig. Mir wird froh ums Herz. Fesches Mädel nennen sie mich. Kein Argwohn, keine Ungewissheit. Ich hole meinen Taschenspiegel aus der Handtasche und wische verstohlen das Rouge fort. Ja, sie hat recht. Ich bin neunzehn und ich brauche nicht soviel Makeup. Dafür bin ich ein viel zu heller Typ. Aber ich muss noch viel lernen. Viel üben.
„Wie komme ich denn am besten nach Grindelwald?“ frage ich. Ich lasse mir die Stationen aufschreiben, Grindelwald ist genau gegenüber, auf der anderen Talseite, da muss ich erst durch Lauterbrunnen, eine Tagesreise...
Aktualisiert: 27/06/13
Veröffentlicht: 31/05/12
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split am 31/05/12 17:29
Wow... krass... ich bin gerade sprachlos und verwirrt und... uiiiiii... krass
Ich reime mir so langsam zusammen, was passiert ist, auch wenn ich mir nicht hundertprozentig einig bin...
Hast du jedenfalls voll krass genial geschrieben... und ich finds toll, dass du so konsequent immer wieder yuri schreibst, davon gibts hier zu wenig.
LG, dat split *sich von der schweren Kost erholen geht*
Ankunft 1
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Yavia
29/08/21 12:27
An alle, die eine Nachricht an die Admins über die Mailadresse schicken: Bitte gebt euren Usernamen in der Nachricht mit an, damit wir wissen, wer um Hilfe fragt. Vielen Dank!

Snoopy279
16/05/21 18:14
gerne natürlich auch die, die Fanfiktion lesen/Fanfiktionschreiber einfach unterstützen wollen

Snoopy279
16/05/21 18:14
alle, die auch Fanfiktion schreiben, bitte bei der Petition mitmachen, damit das auch in Zukunft möglich bleibt!
http://chng.it/WnwVCzxGff


jabba
21/01/21 22:32
Knuddel! Knuddel! Alle ganz doll knuddel! Heute ist Weltknuddeltag! Knuddel! Knuddel!

Witch23
01/01/21 02:37
*Pfeif Zisch* Gutes neues Jahr wünsche ich euch allen

split
01/01/21 00:01
Frohes Neues *krach baller lärm*

split
24/12/20 23:24
Frohe Weihnachten

Niemue
24/12/20 12:29
Ich wünsche Euch allen schöne Feiertage, einen guten Rutsch und viel Gesundheit im Neuen Jahr! :*

Witch23
24/12/20 11:02
Wünsche ich euch auch. Vor allem habt schöne Feiertage.

Yavia
24/12/20 10:48
Frohe Weihnachten euch allen!

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