Das Gewicht einer Seele von Lysander (Laufend)
Inhalt: Menschengleiche Maschinen infiltrieren die Schauplätze politischer Macht. Sie morden heimlich und manipulieren ganze Reiche. Anabelle, die Erfinderin jener Geschöpfe ist in einem solchen Körper gefangen. Sie weiß, dass ihre Wesen zu anderem bestimmt waren. Ohne mit einer Person darüber sprechen zu können verliert sie ihre Identität, ihre Macht und Reputation. Unter der permanenten Bedrohung der demontage muss sie die Personen finden, die ihre Erfindung korumpiert haben. Bis auf Madame Zaida, eine Magierin und Agentin der britischen Krone, ist Anabelle auf sich allein gestellt.
Genres: Historisch, Paranormale Welt, F/F (Yuri)
1. Warnung: Keine
2. Warnung: Keine
3. Warnung: Gewalt
Kapitel: 5
Veröffentlicht: 31/05/12
Aktualisiert: 08/06/12
Anmerkungen zur Geschichte:Das Buch ist Grundlage diverser Steampunk-Novellen um die beiden Damen. Sie arbeiten als Detektiv-Duo, wobei Madame Zaida in erster Linie die magisch unterstützte Aufklärung betreibt und Anabelle sie mit ihrem technischen Wissen und ihrem klaren Verstand unterstützt. Genaugenommen ergeben Anabelle und Zaida ein vollkommenes Gleichgewicht. Allerdings war das nicht von Anfang an so harmonisch.
Näheres dazu erfahrt ihr in dem Buch.
Prolog
Anmerkungen zum Kapitel:Anabelle lebt in Paris. Sie ist eine der ungewöhnlichen Damen des 19. Jahrhunderts. Genaugenommen gilt sie als unverheiratete Frau als alte Jungfer. Aber Ihr Interesse gilt nicht der Suche nach einem geeigneten Ehegatten. Sie ist Wissenschaftlerin, genaugenommen die einzige weibliche Maschinenbauerin und Dozentin in ganz Europa. Einzigartig, wie sie ist, glaubt sie, nichts könne sich ihr in den Weg stellen ... nichts, bis auf ihren eigenen Tod.
„Rühme dich nicht des morgigen Tages; denn du weißt nicht, was heute sich begeben mag!“
Altes Testament, Sprüche, Kapitel 27 / Vers 1


Der Querschläger riss Putz und feine Holzsplitter neben Anabelles Wange aus der Wand. Geistesgegenwärtig warf sie sich zu Boden und nahm Deckung hinter dem noch immer offen stehenden Planschrank.
War sie nicht allein in der Villa? Bis eben hörte sie nichts, nur das Prasseln der Flammen im Kamin, die rasend schnell Papier und Transparent zerfraßen.
Ihr Herz schlug hart und schnell in ihrer Brust. Noch immer sah und hörte sie nichts. Wer war der Angreifer?!
Sie vernahm den Auswurf der Hülse, als ihr Gegner das Gewehr durch lud. Erschrocken spähte sie zu ihrem Schreibtisch, auf dem Aktentasche und Revolver lagen. Sie verfluchte sich für ihre mangelnde Vorsicht! Ausgerechnet jetzt!
Allerdings folgte kein weiterer Schuss. Anabelle lauschte angestrengt. Suchte er sie? Vielleicht glaubte er, sie bereits getroffen zu haben! Sie hielt die Luft an. Wahrscheinlich wartete er darauf, dass sie sich durch eine unvorsichtige Bewegung verriet. Sekunden verstrichen, in denen sie nichts hörte. Ihr Gegner bewegte sich lautlos. Umso mehr achtete sie auf die flackernden Schatten auf den Dielen. Es war ihre einzige Chance ihn auszumachen. Die enervierende Stille, die lediglich von dem Knistern des Feuers durchbrochen wurde, machte sie wahnsinnig!
Ihr Herz pochte unter der Anspannung lauter und härter. Sie fühlte, wie sie unter den Schlägen, die ihr Blut durch ihre Adern pumpten, erbebte. Mühsam zwang sie sich zur Ruhe. Ihre Blicke tasteten erneut über den Boden. Sie fand keinen verräterischen Schatten. In diesem Moment hörte sie, wie die Tür der Villa aufgeschlossen wurde. Der Hall von hohen Ansätzen brach sich an den Wänden des Windfangs.
‚Anais!’, schoss es ihr durch den Kopf. Nur ihre Schwester und ihr Schwager besaßen Schlüssel zu diesem Gebäude. Vielleicht war das ihre Rettung; oder Anais’ Tod.
Der Gedanke entsetzte sie. Ihre Zwillingsschwester stand ihr näher als jeder andere Mensch. Sie konnte nicht Anais’ Leben opfern, um ihr eigenes zu retten!
Anabelles Blick tastete über den Boden und die getäfelten Wände. Gab es keinen Hinweis, ob dieses Wesen noch hier war, oder was er tat?! Sehnsüchtig sah sie zu ihrer Waffe, die doch in erreichbarer Nähe lag! Sie konnte aufspringen und den Revolver ergreifen, musste nur sofort wieder Deckung nehmen! Tournüre und Schleppe ihres Kleides behinderten sie vielleicht, aber wenn sie Glück hatte …
Dumpf schlug das schwere Gewehr auf den Boden.
Anais hielt den Atem an. Sie wusste, dass sie ihre Chance vertan hatte. Gleichzeitig spannte ihr Gegner den Hahn einer weiteren Waffe. Er ließ ihr keine Gelegenheit! Anabelle erhob sich auf Hände und Knie, um sich vorsichtig zu orientieren.
Für einen winzigen Moment fragte sich Anabelle, wie sie sich aus dieser Situation heraus manövrieren konnte.
Vielleicht war es für sie zu spät, nicht aber für ihre Schwester!
„Anais!“, rief sie, so laut sie konnte. „Verschwinde!“
Ein Schuss löste sich. Die Kugel bohrte sich durch die Schrankwand, hinter der sie sich verbarg. Anabelle presste sich – so gut es mit der Tournüre ging - in die Ecke. Das Geschoss bohrte sich durch das Holz an ihrer Seite. Als sie die grauen Rauchfäden gewahrte, wusste sie, dass es unausweichlich zu spät war, um sich zu schützen. Trotz allem zuckte sie zusammen. Salzsäure spritzte aus der aufgeplatzten Patronenkammer über sie! Der Schmerz sengte über ihren Arm und das Schulterblatt. Der Gestank verätzten Stoffs und schwelendes Fleisches mischte sich in den Geruch des Kaminfeuers.
Panisch versuchte sie, den säuregetränkten Stoff von ihrer Haut zu reißen. Ein weiterer Schuss löste sich. In der gleichen Sekunde merkte sie, dass sie alle Vorsicht fallen gelassen hatte und ihm Angriffsfläche bot.
Anabelle spürte, wie das Geschoss Jacke, Bluse und Mieder durchdrang, um in ihrem Körper aufzuplatzen. Schmerzen, wie Anabelle sie nie zuvor ertragen musste, explodierten in ihren Eingeweiden. Flüssiges Feuer sengte durch ihre Nervenbahnen und flutete ihren Verstand. Für Sekunden sah sie blendend weißes Licht, bevor sie in die Dunkelheit ihres Büros zurück stürzte. Sie glaubte in einen finsteren, endlosen Schacht gesogen zu werden. Qualvoll klammerte sie sich an der Reflektion des Kaminfeuers auf den Dielen fest. Licht konnte sie zurück führen, verhindern, dass die schwarzen, klebrigen Spinnweben ihrer Ohnmacht sie ergriffen und zurück rissen. In dieser – für sie nicht mehr fassbaren – Zeitspanne konzentrierten sich all ihre Sinne nur noch auf ihren Körper und das jämmerliche bisschen Leben. Schleichend fand ihr Bewusstsein in die Wirklichkeit zurück. Der Preis dafür war hoch. Ihr Leib brannte! Die Schmerzen steigerten sich zur Agonie. Sie krümmte sich bebend zusammen, um die Qualen erträglicher zu machen. Zwischen ihren Fingern sickerte säurehaltiges Blut. Längstenfalls blieb ihr eine knappe Stunde, bevor sie an ihren inneren Verletzungen starb. Ihr Leben rann aus der Bauchwunde auf den Boden. Was die Kugel bei ihrer Explosion nicht zerfetzen konnte, vernichtete die Chemikalie. Ihr Mund füllte sich mit bittersalziger Flüssigkeit. Im ersten Moment konnte sie nicht einordnen, was sie auf ihrer Zunge schmeckte, bis ihr klar wurde, dass es Galle und Blut sein mussten. Anabelle wusste, dass sie starb.
‚Wie paradox’, dachte sie humorlos. ‚Sie starb durch eine von ihr selbst kreierten Waffe.’
Verzweifelt rief sie sich zur Ordnung. Ihre eiserne Willensstärke und die Jahre in entsagungsvoller Disziplin sorgten für ein Aufwallen ihres Zornes. Sie weigerte sich dagegen, einfach aufzugeben! Sie war eine Wissenschaftlerin, eine Professorin und sie kannte das Geheimnis des Lebens. In ihren Händen lag der Lebensfunke selbst! Sie konnte noch nicht gehen! Es war viel zu früh dafür!
Eine Hand presste sie gegen die offene Bauchwunde, während sie versuchte, sich mit der anderen hoch zu stemmen. Alle verbleibende Kraft, die sie in ihrer verzweifelten Wut zu haben glaubte, verrauchte in vollständiger Erschöpfung. Sie blieb zusammengekrümmt auf dem Boden liegen. Ihr Blick kroch über die Dielen an dem Tisch hinauf.
Zumindest gelang es ihr zuvor die Pläne zu vernichten. Trotzdem lagen noch ein paar Berichte und Bauanleitungen in ihrer Tasche. Mit dem schwachen Anflug von Schrecken realisierte sie, dass der Besitz dieser wenigen Papiere bereits ausreichen konnte, die Hölle auf die Erde herauf zu beschwören. Ihre Hand kroch kraftlos über den Boden. Sie versuchte, ihre Finger zu heben. Alles lag so nah bei ihr und dennoch in unerreichbarer Ferne.
Anabelles Geist driftete ab. In ihrem Gehirn manifestierte sich der Gedanke, wieso sie sich das Wissen über die Zauberkunst nicht genauer eingeprägt hatte. In ihrer jetzigen Situation wäre es hilfreich. Kannte sie nicht die Formeln? Ihre Hand streckte sich weiter. Was wollte sie bewirken? Ihr Verstand verwirrte sich, je mehr sie ihre Kräfte darauf verschwendete. Schwach fielen ihre Finger auf das Holz zurück und blieben liegen. Sie sah die roten Spuren ihrer Hand auf den Dielen. Der Anblick nahm ihr die letzte Hoffnung etwas zu bewirken. Anabelle musste sich eingestehen, dass sie in allen Punkten gescheitert war. Hoffnungslosigkeit und Kälte breitete sich in ihr aus. Sie begann zu frieren. Das war der Anfang vom Ende …
Mit zusammengebissenen Zähnen versuchte sie ihren Gegner auszumachen. Ihr Blick verschleierte sich immer wieder. Sie konnte zwischen den Schatten des Zimmers und möglichen Personen nichts mehr aus machen. Das zuvor schwache Licht des Kamins erhellte den Rand ihres Sichtfeldes in unerträglichem Maß. Anabelle spürte, wie ihre Augen tränten. Sie kniff die Lider zusammen, hob sie aber gleich wieder, in der Hoffnung nun mehr zu sehen. Schwach erkannte sie den Schatten einer Person, die sich über die Tischplatte neigte und in etwas blätterte. Ihre Bauanleitungen!
Schrecken elektrisierte ihre schmerzenden Nerven und sengte erneut durch ihren Körper. Wer war es? Ihr Assistent?! Ihr Schwager vielleicht? … oder einer ihrer Schüler, der zu neugierig wurde?! Sie musste es wissen! Sie verdrehte sich unter ungeheuren Schmerzen. Ihr Blick irrte über den Boden, zwischen den Tischbeinen und den Stühlen hindurch. Das Licht des Kamins, in dem ihr verfluchtes Lebenswerk brannte, reichte bis zu der verglasten Türe und hinüber zu ihrem Labor und der Werkstatt. Nichts!
Wo war er nur? Ihre Augen suchten den Schreibtisch. Sie verdrehte die Pupillen, bis gleißender Schmerz Bahnen durch ihren Schädel zog. Das Bild verschwamm vor ihren Augen. Anabelle senkte die Lider.
Stufen und Dielen knackten unter ungeheurem Gewicht. Jemand ging betont langsam über den Flur. Anais konnte es nicht sein! War es ein weiterer Gegner? Anabelle öffnete stöhnend die Augen. Die Realität verzerrte sich. Sie glaubte leise, kleine Schritte zu hören. Sie vermischten sich mit dem betäubenden Rauschen ihres eigenen Blutes. Unter dem infernalischen Lärm vernahm sie ein immer wiederkehrendes, scharfes Kreischen. Es dauerte eine kleine Ewigkeit, bis sie das Geräusch als unfertige Mechanik erkannte. Erneut elektrisierte ihr Körper. Entsetzen ergriff sie. Anabelle riss sie die Augen auf. Ihr Blick irrte panisch über den Boden und verfing sich an einer dunkelgrünen Schleppe über einer Tournüre. Unter dem Saum des schmalen Rockes blitzten hellgrüne Schnürstiefeletten. Langsam umrundete die Frau den Schreibtisch. Ihr Leib musste zwei oder drei Zentner wiegen. Anabelle hörte das alte Holz ächzen!
„Hier!“, hörte sie eine kühle Männerstimme. Seine Worte wurden von einem harten Akzent begleitet. Die Person war ihr fremd.
Anabelle versuchte zu erkennen, was geschah. Ihre Gegner bewegten sich geschickt am Rande von Anabelles Sichtfeld. Letztendlich gab die Fremde ihr Versteckspiel auf. Sie trat in das Licht des Kamins. Sie war zierlich und klein. Ihre Kleidung zeichnete sie als Dame der Gesellschaft aus. Das flackernde Licht fing manchmal eine hellblonde Locke ein. Dennoch blieb die Helligkeit nie lang genug, um einen Eindruck ihres Gesichtes zu gewinnen. Letzten Endes fesselte Anabelle auch mehr das Säuregewehr in den kleinen Händen der Fremden. Fast gemächlich wendete die Frau ihr den Rücken zu. Die Seide der Schleppe strich über Anabelles Hand. Die Gestalt der Dame in Grün widersprach vollkommen dem immensen Gewicht. Anabelle konnte den Gedanken nicht mehr ganz ergreifen und ihn zu Ende denken. Sie nahm nur noch Eindrücke auf, ohne sie umzusetzen.
Die Fremde legte ihr Gewehr nieder, schob Anabelles Revolver von sich und nahm die Aktentasche hoch. Sie durchsuchte jedes Fach, bevor sie die Mappe von sich schleuderte. Wütend fuhr sie herum. Blonde Locken wirbelten unter dem Hut auf. Anabelle erkannte das schöne Gesicht, was sich nun gut sichtbar im Feuerschein zu ihr wendete nicht. Dennoch schien es ihr vertraut. Sie fand nicht die Chance, darüber nachzudenken. Die fein geschwungenen Brauen zogen sich über großen, dunklen Augen düster zusammen. Die Fremde presste wütend ihre vollen Lippen aufeinander.
Anabelle empfand widersinnige Bewunderung angesichts der Perfektion, mit der das Gesicht dieser puppenhaften Maschine ausgestaltet wurde. Alles an diesem Geschöpf wirkte lebendig und natürlich; alles, bis auf das metallene Schaben der ungefetteten Gelenke. War dieses Wesen ein Kind ihrer Schöpfung?
Der hasserfüllte Blick der Schönheit vernichtete Anabelles Bewunderung.
Eine Welle unerträglichen Schmerzes nahm ihr den Atem und betäubte ihre Sinne. Die Wirklichkeit verschwamm hinter gnädigen Nebeln. Sie keuchte und krümmte sich auf dem Boden. Unter ihrem Körper tränkten sich die Dielen mit ihrem Leben. Dennoch fühlte sie ihren stummen Triumph in sich. Dieses Wesen war ihr Geschöpf. Trotzdem würde alle Perfektion nicht darüber hinweg täuschen, dass sie eine leblose Hülle war! Die Formeln und das Verfahren für die Übertragung einer Seele in eine Maschine brannten im Kamin zu Asche!
Plötzlich fühlte sie sich an der Kehle ein geringes Stück vom Boden hochgerissen!
Unglaublich betäubende Leichtigkeit ergriff sie. Alles Gewicht ihrer Sorgen und ihres Lebens wichen aus ihr zurück. Erneut verzerrte sich die Wirklichkeit vor ihren Augen. Verfremdet sah sie das Gesicht der Puppe vor sich. Die Maschine hielt etwas Funkelndes hoch. Der goldene Metallrahmen war in Form eines Pentagramms geschmiedet. In den Spitzen schimmerten transparente Edelsteinplatten. Mehr erkannte sie nicht. Trotzdem wusste sie, dass magische Symbole eingearbeitet worden waren. Zentrisch befand sich ein faustgroßer blauer Diamant. Dieses Gerät war eine Replik ihres Seelenauges. Jemand hatte es nach ihren Plänen gebaut; jenen Aufzeichnungen, die im Kamin brannten! Der schwache Hauch von Schrecken schwappte in ihr ermattetes Bewusstsein.
Die Puppe presste das Pentagramm über Anabelles linkes Auge. Es tat weh, ohne dass Anabelle die Art des Schmerzes noch beschreiben konnte. Der Druck fühlte sich dumpf an. Farbige Schemen verzerrten sich zu einem bizarren Kaleidoskop. Ihr Geist brach ein. Sie spürte, wie die Willenskraft, die sie bisher am Leben gehalten hatte, von dem einskalten Feuer des Seelenkristalls angesogen wurde. Sie spürte, wie sich ihr Herz zu einem Stein zusammenkrampfte. Aus ihrer Lunge presste sich aller Atem. Das Gefühl zu ersticken rann in die Gewissheit, zu verbluten. Schmerzen betäubten den Rest ihres Verstandes. Der Tanz der Lichtflecken wurde schwächer, ferner …
Sie spürte nichts mehr. Ihr Körper versagte jedweden Dienst. Spinnenfinger ihres eigenen Todes zuckten durch ihre Eingeweide. Eine unmenschliche Stimme wisperte am Rande ihrer Wahrnehmung Worte, die sie nicht mehr recht zuordnen konnte. Die Essenz dessen sickerte in ihren Verstand und vermischte sich mit den Eindrücken ihres langsamen Todes.
„Rühme dich nicht des morgigen Tages; denn du weißt nicht, was heute sich begeben mag!“
Schlußanmerkungen zum Kapitel:
Hochmut
„Wer zu Grunde gehen soll, der wird zuvor stolz; und Hochmut kommt vor dem Fall.“
Altes Testament, Sprüche, Kapitel 16 / Vers 18

„Rühme dich nicht des morgigen Tages; denn du weißt nicht, was heute sich begeben mag!“ …

Der Widerhall dieser Worte weckte alptraumhafte Bilder. Sie sah die Welt aus den gläsernen Augen eine Puppe.
In der diffusen Umgebung aus rostroten Nebeln und beißendem Qualm kniete sie über den zerrissenen Kadavern von Menschen. Binnen einer Sekunde endete ihr Leben. Nun gruben sich ihre schmalen Hände tief in die unidentifizierbare Masse Fleisch. Sie tastete nach etwas … unter ihren Fingerkuppen spürte sie Knochensplitter und Gewebe. Wonach suchte sie? Entfernt glaubte sie es zu wissen. Worte hallten hinter ihrer Stirn, erreichten allerdings nicht ihr Bewusstsein.
Immer wieder fragte sie sich, was sie tat. Ein schwacher Hauch von Ekel kroch in ihr herauf. Er verebbte auf unerklärliche Weise, als ihre Hand etwas umschloss.
Es fühlte sich auf eine unangenehme Art bekannt an. Der Gedanke entglitt ihr, bevor sie ihn ergreifen und beenden konnte. Alle Eindrücke dämpften sich auf ein Minimum herab, bis sie zu grauem Hintergrundrauschen verkamen. Ihre Welt versank wieder in erschöpfter Stille.
*
In einem nicht zu messenden Zeitraum erwachte sie aus diesem Fiebertraum. Erneut versank die Wahrnehmung ihrer Umwelt in Nebelbildern, die sich mit aller Macht ihrem Zugriff entwanden. Fahl glaubte sie die lichte Reflektion ihrer eigenen Person zu erkennen. Blut tränkte die Seide ihres Kleides. Helles Haar umrahmte ihr Gesicht. Das war keine Spiegelung!
Anabelle zögerte. Das Bild stimmte nicht. Sie versuchte diese Idee nachzuvollziehen. Es kostete sie Kraft, um wenigstens für kurze Zeit frei zu sein von dem, was ihren Verstand lähmte. Ihre Kiefer pressten sich aufeinander, Sie hörte, wie ihre Zähne knirschten. Dumpfer Druck pochte in ihren Schläfen. Der Schleier zeriss!
Sie sah alles klar.
In den blauen Augen ihres Gegenübers las sie Gleichgültigkeit. Grausam und schön blickte ihr eine Fremde entgegen. Sie war schön wie ein Engel, aber leblos wie Stahl. Obwohl sie zerbrechlich klein und unschuldig erschien, drückte ihre gesamte Haltung Entschlossenheit und Mordlust aus. Alles an ihr diente der Vernichtung.
Wer war sie? Anabelle hob die Hand. Die Reflektion folgte der Geste synchron. Sie senkte die Lider. Das Bild tat es ihr gleich. Mit einer Raschen Bewegung warf sie ihr Haar über die Schulter. Blonde Locken wirbelten durch die Luft … Blonde locken? Für den Bruchteil einer Sekunde erinnerte sie sich an Kaminfeuer, was auf solchem Haar schimmerte und grausamen Schmerzen.
Ihre Mörderin!
Sie fuhr zurück. Die Person ihr gegenüber ebenfalls. Bildete sie es sich ein, oder zögerte ihr mörderischer Gegenpart einen Wimpernschlag lang? Diese andere, die ihr kalt ins Gesicht lächelte war …
Bevor sie diesen Gedanken vollenden konnte, entglitt er ihr.
Mit aller Macht riss sie etwas in die bewusstlose Dunkelheit zurück!
*
Anabelle zählte die Toten nicht. Grausamkeit, Wahn und lüsterne Genüsse, bar jeder moralischen Grenze streiften ihre Welt in den Träumen. Ihr Herz erstarrte, ihre Glieder lenkten sich wie von Geisterhand, gegen ihre Überzeugung.
Dennoch wusste sie, was sie tat. Es belastete ihr Gewissen. Gnadenlos stürzte sie Familien in den Untergang, entzog den einflussreichsten Männern ihre Existenzgrundlage und schritt kalt lächelnd über ihre Leichen.
Das Gefühl am Untergang der Menschheit Teil zu haben, durchtränkte ihren Verstand und färbte ihr Schattengefängnis blutig rot. Eindrücke der tödlichen Puppe mischten sich in einem Kaleidoskop aus Empfindungen. Abscheu, Widerwille, und Angst woben sich in das Wissen, den Tod auf die Welt gesendet zu haben. Vernichtung folgte ihr. Anabelle konnte – gebannt in ihrer Todesstarre - nichts dagegen unternehmen.
*
Dumpfes Brummen von Rotoren wob sich in ihren von Alpträumen verwirrten Geist. Schwach bebte der Boden unter ihren Füßen. Aus wirbelnden Bildern driftete ihr Geist in die Wirklichkeit zurück. Der Ort war eng und dumpf. Die Luft war verbraucht. Schwach nahm sie das unangenehme Aroma von Maschinenfett und Kautschuk wahr.
Sollte auch das nur wieder ein Traum sein? Wie weit mochte dieser Zustand zwischen Tod, Schlaf und Erwachen noch gehen?
Sie spürte, wie sich etwas in ihr gegen dieses Dasein wehrte. Zugleich wurde ihr bewusst, dass sich etwas zu dem bisherigen Irrgarten ihrer Vorstellung geändert hatte. Im ersten Augenblick konnte sie nicht in einen Gedanken zusammenfassen, was sich von den bisherigen klaren Momenten unterschied. Noch immer trieb ihr Geist vor sich hin. Dennoch … Sie fühlte sich frei. Diese grundlegende, einfache Empfindung eröffnete ihr eine neue Perspektive. Alles um sie war real!
Anabelle schlug die Augen auf.
Erdrückende Finsternis empfing sie. Sie versuchte die Dunkelheit zu durchdringen. Etwas absolutes lag darin. Der Gedanke an einen Sarg schlich sich in ihr Bewusstsein. Ein Schauer rann über ihren Rücken. War sie nicht eigentlich tot? Diese Frage drängte sich mit aller Macht in ihren Geist. Sie erinnerte sich genau an die letzten Minuten ihres Lebens. Dennoch erwachte sie aus einem langen, unruhigen Schlaf. Ebenso sprachen die dumpfen Rotorengeräusche gegen ihren Tod.
Anabelle rang nach Luft, blähte ihr Lungen, aber nichts geschah! Sie existierte, lebte, ohne dass sie das Lebensnotwendigste in sich aufnehmen konnte! Für einen winzigen Moment spürte sie Panik in sich aufwallen. Mit aller Macht kämpfte sie gegen das Gefühl an. Ihr Wille zwang den Schrecken nieder, allerdings nicht die Angst. Fieberhaft ging ihr Verstand alle logischen Konsequenzen durch, die aus ihrem vermeintlichen Ableben und ihrem Mangel an Körperfunktionen wie das Atmen erwuchsen. Leider war die Zusammenführung dieser beiden Denkansätze schon nicht erklärbar. Ihre Fantasie malte dunkle Bilder von einem Reich jenseits der Vorstellung von Leben und Tod. Automatisch führte sie diese Theorie zu ihren Geschöpfen, die sie bauen wollte und nie ausführen konnte.
Vielleicht, wisperte eine gehässige Stimme in ihrem Hinterkopf, besaß ein anderer mehr Mut oder weniger moralische Hemmungen, ihre Pläne fort zu führen!
Sie ahnte, dass der Körper, der ihrem Verstand Gestalt bot, nicht der ihre war. Anabelles Seele wäre gefangen in einem Sarg aus Eisen, Holz, Kautschuk und Kupfer.
Wenn sich diese Vorstellung bewahrheiten sollte, gab es keine Anabelle de Trouveille mehr!
Alles was sie sich über die entsagungsvollen Jahre erarbeitet hatte, den Ruf als Wissenschaftlerin und Professorin an der Sorbonne und ihren europaweit bekannten Namen, büßte sie ein. Sie sah sich vor dem Scherbenhaufen eines einst glanzvollen Lebens.
Verzweiflung griff nach ihrem Herz. Dennoch wollte Anabelle sich solchen Gefühlen nicht hingeben! Vielleicht gab es für sie die Rückkehr in ein Leben, wie sie es gewohnt war. Dieser Gedanke beruhigte sie etwas.
Zuerst musste sie allerdings in Erfahrung bringen, an welchem Ort sie sich befand, und wie ausweglos ihre Lage tatsächlich aussah. Sie hob die Hände. Schon nach wenigen Zentimetern prallte sie gegen ein Hindernis. Die Berührung kam ihr falsch vor, als ob ihre Nervenbahnen betäubt worden wären. Vielleicht lag es auch daran, dass sie sich ihres Körpers und ihrer fünf Sinne nicht vollkommen bewusst war?
Taubheit lastete auf ihren Gliedern. Beunruhigt biss sie die Zähne zusammen. Ein ihr fremder, salzig schaler Geschmack rann über ihre Zunge in ihre Kehle. Sie vermisste den Schmerz in ihrem Kiefer. Zurück blieb nur diese beängstigend Fremde.
Langsam bewegte sie die Arme seitlich vom Körper, kam aber nicht weit. Vorsichtig lehnte sie sich nach vorne. Auch bei dieser Bewegung stieß sie rasch an eine Grenze. Sie ließ sich wieder zurück sinken. Bänder, Gurte oder Fesseln schienen sie in ihrem Sarg zu fixieren. Dieser Ausdruck manifestierte sich für jenen dunklen Ort, an dem sie sich befand.
Anabelle knirschte mit den Zähnen. Unsanft riss sie an dem, was sie fest hielt. Da ihr Körper nichts spürte, war es ihr auch vollkommen egal, wie sehr sie sich dabei verletzte.
Sie ballte die Fäuste und zerrte an ihren Fesseln. Die Bänder hielten. Anabelle verstärkte den Druck. Das Gefühl frei sein zu wollen, dominierte bald ihren gesamten Verstand. Sie wollte sich keine Ketten anlegen lassen!
Kraft flutete durch ihren bislang tauben Körper. Sie spürte, wie kochende Hitze durch ihre Glieder floss und brennende Spuren von Leben in ihr hinterließen. Ihre Muskeln spannten sich unter ihrer Haut und drückten mit aller Gewalt gegen die Fesseln, die sie hielten. Erst jetzt wurde ihr klar, dass sich Riemen um ihren Hals, die Hand- und Fußgelenke, sowie um Brust, Taille und Knie zusammen zogen. Das Material ächzte unter ihrer Kraft. Die Spannung übertrug sich in ihren Leib. Aufgeben würde sie nicht! Sie wendete jedes bisschen verfügbarer Reserven in ihrem Leib auf, bis ihre Fesseln nachgaben. Mit einem peitschenden Schlag rissen Stahlbänder.
Der Schwung ihrer Arme und Beine trug Anabelle vorwärts. Nach wenige Zentimetern bereits schlug sie gegen den metallenen Deckel ihres Gefängnisses. Anabelle zerriss die letzten Bänder, die sie hielten und sammelte auf dem engen Raum erneut Kraft, um ihre Hände nach vorne zu stoßen. Als ihre Finger hart auf den Widerstand prallten, ächzte stahlverstärktes Holz.
Sie lehnte sich zurück, zog ein Bein an und trat gegen den Deckel. Die Platten platzten aus ihren Halterungen. Polternd schlugen sie auf den Boden.
Die Finsternis, die sie nun erwartete schien, aus sich heraus zu leuchten. Dieses Mal war es einfach nur das Fehlen des Tageslichtes. Anabelle sah die Streben ihres Sarges vor sich. Mit einer Hand bog sie die Bänder zur Seite und taumelte ungelenk hinaus.
Obwohl ihr jedes Gefühl in den Beinen fehlte, konnte sie sich bewegen. Das Geräusch, was ihre Füße auf der stählernen Bodenbeplankung verursachten, erschreckte Anabelle allerdings. Sie musste unglaublich schwer sein! Holz und Stahl bogen sich unter ihr!
Erschrocken sah sie an sich herab. In dem blassen Mondlicht stand sie vollkommen unbekleidet da.
Ihre anerzogene Moral verbot ihr auch nur ein unbedecktes Fesselgelenk zu zeigen. Dennoch empfand sie diese Nacktheit nicht als peinlich. Mit einem kurzen Blick stellte sie sicher, dass sie sich allein in einem Laderaum befand. Um sie herum stapelten sich Kisten, Truhen, vertäute Maschinen und Gepäckstücke. Netze lagen lose zur Fallsicherung darüber. Sie zog die Brauen zusammen und sah noch einmal zu dem stählernen Sarg zurück. Metallriemen ragten aus dem zerstörten Inneren heraus.
Ihr bisheriges Gefängnis maß in der Höhe keine zwei Meter, war auch keinen halben Meter breit und tief. Es war ein Sarg. Anabelle löste sich von dem Anblick und sah erneut an sich herab.
Lange, helle Locken fielen über ihre Schultern bis zu den Unterschenkeln hinab. Ein unangenehmer Schauer – oder das, was sie dafür hielt – rann über ihre Wirbel hinab. Es erinnerte sie an die Schönheit in Grün, das hasserfüllte Gesicht der Puppe und die Spiegelung in ihrem Traum. Das war nicht der Anblick, den sie sich erhoffte!
Misstrauisch betrachtete sie ihre schmalen, bleichen Hände. Sie wirkten, als habe sie nie damit gearbeitet. Befremdet streckte sie ihre Finger gegen das Licht. Sie waren viel zu zierlich, um Werkzeug zu nutzen oder eine Drehmaschine zu bedienen. Schnaubend ließ sie die Arme sinken. Ihr Blick inspizierte den fremden Körper genau. Besonders interessierten Anabelle die Lederbänder, die unter Hautlappen an ihren Gelenken hervor sahen.
Probeweise testete sie ihre Beweglichkeit. Tatsächlich ließen sich Arme und Beine in alle möglichen Richtungen drehen. Einige Positionen würden bei kleinen Kindern und erwachsenen Damen Panikattacken verursachen, dachte sie boshaft.
Mit wissenschaftlicher Neugier zog sie einen noch losen Hautlappen über ihrem Ellenbogen hoch. In einer kleinen Metallfassung, die die Form eines echten Gelenks besaß, entdeckte sie eine gläserne Klappe, unter der sich bei Bewegungen stählerne Seile anstatt der von ihr geplanten Ketten bewegten. Es schien weitaus natürlicher; wie Bänder und Muskeln. Dieser Körper basierte auf ihren Plänen. Allerdings hatte die Person, die ihn schließlich baute, perfektioniert!
Sie setzte sich unbeholfen auf den Boden und untersuchte ihre Kniescheibe. Dort sah es nur unwesentlich anders aus. Dünne, in sich gedrehte Stahltrassen liefen überkreuz und durch Röhren, damit sie nicht aufeinander rieben und möglicherweise den Körper entzündeten. Sie beobachtete einige Sekunden lang die Funktionsweise ihrer Gliedmaße. Anabelle nahm die Informationen auf, die ihr Körper lieferte. Selbst die intimsten Stellen schienen vollständig ausgebildet und funktionsfähig zu sein. Diese Details gehörten definitiv nicht in ihre alten Planungen!
Solch eine Idee und „liebevolle“ Ausarbeitung konnte nur von einem Mann stammen, dachte sie spöttisch. Bezweckte er etwas damit? Vielleicht sollte der Körper zu seiner privaten Nutzung dienen? Anhand des Aufbaus wäre er geeignet, um mit einem Mann Beischlaf zu halten.
Schaudernd dachte Anabelle über den Gebrauch eines Uhrwerkmenschen in Bordellen nach. Dort eingesetzt, wären sie sicher von Interesse, insbesondere, wenn die Kunden nach Jungfrauen verlangten. Solch kleine „Reparaturen“ konnte ein Ingenieur sehr schnell vollziehen. Um solche Zwecken zu dienen, reichte auch ein weitaus leichterer Körper als dieser. Zu viel Gewicht konnte eher von Nachteil sein. Anabelle empfand ein dumpfes Gemisch aus Scham und boshafter Genugtuung. Diese Körper ließen sich durchaus zu „friedlichen“ Zwecken einsetzen …
Letztlich lag es in der Definition der Dinge.
Nachdenklich betrachtete Anabelle noch einmal ihren Körper. Warum waren ihre Gelenke schallgedämpft? Sie zog den Hautlappen an ihrem Ellenbogen hoch und stülpte ihn über den Bizeps. Unter einem feinen, Geflecht von Kupferkabeln befand sich eine gespannte Feder, die eine Unterarmlange Klinge in einer Laufschiene hielt! Allein bei dem Gedanken an den Sporn fuhr er sich zu voller Länge aus! Anabelle zuckte zusammen. Ihr Blick strich über den schmalen, gebogenen Dolch, der in einer feinen Spitze endete. Für einen winzigen Moment wusste sie nicht, ob sie Grauen oder Freude empfinden sollte. Die Zweckmäßigkeit der Waffe ließ sich nicht von der Hand weisen, aber zugleich begab sie sich damit auf die Stufe ihrer Mörder.
Unwillig presste sie die Kiefer aufeinander und suchte an ihrem Arm nach der Rückzugsmechanik. Nachdem sie nichts fand, schloss sie die Augen und stellte sich vor, wie der Sporn wider im Muskel ihres rechten Oberarms verschwand. Das leicht mechanische Schaben bestätigte ihren Verdacht. Diese Waffe wurde von ihrem Willen gesteuert. Bei Bedarf konnte Anabelle sie nutzen. Vielleicht sicherte sie sich damit Vorteile.
Sie musste sich sehr bald mit ihrem neuen Körper vertraut machen; am Besten bevor sie sich aus diesem Laderaum hinaus wagte. Zugleich interessierte sie allerdings auch, wo sie sich gerade befand. Es wäre mehr als unschön, wenn ein Besatzungsmitglied sie in diesem kompromittierenden Zustand antraf.
Vorsichtig erhob sie sich. Anabelle spürte etwas mehr Sicherheit in ihrem Gleichgewicht und Schritt. Dennoch hielt sie sich vorerst in der Nähe von Ladung auf, die sie mit ihrem Gewicht nicht sofort zertrümmern konnte, wenn sie strauchelte.
Bedacht langsam folgte sie der Lichtquelle zu einem der Fenster. Durch die gestapelte Ware und das Gepäck sah sie nur das Oberlicht, direkt unter der Decke.
Der Mond glitt hinter ein Wolkengebirge. Trotzdem konnte sie alles um sich erkennen.
Anabelle reckte den Kopf, musste sich aber eingestehen, dass sie in jedem Fall zu klein war. Ein rascher Rundblick offenbarte ihr eine Anzahl stählerner Kisten, die ähnlich aussahen wie ihr Sarg; nur weitaus kleiner.
Vorsichtig griff sie durch ein Sicherungsnetz und drückte mit der flachen Hand auf einen für sie erreichbaren Deckel. Das Material verformte sich leicht. Anabelle griff in das Seil und stemmte einen Fuß auf eine Kiste, um sich hochzuziehen. Die Deckenanker ächzten leise unter ihrem Gewicht, hielten aber Stand. Geschickt hangelte sie sich hinauf und spähte hinaus. Ihre Position erlaubte leider keine umfassende Sicht. Dazu befand sie sich zu weit von der Scheibe entfernt. Der Mond durchbrach die Wolken. Silbriges Licht spiegelte auf den Metalldeckeln der Kisten. Der Name der Handelsfirma stand auf dem Deckel: Henderson & Van den Haag. Für einen Moment mutmaßte Anabelle, dass die Ladung ebenfalls mechanische Lebewesen enthielt. Vielleicht waren es Tiere. Möglicherweise irrte sie sich auch und diese Gesellschaft stellte einfach nur stabile Kisten her. Sie verschob die Lösung des Problems auf einen anderen Zeitpunkt.
Sie würde nachsehen, was sich in diesen Kisten befand; allerdings brauchte sie zuvor Kleidung, bevor ein zufälliger Zuschauer sie im Evaskostüm entdeckte.
Diese Schwierigkeiten kämen ihr ausgerechnet jetzt mehr als ungelegen.
Eilig kletterte Anabelle an dem Auffangnetz herab und sah sich genauer um. Reise- und Schrankkoffer befanden sich in reichlicher Auswahl hier. Insgeheim hoffte sie darauf, in einem davon unauffällige Kleidung zu finden, was der oder die Vorbesitzerin nicht allzu sehr vermissen würde.
Die Namensschilder auf den Koffern halfen ihr, sich schnell einen Überblick zu verschaffen. Anhand einiger Namen der gehobenen Gesellschaft und Wissenschaft, Philosophie und Theologie, kristallisierten sich automatisch Bilder vor ihrem Inneren Auge. Sie konnte schnell einordnen, welche Klasse und Formate die Garderobe haben würde.
Unschlüssig ging Anabelle die Reihe der Koffer ab und ließ ihre Blicke schweifen. Nichts davon versprach unauffällige Kleidung.
Erst eine wuchtige, lederbezogene Truhe erregte ihre Aufmerksamkeit. Riemen und Obermaterial waren trocken, rissig und fleckig. An den Ecken trat das Metall hervor. Die Schnallen oxidierten bereits. Diese Art von Koffer entsprach nicht den modernen und eleganten Modellen, die sie zuvor gesehen hatte. Vielleicht gehörte dieses Ungeheuer einem Crewmitglied.
Neugierig schlüpfte Anabelle unter das lockere Auffangnetz Sie kniete sich vor die Truhe. Nicht einmal ein einfaches Vorhängeschloss gewährte Sicherheit.
Rasch löste sie die umfassenden Lederriemen - wobei einer unter ihren Fingern zerriss - und hob den Deckel.
Feine Seidenwäsche schimmerte im Mondlicht. Inhalt und Koffer standen im Gegensatz zueinander. Sie musste in Erfahrung bringen, wem diese Garderobe gehörte. Behutsam nahm sie ein Miederhemd heraus und drehte es, auf der Suche nach Initialen, die Hinweis auf die Besitzerin gaben. Zu ihrem Leidwesen wurde sie nicht fündig. Auch in all den anderen Stücken der Seidenwäsche fand sich nichts. Sie schob die Unterbekleidung zur Seite. Helle Rüschen eines Sommerkleides oder einer Bluse kamen zum Vorschein. Behutsam entfaltete sie das empfindliche Gewebe. Es war ein Kleid mit in den Stoff eingewebten Streublümchen. Eine feine Paspel fasste den hohen Kragen und die engen Armstulpen ein. Schleifen zierten die Brust und die Taille. Der Oberrock raffte sich an zwei Stellen oberhalb der Knie mit hellen Bändern, während der bodenlange Unterrock fein gestreift und stark gerüscht herab fiel. Abschätzend hob sie den teuren Stoff und betrachtete ihn. Diese Art Kleid widerstrebte Anabelles Pragmatismus. Allein die Vorstellung, in einer solchen Aufmachung in einer Werkstatt zu arbeiten, verursachte ihr eine Gänsehaut. Erneut sah sie in die Truhe. Mieder, Unterröcke und Haarbänder lagen sauber aufgeschichtet. Wem gehörten diese Sachen? Sie warf das Kleid in den offenen Deckel und schichtete die Wäsche um. Vielleicht gab es hier etwas Einfacheres.
Anabelles Hoffnungen wurden enttäuscht. Sie fand weiße, luftige Sommerkleider, prachtvoll verzierte Abendgarderoben, Pelzstolen, Schultertücher und Handschuhe mit Perlenstickereien. Anabelle warf alles in den Deckel der Truhe. In dem verfärbten, stockfleckigen Innenbezug der Kiste entdeckte Anabelle schließlich eine Seitentasche, in der sie eher Lavendelsäckchen erwartet hätte, als eine Sammlung unterschiedlicher Ausweispapiere aus allen Herren Ländern.
Neugierig blätterte sie ihren Fund durch. Auf großformatigen Blättern standen zu verschiedenen Daten und in entsprechend vielen Sprachen unterschiedliche Frauennamen. Das angegebene Geburtsdatum bewegte sich immer um das Jahr 1843. Besonders auffällig erschien Anabelle, dass alle Vornahmen mit A begannen und alle Nachnamen mit T; wie ihr eigener.
Alice Talbot, Adelheid Tanner, Anamaria Torini, Anastasia Trottnow, Anais de Talleyrand. Anabelle zuckte zusammen. Anais, der Name ihrer Schwester. Ausgerechnet auf diesem Stück Papier befand sich ein fettiger Fleck, der erahnen ließ, dass unter Talleyrand einmal ein anderer Namen gestanden haben mochte. Konnte das ein Zufall sein? Nachdenklich kippte sie den Deckel, um nach den Initialen zu suchen, die sie schon in der Wäsche vermisste.
Tatsächlich fand sie Reste einer Gravur auf der metallenen Schlosskappe. Das AT lag unter einer dicken Rostschicht verborgen.
Selbst wenn es ein Zufall sein sollte, woran Anabelle nicht glaubte, wechselte die Besitzerin dieses Übersehkoffers so oft ihre Identität, wie andere Menschen ihre Taschentücher.
Sie öffnete die Truhe wieder und hielt sich ein Kleid an den Körper. Es wunderte sie nicht, dass der Stoff ihren Körper wie maßgeschneidert umspannte. Sie legte es über den Rand der Truhe und nahm sich Feinwäsche heraus, die sie rasch überstreifte.
Das ungewohnt lange Haar behinderte sie bei dem Korsett. Kurzerhand flocht sie es zu einem Zopf und knotete es notdürftig mit Bändern zusammen.
Nachdem sie sich die Unterwäsche angelegt hatte, warf sie einen weiteren Blick in die Truhe. Schließlich entschied sie sich für einen hellen Rock, unter den sie eine Tournüre tragen musste und einer Bluse mit Vatermörder.
In jedem Fall empfand sie diese Kleidung als durch und durch unpassend. Was natürlich auch auf ihre nackten Füße zutraf.
Vermutlich würde sie in dem Schuhfach auch passende Stiefel finden. Vorsichtig ging sie in die Knie und verhakte sich sofort mit ihrem Rock in dem Netz. Ärgerlich riss sie an Seil und Stoff, kümmerte sich allerdings nicht weiter um ihr Problem, als sie eine gut sortierte Auswahl verschiedener Schnürstiefel fand. Anabelle zog ein Paar heraus.
Bei der Anprobe roch sie schwach Metall und Maschinenöl an dem Leder. Ein Blick versicherte ihr, dass ihre Absätze verstärkt und verschraubt waren, um ihr Gewicht zu tragen. Diese Ausstattung wurde durchweg für diesen Körper gefertigt. Neugierig sah sie sich nach halbwegs bequemen Schuhen um. Ein Paar weißer Stiefel war nicht ganz so hoch und passten zu der Scheußlichkeit, die sie trug. Eilig zog Anabelle sie hervor … etwas viel schwer zu Boden. Anabelle griff danach. In ihren Händen lag der alte Armeerevolver, den sie am Tag ihres Todes bei sich getragen hatte! Die Kerbe im Kolben und die säureverätzte Gravur waren identisch.
Anabelle fuhr hoch und drehte ihre Waffe in Händen. Der Revolver ihres Vaters! Diese Truhe entpuppte sich als wahre Schatzkammer! Sie kontrollierte die Trommel. Drei Schuss fehlten. Anabelle ging wieder in die Knie und tastete blind in das Schuhfach hinein. Zwischen anderen Schuhen eingeklemmt fand sie die Patronenschachtel und lud nach. Mit all den Identitäten, der Waffe und dieser Garderobe konnte sie sich unerkannt auf die Suche nach ihrem Mörder und dem Erschaffer der Puppe machen. Das Einzige, was Anabelle fehlte, war Geld und das Wissen, wo sie sich befand.
Der Boden vibrierte plötzlich! Ein tiefes, dunkles Mahlen lief durch das Holz.
Sie fuhr zusammen! Rasch steckte sie den Revolver in ihren Stiefel und befreite sich unter dem Auffangnetz.
Setzte das Luftschiff zur Landung an?
Zischend setzten sich links und rechts an den Wänden gewaltige Kolben in Bewegung. Maschinenöl troff von der Hydraulik auf den Boden. Knirschend deformierte und wölbte sich der Boden unter einem Teil der Ladung und ihrem Sarg. Das Luftschiff neigte sich ächzend zur Seite. Anabelle ruderte hastig mit den Armen, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Hinter ihr kamen Kisten ins Rutschen. In der ersten Sekunde wollte Anabelle nach dem Fallnetz greifen, unterließ es aber, als Koffer und Truhen kippten. Unsicher tänzelte sie nach vorne, in der Hoffnung, der Ladung ausweichen zu können, wenn es notwendig werden sollte. In dem Moment bockte der Boden unter ihren Füßen. Aus der Dunkelheit des Laderaums dröhnten plötzlich kleine Rotoren. Der Laut kam einem hohen Singen gleich.
Anabelle fuhr herum, um zu erkennen, was diesen hohen, ohrenbetäubenden Lärm verursachte. In der Finsternis flammte ein einzelner Scheinwerfer auf. Karbid!, schoss es Anabelle durch den Kopf. Das gleißende Weiß, drang bis in ihr Gehirn. Für eine Herzschlag konnte sie nichts sehen. Umso deutlicher nahm sie das schnell nahende Geräusch einer Maschine wahr. Blind warf sie sich zur Seite. Etwas streifte sie am Arm und wirbelte sie mit Urgewalt herum. Anabelle schrie. Sie riss die Augen entsetzt auf. Ein schlankes, kleines Fluggerät schoss über die Rampe hinaus in die Nacht. Ihr blieb keine Zeit, dieses Bild zu verinnerlichen. Sie schlug auf dem Boden auf, hörte Holz unter ihrem Gewicht bersten und rollte unkontrolliert weiter. Der Seidenstoff von Rock und Bluse riss auf. Sie spürte, wie sich die Planken unter ihr dehnten. Der Boden neigte sich. Sturmböen zerrten an ihren Kleidern. Anabelle wusste, dass sie auf die Rampe hinaus gewirbelt wurde! Nah an einer Wand barsten Haken und Schrauben aus ihren Ankern. Die Netze sanken herab. Ein mechanisches Kreischen von Metall auf Metall begleitete den Vorgang. Die Ladung kam ins Rutschen!
Das Luftschiff begann zu schlingern. Kisten und Koffer fiel in die Netze und Stahlseile rissen. Stoffballen rollten über den Boden. Anabelles Nägel krallten sich mit aller Gewalt in die Planken Sie fand kaum Halt. Wind fing sich in ihrem Rock und blähte ihn. Anabelle spürte den Sog, der sie durch den breiter werdenden Spalt hinabzuziehen drohte. Der Kamineffekt war immens. Trotz ihres Gewichtes reichte die Masseträgheit ihres Maschinenkörpers nicht aus, um der Erdanziehung ein wenig mehr Zeit abzutrotzen. Entsetzt schrie Anabelle. Hilflos glitt ihre Stiefelspitze über die Rampe.
Unter ihr toste ein Sturm über dem Meer. Sie sah die weiße Gischt, die hoch spritzte. Wenn sie jetzt aufgab, würde sie auch mit einem solchen Körper sterben!
Anabelle fuhr den Sporn aus ihrem Oberarm aus. Der verzweifelte Versuch, sich nach oben zu werfen scheiterte. Mit einem hässlichen Geräusch glitt die scharfe Klinge über das Holz und hinterlies tiefe Spuren. Erneut versuchte sie es. Obwohl sie ein Stück weit abrutschte, bohrte sich die Waffe dieses Mal tief in die Planken. Die Schwerkraft riss Anabelle dennoch ein bisschen weiter hinab. Sie spürte die Belastung in ihren Gelenken. Wie lang mochten sie stand halten? Die Klärung der Frage verlor alle Bedeutung, als sie
aus dem Augenwinkel bemerkte sie, wie Teile der Ladung auf sie zurutschten. Mit ungeheurem Krach fielen Kisten in sich zusammen und der Stahlsarg, in dem sie erwachte, stürzte in die Tiefe. Das Luftschiff versuchte den Sog zu kompensieren. Offensichtlich zog der Pilot die Kanzel hoch. Dennoch drohten unter ihr der Abgrund. Anabelle warf einen verzweifelten Blick hinauf. Eine der Stahlkisten glitt direkt auf sie zu!
Anabelle hoffte auf einen zweiten Sporn in ihrem linken Arm. Ohne es zu überprüfen, warf sie sich herum. Sie spürte, wie die Klinge aus ihrer Bluse schoss, in das Holz fuhr und stecken blieb. Einen Herzschlag später riss die Kante der Kiste einen Streifen Stoff aus ihrem Rock, ohne sie zu verwunden. Anabelle atmete auf. Wie viel ertrug ein solcher Maschinenleib? Spürte sie, wenn sie ihn überanstrengte?
Ihr wurde klar, wie überheblich es war, das Rad des Lebens auf solch unmoralische Weise zu unterbrechen. Der Hochmut des Ingenieurs, blinder Wissensdurst und der Wahn Gott zu spielen trafen sich in diesem Leib, der menschlich aussah, vielleicht so reagierte, aber es nie sein konnte, denn lediglich ihre Seele empfand noch, nicht mehr ihr Körper.
Sie hörte Stimmen und schnelle Schritte. Gleichzeitig zog die Hydraulik der Laderampe wieder an. Der Sog nahm ab. Sie spürte, wie sich ihre Gelenke entspannten. Dennoch blieb ihr keine Zeit aufzuatmen. Aus dem Augenwinkel bemerkte sie Bewegungen. Wie sollte sie die Klinge in ihrem Arm und den Revolver in ihrem Stiefel erklären?! … Und welchen Grund nannte sie für ihre Anwesenheit hier? Atemlos verharrte sie und lauschte. Schwere Stiefeltritte kamen rasch heran. Gleichzeitig schwollen die Geräusche des Antriebs zu lautem Tosen, um dann wieder abzusinken. Der Steuermann gewannen wieder Gewalt über das ausbrechende Luftschiff.
Vorsichtig zog sie die Klingen, die noch immer in der Beplankung fest saßen, ein. Sie hoffte, dass es aussah, als wolle sie sich langsam hoch ziehen und aufsetzen. Einer der Sporne steckte fest! Erschrocken sah sie auf. Ein paar Matrosen oder Arbeiter kämpften sich durch das Chaos zu ihr. Diese Situation konnte sie für sich nutzen. Vielleicht blieb ihr noch ein kurzer Moment! Mit aller Kraft riss sie an der Waffe. Mit einem leisen Ächzen gab die Planke nach und Anabelle befreite sich. Mit aller Willensanstrengung zog sie die Waffe zurück. Gerade noch rechtzeitig, wie sie feststellen musste. Ein muskulöser Mann mit schlecht rasiertem Kinn und hochrotem Gesicht ließ sich neben ihr auf die Knie sinken. „Wie kommen Sie hier her?!“
Die schwarze Hexe
Anmerkungen zum Kapitel:Madame Zaida tritt in Erscheinung
„Weißt du nicht, dass dich Gottes Güte zur Buße leitet?“
Luther-Bibel 1912, Römer, Kapitel 2.1


Obwohl Anabelle nicht sonderlich schreckhaft war, zuckte sie unter seinem scharfen Tonfall zusammen. Der Mann ragte über ihr wie ein Riese auf. Sein verlebtes Gesicht schimmerte feucht von Schweiß. Die Röte sprach von seiner Anstrengung, die ihm die letzten Minuten bereitet hatten. Ein dünner Wasserfaden rann in seinen schlecht sitzenden Kragen. Seine graublonden Haare standen in kurz geschorenen Stoppeln ab. Hohe Ratsherrenecken und tiefe Falten sprachen von seinem Alter. Der dünne Bart und die verquollene, mehrfach gebrochene Nase, verliehen ihm den wenig schmeichelhaften Anschein eines Schwergewichtboxers; was durch seine massige Gestalt unterstrichen wurde. Allerdings sprachen auch seine gewaltigen Schultern und die unglaublichen Hände dafür. An diesem Mann erschien ihr alles groß.
Anabelle sah an ihm vorüber, um die Lage abzuschätzen. In einiger Entfernung gingen die ersten Crewmitglieder an die Arbeit, um die Kisten und Waren zu retten. Sie nahmen von dem bulligen Mann kaum Notiz. Allerdings trugen sie alle die blauschwarze Uniform britischen Luftmarine. Ihr Gegenüber war Zivilist.
Ungebeten ergriff er ihren Arm. Geistesgegenwärtig schlug Anabelle seine Hand zurück.
„So viel Vertraulichkeiten verbitte ich mir!“, zischte sie. „Bislang wurden wir einander nicht vorgestellt!“
Das „nicht“ betonte sie besonders.
Der Fremde knurrte, während sie wackelig auf die Füße kam.
„Ich stelle hier die Fragen!“
Anabelle klopfte demonstrativ gründlich ihren Rock aus und richtete, so weit es noch sinnvoll war, ihre Bluse, bevor sie mit einer leichten Handbewegung ihren Zopf zurück warf.
Sie wollte sich von einem solch unterprivilegierten Mann nichts sagen lassen. Allein seine Gegenwart, der Geruch nach Schweiß und die Tatsache, dass sein Englisch von einem grauenhaften Dialekt verfärbt wurde, machten ihr die Person unsympathisch. Dennoch wusste sie, dass ihr Widerstand mögliche Folgen mit sich brächte.
Sein Gesicht verfärbte sich in ein dunkleres Rot. Adern traten wie Stahlseile an seinen Schläfen hervor. Die Kiefermuskeln arbeiteten.
„Haben Sie das alles hier angerichtet?!“, zischte er mit einer Handbewegung auf die ausufernde Verwüstung im Laderaum.
„Nein“, entgegnete Anabelle. In ihre Stimme schlich sich ein scharfer Unterton.
„Dann sagen Sie mir wer! … und warum Sie mitten in der Nacht in einem verschlossenen Laderaum herum laufen!“
„Wenn Sie sich mir vorstellen, vielleicht!“, entgegnete sie gereizt.
„Himmel …!“
Er fletschte die Zähne. Offenbar zerbiss er jeden Kommentar, der ihm gerade auf der Zunge lag, bevor er noch unhöflicher wurde.
„Kommen Sie mit!“, presste er hervor.
*
Anabelle fürchtete, dass ihre Reaktionen, geleitet durch ihre uneinsichtige Starrsinnigkeit, zu Unannehmlichkeiten führten. Er würde sie vermutlich zum Captain bringen. Der daraus resultierende Schluss war, dass sie als blinder Passagier am nächsten Luftschiffhafen der Gendarmerie übergeben würde. Der Gedanke missfiel ihr. Sie besaß zwar Koffer, Kleidung und eine gut sortierte Auswahl unterschiedlicher Identitäten, aber sie konnte auf nichts davon zurückgreifen, um nicht auch noch wegen Betruges und illegalem Waffenbesitzes in Schwierigkeiten zu geraten.
Sie überschlug ihre Möglichkeiten. Ihn überwältigen zu wollen, wäre im Bereich des Machbaren, aber sehr unklug. Früher oder später würde er vermisst werden.
Sich von ihm zur Rede stellen zu lassen würde ihre Pläne mit hoher Wahrscheinlichkeit durchkreuzen, um ihren Mörder zu finden. Ebenso konnte sie nicht zulassen, von ihm an den Captain übergeben zu werden. Sie wog die ganzen – nicht brauchbaren - Optionen gegeneinander ab. Risiken sah sie in jeder. Allerdings sprach gegen eine Möglichkeit mit Flucht auch die Tatsache, dass sie nicht die geringste Ahnung hatte, wo sie sich genau befand – oder zu welchem Zeitpunkt. Sicher stand nur fest, dass sie sich an Bord eines englischen Luftschiffes aufhielt.
Wenn sie ihm folgte, konnte sie möglicherweise zu einem späteren Zeitpunkt fliehen, oder ihn überlisten. Sie hielt den Stiernackigen Riesen für ziemlich dumm und emotionsgeleitet.
Vorerst blieb Anabelle keine andere Wahl, als diesem Mann zu folgen.
*
Er führte sie über Stahlrosttreppen aus dem Bauch der Kanzel hinauf. Allerdings schlug er bereits auf dem Unterdeck den Weg zu den Gästekabinen ein.
Anabelle folgte ihm befremdet. Auf den Fluren standen Männer in Morgenröcken und Nachtmützen oder einfach nur in Hosen und Hemd. Aufgeregt diskutierten sie miteinander, während die einfacheren Frauen in ihren Nachthemden zusammenstanden und schnatterten wie Hühner. Andere Damen, die – anhand ihrer Roben – Nachtschwärmer zu sein schienen, sahen ein wenig derangiert aus. Offenbar gab es keinen Passagier, der durch dieses ungewöhnliche Flugmanöver nicht aus dem Bett gerissen worden war.
Anabelle studierte im Vorübergehen oberflächlich die Gesichter. In allen zeichnete sich tiefer Schrecken ab. Einige schienen sich dennoch weitaus besser unter Kontrolle zu haben, als andere. Ein paar Frauen zeterten und weinten, während andere ihre innere Anspannung in hektischen Gesprächen ausdrückten.
Anabelle fand keine Gelegenheit, mehr als ein paar Gesprächsfetzen aufzufangen. Die Auswahl der Nationalitäten war auch erschreckend hoch.
Ihr Begleiter hielt kurz vor einer steilen, hölzernen Stiege inne und sah noch einmal in den Flur zurück.
In seinen Augen glomm ein misstrauischer Funke auf.
Anabelle folgte seinem Blick. In dem schmucklosen Gang standen nahezu alle Türen offen. Alle, bis auf eine. Anabelle maß dieser Tatsache wenig Bedeutung bei. Es war nicht gesagt, dass alle Kabinen restlos belegt waren. Dennoch merkte sie sich fast automatisch die Kabinennummer A1.13.
„Kommen Sie“, knurrte der Mann.
Wortlos leitete sie dieser Aufforderung folge.
*
Auch in der ersten Klasse drängten sich die Fluggäste auf dem Flur, allerdings oblag es den Herren, die Situation zu diskutieren, während Bedienstete und Flugpersonal sich um das Wohlbefinden der verschreckten Damen bemühten.
Anabelle bemerkte, wie prächtig die Wandtäfelungen aussahen, erfasste Intarsienarbeiten in poliertem Holz und verzierte Messinggriffe. Stützen trugen eine Kuppel auf bemaltem Stuck. Pflanzkübel lagen zerbrochen auf teuren Perserteppichen. Erde quoll hervor. Die Passagiere nahmen davon nur bedingt Notiz.
Der Chefsteward beruhigte gerade eine Gruppe älterer Männer. Einer von ihnen, ein kleiner, untersetzter Herr von vielleicht siebzig Jahren, dessen dichtes, silberweißes Haar zurückgekämmt war, löste sich von seinem Platz und trat auf Anabelle und ihren Begleiter zu. Er trug seinen Abendanzug. Offenbar hatte ihn das Spektakel nicht vollkommen unvorbereitet erreicht. Mit einer Hand zog er ein goldgefasstes Monokel aus der Innentasche seines Fracks und klemmte es zwischen Braue und Wange. Durch den Blick seiner freundlichen, fast kindlich runden, braunen Augen milderte sich die Strenge seines klassisch markanten Gesichtes. Die Abneigung, die Anabelle für ihren Begleiter empfand schlug bei diesem alten Herren in Sympathie um.
„Hailey, wen bringen Sie denn da mit?“, fragte er neugierig. In seinem Tonfall schwang ein deutlicher französischer Akzent mit. Anabelle hob eine Braue. Demnach kannte dieser Gentlemen ihren ungehobelten Begleiter.
„Wo ist Zaida?!“, fragte der Engländer, ohne auf den Kommentar seines Gegenübers einzugehen. Der alte Herr wendete sich um. Anabelle folgte seinem Blick zu einem verglasten Salon in der Front der Kanzel. Das gedämpfte Licht einer Opalglaslampe schimmerte durch die geschliffenen Scheiben. Anabelle glaubte, umgestürzte Sessel und Pflanzen zu erkennen, sah aber keine Person.
Hailey runzelte die Stirn. Wortlos ging er an dem alten Herren vorüber.
Anabelle zögerte, ihm zu folgen.
„Verzeihen Sie?“, sprach sie den Mann auf Französisch an. „Wer ist dieser Monsieur Hailey eigentlich?“ Sie versuchte ihre Stimme wertungsfrei klingen zu lassen, war sich aber nicht sicher, ob es ihr gelang.
„Hailey ist Inspektor bei Scottland Yard“, erklärte der ältere Herr freundlich.
Anabelle glaubte vor Entsetzen zu erstarren. Auch wenn sie keine körperlichen Empfindungen mehr aufwies, glaubte sie, eine eiserne Klammer schließe sich um ihr Herz.
„Ein Inspektor also“, wiederholte sie tonlos.
Der alte Mann sah sie offen an.
„Und mit abstand der proletarischste, den London je gesehen hat“, bestätigte er.
Anabelles Blick glitt hinter Hailey her. Ihre Nackenhaare stellten sich auf.
„Verzeihen Sie mir meine Unhöflichkeit“, fügte er hinzu. „Mein Name ist Vaucanson, Charles de Vaucanson.“
Überrascht sah Anabelle ihn an. Vaucanson war ein bekannter Name unter Wissenschaftlern in dem Fachgebiet der Automaten. Jaques de Vaucanson war der Urvater der künstlichen Tiere und Menschen. Er fertigte sie seinerzeit zwischen 1737 und 1743. Als sein unumstrittenes Meisterwerk galt immer die mechanische Ente.
Anabelle sah den alten Herren offenbar fast bestürzt an.
„Oh, seien Sie beruhigt“, lächelte er. „Ich bin nicht Jaques selbst. Meine Erfindungen fanden nie seine Meisterschaft. Dennoch ist er mein Urgroßvater.“
„Allein einen lebenden Vaucanson kennen zu lernen, ist eine unglaubliche Ehre!“, gestand Anabelle ehrlich.
„Dann kennen Sie sich mit den Geheimnissen der erfindenden Wissenschaft aus?“, fragte er charmant.
Anabelle ahnte, dass die Wahrheit viel zu viel über ihre Person preis gab. Allerdings konnte sie nicht widerstehen.
„Ja, durchaus“, bestätigte sie.
In seinen Augen funkelte eine fast jungenhafte Neugier. „Sind Sie möglicherweise sogar eine Wissenschaftlerin?“, fragte er. In seiner Stimme schwang Neugier und Spannung mit.
Anabelle musste sich dringend zügeln, bevor sie sich in einer Situation wieder fand, aus der sie sich nicht mehr befreien konnte.
„Nein, leider nicht“, entgegnete sie mit Bedauern. „Ich bin Schülerin Anabelle de Trouveilles.“
Vaucanson wurde ernst und senkte den Blick. „Das tut mir leid“, erklärte er. „Mademoiselle de Trouveille war eine hervorragende und vielversprechende Professorin – die jüngste an der Sorbonne. Sie war sicher nur wenig älter als Sie, liebes Kind.“
Anabelle gefror innerlich. War … Anabelle de Trouveille gab es nicht mehr. Sie schluckte hart, ohne den Speichel auf der Zunge zu fühlen. Ihre Welt kollabierte.
„Es tut mir leid, so indiskret gewesen zu sein“, sagte Vaucanson.
Anabelle schüttelte leicht den Kopf. Auf diesem Weg konnte sie vielleicht herausfinden, was die offizielle Version um ihr Ableben war.
„Das muss es nicht“, entgegnete sie halblaut. „Allerdings stand sie mir nah …“
Den Rest des Satzes ließ sie offen, in der Hoffnung, dass Vaucanson darauf einstieg.
Der alte Mann Schwieg einige Sekunden.
„Umso schlimmer muss es doch für Sie sein, mein Kind, dass Ihre hochverehrte Lehrmeisterin eines solchen Verbrechens beschuldigt wird.“
Anabelles Mimik versteinerte. Von was sprach er?!
Beschuldigt? Was warf man ihr vor?
„Das ist wahr“, flüsterte sie. Ein leises Zittern schlich sich in ihre Stimme. „Schrecklich!“
„Anhand der Spuren in ihrem Haus muss sie dort ihre Schwester getötet haben, bevor sie mit all ihren Plänen und Erfindungen verschwand. Die Uhrwerkmenschen und Tiere, die jetzt überall auftauchen, sind definitiv nach ihrem Modell entstanden.“
Der Boden wankte unter Anabelles Füßen. Sie die Mörderin ihrer Schwester?! Niemals! Die Leiche, die aufgefunden wurde war sicher ihr Körper!
„Sie starb durch …“, ihre Stimme versagte. Mit einer Hand fuhr sich Anabelle über die Stirn.
„Der Schuss in den Bauch hat Anais von Bergen getötet“, erklärte Vaucanson. „Aber wir sollten das Thema fallen lassen, liebes Kind. Ich sehe doch, wiesehr sie das mitnimmt.“
Anabelle nickte schwach.
„Wie ist Ihr Name?“, fragte er.
„Ana…“ Um ein Haar hätte sie sich versprochen. Mit eiserner Willensanstrengung atmete sie durch, auch wenn sie es nicht musste „Anais Talleyrand“, murmelte Anabelle.
„Es freut mich, Mademoiselle Talleyrand“, erklärte Vaucanson freundlich.
„Professor!“, brüllte Hailey von der Aussichtskanzel aus.
Anabelle und Vaucanson sahen auf.
Der Polizist winkte hektisch. Vaucanson ließ sich nicht hetzen. Wortlos reichte er Anabelle einen Arm.
„Wollen wir, meine Liebe?“
*
Auf dem Boden des Passagiersalons lagen zersprungene Gläser auf dem Teppich. Das Licht der Opalglaslampe brach sich auf den Scherben. Einige der Sessel standen bereits wieder aufgerichtet da. Ein Steward kümmerte sich um verschüttete Drinks und zwei junge Mädchen in der einfachen Kleidung von Putzhilfen bemühten sich, die umgestürzten Möbel richtig hinzustellen und zu kehren. Hailey kümmerte sich nicht um die Frauen. Er lief unruhig in dem Raum auf und ab. Anabelle würdigte ihn nur eines geringschätzigen Seitenblicks. Viel mehr interessierte sie sich für die schwarzhäutige Schönheit, die mit dem Rücken zu dem Panoramafenster stand. Sie überragte Anabelle und Vaucanson um weit über einen Kopf. Ihre Gestalt fiel allerdings aus anderen Gründen auf. Über ihre klare, offene Schönheit und ihre Anmut hinaus verströmte sie ihre starke, außergewöhnliche Präsenz wie ein Parfum. Anabelle konnte die Gefühle nicht in Worte fassen.
Wenn sie einen Raum betrat, dachte Anabelle, wäre es undenkbar, sie nicht zu bemerken. Ihre Präsenz füllte den Raum.
„Madame Zaida, das ist Mademoiselle Talleyrand“, stellte Vaucanson Anabelle vor.
Die schwarzhäutige Dame neigte sich etwas nach vorne und reichte Anabelle die rechte Hand. Zaida trug weiße Handschuhe und an ihrem Zeigefinger einen auffällig großen Ring, in dem ein milchig grüner Edelstein saß.
Ihr Griff war fest und warm.
Im ersten Moment fürchtete Anabelle, dass sie ihre neue Kraft nicht entsprechend kontrollieren konnte. So behutsam es ihr möglich war, erwiderte sie den Druck.
Ein warmes Lächeln huschte über Zaidas Züge. Ihre Augen schimmerten freundlich. Fasziniert studierte Anabelle das Gesicht der schwarzen Dame.
Zaida erweckte den Einruck, alterslos zu sein. Sie besaß die typisch negroiden, hohen Wangenknochen, volle Lippen und die entsprechend breite Nase. Ihre großen, mandelförmigen Augen verzauberten Anabelle. Sie verlor sich in der Schwärze.
„Es freut mich“, sagte Zaida. Ihre Stimme klang dunkel und voll. Sie sprach akzentfreies englisch.
Anhand ihres Auftretens und des eleganten, silbergrauen Kleides, war sich Anabelle sicher, dass Madame Zaida aus der höheren Gesellschaft stammen musste.
An sich galt es als undenkbar, dass eine Afrikanerin mehr sein konnte als eine Angestellte oder Dienerin. Diese Frau hingegen war sicher nie eine Unterprivilegierte. Dessen war sich Anabelle sicher.
Zaidas Gegenwart machte sie nervös. Ihre Knie zitterten. Alle Überlegenheit, die sie sonst gegenüber anderen Menschen empfand, wich aus ihr. Wenigstens zitterte ihre Stimme nicht, als sie Zaida antwortete.
„Auch mich freut es sehr.“
Zaidas Lächeln verstärkte sich. „Sie sind die junge Dame, die Mr. Hailey Widerstand geleistet hat.“
Leiser Spott schwang in ihrer Stimme mit. Anabelle bemerkte rasch, dass nicht sie Opfer dieser Ironie war.
Ihr Blick glitt zu dem Inspektor.
„Normalerweise bin ich nicht geneigt, solch Unhöflichkeiten hinzunehmen und den unterprivilegierten Stand derart in ihrem Proletariat zu unterstützen. Wenn Monsieur Hailey auch nur ein Wort von seinem Dienstgrad erwähnt hätte, so wäre meine Reaktion weniger restriktiv ausgefallen.“
Anabelle genoss ihre Überheblichkeit gegenüber dem Inspektor. Madame Zaida und Professor de Vaucanson standen mit ihr auf gleicher Stufe. Einen Proletarier wie Hailey konnte und wollte Anabelle nicht an sich heran lassen.
Zaidas Mundwinkel zuckten. Zugleich schnaubte Hailey.
„Wenn Sie sich dabei wohl fühlen, mich zu beleidigen, so ist das ihr Problem. Allerdings bin ich in der günstigen Position, Sie in London festnehmen zu lassen, um Sie zumindest für zwei Tage in eine Zelle zu sperren. Auch wenn sich jede Anschuldigung, die mir einfällt, als nicht haltbar erweist, habe ich doch die Genugtuung, Ihrer bornierten Herablassung einen Dämpfer versetzt zu haben!“
Anabelle spürte eine kurze, heiße Welle der Empörung über seine offenkundig boshafte Art, schluckte aber vorsichtshalber jeden bissigen Kommentar herunter, der ihr auf der Zunge lag. Zum momentanen Zeitpunkt würde sie sich keine weiteren Ausrutscher erlauben können; zumindest nicht, bevor sie nicht wusste, weswegen sie er Inspektor so offenkundig bedrängte.
Sie kannte ohnehin keinerlei Hintergründe über jene seltsame Zusammenkunft drei solch unterschiedlicher Personen.
Lediglich eines ließ sich nicht von der Hand weisen, wollte Hailey ihr in irgendeiner Weise etwas anhaben: Alle Fakten sprachen gegen Anabelle.

„Auf die Gefahr, ein weiteres mal als impertinent bezeichnet zu werden“, begann Anabelle mit Seitenblick zu dem Inspektor. Hailey schnappte nach Luft, schwieg aber. „würde mich der Grund jener verschwörerischen Zusammenkunft und des beharrlichen Schweigens Monsieur Haileys interessieren.“
Die Gesichtsfarbe des Inspektors nahm bereits wieder einen bedrohlichen Purpurton an. Madame Zaida unterband allerdings sofort jede übereifrige Reaktion des Engländers.
„Meine liebe Mademoiselle Talleyrand, bitte sehen Sie es unserem Inspektor nach, dass er Sie aus dem Laderaum mit hier hinauf gebracht hat. Nach unserem Beinahabsturz war er sicher, dass ihm ein Verbrecher durch die Maschen seines ausgelegten Netzes geschlüpft sei.“
Anabelle spürte eine erstickende Welle von Zorn in sich aufsteigen. Diese herausfordernden Worte hätte sie nicht von der schwarzen Dame erwartet! Unwillkürlich schnappte sie nach Luft und presste ihre Kiefer aufeinander.
„Ich kann mir allerdings nicht Denken, warum er mich mit Gewalt hier herauf gebracht hat“, entgegnete sie steif. „Verbrecherische Aktivitäten gehören nicht zu meinen Geschäften!“
„Das legt Ihnen niemand zur Last, mein liebes Kind“, lenkte Vaucanson nun ein.
„Die offenkundige Feindseeligkeit Ihres Inspektors lässt sich allerdings auch nicht von der Hand weisen.“
„Mr. Haileys Verhalten ist unentschuldbar schroff“, gab Zaida zu. „Allerdings befindet er sich auf der Jagd nach einem Staatsverbrecher und konnte nicht mit einer jungen Dame aus Wissenschaftskreisen rechnen, die ihm anstatt jener anderen Person in die Hände fallen würde.“
Anabelle zog die Brauen zusammen. „Diese andere Person …“, sie sah zwischen den drei anwesenden Personen hin und her. „Das klingt, als sei es kein Mann, sondern eine Frau“, murmelte sie verstört. „Was weiterhin hieße, wenn Monsieur le Inspekteur mich fest nimmt, ist er der Auffassung, dass ich diese Person bin …?“ Sie unterbrach sich.
Das betretene Schweigen Vaucansons, der misstrauische Blick Haileys und die verschlossene Mimik Madame Zaidas sprachen für sich.
Die Konsequenz, die sich daraus ergab, war entsetzlich!
Sie irrten sich! Anabelle lag es fern, sich in Staatsangelegenheiten einzumischen. Verbrechen gehörten definitiv nicht zu ihrem Repertoire.
Anabelle wich erschrocken einen Schritt zurück und versuchte durchzuatmen, bis ihr wieder einfiel, dass sie keine Luft mehr brauchte.
„Sie haben in mir die falsche Person“, keuchte sie.
„Das wird sich noch herausstellen“, knurrte Hailey bedrohlich. „Wenn Madam endlich bereit sind, meine Fragen zu beantworten!“

Anabelle saß stumm in dem stabilsten Sessel des Aufenthaltsraumes und sah benommen auf ihre Finger. Neben ihr fegte ein Stewart die Reste von Glas und einer Porzellanvase von dem Perserteppich, während ein anderer eine Karaffe mit bernsteinfarbenem Whisky von einem Tablett nahm und auf dem Tisch zwischen Hailey und ihr abstellte.
Madame Zaida saß reglos in einem Sessel und beobachtete Anabelle. Auf unheimliche Art beunruhigte sie der Blick der schwarzen Dame. Es schien Anabelle, als sähe Zaida durch ihren mechanischen Körper bis in ihre Seele.
Vaucanson hingegen blieb wie ein treuer Hund an Anabelles Seite, um einzugreifen, wenn Hailey sich im Ton vergriff.
„Miss Talleyrand“, begann er, darauf bedacht, die Anrede seines Heimatlandes zu verwenden. „Können Sie mir angeben, weshalb Sie sich zu ausgerechnet dieser Zeit im Laderaum des Schiffes befanden?!“
Anabelle überraschte dieser Auftakt nicht.
„Ich brauchte etwas aus meiner Reisetruhe“, gab sie an.
„Ah“, sagte er. „Wie sind Sie durch die verschlossenen Türen des Laderaums gelangt?“
Für den wahrscheinlichen Fall einer entsprechenden Frage, hatte Anabelle sich eine bestimmte Taktik zurecht gelegt.
Sie hob nur ihre Braue und schwieg betroffen.
„Na sagen Sie endlich!“, fauchte Hailey.
„Bitte Inspektor!“, mahnte ihn Zaida. Anabelle sah aus dem Augenwinkel ein belustigtes Lächeln auf ihren Lippen.
Nahm diese Frau sie nicht ernst? Anabelle wagte kaum an das Misslingen ihres Planes zu denken. Ihr war nicht klar, wie viel Einfluss Madame Zaida und Monsieur de Vaucanson besaßen. In erster Linie versuchte sie Hailey zu überzeugen. Allerdings ahnte sie, dass er weitaus weniger behäbig und dumm war, als sie ihn zu Anfang eingeschätzt hatte.
Niedere Herkunft stand nicht gleichbedeutend mit einem schwachen Verstand.
Jetzt blieb ihr nicht viel mehr, als auf ihre vorzeigbare Gestalt zu bauen; und ein wenig schauspielerischer Leistungen.
„Wie ich mir Zugang verschafft habe, will ich hier lieber nicht in Worte fassen“, entgegnete sie schamhaft. Tatsächlich manifestierten sich vor ihrem geistigen Auge Bilder lüsterner Verführung. Erschrocken fuhr Anabelle zusammen. Sicher konnte sie nicht mehr erröten, nichtsdestotrotz fühlte sie sich, als habe sie Fieber.
„Nein, darauf habe ich nicht vor näher einzugehen!“, brummte Hailey. Zumindest dieses Taktgefühl brachte er auf, dachte Anabelle, deren Verstand noch immer bei eindeutigen Szenen verweilte, die sie beim besten Willen weder ersonnen noch je erlebt hatte. Dennoch fiel ihr die Vorstellung von schier unglaublichen Praktiken so leicht, dass sie an ihrem Verstand zweifelte.
Seit wann träumte sie von solchen Dingen? Bislang fand sie ihre Erfüllung in der Planung und den Erfolgen ihrer Projekte. Ein Mann oder gar ein ausschweifendes Leben zählten nicht in ihre Vorstellung von Glück. Ihr ganzes Sein baute auf dem Gedanken auf, als erste Frau Maschinen zu bauen, die eigenständig dachten und handelten, in der Lage waren die gesunden Seelen kranker Körper aufzunehmen und der Person neue Möglichkeiten zu eröffnen. Nach dem Tod ihrer Eltern, insbesondere dem qualvollen Ende ihrer geliebten Mutter, arbeitete sie mit allen Mitteln auf dieses Ziel hin.
„Miss?“, fragte Hailey beinah besorgt. Er goss ihr ein Glas Whisky ein und schob es ihr über die polierte Tischplatte zu.
Anabelle ahnte, dass all ihre Empfindungen in ihrer Mimik abzulesen waren.
„Verzeihen Sie“, murmelte sie irritiert. Die Gefühle verblassten. Sie griff nach dem Glas und führte es an die Lippen. Als die Flüssigkeit ihre Haut netzte, wurde ihr bewusst, wie paradox diese Handlung war. Gleichzeitig überlegte sie, ob Wasser oder Alkohol nicht sogar einen Kurzschluss in ihrem Körper auslösen konnte. Betont langsam setzte sie das Glas wieder ab, behielt es aber in ihren Händen. Sie brauchte etwas, um ihre Finger abzulenken.
„Vermutlich waren Sie aus sehr delikaten Gründen unten im Laderaum?“, fragte Hailey.
Anabelle hob eine Braue. „Wenn Sie es als delikat bezeichnen, die eigenen Reisepapiere zu holen, so trifft ihre Vermutung wohl genau ins Schwarze.“
Hailey lehnte sich vor, wobei er seine Ellenbogen auf den Knien abstützte. Er bot einen lächerlichen Anblick in diesem zierlichen Sessel.
„Wenn ich nun die Papiere einfordern und Ihren Namen auf der Passagierliste suchen würde, was meinen Sie?“, fragte er boshaft. „Würde ich Sie finden?“
„Warum nicht?“, fragte Anabelle spitz. Ihr Tonfall strafte ihre eigentlichen Gefühle Lügen. Das, was sie für ihr herz hielt, schlug wild. Ihre Gedanken rasten. Sie trug nicht einmal die Reiseunterlagen bei sich! Um die Papier hatte sie sich gar keine weiteren Gedanken mehr gemacht. Sie lagen in dem Koffer!
„Zeigen Sie!“, befahl Hailey.
Anabelle zwang sich zur Ruhe. „Ich sagte, ich wollte mir die Unterlagen aus meinem Koffer holen, nicht: ich habe sie aus meinem Koffer entnommen!“, entgegnete sie scharf. „Nachdem ich unten ankam, begann das Luftschiff zu schlingern. Plötzlich rissen die Halteseile und die Ladung geriet außer Kontrolle. Vermutlich ist von meinem Koffer nicht mehr viel übrig.“
Sie sah an ihm vorbei. Diese Annahme konnte vielleicht wirklich zutreffen. Der Gedanke missfiel ihr.
„Praktisch“, murmelte Hailey.
Anabelle seufzte. „Ich habe das Luftschiff nicht zu einem Beinahabsturz gebracht.“
„Vielleicht sollten Sie sich vorerst in Ihrer Kabine ausruhen“, schlug Vaucanson vor.
Die ganze Zeit hindurch befürchtete Anabelle diese Anspielung. Sie sah ihn an. „Nein, Professor“, sagte sie lächelnd. „Ich will erst wissen, was aus meinem Reisekoffer geworden ist.“
Genaugenommen erhoffte sich Anabelle Hinweise auf den eigenartigen Flugapparat, der sie fast die Rampe hinab gestoßen hätte. Sie zweifelte an einem unglücklichen Zufall. Wenn sie sich alles wieder in Erinnerung rief, würde sie vielleicht noch einige Details extrahieren können, die ihr zu Anfang entgangen waren.
Davon abgesehen wollte sie wissen, was in den kleineren Stahlsärgen verborgen lag.
„Sie glauben ernsthaft, dass ich eine mögliche Verdächtige an den Ort eines Unfalles lasse und ihr die Chance zur Flucht lasse?“, fragte Haile lauernd.
„Wenn Sie Anschuldigungen hervor bringen wollen, Monsieur le Inspekteur, dann bitte, aber halten Sie sich nicht nur mit Andeutungen auf!“, entgegnete Anabelle gereizt. „Wie soll ich sonst die Chance haben, mich zu verteidigen?“, fügte sie hinzu.
Der Inspektor schnappte nach Luft.
„Eine Dame, deren Beschreibung sich mit Ihrem Äußeren ziemlich gut vereinbart, wird wegen verschiedener Verbrechen gesucht“, erklärte Zaida, die Hailey zuvor kam.
Anabelle starrte sie fassungslos an. Ihre Gedanken überschlugen sich. ‚Verschiedene Verbrechen welcher Art?’, fragte sie sich. Zugleich mischten sich Bruchstücke ihrer Träume in ihr Bewusstsein. Sie sah ihr fremdes Spiegelbild aus den Nebeln aufsteigen und verwehen. Das Blut an ihren Händen sprach Bände, ebenso die wirren Intensionen sexueller Exzesse. Selbst außerhalb ihrer Vermutungen existierten harte Fakten, die sie nicht ignorieren konnte. Ihr Transport in einem Stahlsarg, die Waffe, ihr Körper, der für heimtückischen Morde wie geschaffen zu sein schien … Die vielen Ausweise sprachen auch gegen sie.
Anabelle versuchte sich zu sammeln.
„Wir haben ins Schwarze getroffen …“
„Schweigen Sie, Hailey!“, befahl Madame Zaida. „Diese Frau weiß gar nichts!“
„Sagen Ihnen das Ihre magischen Kräfte?“, fragte Hailey boshaft.
Anabelle hob den Blick. Sie verstand gar nichts mehr.
Zaida trat zu ihr und reichte ihr eine Hand.
„Kommen Sie mit mir, meine Liebe“, bat sie sanft.
*
Gegenüber den offenen Bedenken Haileys schien Madame Zaida keinerlei Sorge um ihre Sicherheit zu hegen. Sie suchte mit Anabelle einen ruhigeren Ort auf. Die Aussichtsebene des Luftschiffes war zu dem momentanen Zeitpunkt menschenfrei. Zaida schritt gemessen über das Parkett zu einem der Fenster. In dem Halbdunkel des riesigen Raumes verschwamm sie fast mit den Schatten. Anabelle folgte der eleganten Dame. War Zaida eine Zauberin? Wenn das den Tatsachen entsprach, so wunderte Anabelle sich darüber nicht sonderlich. Es entsprach dem Gefühl, was die verschlossene Frau vermittelte. Die Male, in denen sie selbst mit Magie in Berührung gekommen war, hinterließen in ihr ein ähnliches Echo an Empfindungen.
Dennoch verschob sie jede Anspielung darauf vorerst.
„Sie wollten mich allein sprechen?“, fragte sie Zaida gefasst.
Die Dame überragte sie um mehr als einen Kopf, wodurch Anabelle gezwungen war, ständig zu ihr aufzusehen.
Zaida ließ sich Zeit zu antworten.
„Um ehrlich zu sein“, leitete sie ein. „Ist mir bislang noch keine beseelte Maschine begegnet, die so menschlich war, wie Sie, Mademoiselle.“
Die Worte brachten Anabelles Knie zum Zittern. Die direkten Worte der schwarzen Dame trafen sie bis ins Mark.
„Wollen Sie mich aus dem Konzept bringen?“, hauchte sie unsicher.
Zaida schüttelte den Kopf. „Nein, liebes Kind. Ich will Ihnen helfen zu überleben. Hailey jagt solche Frauen wie Sie. Er hat es sich zur Aufgabe gemacht, Sie und andere Ihrer Art zur Strecke zu bringen. Sie sollen demontiert werden.“
Anabelle wendete den Blick von Zaida ab.
Die Worte manifestierten sich zu einem erschreckenden Bild, was sich nahtlos in ihre Träume und die Situation an Bord des Luftschiffes einfügte.
„Warum?“, fragte sie tonlos. Sie wusste, dass sie Zaida ihre Identität preis gab.
„Sein Hass auf jene belebten Maschinen rührt vermutlich von einem Zusammenstoß mit einer jener Frauen her.“
Zaidas Stimme klang ruhig, wenn auch traurig.
„Wenn Sie wissen wer und was ich bin, Madame Zaida, warum riskieren Sie es, mit mir allein zu reden?“, fragte Anabelle aus einem Impuls heraus nach.
„Sehr einfach, Mademoiselle Talleyrand, Sie stehen unter niemandes Bann und sind völlig frei so zu handeln wie Ihre wahre Natur es Ihnen gebietet.“
Nachdenklich hob Anabelle den Kopf. „Sie halten mich für ungefährlich?“
Zaidas schwarze Augen verengten sich kurz. Sie dachte offenkundig über diese Frage nach. Nach einigen Sekunden nickte sie. „Ja“, entgegnete sie ernst.
„Vielleicht spiele ich Ihnen etwas vor oder verrate Ihre Identitäten und Pläne an meinen … Meister?“, schlug Anabelle vor.
Zaida lachte leise. Perlweiße zähne blitzten hinter ihren vollen Lippen. Es klang nicht aufgesetzt sondern wohlmeinend. „Liebes Kind“, sagte sie freundlich. „Ich kann in Ihre Seele blicken. Was mir dort begegnet, ist ganz und gar nicht negativ. Im Gegenteil sehe ich einen blendenden Intellekt und eine wertvolle Gefährtin für unserer Suche nach der Wahrheit.“
Sie gab einen geringen Einblick in ihre Geheimnisse, überlegte Anabelle.
„Sie wissen wer ich bin?“, fragte Anabelle.
Zaida nickte. „Ich sehe keinen Grund, Ihr Geheimnis zu verraten.“
Anabelle versuchte aufzuatmen, ließ es aber schließlich.
„Was versprechen Sie sich davon?“, fragte sie leise.
„Einblicke in die Idee hinter beseelten Maschinen“, schlug Zaida vor. „Genau so eine jener unglaublichen Wunderwerke, die ihre unsterbliche Seele fest im Griff hat und Eigenverantwortung trägt.“
Die Wahl der Worte traf Anabelle. Sie nickte leicht.
„Sie brauchen mich auf Ihrer Seite, um die Spur zurück zu verfolgen“, überlegte sie.
„Nicht nur“, gestand Zaida. „Seit ihrem Tot vor vierzehn Monaten, sind viele unerklärliche Dinge geschehen, die alle in ihrem Unterbewusstsein verzeichnet wurden, ohne für Sie zum momentanen Zeitpunkt verfügbar zu sein.“
„Vierzehn Monate?“, keuchte Anabelle. Ihr wurde schwindelig. Was hatte sie binnen dieser Zeit getan?! Vierzehn Monate, an die sie keine Erinnerungen fand. Sie sah verzweifelt zu Zaida.
„Ich helfe Ihnen, mein liebes Kind.“
Nebelschleier
Anmerkungen zum Kapitel:Anabelles neues Leben in London ...
„Denn so ihr den Menschen ihre Fehler vergebet,
so wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben.“
(Neues Testament, Matthäus, Kapitel 6 / Vers 14)


Im Morgengrauen landete das Luftschiff nahe London. Während der gesamten Zeit an Bord fühlte Anabelle sich von Hailey beobachtet - selbst während sie Madame Zaida in ihre Kabine begleitete. Der Inspektor machte deutlich, was er von ihr hielt und dass er Anabelle als gefährlich einstufte.
Während sie ihren Koffer im Laderaum suchte, sah er sich nicht bereit, ihr nennenswert zur Hand zu gehen, achtete allerdings auf den geringsten Griff.
Mit einiger Genugtuung dachte Anabelle an die Waffe in ihrem Stiefelschaft. Selbst wenn er die Truhe durchsuchen sollte und die Geheimfächer entdeckte, so würde zumindest die Waffe nicht in seine Hände fallen können. Insgeheim bezweifelte Anabelle, dass ihr eine Feuerwaffe mehr Schutz bot, als ihr eigener waffenstarrender Leib. Dennoch gewährte ihr der Revolver ungeheuere Sicherheit.
Allerdings begann sie zu diesem Zeitpunkt bereits ihre Gesamtsituation zu durchdenken. Die Chancen, Hailey in London zu entkommen, standen denkbar schlecht. Diese Stadt war sein Zuhause und sein Revier. Er konnte sich als Inspektor von Scottland Yard hier weitaus mehr erlauben. Sie stand damit unter seiner permanenten Kontrolle. Bei dem Geringsten Verdacht auf eigene Aktivitäten, würde er sie unter Hausarrest stellen, oder vielleicht gleich in eine Zelle verbannen. Ihre Perspektiven sahen auch durch Madame Zaida und Monsieur de Vaucanson nicht nennenswert besser aus. Obwohl Anabelle zurzeit jedem misstraute, blieb ihr wenig anderes übrig, als zumindest den Worten der schwarzen Dame Folge zu leisten und ihr im Augenblick zu vertrauen.
Sie befanden sich nicht mehr in Paris, sondern London; unbekanntes Terrain für Anabelle. Anhand ihres französischen Akzentes würde sie ehr leicht auffallen; was eine Flucht ziemlich unmöglich machte.
Wenn sie ehrlich zu sich war, befand sie sich in einer unmöglichen Situation.
*
Unter Madame Zaidas Anleitung, und in der vagen Sicherheit der Polizei, entging Anabelle als französische Ausländerin den Zollbehörden Londons. Hailey leitete sie über einen Seitenzugang der Anmeldehalle. Bislang kannte Anabelle nur den Wasserweg über den Kanal und die letzte Strecke mit dem Zug von Dover nach London, weswegen sie sich – so weit es ihr möglich war – das Ankunftsprozedere beobachtete, während Hailey auf eine Freigabe ihrer Passagen mittels seiner Dienstausweisung wartete.
Der Marmorsaal erinnerte Anabelle an Fotographien einzelner neuer Prunkbauten aus New York. Die Säulen gelagerte Tonnendecke thronte Zehn Meter über ihren Köpfen, um sich mittig in eine gewaltige Stahlgefasste Glaskuppel zu öffnen. Kassetten aus braunem Marmor reichten bis zu den Kämpferpunkten hinauf. Der Boden spiegelte in riesigen Mosaiken, die einen Kompass und einen Sechstanten darstellten. In sechs Reihen fanden sich lange Tresen, auf denen die ankommenden Fluggäste ihre Anmeldeformalitäten erledigen konnten. Britische Beamte sahen Papiere durch, verglichen Listen und durchsuchten Gepäck. Anabelle kam es vor, als beobachte sie diese Situation von einem fernen Aussichtspunkt. Die Menschen wirkten auf sie wie Ameisen, die im Licht riesiger Lüster und dem Schatten der Unionjack arbeiteten.
Für Momente lenkte der Start eines Luftschiffes Anabelles Aufmerksamkeit ab. Durch die Kuppel sah sie, wie der meterhohe Gasarm von dem zigarrenförmigen Ballontank ab. Wenige Sekunden später glitten die Haltearme von der Kanzel und das Luftschiff erhob sich nahezu senkrecht über den Landeplatz, um nach vielleicht 20 Metern Höhe in einen gleichmäßig ansteigenden Gleitflug über zu gehen. Anabelle empfand einen angenehmen Schauer bei dem Anblick des gewaltigen Fluggerätes. Diese Technologie bestätigte ihren Forscherdrang. Wenn die Menschen in der Lage waren, die Schwerkraft zu überwinden, wozu würden sie noch in der Lage sein? Fanden sie je einen Weg zu den Sternen? Anabelle schloss die Augen und ließ sich von dem Gedanken tragen. Ihr Gehirn arbeitete bereits neue komplexe Strukturen aus, mit denen sie in der Lage sein würde, ohne Hilfsmittel zu fliegen …
„Miss Talleyrand!“, fauchte Hailey.
Anabelle hob die Lider und starrte den Polizist zornig an. „Warum glauben Sie eigentlich, ich sei ein Schoßhund, der Ihnen ständig auf Schritt und Tritt folgt?!“, zischte sie gepresst.
Hailey zog die buschigen brauen über seinen gesenkten Lidern zusammen. „Meinen Sie nicht, dass Sie sich ein wenig im Ton vergreifen?!“
Zaida trat in Anabelles Sichtfeld. „Bitte beruhigen Sie sich beide.“ Ihre tiefe Stimme blieb ruhig, dennoch glaubte Anabelle eine leise Drohung heraus zu hören.
Vaucanson lächelte.
„Mademoiselle, darf ich Ihnen meinen Arm anbieten?“, fragte er. Anabelle begriff, dass er generell ruhige, fast weiblich sanft zu nennende Wesenszüge besaß, mit denen er einlenken und beruhigen konnte. Sie hakte sich bei dem alten Herren ein und schritt an seiner Seite an Hailey vorüber. Der Blick des Polizisten brannte in ihrem Nacken.
Sie überlegte, wann sie diese Klette endlich los würde. Wenn sich Anabelle nicht täuschte, stand Hailey mit seiner Antipathie ihr gegenüber allein.
Vorerst beschloss sie, alles neue auf sich zukommen zu lassen und abzuwarten. Wenn sie ehrlich war, blieb ihr auch keine andere Chance.
*
Die Droschkenfahrt stellte sich als eigenwilliges Erlebnis für Anabelle heraus. Neben Zaida brauchte sie mehrere Anläufe, sich so hinzusetzen, damit der Fahrer nicht bei der ersten Kurve ins Schlingern geriet. Ihr Gewicht war ein gewaltiger Nachteil. Mit dieser Hürde rechnete sie zwar seit Stunden, wusste aber noch immer keinen klugen Weg, dieses Problem elegant und unauffällig zu lösen.
Zaida rückte – so weit sie konnte, auf die linke Seite und bot Anabelle weitestgehend die Mitte an. Dafür blieb der schwarzen Dame kaum der Platz, ihre Schleppe zu ordnen.
Anabelle bedachte sie mit einem entschuldigenden Blick, woraufhin Zaida in ganz und gar undamenhaftes Gelächter ausbrach, bis Tränen über ihre Wangen rannen, die sie rasch mit einem Seidentuch abtupfte.
Weshalb die Zauberin diese Situation so amüsant fand, konnte Anabelle nicht nachvollziehen, aber die natürliche Fröhlichkeit sprang auf sie über. Ohne wirklichen Grund begann sie zu kichern. Sie fühlte sich wie ein kleines Mädchen, was sich neben ihrer Freundin königlich über die eigenen Unzulänglichkeiten amüsierte.
Als sie sich ein wenig beruhigte, musste sie zugeben, dass Anabelle tatsächlich für sie die einzige Vertrauensperson darstellte. Vor zwanzig Jahren, als Mädchen, wäre es vielleicht wirklich so ausgegangen.
Anabelle ließ sich nach hinten sinken und schloss schmunzelnd die Augen. Vor ihrem inneren Auge erwachte ein Bild schöner Eintracht. Sie dachte darüber nach, wie Anais, Zaida und sie als junge Mädchen Geheimnisse miteinander austauschen, kleine Dinge, die ihnen in dem Alter eine ganze Welt bedeuteten, während sie gemeinsam im Garten ihrer Eltern saßen, oder sich gegenseitig die Träume ihrer Zukunft verrieten …
„Worüber denken Sie nach?“, fragte Zaida leise. Wärme lag in ihrer Stimme.
Anabelle hob die Lider. In der Nähe der schwarzen Dame fühlte sie sich wohl. Diese Erkenntnis veranlasste sie verlegen zu lächeln.
„Das kann ich Ihnen beim besten Willen nicht erzählen“, entgegnete Anabelle leise. „Das ist mir zu peinlich.“
Zaida legte schmunzelnd den Kopf schräg. „Dann hoffe ich, dass Sie bald ein bisschen mehr Vertrauen fassen, weil Sie vorerst bei mir leben.“
Anabelle richtete sich auf, wobei die Kutsche bedrohlich schwankte. Sie sah an Zaida vorbei aus dem Fenster.
„Was ist mit Hailey und Vaucanson?“, fragte sie. Die Droschke der beiden Männer fuhr versetzt zu der ihren. In dem leichten Frühnebel schien die Droschke keine Räder und das Pferd keine Beine zu haben. Der Anblick war grotesk. Zugleich manifestierte sich dadurch schon wieder eine neue Idee für Maschinen, die den Tieren die schwere Arbeit abnahmen.
Sie rief sich zur Ordnung. Alles um sie schien im Nebel zu schweben. Die Straßen lagen verborgen unter einem glühend weißen Schleier, der Anabelle genau so verzauberte.
„Der Inspektor wird uns vermutlich heute noch recht oft besuchen und die meisten Schritte überwachen, während Monsieur de Vaucanson uns wohl eher aus rein persönlichem Interesse aufsuchen wird.“ In den Augen der Angolanerin funkelte leiser Spott.
Anabelle begriff nicht im Geringsten weshalb Zaida sie so ansah.
Nach Sekunden wurde die schwarze Dame deutlicher. „Er ist Ihrem Zauber erlegen, meine Liebe“, lächelte sie.
Anabelle zuckte zusammen. Ein Mann der sich für sie interessierte? Dieses Konzept – Liebe - passte nicht in ihre Welt aus Planung, Berechnung und Forschung.
Ihr wurde bewusst, dass sie nie eine solche Komponente in ihr eigenes Leben eingeplant hatte. Im Gegensatz zu Anais fand sie weder Zeit für einen Mann, der ihr möglicherweise untersagte, ihrer Arbeit nachzugehen und junge, wissbegierige Menschen zu unterrichten oder gar ihren eigenen Studien zu folgen, noch Erfüllung in Schwüren, die gefühlsduselig und lediglich von einem biochemischen Zusammentreffen einiger Enzyme herrührte.
Anabelle Schwester liebte ihren Mann, dessen war sie sich sicher. Allerdings musste Anais ihre eigenen Träume, mit Anabelle zu forschen, aufgeben. Sie ehelichte den Sohn eines deutschen Großherzogs, der als Diplomat in Paris arbeitete. An der Seite Wolfram von Bergens ziemte es sich nicht mehr, in einem Labor zu stehen und zu arbeiten. Neue Verpflichtungen erwarteten Anais. Repräsentierend im Zentrum des schillernden Pariser Gesellschaftslebens zu stehen war nur eine davon.
In den ersten Wochen ihrer Verbindung hasste Anabelle Wolfram von Bergen. Er nahm ihr einen wichtigen Menschen. Zu Anfang begriff Anabelle gar nicht, was sie verlor. Erst später begriff sie, dass Anais der Spiegel ihrer Seele und die Vollendung ihrer Gedankengänge war. Umso mehr verabscheute sie von Bergen. Ihr gefiel es gar nicht, im Vorfeld der Hochzeit auf Empfängen des Deutschen eingeladen zu werden. Jedes Mal fand sie eine Ausrede. Erst nach einem Besuch von Bergens, in dem er Anabelle darlegte, wiesehr sich Anais ihre Ablehnung zu Herzen nahm, ließ sie sich erweichen. Anschließend bereute sie, nicht schon wesentlich früher die Empfänge besucht zu haben. Von Bergens heimliche Leidenschaft war die Mechanik. Nachdem alle Gäste gegangen waren, unterhielten sich Anabelle und ihr Schwager in Spe bis in die frühen Morgenstunden. Zu dritt entwickelten sie abwegige Ideen und Kreaturen aus Metall, die vollkommen undurchführbar waren. Es gefiel Anabelle als treibende Kraft des Trios, Teil von einer neuen, starken Familie zu sein.
Anabelle atmete tief durch und schloss die Augen. Anais und Wolfram … Ob sie in Sicherheit waren? Vielleicht schwebten sie in Gefahr, oder lebten bereits nicht mehr.
Aus ihrer Sorge heraus wollte sie so schnell als möglich erfahren, was aus ihrer Familie wurde.
Offenbar las Zaida in ihrer Mimik wie in einem Buch.
„Mademoiselle de Trouveille?“, fragte sie leise. Sorge klang in ihrer Stimme mit.
Anabelle hob die Lider und sah die schwarze Zauberin an.
Sie schwieg.
Zaida hob eine Braue. „Ich habe etwas in Ihnen berührt, was Sie verletzt hat“, vermutete sie. „Dafür möchte ich mich entschuldigen.“
Anabelle schüttelte schwach den Kopf. „Nein, das müssen Sie nicht.“
„Bin ich zu forsch, wenn ich nach Ihren Sorgen frage?“, hakte Zaida nach.
Für einen winzigen Moment schwappte Ärger in Anabelle hoch, legte sich aber sofort. Madame Zaida wusste über sie bescheid. Vielleicht war sie in der Lage, ihr sagen, ob Anais und Wolfram lebten.
„Madam“, begann sie vorsichtig. „Sie wissen über mich bescheid, woher auch immer ihr Wissen kommen mag.“
Sie legte einen Kunstpause ein und nutzte den Moment, Zaidas Blick zu fixieren.
Die schwarze Dame lächelte, schwieg aber geheimnisvoll.
„Können Sie mir Auskunft über den Verbleib meiner Schwester und meines Schwagers geben?“
Zaidas Lächeln erstarb. Ihr Blick verlor sich an einem Punkt jenseits der Droschkenfenster.
„Familie von Bergen habe ich nicht weiter beachtet“, murmelte sie nachdenklich. „Bislang war ich mir nicht einmal bewusst, dass sie vielleicht von Relevanz in Ihrem Fall sind. Aber Sie haben recht. Sicher sind beide Personen in Ihrer Sache von hoher Wichtigkeit.“
Anabelle unterdrückte ein ärgerliches Schnauben über die kryptische Antwort.
„Bitte, Madame“, entgegnete Anabelle. „Weihen Sie mich in Ihre Gedankengänge ein.“
Das leichte Drängen konnte sie nicht aus ihrer Stimme verbannen.
Zaida senkte die Lider.
„Geben Sie mir Zeit, Ihnen alles so darzulegen, wie es tatsächlich ist.“
Anabelle lächelte über die freundlichen Bemühungen Madame Zaidas. Die Gegenwart und Hilfsbereitschaft der schwarzen Zauberin bedeutete ihr ungewöhnlich viel. Möglicherweise – so erklärte ihr Verstand – war Zaida die Einzige in ganz Britannien, die bereit war, Anabelle zu helfen.
„Fangen Sie ruhig an“, forderte Anabelle sie auf.
„Wir sind gleich auf Höhe des Hyde Parks, nah meines Hauses.“
Anabelle sah aus dem Fenster. Rauchig rot glomm die Sonne über den Dächern der uniformen Einfamilienhäuser. Ihre weißen Klassizismusfassaden galten für Anabelle als Wahrzeichen der gut verdienenden Mittel- und Oberklasse Londons. Stufen führten zu dunklen Kassettentüren, an denen Messingklopfer und Klingelschnüren hingen. Die schmalen Fassaden drängten sich dicht aneinander. Trotz wehrhafter Zäune verbargen sich keine Vorgärten dahinter. Einzelne enge Gassen führten hinter die Gebäude. Vermutlich dienten sie als Versorgungszugänge für die Anlieferungen von Gasflaschen, Wäsche und Nahrungsmitteln. Dieses Viertel der Stadt schlief noch. Ein einsamer Zeitungsjunge lief auf einer niedrigen Mauer entlang, seine Wahre in einer Tasche, die diagonal über seiner Brust hing. Er wirkte auf Anabelle wie ein lebender Störfaktor in einer riesigen Puppenhauswelt. Sie gewann den Eindruck, dass London auf fremdartige Weise ausgestorben war.
Langsam stiegen die Nebel auf, während das Morgenlicht sie zum Glühen brachte. Anabelle sah aus der Rückscheibe der Droschke zu dem Jungen, der hinter ihnen zurück blieb. Die Kutsche Haileys folgte der ihren.
„Seltsam, wie still es hier ist“, murmelte Anabelle.
„Das ändert sich sehr schnell“, prophezeite Zaida lächelnd.
Die Droschke hielt.
Zaida stieg vor einem dieser schönen, aber viel vertretenen Häuser aus und bezahlte den alten Mann auf dem Bock.
Vorsichtig folgte Anabelle ihr hinaus. Das Gebäude unterschied sich in nichts von allen anderen in dieser Straße.
„Vermutlich werde ich mich hier verlaufen, wenn ich mir keinen besonderen Anhaltspunkt heraus suche“, murmelte sie abwesend.
„Sie werden kaum in die Verlegenheit kommen, Miss!“, knurrte Hailey gereizt.
Sie sah über die Schulter zu ihm. Allein sein Ton nahm ihr schon den letzten Nerv.
„Sagen Sie doch gleich, dass ich unter Hausarrest stehe!“, gab sie ärgerlich zurück.
„Sie stehen unter Hausarrest“, bestätigte er mit größter Genugtuung. „Und damit Sie sich nicht in Sicherheit wiegen, werden zwei meiner Männer übergangsweise bei Madame Zaida einziehen!“
Die Zauberin wendete sich gezwungen langsam zu ihm um. Anabelle sah das Feuer in ihren Augen lodern. Dennoch erwartete sie bei Zaida automatisch, eine geschliffene Antwort in ruhigen Worten.
„Mein lieber Inspektor“, lächelte sie. „Es würde mich sehr wundern wenn ich Ihnen in meinem Haus mehr Befehlsgewalt zugestehe, als mir selbst.“
Hailey lächelte gezwungen.
„Es ist zu Ihrem Besten, Madame!“, gab er gepresst zurück.
„Mein Bestes?“, fragte Zaida lächelnd. „Ich bin hoch erfreut über Ihre wohlmeinende Sorge.“
Sie wendete sich von ihm ab und gab dem Droschker einen Wink.
„Bringen Sie bitte die Koffer zum Hintereingang, mein Lieber“, bat sie freundlich, während sie ihren Haustürschlüssel aus ihrer seidenen Handtasche heraus suchte.
Offensichtlich war für sie das Gespräch mit Hailey beendet. Sie machte deutlich, dass sie keine Einmischung seinerseits akzeptierte. Anabelle beobachtete den Inspektor, dessen Wangen sich dunkel verfärbten und Zaida, die wie eine schwarze Königin über ihm auf den Stufen stand.
„Warum will sie nicht auf mich hören?!“, zischte Hailey aufgebracht.
„Weil Sie es falsch angehen, Mr. Hailey“, entgegnete Vaucanson, während er aus der Droschke stieg. „Die Jahre, die wir drei nun zusammen arbeiten, sollte Sie gelehrt haben, dass Zaida keinen Schutz braucht.“
Hailey senkte den Blick. „Vielleicht, Professor“, murmelte er. Anabelle gewann den Eindruck, dass er sich wirklich um Zaida sorgte. Die Gründe lagen auf der Hand. Abgesehen von ihrer Schönheit, umgab Zaida ein Zauber, der jeden Ergriff. Diese Frau war eine Dame. In ihrer Nähe fühlten sich vermutlich alle Männer klein und unbedeutend, aber zugleich auch anerkannt und geschmeichelt, sobald sie das Wort an sie richtete.
Anabelle konnte sich nicht erinnern, je einen solchen Eindruck auf eine andere Person gemacht zu haben, wenngleich sie diese Situation aus Sicht ihrer Schwester kannte.
Bislang war es auch nicht von Wichtigkeit. Nun versetzte es ihr einen Stich.
Hailey sah auf. Der Blick, mit dem er Zaida beobachtete, war zärtlich. Anabelle begriff, dass er sich um sie sorgte, weil er sie liebte. Diese Erkenntnis erschütterte ihre Weltsicht mehr, als sie es wollte. Sie war ein Störfaktor und in den Augen der Menschen wahrscheinlich nicht lebenswert.
Was sollte sie nun machen?
„Mademoiselle?“, forderte Zaida Anabelle auf.
Eilig folgte sie der Zauberin hinein.
*
Hailey ließ es sich nicht nehmen, zumindest im Wechsel vier zivile und zwei Uniformierte Gendarmen in der Nähe des Hauses und im Park patrouillieren zu lassen. Anabelle sah die Männer vom Fenster ihres Zimmers.
Bei ihrer Arbeit ließen sie keinerlei Zweifel offen, dass sie Haileys Wachhunde waren. Einer von ihnen saß rund drei Stunden in der Sonne und starrte zu Anabelle hinüber, während er einem Leierkastenmann zuhörte. Spielende Kinder störten ihn so wenig wie einige Damen, die sich aufgeregt miteinander unterhielten. Ein anderer fegte immer wieder den gleichen Straßenabschnitt, rund um das Haus herum.
Nah des Rückwärtigen Eingangs lehnte jemand an einer Mauer und sorgte dafür, dass die Wagen, die diesen Weg nahmen, nur noch schlechter durch kamen. Durch sein auffälliges Nichts tun verriet er sich am deutlichsten. Der best getarnte Ermittler war ein älterer Mann, der mit einem Knaben spazieren ging, aber auch immer wieder dieselben Punkte passierte.
Offensichtlich glaubte Hailey, es mit einem Schwerverbrecher zu tun zu haben! Einerseits kränkte sie dieses unerschütterliche Misstrauen in ihre Person, andererseits gab es ihrer Wut auf ihn nur noch mehr Nahrung.
„Mistkerl“, flüsterte sie. Langsam trat sie zurück und sah sich in ihrem neuen Gefängnis um. Die Wände waren weiter entfernt und sie konnte sich bewegen, aber genaugenommen unterschied sich dieses Zimmer nur in Helligkeit und Komfort von dem Stahlsarg. Gemütlichkeit interessierte Anabelle gar nicht. Ihr Körper schien nicht darauf angewiesen zu sein, Nahrung zu sich zu nehmen oder auszuruhen. Ebenso wenig brauchte sie ein Bad oder die übliche Morgentoilette. Dieser neue Zustand befremdete sie – stieß sie sogar ab.
Bisher waren ihr Momente, die sie ganz für sich genießen konnte, wichtig. Sie liebte heiße Bäder, den Genuss von Tee oder Kaffee in einem Restaurant, oder einfach nur die Gemütlichkeit ihres Bettes. So zielstrebig sie sonst auf ihre wissenschaftlichen Erfolge hinarbeitete, so sehr genoss sie die kleinen Belohnungen, die sie sich dafür gönnte. In dem jetzigen Zustand würde es nie wieder solche Vergünstigungen geben. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass ein solcher Körper mit feinen, aber unwichtigen Details wie einem künstlichen Verdauungstrakt ausgestattet war. Jaques de Vaucanson baute solche Spielereien in seine mechanische Ente ein. In ihren Plänen ließ sie solche Details außen vor. Andererseits hatte man ihr Geschlechtsorgane gegeben und sie mit einem Geschmackssinn ausgestattet, wie sie sich erinnerte.
Anabelle brauchte einen Spiegel, um sie zu untersuchen und ihren eigenen – vermutlich desolaten – Zustand ein wenig aufzubessern.
Sie durchquerte das Gästezimmer, dem der Komfort eines Frisiertisches fehlte. Aber sie fand das große, geschnitzte Himmelbett, den Bücherschrank und den Sekretär auch sehr angenehm. Neben der Türe stand ihre Reisetruhe. Der Gedanke an ein weiteres Kleid aus der Sammlung entsetzte sie. Dennoch konnte sie nicht länger die zerrissene Bluse tragen.
Sie suchte sich ein helles Kleid aus und trat auf den Flur.
Dicht gewebte Teppiche dämpften ihre Schritte. Tageslicht fiel durch ein bleiverglastes, farbiges Fenster. Die Sonne malte bunte Bilder auf den Boden. Lichtflecken tanzten über das dunkle Holzgeländer und die Stufen, die in eine weitere Etage hinauf führten. Die lindgrüne Seidentapete konnte die Enge des Hauses nicht auflockern. Anabelle kam sich erdrückt vor. Dieses kleine, fast biedere Haus passte in keiner weise zu der mondänen Zaida. Sie ignorierte die Bilder an den Wänden, die zwischen verrauchten Gaslampen hingen.
Ihr gegenüber befand sich ein Badezimmer, was ihr zur Verfügung stand. Mit wenigen Schritten überquerte sie den Flur und betrat das sonnendurchflutete, helle Badezimmer.
Licht brach sich auf Messingarmaturen und silbrig weißem Marmor. Eine große Wanne lud zum Badevergnügen ein, während die Waschschüssel direkt in einem Alkoven in der Wand eingelassen worden war.
Der Messing gefasste Spiegel stellte stilisierte Blüten und Äste dar, die in zwei aufsteigenden Vögeln endeten. Anabelle schauderte wohlig. Der französische Jugendstil hielt in diesem kleinen Haus Einzug.
Gespannt trat sie an die Kristallglasoberfläche und sah hinein. Der Anblick überraschte sie nicht einmal, dennoch erschütterte das Bild sie. Anabelle sah der Frau entgegen, die sie getötet hatte.
*
Nachdem sie den ersten Schrecken überwunden hatte, zog sie bittere Bilanz über sich selbst.
Offenbar verschuldete ihr momentaner Körper ihren Tot; wer immer ihn zu dem damaligen Zeitpunkt steuerte. Wie verwirrend und abstoßend ihr dieses Gesicht nun vorkam!
Anabelle wendete sich ab. Sie fasste den Entschluss, sobald als möglich die Spur ihrer Mörder aufzunehmen, wollte aber auch etliche Änderungen an ihrem Maschinenleib vornehmen. Die Vorstellung, dass dieses Konstrukt einzig zum töten geschaffen wurde, entsetzte sie. Davon abgesehen war sie zu schwer. Kein normaler Stuhl würde ihr so einfach stand halten. Die Nutzung von Kutsche und Pferd war schier unmöglich. Außerdem ließ sie der Gedanke an das startende Luftschiff nicht los. Sie wollte in der Lage sein, selbst zu fliegen.
Bei solch grundlegenden Änderungen, konnte sie auch gleich ihr Gesicht erneuern. Insgeheim hoffte sie sogar auf Professor de Vaucanson. Wenn er nur ein wenig von seinem Urgroßvater geerbt hatte, konnte er ihr bei einem fast menschlichen Körper helfen. Sie dachte an den Geschmack frischen Kaffees. Sehnsüchtig schloss sie die Augen.
Vielleicht ging ihr Traum in Erfüllung.
Sie begann sich zu entkleiden und ihren Körper gründlicher zu untersuchen. Obwohl sie mit einem Mensch fast identisch war, fürchtete sie, dass ihr Leib nicht alle Merkmale des Originals übernommen haben konnte. Sie machte den Versuch, einen Schluck Wasser zu trinken. Obwohl sie den metallenen Geschmack wahr nahm, schien sie keine Speiseröhre zu haben. Warum auch? Sie war eine Maschine. Nach einigen Sekunden tasten und suchen, fand sie heraus, dass es für biologische Produkte eine Art Auffangbehälter gab, den sie entleeren konnte. In ihr stieg ein Gefühl dumpfen Ärgers auf. Sie konnte also an Empfängen aller Art teilnehmen, fand aber in allen sinnlichen Genüssen keine Erfüllung.
Sie setzte sich auf den Wannenrand und betrachtete aus der Entfernung ihren neuen Körper. Er war schön. Zu Lebzeiten war sie eine brünette Frau, deren Teint dunkel war, wie im Süden Frankreichs. Ihre Gestalt wies ein paar Kurven zu viel auf, um ihr zuzusagen. Sie war nicht dick, besaß aber einen zu starken Busen. Ihre Taille war schon immer schlank gewesen, aber sie besaß zu breite Hüften und keine sonderlich langen Beine. Anabelle maß ursprünglich etwas mehr als eineinhalb Meter.
Nun war sie schmal, fast zerbrechlich zart, ein wenig größer und ihre blonden Locken fielen zu ihren Knien herab.
Das einzig übereinstimmende waren ihre blauen Augen.
Die Frau, die sie in der Reflektion sah, erinnerte sie an die Bilder in den Büchern ihrer Kindheit. Märchen über Feen und Elfen beschrieben solche Gestalten.
Anabelle seufzte. So sehr ihr der neue Leib gefiel, so sehr hasste sie ihn auch. Langsam erhob sie sich und zog sich an. Traurig und erschöpft verließ sie das Badezimmer, um zu Madame Zaida zurück zu kehren.
*
Die Zauberin saß in ihrem Salon und las die Tageszeitung. Als Anabelle den Raum betrat, legte sie die Times in ihrem Schoß zusammen. Sie wirkte noch immer majestätisch, obgleich dieser Raum – ähnlich wie andere Teile des Hauses schlichtweg zu bieder wirkten. Der dunkelgrüne Ledersessel beeindruckte Anabelle allerdings. Ebenso das Piano und der gewaltige Ebenholzbücherschrank. Beistelltisch und Kanapee wirkten hingegen altmodisch, insbesondere durch die weißen Deckchen.
Ein großer Rabe saß auf einer Büste, die auf dem Klavier stand. Im ersten Moment hielt Anabelle ihn für ein Abbild aus Gips. Allerdings zuckten seine Federn leicht.
Sie beobachtete das Tier einige Sekunden lang. Kluge, schwarze Augen fixierten sie als Fremdkörper in diesem Haus.
Seitlich von ihr flatterte ein zweiter Rabe mit seinen Flügeln, als wolle er Anabelles Aufmerksamkeit auf sich lenken. Er war nicht ganz so groß wie sein Gefährte. In seinen Augen lag Misstrauen und beinah menschliche Gefühle. Er sprang von der Türe herab und glitt dicht an Anabelle vorüber zu Zaida. Auf der Armlehne ihres Sessels landete er.
„Das ist Songa“, stellte Zaida den kleinern der beiden Tiere vor. „Manikongo ist sein Bruder.“
Anabelle hob eine Braue. „Ungewöhnliche Haustiere“, stellte sie nüchtern fest und schloss die Tür des Salons hinter sich.
„Außergewöhnlich kluge Freunde“, lächelte Zaida. Sie streichelte Songa über den gefiederten Kopf.
„Ich vermute mal, dass die beiden eine Funktion übernehmen, wie eine Katze bei einer Hexendarstellung?“, fragte Anabelle.
Zaida wies mit einer Hand auf einen weiteren Sessel. Offensichtlich war das Möbelstück in der Lage, ihr Gewicht zu tragen. Sie ließ sich nieder.
„Sie sind Vertraute, Wächter und Krieger“, bestätigte Zaida lächelnd, als sie das Thema wieder aufnahm.
„Warum brauchen Zauberwirker solche Wesen?“, fragte Anabelle. Es interessierte sie schon seit ihrer Kindheit. Damals fragte sie sich immer, wozu die Tiere gut waren. Zumeist dienten sie in Büchern nur als Staffage.
„Wir binden einen Teil unserer Seele in das oder die Tiere, die uns ihren Schutz versichern und uns ihre Fähigkeiten und Körper leihen.“
Anabelle keuchte. „Soll das heißen, dass Sie ihren Körper verlassen können und in den des Raben fahren?“
„Wenn ich etwas ausspähen will, so tue ich das“, bestätigte Zaida gelassen. „Andererseits ist es – wie ich zugeben muss – immer ein Schock, von dem aufrecht gehenden Menschenleib in den kleinen, gedrungenen, flugfähigen Rabenkörper zu gleiten. Zumal sich Songa und ich ein Bewusstsein teilen müssen. Er als männlicher Rabe hegt zudem an weiblichen Raben ein gewisses, natürliches Interesse aus seiner Arterhaltung heraus. Das zu unterdrücken ist nicht so einfach.“
Um Zaidas Lippen spielte ein spöttisches Lächeln. Selbst wenn sie Anabelle zum Besten hielt, war die Vorstellung doch sehr erheiternd. Sie gluckste fröhlich.
„Wenn also sein Bewusstsein stark und ausgeruht ist, kann es sein, dass Sie Dinge erleben, die noch keine andere Frau vor Ihnen erlebt hat?“
Zaida nickte und warf dem Raben einen finsteren Blick zu.
Songas Interesse schwang zu einem Bild, was er sich interessiert betrachtete. Anabelle hatte den Eindruck eines Kunstkenners. In ihrer Vorstellung trug er eine winzige Drahtrahmenbrille und verschränkte die Flügel hinter seinem Rücken.
Anabelle lachte. „Und Manikongo? Was ist seine Aufgabe?“
„Er ist ein Wächter. Sein Kampfgeist begründet sich auf Generationen alter Krieger meines Volkes. Er ist ein nicht zu unterschätzender Gegner.“
Wieder gewann Anabelle den Eindruck, dass Raum und Frau nicht zueinander passten. Zaida war eine exotische Mythengestalt in der Vorstellung Anabelles. Die Zauberin erinnerte sie an eine zivilisierte Raubkatze, die zwar ein Halsband trug, allerdings darauf wartete, zuzuschlagen, wenn niemand es erwartete. Die Fotographie eines schwarzen Panthers, die sie vor Jahren einmal gesehen hatte, kam ihr wieder in Erinnerung. Zaida und dieses Raubtier lösten in Anabelle das gleiche Gefühl aus.
„Verzeihen Sie mir meine Offenheit“, sagte Anabelle. Sie erwartete keine Rückantwort Zaidas.
„Das ist, was mir an Ihnen sosehr gefällt, Mademoiselle Trouveille“, entgegnete Zaida schmunzelnd.
Aus dem Konzept gerissen starrte Anabelle sie an. Das Funkeln in den Augen der Afrikanerin irritierte sie nur noch mehr. Sie schüttelte unwillig das Gefühl ab, Ziel von Zaidas Ironie geworden zu sein.
„Welchen Stand begleiten Sie eigentlich hier in London?“
Zaida wurde ernst. „Ich arbeite als Ermittlerin für Victoria von England. Allerdings nur in äußerst delikaten oder sehr mysteriösen Fällen. Zumeist zieht mich Hailey bei seiner Arbeit hinzu, wenn er merkt, dass meine Fähigkeiten vonnöten sind.“
„Wie wurde die Königin auf Sie aufmerksam?“, fragte Anabelle neugierig, obwohl ihr bewusst war, wie missverständlich diese Frage ausgelegt werden konnte. Sie interessierte sich für diese Afrikanerin. Für Anabelle nahm immer Zaida immer mehr von einer schillernden Mischung aus Raubkatze und Märchenfee an.
Der Blick der Zauberin strich an Anabelle vorbei und verlor sich an einem Punkt irgendwo in der Vergangenheit.
Für einen Augenblick glaubte Anabelle, ihr zu nah getreten zu sein. Plötzlich fokussierten die Schwarzen Augen Zaida Anabelle.
„Zuvor lebte ich in Angola und später in Amerika. Ein Vorfahre von Victoria brachte mich mit“, erklärte sie geheimnisvoll.
Anabelle zog die Brauen zusammen. „Ein Vorfahre der Königin?“ Sie überschlug rasch die Regierungszeit Victorias. Ihrer Erinnerung nach bestieg die englische Königin in den späten 1830er Jahren den Thron. Wenn sie sich nicht irrte, im Juni 1837. Das war vor rund dreißig Jahren. Zaida allerdings sah aus, als wäre sie Anfang dreißig. Vermutlich brachte man sie als Kind nach Europa.
Die Zauberin lächelte. Mit einer Hand strich sie Songa über das Gefieder.
„Es war Georg II“, entgegnete sie schlicht.
Anabelle war in englischer Geschichte nicht sonderlich gut bewandert. Sie wusste lediglich, dass Victoria lediglich die Nichte des letzten Königs war, und dieser aus einem deutschen Herrscherhaus stammte. Offensichtlich las Zaida die Verwirrung aus ihrer Mimik.
„König Georg II. wurde 1727 gekrönt und starb 1760. Sein Enkel trat als Georg III. die Erbfolge an und war der Vater von Wilhelm dem IV., der der Onkel unserer hochverehrten Königin Victoria war.“
Anabelle zog die Brauen zusammen. „Bitte, liebe Madame!“, tadelte sie. Allerdings klang es in ihren Ohren nur Halbherzig. „Das ist eine äußerst charmante und fantasievolle Version des Geschichtsunterrichts für eine unwissende Französin, aber halten Sie mich nicht zum Narren …“
Zaida schwieg. Der Ernst in ihrem Blick, die Ruhe ihrer Mimik und die Souveränität, die sie verströmte, verunsicherten Anabelle zutiefst. Sie erhob sich und trat an Zaida vorbei an das Fenster.
„Sie scherzen nicht?“, fragte sie tonlos. Ihr Blick strich über den Park, ohne Details aufzunehmen. Alles um sie verschwand in diffusem Nebel, durchtränkt von der dunklen, klangvollen Stimme der Zauberin.
„Ich bin alt, Mademoiselle de Trouveille“, erklärte Zaida ruhig. „M’banza Kongo, die königliche Hauptstadt Angolas, ist meine Heimatstadt. Damals habe ich mit ansehen müssen, wie Portugal meinem Volk die Macht aus den Händen riss.“ Sie richtete sich in ihrem Sessel ein wenig auf. Songa flatterte auf ihre Schulter und sprang auf die Armlehne hinauf. Von seinem erhabenen Aussichtspunkt überblickte er den Raum. Anabelle fühlte sich von dem Tier auf unangenehme Weise belauert.
„Je älter und weiser ich wurde, desto weniger habe ich es in Zaire ausgehalten“, fuhr Zaida fort. „Es war schrecklich, mit ansehen zu müssen, wie mein Volk missioniert und versklavt wurde. Weil ich dem Katholizismus nicht beitreten wollte, floh ich nach Ndongo, in den Westen Angolas. Dort lernte ich eine faszinierende Frau kennen, eine Diplomatin und Königin, der ich mein Leben verschrieb. Nzinga vermittelte zwischen Angola und Portugal, nahm sogar Ihre Religion an, nur um sich schließlich dagegen auflehnen zu können. Sie nutzte all ihr Wissen. In den vierzig Jahren ihrer Regierung war meine Heimat frei.“ Sie unterbrach sich. Anabelle hörte das Rascheln von Stoff. Zaida erhob sich und schritt durch den Salon zu ihr.
„Sie bereitete mich auf die Welt der Weißen vor“, flüsterte die Zauberin nah neben Anabelles Ohr. Erschrocken fuhr sie herum. Zaida stand wenige Schritte hinter ihr an dem Flügel. Ihre Hände lagen gefaltet auf dem Ebenholzdeckel.
Wie konnte das sein?! Vor einer Sekunde spürte Anabelle noch ihren warmen Atem auf ihrer Haut.
Magie, erklärte sie sich diese Situation selbst.
Mühsam gefasst entgegnete sie: „Sie wollen mir also sagen, dass sie seit rund dreihundert Jahren leben?“
Anabelle hoffte inständig, dass der Spott in ihrer Stimme nicht zu plakativ klang.
Zaida hob nur eine Braue. Der stumme Blick der Zauberin versetzte Anabelle einen Stich.
„Ich bin Wissenschaftlerin“, erklärte Anabelle. „Magie und Unsterblichkeit gehören nicht zu meinem Fachgebiet.“
„Und dennoch sind Sie damit in Berührung gekommen, Mademoiselle“, antwortete Zaida leise. „Ihre Existenz ist eine Symbiose aus Wissenschaft und Technik.“
Diesen Worten konnte Anabelle nicht widersprechen, zumal sie sich selbst hinreichend mit Zauberei befasst hatte, um die Ausarbeitung ihrer Forschung voran zu treiben.
Wortlos nickte sie.
„Also ist das auch der Weg, den wir beschreiten, um Ihnen zu helfen“, erklärte Zaida.
Anabelle hob fragend die Brauen. „Was meine Sie?“
Langsam löste sich Zaida von dem Flügel und trat auf Anabelle zu. Die Gegenwart der Zauberin fühlte sich erstickend schwer an. Anabelle trat einen Schritt zurück. Sie fühlte sich in die Enge getrieben. Mit dem Rücken berührte sie bereits die Gardine.
„Sie wollen wissen, wer Sie getötet hat“, sagte Zaida. „Die vierzehn Monate, die Ihnen fehlen, können für den Inspektor bedeutsam sein, um über Ihr Leben oder Ihren Tod zu entscheiden. Davon ganz abgesehen, dass wir alle ein Ziel haben.“ Sie legte eine Kunstpause ein. Anabelle spürte, wie Zaidas Persönlichkeit sie zu vereinnahmen drohte. Der Einfluss der Zauberin war gewaltig.
„Warum machen Sie das?!“, fragte Anabelle. Sie musste sich zusammenreißen, um nicht zu zittern.
Zaida senkte die Lider.
„Ich will Ihnen helfen, weil wir alle die Person haben wollen, die Ihnen das angetan haben.“ Sie ergriff Anabelles Hand. Die Berührung tat gut. Zum ersten Mal bemerkte sie, dass ihr neuer Körper bedingt empfindungsfähig war. Anabelle schloss die Lider. Alles Misstrauen Zaida gegenüber verwehte. Es war so einfach, sich der Nähe einer Freundin hinzugeben. Das, was sie in der Droschke empfand, beschrieb erneut alle Empfindungen für Zaida: Freundin, Gefährtin, Beschützerin und Hoffnung. Die Zauberin würde sie nicht ausnutzen, nie verraten und ihr ein neues Heim geben. Warum sonst gäbe sie so viel von sich preis?
Ein schwacher Schimmer ihres wissenschaftlichen Verstandes, der alles, sogar ihren eigenen Körper Lügen strafte, behielt sein gewohntes Misstrauen bei. Dieser Resthall der überheblichen Natur Anabelles nahm allerdings beständig in Zaidas Nähe ab. Die Zauberin wollte sie vor Hailey beschützen. In einem Winkel ihres Herzens wisperte eine böse Stimme: ‚Frage sie, warum sie dir hilft.’ Anabelle ergriff den Gedanken und ließ ihn sofort wieder fallen, als habe sie glühende Kohle berührt. Erneut bäumte sich etwas in ihr auf. ‚Sie bezaubert dich! Du unterliegst ihrer Magie!’ Allerdings flüsterte eine andere Stimme in ihr beruhigend. Sie wollte abwarten, sich nicht von Eindrücken tragen lassen, um ein Fehlurteil zu fällen. Zaidas Nähe und Hilfe konnte sie für sich nutzen. Unter ihrem Schutz würde sich Hailey nicht regen. Sie hob die Lider und sah in Zaidas dunkle Augen. Die Ruhe, die nun in ihren Verstand einkehrte, half ihr, Zaida zu begegnen.
„Wie wollen Sie das bewerkstelligen?“, fragte Anabelle.
„Auf diese Frage habe ich gehofft!“
*
Anabelle lag auf ihrem Bett. Die Federn in der Matratze ächzten unter ihrem Gewicht. Sie fühlte sich nicht sonderlich wohl in ihrer momentanen Situation. Dennoch trieb der Wunsch, mehr über sich zu erfahren, sie dazu, ruhig legen zu bleiben. Insgeheim hegte sie Zweifel an der Methode des Mesmerismus. Sie war eine Maschine, kein Mensch mehr. Wie sollte ein tickende Uhr und die Konstruktion eines um oktogonal gebrochenen Spiegels, der sich um eine ruhig brennende Kerze drehte, helfen in ihre eigene Erinnerung abzutauchen? Anabelle kannte die Theorie hinter der Hypnose, war sich aber schon vor Jahren sicher, dass ein starker Geist in der Lage war, sich gegen derartige Beeinflussung zur Wehr zu setzen.
Die Worte Zaidas klangen noch in ihren Ohren. ‚Seien Sie offen. Wehren Sie sich nicht dagegen. Lassen Sie sich tragen. Die Vergangenheit ist nur noch ein Teil der Erinnerungen.’
Die ruhige Stimmlage, die ungewohnte Monotonie und die angenehme Wärme, die von der Zauberin ausgingen, leiteten Anabelle an einen Ort in ihrer Seele, der nebulös und fern war. Noch immer spürte Anabelle das Kissen unter ihrem Kopf. Sie wusste, dass Zaida in einem Lehnstuhl neben ihr saß. Das einzige Licht kam von der Kerze, deren Reflektionen achtfach gebrochen als im Kreis tanzende Lichter über die Wände huschten. Das Ticken begleitete sie. Schemen verwuchsen mit Lauten und verbanden sich zu einem nebulös flackernden Funken, der durch warme Finsternis trieb. Anabelle spürte den Sog, der sie ergriff und sanft hinab zog. Sie schwebte. Luftströmungen trieben um sie. Lichtflexe tanzten auf unsichtbarem Wasser. Geblendet schloss Anabelle die Augen. Als sie die Lider hob, wirbelte sie leichtfüßig über eine, polierte Fläche hin, in der sich tausende Kerzen von Lüstern spiegelten. Sie sah sich tanzen. Ein großer, breitschultriger Mann in dunkler Uniform der preußischen Armee hielt seine Hände an ihrer Taille. Sie wirbelten umeinander. Anabelle fühlte sich irritiert, weil sie nur ihn und sich sah. Der Ballsaal wölbte sich hoch über ihnen. Ihre Bilder wurden von Boden und in der Wand eingelassenen und reich verzierten Silberspiegeln reflektiert. Die Musik um sie kam verzerrt von der Walze eines Grammophons. Anabelle konnte nicht einmal sagen, ob es Walzerklänge waren, zu denen sie sich bewegten, oder nicht. Der Tanz selbst ließ allen moralischen Anstand missen. Während sie sich zur Musik drehten, krochen seine Finger über ihre Taille hinauf, bis er sie fast unter den Armen hielt. Seine Daumen strichen über die Seiten ihres Busens … Anabelle würgte. Der Anblick des in die Jahre gekommenen Mannes genügte, um Übelkeit in ihr auszulösen. Sein helles Haar verlor bereits die Farbe. Er trug einen majestätischen Bart. In den kantigen Zügen zeigte sich offene Härte. Seine Sonnenverbrannte Haut sprach von der Zeit, die er im Feld verbrachte. Aber all das war nicht so schlimm wie die unverhohlene Lust in seinen hellen Augen. Anabelle lachte künstlich. In ihr schrie alles nach Flucht. Allerdings reagierte ihr Körper ganz anderes. Sie drängte sich an ihn, umklammerte ihn sehnsüchtig und zog ihn zu einem Kuss hinab. Ihr Tanz verlangsamte sich, bis sie beide inne hielten. Sein trunkener Atem und der Geruch nach Zigarren raubte ihr den Atem, während seine dicke Zunge gegen ihre Lippen drängte, um Einlass zu fordern. Mit seiner Hand strich er über ihren Busen. Seine Hitze und seine Härte entsetzte Anabelle. Doch erneut tat ihr Körper nicht, was sie von ihm erwartete. Spielerisch löste sie sich von ihm und ergriff lachend seine Hände, die bis eben noch damit beschäftigt waren, ihre Brüste aus dem schulterfreien Kleid zu befreien. Warum war sie nicht Herrin ihres Körpers? Anabelle empfand nicht anders als sonst. Dennoch handelte sie auf bedenkliche Weise.
Der Stoff ihres Mieders gab nach. Sie taumelte zurück, fing sich aber, während er verwirrt auf seine Finger mit einigen Fetzen weißen Gazestoffes blickte. In Anabelle kochte schon jetzt unversöhnliche Wut. Sie wollte sich über seine unverfrorene Dreistigkeit auslassen, brachte aber kein einziges Wort über die Lippen. Anstatt dessen raffte sie lachend ihre Röcke und eilte durch den Saal. In ihren eigenen Ohren klang das Geräusch ihrer Absätze entnervend laut. Allerdings schien er sich daran gar nicht zu stören. Er sprang nach vorne. Anabelle brachte rasch etwas mehr Abstand zwischen ihn und sich. Dennoch schien er beschlossen zu haben, Jagd auf sie zu machen. Das Feuer in seinen Augen nahm erschreckende Züge haltloser Lust an. Wenn sie ihm jetzt nicht entkam, oder ihn abwehrte … Sie verscheuchte den Gedanken. Ihr Körper handelte dieses Mal ausnahmsweise in ihrem Sinn. Sie floh vor ihm, brachte Tisch und Stühle zwischen sich und ihn, gestattete ihm sogar näher zu kommen, versagte ihm aber jede Berührung. Geschickt entzog sie sich jeden Zugriffs. Die Schleppe ihres Kleides behinderte sie immer wieder. Mehrfach trat er fast auf den hellen Seidenstoff. Offensichtlich war ihm das egal. Er achtete weder sie, noch ihren besitz. Tierhaft jagte er, einzig von seinen Instinkten geleitet. Anabelle versuchte die nächste Tür zu erreichen. Auf einer Hindernisfreien Strecke war er ihr überlegen. Mit einem raschen Schulterblick stellte sie fest, dass er bereits bedrohlich nah an sie heran kam. Angst breitete sich in ihrem Verstand aus. Hoffentlich unternahm ihr Körper keine eigenen Aktionen mehr!
Leider drifteten Leib und Seele wieder auseinander. Anabelle erreichte die Tür. Sie berührte den Griff, verharrte dann allerdings und sah sich um. Schnaufend erreichte er sie. Unelegant prallte er gegen Anabelles Körper. Er riss ihre Hand von dem Knauf und vergrub sofort seinen Kopf in ihrer Halsbeuge. Schweißgeruch drang in ihre Nase, vermischt mit dem Alkohol, der aus seinen Poren verdunstete. Seine feuchte Zunge leckte über Hals und Nacken, während er mit beiden Händen den Riss in ihrem Ausschnitt vergrößerte. Gierig legte er ihren Busen frei und massierte ihr schmerzhaft grob. Anabelle kämpfte mit der inneren Wut und ihrem Ekel. Sie konnte nichts tun. Solang dieser starke Körper, den sie ihr Eigen nannte, sich gegen ihre Befehle weigerte, war sie gefangen. Allein der Zorn über diese Tatsache siegte über den Anflug einer Panik. Sie fühlte sich elend, hasste diesen Widerling aus Leibeskräften, war bereit zu kämpfen, aber nichts geschah. Unsanft zerrte er ihren Rock und die Tournüre zur Seite. Anabelle schnappte nach Luft. Während ihr Leib willig keuchte, ohne etwas zu empfinden, brach eine Welle absoluter Panik über sie herein. Er verging sich an ihr. Sie fühlte, was er tat und verabscheute ihn nur noch mehr. Nichts auf der Welt konnte schlimmer sein, dachte sie. Gefangen in einem Konstrukt, dass einem anderen Willen folgte, sie allerdings zwang, alles mitzuerleben.
In ihr manifestierte sich ein Schrei, der ihre Seele mit sich riss und nach Befreiung suchte. Kein Laut kam über ihre Lippen …
Ein entsetztes Keuchen, auf das ein erstickter Schrei folgte, unterbrach sein hektisches Keuchen. Anabelle drängte ihn von sich und ordnete mit raschem Schulterblick ihr Kleid, insofern noch möglich. Eine junge Frau, in Begleitung zwei kleiner Kinder, eines anderen Offiziers und einer älteren Dame mit streng zurückgekämmtem Haar stand im Eingang des Tanzsaals. Ohne zu wissen woher sie diese Informationen nahm, verarbeitete Anabelle die Gesichter der Personen automatisch als seine Familie. Ein hämisches Lächeln huschte über ihre Lippen. Dieses Mal gingen Leib und Seele wieder überein. Hastig versuchte sich ihr Peiniger wieder anzukleiden, während er nach einer Antwort suchte. Nichts kam von seinen Lippen. Zwischen ihm und seiner Familie hing lediglich Stille in der Luft.
In Anabelle erwachte boshafter Triumph. Bevor sie ihn genießen konnte, verschwamm das Bild vor ihren Augen. Enttäuscht seufzte sie.
Schwache Bilder von einem eng beschriebenen Briefbogen flossen in den Artikel einer Zeitung. In beiden Fällen war es Anabelle nicht möglich, auch nur zu erfassen, was die Zeilen wieder gaben. Allerdings erwachte sie nicht, sondern tauchte erneut in einen Traum ein, der weitaus weniger amourös als grauenvoll war. Sie sah sich in vollem Bewusstsein auf den Knien vor einem gewaltigen Tank. Ihre guten Augen stachen durch die Dunkelheit. Mit spitzen Fingern justierte sie einen Zeitschaltmechanismus, der Teil eines komplexen Gewirrs aus Drähten, Spulen und dünnwandigen Flaschen, in denen sich zähe, transparent gelbe Flüssigkeit befand. Sie behandelte dieses Paket mit äußerster Vorsicht. Eine einzige schnelle Bewegung konnte ihre letzte sein!
Sie wusste, was sie installierte. Vermutlich beinhaltete der Tank irgendeine Art leicht brennbaren Stoffes wie Äther, Helium oder Wasserstoff.
Wie schon zuvor war sie Gefangene in ihrem Körper. Sie konnte nicht einmal den Blick heben, um zu erfassen, ob der tank irgendeine Art von bezeichnendem Hinweis lieferte. Dafür arbeitete sie umso konzentrierter an ihrer Bombe. Was ging hier vor sich? Warum unterdrückte der Leib ihren Verstand?! Welcher Wahnsinn und welche Ironie lagen in dieser Tatsache?! Sie gab auf, sich gegen das fremde Bewusstsein, was sie steuerte, zu weheren. All das, was sie nun sah, konnte nicht wieder rückgängig gemacht werden. Sie empfand die Situation dennoch als unerträglich. Zaidas Warnung, sie könne Dinge sehen und erleben, die sie nicht ertrug, hatte sie zu leichtfertig in den Wind geschlagen. Wissen war nicht immer ein Segen!
Andererseits musste sie all das erfahren, was sie in den vierzehn Monaten getan hatte. Diese Informationen beinhalteten Hinweise auf ihre Opfer und die Person, unter deren Einfluss Anabelle stand. So fand sie vielleicht einen Ansatz, für ihre Recherche.
Je mehr se sah, desto weniger empfand sie noch Respekt vor sich. All die Taten waren bar jeder Menschlichkeit oder Moral. Anabelle zählte nicht zu den religiösen Frauen, allerdings ehrte sie das Leben und empfand eine amoralische Verfehlung in vielerlei Hinsicht als unentschuldbar. Jeder
Ehebruch, den sie begangen haben musste, lastete genau so schwer auf ihren Schultern, wie die Sicherheit, getötet zu haben.
Sie tauchte in furchtbare Szenarien ein. Auch wenn sie nicht mit ihren eigenen Händen ein Leben beendete, so trug sie die Schuld an Verbrechen … Schrecklicher als alle Erinnerungen beutelte sie die Gewissheit Familien vorsätzlich auseinander gerissen und loyale, ehrenhafte Männer, anders als jener preußische Offizier, in vollständige Schande gebracht zu haben. Sie wusste wenig, zog nur Bilder und selten ganze Namen aus den ihr zurückgegebenen Informationen, aus den Erinnerungen, allerdings war es ein Anfang für Anabelle.
Trotzdem bedrückten sie diese Eindrücke so sehr, dass sie versuchte eigenständig aus der Trance zu erwachen.
Sie schrak hoch und sah in Zaidas Augen. Die Zauberin saß auf der Bettkante. Anabelles Hand lag locker in der ihren. Wärme und Nähe ging von Zaida aus. Beruhigend strichen ihre Finger über Anabelles Wange.
„Beruhigen Sie sich, liebes Kind“, flüsterte Zaida.
Anabelles Herz fühlte sich an, als würden Stahlklammern es zusammen pressen. Atemlos wie nach großen Anstrengungen, sank sie in die Kissen zurück. Sie glaubte, Kopfschmerzen zu haben. Wie konnten diese Empfindungen sein? War sie nicht eine reine Maschine? Unter all den schlimmen Erinnerungen brachte ihr Geist vermutlich phantomartige Schmerzen und Zustände hervor.
Einer der beiden Raben starrte vom Kopfende des Bettes auf sie herab. Anabelle konnte nicht sagen, ob es der größere oder der kleinere, der beiden Tiere war. Seine schwarzen Augen glänzten so sehr, dass sie Teile des Zimmers und sich selbst sehen konnte. Was erfasste dieses Wesen? Fragte sie sich. Der Blick ging durch ihre Hülle hindurch in ihre Seele.
„Ich bin eine Mörderin“, hauchte sie.
Der Kopf des Raben zuckte kurz. ‚Was hatte sie erwartet?’, fragte Anabelle sich. Eine Antwort von einem Vogel?
„Die Person, die Sie in diesen Körper gesperrt und ihn für seine Zwecke missbraucht hat, ist ein Mörder“, erwiderte Zaida. Ihre Stimme klang trocken und rau. Sie atmete tief durch.
„Wie lang war ich nicht bei mir?“, fragte Anabelle. Sie löste ihre Finger aus Zaidas und massierte sich die Schläfen, ohne sonderlichen Erfolg zu haben.
„Es ist Abend, meine Liebe“, erklärte Zaida.
Anabelle hob die Brauen. „Sie haben keine Pause gemacht, um sich selbst zu erholen?“, fragte sie irritiert.
Zaida schüttelte den Kopf. „Umso mehr würde ich es begrüßen, wenn wir uns den Rest des Abends etwas versüßen könnten, ohne folgenschwere Gedanken zu wälzen.“
Langsam setzte sich Anabelle wieder auf. „Wie meinen Sie das?“, hakte sie misstrauisch nach. „Wollen Sie sich nicht erst mit mir über all die Dinge unterhalten, die Sie nun von mir erfahren haben?“
Zaida sah ihr wortlos in die Augen. Ihr undeutbarer Blick brachte in Anabelle etwas zum Klingen. Erneut berührte die Zauberin ihre Seele und beruhigte sie.
Nach einer Weile sagte sie leise: „Wir werden noch ausreichend Zeit dafür finden.“
Geheimnisse und Könige
Anmerkungen zum Kapitel:Hailey übertreibt ...
„Mein Auge ist dunkel geworden vor Trauern, und alle meine Glieder sind wie ein Schatten.“
(Altes Testament, Hiob, Kap. 17 / Vers 7)


Anabelle fühlte sich eigenartig befreit in der Gegenwart der mondänen Zaida. Alle Scheu gesellschaftlichen Aktivitäten gegenüber wich unter dem Kaleidoskop eines verzauberten abends. Zaida half Anabelle, sich dem Abend angemessen zu kleiden. Mit einigen kleinen Änderungen an den verspielten Abendkleidern, sowie einer ordentlichen Steckfrisur, gelang es Zaida, Anabelles Misstrauen gegenüber ihrer eigenen Garderobe zu vergessen.
Im Nachhinein gefiel sie sich sogar ziemlich. Allerdings trennte Zaida dafür Rüschen und Seidenblumen ab, zog Zierbändchen aus ihren Schlaufen und fasste die relevanten Dekorationen mit Spangen zusammen, die weitaus weniger negativ und Kindlich auffielen. Nach einem letzten Blick in einen – extra für sie aufgestellten - Spiegel fühlte sich Anabelle nicht mehr wie ein Halbwüchsige im Blumenkleid. Eine erwachsene, selbstbewusste Frau sah ihr entgegen.
Zaida stand zufrieden lächelnd hinter ihr. Die Art, wie die Zauberin sie beobachtete, sprach von einigem Stolz, der nicht allein ihrer Fähigkeit galt, sondern auch Anabelle.
„Jeder, der Sie als das kleine Mädchen an meiner Seite ein Luftschiff verlassen sah, würde Sie nicht wiedererkennen“, lächelte sie. „Nun steht eine gleichwertige, starke und schöne Dame neben mir, deren Seele ihrem Äußeren in nichts nachsteht.“
Bevor die Worte Zaidas Anabelles Verstand richtig erreichten, hatte sich die Zauberin bereits abgewendet und das Zimmer verlassen.
Verwirrt fuhr sie herum, hörte aber nur noch Zaidas Schritte auf dem Flur.
Erneut wendete sie sich dem Spiegel zu.
„Schön?“, fragte Anabelle leise und strich sich mit einer Hand über die schmale Taille. Ihr Blick glitt über das taubenblaue Seidengewand und die aufwändigen Perlenstickereien an ihrem weit ausgeschnittenen Dekolleté, die sich auf dem Saum ihrer Schleppe wiederfanden. Silbrige Spangen hielten den gerafften Stoff des Überkleides und gaben den Blick auf einen gleichfarbigen Rock frei. Sie trug silbergraue Handschuhe. Um ihren Hals schmiegte sich eine unauffällige, feine Perlenkette. Zaidas kunstfertige Hände banden ihr Haar zu einer reizvollen Frisur zusammen, in der feine, perlenbesetzte Nadeln schimmerten. Auf ihrem Bett lag ein Mantel, dessen silbriger Pelzkragen farblich zu ihren Handschuhen passte. Die Sensibilität der Zauberin für Form und Farbe formte aus Anabelle eine Dame. Sie konnte sich nicht erinnern je zuvor auch nur annähernd so ausgesehen zu haben.
Der Blick des Raben, der noch immer auf dem Bett saß, beunruhigte sie. Dennoch wendete sie sich dem Vogel zu.
„Du bist Songa?“, vermutete sie.
Der Rabe flatterte kurz, ohne sich in die Lüfte zu erheben. ‚Vielleicht war das seine Art einer Bestätigung’, überlegte Anabelle.
Sie löste sich von ihrem Platz. Der Rabe beäugte sie neugierig
„Wächter, Beschützer und Beobachter“, murmelte sie geistesabwesend. „Keiner weiß besser als Du, wie Deine Herrin wirklich ist.“
Er zuckte mit dem Gefieder.
„Ist sie eine gute Frau, oder verbirgt sie sich hinter einer Maske?“
Der Rabe sah sie stumm an.
„Hoffentlich täusche ich mich nicht in ihr“, flüsterte Anabelle. „Ich fürchte, es würde sehr weh tun, zu sehen, dass ihre Freundlichkeit und Wärme Schauspielerei wäre.“
Der Kopf des Tieres zuckte unwillig, bevor er sich abstieß und aus dem Raum flatterte.
*
Während ihres Aufenthalts im Restaurant entspannte sich Anabelle zusehends. Zaidas Gegenwart gab ihr Halt. Sie respektierte die Zauberin und bewunderte die schöne Frau insgeheim. Aus dem Augenwinkel beobachtete sie Zaida, die in einer seidenen Robe seitlich versetzt zu ihr saß und gerade mit einem bleichen, nichtssagenden Kellner sprach. Die ledergebundene Karte lag noch immer in ihren Händen. Das Kerzenlicht reflektierte golden aus dem großen Smaragd ihres Rings. Das lebendige Flackern in dem Edelstein irritierte Anabelle leicht. Es erinnerte sie an etwas, dass in ihrer Erinnerung verborgen saß. Sie spürte, wie sie an der Oberfläche kratzte, ohne jedoch die passenden Bilder aus ihrem Geist freilegen zu können.
„Anabelle, meine Liebe?“, fragte Zaida leise. „Sie sehen so nachdenklich aus.“
Anabelle lächelte kurz und unverbindlich, bevor sie sich wieder ihrer Speisekarte Widmete. Noch immer wusste sie nicht genau, ob ihr Nahrungsmittel bekamen. Allerdings musste sie es zumindest versucht haben. Wenn sie Schwierigkeiten haben sollte, könnte sie die Speisen immer noch zurück gehen lassen. Der französische Gaumen haderte bekanntlich mit englischen Gerichten, die sich zeitweise nicht einmal im lebenden Zustand als ansehnlich erwiesen.
„Für mich würde ich zuerst eine leichte Suppe bevorzugen, bevor ich eine nähere Auswahl treffe.“
Anabelle hob den Blick zu dem Kellner, der fast automatisch errötete.
„Was würden Sie mir empfehlen, Garcon?“, fragte sie.
Ihr auffälliger, französischer Akzent verunsicherte den jungen Mann möglicherweise. Ihr kam es vor, als wisse er nicht, wie er mit einer Ausländerin umzugehen hatte.
„Vielleicht möchten Sie die Mockturtle Soup probieren?“, schlug er vor. Seine Stimme zitterte befangen.
Anabelle hob eine Braue und sah Zaida fragend an.
„Irre ich mich, oder spricht er von Schildkrötensuppe als Delikatesse?“, fragte sie in ihrer französischen Heimatsprache.
„Leider ja“, bestätigte Zaida. „Ist das nicht auch eine französische Spezialität?“, hakte sie nach.
„Irgendwie zumindest“, gestand Anabelle schaudernd. „Die Mischung aus Schildkröte, Rind und Kalbsfuß empfinde ich allerdings als furchterregend.“
Anabelle wendete sich dem Kellner wieder zu.
„Was habe ich unter Cock a Leeky zu verstehen?“
„Cock a Leeky ist eine einfache klare Hühnersuppe mit Gemüse und Backpflaumen. Zur Verfeinerung wird Knochenmark vom Rind verwendet“, erklärte er bereitwillig.
Anabelle wusste sehr genau, weshalb ihr die englische Küche vergällt war.
Was Backpflaumen und Knochenmark in einer Hühnerbrühe verloren hatten, konnte sie sich nicht erklären.
Vermutlich sah ihr der Kellner an, was sie dachte. Er zog sich wieder in seine defensive Position zurück.
„Was würden Sie dem Gaumen einer verwöhnten Französin empfehlen?“, fragte sie lächelnd.
Verunsichert sah der junge Mann zu Zaida, die sich lächelnd in ihrem Stuhl zurück lehnte und dabei ihre Beine übereinander schlug.
„Vielleicht Gurkensuppe mit Cheddar?“, riet er.
Anabelle seufzte. „Eine Gurken-Käsesuppe?“
Er nickte.
„Was würden Sie mir als Tafelwein dazu empfehlen?“, fragte sie.
Er stammelte und fuhr zurück. „Das wird Ihnen der Weinkellner unterbreiten!“
Hastig huschte er davon.
„Bin ich so unsäglich schwierig?“, fragte sie verständnislos.
Zaida lachte leise und nickte. „Der Untergang aller Männer“, bestätigte sie fröhlich, wobei sie zum Fenster deutete. Schnell nahm Anabelle den Mann wahr, der mit verdrossener Miene nach drinnen spähte und dabei ungeduldig von einem Fuß auf den anderen trat.
„Einer meiner Wachhunde“, schloss Anabelle. Einerseits freute es sie, dass der Mann nicht in das Restaurant konnte, andererseits ärgerte sie die vollzeitige Überwachung, der Hailey sie aussetzte.
„Es war Absicht, ein solch teures Lokal zu wählen“, erklärte Zaida schmunzelnd. „Haileys Männer können sich einen Besuch hier nicht leisten. Ihre Spesenrechnungen werden immer noch von Whitehall gezahlt.“
„Whitehall?“, fragte Anabelle neugierig.
„Schottland Yard hat am Ende der Whitehallstreet seine Geschäftsräume.“
Anabelle presste die Kiefer zusammen.
„Sie stehen auch im Sold des Yards?“, fragte sie. Alle Entspannung verschwand.
„Nein“, antwortete Zaida offen. „Hailey beauftragt mich, wenn er nicht weiter weiß. Ich stehe also nur bedingt auf der Lohnliste des Yards.“ Sie legte eine Kunstpause ein. „In erster Linie arbeite ich für private Kunden. Allerdings bin ich Protegée Victorias. Letztlich unterstützt sie meine Arbeit und verlangt absolute Loyalität.“
Anabelle senkte die Lider und nickte.
„Also haben Sie Ihren Namen und Ihr Ansehen für meine Sicherheit riskiert“, schloss sie. Es war eher eine Feststellung als eine Frage.
Zaida ging nicht darauf ein. Ihr Schweigen war alle Zustimmung, die Anabelle brauchte. Eine Ehrenschuld wog schwerer als jede Drohung. Zaidas Taktik ging also an dieser Stelle auf. Anabelle würde nichts unternehmen, was der Zauberin schadete.
Schweigend sank sie wieder in sich.
*
Vielleicht besaßen Haileys Männer nicht das Geld, sich ein solches Restaurant zu leisten, wohl aber der Inspektor. Begleitet von einem Kellner, trat er zu Zaida und Anabelle.
„Guten Abend Inspektor“, begrüßte Zaida ihn. Sie erhob sich in einer fließenden Bewegung, wobei sie Hailey ihre Hand reichte. Obwohl der stiernackige Mann dieses Mal nicht aussah, als habe er in seinem Anzug geschlafen und nach Seife roch, konnte er seine einfache Herkunft nicht verleugnen. Neben der schlanken, hochgewachsenen Angolanerin in ihrer dezenten und dennoch prächtigen Seidenrobe, wirkte er wie eine rasierte Bulldoge im Anzug.
Dennoch verneigte er sich vor Zaida und küsste ihre Hand.
Anabelle nickte er kurz zu, wobei er stockte und sich mit einem weiteren Blick versicherte, wer an der Seite der Zauberin saß.
Anabelle empfand sein Verhalten als ungebührlich. Trotzdem sah sie keine Veranlassung für einen Tadel. Letztlich stand es ihr in ihrer momentanen Situation nicht zu.
Allerdings störte sie sich an dem Gedanken, dass Hailey anstallten machte, sich zu setzen.
Der Kellner sah zu Madame Zaida.
„Soll ich ein weiteres Gedeck auflegen?“, fragte er.
Die Zauberin verneinte. Haileys Mimik geriet außer Fassung. „Unser verehrter Inspektor wird nicht lang bleiben“, entschied sie. „Für eine Besprechung sollten wir uns in jedem Fall eine ruhigere Örtlichkeit suchen.“
„Sehr wohl.“
Der Kellner verließ ihren Tisch. Anabelle zog die Brauen zusammen, als sich Hailey dennoch einen Stuhl heran rückte.
„Sie gehen sehr sorglos mit Ihrer Sicherheit um“, knurrte Hailey, wobei er demonstrativ zu Anabelle sah.
Eine heiße Welle Zorn erwachte in ihr. Das plakative Verhalten des Inspektors, die Angriffe und Seitenblicke reichten ihr langsam.
„Sagen Sie endlich, was Sie zu sagen haben“, zischte sie verärgert. „Ergehen Sie sich nicht ständig in solch billigen Anfeindungen!“
Hailey rieb sich mit seinen riesigen Händen über die Knie.
„Hören Sie Miss Talleyrand“, begann er. „Sie verhalten sich nicht gerade unauffällig. Die Sache im Laderaum, dann ihre zerfetzten Kleider, die Tatsache, dass ich Ihren Namen nicht auf der Passagierliste gefunden habe, wohl aber eine Anais Talleyrand von Berlin nach Paris geflogen ist, in der Begleitung eines französischen Mannes und seines halbwüchsigen Sohns, die auf der Passagierliste unseres Luftschiffes standen, aber nicht ausgestiegen sind …“
„Langsam, Inspektor!“, unterbrach ihn Zaida. „Keine Beschuldigungen ohne Beweise!“
Sie kühlte damit Anabelles Zorn nur gering herab, nahm ihr und Hailey aber etwas von der Aggression.
Dennoch gab er nicht auf.
„Ihre Identität wird überprüft“, blaffte er Anabelle an.
Die Worte erschütterten sie. Insgeheim zwang sie sich zur Ruhe, um sich den Schrecken nicht anmerken zu lassen. Bemüht Ruhig sah sie ihn an, ergriff ihr Wasserglas und nippte daran. Im ersten Moment fiel ihr gar nicht auf, dass sie Flüssigkeit dem Maschinenkörper keinen Schaden zufügte.
„Ich glaube, das ist nicht der Ort, um diese Dinge zu diskutieren“, sagte Zaida scharf.
Hailey knirschte mit den Zähnen. „Möglich!“
„Monsieur le Inspekteur“, begann Anabelle. „Ein Gespräch ist wohl unumgänglich, schon um zu erfahren welcher Verbrechen Sie mich schuldig sehen.“
„Mord“, entgegnete er ruhig. Mit diesen Worten erhob er sich und sah zu Zaida. Offensichtlich wollte er wissen, wie sich seine Worte in ihren Gefühlen ausdrückten. Die Zauberin hatte sich gut genug unter Kontrolle, um nicht zu reagieren.
„Wir müssen reden!“, knurrte er. „Heute noch!“
*
Hailey hatte sich für 23 Uhr angekündigt. Offensichtlich störte es ihn gar nicht, zu so später Stunde in das Haus einer Dame einzudringen. Annabelle nutzte die Zeit bis zu seinem Besuch, um sich einige relevante Notizen zu machen und diesen ersten Tag ihres neuen Lebens gründlich zu überdenken. Zaida hingegen schrieb einen Brief – wie sie sagte - und ließ ihn noch in der gleichen Nacht zustellen.
Erst kurz vor dem Erscheinen Haileys klopfte die Zauberin bei Anabelle.
„Darf ich eintreten?“, fragte sie leise.
„Natürlich“, entgegnete Anabelle.
Sie stand an dem Fenster und sah hinaus in den Park. Zaidas schlanke Gestalt reflektierte in der Scheibe. Die Angolanerin trug ihren Hausmantel. Langes, schimmerndes Haar flutete gezähmt über Rücken und Schultern hinab zu ihren Beinen.
Sie schloss die Türe hinter sich und blieb stehen, offenbar unschlüssig, ob sie noch Herrin dieses Raumes war.
Anabelle drehte sich zu ihr um.
„Worüber denken Sie nach?“, fragte Zaida.
„Über all das, was seit meinem Erwachen in jenem Laderaum geschehen ist“, antwortete sie verhalten. „Wie es in Zusammenhang mit mir steht und Ihnen, Ihrem Auftrag, von dem ich nichts weiß.“
„Sie wissen nichts, das ist mir klar“, murmelte Zaida. Fließend löste sie sich von der Wand und durchquerte den Raum, um sich wieder in dem Sessel nieder zu lassen, in dem sie zuvor schon gesessen hatte.
„Bekomme ich die Antworten erst von diesem Widerling Hailey?!“, fragte Anabelle scharf. Eigentlich wollte sie diesen Ton vermeiden, zumal Zaida ihr nichts tat, aber sie konnte sich nicht mehr beherrschen.
„Vor wenigen Monaten fiel starb der britische Botschafter in Berlin“, begann Zaida. Anabelle hob die Brauen, schwieg aber. „Es klang nach nichts besonderem. Herzinfarkt wurde von seinem Arzt als Todesursache festgelegt. Lediglich die Situation, in der er diesen erlitt galt als delikat. Dieser Geschichte nachzugehen, wäre sinnlos gewesen, wenn nicht einer seiner Söhne eine Obduktion der Leiche angeordnet hätte.“
Anabelle setzte sich auf die Bettkante, Zaida gegenüber.
„Ich vermute, dass es einen Anlass für sein Misstrauen gab?“, fragte Anabelle.
Zaida nickte. „Er ist Arzt und kannte die starke Gesundheit seines Vaters. Trotz seines vorangeschrittenen Alters pflegte der alte Herr regelmäßig zu reiten, zu schwimmen und spielte leidenschaftlich gern Cricket. Nichts deutete also auf ein ungesundes Leben oder einen Tod durch Herzversagen hin.“
Anabelle nickte nachdenklich. Sie konnte sich lediglich erklären, dass der alte Mann an Überanstrengung starb.
„Was war der wirkliche Grund seines Hinscheidens?“, fragte sie neugierig.
„Er starb tatsächlich an einem Herzinfarkt“, erklärte Zaida. „Allerdings begünstigt durch regelmäßig verabreichte Portionen Digitales.“
„Fingerhut“, murmelte Anabelle. „Hilft bei Herzkrankheiten, lindert, ist aber in erhöhter Menge tödlich, simuliert aber auch den Effekt eines Infarkts. Heißt also, dass die Verabreichung geringer Dosen zu einer zwangsläufigen Schädigung führt. Bei starker emotionaler Erregung, Aufregung oder Anspannung verkrampfen sich die Herzkranzgefäße …“ Sie nickte. „Der Mörder war also medizinisch ausgebildet?“
„Oder in einem anderen Wissenschaftsberuf beheimatet. Allerdings starb er wohl in höchster Erregung. Die bestimmte Dame wurde vernommen. Er muss ihre Bekanntschaft auf einem Diplomatenball gemacht haben, sagte sein Sekretär.“
„War sie die Mörderin?“, fragte Anabelle vorsichtig.
Zaida wiegte den Kopf. „Hailey und ich kamen nicht dazu, mit ihr zu sprechen. Sie reiste alsbald ab; angeblich zu ihrer Familie nach Bayern.“
„Ein deutliches Zeichen“, fiel Anabelle ein.
„Leider nicht.“ Zaida fuhr sich mit der Hand über die Augen. „Wir nahmen ihre Spur auf und fanden sie.“
Mit gehobenen Brauen betrachtete Anabelle Zaida.
„Sie floh und starb.“
„So einfach?“, fragte Anabelle ungehalten.
„Hailey und ich stellten sie in München. Während ihrer Flucht …“, Zaida zögerte. „passierte ein Unfall. Diese Frau war so wenig menschlich, wie Sie es sind. Wir fanden lediglich die perfekt gefertigten Bruchstücke eines Körpers aus Stahl, Glas und Kupfer. Hailey hat diesen Moment, die Erkenntnis dahinter, bis heute nicht verwunden. Für ihn als Mann des Gesetztes und Sinnbild einfachen Denkens, war dieser Anblick entsetzlich.“
„Was empfanden Sie, Madame?“
Zaida zögerte. „Ich war entsetzt“, gestand sie. „Die bloße Vorstellung, dass ein Mensch Gott spielte und es wagt, so weit in die Natur einzugreifen, war mir ein Gräuel.“
Anabelles Herz zog sich zusammen.
„Sie empfinden mich auch als monströs“, schloss sie.
Zaida schüttelte bedächtig den Kopf. „Nein, so kann man dieses Gefühl nicht ausdrücken.“
„Wie sonst?!“
Anabelle fühlte sich benommen und erschöpft. Das Gefühl, was Zaidas Worte in ihr auslösten, nahm ihr den Mut. Die einzige Person, die hinter ihr stand, sah sie als Maschine.
Bitternis füllte ihr Herz – insofern sie noch etwas Vergleichbares besaß.
„Ich lerne gerade die Frau kennen, die den göttlichen Funken des Lebens, die Seele, noch immer in sich trägt, obwohl man ihr die fleischliche Hülle raubte.“
Irritiert betrachtete Anabelle Zaida.
Die Zauberin senkte die Lider.
„Ich glaube beurteilen zu können, dass Sie mit ihrer Erfindung nie etwas Böses verfolgten.“
„Sie kennen mich nicht“, entgegnete Anabelle. Sie fühlte sich noch immer wie betäubt.
„Mag sein“, räumte Zaida ein. „Allerdings erkenne ich in Ihren Reaktionen Abscheu und Entsetzen über die Verwendung Ihrer Erfindung.“
„Ich wollte sie nie ausführen!“, rief Anabelle impulsiv. „Es war der Rausch und das wissen, dass man Leben erhalten kann!“ Sie sprang auf und lief unruhig auf und ab.
„Im Lauf der Jahre habe ich unzählige Waffenentwürfe für die französische Regierung entworfen und gebaut. Das ganze Töten, die Vorstellung von Kriegen, war mir fremd, bis mein Vater von den Schlachtfeldern zurück gebracht wurde. Salvengeschütze machten aus ihm einen Krüppel. Er war gefangen in seinem Körper. Sein Geist lebte, wach wie immer, aber seine Beine fehlten. In seinem Körper steckten noch zehn Kugeln, die sie im Lazarett nicht entfernen konnten. Sein linker Arm versteifte sich …“ Anabelle schluckte hart. „Bevor ich auch nur Prothesen in Planung nehmen konnte, erschoss er sich.“
Zaida nickte nachdenklich. „Sie wollten einer lebenden Seele einen funktionalen Körper geben.“
Anabelle blieb reglos im Raum stehen. „Meine Forschungen gerieten auf dubiosen Wegen an die Regierung. Sie verlangten von mir, ich solle diese Maschinen herstellen, um Frankreichs Macht gegen Preußen zu stützen. Napoleon III. war bereit, mir alles zu geben, um meine Maschinen in den Dienst des Krieges zu stellen und gewährte mir einen Etat, von dem ich nur träumen konnte.“ Langsam drehte sie sich zu dem Fenster um. Ihr Blick verlor sich im Licht der Gaslaternen, die den Park erhellten. „Die Körper waren zu friedlichen Zwecken gedacht. Sie sollten denen helfen, die in ihrem Leib gefangen waren. Als Waffen waren sie völlig ungeeignet. Deshalb beschloss ich, alle Unterlagen zu verbrennen. In meiner Tasche trug ich gefälschte Papiere bei mir. Mein Haar war gebleicht, die Garderobe neu.“
Ihr fiel es immer schwerer zu sprechen. „Unter einem falschen Namen, den außer mir nur Anais kannte, telegraphierte ich ihr von meinen Absichten und gab an, dass ich mich melden würde. Spione der Regierung überwachten mich bereits. Für mich wurde es unumgänglich Frankreich für immer zu verlassen. Ich hatte einen Plan, eine ausgeklügelte Idee zu verschwinden und nie gefunden zu werden. Am letzten Tag meines Lebens als Anabelle de Trouveille wollte ich mich der letzten Pläne entledigen. Ich verbrannte sie. Doch plötzlich schloss jemand auf mich. Es war eines meiner Säuregewehre. Der Bauchschuss tötete mich. Zuvor jedoch entriss eine Maschine …“ Ihre Stimme brach.
Sie bemerkte Zaida erst, als sie ihre Hand um Anabelles Finger schloss. Reglos stand die schlanke Angolanerin neben ihr und sah schweigend aus dem Fenster. Die Berührung schloss vollkommen aus, dass Zaida ihr misstrautet.
Die Ruhe, die von ihr ausging legte sich befreiend über Anabelles Seele.
„Dieser Körper war es, der mir die Essenz entriss“, flüsterte sie. „Es wäre der letzte Ort, in dem ich leben wollte.“
*
Anabelle konnte auf Zaida zählen, Hailey hingegen würde ihre Beweggründe nicht verstehen.
Sie spürte seine Antipathie, bereits, als er Zaidas Salon betrat. Während er die Zauberin freundlich begrüßte, überging er Anabelle vollständig.
Zaida wies auf einen, Sessel nah der Tür. Hailey musste sich auf sehr beengtem Raum zurecht finden. In Anabelles Augen wirkte der ungeschlachte Mann deplaziert. Seine Gestalt sprengte den Rahmen. Allerdings konnte sie sich den Inspektor auch eher auf einem zerschlissenen Clubsofa vorstellen. Nicht weniger befremdlich mutete die Porzellantasse in seiner Hand an.
Anabelle zeigte sich nicht sonderlich überrascht, als er seinen Revolver auf die Tischplatte legte. Sie empfand seine stumme Geste als klare Herausforderung. Zugleich war es eine Unverfrorenheit Zaida gegenüber.
„Inspektor?“, fragte Zaida betont ruhig. Ihre Braue zuckte hoch.
Haileys beobachtete Anabelle stumm. Er regte sich nicht auf die Worte der Angolanerin. Allerdings schien es ihm schwer zu fallen. Der leicht hypnotische Unterton in der Stimme der Zauberin bedrängte ihn merklich. Sein Blick flackerte zusehends. Schweißperlen traten auf seine Stirn.
Er konnte dieses stumme Duell nur verlieren.
„Sie ist eine Mörderin!“, begehrte er auf.
„Wer sagt das?“, fragte Zaida. „Sie dürfen sich nicht von persönlichen Gefühlen leiten lassen. Sie trüben ihre Objektivität, Inspektor.“
Hailey seufzte und schloss beide Hände um seine Waffe.
„Das ändert wenig daran, dass wir Blutspuren im Laderaum fanden und zwei Passagiere nicht in London ankamen, die in Berlin zustiegen.“
Anabelle atmete tief durch und nickte.
„Sie haben mich im Laderaum gefunden. Die Laderampe schloss sich gerade wieder und das Chaos war unvorstellbar, so sehr, dass sich keiner der Offiziere an Bord auf mich konzentriert hätte.“
Hailey zuckte mit den Schultern und nickte. „Genau so.“
Anabelle hob die Brauen und versuchte ihn abfällig zu messen. Sie wusste nicht, ob ihr das gelang.
„Wenn ich etwas so kolossal Dämliches planen würde, wäre ich kaum eine logisch denkende Frau. Dieser Plan besteht aus zu vielen Abhängigkeiten. Der Zufall wäre die einzige Konstante. Davon abgesehen müsste ich es irgendwie bewerkstelligen, jene verschwundenen Passagiere in den Laderaum gelockt zu haben, um sie und mich dort einzuschließen, nur um sie umzubringen. Davon abgesehen müsste sich auch noch die Rampe von innen öffnen lassen, damit ich die Toten – vermutlich über dem Ärmelkanal – entsorgen könnte.“ Sie unterbrach sich. „In dem Plan sind zu viele Unsicherheiten. Allein von Außen in den verschlossenen Laderaum zu gelangen, wäre nach dem Start schon nahezu unmöglich …“
„Mit Ausnahme eines Helfers unter den Lagerarbeitern!“, unterbrach sie Hailey.
Anabelle fiel wieder ein, dass sie – bei ihrem ersten zusammentreffen – dem Inspektor gesagt hatte, sie sei mit Hilfe eines Matrosen in den Laderaum gelangt.
Die Sackgasse, in die sie sich hinein manövriert hatte, konnte ihr das Genick brechen.
Hailey legte ihr Schweigen falsch aus. „Sagen Sie endlich die Wahrheit!“, schnaubte er.
„Welche?“, fragte Anabelle ruhig. Sie ließ sich zurück sinken.
Hailey fixierte sie wütend. Seine Wangen verfärbten sich dunkel. Dennoch schwieg er.
„Die Wahrheit ist“, erklärte Anabelle. „dass ich mitten in der Nacht in einem elend kalten Laderaum erwacht bin, ohne zu wissen, wie ich dort hin kam. Ich war in einer Stahlkiste verpackt wie ein Möbelstück, unbekleidet und völlig desorientiert. Bevor Sie auftauchten und beinah meine ganze Welt fast in den Ärmelkanal stürzte, blieb mir gerade noch ausreichend Zeit, mich nach Kleidung durch die Reisekoffer der Passagiere zu wühlen. Eine logische Erklärung fand ich dadurch immer noch nicht. Anstatt dessen öffnet sich die Laderampe und irgendein Fluggeschoss katapultiere mich fast aus dem Luftschiff. Wenig später flutet sich der Raum mit Personal und Polizei.“ Anabelle hob ihre Hände. „Zu allem Überfluss fehlt mir die Erinnerung an ein volles Jahr.“
Schlußanmerkungen zum Kapitel:
Diese Geschichte findest du unter http://boyxboy.de/efiction//viewstory.php?sid=1089