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Ein weißer Raum.
Zwei Uhren.
Und eine Anklage.

Genres: Paranormale Welt, F/F (Yuri)
1. Warnung: Keine
2. Warnung: Keine
3. Warnung: Keine

Kapitel: 1     Gelesen: Nicht möglich
Inhaltsverzeichnis

Wörter: 1278     Klicks: 10124
Veröffentlicht: 29/06/12 Aktualisiert: 29/06/12
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Anmerkungen zur Geschichte
Beschreibt weniger eine reale, denn eine sich im Geiste abspielende Situation.
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1. Schuldig

Kaltes, weißes Neonlicht beleuchtet den kargen Raum. Die Wände sind weiß gestrichen, in der Mitte steht ein weißer Tisch und auf jeder Seite des Tisches ein Stuhl. An der Wand tickt leise eine große, runde Uhr. Ein Fenster gibt es nicht, dafür aber einen großen Wandspiegel, in dem sie sich selbst sieht. Ein Farbfleck in all dem Weiß. Es ist kein strahlendes Weiß, sondern ein trostloses, kränkliches Weiß.
Sie leuchtet schwarz aus all dem Weiß heraus. Ihr langes Haar ist schwarz, hängt wie ein schützender Vorhang vor dem blassen Gesicht. Sie trägt einen schwarzen Rollkragenpullover, eine schwarze Hose, schwarze Schuhe, schwarzen Nagellack auf den Fingernägeln ihrer Hände, die sie vor sich auf dem Tisch übereinander gelegt hat. Sie starrt starr geradeaus, auf den Tisch. Die Luft schmeckt trostlos. Wirklich alles hier ist trostlos.
Die weiße Tür öffnet sich. Ein Mann betritt den Raum. Sorgfältig schließt er die Tür hinter sich und geht zügigen Schrittes zu dem zweiten Stuhl. Hätte sie aufgesehen, als er hereingekommen ist, sie hätte einen Blick auf die bunte Welt erhaschen können, der sie entrissen wurde.
Der Mann setzt sich auf den zweiten Stuhl. Ein erstaunlicherweise dunkelbrauner Plastikstuhl mit Metallfüßen. Wenn man länger darauf sitzt, bekommt man Rückenschmerzen. Sie hebt kaum den Kopf; sie weiß, wie ihr Gegenüber aussieht. Er ist ein eleganter, großer und schlanker Mann in den Fünfzigern, das gepflegte, dichte Haar ist mehr grau als schwarz, aber noch nicht weiß. Grau wie Stahl. Seine Gesichtszüge sind scharf geschnitten, die wenigen Falten wie mit dem Skalpell in die Haut gezogen. Zwischen seinen Lippen kommen, wenn er spricht, zwei Reihen ebenmäßiger, weißer Zähne zum Vorschein. Strahlendes Weiß. Lebendiges Weiß. Genauso weiß ist sein Hemd, akkurat sitzt es unter dem Nadelstreifenanzug, perfekt sitzt die Krawatte, sieht aus wie ein Dolch.
Schärfer und spitzer jedoch als der Krawattendolch sind seine stahlblauen Augen. Beinahe nichts hält ihrem Blick stand, wenn sie das Gegenüber durchbohren.

Auch jetzt spürt sie die dolchartigen Blicke auf ihrer Haut. Sie hebt den Kopf trotzdem nicht. Sie verspürt nicht den Drang, mit ihrem Gegenüber zu sprechen, nicht, ihn anzusehen. Er stützt sich mit den Armen auf dem Tisch ab, faltet die Hände, als wolle er sie zum Gespräch auffordern. Natürlich will er das. Will Worte von ihr hören, ganz bestimmte Worte. Dennoch schweigt er weiterhin. Zunächst jedenfalls. Niemand hat unendliche Geduld, und er weiß, dass sie von selbst nicht sprechen wird. Er weiß es, und sie weiß, dass er es weiß. Weiß. Schon wieder dieses Wort. Sie hasst Weiß. Das fahle, kranke Weiß. Das sie zwingen soll, alles preiszugeben, nur um aus dem Weiß zu entkommen. Sie kennt das Spiel, ohne es je zuvor gespielt zu haben.

„Sie wissen, was Ihnen zur Last gelegt wird, Miss Harrison?“, sagt er. Mehr eine Feststellung als eine Frage, eine eigentümliche Mischung. Seine Stimme klingt nicht so unangenehm, wie es seine äußere Erscheinung glauben lassen mag. Sanft und weich wie eine Katzenpfote, doch die Krallen lauern tief im Innern.
Sie schweigt.
Er wartet.
Sie schweigt.
„Miss Harrison.“, sagt er. Die Krallen treten etwas weiter hervor, einen halben Millimeter vielleicht. Sie kann den Unterschied deutlich hören. „Miss Harrison. Sind Sie schuldig?“
Sie schweigt.
Das Ticken der Uhr drängt sich penetrant in den Vordergrund. Er wirft einen Blick auf die Zeiger, die irgendwie unbeholfen geformt sind. Es sind gerade Zeiger ohne Spitze. Sie laufen einfach in einem Halbrund aus und sind ein bisschen zu dick, um auch nur einen Hauch von Eleganz erreichen zu können. Hinter der Plastikscheibe verrichten sie lustlos ihre Arbeit.

Miss Harrison schweigt.

„Miss Harrison, Sie kennen Ihre Rechte. Sie können Ihren Anwalt hinzuziehen. Falls Sie sich keinen Anwalt leisten können, wird Ihnen ein Anwalt gestellt.“, sagt ihr Gegenüber.
Sie bleibt stumm. Seit er den Raum vor einer halben Stunde betreten hat, hat sie sich nicht bewegt. Sie sitzt auf dem Stuhl wie eine lebende Statue. Nur das gelegentliche, rasche Schließen und wieder Öffnen der Augenlider verrät, dass ihm kein Leichnam gegenübersitzt.

Er steht auf, unterdrückt ein Seufzen und verlässt den Raum genauso zügig, wie er ihn betreten hat. Sie bleibt allein zurück. Genießt beinahe die Stille, die den kargen Raum jetzt erfüllt. Ein wenig Anspannung fällt von ihr ab, aber es ist so wenig, dass ein Zuschauer nichts davon bemerkt hätte. Sie ist sich sicher, dass sie beobachtet wird. Man sieht es oft genug in den Filmen. Sie weiß, warum an der Wand ein großer Spiegel hängt. Sie rührt sich nicht. Blickt auf ihre eigene Uhr, die sie am linken Handgelenk trägt. Der Ärmel des schwarzen Rollkragenpullovers ist etwas verrutscht, sodass sie freien Blick auf das Zifferblatt hat. Es ist eine schöne Uhr. Sie hat sie von ihrer Mutter geerbt, und diese wiederum von ihrer Mutter. Das Zifferblatt ist altweiß, ein warmes, heimeliges Weiß. Die römischen Zahlen sind schwarz und fein, heben sich vom Untergrund ab und bilden doch eine harmonische Einheit. Die Zeiger der Uhr sind goldfarben, bauchig und verjüngen sich zur Spitze hin. Sie springen lebhaft immer weiter, als könnten sie es nicht erwarten, sich endlich wieder bewegen zu dürfen.

Die Zeiger der beiden Uhren haben ihre Position stark verändert, als wieder die Tür aufgeht. Wieder kommt der Mann herein. Sie sieht nicht auf. Wieder setzt er sich ihr gegenüber, doch jetzt hat er etwas dabei. Ein weißes Blatt Papier, bedruckt mit winzigen schwarzen Buchstaben. Der Drucker scheint kaputt zu sein; eine dünne schwarze Linie zieht sich links übers ganze Blatt, von oben nach unten, durch die Buchstaben hindurch. Er schiebt das Blatt zu ihr, bis es an ihren Händen anstößt und stoppt.
Aus einem Grund, der ihr selbst nicht bekannt ist, nimmt sie das Blatt und studiert es. Liest sorgfältig jedes Wort, das darauf geschrieben steht.
Ihr Gegenüber schweigt. Schweigt und bemüht sich um eine unveränderte Mimik. Trotzdem schleicht sich ein kleines, siegesgewisses Lächeln in seine Züge.
Sie liest das Blatt lange und gründlich. Als sie unten angekommen ist, fängt sie noch einmal von vorne an. Natürlich stehen noch immer die selben Worte auf dem Blatt Papier, die selbe Anhäufung von Buchstaben, die dem Papier jedoch durch ihre bestimmte Anordnung mehr Gewicht verleihen, als es einem normalen Blatt Papier je möglich gewesen wäre.

Er kennt sie. Er kennt Miss Harrison aus einer Art früherem Leben. Er weiß, womit er sie ködern kann. Er lehnt sich in seinem Stuhl zurück, während sie das Blatt langsam sinken lässt, sorgfältig vor sich ablegt und die Hände darauf legt, in genau der gleichen Position, in der sie vorher auf dem Tisch lagen. Dann schaut sie auf, geradeaus in seine stahlblauen Augen. Nie ist ihm aufgefallen, dass ihre Augen von derart leuchtendem Grün sind.
Ein ungutes Gefühl beschleicht ihn, als ihre Lippen sich zu einem leichten Lächeln verziehen, es mehr andeuten als wirklich zeigen.
Seine Welt zerspringt in ihre Einzelteile, als diese Lippen Worte formen, Worte, die er nie hören wollte.

Miss Harrison sagt mit dem Anflug eines Lächelns: „Schuldig im Sinne der Anklage.“





NAME: Abigail Harrison
GESCHLECHT: weiblich
ALTER: Sechsundzwanzig
ANKLAGE: Geliebt zu haben.
Aktualisiert: 29/06/12
Veröffentlicht: 29/06/12
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felis am 21/05/16 00:04
Hi Chiyuki.

Wow, die Atmosphäre kommt wirklich gut rüber. So kurz und regt daher umso mehr zum Nachdenken an.

Liebe Grüße felis



Antwort der Autors Chiyuki (21/05/16 19:16):
Oh, vielen Dank Smiley
glg, chi
Schuldig
Aussehen wechseln!
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jabba
21/01/21 22:32
Knuddel! Knuddel! Alle ganz doll knuddel! Heute ist Weltknuddeltag! Knuddel! Knuddel!

Witch23
01/01/21 02:37
*Pfeif Zisch* Gutes neues Jahr wünsche ich euch allen

split
01/01/21 00:01
Frohes Neues *krach baller lärm*

split
24/12/20 23:24
Frohe Weihnachten

Niemue
24/12/20 12:29
Ich wünsche Euch allen schöne Feiertage, einen guten Rutsch und viel Gesundheit im Neuen Jahr! :*

Witch23
24/12/20 11:02
Wünsche ich euch auch. Vor allem habt schöne Feiertage.

Yavia
24/12/20 10:48
Frohe Weihnachten euch allen!

Witch23
20/12/20 12:51
Einen schönen vierten Advent euch allen und hoffentlich bald wieder etwas entspanntere Tage

alyssia
14/12/20 07:20
Wir gehen in die zweite Runde meiner Weihnachtsgeschichte 'Kein Weihnachtszauber' einer Geschichte ohne Glitzer und Magie, denn was bleibt, wenn der Weihnachtszauber fehlt? Der Boden der Tatsachen

Witch23
19/11/20 14:34
damit wären er drei die etwas beigetragen haben bisher ^^

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