Kartenspiel von alyssia (Abgeschlossen)
Inhalt: Kurz vor Weihnachten trudeln bei Paul mysteriöse Karten ohne Absender ein, je mehr er versucht dem auf den Grund zu gehen deso mehr muss er sich mit für ihn "alten Kamellen" beschäftigen, bis die eine vielleicht erlösende Karte in seinem Briefkasten sein wird.
Genres: Reale Welt, Weihnachten, M/M (yaoi)
1. Warnung: Zucker
2. Warnung: Keine
3. Warnung: Keine
Kapitel: 6
Veröffentlicht: 03/07/12
Aktualisiert: 28/12/13
Anmerkungen zur Geschichte:Ich bin Mitten im Sommer in Weihnachtsstimmung *am Kopf kratzt*, aber was solls haupsache es kommt hier mal was von mir online.
Eigentlich dachte ich daran was für den Adventskalender zu schreiben, aber dafür wars mir nicht weihnachtlich genug Lächelnd
Also keine angst keine Engel nur ein bisschen Schnee und Weihnachtskarten Zwinkernd
1. Karte
KARTENSPIEL

Noch zwei Wochen bis Weihnachten und schon oder gerade jetzt sah ich Menschenmassen unter meinem Fenster die Straßen und Gassen überfluten.
Einige hetzten hektisch von Geschäft zu Geschäft, andere schlenderten entspannt umher. Eltern zerrten ihre Kinder durch die Massen und Pärchen warfen sich ein um den anderen verliebten Blick zu. Es gab solche und solche, wobei meiner Meinung nach die hektische und gestresste Variante die überwiegende war.
Ich für meinen Teil beobachtete das Treiben lieber vom Fenster meiner Wohnung über einem kleinen Laden für Dekoartikel. Meine Wohnung war nur mäßig geschmückt, aber trotzdem liebevoll auf Weihnachten eingestellt, ein paar Girlanden aus Tannengrün und hier und da hatte meine Schwester ein paar Dinge aus ihrem Laden unter uns mit hoch gebracht, die jetzt das Fensterbrett und den Wohnzimmertisch schmückten. Es war ihr Laden und sie ging darin auf zu schmücken und zu dekorieren und ich war der Nutznießer ihres Geschmacks, warum sollte es mich auch stören, solange es nicht kitschig wurde, sollte es mir recht sein.
Ich mochte die Weihnachtsstimmung und das hektische Geschenke kaufen hatte auch einen wunderlichen Reiz, aber das man um acht Uhr morgens schon zu hunderten in die Geschäfte stürmen musste war mir dann doch schleierhaft, gerade wo die meisten Läden sowie so erst um neun öffneten.
Zu einer Uhrzeit in der ich noch im Schlafanzug mit einer Tasse Kaffee am Fenster stand, waren die Menschen unter mir schon Kilometer weit gelaufen und in herrgottsfrühe aufgestanden um die Einkaufsstraßen zahlreich zu bevölkern. Wie bereits gesagt, mir waren ihre Beweggründe völlig schleierhaft, nicht einmal die Zeitungsfrau war schon hier gewesen.
Langsam ging ich in die Küche und schaltete das Radio an, es liefen die Klassiker, wie jedes Jahr. Leise summte ich mit, während ich meine Tasse und das Geschirr vom Vorabend in die Spülmaschine räumte.
Samstage waren meine Lieblingstage in der Woche, schon immer gewesen. Samstag war Zeit-tag, Samstag war Entspannungs-tag, Samstag war Freunde-tag, Samstag war der Tag an dem man all das machen konnte, was man unter der Woche sonst nicht schaffte.
Und ein Samstag in der Weihnachtszeit war noch besser wie ein normaler Samstag, denn die Weihnachtszeit war eine Zeit für die schönen Dinge im Leben und an einem Samstag in der Weihnachtszeit nahm man sich auch Zeit für die schönen Dinge. Ich hörte den Postkasten klappern, als ich gerade die Anrichte abwischte, wo die Teller Flecken hinterlassen hatten. Verwundert sah ich auf und die Küchenuhr zeigte schon viertel vor neun. Da war ich wohl ein bisschen in meinen Gedanken versunken. Den Lappen warf ich in die Spüle und ging zu Tür, um die Zeitung zu holen.
Im Hausflur war es eiskalt! Fröstelnd stand ich in der Tür und wollte nicht mit den nackten Füßen auf die Fliesen in den Flur treten, also versuchte ich den Kasten so zu erreichen. Mein Balanceakt glückte zu meinem eigenen Erstaunen sogar. Ich zog die Zeitung aus dem Schlitz und huschte schnell zurück in die warme Wohnung. Als ich die Tür hinter mir schloss, rutschte etwas aus der Zeitung und klatschte auf den Boden.
Stirnrunzelnd bückte ich mich und hob eine Karte auf. Ich drehte sie in der Hand, sie sah nicht aus wie Werbung. Die Zeitung trug ich ins Wohnzimmer und legte sie auf den Tisch, die Karte behielt ich in der Hand und betrachtete sie genauer. Es war eine Weihnachtskarte, vorne drauf waren zwei Hirsche. Schulter an Schulter grasten sie an einer schneefreien stelle in einem winterlichen Wald.
Wie kommt eine Solche Grußkarte denn in unsere Zeitung? Auf der Rückseite war sie mit Kugelschreiber beschrieben, was dort stand versetzte mich noch mehr in Erstaunen. Dort stand in schlichter Schrift.

Es tut mir leid, Paul!



Paul das war ich, aber von wem kam die Karte? Und warum war sie in unserer Zeitung?
Grübelnd darüber, von wem diese Karte kommen konnte, ging ich in mein Schlafzimmer, um mir endlich etwas überzuziehen. Ich hatte mit niemandem Streit gehabt in den letzten Tagen und von unseren Eltern konnte die Karte nicht kommen, deren Schrift hätte ich erkannt. Wir hatten Streit seit sie erfahren hatten, dass ich schwul bin und meine Schwester sich auf meine Seite geschlagen hatte. Sie hatten uns beide dann sobald ich achtzehn war vor die Tür gesetzt. Meine Schwester war damals schon 20 gewesen und fertig mit ihrer Ausbildung und arbeitete in einem Dekoladen. Also waren wir zusammen in eine Wohnung gezogen und ich hatte mein Abitur gemacht. Vor einem Jahr dann hatte Aline dann den Laden übernommen und wir waren hierher direkt über den Laden gezogen. Die Vorbesitzerin und Alines Chefin war nach Malta ausgewandert und hatte ihr den Laden und die Wohnung günstig überlassen, seit dem wohnten wir hier und zahlten eine für die Vorstand nicht ganz so teure Miete nach Malta.

Mit Rollkragenpulli und Daunenweste ausgestattet verließ ich die Wohnung um noch ein Paar Besorgungen zu machen. Mit der Frage, von wem die Karte kommen konnte, war ich nicht weiter gekommen, weshalb ich sie auf später verschoben hatte. Ich würde später mal bei Aline vorbeischauen und sie ihr zeigen, vielleicht wusste sie mehr als ich. Ich würde sowieso zu ihr gehen müssen, weil sie im Weihnachtsgeschäft tagsüber nicht einmal zum Essen kam wenn sie samstags allein im Laden war weil ihre Aushilfe samstags ihre Kinder zuhause hatte. Im Hausflur war mir nicht mehr kalt, was daran liegen konnte, dass ich jetzt nichtmehr nur Shorts sondern Jeans und dicke Socken an hatte. Über mich selbst schmunzelnd lief ich die Treppen runter. Über mir konnte ich Frau Anders kleine Tochter Mia lachen hören. Für dieses Lachen konnte man ihr nicht böse sein, dass sie Aline samstags alleine im Laden ließ. Die kleine Mia war wirklich ein Wirbelwind, der überall, wo er durchfegte, gute Laune hinterließ. Auch jetzt hatte ich ein Lächeln auf den Lippen wenn ich an sie dachte. Schon jetzt freute ich mich auf den Tag, wenn ich mal wieder auf die Kleine aufpassen sollte .Draußen vor der Tür wurde es dann aber doch noch mal deutlich kälter.
Irgendwie roch es nach Schnee, ein Blick nach oben zum Himmel bestätigte mir, dass ich richtig lag. Eindeutig ein Schneehimmel. Wenn es noch Schnee geben würde, das wäre natürlich toll, vor allem wenn er liegen bleiben würde. Dieses Jahr hatten wir noch keinen Schnee gehabt und letztes Jahr war er so schnell wieder weggeregnet gewesen, wie er vom Himmel gefallen war.

Unser Auto stand einige Straßen weiter in einer Mietgarage. Meine Schwester und ich teilten es uns ein Auto. Bei der abendlichen Nutzung des Autos gab es zwar hin und wieder ein paar Interessenkonflikte, aber wir hatten hier ja zum Glück eine gute Bus- und Bahnverbindung. Bis zu meiner Arbeitsstelle war es auch nicht weit, weshalb ich fast das ganze Jahr über mit dem Fahrrad fuhr. Dort arbeitete ich als Kunst- und Englischlehrer, naja fast Lehrer. Mein Referendariat würde ich erst Mitte nächsten Jahres beenden und danach war ich dann Grundschullehrer.
Mit ein wenig Gewaltanwendung öffnete ich das etwas eingerostete Garagentor, in der Stadt, Vorstadt, musste man halt nehmen was man bekam, und brachte unseren VW Beatle zum Vorschein.
Der Anlasser protestierte weil er schon ein paar Tage nicht mehr benutzt worden war, aber mit etwas überreden fuhr ich dann rückwärts auf die Straße und machte mich auf den Weg zum Kaufring, Metzger, Bäcker, Drogerie und Supermarkt an einem Ort mit Parkhaus, fast wie im Paradies!

Bis zum Mittag hatte ich Kühlschrank und Vorratsraum zu genüge wieder gefüllt Spaghetti kochten auf dem Herd vor sich hin während Sarah Conner im Radio Ave Maria schmetterte und ich Tomaten, Gehacktes, rote Paprika, Gewürze sowie Wasser zu einer Soße verarbeitete, damit meine Schwester nicht vom Fleisch viel.
Ich freute mich auf Heilig Abend, wenn ich kochte und Aline mir dabei über die Schulter sah, den Tisch deckte und einen Großteil des Nachtischs schon vertilgte bevor der Hauptgang auf dem Tisch gewesen war, geschweige denn fertig gekocht. Eingekauft für den Abend hatte ich schon. Es würde Schmorbraten, Bohnen, Baby-Kartoffeln und Mousse Au Chocolat geben. Hoffnungslos überfuttert würden wir den schönen Roten leer trinken und dann Fotoalben durchgucken und am Ende wider besseren Wissens beide auf dem Sofa einschlafen.
Seufzend packte ich Spaghetti und Soße auf einen Teller, holte die Karte aus meinem Zimmer und machte mich auf dem Weg in den Laden. Irgendwie bekam ich ein komisches Gefühl als ich die Karte in der Hand hielt. Es gab da schon noch jemanden, der sich bei mir entschuldigen könnte, aber bei ihm hatte ich die Hoffnung schon genauso aufgegeben wie bei meinen Eltern. Allein schon deshalb, weil es alles zusammen hing. Dass meine Eltern überhaupt erfahren hatten, dass ich auf Männer stand, hatte mit ihm zu tun und dann hatte er kalte Füße bekommen und war von heute auf morgen weg gewesen. Ich habe gelitten, weil auf einen Schlag alle weg waren, die mir etwas bedeuteten, bis auf Aline. Aber wie gesagt. dass die Karte von ihm war, war mindestens so unwahrscheinlich wie dass sie von meinen Eltern kam. Es war jedoch noch viel unwahrscheinlicher, denn wenn ich er wäre, würde ich mich bis in den Erdkern schämen! Aline würde bestimmt mehr wissen.
Im Laden war die Hölle los, als ich ihn durch die Hintertür betrat und Aline flatterte zwischen Kasse und Kundenberatung hin und her, packte abwechselnd Geschenke ein und tippte Beträge in die Kasse. Ich eilte ihr zu Hilfe nachdem ich den Teller im Aufenthaltsraum abgestellt hatte. Wortlos nahm ich das Geschenk, reichte es einer älteren Frau, wünschte einen schönen Tag und schob danach Aline von der Kasse weg.
„Geh essen, ich hab dir was mitgebracht, ich mach das hier schon!“ ich schubste sie in Richtung Aufenthaltsraum und sie lächelte nur dankbar. Sie holte Luft und öffnete den Mund um mich einzuweisen. „Aline, ich mach das nicht zum ersten Mal!“, sagte ich böse und sie hielt den Mund und verschwand.
Ich bediente Kunden, einige waren Eltern von Schülern von mir, die mir besonders überschwänglich ein frohes Fest wünschten oder fragten, was ich hier denn machte.
Socken stricken! Zeugs verkaufen sieht man doch! Innerlich verdrehte ich die Augen, erklärte aber brav warum ich hier half. Auch als Aline lange fertig war mit essen und wieder neben mir stand blieb ich an der Kasse und sorgte dafür, dass sie Luft zum Durchatmen hatte. Nur nebensächlich bemerkte ich das Treiben vor dem Schaufenster, weshalb mir der Mann der eher wie ein Junge aussah auch nicht besonders auffiel, er war für mich nur ein Gesicht unter vielen.
Um acht Uhr abends wurde der Laden endlich leer. Aline schloss die Tür ab und drehte das nostalgische Geöffnet-Schild auf Geschlossen herum.
„Wenn diese Zeit nicht meine Hauptverdienstzeit wäre, dann würde ich den Laden schon mittags dicht machen!“, seufzte sie und lehnte sich gegen die Tür. „Ich muss mir dringend noch jemanden suchen, der mit in der Weihnachtszeit samstags aushilft, alleine schaffe ich das nicht und du hast auch nicht immer Zeit dafür, vor allem hast du dir die Ferien ja selber verdient!“
„Ach, ich mache das doch gerne Aline, außerdem habe ich mehr frei wie du. Kannst du dir denn überhaupt noch jemanden leisten?“
Sie stieß sich von der Tür ab, holte den Besen hinter dem Tresen hervor und begann den Dreck, den die tausenden von Füßen hinterlassen hatten, zusammen zu kehren „Schon, ich stelle ja niemanden ganzjährig ein nur fürs Weihnachtsgeschäft und nur Samstag, bestimmt findet sich da ein Schüler oder so! Ich werde mal einen Aushang machen. Wie war dein Tag? Warst du einkaufen? Streikt der Anlasser immer noch?“ sprach sie dabei mit mir. Ich räumte den Tresen auf und hielt einen Moment inne. Sie merkte das sofort und drehte sich zu mir. Auf dem Besen gestützt frage sie: „Ist was passiert?“
Ich zog die Brauen hoch. „Nein, eigentlich nicht, der Anlasser streikt noch immer, aber das liegt an der Kälte, denke ich“. „Aha!“ bekam ich zur Antwort. „Und jah, ich war einkaufen, sonst hätte ich wirklich nichts kochen können. Naja, es ist nur heute ist so eine komische Karte aus der Zeitung gefallen und ich kann mir weiß Gott nicht erklären, wo die herkommen soll und von wem die ist,“ Ich zog die Karte aus der Hosentasche und hielt sie Aline hin. Sie legte den Besen weg und nahm sie in die Hand.
„Es tut mir Leid Paul“, las sie leise vor. „Hattest du Streit mit jemandem? Einem deiner Freunde?“ , fragte sie mich. „Nein, das ist es ja. Ich dachte du könntest mir da weiter helfen und ich hab vielleicht irgendwas verdrängt?“, antwortete ich ihr ruhig. „Nein, ich habe nichts mitbekommen, du hast mir nichts erzählt. Komisch, glaubst du die könnte von…“ Sie stockte und ihr Blick wurde düster „unseren Eltern sein?“ „Meinst du nicht, dass wir die Schrift dann erkennen würden?“ „Stimmt schon, dann weiß ich auch nicht mehr als du.“
„Na gut, vielleicht bekomme ich ja noch eine Offenbarung.“ Ich grinste sie an, um die Situation zu lockern. Es würde sich schon zeigen von wem die Karte war, hoffentlich.

Aline und ich saßen den Rest des Abends vor dem Fernseher und aßen die Spaghetti. Plötzlich richtete sich Aline auf und sah mich an „Hast du eigentlich die Post reingeholt? Ich warte noch auf die Rechnung vom Elektriker!“ „Oh! Nein, ich war den ganzen Tag bei dir und vorher einkaufen, da war nur die Zeitung da.“ Aline stand auf und ich konnte sie in der Küche nach den Schlüsseln kramen hören.
Als es still wurde, war sie wohl fündig geworden. Ich hörte die Tür, das Quietschen des Briefkastens, auf-zu, wieder die Tür.
„Ähm Paul, … kommst du mal!“
2.Kapitel
Anmerkungen zum Kapitel:Gedult, Gedult
„Ähm Paul, … kommst du mal!“

Was war denn jetzt los? Ich hievte mich hoch und ging durch die Küche in den Flur, wo Aline vor der Tür stand, in der linken Hand zwei Briefe und Blättchen, in der rechten eine Postkarte.
„Da ist noch eine, die war bei der Post. Hier“, sagte sie, ihre Stimme klang irgendwie komisch. Aha noch jemand der ein ungutes Gefühl bei diesen Weihnachtskarten hatte. Ich nahm ihr die Karte aus der Hand und starrte sie an.
Jetzt wurde die Sache unangenehm und ein bisschen unheimlich, da meinte es jemand ernst, aber wer?
Ich drehte die Karte wie heute Morgen in der Hand ehe ich das Bild betrachtete, zwei Weihnachtskobolde die Hand in Hand vor einem Weihnachtsbaum standen. Und hinten hatte sich auch etwas verändert, der Absender steigerte sich.

Es tut mir wirklich leid, Paul!


Ich nahm die Karte mit in mein Zimmer und legte sie zu der anderen. Verdammt, von wem sind die?
Ich hatte aktuell mit niemandem Streit, soviel stand fest Niemand hatte Grund mir solche Karten zu schicken. Naja offenbar doch Und wieder kein Absender, kein Hinweis darauf von wem sie sein könnten.
Vielleicht waren die Karten gar nicht für mich? Nur es gab keinen anderen Paul hier im Haus, auch nicht bei den Nachbarn, zumindest keinen Paul, der solche Karten bekommen könnte. Der einzige Paul, der hier links von uns wohnte, war zweieinhalb Monate jung und definitiv nicht der Empfänger. Außerdem, wie kommt die Karte in die Zeitung. Jemand musste sie der Zeitungsfrau gegeben haben mit der Adresse und die irrte sich nicht einfach im Haus.
Ich lag im Bett und zerbrach mir den Kopf. Und ich kam keinen Schritt weiter, egal wie sehr ich mir das Hirn zermarterte, die einzigen beiden Möglichkeiten, die mir immer wieder durch den Kopf geisterten, hatte ich schon ausgeschlossen.

Am nächsten Morgen fand ich die nächste Karte in der Zeitung. Zwei Engel, die auf einer Wolke sitzen, aus der es auf die Erde schneit.

Es tut mir wirklich sehr leid, Paul!

Mittags an diesem Tag kam keine Karte mit der Post, was mich irgendwie enttäuschte. Dafür war am nächsten Tag ein Elch mit rosa Weihnachtsmütze in der Post, diese Karte dudelte schräg wenn man sie öffnete. Dieses Mal also eine Faltkarte. Auf der Innenseite stand der bekannte nun ergänzte Text.

Es tut mir wirklich sehr leid, Paul!
Ich bin ein Feigling!


Abends saß ich am Küchentisch, die vier Karten vor mir ausgebreitet, den Kopf in die Hände gestützt auf die Karten starrend. Als ich die Tür hörte, schob ich die Karten zur Seite und sah auf. Aline stand in der Tür, die Hände in die Hüften gestemmt. „Schon wieder zwei?“
„Hm, und deine Rechnung.“ Ich schob ihr über den Tisch den Umschlag zu. Sie nahm ihn in die Hand und ließ sich auf einen Stuhl sinken. Mit dem Finger riss sie den Umschlag auf und überflog das Papier.
„Gib mir mal die Karten, mir ist da gestern noch ein Gedanke gekommen.“
Ich zog die Augenbrauen hoch und schob ihr die Karten zu. Was war ihr denn noch eingefallen?
Sie sah lange auf die Rückseite der Karten.
„Ich habe die Schrift schon mal gesehen, aber ich weiß nicht mehr wo! Verdammt, auf jeden Fall ist es schon etwas her, dass ich sie gesehen habe. Überleg doch mal, Paul, wen hast du länger nicht gesehen?“
Länger nicht gesehen, die war ja lustig, ich bin von der Uni weg, da habe ich jede Menge Leute länger nicht gesehen.
„Keine Ahnung Aline, viele habe ich seit der Uni nicht mehr gesehen, aber mit keinem habe ich mich im Streit getrennt“, sagte ich genervt. „Sowieso, nur von Matthias habe ich mich im Streit getrennt, naja, zumindest ist das meine einzige offene Rechnung“, fügte ich sehr leise hinzu, in der Hoffnung, dass nicht noch einmal erörtern zu müssen. Und obwohl ich mir sicher war, dass sie mich gehört hatte, beließ sie das Thema auf sich beruhen. Sie wusste, wie nah es mir ging.
Wir schwiegen und hingen beide unseren Gedanken nach, meine schweiften zu Matthias. Der Mann, für den ich alles gegeben hätte und alles gegeben hatte. Plötzlich fing Aline an unruhig hin und her zu rutschen.
„Ist was?“, fragte ich sie.
„Ehm, naja, ich, ich wollte dich was fragen, aber irgendwie ist das hier nicht die passende Situation, weil…“ Sie versuchte ein Lächeln, welches auf halbem Wege abrutsche und verschwand. Musste ich mir Sorgen machen?
„Aline es ist alles okay mit mir, wirklich ich wundere mich nur! Was willst du fragen?“, sagte ich weich und griff über den Tisch nach ihren Händen, die sie auf der Tischdecke nervös zu kneten begonnen hatte. Aline sah mich an, einen unbeschreiblichen Zug um die Lippen, dann holte sie tief Luft und die Worte stolperten so schnell aus ihrem Mund, dass ich weniger wie die Hälfte verstand. „Als i wollte frgn ob hu ws dgegen hast das Thomas minsfirt!“ Ähm, ich hatte „dagegen“ „hast“ und „Thomas“ verstanden und das sagte ich ihr auch.
„Mach langsam Aline. Wo soll ich was gegen haben und was hat Thomas damit zu tun?“ Thomas war jetzt seit einem Jahr Alines fester Freund und ein wirklich netter Typ, sehr sympathisch und tolerant.
Sie holte noch einmal Luft und sagte diesmal langsamer: „Also ich wollte dich fragen, ob du was dagegen hast, wenn Thomas mit uns Heiligabend feiert? Ich meine, wir haben immer zu zweit gefeiert seit ... du weißt schon, und dann wärst du irgendwie allein und ich will nicht, dass du dich allein fühlst oder schlecht weil Thomas und ich und du dann nicht. Paul?“ Sie hatte schon Recht. Irgendwie fühlte es sich komisch an, aber das zeigte ich nicht. Ich setzte ein Lächeln auf und strahlte sie an. Sie durchschaute mich sofort. „Aline, natürlich darf er kommen. Ich habe da kein Problem mit, wirklich nicht!“ Dann stand ich auf bevor das Lächeln mir entgleiten konnte. „Ich bin total müde, ich geh schlafen“, versuchte ich möglichst überzeugend zu sagen und verschwand aus der Küche.
In meinem Zimmer setzte ich mich und fühlte mich schlecht. Sehr schlecht.
Ich fühlte mich schlecht, weil Aline vollkommen Recht hatte mit ihren Bedenken und schlecht, weil ich mich schlecht fühlte weil ich mich plötzlich sehr einsam fühlte und befürchtete, dass es Heiligabend genauso sein wird und ich fühlte mich doppelt schlecht, weil der Gedanke an Matthias dazu kam, und ich nie wieder jemanden so geliebt hatte, wie ihn. Dabei hatte ich es versucht, wirklich versucht. Die Welt war voller hübscher Männer, aber niemand war so hübsch wie Matthias, doch vor allem konnte mir keiner das Gefühl geben, das Matthias mir geben konnte.
Dass er mich so verraten hatte, tat mir bis heute noch weh und ich wollte wirklich wissen, warum er das getan hatte, denn für mich hatte es nie einen Zweifel daran gegeben, dass er mich geliebt hatte.
Ich zog mich aus und legte mich ins Bett, erst konnte ich überhaupt nicht einschlafen und als ich es dann doch tat, tat ich es mit einem brennenden Gefühl in der Brust.


Am nächsten Morgen erwachte ich mit dem Gedanken DU BRAUCHST ABLENKUNG. Also setzte ich mich ohne mich anzuziehen, zu duschen oder etwas zu essen an den Schreibtisch und fing an den Unterricht für die ersten drei Wochen nach den Ferien vorzubereiten. Ich würde eine dritte Klasse unterrichten und mit ihnen und der Musiklehrerin das Stück „Die Moldau“ verbildlichen. Das ganze sollte ein Projekt zur Schulung der Wahrnehmung sein und dafür benötigte es Vorbereitung. Genau diese füllte die ersten Stunden meines Tages voll aus, wofür ich dankbar war, sehr dankbar.
Als mein Magen sich gegen ein Uhr meldete, hatte ich nicht einen Gedanken an Karten, Thomas oder Matthias verschwendet, ich hatte sogar versucht ein paar Teile aus Smetanas „Die Moldau“ auf Klavier zu spielen. Jetzt stand ich auf, um mir in der Küche etwas zu essen zu machen. Ich kochte gleich Mittagessen. Die Nudeln vom Vortag warf ich in die Pfanne und schlug dazu zwei Eier, das musste reichen, zu mehr war ich einfach nicht in Stimmung. Während des Kochens dachte ich über Aline und Thomas nach. Das gestern war unfair von mir gewesen, sie liebte ihn und natürlich sollte er kommen dürfen, warum auch nicht.
Ich würde Aline gleich etwas zu Essen bringen und ihr dann sagen, dass ich egoistisch gewesen war und es mir Leid tut. Sie hatte so viel für mich getan und war schon immer die einzige gewesen, die in jeder Situation zu mir gehalten hatte. Sie hatte es nicht verdient, dass ich ihr das Glück und die Liebe, die sie mit Thomas teilte, neidete.
Ich stellte den Herd auf eine kleine Stufe und ging ins Bad, um mir die Zähne zu putzen. Nachdem ich das Essen auf zwei Teller verteilt hatte und die Pfanne in heißem Wasser einweichen ließ, ging ich noch schnell duschen. Bei Bratnudeln mit Ei waren Aline und ich uns einig, die schmeckten am besten kalt.
Mit frischen Klamotten am Leib und nassen Haaren aß ich meine Portion und nahm Alines, um sie ihr zu bringen. Mein schlechtes Gewissen nagte an mir und direkt daneben nagte noch etwas anderes. Ich wollte eine Karte bekommen und hatte Angst, dass keine gekommen war. Auf der anderen Seite hoffte ich, dass keine gekommen war und mir so der Stress, mich weiter damit auseinander setzen zu müssen, erspart blieb.
Deshalb sah ich stur geradeaus, um den Briefkasten nicht sehen zu müssen.
Was ich da tat, war total bescheuert, das war mir selber sehr bewusst, trotzdem tat ich es. Früher oder später musste ich die Post holen, aber eher später wie früher.

Unten im Laden war es erstaunlicherweise fast leer, nur eine Kundin sah sich, bepackt mit Tüten, im Laden um.
Meine Schwester stand am Tresen und neben ihr Thomas. So war das Kundtun meiner Reue aber nicht geplant gewesen. Da musste ich jetzt wohl durch.
Ich stand in der Tür zum Aufenthaltsraum und räusperte mich leise, beide sahen sich zu mir um. Ich setzte meine beste Trauermiene auf. „Ich habe dir was zu essen gemacht.“ Aline nickte und warf Thomas, der mich nichtssagend anlächelte, einen Blick zu. Sie ging auf mich zu und nahm den Teller. Eigentlich wollte sie sich wegdrehen. Jetzt konnte ich mir sicher sein, ich hatte sie verletzt. Ich griff ihren Arm und hauchte: „Es tut mir leid! Ich habe mich scheußlich benommen, gestern. Natürlich darf er kommen. Es steht mir nicht zu, dir das zu verweigern und ich werde es überleben. Wenn ich ganz ehrlich bin, bin ich neidisch auf dich und ihn, trotzdem gehört er zu deiner Familie und damit zu meiner. Es tut mir schrecklich Leid, wie ich mich benommen habe.“ Sie sah hoch zu mir und atmete tief ein und aus. Plötzlich sammelten sich Tränen in ihren Augen. „Das weiß ich doch Paul, ich habe nur einen blöden Moment gewählt, um dich zu fragen“, schluchzte sie und umarmte mich fest, bevor sie sich lächelnd von mir löste und den Teller zu dem kleinen Tisch trug, um sich über das Essen herzumachen.
Ich sah auf, direkt zu Thomas, der mich noch immer nichtssagend anlächelte.
Hinter ihm im Schaufenster konnte ich jetzt auch sehen, weshalb der Laden leer war. Es regnete in Strömen, weiße Weihnacht konnte ich bei dem Wetter wohl vergessen.
„Naja, ich geh dann mal wieder“,sagte ich in den Raum und ging durch den Aufenthaltsraum zurück in den Hausflur.
Der Knoten in meinem Magen löste sich, nur das nagende Gefühl, dass oben vielleicht eine oder keine Karte auf mich wartete, blieb. Plötzlich hatte ich es eilig nach oben zum Briefkasten zu kommen. Inzwischen musste der Postbote dagewesen sein.
Ich rannte die Treppen hoch und zog die Zeitung aus dem Schlitz noch ehe ich die Tür aufgeschlossen hatte, um von drinnen den Schlüssel für den eigentlichen Postkasten zu holen. Drinnen erklärte ich mich dann erst einmal für völlig verrückt. Ich rannte die Treppen hoch, um eine Karte von einem Fremden zu sehen, der sich bei mir entschuldigte? Völlig bescheuert.
Mit dem Schlüssel in der Hand holte ich gesitteter die Post, sofort sehe sah ich die Karte und zog sie heraus. Diesmal zeigte sie einen Weihnachtsmann der einem kleinen Jungen ein Geschenk gab.

Es tut mir wirklich leid, Paul!
Ich bin ein riesen Feigling!

Auch in der Zeitung war eine Karte. Plötzlich fühlte ich mich wieder komisch, als ich sie in der Hand hielt, denn sie zeigte einen Mann. Einen nackten Mann in einem roten Tanga mit Weihnachtsbäumen drauf. Oh mein Gott. Ich drehte die Karte rum und las, was hinten drauf stand.

Es tut mir wirklich leid, Paul!
Ich bin ein riesen großer Feigling!


Noch immer kein Absender. Diese letzte Karte entsetzte mich irgendwie. Sie war ist so… personifiziert. Der Absender musste wissen, dass ich schwul bin.
Zerstreut ging ich in mein Zimmer und nahm die anderen Karten. In der Küche breitete ich sie auf dem Tisch aus. Sechs Karten von vier Tagen, Samstag zwei, Sonntag eine, Montag eine, und heute zwei. Bis auf das Bild und den Wortlaut hatte sich nichts verändert.
Ich ließ die Karten auf dem Tisch liegen, damit Aline sie sich später ansehen konnte. Dann setzte ich mich ans Klavier und spielte.
Mittwochmorgen
Anmerkungen zum Kapitel:Ziemlich kurz... aber ich denke nicht unbedingt leichte Kost, zumindest für Paul.
Mal schaun wie die Resonance ist.
Am Mittwoch stand ich morgens mit einem seltsam gelösten Gefühl auf. Heute ging es mir richtig gut. Ich drehte mich noch im Bett zum Fenster, sofort ging es mir noch ein bisschen besser. Es schneite weiße, wattige Flocken. Sie segelten vom Himmel und überzogen die Straße mit einem Schleier.
Ich zog mir eine Jeans an und ging so in die Küche, um mir Frühstück zu machen. In der Küche fand ich die Reste von Alines Frühstück vor. Offensichtlich hatte sie verschlafen, aber wer wollte es ihr verübeln.
Ich räumte ihr Chaos weg und nahm eine Pfanne aus dem Schrank. Ich hatte Hunger auf Rühreier mit Speck. Während ich vor mich hin briet, kochte ich noch frischen Kaffee.
Hungrig setzte ich mich dann mit meinem Frühstück an den Tisch und genoss das Essen und den Kaffee. Zwischendurch stand ich auf, um die Zeitung zu holen. Darum, dass mich dort eine Karte erwarten konnte, machte ich mir gerade keine Gedanken. Ich war absolut tiefenentspannt.
Die Zeitung war sogar schon da. Ich nahm sie mit rein und gesellte mich wieder zu meinem Frühstück. Auf dem Titelblatt war nichts interessantes, also schlug ich die Zeitung auf. Im Zeitungsknick lag eine Karte, zwei weiße Schimmel vor einem Schlitten. Ich nahm sie in die Hand, warum auch immer hatte ich keine Angst mehr vor diesen Karten, ich freute mich fast auf sie. Ich drehte sie herum und erstarrte.

Es tut mir wirklich leid, Paul!
Ich bin ein riesen großer Feigling!
Ich liebe dich doch!


Oh mein Gott. Meine Hand begann zu zittern. In mir keimte Hoffnung, völlig irrationale Hoffnung, dass diese Karten, so unwahrscheinlich es doch war, von Matthias sein könnten.
Ich hatte in den letzten Tagen so oft an ihn gedacht, dass ich ihn schon fast fühlte. Vergessen hatte ich ihn wohl nie, nur verdrängt und was ich verdrängt hatte, drängte sich jetzt zurück und zwar mit Wucht. Genauso wie sich das Gefühl, dass ich gehabt hatte, wenn ich mit ihm zusammen gewesen war, zurück gedrängte hatte, drängte sich auch etwas anderes zurück. Unbändige Wut. Wut darauf, dass er mich so Verraten hatte, abgehauen war, als ich alles für ihn aufgegeben hatte. Ich schlug mit der Faust auf den Tisch. Ich würde ihm das nicht verzeihen!
Außerdem, was dachte er sich denn dabei. Wenn die Karten von ihm waren, rief ich mir in den Kopf, ich konnte mir da nicht sicher sein. Trotzdem, jetzt wo ich den Gedanken zugelassen hatte, wünschte ich mir, dass sie von ihm waren. Ich wünschte es mir allein schon deshalb, damit ich endlich mit ihm abrechnen konnte. Ihm endlich an den Kopf werfen konnte, was er mir damit angetan hatte. Wenn er mir diese Karten schickte, dann war er in der Stadt und ich konnte ihn finden.
In mir brodelte eine gefährliche Mischung aus Verwunderung über die Wendungen die mein Leben gerade nahm, Wut und völlig irrationaler Hoffnung. Für dieses Fünkchen Hoffnung hätte ich mich selbst Ohrfeigen können. Wie konnte ich mich nur auf diesen Kerl freuen, auf diesen feigen Hund.
Ich hielt die Karte noch immer in der Hand während ich versuchte, meine Gefühle wieder unter Kontrolle zu bringen. Ich musste dringend mit Aline reden und hören, was sie dazu sagte, ob meine Befürchtung überhaupt berechtigt war. Mir selber traute ich nicht mehr über den Weg was das anging. Aline war nicht beeinflusst von Gefühlen, die sie nicht fühlen wollte.

Ich liebe dich doch!

Es schwirrte durch meinen Kopf, keine Chance es irgendwie los zu werden. Eigentlich wollte ich warten, bis Aline zuhause war und dann mit ihr reden.
Aber jetzt waren mir zum dritten Mal die Pfannkuchen angebrannt. Ich konnte mich einfach nicht konzentrieren, auf nichts, nicht aufs Klavier spielen, nicht aufs Kochen. Obwohl ich bei beidem eigentlich am besten abschalten konnte. Ich stützte mich auf die Kante der Anrichte und schaltete den Herd aus. Es hatte ja doch keinen Sinn und auch das Radio kam mir auf einmal zu laut, zu schrill und diese klebrige Weihnachtsstimmung zu kitschig vor. Meine Nerven waren aufgerieben und gespannt wie Bogensehnen, in meinem Kopf jagte ein Gedanke den nächsten.
-Die Karten waren von Matthias,-hoffentlich waren sie von Matthias, -hoffentlich waren sie nicht von Matthias.
Rauf und runter, hin und her.
Ich war von tiefenentspannt innerhalb von Sekunden zu unter Strom gewechselt.
Ich nahm die Pfanne vom Herd, räumte sie in die Spülmaschine und öffnete das Fenster, da es in der Küche ziemlich verbrannt roch. Ich atmete tief die frische Luft ein. Da ich das Fenster nicht offenlassen wollte wenn nimand in die Wohnung war schloss ich es bevor runter in den Laden ging.
Durch die Hintertür ging ich in den Laden. Aline saß am Tisch im Aufenthaltsraum und hielt sich den Fuß. Leise jammerte sie vor sich hin. „Was hast du denn gemacht?“ fragte ich besorgt.
„Ach, ich bin gegen den Tresen gelaufen“, murrte sie und sah zu mir auf. „Aber ich sollte eher dich fragen. Du siehst aus, als wäre dir ein Gespenst begegnet.“ Prüfend sah sie mir ins Gesicht.
Sie hatte einfach ein Gespür für meine Gefühle. Schwer seufzend setzte ich mich auf einen zum Stuhl erkorenen Karton.
„Ich habe wieder Post bekommen“, begann ich meine Ausführungen, „und naja… hier lies selbst.“ Sie nahm die Karte und hielt die Luft an. „Naja ich… ich glaube, dass sie von Matthias sind, daher könntest du auch die Handschrift kennen. Er weiß, dass ich schwul bin, deshalb die Karten mit dem nackten Mann. Aline werde ich jetzt verrückt, bilde ich mir das ein, dass sie von ihm sein könnten?“
Ihr Blick wurde finster und sie schlug mit der Faust auf den Tisch, das musste in der Familie liegen.
„Dieser feige Hund, nach vier Jahren kommt er angekrochen mit seiner neuen Frömmigkeit. Der spinnt doch!“ Ihre Stimme wurde gefährlich leise. „Natürlich, ich wusste doch, dass ich diese Schrift kenne! Ich wusste es. … Aber was willst du jetzt tun?“ Jetzt zischte sie nur noch.
Ja, was wollte ich jetzt tun. Wahlweise vor Freude in die Luft springen oder irgendetwas kurz und klein prügeln vor Wut, am aller liebsten ihn. Das sagte ich aber nicht, ich sah sie nur ein wenig hilflos an. „Abwarten?“ versuchte ich diplomatisch zu sein. „Abwarten, bis ich einen Beweis habe, und ihm dann vielleicht die Nase brechen?“ Skeptisch sah sie mir in die Augen. „Sicher, dass du ihm nicht um den Hals fallen willst vor Freude?“ Ich musste Schlucken, wie bereits gesagt, ein Gespür für meine Gefühle. „Nein, nicht sicher!“, gab ich kläglich zu. „Du wirst mich wahrscheinlich mit dem Arsch nicht mehr angucken, wenn ich ihm nachgebe, aber was, wenn ich nicht anders kann?“ Jetzt seufzte sie selber schwer. „Ach Paul, meinst du, ich merke nicht, dass du keinen mehr an dich ran lässt? Du hast mit so vielen Typen geschlafen, dass ich immer Ohrstöpsel im Nachtschrank habe und trotzdem habe ich keinen von denen mehr als dreimal gesehen und die meisten das letzte Mal wenn sie wütend und verletzt aus der Wohnung gestürmt sind, weil du ihnen gesagt hast, was bei dir Sache ist.“ Sie sah mich an, musterte liebevoll mein Gesicht "Im Grunde ist es mir doch egal, mit wem du glücklich wirst und wenn es der sein muss, will ich ihm wenigstens eine runter hauen dürfen!“ Unweigerlich musste ich lachen. „Ach Aline, du bist eigentlich alles, was ich brauche“, murmelte ich, während ich sie an mich drückte.

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3 1/2tes Kapitel


Nach dem Gespräch mit meiner Schwester hatte sich der Aufruhr in meiner Magengegend wieder einigermaßen gelegt und ich konnte mich endlich auf die Pfannkuchen konzentrieren.
Also würde es heute doch noch etwas zu essen geben. Dann musste Aline sich wohl doch nichts vom Lieferservice kommen lassen. Sie selbst konnte man wirklich nicht an den Herd lassen und das wusste sie. Sie hatte es überhaupt nicht mit dem Kochen. Backen, das war ihr Spezialgebiet. Aber wenn es an den Herd ging, hörte ihr Können einfach auf. Natürlich konnte sie kochen, aber es war schon ein Risiko, etwas von ihr gekochtes zu essen, das über Spaghetti und Spiegelei hinaus ging. Zum Glück gab es ja Thomas, der sie versorgte, wenn ich mal nicht zuhause war und für die Zeit, wenn wir mal nicht mehr zusammen wohnen würden.
Schließlich konnten wir nicht ewig aufeinander hocken bleiben. Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis sie und Thomas zusammen ziehen würden. Familie, Hochzeit, Kinder, oder vielleicht auch anders Hochzeit, Kinder, Familie, oder Kinder, Familie, Hochzeit. Im Grunde egal, es lief auf dasselbe hinaus. Schwager Paul, Onkel Paul. Aline und ich hatten uns schon früh geeinigt, dass ich, sollte der Zeitpunkt kommen, ausziehen würde. Ich hatte darauf bestanden, weil die Wohnung für sie einfach viel günstiger gelegen war mit dem Laden, als für mich.
Ich würde mir in der Nähe eine Wohnung suchen. Als Lehrer konnte ich mir sowieso eher eine teurere Wohnung leisten, als sie mit dem Laden, der mal super und mal nicht so toll lief. Mein Gehalt war fest, sie musste nehmen was der Laden abwarf und das war unter Umständen nicht genug um sich eine Vorstadtwohnung leisten zu können, auch wenn Thomas sich an der Miete beteiligen würde. Sein Buchhändlergehalt war jetzt auch nicht die große Menge.
Aber genug über die Zukunft nachgedacht. Eigentlich waren die Pfannkuchen fürs Mittagessen geplant gewesen, doch jetzt war es schon später Nachmittag. Deshalb disponierte ich kurzerhand um und machte aus süßen Pfannkuchen herzhafte mit Speck, Zwiebeln und Tomate. Obwohl ich wirklich Freude am Kochen hatte, und dabei sonst immer abschaltete, hatte ich keinen Hunger. Mein Magen war mit anderen Dingen gefüllt. Nicht unbedingt unangenehm gefüllt, wie bei einem schlechten Gewissen. Vor der ganzen Anspannung und dem Aufruhr hatte mein Hungergefühl einfach kapituliert.
Nachdem ich den letzten Rest Teig in einen Mini-Pfannkuchen verwandelt hatte, spülte ich und deckte den Tisch für zwei Personen. Ich deckte so richtig schick mit Kerze und den guten Stoffservietten, sogar die Serviettenringe holte ich raus.
Ich war mir sicher, dass Aline und Thomas sich freuen würden. Die beiden konnten auch mal wieder Zeit für einander gebrauchen, damit Aline ihn offiziell zum Weihnachtsfest einladen konnte, was sie noch nicht getan hatte, so wie ich das verstanden hatte.
Ich hinterließ Aline einen kurzen Brief, dass sie sich einen schönen Abend machen sollten. Danach verschwand ich in mein Zimmer und legte seit Jahren mal wieder eine ihrer CDs ein, die ich mir mit sechszehn mal aus ihrem Nachtschrank geklaut hatte.
Bis heute hatte sie nicht gemerkt, dass ich sie hatte. Zumindest nicht soweit ich es wusste. Das ließ mich schmunzeln.
Ich stellte die Lautstärke so ein, dass sie im Zimmer gut zuhören war, aber nicht bis ins Wohnzimmer schallte. Nach ein paar Jahren hatte man die Dosis ganz gut raus. Dann setzte ich mich mit meinem Schreibtisch-Sessel vor das Fenster und beobachtete die Schneeflocken, wie sie langsam an meinem Fenster vorbei segelten.
Meinen Gedanken ließ ich einfach freien Lauf, ohne sie bewusst zu denken. Ich beobachtete die Schneeflocken, wie sie langsam zu einem ausgewachsenen Schneegestöber wurden und sich auf dem Fensterbrett aufzutürmen begannen.
Ich bekam auch nur nebenbei mit wie Aline und Thomas in die Wohnung kamen und sie wohl nach dem Essen wieder verließen. Entweder sie gingen zu Thomas, damit ich mir die Ohrenstöpsel sparen konnte, oder sie gingen einfach noch was trinken.
Ich für meinen Teil existierte einfach vor mich hin und dachte über all das nach, was ich fühlte, ohne darüber nachzudenken.
Ich fühlte in mir nach, was ich wirklich wollte, ohne dass ich es wirklich fühlte.
Ich ließ das alles mehr durch meinen Körper hindurch rauschen.
Durch meinen Kopf, durch mein Herz und dann mit den Schneeflocken einfach runter Richtung Boden.
Mein Unterbewusstsein registrierte und dokumentierte alles, was ich jetzt einfach durch mich durch fließen ließ. Morgen Früh würde ich in Ruhe darüber nachdenken.

Irgendwann mussten mir die Augen zugefallen sein, daran erinnern konnte ich mich nicht direkt, aber ich wachte am nächsten Morgen zusammengerollt auf dem Sessel auf.
Es war schon lange her, dass ich so abgedriftet war.
Es war sehr entspannend für meinen Körper gewesen, mal nur den Kopf arbeiten zu lassen. Das konnte ich spüren, denn meine Muskeln waren locker und kein bisschen verspannt, trotz meiner sehr ungewöhnlichen und ehrlichgesagt eigentlich auch sehr ungemütlichen Schlafposition.
Mein Kopf dagegen war eindeutig überstrapaziert und rächte sich mit dumpfen, pochenden Kopfschmerzen.
Immerhin war ich jetzt mit der Problemlösung ein Stückchen weiter gekommen. Meine Gedanken waren sortiert. Ich wusste zwar immer noch nicht genau was ich wollte, aber das konnte ich immer noch entscheiden, wenn es so weit war. Das war der Schluss zudem ich diesbezüglich gekommen war. Ich wollte es drauf ankommen lassen! Ich wollte ihn finden, um ihm entweder um den Hals zu fallen oder ihm die Nase zu brechen, je nach Situation.
Ich hatte keine Angst mehr vor ihm oder vor dem, was passieren konnte und auch nicht mehr davor, mich dem zu zustellen, was schon passiert war.
Mir wurde jetzt erst bewusst, dass ich mich immer davor gedrückt hatte, mich mit all dem was da mit Matthias passiert war zu beschäftigen.

Als ich das Zimmer verließ, stoppte ich die Repeat-Taste der CD, sie hatte die ganze Nacht durchgelaufen, vielleicht hatte ich deshalb die ganzen acht Stunden durchgeschlafen.
Vor meiner Zimmertür fand ich einen Zettel von Aline. Lachend schloss ich die Tür hinter mir und lief in die Küche.
„Jah, ich weiß, dass ich der Beste kleine Bruder der Welt bin, große Schwester!“
Schlußanmerkungen zum Kapitel:
8. Karte
Anmerkungen zum Kapitel:Aaaalso... muss mir jetzt erst mal einen neuen Betaleser suchen, weil ohne ist nicht wirklich angenehm zu lesen.
Habe die hälfte dieses Chaps selbst korrigiert... und das wird zu merken sein. Ich werde das nachkorrigieren lassen, sobald ich jemanden gefunden habe. (JEMAND INTERESSE?)
Damit es nicht so lange dauert und weil die Story kurz vor Schluss steht stelle ich die restlichen Kapitel ohne Beta online.
Ich hoffe es geht einigermaßen Verlegen
„Jah, ich weiß, dass ich der Beste kleine Bruder der Welt bin!“ schmunzelte ich nachdem ich ihn gelesen hatte.
Plötzlich hatte ich Lust ein bisschen bummeln zu gehen und die anderen Menschen zu beobachten. Vielleicht fand ich ja auch noch die eine oder andere Kleinigkeit fürs Weihnachtsfest. Ich schenkte eigentlich lieber über das Jahr, aber für Weihnachten besorgte ich schon ein paar Kleinigkeiten. Für meine Schwester hatte ich ein nettes Armband gekauft, das mit beim Juwelier auf Anhieb gefallen hatte. Für meinen besten Freund gab es einen Bildband über die schönsten Fleckchen Deutschlands. Das war ein bisschen mehr als eine Kleinigkeit, aber Timo war auch momentan in Australien, weshalb ich ihm zwischendurch schlecht was schenken konnte. Hoffentlich kam das Buch auch heil an. Ich musste es noch einpacken und zur Post bringen. Daran musste ich unbedingt denken, wenn es rechtzeitig zu Weihnachten in Australien ankommen sollte. Schnell schrieb ich mir einen Zettel mit einer kurzen Notiz. Sonst würde ich es sowieso wieder vergessen und am Weihnachtsmorgen würde es mir dann einfallen und dann war es natürlich zu spät. Grinsend klebte ich mir den Post-It an die Zimmertür.
An der Haustür zog ich mir dicke Socken, wasserfeste Schuhe, Mantel und Schal an. Im rausgehen nahm ich meinem MP3 Player und schaltete dasselbe Album an, die ich schon die ganze Nacht gehört hatte.
Die kurze Strecke raus aus der vollen Einkaufsstraße legte man schnell zurück, wenn man sich in den Seitenstraßen ein bisschen auskannte. Das Knirschen des liegengebliebenen Schnees unter den Sohlen meiner Schuhe fühlte sich wunderbar an. Bevor ich mein Lieblingskaffee ansteuerte, lief ich erst die örtliche Poststation an, um herauszufinden, wie viel Porto mich mein Geschenk nach Australien kosten würde und wie lange es etwa brauchen würde bis es dort war. Die vom Weihnachtstrubel etwas genervte Frau am Informationsschalter sagte mir etwas von ein bis zwei Wochen Zeit bis es dort war. Also aller höchste Zeit für mich es zur Post zu bringen. Was das Porto betraf, konnte sie mir nur sagen, dass es etwas um die fünfzehn Euro kosten würde, aber das hinge natürlich noch von der Päckchengröße und dem Gewicht ab. Naja, das konnte ich verschmerzen.

In meinem Lieblingscafe angekommen, setzte ich mich ans Fenster. Es war eines der schönsten Cafés der Stadt. Das fand leider nicht nur ich, weshalb es auch voll bis zum letzten Tisch war. Doch wenn man regelmäßig herkam, wie ich, lernte man schnell die Lounge im Obergeschoss zu schätzen. Die meisten Gäste gingen dort nicht rauf, deshalb war es dort immer um einiges leerer als im Unterenteil. Außerdem war von dort oben die Aussicht viel besser.
Unten ging es sehr geschäftig zu, aber ich hielt zielstrebig auf die Treppe zu. Nur nebenbei nahm ich die anderen Leute, die im Cafe saßen, wahr. Eine Gruppe Mädchen, mit blondierten und grässlich toupierten Haaren, schnatterte an der Theke laut durcheinander und zwei kleine Kinder rannten vergnügt um einen Tisch, an dem zwei Frauen, wahrscheinlich ihre Mütter, zusammen saßen. Die einen bemerkte ich nur wegen der schrecklichen Frisuren und die Kinder, weil eines von ihnen mir direkt vor die Füße lief. Weiter hinten im Raum tauchte ein Mann unter den Tisch ab, als ich vorbei ging, als hätte er sich zu Tode erschreckt. Er kam mir auch irgendwie bekannt vor, aber ich konnte nicht noch einmal genauer hinsehen, er war ja unter dem Tisch verschwunden. Stehen zu bleiben, kam mir albern vor. Ich wunderte mich nicht weiter, wahrscheinlich hatte ich mich eh nur verguckt und kannte ihn nicht. Und er hatte lediglich etwas fallen gelassen und wollte es vom Boden aufheben. In dem Gedränge flatterten Servietten schnell vom Tisch. Ohne mir also weiter Gedanken zu machen stieg ich die Treppe zur Empore hinauf.
Oben auf der Empore war mein Stammplatz am Fenster noch frei. Bestens.
Eine Bedienung kam sofort an meinen Tisch sobald ich mich gesetzte hatte. Ich bestellte bei ihr einen Früchtetee mit Honig. Freundlich lächelte sie mich an, schrieb die Bestellung auf einen Block und ging zum nächsten Tisch.
Während ich auf meine Bestellung wartete, schälte ich mich aus meinem Mantel und Schal. Versonnen betrachtete ich den Schnee, wie er auf die Köpfe der Menschen auf dem Straßenbahnplatz vor dem Cafe rieselte.
Meine Bestellung brauchte nicht lange. Zum Glück hatte die Lounge eigene Bedienungen. Ich bekam meinen Tee und eine Schale mit Honig von einem jungen Mädchen. Vielleicht gerade siebzehn. Diese Bedienung schien neu zu sein, denn ich hatte sie noch nie hier gesehen und ich kam regelmäßig hierher. Sie lächelte scheu und fragte ob sie mir sonst noch etwas bringen könne. Ich bestellte noch ein Kännchen mit Milch. Ja, ich trank Milch im Tee, das taten Aline und ich. Als wir noch bei unseren Eltern gewohnt hatten, war es normal gewesen. So schmeckte es in meinen Augen auch einfach am besten. Da ließ ich mir nicht reinreden. Erst mit Milch konnte man im Früchtetee so richtig die Früchte raus schmecken. Den irritierten Blick der Kellnerin quittierte ich mit einem Grinsen. Sie bemerkte sofort, dass ihre Irritation doch nicht so unauffällig gewesen war, wie sie wohl gedacht hatte. „Tschuldigung“ murmelte sie, dann lächelte sie wieder professionell. „Ist mir noch nie untergekommen,… hier in Deutschland.“ Sie wurde zum Ende des Satzes immer leiser, ihr war wohl aufgefallen, dass das auch nicht angemessener war als der irritierte Blick vorher. Mit einem letzten unsicheren Blick sagte sie, sie würde die Milch holen und drehte sie sich weg. Ich wandte mich wieder den Menschen unter mir zu.
Als sie wieder kam, hielt sie in der einen Hand ein Kännchen Milch, die andere hatte sie hinter dem Rücken. Sie trat an den Tisch und räusperte sich leise um meine Aufmerksamkeit zu bekommen. Ich riss mich von den Menschen los und sah sie an. „Ihre Milch“ sagte sie. Ihre Haltung zeigte deutliches Unbehagen.
Sie trat von einem Fuß auf den anderen, seufzte und beugte sich dann verschwörerisch zu mir herunter. Mit einem schnellen, absichernden Blick, dass auch keiner zusah, an den Tisch gegenüber, hielt sie mir eine Karte hin. Verwirrt nahm ich sie und sah zu ihr auf. Sie hatte sich wieder aufgerichtet und war rot bis in die Haarspitzen und kurz davor los zu kichern. Tief atmete sie durch und flüsterte: „Ehm, die ist von einem jungen Mann, von unten. Er hat sie mir gegeben, um sie zu überbringen, er hatte mir einen Mann beschrieben. Die Beschreibung passt nur auf sie!“
Es war eine Weihnachtskarte. Plötzlich fuhr es mir heiß in die Glieder. Ich riss die Augen auf. Gegeben?! Der Absender musste unten sitzen! Für mich bestand kein Zweifel, dass es eine der Weihnachtskarten war, obwohl ich sie noch nicht einmal wirklich angesehen hatte.
Ich sprang auf und stieß sie ein wenig grob aus dem Weg. Fast wäre ich die Treppe heruntergefallen, weil ich meine eigenen Füße nicht mehr koordiniert bekam. Die letzten Stufen stolperte ich in den Raum und sah mich hektisch um. Wo war er? Wer war er?
Es war zu voll um jemanden zu finden. Natürlich war es zu voll jemanden zu finden. Schon gar niemanden von dem man nicht sicher wusste, wie er aussah und im Winter mit Mänteln, Mützen und Schals war es noch aussichtsloser.
Einige Herzschläge lang stand ich ziellos vor der Treppe, dann drehte ich mich resigniert um. Ich war so dämlich, wie hatte ich glauben können, dass ich ihn hier sitzen sah. Wie auf dem Silbertablett serviert. Auf halber Höhe der Treppe kam mir die Kellnerin entgegen, die Karte hielt sie in der Hand. „Er hat gezahlt, bevor der mir die Karte gab und ist danach direkt gegangen. Tut mir leid. Aber sie sollten sie lesen!“ Sie sah aus, als fühlte sie sich schuldig, dass der Mann gegangen war. Ich seufzte. „Ich sollte mich entschuldigen. Sie können doch nichts dafür. Habe ich ihnen weh getan?“ „Nein.“ lächelte sie „Ist schon okay. Mir scheint, als wäre das nicht die erste Karte, die sie bekommen.“ Das war eher eine Feststellung als eine Frage. „Nein, ist es wirklich nicht!“ Bei dem Gedanken kam die Enttäuschung in mir hoch. „Ihnen scheint es richtig. Die siebte um ehrlich zu sein. Und ich weiß einfach nicht von wem sie sind!“ Ich habe einen Verdacht, aber diesen Nachsatz sagte ich nicht mehr. Stattdessen zuckte ich mit den Schultern, ich wusste auch nicht was es die Kellnerin angehen sollte und ging weiter. Sie drehte sich noch einmal zu mir um.„Ehm, sie sollten sie wirklich lesen!“ Ich sah sie an und nickte.

Zurück an meinem Platz drehte ich die Karte und las was darauf stand. Die Karte war schnell geschrieben worden. Die Schrift war nicht so sauber wie bei den anderen Karten. Also hatte er sie hier geschrieben, spontan, er musste mich hier hoch gehen sehen haben. Krampfhaft versuchte ich zu rekonstruieren ob mir jemand aufgefallen war, als ich hinein gekommen war. Aber ich hatte einfach nicht besonders auf die Menschen geachtete. Jetzt erst drehte ich die Karte ganz herum und las, besah mir nicht nur die Schrift.

Es tut mir wirklich leid, Paul!
Ich bin ein riesen großer Feigling!
Ich liebe dich doch!
Ich habe dich immer geliebt!

Immer geliebt?
Eigentlich gab es jetzt keinen Zweifel mehr, dass es Matthias war, der mir diese Karten schrieb. Keiner meiner Verflossenen würde das sonst tun, warum auch. Ich hatte sie allesamt vor den Kopf gestoßen und sie waren daraufhin alle geflüchtete und hatten sich nie mehr gemeldet. Meine One-Night-Stands hatten keinen Grund mir so etwas zu schreiben. Die Indizien waren buchstäblich, aber trotzdem wollte ich den Gedanken nicht zulassen. Ich durfte den Gedanken nicht zulassen, die Enttäuschung würde zu groß sein, wenn er es doch nicht war.

Ich trank meinen Tee leer und dachte nach. Im Nachhinein ärgerte ich mich über meine heftige Reaktion. Wie albern. War ich wirklich so versessen darauf ihn zu sehen?
Es hatte keinen Sinn mich selbst damit zu belügen, dass ich nicht gehofft hätte Matthias an einem der Tische zu sehen. Es zu leugnen wäre albern gewesen. Aber ich ärgerte mich, weil ich leichtgläubig und meine Rektion völlig übertrieben und in keinster Weise gerechtfertigt gewesen war.
Missmutig zahlte ich und gab der Kellnerin ein großzügiges Trinkgeld. Ich war ein bisschen grob zu ihr gewesen, auf jeden Fall war ich schon mal umgänglicher gewesen.

Draußen verfiel ich in einen flotten Laufschritt, nicht weil ich schnell nachhause wollte, eher im Gegenteil, damit ich so weit wie möglich wegkam von zuhause und nachher so richtig schön fertig und durchgefroren sein würde, wenn ich nachhause kam. Dann konnte ich nicht so viel nachdenken. Ich joggte fast, als ich endlich im großen Hunde-Park ankam und dort eine Verschnaufpause einlegte.
Ich suchte mir eine Bank, um mich dort kurz hinzusetzten, fand aber keine, weil alles zugeschneit war. Also schlenderte ich weiter. Mehrere Fußgänger mit Hund kamen an mir vorbei und grüßten freundlich. Ich konnte mich nicht dazu durchringen zurück zu grüßen, dafür war ich zu sehr mit mir selbst beschäftigt.
Auf der verschneiten Wiese tobten kleine Kinder, die kleinsten versanken fast bis zur Hüfte im Schnee. Vermutlich eine Kindergartengruppe, denn zwei dick eingepackte Frauen waren bemüht die Kinder beisammen zu halten. Das ausgelassene Schreien und Kreischen der kleinen Gruppe war Balsam für meine Seele. Ich war einer der wenigen Lehrer der freiwillig gerne Pausenaufsicht hatte. Kindergeschrei und herumfliegende Bälle machten mir nichts aus. Eine gute halbe Stunde blieb ich stehen und beobachtete noch die Kinder, bevor ich mich dann auf den Nachhauseweg machte. Ich war wirklich ein ganzes Stück gelaufen.
Kein Wunder, normalerweise fuhr ich immer mit dem Fahrrad in den Park, so lang kam mir die Strecke sonst nie vor, jetzt brauchte ich über eine Stunde zurück zur Wohnung.
Als ich endlich dort ankam war es schon halb vier. Meine Aktion hatte genau den Effekt, den sie haben sollte. Ich war durchgefroren und völlig fertig.

Im Badezimmer stellte ich das Wasser an und gab Badezusatz in die Wanne. Schnell kochte ich mir noch einen Tee, um mich auch von innen ein bisschen aufzuwärmen.
Danach schloss ich mich im Badezimmer ein und schälte mich Lage um Lage aus meiner Kleidung. Vorsichtig stieg ich in die Wanne, nicht ohne vorher die CD von gestern in den Player im Badezimmer gelegt zu haben.

Das heiße Wasser tat meinem durchgefrorenen Körper sehr gut. Ich tauchte einmal ganz unter und ließ mich dann bis zu den Schultern ins Wasser sinken. Mit geschlossenen Augen lauschte ich meinem eigenen Pulsschlag und ließ mich von der leisen Musik wegtreiben.
Zwischendurch ließ ich immer mal wieder heißes Wasser nachlaufen, weil es so angenehm kuschelig warm in der Wanne war und ich diese Entspannung einfach noch nicht aufgeben wollte.
Wie lange ich eigentlich in der Badewanne gelegen hatte bemerkte ich erst, als die CD wieder von vorn zu spielen anfing. Meine Haut war aufgeweicht und schrumpelig. Ich musste kurz eingenickt sein, sonst wäre ich niemals so lange in der Wanne liegen geblieben, denn das Wasser war inzwischen kalt geworden
Aline klopfte an die Tür „Du bist aber noch nicht ertrunken, oder?“
Ich brummte nur zur Antwort. Schnell trank ich den Rest des Tees, der inzwischen auch kalt war, und stieg fröstelnd aus dem Wasser. An der Luft war es noch kälter. Hastig rubbelte ich meinen Körper und Haare möglichst trocken. Föhnen war unnötig, das erledigte sich auch von allein. Ich war viel, aber übertriebene Eitelkeit war keine meiner vorrangigen Eigenschaften.
Mit einem Handtuch um die Hüften huschte ich über den Flur, in mein Zimmer, um mir Shorts und meine Schlafhose überzuziehen.
Aline schien wieder in der Küche verschwunden zu sein, denn die Tür war zu und ich konnte leise Musik dudeln hören.
Ich öffnete im Badezimmer ein Fenster um den Wasserdunst hinaus zu lassen, bevor ich in die Küche ging um Aline zu suchen.
Sie saß im Wohnzimmer auf dem Sofa. Ihr Blick ging ins Nirgendwo. Sie war so in sich gekehrt, dass sie mich nicht bemerkte. Ich stellte meine Tasse auf dem Wohnzimmertisch ab und beobachtete sie ein bisschen. Aline war zum Fenster gewandt und saß mit dem Rücken zu mir, ihre Beine lagen im Schneidersitz auf der Sitzfläche. Ihre Hände konnte ich von hier aus nicht sehen, aber es sah aus als würde sie mit etwas spielen. Was sie immer tat wenn sie etwas beschäftigte. Ihre Schultern bewegten sich vor und zurück.
Nach ein bisschen Zeit legte sie den Kopf zur Seite und murmelte leise „Oh jeh…“. Irgendwas war nicht in Ordnung. Ich verhielt mich still und lauschte darauf, dass sie noch mehr sagen würde. Dabei kam ich mir ein bisschen schäbig vor. Sie zu beobachten und zu belauschen. Aber jetzt wo sie anfing zu sprechen konnte ich nicht mehr auf mich aufmerksam machen oder einfach weggehen. Ich wollte wissen was passiert war. Es war wie bei einem Unfall, man fühlt sich schlecht muss aber trotzdem hinsehen. Meine Ohren waren in dem Moment übersensibel und lauschten auf jedes noch so kleine Geräusch. Ich traute mich kaum mich zu bewegen. Aline sprach weiter, diesmal deutlicher. „Er muss sie sehen, er muss sich dem stellen!“ Sie seufzte tief und schwang energisch die Beine vom Sofa. Noch in der Bewegung erstarrte sie, als sie mich ansah. „Oh, Paul!“ hauchte sie. „Aline?“ frage ich erwartungsvoll zurück. Ihr Verhalten war mehr als eigenartig. Sie schluckte und begann auf ihrer Lippe zu kauen. Dann schloss sie die Augen und streckte mir entschlossen etwas entgegen.
Karten. Zwei Stück.
„Hier, lies. Die waren in der Post.“ sagte sie leise. „Tut mir leid, dass ich sie schon gelesen habe.“ Fügte sie kleinlaut hinzu. Ich nahm die beiden Karten und drehte die erste um ohne das Motiv eines Blickes zu würdigen.

Es tut mir wirklich leid, Paul!
Ich bin ein riesen großer Feigling!
Ich liebe dich doch!
Ich habe dich immer geliebt!


Auf der Karte stand der gleiche Text, wie auf der letzten. Das verstand ich nicht, bisher war noch nie zweimal die gleiche Karte gekommen?
Die Verwirrung stand mir anscheinend deutlich ins Gesicht geschrieben, denn Aline knetete kurz ihre Hände und sagte schnell „Die andere. Sieh dir die andere an!“
Ihre deutliche Anspannung übertrug sich auf mich. Sie wusste was auf der Karte stand und ich nicht. Mein Herz verlagerte sich nach Höhe Adamsapfel und pochte anstatt in meiner Brust in meinem Hals weiter. Meine Hand zittere, als ich die andere Karte drehte.
Ein bisschen übertrieben die Reaktion, angesichts der Tatsache, dass es sich hier nur um eine Karte handelte, von denen ich schon Acht hatte.
Ich nahm die andere Karte nach oben und wischte die freie Hand an der Jeans ab. Das Bild, das nun oben auf lag zeigte Einen Tannengrünkranz in Form eines Herzens, der an einer massiven Holztür hing. Zögerlich drehte ich sie um, um den Text zu lesen.
Die Worte auf der Rückseite ließ das Zittern meiner alle weiteren Funktionen meines Körpers für einen endlosen Moment aussetzen. Ich erstarrte, nichts in mir arbeitete noch. Nur die lebenserhaltenden Funktionen hatten ihren Dienst nicht quittiert. Atmen-Herzschlag.
Ein-Aus-Ein-Aus-Ein-Aus. Ba-Bum-Ba-Bum-Ba-Bum-Ba-Bum.
Mein Gehirn sendete Error und ich starrte regungslos auf den Text, den ich immer und immer wieder las, ohne ihn zu wirklich zu verstehen. Ich versuchte alle möglichen Betonungen nur damit er etwas anderes aussagen könnte, als er tat. Gefühlte Stunden später kam die Information unwiderruflich bei mir an, es konnte nichts anderes gemeint sein, und wurde verarbeitet. Ich erwachte aus meiner Kaninchenstarre. Mein Räuber – meine Vergangenheit – Matthias! wollte mir den Todesstoß versetzten. So verstand es zumindest mein Körper, mein Gehirn, irgendwas. Flucht war geistig, wie körperlich unmöglich.
Ich starrte immer weiter auf den Text, las ihn immer wieder durch und wusste immer wieder nicht, wie ich darauf reagieren sollte.

Würdest du mit mir Essen gehen? Mir eine Chance geben? Ich werde am Samstag um 19:00 im Restaurant auf der Ecke Birkenhof auf dich warten! Du wirst mich schon erkennen, … hoffentlich.
Es würde mir wirklich etwas bedeuten, wenn du mir eine Chance geben würdest Paul.

Ich nahm die beiden Karten in eine Hand und ging wortlos in mein Zimmer. Jetzt musste ich ganz dringend für mich alleine sein und klären, was ich jetzt tun wollte. Ich wusste ja nicht einmal was ich fühlen sollte.
Aline war das gar nicht recht, sie wollte nicht, dass ich jetzt alleine war. Das konnte ich ihr nur zu deutlich ansehen, an den abgehackten Bewegungen und angefangenen Sätzen. Doch sie konnte nicht umhin meine Entscheidung zu akzeptieren. Sie hatte mit den Jahren dazu gelernt, dass sie keine Wahl hatte. Hinter mir schloss ich die Tür ab. Damit sie jah nicht auf die Idee kam mir helfen zu wollen. Da musste ich jetzt selber durch, alleine!
In meinem Zimmer setze ich mich auf das Bett, nachdenken konnte ich hier am besten. Langsam kam wieder Leben in meinem Körper. Ich begann wieder etwas zu fühlen und die Welt um mich herum nicht nur auf mich und meine Ohnmacht zu reduzieren. „Oh, oh, oh!“ seufzte ich und legte die Stirn in meine Hände. „Was mach in denn jetzt?“ fragte ich in den leeren Raum.
Im Schneidersitz saß ich auf dem Bett und schob die Karten vor mir hin und her. Jetzt führte ich schon Selbstgespräche, immerhin antwortete ich mir selbst nicht!
Eigentlich hatte ich ja auf so etwas gehofft, irgendeine Antwort meine Gedanken, eine Einladung, ein Treffen war das Beste was mir zu meinen Zwecken passieren konnte. Aber erwartet hatte ich es niemals. Und jetzt, wo ich die Antwort auf alle meine Hoffnung in der Hand hielt, bekam ich es mit der Angst zu tun.
Am Abend, als ich endlich wieder aus meinem Zimmer gekommen war, konnte Aline mir auch keine zufriedenstellende Antwort auf meine Fragen an mich selbst geben, das einzige was sie dazu sagte war „Was willst du denn, Paul?“.
Kluge Frage! Aber das wusste ich ja nicht mehr. Die ganze Zeit war ich mir immer sicher gewesen, dass ich mich mit demjenigen treffen würde, oder ihn suchen würde, wenn ich nur einen Hinweis bekäme. Aber jetzt war ich mir nicht mehr so sicher, ob ich mit dem Kartenschreiber, mit Matthias reden wollte.

Aline lehnte an der Küchenablage und sah mich abwartend an. Als ich keine Antwort gab, nahm sie ihre Kaffeetasse und setzte sich zu mir an den Küchentisch. Sie faltete die Hände und begann zu sprechen „Du warst in den letzten Tagen völlig durch den Wind, also denke ich, dass du hingehen solltest und mit ihm redest.“ „Schön, vielleicht sollte ich das,… aber Aline“, meine Stimme erstickte „…ich habe Angst.“ „Wovor, Paul? Wovor hast du Angst?“ Verdammt gute Frage. Wovor hatte ich Angst? Ich hatte vor so einigem Angst. Ich wusste nicht was ich wollte und fürchtete mich davor, was ich wollen könnte, war das nicht genug?
Ich hatte Angst davor, dass niemand in dem Restaurant war. Ich hatte Angst davor Matthias gegenüber zu stehen und nicht zu wissen, was ich sagen sollte. Ich hatte Angst, dass mich das Treffen enttäuschte, weil ich mir schon Hoffnungen gemacht hatte, die ich mir nie hätte machen sollen. Aber vor allem hatte ich Angst vor mir selbst. Davor, dass ich nicht angemessen reagieren würde auf Matthias und auf die Situation oder auf das, was er vielleicht sagen würde. Welches Verhalten da auch immer angemessen war.
„Vor mir selbst?“ nuschelte ich „Ich weiß nicht was ich machen soll, Aline!“ Aline drehte ihre Tasse in den Händen. Sie überlegte. Leise murmelte sie dabei vor sich hin, ich beobachtete sie eindringlich. Irgendwann begann sie dann ihre Tasse hin und her zu schieben, immer fester. Kaffee schwappte über den Rand, aber Aline bemerkte es gar nicht. Ich stand auf um einen Lappen zu holen.
Alines Kopf ruckte hoch „Wo gehst du hin?“ Ich zeigte auf den Tisch. „Oh!“ machte sie nur. Mit dem Lappen in der Hand setzte ich mich wieder. „Und?“ fragte ich. „Und was?“ sie sah einen Moment verwirrt aus. „Achso! Naja, Paul. Ich kenne dich schon ziemlich lange und naja … ich weiß halt ganz gut wie du tickst, denke ich. Und ich glaube, dass du hingehen musst, sonst wirst du es bereuen. Selbst wenn du in der Tür wieder umdrehst, ihn zusammenschlägst, ihr Hand in Hand oder einfach nur als zwei die sich mal kannten, aus dem Restaurant heraus kommt. Du kannst dich nicht länger vor dem, was damals passiert ist verstecken und ich finde, dass jetzt der beste Zeitpunkt ist, sich damit auseinander zu setzen. Diese Karten sind eine Steilvorlage. Du stehst bald auf eigenen Beinen und wenn du dich jetzt nicht damit beschäftigst, wirst du es, so wie ich dich kenne, nie tun. Und es wird dich irgendwann innerlich auffressen. Vor allem, dass du diese Chance nicht genutzt hast.“ Sie gestikulierte fahrig mit den Händen.
Sie hatte Recht mit dem, was sie sagte. Ich musste mich dem stellen, früher oder später. Und besser früher als später. Aber das war nur die Stimme der Vernunft. Trotzdem hatte ich Angst. „Vermutlich hast du recht. Angst davor ihn zu sehen habe ich trotzdem!“ „Verständlich, aber ich befürchte, da musst du durch.“ Sie hob die Hand und berührte leicht meine Wange. Es hatte einige Situationen in meinem bisherigen Leben gegeben in denen sie mir die Mutter gewesen war, die mich verstoßen hatte. Dieses war einer von ihnen. Ihre Berührung spendete Mitleid, Wärme und Verständnis.
Wir wechselten aufs Sofa um zusammen einen Film anzusehen. Schnell jedoch wurde er Film neben Sache. Wir unterhielten uns den ganzen Abend erst über Matthias und dann über unsere Eltern.
Später erzählte Aline, dass Thomas sie vor ein paar Tagen gefragt hatte, wie sie über das Heiraten denke. Sie hatte nichtgewusst was sie darauf antworten sollte, ohne ihm Hoffnungen zu machen oder vor den Kopf zu stoßen. Jetzt hatte sie jede Sekunde ein flaues Gefühl, weil sie jeden Moment erwartete, dass er ihr einen Antrag machen würde. Eigentlich wollte sie sich noch nicht so fest binden, aber wenn, dann an Thomas. Während wir darüber sprachen suchten wanderte ihr Blick unstet im Raum hin und her und ihre Finger hatte sie fest ineinander verschlungen. Ich merkte, dass nicht nur ich oft nicht wusste was ich wollte.

Der Film der im Fernseher lief, war schon lange nicht mehr der, den wir eigentlich hatten gucken wollen. So lange und gut hatten wir uns schon ewig nicht mehr unterhalten. Ich merkte sehr deutlich,wie gut es Aline tat sich alles von der Seele zu reden. Sie war in der letzten Zeit zu kurz gekommen, merke ich nun. Aline lehnte gegen mich und schwieg. In letzter Zeit hatte sich alles nur noch um mich gedreht und um diese komischen Karten. Ich hatte mich nur mit mir beschäftigt und nie nach ihr gefragt, wo sie doch immer für mich da war. Das holte ich jetzt nach. „Ich merke gerade“ sagte ich leise in die Stille „,dass ich in letzter Zeit viel zu wenig Interesse an dir gezeigt habe. Es ging immer nur um mich. Aber das hole ich nach, versprochen…. Hast du eigentlich eine Aushilfe für Samstags gefunden?“ „Ach ist schon in Ordnung, du hattest ja viel um die Ohren. Jein, ich habe morgen ein Vorstellungsgespräch mit einer Schülerin, die dann in den Ferien kommen würde.“ Sie gähnte herzhaft und bekam deshalb die Worte nicht mehr ganz so klar heraus. „Paulchen, ich muss morgen fit sein. … Ich geh ins Bett, bevor ich auf dem Sofa einschlaf‘“ Sie gähnte wieder und rappelte sich vom Sofa hoch. Paulchen, igitt. So hatte sie mich ewig nicht genannt und ehrlich gesagt war ich froh drum gewesen. Paulchen hatte, fand ich, immer etwas von einem Esel, oder Paulchen Panther aber der war ja schon fast wieder cool.

An diesem Abend rief ich zum ersten Mal einen meiner besten Freunde an. Mitten in der Nacht, für mich, aber bei ihm in Australien war es jetzt nicht halb ein Uhr morgens, sondern halb zwölf. Timo war im Januar letzten Jahres nach Australien zu Verwandten geflogen um sich dort zwei Jahre lang in seinem Job weiter zu bilden. Bevor er bei seinem Ausbilder einen Job in einer Führungsposition antrat. In Australien hatte er eine Trainee-Stelle bei einem ziemlich großen größeren Konzern in Melbourne. Timo war schon in der Schule schon immer einer der Cracks gewesen, zwar keiner, dem alles nur so zu flog, aber ein Crack. Trotzdem er hatte immer hart für seine guten Zensuren gearbeitet und das war ihm auch mit einem 1,0er Abitur entlohnt worden.
Wir waren beide immer sehr verschieden gewesen, aber er hatte mich nach meinem Outing ohne Vorbehalte akzeptiert und war mein bester Freund geblieben. Er war derjenige an den ich mich wand wenn ich mit dem Kopf zur Wand stand und selber nicht mehr denken konnte. Dann dachte er für mich weiter. Er war loyal, hatte mich sogar vor meinen Eltern gedeckt, wenn ich die Nacht in Einschlägigen Clubs für meine Gesinnung verbrachte. Ich ihn im Gegenzug, wenn er mit einem Mädchen allein sein wollte, weil seine Eltern mindestens so konservativ waren wie meine, wenn nicht noch ein bisschen schlimmer. Seit der weg war fehlte mir manchmal ein Stück.
Schlußanmerkungen zum Kapitel:
Albtraumnacht
Anmerkungen zum Kapitel:TA-DA-DA-DAAAA ich stelle euch fredda vor, die die beta übernommen hat Lächelnd
Timo wohnte bei seiner Ur-Großtante, oder sowas in die Richtung. Sie wohnte in einem der kleineren Vororte Melbournes. Geld musste diese Tante auf jeden Fall haben, denn günstig war diese Wohngegend bestimmt nicht.
Jedenfalls waren Anrufe nach Australien höllisch teuer, weshalb wir eigentlich nur im Chat, per Internettelefon, E-mail oder Videobotschaft miteinander kommunizierten. Das konnte man sich einmal um den Erdball wenigstens leisten. Aber in bestimmten Situationen, hatten wir uns versprochen, würden wir den hohen Preis für ein Ferngespräch und die dämlichen Fremdnetzkosten und Roaming-Gebühren in Kauf nehmen. In Situationen in denen nichts mehr half und nur der andere noch helfen konnte und meine aktuelle Situation war eindeutig eine von diesen. Ich braucht dringend Timos Rat.
Ich nahm das Haustelefon von der Station, schaltete die kleine Stehlampe neben dem Sofa an und den Fernseher aus. Dann wählte ich und hoffte, dass Timo an seinem Arbeitsplatz war. Er hatte mir seine Durchwahl geschickt und das hier war der Crash-Test für die Nummer, bisher hatte ich ihn noch nie angerufen. Nervös trommelte ich mit den Fingern auf die Sofalehne. Das Freizeichen ertönte, meine Hände wurden schwitzig. Je länger es klingelte, desto nervöser wurde ich. „Good Afternoon. International Trade Melbourne, Timothy Gellert. How can I help you?” sprudelte es plötzlich schrecklich gut gelaunt aus der Leitung. Ebenso plötzlich bekam ich einen Lachkrampf. „Timo…?“ würgte ich hervor und konnte mir das Lachen einfach nicht verkneifen. Timothy, ach ja. Früher hatte er mich jedes Mal fast erwürgt, wenn ich jemanden seinen vollen Namen verraten hatte. Und wenn die Klassenlehrerin die Anwesenheit kontrollierte wäre er jedesmal am liebsten unter den Tisch gekrochen.
„Paul!“ rief er erfreut, stockte dann. „Ist was passiert? Wir wollten doch nur im Notfall anrufen“ stellte er ernst fest. Ich räusperte mich und antwortete „Schon, aber erzähl mir erst wie es dir geht da drüben am anderen Ende der Welt.“ „Gut, gut. Mein Gott ja, am anderen Ende der Welt, da hast du wohl recht. Himmel bei dir muss es ja mitten in der Nacht sein. So schlimm?“ Timo kannte mich eben gut. „Ja so schlimm Timo. Ich brauche eine objektive Meinung, naja objektiver als die von Aline.“ „Eine objektive Meinung also. Aha und wozu?“ Ich begann ihm die ganze Sache mit den Karten, die plötzlichen im Briefkasten und in der Zeitung auftauchten und an mich adressiert aber ohne Absender waren. Von unserem Herumrätseln und dem Verdacht, sie könnten von Matthias sein, der Sache im Cafe, meiner Verwirrung und letztendlich vom genauen Wortlaut der ersten bis jetzt zur letzten Karte. Ich erzählte ihm von meiner Angst vor mir selbst und wo ich deren Ursprung vermutete. Er kannte die Story von Matthias, hatte sie selbst miterlebt. Obwohl wir erst danach richtig gute Freunde wurden, hatte er das alles mehr oder weniger detailgetreu mitbekommen, weshalb ich die Vergangenheit jetzt nicht nochmal aufrollen musste. Als ich endlich nach einem langen Redeschwall verstummte blieb es erst einmal still am anderen Ende der Leitung. „Hm…“ machte Timo zögerlich. Sehr hilfreich, wirklich sehr hilfreich, dachte ich. „Was meint den Aline zu der ganzen Sache? Du hast doch mit ihr gesprochen, …oder? Was hat sie gesagt, was du tun sollst?“ fragte er. „ Klar habe ich mit ihr gesprochen“ erwiderte ich und erzählte ihm, wie Aline zu der ganzen Sache stand. Stell dich der ganzen Sache und geh am besten als Sieger daraus hervor, verbann ihn aus deinem Leben ein für alle Mal.
„Ich finde sie hat Recht, Paul. Aber ich finde auch, dass du das nicht tun solltest nur weil wir es sagen.. Aber du musst so reagieren, wie du es für richtig hältst. du musst dich damit gut fühlen, sonst niemand. Nicht ich und auch nicht Aline. Wir müssen das akzeptieren. Du musst das für dich entscheiden wie du damit umgehen willst und was für dich richtig ist, ist deine eigene Entscheidung treffen. Da hast du keine Verpflichtungen zu erfüllen, Aline gegenüber oder sonst wem. Du musst nur die selbst treu bleiben und wenn du es als richtig und gut für dich erachtest Matthias um den Hals zu fallen und ihm alles zu verzeihen, dann ist das die richtige Entscheidung. Wenn du ihm nicht verzeihen kannst, war es noch nicht der richtige Zeitpunkt. Und wenn du ihm erst eine reinhauen musst, bevor du ihm verzeihst und ihr weiterhin eure eigenen Wege geht, war es auch so richtig. Wichtig ist nur, dass es dir damit gut geht und du unter die Sache endlich einen Schlussstrich ziehen kannst. Den kannst du aber nur ziehen, wenn du Matthias verzeihen kannst. Wobei verzeihen nicht Friede-Freude-Eierkuchen heißen muss. Wie gesagt, du bist niemandem Rechenschaft schuldig nur dir selbst. Dir muss es damit gut gehen, du musst damit leben können.“ Er hatte lange geredet und ich war sehr froh darüber, ihn angerufen zu haben. „Danke Timo. Das hilft mir sehr!“ sagte ich. „Kein Ding, Mann. Dafür bin ich da. Und jetzt geh ins Bett Paul, sonst frisst du mir die arme Aline morgen noch auf.“ „Gut, ich geh schlafen. Ich wünsche dir einen schönen Tag, ich vermiss dich hier. Auf dass du bald zurück kommst.“ „Jah, ich vermisse euch auch! Tschüss und gute Nacht!“ er machte ein kleine Pause, dann fügte er hinzu „Und du machst das schon Paul, ich bin mir sicher du tust das richtige!“
Er legte auf und ich stand vom Sofa auf. Mein Herz fühlte sich seltsam schwer an, obwohl das ungute Gefühl in meinem Magen endlich verschwunden war. Timo kannte mich eben und er hatte mir genau das gesagt, was ich hören musste. Damit konnte ich was anfangen, das half mir weiter meine Gedanken endlich zu sortieren. Ich schaltete das Licht aus, stellte das Telefon zurück in die Station und machte mich träge geworden auf den Weg ins Bad, Katzenwäsche und ab ins Bett. Im Bett schlief ich ein sobald ich mich hingelegt hatte schlief ich ein.

Ich hatte vergessen mir einen Wecker zustellen, weshalb ich bis zwölf Uhr schlief. Ausgeruht ging ich ausgiebig duschen. Ich war mir seit meinem Gespräch gestern mit Timo sicher, dass ich morgen zu diesem Essen gehen würde. Das war besser so, für alle Beteiligten. Danach wäre das Thema endlich erledigt und ich würde mich endlich richtig auf Weihnachten freuen können.
Seltsam abgeklärt sah ich nun auf das ganze Thema herab. Ich war auch sehr froh, dass dieses elende Gefühlschaos morgen endlich ein Ende haben würde. Ich war für mich selbst eine tickende Zeitbombe und wusste nicht einmal selber wann ich hochgehen und meine Gefühlslage sich durch eine Kleinigkeit von himmelhochjauchzend zu, zu Tode betrübt, änderte.
Und damit ich gar nicht erst ins grübeln und damit zweifeln kam ging ich sofort zur Tagesodnung über. Ich machte einen Salat mit Putenbrust und packte ihn in zwei Frische-Boxen. Ich hatte vor, Aline heute im Laden zu helfen und hoffte es würde so richtig proppenvoll werden. Weihnachten rückte immer näher und Aline hatte auch einige ausgewählte Stücke handgemachtes Holzspielzeug im Angebot. Das kaufen die ländlich wohnenden Omis und Opis immer gerne für ihre Stadtenkel. Außerdem wurde Dekor immer gerne an die dann verschenkt, wenn man keine Idee hatte, oder die zu beschenkende Person nicht so richtig kannte. Stichwort Wichteln. Mit Arbeit, die meinen Kopf, meine Hände und sogar meine Füße beschäftigte, würde sich meine abgeklärte Stimmung bestimmt am besten halten. Ich war zwar wirklich froh darum, dass ich kein unsicheres, zitterndes und unentschlossenes Bündel mehr war, wollte aber tunlichst auch kein aufgeregtes, erwartungsvollen und unruhiges werden. Das würde morgen Mittag früh genug einsetzen. Weil ich eben keine schlagartige Wendung wollte, versuchte ich über den Tag einfach so wenig wie irgendwie möglich an morgen Abend zu denken. Als Aline mich darauf ansprechen wollte, brachte ich sie schnell zum Schweigen. Ich würgte sie einfach mit einer Gegenfragte ab. Danach sprach sie mich nicht noch einmal darauf an. Doch obwohl ich sie schnellstmöglich abgewürgt hatte, blieb der Gedanke im Raum hängen. Unweigerlich begann mein Kopf sich damit zu beschäftigen. Als meine Gedanken beim Geschenke verpacken abdrifteten stieg heiß und brennend die Aufregung in meinen Magen. Ein bisschen aus der Fassung kassierte ich schnell die Kundin und stürzte mich auf den am unentschlossensten aussehenden Kunden, der mich dann auch sehr gut ablenkte und beschäftige.
Der Laden hielt mich bis spät in den Abend auf Trab, weil Aline die grandiose Idee kam, sie müsste eigentlich das Fenster noch einmal neudekorieren. Inbrünstig, das es schon fast abartig war, ging ich ihr zur Hand. Sie scheuchte mich bis zehn Uhr im Laden herum. Kunstschnee suchen, dies holen, das holen, hier mal halten und dort etwas mit der Heißklebepistole Festgeklebtes andrücken. Endlich fertig sah das Fenster wunderschön weihnachtlich aus.
Müde fiel ich wenig später ins Bett und schlief ein, bevor ich mir erneut Gedanken machen konnte.
In dieser Nacht träumte ich ganz komische Dinge. Ehrlich gesagt machten mir diese Träume ein wenig Angst.
Es fing ganz harmlos an. Vor meinem geistigen Auge bildete sich sehr bald eine perfekte Nachbildung meines Zimmers.
Panik stieg in mir auf.

Der Wecker zeige achtzehn Uhr und es war Freitag.

Alles passierte innerhalb einiger ungewöhnlich scharfer Momentaufnahmen, es fühlte sich an als wäre ich schlimm auf den Kopf gefallen und meine Erinnerung war unscharf und sprunghaft.

Ich fühlte mich verwirrt und erschüttert.

Meine Gedanken überschlugen sich regelrecht.

Das Bett war ungemacht, ich war gerade erst aufgewacht.

Wie hatte ich nur so lange schlafen können?

Meine Nasenflügel blähten sich.

Ich atmete zu schnell.

Hektisch sah ich mich im Zimmer nach meiner Kleidung um.

Ich verschluckte mich.

Fand nichts anzuziehen.

Auf dem Weg zum Kleiderschrank stolperte ich und krachte hart auf den Boden.

Keine Zeit an Schmerz zu denken.

Ich rappelte mich hoch und riss den Schrank auf.

Ich griff hinein, alle meine Sachen hatten plötzlich Flecken oder Risse. Immer wieder zog ich Sachen an und wieder aus.

Fühlte mich in allem unwohl.

Die Sachen veränderten ihre Farbe und passten nicht mehr zusammen, geschweige denn, dass sie mir noch passten.

Alle Hosen waren zu kurz.

Wie konnte das sein…?

Ich sah an mir hinunter.

Plötzlich wuchsen meine Beine in die Länge.

Sie wurden länger und länger.
Oh mein Gott.

Der Wecker zeigte halb sieben.

Ich kam zu spät.

Ganz sicher kam ich zu spät.

Ich zog einfach irgendwas über und rannte los.

Keine Chance das Restaurant rechtzeitig zu erreichen.

Ich hatte das Gefühl, etwas sehr, sehr wichtiges erfahren zu müssen.

Ich lief schneller.

Meine Armbanduhr fixiert.

Je schneller meine Beine rannten, desto schneller lief die Uhr.


Schweißgebadet schreckte ich hoch. Meine Decke war grotesk um meine Beine geschlungen. Ich musste mich aufsetzten, damit ich wieder richtig Luft bekam.
Jetzt rächte es sich, dass ich den ganzen letzten Tag keinen Gedanken verschwendet an heute Abend verschwendet hatte. Keuchend stütze ich den Kopf in die Hände und versuchte tief durchzuatmen. Alles war gut. Ich sah auf den Wecker, es war zwei Uhr nachts. Ich hatte noch genug Zeit. Es war gerade zwei Uhr. Ich würde nicht zu spät kommen. Es war nur ein Traum, nur ein Traum. Meine Atmung wurde ruhiger. Mein Gott. Mein Kopf schien mit Watte gefüllt zu sein, schon sehr lange hatte ich keinen solchen Alptraum mehr gehabt. Ich öffnete das Fenster. Vielleicht würde mir frische Luft helfen, den Nebel aus meinem Kopf zu vertreiben.
Auf die Seite gedreht schloss ich die Augen und versuchte weiter zu schlafen. Nach einiger Zeit fielen mir die Augen wieder zu. Doch sobald ich wegdümpelte fing ich auch schon wieder an zu träumen. Horrorszenarien.
In dieser Nacht wachte ich noch vier weitere Male zitternd oder schweißgebadet auf. Schloss das Fenster, öffnete es wieder. Zog mir ein anderes Shirt an und ließ es zum Schluss ganz weg. Ich war total weggetreten. Am nächsten Morgen wunderte ich mich, warum ich kein Shirt trug und das Fenster offen war. Verwirrt und desorientiert saß ich minutenlang auf dem Bett und nur langsam gelang es mir mich zu sammeln.
Schlußanmerkungen zum Kapitel:
Show Down
Anmerkungen zum Kapitel:Nach langer, langer Zeit abstinenz endlich das letzte Kapitel! Küsschen

Danke an felis, die mich erneut motiviert hat und daran erinnert hat, dass Paul ja noch immer nicht weiß wer ihn solch komischen Karten schreibt!
Schnee fällt auch passend vom Himmel.

Auch Danke an split für die Aushilfsbeta, damit ihr hier nicht einen Fehlerhaufen lesen müsst Lächelnd
Show-Down

Verwirrt und desorientiert saß ich minutenlang auf dem Bett und versuchte mich zu sammeln. Mir war eiskalt und mein Körper klebte vom Schweiß.
Im Haus war es totenstill, Aline war im Laden. Niemand war hier. Langsam, sehr langsam, rekonstruierte ich die letzte Nacht. Eine schreckliche Nacht.
Mein Kopf schmerzte und mir wurde kurz schwarz vor Augen als ich vom Bett aufstand. Mein Kreislauf war im Keller. Ein wenig wackelig auf den Beinen ging ich ins Bad um zu duschen. Eine kalte Dusche würde meine Lebensgeister schon wieder in meinen Körper zurücktreiben. Schocktherapie war die beste Therapie, zumindest was Kopfschmerzen und Kreislaufprobleme betraf. Einmal schnell den Hahn auf ganz kalt drehen, laut fluchen und sofort wieder auf warm. Half immer! Mir zumindest.
Außerdem soll schockfrosten ja gut gegen Cellulitis sein, nicht das ich welche hätte, aber vorbeugend, quasi. Nach der Dusche dann einen schön starken Espresso und Brötchen holen. Frische Luft tat gut, dann würde ich mich hoffentlich wieder auf meiner Höhe befinden, denn Halbherzigkeit und nur einen Teil meiner Hirnmasse zu benutzen konnte ich mir heute nicht leisten. Ich musste bei Verstand sein, wenn ich dem Kartenschreiber gegenüber trat.

Im Bad war es kalt, sodass ich erst einmal die Heizung hochdrehte und mich zwangsläufig um entschied. Doch erst der Espresso und die frische Luft und dann die Dusche. Es war für meine Verhältnisse noch verdammt früh am Morgen, gerade wenn ich nicht zur Arbeit musste. Kurz vor neun zeigte die Küchenuhr, Aline war also noch nicht so lange weg. Müde und mit brennenden Augen ließ ich mich auf einem Stuhl nieder. Die Maschine brühte gerade Kaffee, ich stützte den Kopf in die Hände. Es piepte und mein Kaffee lief in die Tasse, die ich schon bereitgestellt hatte Bei so einer kleinen Menge dauerte es nicht lange bis die Tasse voll war. Schön schwarz mit einer weichen Crema. Ich war wieder einmal froh den Automaten angeschafft zu haben, obwohl wir eigentlich Filterkaffee tranken. Sobald das Koffein meinen Blutkreislauf erreichte, klärte sich mein Kopf ein wenig und ich fühlte mich im Allgemeinen besser. Es war schwer zu beschreiben, das Bewegen viel mir nicht mehr so schwer, es fühlte sich an als würde mein Blut jetzt schneller fließen. Mein Puls war gefühlt stärker. Das war natürlich Unsinn, aber es fühlte sich halt so an. So fühlte ich mich auch gewappnet genug um Brötchen holen zu gehen.
In meinem Zimmer stattete ich mich mit einem warmen, aber nicht so dicken Rolli, Jeans und Socken aus. Im Flur zog ich eine Mütze und meine Winterschuhe an. Den Haustürschlüssel, mein Portemonnaie und mein Handy von der Ablage nehmend verließ ich die Wohnung. Im Treppenhaus war es still. Naja. die meisten waren wohl schon auf der Arbeit. Normalerweise war ich nie um diese Uhrzeit im Treppenhaus. Entweder war ich schon in der Schule oder in der Uni oder ich lag noch im Bettchen und schlummerte vor mich hin.
Noch immer ein wenig mitgenommen lugte ich in den Briefkasten, noch nichts drin. Im Erdgeschoß überlegte ich kurz, ob ich Aline fragen sollte, ob sie auch Brötchen wollte, verwarf die Idee aber. Nachdem was da gestern los war, wäre ich nur im Weg. Ich würde einfach was mitbringen.

Draußen schauderte ich kurz, es war tierisch kalt. Über Nacht mussten die Temperaturen um mindestens fünf Grad gesunken sein. Auch Schnee war neuer gefallen. Ich stapfte los, vor der Haustür in der Seitengasse war natürlich nicht geräumt, nur vor der Tür des Geschäfts wurde Winterdienst gemacht. Es knirschte vielversprechend, nach Winter, unter meinen Füßen. Die frische Luft tat mir sehr gut, genau wie die Bewegung, es klärte meinen Kopf noch weiter. In der Ladenstraße war der Traum vom Schnee vorbei, hier war aus dem neuen Pulverschnee schon längst eine matschige, braune Pampe geworden und das Knirschen des frischen Schnees unter meinen Schuhen verwandelte sich in ein widerliches Schmatzen. Es waren zwar noch nicht so viele Menschen in der Fußgängerzone, trotzdem sah ich zu, dass ich von hier wegkam. Viele Menschen waren nicht gut für meinen Kopf und ich verschwand in der nächsten Gasse. Der Bäcker, der die besten Brötchen machte, war nur knapp zehn Minuten von uns entfernt. Ich schlängelte mich durch die Gassen bis ich drei Straßen weiter neben der Bäckerei heraus kam. Der Duft von Gebäck strömte mir aus der Ladentür entgegen. Lecker.
In der Bäckerei war einiges los, hauptsächlich ältere Herren mit Schirmmützen und speckigen alten Lederjacken. Sie grüßten freundlich als die Klingel an der Tür auf mich aufmerksam machte. Ich grüßte zurück und stellte mich an. Nur langsam ging es vorwärts, die Verkäuferin gab sich alle Mühe jeden Wunsch schnellstmöglich zu erfüllen. Endlich war ich an der Reihe, ich trat vor, die Verkäuferin lächelte freundlich.
„Was darf‘s denn sein?“ fragte sie.
„Sechs Handgemachte, bitte.“ Sie drehte sich zum Regal hinter ihr und packte die sechs Brötchen in eine Papiertüte.
„Zweineunzig macht das.“ Ich holte meine Börse hervor und zählte die Münzen ab. Wir tauschten Münzen gegen Tüte und ich verließ den Laden, der Brötchenduft verfolgte mich bis zurück in die Ladenstraße. Mit den Brötchen unter dem Arm trat ich auf die Ladenstraße, mein Blick fiel sofort auf Alines Laden. Drinnen herrschte geschäftiges Treiben. Aline wuselte herum und Frau Anders drapierte auf der Theke die neusten Kleinigkeiten, außer ihnen war nur eine Kundin im Laden. Ich beobachtete das Treiben durch das Schaufenster, vor dem noch ein Mann stand und eine der wundervollen Holzkrippen bewunderte. Er war dick eingepackt in eine schwarze Daunenjacke, Schal und Mütze. Ich entschied mich Aline einfach so ein paar Brote herunter zu bringen und nicht noch rein zu gehen, denn sie bediente gerade die Kundin, die sich eben noch umgesehen hatte.
Ich stapfte über die Straße zwischen den Menschen her. Der Mann am Schaufenster drehte sich weg als ich an ihm vorüber ging. Ich störte mich daran nicht, warum auch, ging am Schaufenster vorbei am Haus entlang zur Haustür, schloss auf und trat mit meiner Brötchentüte in den Flur. Ich putzte mir gründlich die Schuhe ab, Schneematsch im Hausflur war widerlich und vor allem saurutschig und super gefährlich. Ich erinnerte mich noch zu gut an letztes Jahr, als Aline mit Schwung auf der Treppe ausgerutscht war, bis in den nächsten Stock herunter gesegelt und sich dabei das Schlüsselbein gebrochen hatte. Kein schöner Anblick, bei dem Gedanken lief es mir eiskalt den Rücken herunter.
Meinem Kreislauf ging es schon wesentlich besser, als ich Kaffee in die Filtertüte löffelte. Die klare, kalte Luft hatte meinen Kopf so richtig durch gepustet und der Espresso hatte mir meine Energie zurück gegeben. Ich schmierte die Brötchen und packte vier davon in eine Tupperdose. Zeit für eine Dusche. Bevor ich mich auf den Weg ins Bad machte, stellte ich noch die Thermoskanne auf die Anrichte und füllte sie mit heißem Wasser, um sie vorzuwärmen, damit ich nachher, wenn ich aus der Dusche kam, nur noch den Kaffee umfüllen musste.
Vor der Dusche entschied ich mich, dass es meinem Kreislauf und meinem Kopf gut genug ging, um mich nicht quälen zu müssen. Ich schälte mich aus meiner Kleidung, im Zimmer war es kuschelig warm. Angenehm prasselte das Wasser auf meine Schultern und entspannte sie herrlich. Nach der Dusche rasierte ich mir noch die nachgewachsenen Stoppeln von Kinn und Wangen. Ich war kein Typ für Drei-Tage-Bart oder Bart überhaupt, mit Neunzehn hatte ich es mal versucht und Timo hatte mich davon überzeugt, dass ich es wirklich lieber sein ließ. Es sah in keiner Weise anregend aus, eher wie ein halb gerupftes Hühnchen, also nicht gut! Meine Hand zitterte ein wenig. Also doch noch der Kreislauf, aber das würde sich schon noch legen bis heute Abend. Hoffentlich.
Nach dem kurzen Besuch im Bad musste ich mich erst einmal mit einem Stückchen Küchenrolle ausstatten, um das Blut, das aus einem Mini-Schnitt auf meiner Wange quoll, davon abzuhalten mir den Hals herunter in den Pulli zu laufen. Ich hatte mich tatsächlich noch geschnitten, sogar ziemlich tief

Sauber, rasiert und wesentlich besser riechend nahm ich die Dose mit den Brötchen und die Thermoskanne mit dem Kaffee unter den Arm. Wenn es leer war konnte ich mit Sicherheit kurz die Stellung halten, während sie sich über die Brote hermachte. Eben hatte es ja nicht so sehr voll ausgesehen.
Und wenn ich gerade unten war könnte ich auch direkt die gesammelten Werke an Tellern, Tassen und Besteck mitnehmen und in die Spülmaschine räumen. Nach einer Woche gingen uns oben in der Wohnung nämlich meistens die Teller aus, weil die Hälfte mindestens im Laden stand und so die Spülmaschine auch nicht voll genug wurde, dass es sich lohnen würde sie anzustellen.
Schwungvoll lief ich die Treppe runter und nahm die Hintertür in den Laden. Aline rückte mit einem Lappen bewaffnet der Einrichtung zu Leide und zupfte zurecht und wischte Staub. Doch der Laden war fast leer, nur eine Mutter mit ihrem dick eingepackten Kind auf dem Arm schlenderte umher. Ich machte auf mich aufmerksam indem ich die Brotdose hochhielt und damit rumwedelte. Aline blickte auf.
„Oh ja“ sagte sie und kam zu mir herüber. Ohne zu zögern nahm sie mir die Dose und die Kanne aus der Hand, übergab mir den Lappen und verschwand im Hinterzimmer. „Dankeschön“ rief sie aus dem Raum. Grinsend machte ich mich daran ihre Arbeit fortzusetzen. Die junge Mutter lächelte mir zu.



Am Abend dann stand ich vor dem Spiegel in Hemd und Jeans, für wen machte ich mich eigentlich schick? Warum machte ich mich eigentlich schick? Das gute blaue Hemd mit dem Schwarzen V-Ausschnitt T-Shirt darunter. Sexy. Die Jeans verwaschen, schwarzer Gürtel und die schicken Schuhe, die sonst nur selten ans Tageslicht kamen, aber klassisch schön waren. Aber mit galtter Sohle, ich würde mir sicher den Hals brechen bevor ich an der Ecke Birkenhof war. Für wen? Ich war mir, wie öfter in letzter Zeit, selbst ein Rätsel.
Vielleicht wollte ich mich rächen und ihm zeigen, was er all die Jahre hätte haben können.
Vielleicht wollte ich mir ein Stück Selbstvertrauen anziehen.
Vielleicht wollte ich ihn wirklich beeindrucken.
Zurückgewinnen?
Es hatte keinen Zweck sich jetzt Gedanken zu machen. Einen kühlen Kopf behalten hatte jetzt Priorität. Ich strich ein letztes Mal das Hemd glatt, strich mir durch die Haare und machte mich ein bisschen zu früh auf den Weg. Bis jetzt war ich nicht nervös, entgegen meinen Erwartungen, aber ich befürchtete, dass würde noch früh genug kommen. Zum Glück konnte ich zu Fuß laufen, denn das beschäftigte immerhin meine Füße. Und das war schon mal etwas.

Vorsichtshalber hatte ich die letzte Karte eingepackt um die Adresse noch einmal überprüfen zu können, falls ich mich vielleicht irrte. Immerhin war ich ja in den letzten Tagen irre geworden und da konnte man nicht vorsichtig genug sein. Ich zog sie aus der Umhängetasche, um noch einmal einen Blick darauf zu werfen.
19:00 im Restaurant auf der Ecke Birkenhof
Es würde mir wirklich etwas bedeuten, wenn du mir eine Chance geben würdest
Ich schluckte, Ecke Birkenhof also. Zum Italiener vermutete ich mal, da war es eigentlich immer schön, das Essen war gut und ein tolles Ambiente. Nervös steckte ich sie wieder weg und trat an die rote Fußgängerampel, die mich noch von der Birkenhof-Straße trennte. Warum brauchte sie denn so lange? Ich sah auf die Uhr 18:50. Ich hatte noch zehn Minuten, mehr als genug Zeit, trotzdem nach meinem Traum gestern Nacht war ich irgendwie versessen auf die Uhrzeit. Ungeduldig trat ich von einem Fuß auf den anderen. Die Ampel sprang um und ich ging zügig über die Straße. So, jetzt nur noch durch die Birkenhofstraße und dann Show Down. Meine Hände steckten in Lederhandschuhen und wurden langsam schwitzig. Gleich würde ich ihm Begegnen, dem Kartenschreiber, Matthias…

Auf der Ecke der Straße, gegenüber dem Italiener >Cucina Matiolo< blieb ich stehen und atmete ein letztes Mal tief durch. Alles klar Paul, jetzt geht’s los. Mir selbst Mut zu sprechend überquerte ich die Straße und drückte die Eingangstür des Restaurants auf. Mein Blick schweifte über die Tische im Vorraum. Pärchen, Familien, dazwischen Kellner mit leeren und vollen Tellern. Keins der Gesichter kam mir bekannt vor, also stand ich ein wenig unschlüssig im Eingang. Der Kartenschreiber musste >Cucina Matiolo< gemeint haben, denn sonst gab es hier nur noch eine Imbissbude und auf der Karte stand eindeutig Restaurant nicht Döner-Imbiss. Abwartend und auch ein wenig zweifelnd stand ich da und musterte noch einmal die anwesenden Gäste. Niemand kam mir bekannt vor. Vielleicht kam er gar nicht? Vielleicht war das alles nur ein Spiel von irgendeinem Psycho, der mich begeistert dabei beobachtete wie ich wie eine aufgescheuchte Henne durch die Gegend rannte. Der Gedanke daran jagte mir einen ungemütlichen Schauer über den Rücken.
Ich überlegte mir ernsthaft, einfach wieder zu gehen, als plötzlich ein junger Kellner mir gegenüber stand.
„Allora, wie kann ich ihnen helfen?“ fragte er mich mit einem freundlichen Lächeln auf den Lippen.
„Ehm“ druckste ich herum, hin und her gerissen zwischen ‚du machst dich zum Idiot‘ und ‚frag doch einfach`.
„Also ich bin verabredet, mit jemandem. Ehm...“
Der Kellner nickte und zückte ein schmales schwarzes Buch. Er blätterte es durch und sah anschließend zu mir auf. „Sind sie zufällig Paul Brunner, dann kann ich ihnen weiterhelfen. Wir haben hier eine Reservierung auf diesen Namen und ein junger Mann wartet auf sie.“
„Ja, das bin ich“ sagte ich leicht perplex.
„Dann begleite ich sie in das Séparée, der Herr.“

Mein Magen zog sich in einem exzellenten Seemannsknoten zusammen, als ich zur Antwort nickte und dem Kellner durch den Raum folgte. Ich hatte einen Frosch im Hals, der sich einfach nicht herunterschlucken lassen wollte. Meine Hände waren schwitzig, ich wischte sie schon zum wiederholten Mal an der Jeans ab. Mein Puls beschleunigte sich über den Daumen gepeilt auf das doppelte in der Zeit in der ich den Raum durchquerte. Ruhig bleiben Paul! Bloß keine Schweißflecken auf das Hemd. Der Kellner war stehen geblieben und ich war so in Gedanken gewesen, dass ich fast in ihn hinein gelaufen wäre. Erschrocken blieb ich wenige Zentimeter vor ihm stehen. Er räusperte sich und hielt mir die Tür auf, vor der wir standen. „Bitteschön, klingeln sie, wenn sie etwas wünschen“ wies er mich an, ehe er mich eintreten ließ.
Im Séparée standen nur drei Tische, und von denen war nur einer besetzt. Besetzt mit einem Mann, den ich womöglich aus hunderten erkannt hätte, dessen Gesicht ich vor Jahren das letzte Mal gesehen, jedoch nie vergessen hatte. Mit einem Mann bei dem ich mich nicht entscheiden konnte, ob ich ihm an die Gurgel gehen oder ihm um den Hals fallen wollte. So auch jetzt.
Matthias erhob sich von seinem Stuhl und stand unschlüssig am Tisch. Ich selbst stand wie angewurzelt an der Tür und hatte vergessen, wie man sich noch gleich fortbewegte.
„Hallo Paul, ehm schön, dass du gekommen bist!“ sagte Matthias und schüttelte seine nutzlos herabhängenden Arme unbeholfen. „Eh setz dich doch“ meinte er, und wies auf den Stuhl. Sein Blick war abwartend unsicher. Sein Anblick, nach so vielen Jahren, war für mich als hätte man mich rasant in der Zeit zurück katapultiert. Zu dem Tag, an dem meine Eltern mich rausgeworfen hatten und ich feststellen musste, dass Matthias in einer Nacht und Nebel Aktion verschwunden war. Geistig stand ich wieder vor seiner Haustür und niemand öffnete, ich hämmerte verzweifelt mit der Faust dagegen, bis eine ältere Nachbarin mir eröffnete, dass der junge Mann gestern ausgezogen sei. Die alte Wut, die ich über die Jahre mühsam erstickt hatte, flammte auf und ich hatte das dringende Bedürfnis, herum zu brüllen und Matthias alles an den Kopf zu schleudern, was sich angestaut hatte und niemals herausgelassen worden war. Doch ich blieb ruhig. Ich wollte Antworten!
„Nein“ antwortete ich betont leise „Ich setzte mich erst, wenn du mir alle meine Fragen beantwortet hast. Nein, nicht mal dann, dann entscheide ich ob ich dir eine reinhaue und dann gehe oder ob ich dir keine reinhaue und einfach so gehe!“ Der bittere Klang meiner Stimme ließ Matthias wie ein Kartenhaus in sich zusammen fallen. Er saß in der Klemme, das wusste er und ich sowieso. Was hatte er denn erwartet? Friede-Freude-Eierkuchen, oder wie? Nix war. Egal was er erwartet hatte, das ich so hart reagierte, war es jedenfalls nicht. Ja, Matthias ich bin nicht mehr der kleine Paul von damals, der für dich alles aufgegeben hat, den du dann hast sitzen lassen. Ich habe mein eigenes Leben, ohne dich, ganz gut im Griff.
Matthias traute sich nicht recht mich anzusehen, er hatte sich über die Jahre nicht so sehr verändert, wie ich es getan hatte. „Okay,“ murmelte er niedergeschlagen. „du hast Recht, ich beantworte dir alles, was du wissen möchtest.“
„Gut“ antwortete ich. Alles klar Paul, jetzt hast du deinen Standpunkt klar gemacht, aber was jetzt? Unschlüssig stand ich an der Tür und sah auf Matthias, der genauso unschlüssig zurück sah. Ich zog die Brauen hoch und wartete ab, dass er weiter sprach.
Nach einem langen Schweigen, holte er Luft und meinte lahm „Ich hätte dir so oder so einiges erklärt, nur dachte ich, wir könnten es bei einem Essen etwas angenehmer gestalten.“
„Angenehm? Du hast mir genug angetan, was nicht angenehm war, da ist eins mehr oder weniger nicht mehr der Rede wert, glaub mir das mal!“ Matthias Augen weiteten sich, er sah mich an. Sein kindliches Gesicht, das sich so wenig verändert hatte, verzog sich unglücklich.
„Ich hatte nicht zu hoffen gewagt, dass wir hier als Freunde raus gehen, aber... Ich muss dir einiges erklären, denke ich.“
„Allerdings.“ Er setzte sich und umschloss mit beiden Händen die Tasse mit Tee vor sich. Er sah auf einmal sehr verletzlich aus, als würde ihm die Kraft fehlen sich weiter mit mir auseinander zu setzen. Ich haderte ganz kurz mit mir und durchquerte schließlich doch den Raum, um mich ihm gegenüber zu setzten.
Jetzt wo uns beide keine Raumlänge mehr trennte, bemerkte ich, dass sich an ihm doch etwas verändert hatte. Matthias dunkle Haare waren matt und strohig, er hatte tiefe Ringe unter den Augen und seine Haut war blass, beinahe durchscheinend. Er sah sehr schlecht aus. Meine genaue Musterung blieb von ihm natürlich nicht unbemerkt. Er hob unangenehm berührt eine Hand und legte sie sich seitlich vor das Gesicht. Seine Hand war knochig und verbarg seinen schlechten Zustand in keinster Weise. „Was?“ entkam es mir bestürzt bevor ich es zurückhalten konnte. Der Mann, den ich einmal überalles geliebt hatte, sah aus als wäre er dem Tod so gerade eben von der Schippe gesprungen. Das löste in mir ein Gefühl tiefster Betroffenheit aus. Ich hatte plötzlich das Bedürfnis ihm über die Wange zu streichen. Mein Gesicht hatte ich absolut nicht unter Kontrolle, so sehr erschreckte mich sein Anblick. Tiefe Furchen durchzogen sein früher so jugendliches Gesicht, weil er sehr schnell viel Gewicht verloren haben musste.
„Sieht nicht besonders schön aus, oder?“ sagte Matthias mit heiserer Stimme. „Die Geschichte dazu ist auch nicht besonders schön, aber deshalb sind wir nicht hier!“ Er unterband weitere Fragen zu seinem Zustand. So kannte ich ihn, es sollte sich bloß niemand Sorgen machen.
Eine Weile saßen wir uns nur gegenüber und musterten einander. Ich musste erst einmal verdauen was ich sah. Was war mit ihm passiert? Und plötzlich kam mir noch ein Gedanke mit dem ich auch sofort heraus platzte. Ich war schließlich in der Position Fragen zu stellen, auf nichts anderes wartete Matthias und er hatte versprochen, mir alles zu beantworte.
„Ist… das der Grund weshalb du gegangen bist?“
„Auch“ antwortete er mit gesenktem Blick. „Ich habe Leukämie, beziehungsweise hatte. Hoffentlich. Vor einem halben Jahr war meine letzte Chemotherapie und ich hoffe sehr, dass der Krebs nicht zurückkommt, so wie die letzten Male. Ich habe die Diagnose am Morgen des Tages bekommen, an dem ich auch ausgezogen bin. Erinnerst du dich, die blauen Flecken die ich plötzlich überall hatte und das ich mich so müde Gefühlt habe.“
„Warum?“
„Warum was?“
„Warum bist du gegangen?“
„Ich hatte Angst und ich wollte dich damit nicht belasten, nicht noch zusätzlich. Ich hatte dir schon genug kaputt gemacht, als dass ich dich noch dazu zwingen wollte mit anzusehen wie ich sterbe. Der Krebs war schon relativ weit fortgeschritten und es war von Anfang an unklar, ob ich überhaupt eine Chance habe ich zu besiegen“
Dazu konnte ich nichts sagen, nur schlucken. Es war so typisch für ihn. Aber mir fehlten die Worte. Er hatte damit doch nur alles schlimmer gemacht und… Ich wusste nicht was ich sagen sollte. Ich konnte es verstehen und wieder auch nicht.
„Das war dumm, heute weiß ich das. Einfach abzuhauen, war ein großer Fehler. Ich hätte mit dir reden und dich nicht einfach allein zurücklassen sollen. Ich hätte dich auffangen müssen, schließlich war ich doch an deiner Misere schuld, aber ich war so mit mir beschäftigt, dass sich das völlig verdrängt habe.“
Mir fehlten immer noch die Worte, doch Matthias schien keine Antwort zu erwarten. Er sprach einfach weiter.
„Als mir dann klar wurde, was ich dir damit angetan haben musste, lag ich bereits im Krankenhaus. Da war meine Chance, alles zu klären, schon längst vergangen. Die nächsten zwei Jahre habe ich dann um mein Leben gekämpft und konnte nicht die Kraft aufbringen mit dir Kontakt aufzunehmen. Und als ich dann aus dem Krankenhaus raus in die Reha kam, wurde mir von einer Psychologin geraten die Chance zu nutzen und mit meinem Leben aufzuräumen, doch da kam die Angst. Ich wusste nicht wie du reagieren würdest. Ich musste dir so weh getan haben mit meinem Verschwinden, das du mit Sicherheit nicht mehr mit mir reden wollen würdest. Also entschloss ich mich dich besser in Ruhe zu lassen und das mit mir selbst zu klären.“
„Das kommt mir bekannt vor“ murmelte ich leise. Matthias, der die ganze Zeit auf seine gefalteten Hände gesehen hatte, sah auf und lächelte verkrampft.
„Naja und als der Krebs dann wieder kam und ich wieder eine lange Zeit zum Nachdenken hatte, wurde mir plötzlich bewusst, dass ich so nicht sterben wollte. Trotzdem hatte ich eine solche Angst davor, dass du mich ablehnen würdest und ich hatte Angst, das du mir vielleicht nur aus Mitleid vergeben würdest. Während meiner zweiten Chemo ging es mir extrem schlecht und ich dachte, ich würde es nicht mehr schaffen, doch ich musste, weil ich wie gesagt nicht sterben wollte ohne mich bei den Menschen in meinem Leben zu entschuldigen, denen ich solche Schmerzen bereitet hatte. Vor einem Jahr dann hatte ich endlich den Krebs besiegt und konnte in die Reha. Meine Zeit da habe ich nun wirklich genutzt um mit meinem Leben aufzuräumen. Du bist mein größter Fehler, also nicht du sondern…, außerdem warst du am schwersten ausfindig zu machen. Ich hatte schließlich keine Ahnung wo es dich in den vergangenen Jahren hin verschlagen hatte. Also musste ich dich erst einmal finden.“
Alles klar, bis jetzt konnte ich alles verstehen was er darlegte, doch warum die ganze Sache mit den Karten und die ganze Verwirrung? Matthias lachte kurz, als ich ihm die Frage stellte.
„Ich hatte Angst. Als ich dich endlich ausfindig gemacht hatte, bekam ich es erst richtig mit der Angst. Ich weiß auch nicht, jedenfalls habe ich dann den Zeitungsjungen bestochen, damit er dir die Karten bringt. Ich wollte erst wissen wie du reagieren würdest bevor ich mich mit dir auseinander setze. Deshalb die Karten.“
Ich war gelinde gesagt perplex, meine Wut war verraucht und ich musste erst einmal verarbeiten was er mir gerade eröffnet hatte.
„Ich…. Matthias, ich muss das erst einmal verdauen. Ich dachte die ganze Zeit du hättest vielleicht nur mit mir gespielt, ich habe die schlimmsten Dinge über dich gedacht und gesagt. Ich war die ganzen Jahre so wütend und enttäuscht, und jetzt so etwas.“
„Ja, was ich getan habe war dumm, sehr dumm, verdammt dumm und ich habe es nicht anders verdient, denke ich. Aber jetzt wo du die Wahrheit kennst, …kannst du damit leben?“
Darauf konnte ich jetzt nicht antworten, ich musste mir darüber Gedanken machen. Ich musste das alles noch einmal durchkauen, für mich allein. „Lass uns was essen, ich brauche jetzt etwas im Magen. Ich muss das ganze erst einmal verdauen!“
„Okay! Lass uns was essen und nur damit du es weißt, du musst mir jetzt noch nicht antworten. Lass dir Zeit, du musst mir auch nicht verzeihen, ich könnte es verstehen. Ich wollte nur, dass du die Wahrheit kennst!“
Er stand auf um den Kellner anzuklingeln. Von nahem sah man seinem Körper deutlich die Strapazen an. Er war dünn, und seine Kleidung wirkte zu groß, das Poloshirt zu weit, die Hose auch und der Schlauchschal, den er trug, wickelte sich um seinen viel zu dünnen Hals.
Wir aßen schweigend und trennten uns an diesem Abend ohne eine Entscheidung doch mit dem festen Ziel uns wieder zu treffen und uns neu kennenzulernen um zu entscheiden, ob ich ihm verzeihen konnte. Und ob er selbst es bei sich tun würde.
Schlußanmerkungen zum Kapitel:
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