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Nachtfrost

von Celia [Ab 14 ] [Reviews - 3] (Abgeschlossen)
Peter und Ricky erleben beide keine besonders schöne Nacht. Dann passiert beinahe ein Unglück und ihre Wege kreuzen sich.

Genres: Reale Welt, M/M (yaoi)
1. Warnung: Keine
2. Warnung: Keine
3. Warnung: Keine

Kapitel: 1     Gelesen: Nicht möglich
Inhaltsverzeichnis

Wörter: 6375     Klicks: 10266
Veröffentlicht: 27/08/12 Aktualisiert: 28/08/12
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Anmerkungen zur Geschichte
Eine kleine Kurzgeschichte. Ich bin gespannt, was ihr davon haltet. Die Perspektvien wechseln nach den Nummern. Dennoch habe ich es hier ein ein Kapitel gepackt, weil der Text so kurz ist.
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1. 1

1

Es ist unglaublich stickig im Club. Seit ich aufgehört habe zu rauchen, fällt mir das noch viel mehr auf als früher. Ich versuche meine Freunde in der Menge wiederzufinden, aber es ist einfach zu dunkel. Noch so eine Sache, die ich nicht verstehe. Die meisten gehen doch in einen Club, weil sie hoffen, jemanden kennen zu lernen. Wenn man nicht einmal das Gesicht von demjenigen erkennen kann, mit dem man gerade tanzt, wie soll das dann funktionieren, wenn man nicht neben Cindy aus Marzahn oder Paris Hilton aufwachen will? Geschweige denn, dass man sich bei der lauten Musik überhaupt unterhalten könnte.


Missmutig starre ich in die sich bewegende Masse. Glitzertops und Miniröcke, die dem Wort Mini eine ganz neue Bedeutung verleihen, bieten sich mir dar. Den Arsch von dem Mädel der gerade vom Scheinwerferlicht erfasst wurde, wollte ich eigentlich nicht sehen. Und unter einem weißen Rock einen schwarzen Tanga zu tragen, kann man so was nicht offiziell verbieten? Ich meine, ich steh auf Ärsche, aber nicht auf solche. Gut, dass der Scheinwerfer auf seiner Umdrehung weiterwandert und endlich Arne und Henrik anleuchtet, die schon ziemlich angetrunken „Your sex is on fire“ mitgrölen. Normalerweise würde ich ja auch tanzen und mitgrölen. Aber ich habe mir gerade eben ziemlich übel den Fuß verletzt, als ich die Treppe runtergefallen bin. Das sah bestimmt megapeinlich aus, das Ganze. Deshalb kann ich hier jetzt nur rumhumpeln. Nach Hause fahren, wo ich schon mal hier bin, wäre auch scheiße.

Als ich mich zu Hause fertiggemacht habe, da habe ich mich noch wahnsinnig gefreut, Tanzen zu gehen, Arne zu sehen und mich komplett zu betrinken. Aber das Merkwürdige ist, als ich Arne dann an der U-Bahnhaltestelle gesehen habe, wie er da so stand und irgendwelchen Mädels charmant den Weg erklärte, da habe ich plötzlich gewusst, dass ich mich auf keinen Fall betrinken darf. Das letzte Mal war schon gefährlich gewesen. Da hätte ich beinahe etwas Falsches gesagt. Und mit etwas Falsches meine ich nicht so was wie: Arne, deine Frisur ist heute scheiße, da hätte er auch nur drüber gelacht. Nein, im Gegenteil, ich meine damit so etwas wie: Arne, du siehst heute echt super aus. Arne ich mag dich echt gern.
Etwas in der Art muss ich beim letzten Mal gesagt haben, ich erinnere mich nicht mehr genau. Wäre es was Schlimmeres gewesen, dann hätte er nicht darüber gelacht. Das hat sich wahrscheinlich sowieso total Kindergartenmäßig angehört. Aber wenn ich Arne sehe, dann denke ich überhaupt nichts Kindergartenmäßiges, sondern eher, dass er total toll ist und scharf aussieht. Dass sein Arsch sexy ist, viel mehr, als der von dem Mädel eben, und dass seine Augen leuchten, wenn er sich freut. Die leuchten wirklich, aber wenn ich das noch weiter ausführe, dann wird es zu schmalzig.

Ich weiß genau, wie das klingt. Dass ich überhaupt nur so etwas denken kann. Schließlich ist Arne mein Freund. Und er steht auf Bräute in Miniminiröcken.
Eine Weile dachte ich, wenn ich diese Gedanken in Bezug auf Arne lange genug ignoriere, würden sie verschwinden, aber das Gegenteil ist der Fall. Und langsam macht das keinen Spaß mehr, ich meine, nicht dass jemals jemand behauptet hat, sich vollkommen hoffnungslos zu verlieben, würde Spaß machen.
Manchmal, wenn wir einfach nur so rumalbern, dann frage ich mich, wie ich nur jemals auf so einen absurden Gedanken kommen konnte. Aber wenn ich ihn dann wieder in seiner engen Jeans sehe, wie er tanzt, dann wird mir ganz schummrig. Und deshalb habe ich beschlossen, mich heute nicht zu betrinken, damit mir nicht irgendetwas Verdächtiges rausrutscht. Es ist nicht so, dass ich befürchte, dass er mich dann hassen würde, dass er nichts mehr mit mir zu tun haben wollte. Ich weiß genau, dass er bestürzt sein würde und dann würde er wahrscheinlich so tun, als hätte ich nichts gesagt, aber es würde doch nie mehr so sein wie vorher. Ne, er muss wirklich nicht wissen, dass ich seinen Hintern in dieser Jeans geil finde.
Ich sehe mich um, weil ich mir total bescheuert vorkomme, nur so hier rumzustehen, und den Leuten beim Tanzen zuzugucken.


Vorhin waren noch alle Sitzplätze besetzt. Nun ist ein Tisch frei und ich setze mich mit meiner Fritz-Cola auf die Bank und strecke mein verletztes Bein aus. Irgendwie habe ich es geschafft, gleichzeitig mit dem Fuß umzuknicken und aufs Knie zu fallen. Wahrscheinlich habe ich mir noch irgendwelche Bänder gerissen, bei meinem Glück. Vielleicht sollte ich doch war trinken, dann würde ich die Schmerzen wenigstens nicht mehr spüren.
Drei Mädels setzen sich an den Tisch neben mir.
„Hi“, sagt eine von ihnen, ich erkenne nur lange schwarze Haare mit blonden Strähnen und viel zu viel Make-Up. Mädchen denken irgendwie immer, ich würde ihnen Drinks ausgeben. Dabei gebe ich nie irgendwelchen Mädels Drinks aus.
Ich sehe wahrscheinlich einfach so aus, als könnte man mich leicht verarschen. Nett, aber nicht attraktiv genug, als dass die Mädels auf mehr als einen Drink hoffen würden.

Als ich nicht reagiere, wendet sich das Mädchen ab. Und ich bin beinahe dankbar, als Arne und Henrik endlich von der Tanzfläche runterkommen.
„Hey, was macht dein Fuß?“, fragt Arne.
„Geht.“
„Ach ja? Ich dachte, du kannst nicht gehen.“ Arne grinst.
„Ha ha.“ Ich versuche ihn böse anzusehen, muss aber selbst lachen.
Arne setzt sich mir gegenüber und ich überlege, ob mir irgendetwas einfällt, womit ich ihn zum Lachen bringen kann, weil Arne echt toll aussieht, wenn er lacht. Dann sehe ich jedoch drei Mädchen auf uns zukommen. Ich denke erst, dass Arne so schnell irgendwelche Mädchen aufgerissen hat. Aber dann erkenne ich sie, sie sitzen in einem Seminar mit uns, ihre Namen kenne ich nicht, außer den der einen mit den kinnlangen dunklen Haaren. „Hi Peter“, sagt Katrin.
Tja, so heiße ich wirklich. Ich habe es echt schlimm abgekriegt, so ein Name der aussagt, dass sich die Eltern nicht viel dabei gedacht haben, als sie einen bekommen haben. Aber immerhin heiße ich nicht Kevin.

„Hi Katrin.“ Sie lässt sich schwerfällig neben Arne nieder und streicht sich auffällig eine Strähne hinters Ohr, obwohl die ihr gar nicht im Gesicht hing. Dabei lächelt sie so, als würde sie sich selbst wahnsinnig sexy finden. Ich finde Katrin überhaupt nicht sexy. Sie ist ganz hübsch, aber sie lacht immer so übertrieben, dass ich mich da jedes Mal fremd schäme.
Und natürlich geben Arne und Henrik den Mädchen Drinks aus, obwohl sie sowieso schon betrunken sind. Sie reden nur Blödsinn und ich verstehe überhaupt nicht, was sie daran auch noch lustig finden. Ich sitze nur so rum und höre den Beat der Musik. Dann stehe ich auf und humple auf die Toilette, hole mir ein nasses Tuch, das ich auf meinen Fuß legen kann. Aber es wird so schnell wieder warm, dass es auch nicht viel bringt.
Ich mag nicht mehr dabei zugucken, wie Katrin Arne anlacht und dabei ganz unauffällig ihren Rock immer weiter nach oben schiebt.
„Ich gehe nach Hause“, melde ich mich.
Zu meiner Überraschung steht Arne mit auf.
„Ich gehe auch, ist irgendwie nicht so toll hier.“
Ich frage mich, was mit Arne los ist. Wir waren bereits drei Stunden in einem anderen Club, bevor Arne meinte, dass es dort nicht so toll sei. Aber vielleicht ist er ja auch nur hergekommen um Katrin zu treffen und jetzt wo er sie getroffen hat, will er mit ihr schnell nach Hause. Und ich habe wieder die meiste Zeit nur blöd rumgestanden und natürlich niemanden kennen gelernt. Das ist aber auch schwer, wenn man so auf eine Person fixiert ist. Da muss erst einmal jemand rankommen, an Arne.

Katrin gähnt gekünstelt und meint, dann würde sie auch mitkommen und der Rest der Gruppe schließt sich uns an. Also gehen wir alle zusammen Richtung Bahnhaltestelle, Arne besteht darauf, mich zu stützen, was, wie ich zugeben muss, das Gehen ziemlich erleichtert, aber auch etwas seltsam ist. Wir brauchen ewig bis zur Haltestelle, weil ich so langsam bin, und es ist so kalt, dass ich denke, meine Nase würde abfallen. Als wir im Club waren muss es geschneit haben. Die Wege sind so rutschig, dass ich Angst habe, gleich noch mal hinzufallen. So was kann ich gut.

Auf dem Weg fährt eines der Mädchen, das ich nicht kenne, fort, über einen Prof zu lästern, den ich auch nicht kenne. Außerdem ist sie so betrunken, dass sie immer das gleiche erzählt, und dass ihre Freundin sie auch noch festhalten muss, damit sie nicht umkippt. Das muss ziemlich bekloppt aussehen, wie wir so durch die Gegend wanken und uns gegenseitig stützen.
Endlich erreichen wir die Haltestelle. Auf der Anzeige steht, dass die nächste Bahn erst in zehn Minuten kommt. Ich habe keine Lust, noch länger rumzustehen. Mein Fuß fühlt sich wirklich fies an, als wäre da irgendetwas kaputt. Also humple ich zur Sitzbank.

Auf der Bank sitzt ein Junge in einem T-Shirt. Vollkommen starr sitzt er da, den Kopf gegen die Scheibe gelehnt, die Augen geschlossen. Seine Züge sind fein, perfekt symmetrisch. Mit den vollen Lippen und den hohen Wangenknochen könnte er auch auf einer Calvin Klein-Werbung abgebildet sein. Seine kurzen blonden Haare sind das einzige, das sich an ihm bewegt, und das auch nur durch den Wind. Er sieht aus wie ein Engel - wie ein toter Engel.





2

Ich versuche gelassen auszusehen, zu lächeln. Dabei bin ich innerlich so angespannt, dass ich meine Zähne aufeinanderpresse und mich auf nichts anderes konzentrieren kann, als dass man es mir nicht anmerkt.
Doch Andy macht es mir extrem schwer, ihn anzulächeln. Ich dachte, wir könnten uns einen schönen Abend machen und uns endlich mal wieder richtig unterhalten. Aber Andy wollte ja unbedingt in den Club, mit seinen Freunden. Ich sehe Andy zu, wie er Tequila trinkt, trinke selbst noch einen und bekomme immer mehr das Gefühl, dass dieser Abend ein böses Ende nehmen wird. Die ganze Zeit muss ich zu Andy sehen, aber er sieht nicht zu mir. Diese Nichtbeachtung ist es, die mich so nervös macht. Seit er wieder da ist, ist es so zwischen uns, als hätten wir uns Jahre nicht gesehen. Dabei waren es nur zwei Wochen. Ich male mir die absurdesten Dinge aus, die in diesen zwei Wochen passiert sein könnten, dass er mich betrogen hat, dass er sich verliebt hat. Aber er hat nichts dergleichen gesagt und normalerweise ist er niemand, der so etwas verheimlichen würde. Nein, es ist eher so, als würde er wieder zurückwollen, nach England. Die zwei Wochen hat er mich nur einmal angerufen.

Die anderen haben ihre Gläser geleert und erheben sich um zu tanzen. Andy fragt nicht einmal, ob ich mitkomme, er geht einfach mit ihnen. Dann sehe ich ihn nicht mehr. Starre in die Menge und fühle mich so unglaublich leer. Ich verstehe nicht, was ich ihm getan habe. Letzen Monat hat er mich noch gefragt, ob ich Weihnachten mit zu seinen Eltern will und jetzt hat er es gar nicht mehr erwähnt. Immer wieder habe ich überlegt, was ich gesagt habe, was ich getan habe, das ihn gekränkt haben könnte. Gestern habe ich gefragt, ob alles in Ordnung sei. Er hat nur Ja gesagt, aber nicht einmal wirklich von seiner Zeitung aufgesehen.
Es muss etwas passieren. Wir müssen endlich mal richtig miteinander reden. Aber wir arbeiten beide den ganzen Tag, und abends bin ich immer so müde, dass ich mich auch nicht mehr konzentrieren kann. Vielleicht ist es das, vielleicht meint er, ich hätte zu wenig Zeit für ihn. Aber das letzte Mal, dass er sich darüber beklagt hat, ist schon wieder Monate her und seitdem waren wir zusammen im Urlaub und am Wochenende bin ich auch immer da, ich habe mir extra nichts anderes vorgenommen. Es ist ja nicht so, dass ich es nicht von ihm kennen würde, dass er mit mir nicht darüber redet, was ihn beschäftigt. Aber ich dachte, nach drei Jahren, nachdem wir uns so lange kennen, nachdem ich es immer wieder geschafft habe, ihn doch zum Reden zu bringen, müsste er es jetzt können.
Morgen, wenn wir ausgeschlafen haben, da könnten wir spazieren gehen, und dann werde ich ihm sagen, dass er jetzt einfach mit mir reden muss. Ich weiß nicht, wie ich es noch länger aushalten soll, dass er mich überhaupt nicht beachtet. Das beschließe ich ganz fest und hoffe, dass ich es nicht vergesse, wenn ich noch etwas trinke.

Ich stehe auf und gehe zur Bar, bestelle mir einen Schnaps und dann noch einen. Ich weiß nicht, warum ich überhaupt mitgekommen bin. Ich hasse diesen Club. Die Männer, die nur herkommen, um jemanden zum ficken zu finden. Normalerweise. Gerade bekomme ich Lust, irgendjemanden anzusprechen, nur um einmal Aufmerksamkeit zu bekommen.
Aber das würde ich nur bereuen. Eine ganze Weile stehe ich wie erstarrt da und lasse die Musik auf mich einwirken, damit ich nicht mehr nachdenken muss.
Als Andy plötzlich neben mir steht, erschrecke ich mich so sehr, dass ich beinahe mein Glas fallen lasse.
„Du solltest nicht so viel trinken“, sagt Andy.
Ich starre ihn wütend an. Woran liegt es denn wohl, dass ich mich betrinke?
„Willst du noch lange hier bleiben?“
Andy sieht mich ernst an, früher hat er mich ständig zum Lachen gebracht, aber die letzten Tage sah er immer so ernst aus.
„Ricky … ich kann nicht mehr mit dir zusammen sein. Ich wollte es dir nicht hier sagen, aber ich weiß es jetzt und …“
Die restlichen Worte rauschen an mir vorbei.
Ich kämpfe gegen die Tränen, die sich schon den ganzen Abend in meinen Augen sammeln und jetzt hervorquellen.
„Wieso?“
„Es geht einfach nicht mehr.“
Einen Moment lang kann ich nichts sagen, ich versuche nur gegen den Schwindel anzukämpfen, der mich plötzlich überkommen hat.
„Hast du jemand anderen?“ Ich sehe ihm direkt in die Augen, ich muss es einfach wissen.

Er weicht meinem Blick aus und da weiß ich, dass es stimmt.
„Es tut mir leid Ricky, ich wollte es dir schon eher sagen …“ Andy schüttelt den Kopf, dann geht er einfach, lässt mich hier stehen und erklärt nichts.
Ich weiß nicht, wie lange ich so da stehe und mich weigere, es zu begreifen. Dann bestelle ich noch einen Tequila.
Meine Beine sind ganz zittrig, als ich mich zum Ausgang dränge. Ich habe das Gefühl, dass ich gleich umkippe, und stelle mir vor, dass die Leute auf mich drauftreten und mich zerquetschen.
Aber ich komme unbeschadet bis zur Tür. Eisige Luft schlägt mir entgegen. Ich habe vergessen, dass es Winter ist und ich nur ein T-Shirt anhabe. Eine Weile überfordert es mich, weiterzudenken. Dann fällt mir ein, dass ich eine Jacke dabei haben muss, aber dass Andy sie an der Garderobe abgegeben hat und ich die Marke nicht habe. Ich denke, dass es eigentlich ganz schön ist, dass es so kalt ist. Das lässt mich nur die Kälte spüren und meine Tränen gefrieren.
Die Anzeige an der Haltestelle zeigt zwanzig Minuten an, bis die Bahn kommt. Ich setze mich in den Unterstand und schaue dem Schneetreiben zu, das plötzlich losbricht. Bald ist nichts mehr zu sehen, außer von Straßenlaternen angestrahltem Weiß. Ich schließe die Augen und sehe Andy. Als wir zusammen in Frankreich waren, da haben wir eine Wohnung ganz nah am Strand gemietet. Andy ist braun geworden und hat mich jeden Morgen mit einem Lächeln geweckt.
Vielleicht bin ich niemals glücklicher gewesen. Wenn man mich fragen würde, welches der schönste Moment in meinem Leben war, dann würde ich sagen, als Andy mich an meinem Geburtstag in Frankreich zu diesen Höhlen mitgenommen hat und als wir uns den Sonnenuntergang am Strand angesehen haben. Das hört sich so kitschig an, aber es war so ein Gefühl von Freiheit auf das Meer zu schauen, dass ich das niemals vergessen habe.




3

Ich gehe auf den Jungen zu.
„Ist er tot?“, fragt Katrin.
Ich habe das Gefühl, es wäre ein Frevel, ihn zu berühren, also halte ich ihm einen Finger unter die Nase. Zuerst glaube ich, dass er wirklich tot ist, aber dann spüre ich Atem auf meinen Finger strömen.
„Nein. Hey!“ Nun denke ich doch, dass es besser wäre ihn zu wecken. „Hey, wach auf!“
Von meinem Rufen werden auch zwei andere Leute an der Haltestelle aufmerksam, die zuvor so getan haben, als würden sie den Jungen gar nicht sehen.
Ich berühre ihn leicht an der Schulter. Sie ist eiskalt der Junge rührt sich noch immer nicht.

„Wer weiß, wie lange er schon hier sitzt“, meint Arne.
Ich sehe mich zu den anderen um, aber keiner weiß, wie man sich in so einer Situation verhalten sollte. Also fische ich mit steifen Fingern mein Handy aus der Jackentasche. Dann rufe ich einen Krankenwagen. Ich bin ganz aufgeregt, als es klingelt und dann jemand rangeht, ich habe noch nie den Notruf gewählt, es fühlt sich irgendwie verboten an. Man sagt mir, ich soll ihn zudecken. Da hätte ich auch selbst drauf kommen können. Also ziehe ich meine Jacke aus und lege sie ihm um. Es dauert nicht allzu lange, bis der Krankenwagen kommt und die Rettungskräfte den Jungen auf eine Trage legen. Sie wickeln ihn in eine Decke ein und dann schieben sie ihn in den Wagen. Erst als ein Windhauch durch meine Ärmel fährt, merke ich, dass sie meine Jacke auch mitgenommen haben. Wenigstens habe ich einen dicken Pullover an und eine Mütze auf.
„Was für eine krasse Sache“, sagt Katrin. Sie lacht jetzt nicht mehr und sieht wirklich betroffen aus. „Und die Leute hier haben gar nichts gemacht.“ Sie schüttelt den Kopf.

„Komm Peter“, sagt Arne als die nächste Bahn endlich da ist. Als wir in der Bahn sitzen, schweigen wir alle, sind zu betroffen, als dass wir jetzt einfach über etwas Belangloses reden könnten. Mir geht sein Gesicht nicht aus dem Kopf. Er sah gut aus, nicht wie jemand, der einfach so bei minus zehn Grad draußen sitzt. Ich frage mich, was ihn dazu gebracht hat, ob er einfach nur so betrunken war, dass er nichts mehr gemerkt hat. Vielleicht hätte mir das auch passieren können, wenn ich mich richtig betrunken hätte.
Als die Bahn an meiner Haltestelle hält, verabschiede ich mich von den anderen.




Endlich im Bett liegend, ein Kühlkissen auf meinem Fuß, kann ich nicht aufhören, an den Jungen zu denken. Ich hoffe, dass er sich nichts abgefroren hat. Sein Gesicht war so schön, wie das von einem Schauspieler oder Model. So perfekt symmetrisch. Er hat bestimmt blaue Augen.
Als ich am nächsten Morgen Brot holen will, fällt mir erst wieder ein, dass ich keine Jacke mehr habe. Und mein Handy war auch in der Jacke.
Irgendwie muss ich rausfinden, wo sie den Typ hingebracht haben. Also suche ich die Telefonnummern von den nächsten Krankenhäusern raus. Es gibt nur zwei in der Nähe, und nachdem ich der Frau am Telefon meine Situation geschildert habe, sagt sie mir, dass der Mann bei ihnen ist und dass ich meine Jacke abholen kann.
Das Problem ist, dass ich nur eine Winterjacke habe. Also ziehe ich mir zwei Pullover übereinander an und meine dünne Cordjacke darüber.
Ich war erst einmal im Krankenhaus, als ich mit zehn vom Fahrrad gefallen bin. Das hat bei mir keine guten Erinnerungen hinterlassen. Wenigstens scheint mein Fuß wieder halbwegs in Ordnung zu sein, wahrscheinlich ist es doch nur eine Prellung.
Das Krankenhaus ist freundlicher, als ich es mir vorgestellt habe. Durch lange Gänge mit Glaswänden gehe ich durch einen futuristischen Bau. Während ich den Raum suche, der mir genannt wurde, packt mich eine seltsame Nervosität. Was ist, wenn er wach ist? Was wird er wohl sagen?
Doch nun bin ich hier und es wäre mehr als albern, meine Jacke nicht zu holen.
Als ich an die Tür klopfe, höre ich zunächst nichts. Ich überlege schon, ob ich eine Schwester bitten soll, mir die Jacke zu holen, doch ich bin zu neugierig auf den Mann mit dem Engels-Gesicht.

Also klopfe ich erneut und diesmal höre ich ein „Ja!“
Ich öffne die Tür und bin überrascht, dass er aufrecht in seinem Bett sitzt. Er sieht mich an, als erwarte er eine Erklärung. Im Gegensatz zur letzten Nacht ist er nicht mehr ganz so blass, seine Lippen haben eine gesunde rote Farbe angenommen, aber unter seinen Augen liegen dunkle Schatten, die verraten, dass er noch nicht gesund ist. Ihm gegenüber im anderen Bett liegt ein alter Mann, der leise schnarcht.
„Wolltest du zu dem?“ Der Junge sieht mich immer noch an.
Mir wird bewusst, dass er mich ja gar nicht kennt. „Nein zu dir. Du hast meine Jacke.“
„Du hast den Krankenwagen gerufen?“
„Ja.“
Sein Blick richtet sich zum Fenster, scheint in Gedanken zu sein und schnaubt verächtlich.
Dann wendet er sich mir plötzlich wieder zu.
„Erwartest du jetzt Dankbarkeit von mir?“
Verunsichert senke ich den Blick. Ich habe nicht darüber nachgedacht, aber eigentlich wäre es doch angebracht, dass er sich bei mir bedankt.
„Warum hast du mich nicht einfach sterben lassen?“ Der Junge sinkt auf die Matratze.
Ich bleibe eine Weile so stehen, habe mir meine Jacke immer noch nicht genommen und betrachte die weiße Wand.
„Hast du es mit Absicht gemacht?“, frage ich schließlich.
„Nein.“
Ich gehe die zwei Schritte zum Schrank, in dem meine Jacke hängt, ziehe sie mir über und sehe den Jungen dabei an. Er hat die Augen geschlossen, aber er sieht nicht mehr aus wie ein Engel, mit den Falten auf der Stirn.
Ich weiß nicht, was ich mir von diesem Besuch erwartet habe, aber ich bin doch recht enttäuscht, als ich das Zimmer verlasse. Jemand, der sich im T-Shirt bei Minusgraden draußen hinsetzt, muss wohl einfach verrückt sein.
Da ich aber nun schon einmal in einem Krankenhaus bin, denke ich, dass ich auch gleich meinen Fuß untersuchen lassen kann. Natürlich ist das kein Notfall, und so muss ich eine ganze Weile warten, bis mir endlich ein Arzt sagt, dass es nichts Ernstes ist. Ich kriege nur so einen dünnen Stützverband, und humple noch mehr.
Dieser ganze Besuch kommt mir total sinnlos vor. Ich habe meine Jacke und mein Handy wieder, aber das freut mich überhaupt nicht, als ich im Tempo eines 90-Jährigen die Treppen zur Bahn runtersteige.




4

Auf meinen Händen haben sich lauter Blasen gebildet und an meinen Ohren auch. Durch die Schmerzmittel tut es nicht mehr so sehr weh. Ich sollte wahrscheinlich froh sein, dass mir nichts abgefroren ist. Ich wüsste nicht, was ich machen würde, wenn ich nur noch ein paar Finger hätte. Die Vorstellung ist wirklich gruselig.
Aber im Moment würde ich alles lieber, als in diesem Bett zu liegen und die Decke anzustarren. Denn hier gibt es nichts, dass mich von den Gedanken an Andy ablenkt. Als ich aufgewacht bin, da habe ich als erstes daran gedacht, ihn anzurufen, um ihn zu bitten, her zu kommen. Aber dann ist mir eingefallen, dass er das wahrscheinlich gar nicht tun würde und falls doch, dass es mich nur noch trauriger machen würde, ihn zu sehen. Also sitze ich hier alleine, werfe noch mehr Schmerzmittel ein, starre auf die Blasen an meinen Händen und wische mir mit den Armen die Tränen weg.

In der Zeit, in der ich mit Andy zusammen war, habe ich mich sehr auf ihn fixiert. Ich war immer so ein Mensch, ich kann nie viele Freunde auf einmal haben, lieber wenige richtig gute. Aber seit mein bester Freund nach Berlin gezogen ist, habe ich niemanden mehr, den ich jetzt mal eben anrufen könnte. So gibt es niemanden, der weiß, dass ich hier bin. Niemanden, bis auf den Typ, der mich gerettet hat. Er war vorhin hier, um seine Jacke zu holen, die mir fälschlicherweise mitgegeben wurde. Ohne ihn wäre ich jetzt vermutlich tot oder hätte mir ein paar Finger abgefroren. Ich weiß nicht, warum ich so unfreundlich zu ihm war. Eigentlich wollte ich ihn ohnehin anrufen und mich bei ihm bedanken. In seiner Jacke habe ich sein Handy gefunden und mir die Nummer gespeichert. Er hält mich jetzt bestimmt für einen undankbaren Idioten.
Als ich aufgewacht bin, und als mir klar wurde, dass Andy nicht kommen würde, hat mich so eine tiefe Traurigkeit erfasst, dass ich mir wirklich gewünscht habe, ich wäre gestorben.

Aber dem Jungen, der mich gerettet hat, dafür die Schuld zu geben, war wirklich albern. Mit meinen schmerzenden Fingern taste ich nach meinem Handy und rufe ihn an.
„Hallo?“, meldet er sich. Mir fällt auf, dass ich nicht einmal seinen Namen weiß und er nicht meinen.
„Hi, hier ist Ricky. Aus dem Krankenhaus. Ich war vorhin nicht so gut drauf. Es tut mir leid.“ Ich stocke, aber er sagt nichts, ist wahrscheinlich zu überrascht, dass ich ihn anrufe.
„Ich wollte … mich bei dir bedanken. Könntest du vielleicht noch mal kommen? Ich weiß, es ist viel verlangt. Ich meine, ich …“
„Okay. Ich komme. Hab eh nichts zu tun.“
Er legt auf und ich atme aus. Ich will wirklich nicht, dass der einzige Mensch, der weiß, dass ich hier bin, mich für einen Idioten hält.
Während ich auf meinen Retter warte, überkommt mich eine seltsame Aufgeregtheit. Ich verdanke ihm mein Leben. Muss ich ihm nicht irgendetwas dafür geben? Aber was könnte ich ihm schon geben?
Mein Handy klingelt, und ich denke schon, dass es mein Retter ist, der doch nicht kommen will. Doch es ist noch schlimmer. ‚Andy‘ steht auf dem Display. Das Handy rutscht vom Vibrationsalarm auf dem Nachttisch herum. Ich überlege, ob ich rangehen soll, mein Herz pocht mir bis zum Hals und ich bin ganz starr. Noch bevor ich klar nachdenken konnte, hört das Klingeln auf. Ich nehme das Handy, dem Impuls folgend, Andy zurückzurufen. Doch dann geht mir auf, dass er sich bestimmt nicht gemeldet hat, um mir zu sagen, dass er seinen Entschluss zurücknimmt, dass er mich doch nicht verlässt. Nein, er wollte sicher nur wissen, wie wir das mit unserer Wohnung regeln.
Auf einmal überkommt mich eine starke Wut auf Andy. Er hat unsere Beziehung einfach so weggeworfen, ohne es auch nur zu versuchen. Eigentlich hat er nie gekämpft. Es war immer ich, der Probleme angesprochen hat und versucht hat, Lösungen zu finden. Das hätte mir zu denken geben sollen. Aber ich dachte ja, es würde schon wieder besser werden.

Es klingelt erneut, wieder Andy. Diesmal gehe ich ran.
„Wo bist du?“
Nein, kein wie geht es dir? Keine Begrüßung.
„Im Krankenhaus.“
„Was ist passiert?“
Irgendwie habe ich gerade gar keine Lust ihm zu erklären, was passiert ist. Also erläutere ich es in drei knappen Sätzen.
„Man willst du dich umbringen Ricky? Welches Krankenhaus ist es?“
„Ich will dich nicht sehen.“
„Sei nicht albern.“
„Ich sagte, ich will dich nicht sehen, was ist daran albern?“ Ich lege auf.

Ich muss eingeschlafen sein, ein zaghaftes Klopfen an der Tür weckt mich. Ich richte mich auf, und hätte mir fast mit den schmerzenden Fingern die Augen gerieben.
„Ja!“, rufe ich und mein Retter streckt den Kopf herein.
„Komm bitte rein.“ Ich lächle und versuche freundlich auszusehen.
„Danke, dass du noch mal gekommen bist.“ Ich deute auf den Stuhl neben meinem Bett und er setzt sich.
„Deine Hände … sind doch nicht erfroren oder?“
„Nur oberflächliche Erfrierungen, die wieder heilen. Es tut mir leid, dass ich vorhin so mies drauf war. Das war nicht deine Schuld. Ich bin froh, dass du mich gerettet hast.“
„Dann wolltest du dich also wirklich nicht umbringen?“
„Nein.“ Ich muss schlucken und mir kommen beinahe wieder die Tränen als mir bewusst wird, wie schnell das hätte passieren können.
„Ich war nur betrunken und habe die Kälte nicht gespürt. Ohne dich wäre ich vielleicht wirklich erfroren.“
„Es hätte bestimmt jemand anderes den Notruf gewählt.“
„Es müssen aber viele an mir vorbeigegangen sein, ohne was zu tun.“ Ich blicke das erste Mal zu ihm auf. Mir ist vorhin gar nicht aufgefallen, dass er recht gut aussieht, mit diesen ruhigen grünen Augen und den windzerzausten dunklen Haaren. Er ist vielleicht zwei, drei Jahre jünger als ich, achtzehn oder neunzehn.
„Ich schätze, dass einem so was nur einmal im Leben passiert.“ Ich sehe auf meine Hände und die fiesen Blasen, die sich zu vermehren scheinen.
„Ich würde dir gerne irgendwie danken, aber ich weiß nicht wie. Gibt es irgendwas, dass ich für dich tun kann?“
Er sieht überrascht aus. „Nein, ist schon okay. Du wirst das aber wirklich nicht noch mal machen oder?“
„Nein.“ Glaubt er mir immer noch nicht, dass ich mich nicht umbringen wollte?
„Gut.“
„Ich habe mich nur so betrunken, weil mein Freund mit mir Schluss gemacht hat. Aber jetzt ist mir die Lust auf Alkohol wirklich vergangen.“
„Oh.“ Er sieht betroffen aus und ich weiß nicht, ob er Mitleid mit mir hat, oder ob er von meinem Outing abgeschreckt ist.
„Das tut mir leid“, sagt er und es klingt ehrlich. Er rutscht auf seinem Stuhl herum und streicht sich über die Haare.

„Na ja, mir inzwischen nicht mehr. Ich schätze, ich war einfach blind. Aber ich will dich wirklich nicht mit meinen Beziehungsproblemen langweilen. Ich habe mich noch nicht mal vorgestellt. Leider kann ich dir nicht die Hand geben. Ich bin Ricky.“
„Peter.“
„Peter?“
„Bescheuerter Name, ich weiß.“
„Wieso? Ist doch ein normaler Name, zumindest nicht bescheuerter als Ricky. Das ist noch nicht mal ein richtiger Name.“
Peter lächelt. Bestimmt wird er gleich gehen, und dann bin ich wieder allein. Ich will aber nicht, dass er schon geht.
Als es an der Tür klopft, zucke ich zusammen. Hoffentlich ist es die Schwester, die mir Schmerzmittel bringt.
Als die Tür aufgeht und Andy unaufgefordert herein kommt, kralle ich mich vor Schreck am Bettrahmen fest und Schmerz schießt in meine Hände. Doch dann überkommt mich wieder diese tiefe Wut.
„Was willst du? Ich habe doch gesagt, du sollst nicht kommen.“ Ich blicke ihn finster an. Sein Ausdruck ist besorgt.
„Was machst du für einen Unsinn Ricky?“ Sein Tonfall ist jedoch verärgert, als würde er mit einem Kind reden.
Ich weiß nicht, ob ich will, dass er weiß, dass das alles nur seine Schuld ist und ich will ihm nicht zeigen, wie sehr er mir zugesetzt hat.
„Das war keine Absicht. Hättest du mir meine Jacke gegeben, bevor du gegangen bist, wäre das nicht passiert.“

Er schnaubt, ich sehe aber auch einen Funken Schuld in seinen dunklen Augen.
„Ich werde besser gehen.“ Peter will aufstehen. „Nein, bleib bitte. Andy hat nicht vor, lange zu bleiben. Woher weißt du überhaupt, dass ich hier bin?“
Andy blickt Peter neugierig an, aber ich habe nicht vor, ihm etwas zu erklären.
„Es stand was über dich in der Zeitung. Bist du okay? Deine Hände …“
„Werden wieder. Ich will, dass du ausgezogen bist, wenn ich nach Hause komme.“
Andy sieht mir in die Augen und das erste Mal sehe ich so etwas wie Traurigkeit darin, etwas, das ich gestern so vermisst habe.
„Okay.“ Er sieht mich noch einen Moment an und geht dann.
Als er weg ist, lehne ich mich zurück und atme erleichtert aus.
„Das war dein Ex-Freund?“, fragt Peter.
„Ja.“
„Wart ihr lange zusammen?“
„Drei Jahre.“
„Oh.“
Ich sehe ihn an. Irgendwie ist er süß, wie er da sitzt und so betroffen von meinem Schicksal ist.
„Na ja. Es war schon länger nicht mehr so toll.“
Eine ganze Weile schweigen wir. Aber die Wand anzustarren deprimiert mich nun nicht mehr so wie vorhin.
„Wann hast du es gemerkt?“, fragt er unvermittelt.
„Was? Das mit Andy … ach, dass ich schwul bin? Weiß nicht, so mit dreizehn glaube ich.“

„Was haben deine Freunde gesagt?“
Ich frage mich, warum ihn das so interessiert, aber da es gut tut mit jemandem zu reden, antworte ich auf seine Fragen.
„Ich habe es ihnen erst später gesagt, die meisten nicht so gut. Ich komme aus einer Kleinstadt. Meine Eltern denken, ich wäre krank.“
„Oh.“ Er presst Lippen aufeinander.
„Aber als ich hergezogen bin, um zu studieren, habe ich neue Freunde gefunden.“
„Du hast bestimmt viele Freunde.“
„Na ja. Eigentlich nicht. Warum interessiert es dich so?“ Ich versuche ihm in die Augen zu sehen, doch er senkt den Blick. Kann es sein, dass er … eigentlich habe ich doch einen ganz guten Blick dafür.
Er zuckt die Schultern. Also doch.

„Ich habe zwar ein paar Freunde dadurch verloren, aber ich habe es nie bereut. Ich bin nun mal so und kann es nicht ändern.“
„Ich bin nicht schwul. Es ist nur einer …“, sagt er ganz leise und scheint auf dem Stuhl zusammenzusinken.
„Ist doch nicht schlimm“, versuche ich ihn zu beruhigen.
Peter sieht mich wieder an und lächelt schwach.
„Was ist mit dem einen?“, hake ich nach.
„Nichts. Er ist nicht …“
„Das passiert uns allen Mal. Bist du sicher, dass es nur der eine ist?“
„Ich weiß nicht, vielleicht doch nicht.“ Er wird rot um die Wangen und räuspert sich.
„Ich denke, jeder ist ein bisschen bi. Ist doch nichts dabei.“
„Nein, eigentlich nicht.“
Ich tätschele vorsichtig seine Hand. Vielleicht konnte ich doch etwas für ihn tun. Ich habe das Gefühl, dass er das noch niemandem vorher erzählt hat. Er sieht so süß aus, wie er zusammengesunken auf dem Stuhl sitzt, dass ich ihn am liebsten umarmen würde.




5

Ricky ist eingeschlafen und ich kann nicht anders, als sein Engelsgesicht anzusehen. Ich war schon sehr überrascht, dass er mich angerufen hat, so wie er bei meinem ersten Besuch war. Aber wenn ich gerade verlassen worden wäre, wäre es mir wohl nicht anders gegangen. Ich verstehe nicht, wie man ihn verlassen kann. Als sein Ex-Freund hier aufgetaucht ist, war er mir sofort unsympathisch. Ich kann immer noch nicht fassen, dass ich Ricky gestanden habe, dass ich auf Männer stehe. Wo ich es noch niemandem erzählt habe und dann ausgerechnet ihm. Mir ist klar geworden, dass das nicht nur Arne ist. Und das liegt nur an Ricky. Er hat mir so verständnisvoll zugehört. Er war schon drei Jahre mit einem Mann zusammen, wer weiß, wie viele Partner er vorher schon hatte. Ich komme mir so jung und unerfahren vor neben ihm. Es ist nicht so, dass ich noch Jungfrau wäre. Ich hatte zwei Jahre eine Freundin. Und es ist auch nicht so, dass ich sie nicht geliebt hätte, oder dass ich da irgendetwas vermisst hätte.

Irgendwann war aber die Anziehung zwischen uns vorbei. Mir fallen immer noch eine Menge Frauen ein, die ich attraktiv finde. Aber Ricky ist noch viel schöner als Katrin, oder Pamela - oder Arne. Ja, klingt wahrscheinlich bescheuert, wo ich nur von Arne geschwärmt habe, aber ich habe die ganze Zeit nicht mehr an ihn gedacht, seit das mit Ricky passiert ist. Außer, als ich ihn vorhin erwähnt habe. Unter normalen Umständen hätte ich nie geglaubt, dass jemand wie Ricky überhaupt mit mir sprechen würde. Ich sollte wohl besser aufhören, ihn anzustarren und mir irgendetwas vorzustellen. Er hat gerade eine lange Beziehung hinter sich und selbst wenn nicht, würde er wohl jemand besseren als mich finden.
Dennoch kann ich meinen Blick einfach nicht von ihm wenden. Er ist nicht nur schön, er hat auch so ein freundliches Wesen – zumindest wenn er will.
Ob ich ihn wohl wiedersehen werde? Eigentlich gibt es nichts, das uns verbindet. Es wundert mich, dass ihn sonst niemand besucht. Er hat gesagt, dass er nicht viele Freunde hat, aber das kann ich mir einfach nicht vorstellen.
Das Klingeln meines Handys lässt mich hochschrecken. Ich muss selbst fast eingeschlafen sein. Es ist meine Mutter. Sie ruft mich meistens am Sonntag an. Ich versuche sie schnell wieder loszuwerden, da ich Ricky sowieso schon aufgeweckt habe.

„Warst du die ganze Zeit hier?“, fragt Ricky überrascht, als ich meiner Mutter endlich versichern konnte, dass ich mein Studium ernst nehme und dass ich nicht die ganze Zeit Party mache.
„Du hast bestimmt noch was Besseres vor.“
Ich zucke nur die Schultern. Eigentlich müsste ich ein Referat vorbereiten, aber hier zu sitzen ist viel besser. Aber vielleicht will Ricky jetzt auch lieber allein sein.
Ich ziehe mir meine Jacke an.
„Hey. Denk an das, was ich dir gesagt habe, ja?“ Ricky lächelt und ich werde ein bisschen rot.
„Hast du denn jemanden, der sich um dich kümmert?“
Ricky lächelt nur. „Wird schon.“
Ich weiß, dass ich gehen sollte, ich stehe schon viel zu lange in der Tür. Ich werde jetzt gehen und dann werden wir uns nicht wiedersehen. Warum sollten wir auch.
„Peter?“ Beinahe schüchtern sieht Ricky mich an, was irgendwie gar nicht zu ihm passt. „Kann ich dich anrufen? Ich meine, wenn ich hier raus bin?“
„Ja klar.“
Ricky lächelt und ich lächle zurück.
Aktualisiert: 27/08/12
Veröffentlicht: 27/08/12
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Witch23 am 27/08/12 19:08
Eine süße Geschichte und trotz der leichten Selbstmitleitstimmung nicht deprimierend, da Peter das ganze noch mit Humor zu sehen versucht.

Auf dem Weg fährt eines der Mädchen, das ich nicht kenne, fort, über einen Prof zu lästern, den ich auch nicht kenne.
fängt nicht fährt Grinsend

Wow das ist mal nett. Eine abfuhr in der Disko so mal nebenher... Rickys Gedankenwelt wirkt im Gegensatz zu Peters total down, diesen Gegensatz finde ich klasse.

Nachdem Andy weg ist finde ich die Szene süß wo Ricky und Peter über Peters Verliebtheit zu reden anfangen.

Das Ricky einfach da im T-Shirt ohne beachtet zu werden sitzen gelassen wird fand ich schon schlimm, aber leider passiert so etwas doch leicht mal.

Eine schöne Geschichte. Ist sie jetzt zu ende oder kommt da noch etwas?

Ach ja warum haben beide ihre Handys an? Ok ohne wäre es schwer gewesen sich anzurufen, aber eigentlich müssen die doch aus Zwinkernd



Antwort der Autors Celia (28/08/12 02:29):
Danke für das Review. Es freut mich, dass die der Text gefallen hat. Abgeschlossen ist er, hatte ich eigentlich angeklickt ...
Aber häh? Es heißt fährt fort. Ich gebe zu, der Satz ist etwas kompliziert gestrickt. Zwinkernd
Das mit den Handys ähm ... da habe ich gar nicht dran gedacht, aber googeln ergab gerade, dass das gar nicht schlimm ist. Zunge
1
HeisseZitrone am 31/08/12 22:26
Na, ob aus den beiden noch was wird...? Zwinkernd
Echt süße Geschichte!



Antwort der Autors Celia (04/09/12 16:59):
Tja wer wei? Zwinkernd
Und danke.
1
Chiyuki am 25/05/15 17:10
Eine feine kleine Geschichte, die so viel erzählt. Gut gemacht Smiley
glg chi
1
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Snoopy279
16/05/21 18:14
gerne natürlich auch die, die Fanfiktion lesen/Fanfiktionschreiber einfach unterstützen wollen

Snoopy279
16/05/21 18:14
alle, die auch Fanfiktion schreiben, bitte bei der Petition mitmachen, damit das auch in Zukunft möglich bleibt!
http://chng.it/WnwVCzxGff


jabba
21/01/21 22:32
Knuddel! Knuddel! Alle ganz doll knuddel! Heute ist Weltknuddeltag! Knuddel! Knuddel!

Witch23
01/01/21 02:37
*Pfeif Zisch* Gutes neues Jahr wünsche ich euch allen

split
01/01/21 00:01
Frohes Neues *krach baller lärm*

split
24/12/20 23:24
Frohe Weihnachten

Niemue
24/12/20 12:29
Ich wünsche Euch allen schöne Feiertage, einen guten Rutsch und viel Gesundheit im Neuen Jahr! :*

Witch23
24/12/20 11:02
Wünsche ich euch auch. Vor allem habt schöne Feiertage.

Yavia
24/12/20 10:48
Frohe Weihnachten euch allen!

Witch23
20/12/20 12:51
Einen schönen vierten Advent euch allen und hoffentlich bald wieder etwas entspanntere Tage

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