Stille Nacht von alyssia (Abgeschlossen)
Inhalt: Weihnachten aus der Sicht des 23jährigen Flo, der am heilien Abend auf seinen Freund Christian warten muss, weil dieser beruflich noch zu tun hat.
Genres: Reale Welt, Weihnachten, M/M (yaoi)
1. Warnung: Keine
2. Warnung: Keine
3. Warnung: Keine
Kapitel: 1
Veröffentlicht: 25/12/12
Aktualisiert: 10/02/13
Anmerkungen zur Geschichte:Mein Beitrag zum Adventskalender'12.
Ich finde sie sehr gelungen.
Leise rieselt der Schnee
Anmerkungen zum Kapitel:
Tradition und Moderne
Familie und Geliebter
Sehnen und Lieben
Leise rieselt der Schnee. Still ist die Nacht. Draußen erobert die Dunkelheit Meter für Meter den Garten meines Elternhauses. Das Haus scheint die Luft anzuhalten. Überall herrscht eine einzigartige, magische Stille. Die Stufen der Treppe knarzen nicht, die Heizung gluckert nicht. Es ist still überall, sogar meine kleine Schwester spielt leise auf dem Küchenfußboden.
Wir sitzen zusammen am Küchentisch, der hübsch weihnachtlich dekoriert ist, mein Vater, meine Tante und ihr Mann mit dem schlafenden Baby auf dem Arm, die Kleine konnte schon beim Weihnachtsessen die Augen kaum noch offenhalten, und meine kleine Schwester Laura. Unsere Mutter, Oma und Opa sind schon vor einer Weile im Wohnzimmer verschwunden und warten dort auf das Christkind. Die Spannung vibriert in der Luft, auch wenn ich schon lange zu alt bin um an das Christkind zu glauben, eigentlich ist man ja nie zu alt um an etwas zu glauben, gab ich mich der freudigen Erwartung hin, die aufkommt wenn meine Großeltern und Mama in der Stube verschwinden, sorgsam die Tür verschließen und meine kleine Schwester gespannt auf jedes noch so kleine Geräusch zu horchen beginnt. Früher habe ich wie sie immer die ersten Minuten vor der Tür gestanden und das Ohr gegen das Holz gedrückt oder versucht durch das Schlüsselloch zu linsen, doch ich musste jedes Jahr wieder einsehen, dass es keinen Zweck hatte, denn das Christkind hatte seine Mittel gegen neugierige kleine Jungen und Mädchen.
Heute war ich dreiundzwanzig und immer noch genauso gespannt wie meine sechsjährige Schwester auf das, was hinter der geheimnisvollen Tür passierte. Weihnachten mit der Familie ist in meinem Leben das Schönste und jedes Jahr der Höhepunkt des ganzen Jahres.
Mein Vater erhob sich vom Stuhl und schritt, vorsichtig über meine Schwester steigend, die ihn mit riesigen Augen erwartungsvoll ansah, zur Musikanlage in einer Ecke der Küche. Laura schlug enttäuscht die Augen nieder, weil es noch immer nicht soweit war, und beschäftigte wieder mit den kleinen Pferdchen und Figuren aus Gummi die sie über den Fußboden verteilt hatte . Papa nahm einige CDs in die Hand und sah sie durch, dann legte er eine in den Spieler. Musik erklang. Ave Maria. Wie jedes Jahr. Ave Maria kurz bevor die Bescherung begann, jedes Jahr diese CD, dieses Lied. Bis ich fünfzehn war legte mein Vater noch immer eine Platte auf. Es hatte damals ewig gedauert bis meine Mutter endlich die gleiche Konzertaufnahme auf CD gefunden hatte, mit der sie die alte, ausgeleierte Platte ersetzen konnte. Mit Ave Maria fing es an, Stille Nacht, Es ist ein Roß entsprungen, Kommt ihr Hirten, Zu Betlehem geboren, Fröhliche Weihnacht überall, Der Christbaum ist der schönste Baum und dann Süßer die Glocken nie klingen. Dann erklang endlich das kristallklare Klingeln der Weihnachtsglocke, die meine Mutter das Jahr über sicher in einer kleinen Schachtel in ihrem Nachtschränkchen aufbewahrte, denn sie hatte sie von ihrer Mutter, unserer Oma, bekommen und die von ihrer, die sie heil durch zwei Kriege gebracht hatte, weil sie sie von ihrer Mutter bekommen hatte und irgendwann würde sie meiner Schwester gehören. Ich hoffte, dass ich noch lange an dem Wunder ihres Klanges würde teilhaben dürfen.
Heute war ich wahrscheinlich nicht der glücklichste Mensch auf Erden, aber mit Sicherheit mindestens so glücklich wie viele andere die sehr glücklich waren. Einer fehlte um mein Glück zu vollenden. Er fehlte wirklich, nicht nur mir. Beim Essen war ein Stuhl leer geblieben, ein Teller und ein Glas nicht benutzt worden und ein Pudding über geblieben. Alle hatten bis acht Uhr zunehmend oft auf die Uhr gesehen, doch die Tür war nicht geöffnet worden und niemand war strahlend aus dem Schneegestöber ins warme, friedlich Haus getreten, glücklich, dass er es doch noch geschafft hatte. Er fehlte hier. Um zwanzig nach Acht hatte meine Oma in die gedrückte Stimmung traurig verkündet, dass wir anfangen sollten zu essen sonst würde es kalt werden. Wir hatten am Tisch gesessen, der Platz neben mir war leer und kalt geblieben. Mein Vater war aufgestanden und hatte das Gebet gesprochen, wir hatten uns an den Händen gefasst, die Augen nieder geschlagen oder geschlossen.
Amen, schloss er das Gebet. Amen sagte ein nicht ganz kompletter Chor. „Bitte lieber Gott mach, dass der Christian auch noch kommt, damit der Flo nicht so allein ist.“ flüsterte Lauras helle Stimme in die entstandene Stille, in der jeder noch sein ganzpersönliches Anliegen in das Gebet einschloss. Zufrieden, nun da sie ihren Wunsch losgeworden war, griff Laura nach dem Besteck. Oma lächelte sanft und tat allen von dem Wildbraten mit Rosinen, den Semmelknödeln, dem Rotkohl und von den Birnen mit Preiselbeeren auf. Sie und meine Mutter hatten dafür Stunden in der Küche verbracht, es wäre wirklich zu schade es kalt werden zu lassen.
Christian stand bestimmt mit vielen anderen Vätern, Müttern, guten Freunden, Familienmitgliedern und sehnlichst erwarteten Gästen im weihnachtlichen Stau. Er konnte ja nichts dafür, dass er noch einmal nach Bonn in die Firma gemusst hatte um allen den Weihnachtsabend zu retten, sowas tat man als Stellvertretender-Chef halt, auch wenn der eigene Freund dann zurückstecken musste. Dieser letzte Gedanke war ziemlich unfair Chris gegenüber, denn er hatte sich das ja nicht ausgesucht. Er hatte mir versprochen zum Fest da zu sein, bevor er losgefahren war, außerdem wäre er normalerweise schon lange wieder zurückgewesen. Hoffentlich war ihm nichts passiert, sodass er zu spät kam. Ich verbot mir jeden weiteren Gedanken an so etwas, das würde nur die festliche Stimmung verderben, er würde bestimmt noch kommen, stand nur im Stau.
Ich langte kräftig zu beim Reh und auch beim Pudding, der direkt nachdem Hauptgang auf den Tisch kam. Die Dessertschalen waren auch eines dieser alten Erbstücke, allerdings väterlicherseits. Herrencreme und Eierlikörsahne für die Erwachsenen und Schokoladenpudding mit Vanillesoße für meine kleine Schwester. Wie sie am Tisch saß, sich auf den Stuhl knien musste um groß genug zu sein um ordentlich essen zu können, in ihrem weinroten Cordkleid und der gestreiften Strumpfhose und den teuren, guten schwarzen, halbhohen Lackschuhen. Sie war stolz wie eh und je, dass sie wie wir Erwachsenen auf einem großen Stuhl sitzen durfte, denn normalerweise hatte sie ein Sitzkissen, damit sie sich nicht andauernd hinknien musste.
Nachdem alle sich ordentlich statt gegessen hatten stand Opa vom Tisch auf und nahm die alte, mit Goldschnitt versehene und wundervoll illustrierte Weihnachtsfassung der Bibel zur Hand, die schon den ganzen Abend auf dem Wohnzimmertisch für diesen Moment bereit lag, und setzte sich ächzend auf das Sofa. Wir anderen standen ebenfalls vom Tisch auf, Laura stürmte zum Sofa und warf sich darauf und rutschte ganz nah an Opa heran. Ich setzte mich auf den Sessel. Chris mir gegenüber neben Laura auf dem Sofa fehlte. Sanft ihr Baby in den Armen wiegend setzten sich Kirstin und Thorsten auf das zweite Sofa, Kirstin lehnte sich an ihrem Mann. Mama und Oma räumten den Tisch ab und brachten das Geschirr in die Spülmaschine. Langsam suchte Opa die richtige Seite, setzte die Brille auf und begann mit tiefer, melodischer Stimme die Weihnachtsgeschichte vorzulesen. Laura drückte sich an seinen dicken Bauch um ja kein Wort zu verpassen. Keine andere Stimme konnte die Weihnachtsgeschichte besser, schöner und segensreicher vorlesen wie seine. Bis auf eine vielleicht. Im letzten Jahr hatte sich Opa beim Weihnachtsbaum schlagen im Wald, in kniehohem Schnee, so sehr erkältet, dass er kein Wort mehr herausbrachte. Damals war er aufgestanden, hatte die Bibel genommen und sie Christian in die Hände gelegt, der gerade aufgestanden war um die CD zu wechseln. Die ganze Familie hatte einen Moment die Luft angehalten, sogar Laura, die noch zu klein war um die Bedeutung dieser Geste zu fassen. Christian hatte Opa mit vor Überraschung kurz entgleistem Lächeln angesehen. „Versuch es mal Junge, wenn ich nimmer bin…“ hatte Opa gekrächzt und war zum Sofa geschritten um sich auf Christians Platz zusetzen. Das war einer der glücklichsten Momente in meinem Leben, Christians glühender Blick in meine Augen. Er hatte es geschafft, in meine Familie aufgenommen zu werden, mit Leib und Seele. Hätten zuvor noch Zweifel bestanden, dass meine Familie ihn akzeptierte und in ihrem Kreis aufnahm waren sie nun alle nichtig geworden. Alle setzten sich an ihre gewohnten Plätze und lauschten der neuen Stimme, wie sie die Weihnachtsgeschichte vorlas. Ich schmolz dahin. Seine Stimme ging mir unter die Haut, in die Knochen und jede Zelle. Dies war die einzige Stimme, die die Weihnachtsgeschichte genauso schön klingen lassen konnte wie Opa. Auf seine Art wunderschön. Doch dieses Jahr war er nicht da gewesen.
Die Stereoanlage spielt ‚Der Christbaum ist der schönste Baum‘ und Thorsten summt leise mit, an seiner Schulter schlummert seine Tochter tief und fest. Ich kann nicht mehr sitzen, gleich würde es soweit sein. Bescherung und Christian ist noch immer nicht da, oder hat von sich hören lassen. Bedrückt umrunde ich den Tisch und stelle mich ans Fenster, im Rücken kann ich die Blicke meines Vaters spüren. Er macht sich auch seine Gedanken. Nach einer kurzen Weile wendet er den Blicke wieder von mir ab, das melodische Summen und das regelmäßige, leise Rascheln, wenn mein Vater die Seiten der Bibel umschlägt, setzt wieder ein. Kirstin tritt hinter mich, ich kann ihr Spiegelbild im Fenster sehen, um sie herum rieseln Flocken wie kleine Sterne, und ich kann ihr Parfum riechen. Chanel No.5, Thorsten hatte es ihr zum Hochzeitstag geschenkt. „Du machst dir Sorgen, oder?“ fragt sie leise. Ich nicke langsam. „Er wird kommen, ich bin mir sicher. Ich habs einfach im Gefühl, also machs dir und ihm nicht so schwer.“ ihre Stimme klingt beruhigend. Sie legt vorsichtig ihre Hand auf meine Schulter und drückt ganz leicht zu. Meine Familie ist wirklich wundervoll, sie akzeptierten mich und das ich meine Sexualität offen lebe, gehen liebevoll mit meinem Freund um. Ich bin christlich erzogen und für meine Eltern und Großeltern ist die Kirche ein wichtiger Bestandteil des Lebens. Trotzdem hatte ich keine Angst mich zu outen und Männer mit nachhause zu bringen, denn so wie ich christlich erzogen war, war ich auch tolerant erzogen, denn alle Lebewesen waren von Gott gewollt so wie sie waren. Selbst meine Großeltern hatten keine Vorurteile Homosexuellen gegenüber. Sie nahmen die Bibel wörtlich, so wie sie es ihnen beigebracht hatte, und hielten nicht an engstirnigen, veralteten Ansichten fest. Christian hatte da nicht so viel Glück. Meine Gedanken schweiften kurz zu seinem ersten und letzten Versuch seinen Eltern reinen Wein einzuschenken. Er wollte es ein letztes Mal versuchen und mich ihnen vorstellen, es endete in einem Desaster in welchem sein Vater ihn und mich des Hauses verwies, seinem jüngeren Bruder verbot jemals wieder Kontakt zu ihm zuhaben und seine Frau regelrecht zurück ins Haus zerrte, als sie versuchte uns hinterher zu laufen um noch zu retten was zu retten war. Es war schrecklich für Christian gewesen und er hatte sich beinahe eine ganze Woche vor allem und jedem, auch mir, zurückgezogen. Er war nicht zur Arbeit gegangen und hatte niemanden die Tür geöffnet, bis ich ihm gedroht hatte die Feuerwehr zu rufen. Leise entrinnt ein Seufzer meiner Kehle, den ich nicht mehr zurück halten kann. Ich sehe Kirstins Spiegelbild an. „Hoffentlich hast du recht.“ antworte ich ihr. Ich hoffe sehr, dass Christian nichts passiert ist und er noch kommt. Viel Zeit vor der Bescherung hat er nicht mehr.
Das letzte Lied läuft an. Süßer die Glocken nie klingen. Laura steht ehrfürchtig vom Boden auf, die Pferdchen sind plötzlich ganz vergessen. Sie zupft an meinem T-Shirt, ich sehe zu ihr runter und ihre Mandelaugen strahlen zu mir hoch. „Gleich ist es soweit.“ flüstere ich ihr zu und knie mich vor sie. „Gleich kommt das Christkind zu uns und bringt uns die Geschenke.“ „Und das Jesuskindchen in der Krippe mit den Schafen und Maria und Josef“ piepst sie, die Hände auf meine Schultern gelegt. Die Krippe wird bei uns nach der Familientradition erst zur Bescherung aufgestellt um die Kinder daran zu erinnern, dass man Weihnachten nicht nur wegen der Geschenke feiert, sonder weil uns der Messias, der Heiland und Retter geboren wurde. Offensichtlich klappt das auch bei Laura sehr gut. Ich lächele sie an und hebe sie vom Boden hoch, sie klammert sich an mich. „Kleine Maus, bist du aufgeregt?“ flüstere ich leise, sie nickt wild mit dem Kopf. „Ich auch.“ Laura strahlt. Ich setze sie wieder ab. Sofort läuft sie zu unserem Vater, der sie brummend lachend auf seinen Schoß hebt. Kirstin lehnt an der Spüle und auch Thorsten erhebt sich vorsichtig von seinem Stuhl um die kleine Janina nicht zu wecken. „Bringst du sie ins Bettchen?“ fragte Kirstin leise und küsste erst Thorsten und dann ihr Baby auf die Wange. Ich spähe ein letztes Mal zur Kontrolle auf mein Handy. Immer noch nichts von Christian, er würde es nicht mehr zur Bescherung schaffen. Ich beschließe mir ab nun keine weiteren Gedanken zu machen und mich einfach von der Euphorie der anderen mitreißen zu lassen. Christian würde kommen, irgendwann. Thorsten erscheint wieder in der Tür, mein altes Zimmer, in dem die drei für die Festtage untergebracht sind, liegt direkt über der Küche. Ich und Christian schlafen seid Janinas Geburt im Gästezimmer, wir haben mit Kirstin und Thorsten getauscht, weil im Gästezimmer einfach nicht genug Platz ist um noch ein Kinderbett hineinzustellen. Thorsten reibt geschäftig seine Handflächen aneinander und lockert kurz seine Schultern. In seiner Tasche steckt das Babyfon.
Laura wird immer aufgeregter und zappelt auf Papas Schoß herum, der sie schließlich zurück auf den Boden setzt. Er zwinkert mir zu. Die letzten Töne der CD verklingen und ein helles Glöckchen läutet aus dem Wohnzimmer. Laura stürmt los, ein wenig gesitteter gehen wir hinterher. Sie reißt die Tür auf und stolpert ins Wohnzimmer. Auf dem Boden liegt goldenes Lametta und Schokotaler. Laura sammelt sie auf dem Weg durch das Wohnzimmer auf, bis sie mit leuchtenden Augen vor dem Weihnachtsbaum steht, den zuvor auch noch niemand von uns gesehen hat. Meine Oma hat sich bei dem Baum wieder selbst übertroffen. „Wunderschön!“ brummt mein Vater und nimmt meine Mutter in den Arm. „Das Christkind war da, mein Schatz.“ sagt meine Mutter zu Laura gebeugt und schiebt sie auf den Baum zu. „Dann lies doch mal vor für wen das Christkind etwas gebracht hat!“ ermuntert sie Opa. Ächzend setzte er sich auf das Sofa. Laura kniet sich vor den Baum und zieht das erste Geschenk zu sich heran. Kirstin nimmt das Babyfon an sich, hakt sich bei mir unter. Wir setzen uns zusammen auf die kleine Holzbank vor dem flackernden Kamin, der eine herrliche Wärme abstrahlt. Thorsten grinst in die Runde. „Wer möchte noch etwas trinken, es ist Zeit mal den herrlichen Wein aufzumachen, den wir mitgebracht haben. Ein ganz besonderer Tropfen für ein ganz besonderes Fest.“ Aus der Vitrine am Esstisch, an dem wir vor zwei Stunden noch gegessen haben holt er fünf bauchige Weingläser und zwei für Orangensaft. Seit einem Herzinfarkt hatte Opa dem Alkohol entsagt und Laura war natürlich noch zu viel zu jung für Wein. Auf dem Tisch liegt schon ein Korkenzieher. Mit fünf Gläsern gekonnt in der einen Hand drapiert, der Flasche unter dem Arm und dem Korkenzieher in der anderen kommt Thorsten zurück. Kirstin springt auf um ihm die Flasche abzunehmen, bevor sie noch herunterfallen kann.
Laura wartet ungeduldig mit dem ersten Geschenk auf den Knien, bis alle etwas zu trinken haben. Dann fordert sie entschlossen unsere volle Aufmerksamkeit. Mit ehrwürdig gesenkter Stimme, als würde sie eine Unabhängigkeitserklärung verlesen, liest sie den ersten Namen vor. Opa. Das Päckchen ist wie die meisten anderen nicht besonders groß. Es sind alles Kleinigkeiten, die von Herzen kommen und um die sich einer Gedanken gemacht hat. Für Opa neue Bits für die Bohrmaschine und Aftershave. Für Oma ein Buch über Yoga und Tai-Chi und einen Gutschein für einen Fortgeschrittenen-Kurs Tai-Chi am örtlichen Fitnessstudio. Die Päckchen unter dem Weihnachtsbaum werden zunehmend weniger und Laura hält nur inne, wenn ein Päckchen für sie ist oder sie etwas trinken muss. Sie arbeitet den Stapel nach und nach ab, wobei jedes zweite Päckchen für sie selbst war. Bei jedem freute sie sich ein bisschen mehr. Unter anderem war ein neues Federmäppchen, passend zu ihrem Schulranzen, und ein Umhängegeldbeutel dabei.
Ich lasse mich einlullen von der Stimmung und von dem Wein, der wirklich sehr lecker schmeckt. Zum Glück hatten die beiden nicht nur eine Flasche davon mitgebracht. Auf dem Schoß halte ich meine Geschenke. Konzertkarten für Runrig von meinen Eltern, eine Leidenschaft die mein Vater und ich teilen. Eine erweiterte Ausgabe der Biografie von Keith Richards von Kirstin, Thorsten und natürlich Janine. Ich selbst hatte ihnen für die Kleine ein Bilderbuch geschenkt, das eine gute Freundin von mir für sie gezeichnet hatte. Gedankenlos blättere ich in Keith Richards Leben herum ohne wirklich etwas zu sehen. Schläfrig lehne ich im Sessel, Fetzen von Unterhaltungen dringen zu mir durch. Ich sehe auf mein Handy, noch immer nichts von Christian. Langsam beginne ich mir wieder Sorgen zu machen, nippe an meinem Wein.
Der Sessel steht schon immer mit dem Rücken zur Wohnzimmertür und ich bin beinahe weggetreten, weshalb ich auch nicht bemerke warum sich plötzlich auf den Gesichtern der anderen ein erleichtertes Grinsen ausbreitet. „Ich habe das Gefühl der Weihnachtsbaum wird von Jahr zu Jahr schöner!“ sagt eine vertraute Stimme von der Tür hinter mir. Schlagartig bin ich wieder hellwach und drehe mich im Sessel herum. Im der Tür zum Wohnzimmer steht ein abgekämpft aussehender Christian mit Schnee auf der Jacke und in den Haaren und zwei Päckchen auf dem Arm. Er lächelt mich an. „Ich hab doch gesagt ich komme, nur der Stau wollte davon nichts hören und das Handynetz auch nicht.“ erklärt er mit bedauernder Stimme und zuckt mit den Schultern. „Hier, das ist für dich …sieh es als Entschädigung, dafür dass ich es nicht rechtzeitig geschafft habe und das hier“ er nimmt das größere der beiden Päckchen „ist für dich kleine Laura.“ Er reichte es Laura, die es mit müden Augen entgegennahm, sie hatte schon auf Opas Schoß geschlafen, obwohl sie das niemals zugeben würde. Christian dreht sich, nach einem kurzen Blick auf Laura wieder zu mir um. „Das hier ist für dich, wie gesagt als kleine Entschädigung.“ Ehrfürchtig und noch völlig perplex davon, dass er wirklich in der Tür steht, stehe ich auf. Er legt mir ein rotes Päckchen mit Schleife in die Hand, ergreift dann die andere und küsst sie leicht. Ich öffne sein Geschenk. Erst kommt eine schilichte, flache Schmuckdose zum Vorschein. Vorsichtig, mit leicht zitternden Fingern öffne ich sie, eine einfache, feingliedrige Silberkette liegt darin. Christian ergreift wieder meinen Arm und legt seine Stirn an meine „Ich habe mir gedacht sie würde dir sicherlich gut stehen und es steht mein Name drin, da am Verschluss. Ich wünsche dir frohe Weihnachten Flo.“ Seine Stimme ist so leise, dass nur ich sie höre, er klingt ein wenig unsicher, aber auch das merke nur ich, denn er richtet sich nach ein paar Sekunden des Schweigens wieder auf und sagt laut in die Runde „ Frohe Weihnachten wünsche ich euch allen!“.
Ich falle ihm um den Hals und bin unheimlich dankbar, dass er endlich da ist.
Diese Geschichte findest du unter http://boyxboy.de/efiction//viewstory.php?sid=1194