Love, Peace and Happiness von alyssia (Abgeschlossen)
Inhalt: Die letzten Hinterbliebenen der Hippiebewegung überdauern die Zeit in Wohnwagensiedlungen unter ihresgleichen, leben in den Tag, verfolgen ihre Werte und Ziele.
Hannah ist ein Kind dieser letzten Generation. Sie bewohnt mit ihrer Mutter Gabi eine WG. Bis Gabi eines Morgens mal wieder spurlos verschwunden ist, damit beginnt für Hannah ein neuer Lebensabschnitt.
Genres: Reale Welt, F/F (Yuri)
1. Warnung: Zucker
2. Warnung: Keine
3. Warnung: Keine
Kapitel: 3
Veröffentlicht: 09/03/13
Aktualisiert: 04/01/14
Anmerkungen zur Geschichte:3 kurze Kapitel über Hannah und ihr Leben Lächelnd
LOVE
LOVE
Es war ein nebliger Morgen, an dem ich Elena das erste Mal begegnete. Ehrlich gesagt war ich auch noch recht verschlafen, aber als ich meinen Traum von Frau sah, war ich dann schlagartig wach.
Mystisch, mysteriös, kurvig und lange braune Locken.
Elena war wie aus dem Nichts plötzlich am Straßenrand aufgetaucht.
Wahrscheinlich hätte ich sie nicht einmal bemerkt, wenn ich mich nicht mit dem Fahrrad auf die Nase gelegt hätte.


Das war auf jeden Fall mal ein seltsamer Tag.
Morgens früh nach dem Aufstehen war meine Mutter schon ausgeflogen, wie so oft. Wir zwei wohnen allein und sie musste schon immer Vollzeit arbeiten gehen, um die Wohnung zu bezahlen. Heute, wo auch ich meinen Beitrag zahle, leistet sie sich mit dem Geld ein kleines bisschen Luxus.
Mein Vater ist schon lange, lange weg. Eigentlich war er nie da! Sie hatte ein wildes Leben früher, meinte meine Mutter meist nur, wenn ich als Kind nach meinem Vater gefragt habe. Er war ein Schwarzer mit langen Dreadlocks, vermutete sie, denn immerhin konnte ich meine Hautfarbe und die krausen Haare nicht von ihr haben. Auf einem Bild hat sie mir mal einen Mann gezeigt, den sie für meinen Vater hielt. John war sein Name. Mehr wusste sie selbst nicht!
Beziehung und Erziehung waren beides nicht so ganz ihr Ding, weshalb ich fast ohne Regeln aufwuchs. Wir lebten in einer Wohnwagensiedlung, wo jeder auf jedermanns Kinder aufpasste. Freie Liebe und so.
Naja, das ging alles problemlos, bis ich dann zur Schule musste. Dann hat Gabi eines Tages unsere Sachen gepackt und wir sind in diese Wohnung gezogen.
In der Schule hatte ich zu Anfang gehörige Probleme, ich hatte ja nie gelernt mich an Regeln zu halten. Doch ich gewöhnte mich dran und war sonst auch nicht dumm. Ich hab sogar ein Abi gemacht, allerdings nicht auf einer normalen Schule. Mit meinem Äußeren und unserem Lebensstil hatten die anderen Kinder so ihre Probleme und ich war nicht bereit mich anzupassen, hatte man mir doch mein Leben lang eingetrichtert, dass wir normal und die anderen spießig seien. Also schmiss ich die Schule aufgrund anhaltender Mobbings nach der zehnten Klasse hin. Später habe ich das bereut und dann alles nachgemacht.
Heute, wo ich erwachsen bin, leben Gabi und ich mehr wie Freundinnen zusammen, als wie Mutter und Tochter. Seit ich sechzehn geworden bin, wollte sie nicht mehr meine Mutter sein, sondern meine beste Freundin. Da habe ich dann angefangen, sie Gabi zu nennen, nicht mehr Mama.
Wir teilen uns, seit ich einen Job habe, die Miete, die Waschmaschine und den Kühlschrank. Eben mehr WG als Familienhaushalt.
Gabi arbeitet in einem Friseursalon speziell für Dunkelhäutige. Früher, in ihrer Jugend, hat sie mal von jemandem aus der Gruppe gelernt deren krause Haare einzuflechten.
Sie will nicht mehr zurück zu ihren alten Freunden in die Wohnwagensiedlung. Warum hat sie mir nie erklärt. Ich habe allerdings auch nicht besonders intensiv nachgeforscht, denn im Grunde ist es mir egal. Ich bin sowieso glücklicher hier.
Ich bin glücklich mit unserer angemalten Gemeinschafts-Ente, die immer dann zum Einsatz kommt, wenn wir mal etwas weiter fahren müssen. Ansonsten nehme ich eigentlich lieber das Fahrrad, um zur Arbeit oder sonst wo hin zu kommen.
Ich bin gelernte Floristin und arbeite bei einer Bekannten von Gabi. Anne hat einen Blumenladen und nebendran noch einen Bio-Hofladen, sodass sie noch jemanden brauchte, der jeweils im anderen Laden Kunden bedient und davon ein bisschen Ahnung hat. Den Gewinn teilen wir uns nach Abzug der Nebenkosten, wie Strom und Tierfutter, dann auf.
Auch wenn da nie viel bei rumkommt, es reicht zum Leben und dafür macht mir die Arbeit bei Anne Spaß. Sie ist sehr nett und fürsorglich und sie lässt mir meine Freiheit.
Ich bin glücklich damit und habe so viel Zeit zu malen. Manchmal hängt Anne auch mal eins meiner Bilder, das sie besonders gelungen findet, im Laden auf. Hin und wieder wird auch eins gekauft. Einmal ist sogar ein richtiger Galerist im Laden gewesen, der sich für meine Bilder interessiert hat. Er hat mir ein Angebot zukommen lassen, aber ich hab abgelehnt. Zu viele Verpflichtungen! Obwohl er meine Bilder sicher teuer verkauft hätte und ich damit viel Geld hätte verdienen können, habe ich nur einen ganz kurzen Moment überlegt zuzusagen, aber …
Ich bin halt lieber frei als reich. Ich bin eben viel lieber mein eigener Herr als jemand anderes Marionette.
Ich habe auch schon so meine Erfahrungen mit Drogen und Alkohol, das bleibt wahrscheinlich nicht aus, wenn man so aufwächst wie ich. Drogen gehörten in der Wohnwagensiedlung zum Alltag, hauptsächlich Gras, da hab ich eben auch etwas rumexperimentiert, an den Stoff rangekommen bin ich ja locker über alte Bekannte meiner Mutter, die hier ein und ausgingen.
Rebelliert habe ich auch. Wogegen wusste ich selber nicht so richtig, vielleicht gegen zu viel Freiheit. Einmal mit dreizehn bin ich jedenfalls für zwei Wochen einfach abgehauen und hab bei einer Freundin gewohnt. Gabi hat mich gelassen. Sie meinte, ich müsste meine eignen Erfahrungen machen. Als ich in der neunten Klasse kurzzeitig versuchte Spießer zu werden, damit die anderen mich endlich in Ruhe lassen, hat sie auch nichts gesagt. Der Versuch hat nicht mal ansatzweise funktioniert. Natürlich nicht, du bist eben wie ich, war Gabis einziger Kommentar, als ich nachts weinend zu ihr ins Bett gekrochen war, weil ich so anders war.
Ungefähr zeitgleich mit einer meiner Rebellionsphasen habe ich auch entdeckt, dass ich sowohl an Jungen, als auch an Mädchen gefallen finde. Bei einer meiner Drogeneskapaden bin ich mit beiden Geschlechtern gleichzeitig im Bett gelandet und fand es toll. Später habe ich dann noch weiter so meine Erfahrungen mit Männchen und Weibchen gemacht, wobei ich den Frauen eher zugeneigt bin. Ihre Körper sind einfach weicher, geschmeidiger und runder, im Allgemeinen einfach schöner anzufassen.
An besagtem Tag bin ich morgens ziemlich spät erst aufgewacht, die Nacht war sehr lang. In der Küche finde ich noch warmen Kaffee in der Kanne. Ein Zettel ist unter die Kanne geklemmt.
Mit dem Zettel in der Hand und einer Tasse Kaffee setze ich mich splitterfasernackt, wie ich bin, an den provisorischen Tisch auf dem noch Farbreste kleben und warte darauf, dass ich langsam richtig wach werde.
Der Zettel ist von Gabi. ‚Ich bin ein paar alte Freunde besuchen, weiß nicht, wann ich zurück komme. Viel Spaß!‘ steht da. Aha, sie ist also für länger weg, dann habe ich die Wohnung wohl für mich. Sowas kommt öfter vor. Wir sprechen wenig miteinander, leben eher aneinander vorbei. Da kommt es schon mal vor, dass wir uns mal eine Woche oder einen Monat gar nicht sehen.

Was ich allerdings in dem Moment noch nicht wusste war, dass wir uns für eine sehr lange Zeit nicht mehr wiedersehen würden.

Ich werfe einen Blick in den Kühlschrank und stelle fest, dass nichts mehr zu essen im Haus ist, außer ein paar langsam zu gammeln anfangenden Tomaten.
In der Kaffeedose finde ich noch Geld. Wir bewahren unser Haushaltsgeld immer in der Kaffeedose auf, es tut einfach jeder das rein, was er entbehren kann. Fünfzig Euro werden mehr als reichen um ein bisschen was einzukaufen.
Ich nehme das Geld an mich und laufe durch den Flur in mein Zimmer. Auf dem Weg werfe ich noch einen Blick in den Spiegel. Mir gefällt was ich sehe. Ein hübsches dunkelhäutiges Mädchen mit wilden Locken lächelt mir entgegen. Vor ein paar Tagen habe ich mir die Zöpfe aufmachen lassen und mich erst mal dafür entschieden die Haare offen zu tragen. Bei meinen Haaren ist das nicht schwer, sie behalten ihre Form auch wenn ich darauf schlafe. Wirklich glücklich bin ich mit meinem europäischen Einschlag, der dafür sorgt, dass meine Haare nicht ganz so drahtig sind wie die von anderen Afros und größere Locken haben.
Ich zwinkere mir selbst zu und schlüpfe in mein Zimmer.
Huch! In meinem Bett finde ich noch ein Überbleibsel von letzter Nacht. Ein Junge, vielleicht 20 Jahre alt, blond, miese Frisur, die Haaren sind viel zu lang für sein Gesicht. Er schläft tief und fest, also lasse ich ihn schlafen. Später, wenn ich die Wohnung verlasse, ist noch genug Zeit Dornröschen wach zu küssen und raus zu schmeißen.
Ich ziehe mir ein langes, weites Kleid mit einer Raffung um die Brust an. Unter dem Kleid schlüpfte ich noch in ein Höschen, auf dem Fahrrad muss unten ohne wirklich nicht sein. BH ist aber nicht nötig, dafür Holzperlenkette und Haarband um mein Outfit zu komplettieren. Konzentriert trage ich Schminke auf, Dornröschen lässt ein leises Grunzen hören und dreht sich auf die Seite. Ich blicke ihn an und schüttle den Kopf. Ah ja.
Auf der Suche nach meinen Schuhen streife ich durch die Wohnung, steckte eine Jutetasche ein, um meine Einkäufe später auch nachhause transportieren zu können.
Dann ist es Zeit Dornröschen aufzuwecken. Ich greife mir eine Vase mit Zierblumen, Gabi steht total auf sowas, entsorge die schrecklichen, künstlichen Blumen in den Müll und gehe zurück an mein Bett. Dornröschen liegt noch immer friedlich schlummernd und nackt quer im Bett. Ich trete neben seinen Kopf und kippe den Inhalt der Vase auf sein Gesicht. Ich weiß zwar nicht wofür Zierblumen Wasser brauchen, aber meinetwegen.
„Guten Morgen Dornröschen! Zeit die Biege zu machen. Hier sind deine Klamotten“, rufe ich laut, um direkt klarzustellen was Sache ist. Ich habe keine Lust zu diskutieren, von wegen Frühstück oder so. Ist eh nix da!
Keuchend sitzt Dornröschen augenblicklich aufrecht im Bett und sieht sich entgeistert um. Er hat gerade einen sehr unmännlichen Schrei ausgestoßen. Schwungvoll werfe ich ihm seine Kleidung zu, die ich eben schon zusammen gesucht habe. Dornröschen nimmt sie schweigend entgegen. Mit meinen Korksohlensandaletten bewaffnet verlasse ich diskret das Zimmer. Ich wusste doch, dass die irgendwo in meinem Zimmer liegen. Ich schließe die Tür hinter mir. Manche Männchen sind da ein bisschen empfindlich, obwohl sie mit mir geschlafen haben und ich sie doch schon nackt gesehen habe.
„Du hast fünf Minuten!“, sage ich durch die Tür. Dornröschen brummt nur zur Antwort. Offensichtlich nicht besonders gesprächig.
Ich frage mich, was ich mir bei dem nur gedacht habe. Bis auf die schmächtige, etwas androgyne Statur ist der gar nicht mein Typ. Haare zu lang, Augen zu blau und Gesicht zu spitz.
Kopfschüttelnd sitze ich auf der Anrichte in der Küche und ziehe mir die Schuhe über. Dornröschen lässt sich ganz schön Zeit. Ich gehe in den Flur und rufe: „Dornröschen?“ Er steckt den Kopf aus meiner Tür. „Jordan!“, berichtigt er mich.
„Schön für dich, ich will los. Komm in die Puschen!“ Sorry, fünf Sterne waren nicht gebucht.
Ungeduldig stehe ich im Flur. Endlich kommt auch Dornröschen, äh Jordan, aus meinem Zimmer.
„Endlich“, murre ich und halte ihm die Tür auf. Er schleicht an mir vorbei nach draußen, ich nehme mein Tasche und Schlüssel vom Haken neben der Tür und gehe ihm nach. Das Haushaltsgeld verstaue ich in meinem Geldbeutel.
Unten im Hausflur drückt sich Dornröschen an der Tür herum. „Is auf“, sage ich knapp in der Annahme, dass er darauf wartet, dass ich ihn herauslasse. Doch er geht nicht.
Als ich mein Fahrrad aufgeschlossen habe, steht er noch immer da. Ich sehe ihn fragend an.
„War noch was?“, setzte ich hinterher. Er sieht mich schüchtern an. Ich warte, dass er den Mund aufkriegt.
„Ehm… also“, druckst er unangenehm berührt herum.
„Jah?“, fordere ich eine Antwort. Was hat er denn? Ich hab ihm, soweit ich mich erinnern kann, gestern Nacht nichts versprochen, was ich noch nicht eingelöst habe.
„… also sehen wir uns nochmal?“ würgt er hervor.
Sehen? Nochmal? Warum das denn? Das sage ich auch.
Dornröschen versetzt mir einen enttäuschten Blick und verschwindet nach draußen. Eigentlich stehe ich, wenn überhaupt, dann auf ältere Männer, jetzt weiß ich auch wieder warum.
Schlußanmerkungen zum Kapitel:
PEACE
PEACE
Als Dornröschen abgezogen ist, klappe ich den Seitenständer des Fahrrads hoch und schiebe es nach draußen. Das Rad ist noch ein Überbleibsel aus meiner Kindheit. Das letzte Geburtstagsgeschenk von meiner Mutter an mich, bevor sie meine Freundin wurde. Gabi hat das Rad für mich selbst bemalt, weiß mit rot-orangenen Ranken und blauen Radkappen. Ich liebe dieses Rad heiß und innig. Liebevoll flicke ich auch jeden Katschen im Lack, weil dieses Rad mich schon heil durch so manche Eskapade gebracht hat.
Draußen scheint wundervoll warm die Sonne. Mitte Juni darf man das auch erwarten. Wohlig genieße ich die Wärme auf meiner Haut. Noch so ein Vorteil, den mir mein Vater vermacht hat, ich bekomme mit meiner dunklen Haut keinen Sonnenbrand. Es sei denn, ich sitze stundenlang gänzlich ungeschützt in der direkten Mittagssonne.
Vorsichtig schiebe ich das Rad über den Hof. Frau Maier, unsere Nachbarin, ist gerade dabei Unkraut zu jäten. Ich bleibe stehen und grüße die ältere Dame höflich. Sie lächelt mich aus ihrem faltigen Gesicht an.
„Guten Tag Mädchen. Geht’s dir gut?“, fragt sie mütterlich. Frau Maier ist sowas wie meine selbstgewählte Oma. Wenn ich mal Probleme in der Schule hatte oder wütend auf Gabi war, bin ich immer zu ihr gegangen. Damals war sie noch wesentlich jünger, zumindest optisch. Seit ihr Mann vor zwei Jahren verstorben ist, ist Frau Maier plötzlich um Jahre gealtert. Wenn ich früher bei ihr war, hat sie mich, wenn ich Kummer hatte, immer auf ihr Sofa gesetzt, mir Cookies und einen Kakao gebracht. Dann hat sie sich neben mich gesetzt, den Arm um mich gelegt und mich aufgefordert, ihr alles zu erzählen. Ich habe ihr oft mein Herz ausgeschüttet, über meine Mutter und das ganze Mobbing.
Mädchen, hat sie oft gesagt, was dich nicht umbringt, macht dich stärker.
„Mir geht es gut. Es ist so ein herrliches Wetter“, beantworte ich ihre Frage. „Und Ihnen, Frau Maier?“
„Mir Kindchen? Die Knochen wollen nicht mehr so recht, aber das weißt du ja“, meint sie gutmütig. „Ich wünsche dir einen schönen Tag, Schätzchen!“
„Ich Ihnen auch, Frau Maier.“
Beschwingt schiebe ich das Rad auf die Straße und schließe das Haupttor hinter mir. Frau Maier winkt mir ein letztes Mal zu. Ich winke zurück und steige auf mein Rad.
Kräftig antretend radle ich in Richtung Innenstadt.
Mein Weg führt einen holprigen Feldweg entlang. Weit vor mir geht eine Person zu Fuß entlang des Grases, welches den Rand säumt. Ich kneife die Augen zusammen und versuche zu erkennen, ob ich den Fußgänger kenne oder schon mal hier gesehen habe. Aber ich kann ihn nicht genau erkennen.
Das letzte Stückchen geht bergab. Bremsend, um nicht mit vollem Schwung auf den unebenen, staubigen Weg zu fahren, biege ich auf den Feldweg ein. Ich könnte auch über die Straße in die Stadt fahren, aber den Weg über Land finde ich schöner.
Die Federn des Rads sind schon etwas eingerostet, sodass ich während der Fahrt ordentlich durchgeschüttelt werde.
Nach einem kurzen Stück in der Sonne tauche ich in den Schatten eines kleinen Wäldchens ein. Die Person vor mir habe ich aus den Augen verloren, obwohl sich meine Augen schnell an das trübe Licht gewöhnen.
Geblendet zucke ich beim Verlassen des kurzen Waldstücks zusammen. Heftig blinzelnd versuche ich mich auf den Weg zu konzentrieren, meine Augen tränen von der plötzlichen Helligkeit. Hätte ich mir doch die Sonnenbrille aufgesetzt, anstatt sie nur in der Tasche bei mir zu tragen. Egal, jetzt ist das Kind schon in den Brunnen gefallen. Mit einer Hand lasse ich den Lenker los und wische mir über die Augen, als passiert, was passieren muss.
Ich sehe wieder auf und plötzlich steht eine Person direkt vor mir. Ich versuche noch zu bremsen, aber viel zu spät.
Ich fahre direkt und kaum gebremst in die Person vor mir hinein. Es scheppert, ich kneife die Augen zu, während ich vorne über falle und dabei jemanden mit zu Boden reiße.
Unsanft krache ich auf den steinigen Boden und fasse mir an den schmerzenden Arm, auf dem ich aufgeschlagen bin. Neben mir stöhnt jemand nicht minder mitgenommen. Ich richte mich in eine sitzende Haltung auf und begutachte die lange Schramme an meinem linken Arm. Blut sickert aus ihr hervor. Vorsichtig betaste ich die Verletzung und entferne hängengebliebene Steinchen.
„Scheiße. Aua“, murmle ich mehr zu mir selbst. Neben mir raschelt es, doch ich bin gerade zu sehr mit mir selbst beschäftigt. Tut das weh!
„Geht’s denn?“, fragt eine andere Stimme, eindeutig weiblich.
Ich sehe nach. Mein Blick trifft zuerst auf ausgelatschte rote Converse, wandert an einer zerrissenen Jeans entlang, die ein blutiges Knie freigibt, hinauf zu einer vorher mal weißen Tunika. Lange braune Locken fallen dem, wie ich feststellte, außergewöhnlich hübschen, jungen Mädchen über die Schulter. Sie lächelt mich an und hält mir die Hand entgegen.
„Tut mir leid!“, beteuere ich, bevor ich ihre Hand ergreife und mich hochziehen lasse. „Ich hab dich nicht gesehen.“
Ich klopfe mir umständlich den Dreck vom Kleid und sammele meine verstreuten Habseligkeiten wieder ein. Ich hätte wirklich einen Reißverschluss an die Tasche nähen sollen.
„Macht nichts“, meint mein Opfer und reicht mir die Hand. „Ich bin Elena.“ Sie strahlt.
Einen kurzen Moment verliere ich die Fassung. So ein Lächeln habe ich noch nie gesehen. Sie lächelt strahlend, wie die Sonne, und ich weiß gar nicht wie mir geschieht. Ich ergreife ihre Hand und unterziehe sie einer genaueren Musterung. Hübsch, außergewöhnlich hübsch und diese Haare. Sie müssen mindestens hüftlang sein.
„Hannah!“, antworte ich und unterbreche mein Starren. „Sorry nochmal. Tut's sehr weh?“, frage ich und zeige auf ihr Knie.
„Nö, ist schon in Ordnung und die Jeans sieht so viel besser aus!“
„Wo kamst du denn so plötzlich her?“, frage ich verwundert, ich hatte sie wirklich nicht gesehen, dabei hätte sie im Wald vor mir sein müssen.
„Ich war die ganze Zeit da! Ich schwöre“, grinst sie und hält zwei Finger in die Luft. „Ich war die ganze Zeit an Straßenrand.“
Dieses Grinsen lässt mein Gehirn aufweichen. Um dem zu entgehen, raffe ich mit einer Hand mein Kleid und ziehe mit der anderen das Rad am Lenker hoch. Elena beobachtete mich, ohne mir zu helfen. Mühsam hieve ich das Rad hoch.
„Kann… kann ich ein Stück mitkommen?“, fragt sie, plötzlich schüchtern geworden. Ich wende mich ihr zu und nicke achselzuckend.
„Klar. Du kannst natürlich jetzt auch zehn Minuten stehen bleiben, bis ich einen Vorsprung habe und dann loslaufen, aber mir wär's auch recht, wenn wir zusammen gehen!“ Das ist ja ohnehin fast unvermeidlich und jetzt wieder aufs Rad zu steigen und loszufahren, würde ich bei dem Gestein eh nicht schaffen, ohne sofort wieder hinzufallen, also ist sowieso schieben angesagt.
„Cool, ich wohn nämlich noch nicht so lange hier. Erst ein paar Tage und ich kenn mich nicht so aus…“, erklärt sie.
Aha, deshalb habe ich sie noch nie gesehen, denn aufgefallen wäre sie mir garantiert. Sie ist genau mein Typ. Sie ist unbeschreiblich. Wunderschön, Natürlich.
„Dann mal los! Willst du denn wo bestimmtes hin?“
Mit der linken greife ich den Lenker meines Fahrrads, mit der rechten raffe ich mein Kleid und stapfe los. Elena holt schnell auf. Sie hat es mit den Jeans und Chucks wesentlich einfacher zu laufen, als ich mit meinen Keilabsätzen und dem langen Kleid. Das merkt sie auch. Kurz beobachtet sie mich, zögert, dann fragt sie mich doch: „Soll ich das Rad schieben, dann kannst du dich aufs Laufen konzentrieren, nicht das du mir wieder hinfällst.“ Neckisch grinst sie mich an und greift einfach nach dem Rad. Ich bin erstaunt und geschmeichelt, gebe das Rad aber gerne ab.
„Danke“, sage ich und habe nun die andere Hand frei, um mich auszubalancieren.
Wir tauschen die Plätze und mir fallen eine Menge Fragen ein, die ich auf dem Weg in die Stadt noch klären will.
„Wo wohnst du denn?“, frage ich. Elena dreht sich leicht zu mir.
„Ein Stückchen von hier, in so einer Wohnwagenkolonne“, erklärt sie und wedelt unbestimmt mit einer Hand in die Richtung aus der wir kommen. Sie bannt meine Aufmerksamkeit nun noch mehr. Freudig steige ich auf die Information ein.
Ohne sie dabei aus den Augen zu lassen, erzähle ich ihr von meiner Kindheit. Ein Wunder, dass ich nicht schon wieder hinfalle.
„Ich bin auch in einer Wohnwagensiedlung aufgewachsen, allerdings nur bis ich sechs war und zur Schule musste, da bin ich mit Gabi,… meiner Mutter,… hierher gezogen und seitdem wohnen wir hier.“
„Echt?“ Elena mustert mich von oben bis unten, ich weiche ihrem Blick nicht aus. Es gefällt mir, wie sie mich ansieht. „Ich hab die Schule nach der siebten hingeworfen, war nix für mich. Ich hab dann ne Ausbildung zur Schneiderin gemacht, bei Bella, einer aus der Gruppe. Das liegt mir eher.“ Freizügig erzählt sie von sich und ich lausche gebannt. „Naja, und weil wir auf dem Platz, wo wir bisher waren, leider nicht bleiben konnten, die wollen da so ein grauenhaftes kapitalistisches Verbrechen von Einkaufzentrum hin bauen, sind wir jetzt hierhergezogen und sind auf einem ehemaligen Fabrikpark untergekommen.“
Ich nicke fleißig und werfe ihr immer wieder bewundernde Blicke zu, die ich nun wirklich nicht unterdrücken kann. Je länger ich neben ihr hergehe, desto anziehender wird sie für mich. Wir teilen dieselben Ansichten und blühen in unserer Freiheit auf, die wir beide nicht missen wollen.
Lange gehen wir redend nebeneinander her, bis die Straße wieder in Sicht kommt.
Die letzten Meter legen wir schweigend zurück, angenehmes Schweigen, bis ich stehen bleibe. Verwundert bleibt auch Elena abrupt stehen. Am liebsten würde ich ja noch weiter mit ihr gehen, aber ich muss wirklich langsam was essen, mein Magen knurrt schon.
„Also ich will in die Stadt, ich muss noch ein bisschen was besorgen! Also muss ich hier wieder auf die Straße. Ich würde dir raten, gleich links und dann wieder links zu gehen, dann kommst du auf schönerem Weg auf die Straße zurück. Von da findest du ja sicher den Weg.“ Es ist mir irgendwie unangenehm, sie hier stehen zu lassen. Aber sie lacht mich nur an und überlässt mir mein Fahrrad wieder.
Dann steht sie da, die Hände hinter dem Rücken.
„Es war wirklich schön mit dir Hannah, …vielleicht willst du mich ja mal besuchen kommen.“ Ich ziehe die Brauen hoch, setze gerade zu einer Antwort an, da schnellt Elena vor und küsst mich. Blitzschell, aber zuckersüß, direkt auf die Lippen. Ehe ich reagieren kann, hat sie sich schon zurückgezogen, umgedreht und ist weiter gelaufen.
Ich stehe da, wie vom Blitz getroffen, wobei das auch irgendwie stimmt, und schüttle kurz den Kopf. Ich wende mich ab und schiebe das Rad umständlich über den Grünstreifen auf den Bürgersteig. Zeitgleich drehen wir uns noch einmal um. Sie winkt mir zu und strahlt.
Ich selbst kann nur plump zu ihr hinübersehen und mich wundern.
Was war das denn jetzt?
Wir kennen uns 5 Minuten und sie fällt so frech über mich her.
Aber mache ich das sonst anders?
Grübelnd steige ich aufs Rad und radle das letzte Stück bis zum Bioladen. Das gerade muss ich jetzt zuerst mal verdauen und so, wie es sein muss, geht Elena mir nicht aus dem Kopf. Ihr Lächeln strahlt hinter mir her, wie ein Spotlight.
Ich frage mich, was der Tag mir noch bringt.
Im Bioladen begegne ich Anne und Olli, Annes Sohn. Die beiden liegen sich mal wieder in den Haaren, denn Anne ist Typ Öko und Olli Typ Bänker. Ihr Lieblingsthema: Einnahmen-Ausgaben-Bilanz.
Sobald sie mich bemerken, verstummen sie und Olli rauscht grußlos an mir vorbei. Sowas unfreundliches! Normalerweise würde ich mich darüber ärgern, aber ich bin gerade so berauscht, dass ich das nicht kann! Ich schwebe regelrecht in den Laden. Anne mustert mich besorgt.
„Hannah, geht’s dir gut?“, fragt sie misstrauisch „Bist du high?“
Ich blinzle sie an und kann mir ein Grinsen nicht mehr verkneifen.
„Wie man's nimmt!“, kichere ich süffisant, werde dann aber ernst. „Nein. Ich bin nicht drauf. Ich habe damit aufgehört, hab ich dir doch versprochen! Aber sowas ähnliches…“ Ich zwinkere ihr zu. Annes Sorge berührt mich, aber sie liegt gänzlich falsch mit ihrer Vermutung.
„Ich will einkaufen!“, stelle ich klar.
„Okay! Was darf es sein?“, fragt Anne geschäftig.
„Kartoffeln, Eier, Milch und Müsli“, zähle ich auf. „Was hast du so an Gemüse da?“
Ich bin aus Überzeugung Vegetarierin, habe sogar mal vegan versucht, allerdings war das nichts für mich! Das war wirklich zu viel des Guten.
„Ich habe im Moment Paprika, Kohlrabi, Fenchel und Spinat da. Und ich habe wieder Erdbeeren!“ Sie hält mir eine kleine Schale Erdbeeren unter die Nase, der ich wirklich nicht widerstehen kann.
„Gut, dann nehme ich noch Spinat, Fenchel und Kohlrabi und natürlich von den Erdbeeren. Für eine Person jeweils!“
Anne dreht sich zu mir herum und zieht die Nase kraus.
„Ist sie schon wieder weg?“, fragt sie missbilligend. Ich nicke nur und sehe mir einen Fenchel genauer an. Schön frisch.
„Passiert in letzter Zeit öfter, oder bilde ich mir das ein?“ Anne mag es nicht, wenn ihre alte Freundin plötzlich verschwindet und niemand weiß wohin. Mir ist es egal, sie lässt mir meinen Freiraum und ich lasse ihr ihren. Also zucke ich zur Antwort nur die Schultern.
Anne sagt zu dem Thema nichts mehr, sondern packt meine Einkäufe in die mitgebrachte Tasche.
„30 Euro bekomme ich dann!“
Ich zahle, verabschiede mich und mache mich anschließend auf den Weg nachhause. Diesmal nehme ich die Straße, noch so eine mysteriöse Begegnung halte ich glaube ich im Kopf nicht aus.
Ich grüble ja jetzt noch über die erste an diesem Tag nach und ich überlege dabei ernsthaft, heute noch mal los und zu Elena zufahren. Aber diese Entscheidung verschiebe ich auf einen Zeitpunkt, an dem ich einen vollen Magen habe!
Denn ich hab seit dem Aufstehen außer dem Kaffee noch nichts zu mir genommen.
Schlußanmerkungen zum Kapitel:
HAPPIENESS
Anmerkungen zum Kapitel:Das Ende Lächelnd
Ich glaube ich schreibe noch eine Geschichte von der Art, aber später Zwinkernd
HAPPINESS
Mit knurrendem Magen schiebe ich mein Fahrrad zurück in den Hausflur und schließe es ab. Ich muss jetzt echt was essen.
Mit den Lebensmitteln im Arm stapfe ich hoch in die Wohnung. Beim Eintreten lausche ich auf Geräusche. Nichts, also ist Gabi noch nicht wieder aufgetaucht.
Erschöpft kicke ich meine Schuhe in die Ecke und stelle die Einkäufe auf den Malertisch, der uns als Küchentisch dient.
Zuerst räume ich die Milch und die Eier in den Kühlschrank, damit sie bei dem warmen Wetter nicht verderben und schütte dann Kaffee auf. Während das dunkle Gebräu in die Kanne tröpfelt, setze ich Wasser auf und beginne die Kartoffeln zu schälen. Die Schalen landen in einer Papiertür, die ich dann zweimal die Woche mit zu Anne nehme. Die Hühner und Schweine freuen sich drüber und es ist besser als die Schalen wegzuwerfen!
Das Wasser kocht und ich werfe die Kartoffeln hinein. Den Fenchel wasche ich ordentlich mit Wasser ab und blanchiere ihn dann in der Pfanne. Inzwischen ist der Kaffee auch durchgelaufen. Ich gieße mir eine Tasse ein und püriere dann die Kartoffeln mit Hilfe eines Kartoffelstampfers und ein bisschen Krafteinsatz.
Mit einem Teller Kartoffel-Fenchel-Püree und der Tasse Kaffee setze ich mich auf die Fensterbank. Gabi hat die extrabreite Fensterbank direkt in nach unserem Einzug mit Schaumstoff ausgelegt und dann mit Blümchenstoff verkleidet. Es ist super gemütlich mit dem Rücken zur Sonne hier zu sitzen, die Füße auf dem Heizkörper abgestellt.
Das Radio klimpert im Hintergrund Kaiser Chiefs. Zugegeben, ‚Ruby‘ ist eins meiner Lieblingslieder. Ein perfekter Moment. Unbewusst wippe ich im Takt mit den Füßen.
Endlich bekomme ich etwas in den Magen. Hungrig schaufle ich das Püree in mich hinein und spüle den letzten Rest mit Kaffee runter. Das übriggebliebene Essen verpacke ich in Plastikdosen und stelle es in den Kühlschrank, um es heute Abend aufwärmen zu können.
Das restliche Gemüse lege ich in einen Korb auf der Anrichte.
Mit den Erdbeeren habe ich schon Pläne. Genüsslich verarbeite ich die gewaschenen Beeren zu Vierteln und streue ordentlich Zucker darüber, das Ganze stelle ich in den Kühlschrank. Wenn der Zucker erst so richtig mit dem Erdbeersaft vermischt ist, wird das richtig lecker. Gezuckerte Erdbeeren sind das Sommeressen überhaupt.
Ich entscheide mich für eine Dusche und anschließend eine ordentliche Mütze Schlaf, die Nacht war doch sehr kurz. Genießerisch räkle ich mich, bei offenem Fenster, im Bett. Die Sonne bescheint genau eine Hälfte meines Doppelbettes. So lässt es sich Leben!
Als ich mich dazu durchringe wieder aufzustehen, ist es bereits fünf Uhr am Abend. Elena drängt sich energisch zurück in meine Gedanken. Diese hübsche, natürliche, mysteriöse Frau, die mir von jetzt auf gleich den Kopf verdreht hat. Ich versuche mich abzulenken, indem ich erst den Rest des Mittagsessens warm mache und dann das Geschirr sogar per Hand spüle, aber sie folgt mir unablässig.
Sie hat gesagt, ich sollte sie besuchen kommen, nachdem sie mich so frech geküsst hatte.
Der Kuss, dieser süße, kesse, kleine Kuss prickelt noch immer auf meinen Lippen, wie Sekt. Aufregend. Und dann dieser Körper, schlank und zart, kaum verhüllt von der weißen Tunika. Wenn ich genau drüber nachdenke, hätte ich wahrscheinlich alles darunter sehen können, hätte ich genau hingeschaut. Ein seufzen entweicht meinen Lippen und meine Gedanken verselbstständigen sich mal wieder.

Was würde ich wohl tun, wenn ich mit ihr im Bett landen würde?

Wie würde es sein mit ihr zu schlafen?

Wie würde sie sich anfühlen?

Ihr Körper?

Ihre Haare, wenn sie sich über unsere nackten Körper ergießen?

Diese Fragen sind es letztendlich, die mich aus dem Haus treibt. Keine Chance, ich muss es herausfinden!

Ich laufe ins Schlafzimmer und mache mich zurecht. Ich bin Öko, aber nicht uneitel und kann es nicht verstehen, wie Frauen wie Anne so schlabbrig rumlaufen können. Man kann doch umweltbewusst sein ohne wie eine Vogelscheuche auszusehen!
Vor dem Ganzkörperspiegel entscheide ich mich für ein selbstgenähtes weißes Top in Batik-Optik und Hotpants aus rotem Leinenstoff, dazu die Schuhe von heute Morgen und ein blümchengemustertes Tuch gefaltet als Kopftuch, um die Haare zu bändigen. So gefalle ich mir.
Ich werde die Erdbeeren mitnehmen, damit ich nicht einfach grundlos und mit leeren Händen bei ihr erscheine. Wer weiß, vielleicht komme ich ja auf den Geschmack, quasi back to the roots. Zurück in den Wohnwagen. Gabis alter Bauwagen steht noch auf dem Hof und ist von uns gut instandgehalten worden.
Eine seltsame, fedrige Leichte erfüllt meinen Bauch, mir wird ganz heiß und obwohl ich nicht so ganz genau weiß, wo der alte Fabrikpark ist, habe ich so richtig Lust einfach drauflos zu suchen. Die ungefähre Richtung kenne ich.
Aufgeregt laufe ich giggelnd durch die Wohnung, bis ich mir alles zusammen gesucht habe, was ich brauche. Als letztes nehme ich meine Tasche an mich und schiebe die Schale mit den Erdbeeren hinein, dazu noch Geldbörse, Handy und Schlüssel. Auf dem Weg runter in den Hausflur versuche ich, mich selbst wieder ein wenig runter zu bringen und aufzuhören, ständig zu kichern anzufangen. Wenn mir so jemand begegnet, bringt der mich ja direkt in die Klapse. Tief durchatmend unterdrücke ich das heiße, aufgeregte Blubbern in meinem Bauch. In der ersten Etage fällt mir plötzlich Frau Maier ein, sie weiß garantiert, wo der Fabrikpark liegt. Sie lebt schon über fünfzig Jahre hier und kennt sich aus. Ich bleibe vor ihrer Tür stehen und klopfe vorsichtig an die Holztür zu Frau Maiers Wohnung.
Die alte Dame scheint nur darauf gewartet zu haben, dass endlich jemand klopft und öffnet sofort.
„Hach Schätzchen. Hallo! Ist alles in Ordnung?“, fragt sie forschend, als sie mich erblickt.
„Ja, alles gut, ich habe nur eine Frage!“, beruhige ich sie „Darf ich rein kommen?“, frage ich noch hinterher.
„Natürlich…. Natürlich!“, antwortet sie und gibt die Tür frei. Ich trete ein.
„Setz dich!“, meint sie und weist auf die Eckbank. Sofort komme ich dem Angebot nach. Frau Maier setzt sich mir gegenüber an den Tisch.
„Du bedienst dich, nicht?“, stellt sie gutmütig fest und zeigt mit der Hand auf eine Flasche Wasser und mehrere Gläser, die immer auf dem Tisch stehen. „So mein Kind, jetzt erzähl mal, weshalb bist du hier?“
Ich hole tief Luft und erzähle in der Kurzfassung, wen und was ich suche. Frau Maier weiß natürlich Bescheid und erklärt mir den Weg. Gar nicht so schwer zu finden. Einfach die Straße rauf und zwei Mal rechts halten, dann einfach dem Weg folgen, bis es irgendwann links auf ein verlassenes Grundstück geht. Das werde ich sicher finden.
Motiviert bis in die Haarspitzen stehe ich auf und bedanke mich bei Frau Maier, die den Dank wissend abweist.
„Nichts zu danken. Viel Spaß Kind!“, ruft sie mir hinterher.
Ich schließe mein Rad auf und schiebe es auf die Straße, von dort folge ich Frau Maiers Beschreibung. Tatsächlich komme ich bald in eine etwas verlassenere Gegend und halte Ausschau nach Menschen.
Langsam fahre ich einen mit Schlaglöchern gespickten, alten Zufahrtsweg entlang, doch nirgendwo ist jemand zu entdecken.
Komisch, denn eigentlich müsste ich schon lange an dem Grundstück vorbei gekommen sein. Vielleicht bin ich schon vorbeigefahren, denn den Weg entlang ist alles dicht mit Gestrüpp zugewuchert. Ich bremse und sehe mich genauer um. Von irgendwo her höre ich Kinder, allerdings kann ich bei bestem Willen nicht einschätzen, von wo die Geräusche kommen und darauf, mich wahllos ins Gebüsch zu schlagen, habe ich nun wirklich keine Lust.
Resigniert steige ich vom Rad und versuche, durch in die eine oder andere Richtung laufen die Geräusche zu orten, aber ich bin keine Fledermaus und letztendlich kurz davor aufzugeben, als mich plötzlich jemand anspricht.
„Kann ich dir helfen?“, fragt jemand, der mir sogleich die Hand auf die Schulter legt. Erschrocken wirble ich herum und reiße mich los. Erst mit einem Meter Sicherheitsabstand sehe ich mich um. Eine blonde Frau in sehr bunter, eindeutig selbstgeschneiderter Kleidung und Perlenschmuck steht ein wenig irritiert vor mir. Sie sieht mich forschend an.
„Ich heiße Bella! Also, kann ich helfen? Wo willst du hin? Du siehst ziemlich verloren aus.“ Sie hat eine sehr entwaffnende Art an sich, die mich an Gabi erinnert und mich sofort beschwichtigt. Meine Abwehrhaltung verfliegt und ich druckse kurz unbeholfen herum, ehe ich einfach mit der Sprache herausrücke.
„Ich kenne Elena und suche sie, sie hat mich eingeladen!“
„Elena? Achja. Elena, unsere kleine Zaubermaus. Na dann komm mal mit. Hier kommt man nirgendwo durch!“ Bella geht wie selbstverständlich vor und scheint zu erwarten, dass ich ihr folge. Ich schwinge mich auf mein Rad und fahre langsam hinter ihr her.
Sie führt mich um eine Biegung und einen Trampelpfad entlang, dann erstreckt sich vor mir die Welt meiner Kindheit. Kreuz und quer, aber doch mit Ordnung, liegt vor mir eine Bauwagenwelt. Dazwischen Menschen, vor allem Kinder.
Bella führt mich am Arm mitten hinein und ich fühle mich sofort wie zuhause, die Leute sind einfach freundlich.
Hinter mir ertönt eine Stimme, die mein Herz rasen lässt.
„Hannah!“, schreit Elena und stürzt sich von hinten auf mich. Ich schwanke, als sie auf meinen Rücken springt. „Ich freu mich, dass du gekommen bist. Ich hatte so gehofft, dass du kommst!“, flüstert Elena in mein Ohr und eine Gänsehaut jagt mir über den Körper. Ihre langen Locken wallen über mich hinweg und schließen uns in einem Schleier ein. Taumelnd drehe ich mich mit ihr im Kreis, dann gleitet sie von meinem Rücken.
„Komm, ich zeige dir alles!“ Und das tut sie, mir alles zeigen. Wir laufen gemeinsam über den Platz und sie stellt mir beinahe jeden mit Namen vor und jeder bietet uns etwas zu essen oder zu trinken an.
Bis es langsam dunkel wird, laufen wir umher und Elena plaudert dabei munter ihre eigene Lebensgeschichte und die der anderen heraus.
Als die Sonne bereits untergegangen ist, fallen mir plötzlich siedend heiß die Erdbeeren ein, die schon seit Stunden in meiner Tasche sind. Hoffentlich sind sie nicht verdorben. Ich greife nach Elenas Arm.
„Lass uns zu dir gehen, ich hab Erdbeeren mitgebracht. Die hab ich total vergessen!“
„Echt? Lecker, geil! Komm, komm, komm!“ Überschwänglich zerrt sie mich mit zu ihrem Wagen. Lachend fallen wir durch die Tür und Elena hat schneller Gabeln hervorgezaubert, als ich die Erdbeeren herausholen kann.
Sie strahlt mich an, als ich den Deckel abziehe. Die Beeren scheinen noch gut zu sein.
Elena setzt sich mit den Gabeln in der Hand auf die Sofabank und klopft energisch neben sich.
Ich nehme Platz und das Schicksal nimmt seinen Lauf. Elena händigte mir eine Gabel aus und wir langen genüsslich zu. Sie blödelt rum und ich lache herzlich. Plötzlich sieht sie mich eindringlich an.
„Du bist hübsch!“, sagt sie ebenso plötzlich und als sei es selbstverständlich. Erschrocken hebe ich den Kopf und starre sie an. Das letzte Stück Erdbeere flutscht mir aus dem Mund, als ich ein bisschen zu schrill zu lachen anfange. Es rutscht über mein Kinn und meinen Hals davon. Ehe ich es aufhalten kann, hat Elena meine Hände aufgehalten. Ich sehe auf, direkt in ihren glühenden Blick. Ihre Augen halten meine gefangen.
Ich muss schlucken und lasse die Hände sinken. Elena kommt immer näher, ich kann mich nicht mehr rühren, nur abwarten was passiert. Ihr Mund berührt meinen Hals. Sie saugt das Stückchen Erdbeere von meinem Schlüsselbein und arbeitet sich langsam zu meinem Mund hoch. Ihre Zunge schiebt sich vorsichtig, aber nachdrücklich in meinen offenen Mund, auf ihr das Stück Erdbeere. Der Geschmack nach Erdbeeren, gemischt mit ihrem Eigengeschmack berauscht mich.
Jetzt gibt es kein Halten mehr. Ich schiebe grob die Gabeln und die leere Schale weg, sauge tief die Luft ein. Mit beiden Händen greife ich nach Elenas Hüften und ziehe sie auf mich. Mit ihr zusammen lasse ich mich zurückfallen. Elena lehnt sich über mich und zieht mir das Tuch vom Kopf, mit beiden Händen fährt sie in meine Haare und spielt mit den Locken. Fasziniert beobachte ich ihr Gesicht, sie ist plötzlich ganz abwesend. Die Situation kühlt wieder etwas ab, mein Puls sinkt langsam wieder. Doch dann kehrt Elena schlagartig ins Hier und Jetzt zurück und schiebt mir gierig das Shirt hoch. Ich genieße ihre zarten, forschenden Finger auf meiner Haut. Sie verursachen eine erregte Gänsehaut, die mich leise keuchen lässt.
Ihr Stimmungswechsel reißt mich mit, ich bin bereit ihr durch jede ihrer Facetten von Abwesenheit über Erregung und Verlangen bedingungslos zu folgen. Sie ist für mich anziehend und interessant. Ich will alles von ihr wissen, will alles an ihr kennenlernen und hier fangen wir damit an.
Elena drückt sich hoch und strahlt mich an, dabei lässt sie keine Sekunde von meinem Körper.
„Das wollte ich heute Morgen schon tun!“, keucht sie, küsst mich wieder und zieht mir das Shirt über den Kopf.


Drei Wochen später war Gabi noch immer nicht wieder da. Ich hinterließ einen Zettel, dass ich für eine längere Zeit weg wäre. Sie sollte sich keine Sorgen machen, ich hätte jemanden kennengelernt!
Elena und ich brannten durch und reisten gut ein Jahr einfach nur durchs Land, ehe wir zurückkehrten, um noch einmal ganz von vorn anzufangen und diesmal alles nochmal ganz anders zu machen!
Schlußanmerkungen zum Kapitel:
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