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Veröffentlicht: 16/06/13 Aktualisiert: 30/06/13
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Anmerkungen zum Kapitel
Eine kurze Fabel über die Erkenntnis, dass Freundschaft stärker sein kann, als eine vergangenen Liebe.
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1. Die Suche nach Namam

Der Wunsch des Tigers

Es war einmal vor langer Zeit, da traf der kleine Elf auf seinem Weg einen recht trübsinnigen Tiger.
Der Elf versuchte zu ergründen, warum der Tiger so traurig war. Oft erleuchtete er sein Gemüt mit glitzerndem Lachen und funkelndem Elfenstaub, und das erfreute den Tiger. Doch der Wunsch des Tigers drang immer wieder zwischen ihre mal lustige, mal gemütliche oder sogar mal zärtliche Zweisamkeit hindurch, in denen sie sich gegenseitig die Ohren kraulten.

Feiner glitzernder Staub wehte von den Büschen. Hüpfend gelangte der kleine Elf von Blatt zu Blatt, die Arme hinter den Rücken gelegt. Seine schimmernden Flügel bewegten sich kaum, denn er wollte nicht fliegen, er begleitete den Tiger auf seinem Weg.
Der Tiger war stark und mächtig, doch der Zahn der Zeit nagte an ihm. Einzelne Haare in seinem Fell waren bereits weiß und manchmal zwickte es ihn hier und dort. Noch immer waren seine Zähne lang und spitz, allerdings war es ihm nicht mehr möglich, einen feinen Spinnenfaden mit den Eckzähnen zu zerteilen.
„Elf“, sagte er, „Bin ich alt?“
„Oh, großer Tiger, nicht so alt wie der König am Berg und auch nicht so alt wie der Baum am Wasserfall.“
„Elf, muss ich bald sterben?“
„Oh nein, du bist noch jung.“
Und so gingen sie weiter durch den wilden Wald, streiften um Würgepflanzen, dichte Farne und lange dünne Palmwedel. Der glitzernde Elf hüpfte von Zweig zu Blatt, verstreute funkelnden Staub und erfreute sich an der Wärme der Sonne. Dann wieder flatterte er Stücke neben dem Tiger her, ehe er wieder auf ein Blatt hüpfte um es mit goldenem Staub zu bestäuben.
Der Elf liebte die Sonne und die Wärme.

„Elf“, sagte der Tiger wieder. „Da ich doch bald sterben muss, so will ich vor meinem nahen Tode noch einmal etwas tun.“
„Du musst nicht sterben, du bist jung und stark“, sagte der Elf.
„Oh nein, ich bin dem Tode nahe. Ich weiß es, tief in mir drin. Doch ich möchte vorher noch etwas tun.“
„Was denn, mächtiger Tiger?“, fragte der Elf nun neugierig, sprach der Tiger doch endlich den Wunsch aus, der ihn seit langer Zeit umher trieb.
„Ich möchte zurück von wo ich kam und auf dem Weg jemanden wiedertreffen, den ich früher sehr gemocht habe.“
„Aber, woher kommst du denn, und zu wem willst du zurück?“
„Ich komme aus dem Dschungel, östlich von hier und ich will zurück zu dem anderen Tiger, dem ich auf meinem Weg über die Berge begegnet bin und mit dem ich eine glückliche Zeit verbrachte.“
„Hm“, sagte der Elf, legte die Hand an das Kinn und tippelte auf den Blättern umher. Jeder seiner Schritte hinterließ ein leises klingeln und ein Hauch von goldenen Staub. „Warum bist du denn damals gegangen?“

Der Tiger senkte das mächtige Haupt und antwortete in Gedanken versunken. „Der Duft der warmen Bäume und der Blüten lockte mich hinunter ins Tal. Die Neugier auf Neues lockte mich fort. Doch nun, da ich so lange von ihm getrennt bin, glaube ich, nur an seiner Seite wieder glücklich zu werden.“

Der Elf betrachtete den Tiger und war ein wenig traurig. Sie hatten doch eine schöne Zeit. Aber, wenn es den Freund quälte, dann sollte nichts im Wege stehen.
„So sei es denn, gehen wir zurück von wo du einst kamst und suchen den Tiger in den Bergen“, beschloss der Elf.
Er weitete die Arme und flog ein Stück, der Tiger folgte seinem Flug mit dem Kopf. Ihm gegenüber auf eine roten Blume landete der Elf wieder und sah ihn an.
„Mächtiger Tiger, wie sollen wir denn deinen Tiger finden nach all der Zeit?“
„Meine Nase wird mich führen, und meine Ohren, und meine Augen.“
„Aber wenn du doch alt bist, so nutzen dir kaum noch Nase, Ohren und Augen“, neckte der Elf.
„So will denn mein Herz mich führen, und vielleicht ein bisschen von deinem Glücksstaub.“
„So sei es denn, mächtiger Tiger, doch sag, hat dein Tiger einen Namen?“
„Ja, er heißt Namam.“
„Namam denn, suchen wir ihn“, endete der Elf und flatterte auf um im Halbschatten des Waldes mit feinem Staub ein glitzern zu zaubern, dass langsam zu Boden sank auf dem der mächtiger Tiger ihm folgte.

Sie wanderten lange. Oft hob der Tiger die Nase, doch er konnte keinen Duft aufnehmen, der ihn zu Namam führen konnte. So gingen sie weiter, gelangten in dicht bewachsenen Gegenden mit dünnen Bäumen und hohem Unterholz. Immer mal wieder spitzte der mächtige Tiger seine Ohren, doch er vermochte nichts zu hören, außer dem Geräusch des Waldes umher. Sie gelangten in kargeren Bewuchs, dürre Bäume und lange Gräser auf felsigem Grund. Der kleine Elf sah sich um, und bekam Angst. Es war kälter hier. Und es wurde noch viel kälter, als sie das Gebiet verließen und der seichten Steigung folgten, die sie dem Himmel näher brachte. Leichter Nebel hing in der Luft und der mächtige Tiger hob den Kopf um mit den Augen zu sehen, doch er konnte keine Spur von Namam erkennen in dem dunstigen Land.

„Du Tiger“, sagte der Elf leise und setzte sich auf den Kopf des großen Tieres. „Meinst du, wir sind hier richtig?“
Er blieb stehen, hörte, was der Freund auf seinem Kopf sagte.
„Es ist so unheimlich hier. Es gibt kaum grüne Blätter und kein warmes Lüftchen. Mich friert es in meinem Blütenkleid und sieh nur die Spitzen, sie werden braun wie das Herbstlaub. Meinst du, ich muss bald sterben?“
Da lachte der Tiger laut.
„Ach Elf. Das ist nur das Wetter. Du kannst doch gar nicht sterben. Doch wenn es dich friert, so krieche in mein Fell, das wird dich schon wärmen.“
„Ist gut“, sagte der Elf und kroch an seinem Nacken in das dichte Fell. Er fasste mit den Händen das weiche Haar und ragte mit dem Oberkörper hinaus.

Der Tiger setzte seinen Weg fort und versuchte sich zu erinnern, von wo er einst gekommen war. doch kein Weg brachte ihm Erkenntnis, kein Stein eine Erinnerung. Ihm wurde nur kälter, jetzt, da er die lebendige Lichtgestalt nicht mehr sehen konnte, da sie in seinem Nacken saß.
„Bist du noch da, Elf?“, fragte der Tiger.
„Ja, bin ich, doch meine Finger sind ganz blau.“
„Krieche tiefer in mein Fell, das hält dich warm.“
„Ist gut“, sagte der Elf und kroch weiter in das Fell. Nur der Kopf schaute noch hinaus, weiß und mit großen Augen.

Sie gingen weiter und dem Tiger gingen Dinge im Kopf herum, die ihn zu plagen begannen. Was, wenn er die Stelle niemals wiederfand? Was wenn Namam inzwischen weggegangen war?
Was wenn der Elf erfror?
„Bist du noch da, Elf?“, fragte der Tiger.
„Ja, bin ich, doch meine Ohren sind ganz kalt.“
„Dann nimm Haar aus meinem dichten Unterfell und stecke es dir hinein. Ich habe genug davon und ein paar Strähnen kannst du getrost ausreißen“
„Ist gut“, sagte der Elf und zerrte zwei Handvoll Haar aus dem Fell, dass er sich in die Ohren stopfte.

Sie kamen höher hinauf und es begann zu schneien. Der Tiger bekam mehr Sorge, dass das warme Lichtgeschöpf erfrieren könnte und er fragte sich, ob sein letzter Wunsch, das rechtfertigen konnte.
„Bist du noch da, Elf?“, fragte der Tiger.
„Ja, bin ich, doch meine Augen tränen ganz schlimm.“
„Dann schließe sie, bis wir aus dem Sturm heraus sind.“
„Ist gut“, sagte der Elf und schloss die Augen.

Bissig trieb der Wind dicke Flocken von Eis über den kalten Stein. Der Tiger ging weiter und hinterließ mächtige Tatzenabdrücke in tiefer werdenden Schnee. Er hob die Nase und schnupperte. Die Kälte betäubte sein Nase und er spitzte die Ohren. Der Wind heulte in den Ohren und er blieb stehen. Die dicken Flocken nahmen ihm die Sicht.
Sein Herz war kalt und er fühlte sich schuldig, so eine Strapaze für den kleinen Elf zu verursachen.
Er schloss die Augen und hoffte, sein Herz konnte ihn führen. Er hoffte es würde ihn an einen warmen Ort führen, selbst wenn er dadurch die Suche nach Namam aufgeben müsste. Aber was half es ihm, einen verlorenen Freund zu finden, wenn die kleine Gestalt auf seinem Rücken doch Hilfe brauchte?
Die kleine Gestalt, deren Gesellschaft er lieben gelernt hatte. Dessen fehlendes klingeln und leuchten ihm ängstlich machte und deren Nähe er kaum noch spüren konnte. Es war, als sei all sein Glück in seinem Inneren gestorben.
„Bist du noch da, Elf?“, fragte er leise, fürchtete er doch, was folgen konnte.
„Ja, bin ich“, wisperte der Elf. Des Tigers Herz machte einen Sprung vor Freude in seiner Brust. „Aber mich friert es von innen, wenn ich den Mund öffne, um mit dir zu reden.“
„So schweige dann, kleiner Elf. Ich werde uns hier herausführen.“
„Aber dein Freund“, sagte der Elf leise.
„Ich habe einen neuen Freund, und um den werde ich mich nun kümmern. So schweige denn still, bis wir die Berge verlassen haben.“
„Ist gut“, hauchte der Elf, „Ist gut, mein Freund.“ und schwieg still.

Der Tiger setzte zum Lauf an und hechtete mit langen Sprüngen über die schneebedeckte Landschaft. Seine Ohren hörten nur den Wind und seine Nase roch nur den Schnee und seine Augen sahen nur das weiß umher. Doch sein Herz führte ihn.
Schneller als erhofft verließ er mit großen Sprüngen die todbringende Landschaft, in Sorge um seinen Freund. Angstvoll, ihn mit seiner unsinnigen Suche in Gefahr gebracht zu haben. Denn was brauchte er eine Liebschaft aus vergangenen Tagen, wenn er doch jemanden an seiner Seite hatte, der zwar nicht wie er war, aber der das Licht in seinem Leben war?

Die Tiger erreichte die dichten Bambuswälder seiner Heimat und lief langsamer. Er drehte den Kopf um nach dem Elf zu sehen.
„Elf, bist du noch da?“, fragte er bange, da er ihn nicht sehen konnte. Ein dünnes Stimmchen gab ihm Antwort.
„Oh, ja, ich bin noch hier, aber ich war dem Tode weit näher als du.“

Und so lebten die zwei unterschiedlichen Freunde glücklich bis zum Ende ihrer Tage.

Ende
Aktualisiert: 30/06/13
Veröffentlicht: 16/06/13
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Tenshi am 16/06/13 16:41
Sehr schön geschrieben!



Antwort der Autors Yavia (16/06/13 16:54):
Danke schön!
Es freut mich, dass dir der Schreibstil gefallen hat.
Die Suche nach Namam
Witch23 am 19/06/13 08:11
Ich finde die Geschichte sehr interessant und süß. Zwinkernd



Antwort der Autors Yavia (23/06/13 08:29):
Das freut mich!
Zwei Sachen in einer so kurzen Geschichte sind ja ein guter Schnitt *g*
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Snoopy279
16/05/21 18:14
gerne natürlich auch die, die Fanfiktion lesen/Fanfiktionschreiber einfach unterstützen wollen

Snoopy279
16/05/21 18:14
alle, die auch Fanfiktion schreiben, bitte bei der Petition mitmachen, damit das auch in Zukunft möglich bleibt!
http://chng.it/WnwVCzxGff


jabba
21/01/21 22:32
Knuddel! Knuddel! Alle ganz doll knuddel! Heute ist Weltknuddeltag! Knuddel! Knuddel!

Witch23
01/01/21 02:37
*Pfeif Zisch* Gutes neues Jahr wünsche ich euch allen

split
01/01/21 00:01
Frohes Neues *krach baller lärm*

split
24/12/20 23:24
Frohe Weihnachten

Niemue
24/12/20 12:29
Ich wünsche Euch allen schöne Feiertage, einen guten Rutsch und viel Gesundheit im Neuen Jahr! :*

Witch23
24/12/20 11:02
Wünsche ich euch auch. Vor allem habt schöne Feiertage.

Yavia
24/12/20 10:48
Frohe Weihnachten euch allen!

Witch23
20/12/20 12:51
Einen schönen vierten Advent euch allen und hoffentlich bald wieder etwas entspanntere Tage

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