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Der Weihnachtskuss

von Celia [Ab 12] [Reviews - 1] (Abgeschlossen)
Veröffentlicht: 24/12/14 Aktualisiert: 24/12/14
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1. 1

Leon stieß das feuchte Laub vor ihm mit den Füßen auf. Um ihn waberte dichter Nebel und man konnte gerade mal zwei Meter weit gucken. Maxi, sein braunweißer Terriermischling schnüffelte am Wegrand herum und sah mit seinen Knopfaugen zu Leon hoch. „Ich habe dieses Wetter auch nicht bestellt, Maxi."
Im Gegenteil, er hatte sich so gewünscht, dass es an Weihnachten wenigstens schneien würde. Aber selbst dieser kleine Wunsch war ihm verwehrt worden. Stattdessen lag schon seit Tagen diese Nebelglocke über der Stadt. Immerhin passte das Wetter zu Leons Stimmung. Das würde mit Sicherheit das schlimmste Weihnachten seines Lebens werden. An solchen Tagen wurde ihm nur allzu bewusst, wie einsam er war. Niemand hatte ihn eingeladen mit ihm zu feiern, und so würde er den Tag ganz allein mit Maxi verbringen. War es denn wirklich zu viel erwartet, dass er sich wünschte, sich einmal in den Richtigen zu verlieben? Jemanden zu finden, der mit ihm sein Leben teilen wollte? Er war doch nun wirklich kein so schlechter Fang. Mit Anfang dreißig besaß er schon seinen eigenen Buchladen und ein eigenes Haus. Er sah auch nicht aus wie ein Troll, machte regelmäßig Sport und er hatte sich in seinen Beziehungen immer bemüht. Aber irgendwie hatte es nie lange gehalten und jetzt hatte er einfach zu wenig Zeit, um jemanden kennen zu lernen. Seufzend ging er weiter durch den Park. Am besten, er kehrte schnell wieder nach Hause zurück. Und dann würde er sich den ganzen Tag Märchenfilme im Fernsehen ansehen. Oder er würde einfach Winterschlaf halten. Und wenn er aufwachte, war der Nebel hoffentlich weg. Maxi zog schon wieder und da sonst niemand unterwegs zu sein schien, löste Leon die Leine. Sofort flitzte der kleine Hund zwischen die Bäume. Als er Maxi im nächsten Moment bellen hört, runzelte Leon die Stirn. Maxi bellte fast nie. Auf sein Rufen kam Maxi nicht und durch den Nebel konnte er ihn nicht sehen. „Komm her, Maxi!" Leon ging ihm hinterher, folgte dem Bellen. Der Hund hatte doch nicht etwa eine Leiche gefunden? In Krimis fing es doch immer so an. Leon überlief ein Schaudern. Ach Quatsch. Bestimmt war es nur ein totes Kaninchen … als er Maxi erreichte, sprang der Hund vor einem Baumstumpf herum. Er bellte hinein und reagierte überhaupt nicht auf Leons Befehle. Dabei gehorchte er sonst immer.
„Verdammt Maxi! Was ist denn da?" Leon beugte sich über den Baum. Zwei verschreckte blaue Augen blickten ihn an. Umgeben von rotweißem Fell. „Oh!" Leon betrachtete das Kätzchen, das ihn kläglich anmaunzte. „Wie kommst du denn hierher?"
Endlich war Maxi still und Leon leinte ihn wieder an. Dann hob er das Kätzchen hoch. Es war nicht ganz klein aber auch nicht ganz ausgewachsen. Ziemlich dürr und feucht vom Nebel. Er wusste nicht, was er damit machen sollte. Hier lassen konnte er es nicht. Ins Tierheim bringen? Das kam ihm grausam vor und ob da heute überhaupt jemand war? Bestimmt vermisste jemand die Katze. Doch als er sie untersuchte fand er kein Halsband und im Ohr hatte sie auch keine Nummer tätowiert. Wieder maunzte sie kläglich und Leon streichelte sie beruhigend. „Armes Ding. Ich nehme dich erstmal mit, ja?r3; Er öffnete seine Jacke und hielt die Katze darunter, damit sie ein bisschen warm wurde. Wie es aussah würde er Weihnachten doch etwas Gesellschaft haben.


Zu Hause setzte er die Katze erst einmal in Maxis Körbchen. „Was machen wir mit dir, hm?"
Die Katze sah schon ein bisschen weniger mitgenommen aus, und maunzte ihn an.
„Ich glaube, du brauchst ein Bad. Auch wenn dir das nicht gefallen wird." Im Fell der Katze hingen Blätter und es war ein wenig verdreckt. Auch wenn sich Katzen sonst selbst putzen konnten, er wollte nicht, dass sie ihm seinen hellen Teppich ruinierte. Er setzte die Katze ins Waschbecken und zu seinem Erstaunen versuchte sie nicht zu flüchten, als er den Wasserhahn aufdrehte. Es schien ihr sogar zu gefallen, als er ihr Fell wusch. Sie streckt sogar den Kopf extra unter den Wasserstrahl.
„Du bist aber eine komische Katze." Die Katze legte den Kopf schief und schien ihn geradewegs anzusehen. Nachdem er sie trocken gerubbelt hatte, erinnerte er sich, dass er Maxi auch noch waschen musste und setzte die Katze erst einmal ins Wohnzimmer. Er suchte nach etwas, das sie als Klo verwenden konnte und stelle ihr eine Plastikschale mit Kies in den Flur.

Eine halbe Stunde später saß er vor dem Kamin, Maxi zu seinen Füßen, die Katze auf seinem Schoß. Draußen war es inzwischen ganz dunkel geworden und er hatte die Vorhänge zugezogen. Sein kleines Haus hatte er vor einem Jahr von seinem Onkel geerbt. Es war gemütlich eingerichtet, mit Holzmöbeln, dem handgewebten Teppich, dem Kamin. Es war fast ein bisschen zu groß für ihn und Maxi allein. Als er langsam Hunger bekam, setzte Leon die Katze zu Maxi auf den Boden und ging in die Küche. Er hatte am Morgen schon sein Essen vorbereitet. Für sich allein hatte er nicht so großen Aufwand betreiben wollen und sich für eine Art vegetarische Kohlroulade mit Kartoffeln, Rote-Beete-Salat und gedünsteten Möhren entschieden. Er hatte eigentlich viel zu viel gemacht, das würde er morgen noch essen können. Während er noch den Salat machte und den Rest fertig kochte, sah er die Katze zur Tür hereinkommen.
„Na, du hast wohl Hunger, was?"
Er stellte der Katze eine Schale mit Maxis Hundefutter hin. Er hatte ihm extra sein Lieblingsfutter besorgt und dazu noch ein Stück Hähnchen, das er so gerne aß. Sie stürzte sich darauf, doch Leon bemerkte, dass es ihr nicht besonders zu schmecken schien. Sie aß nur ein paar Happen und sah ihn dann maunzend an. „Tut mir leid, ich habe kein Katzenfutter da. Du musst schon das essen.r3;
Immer noch sah die Katze so kläglich aus und blickte ihn so fies mit ihren blauen Augen an, dass ihm sofort das Herz schmolz. „Also schön. Aber die Hähnchenkeule musst du dir mit Maxi teilen.r3;
Der Hund kam sofort angerannt und stürzte sich auf das von der Katze verschmähte Futter.
Nur wollte die Katze auch die Keule nicht ganz essen. Als er nicht hinsah, sprang die Katze auf die Arbeitsplatte und biss in den Ziegenkäse, den er gerade klein geschnitten hatte.
Seufzend ließ Leon die Katze essen. So dünn, wie sie war hatte sie es wirklich nötig. „Du hast aber einen komischen Geschmack." Er schüttelte den Kopf und schloss dann alle offenen Lebensmittel. Das Essen musste noch einen Moment im Ofen bleiben. Er schaltete den Fernseher an und blieb bei dem Märchen „Brüderchen und Schwesterchenr" hängen. Irgendwie hatte er das immer besonders gemocht.
Die Katze kam wieder zu ihm getapst, leckte sich das Maul und hopste auf seinen Schoß. „Na du Kleine? Hast du einen Namen?" Leon streichelte sie und sie fing sofort an zu schnurren. So sauber war sie wirklich eine schöne Katze mit dem rot getigerten Fell. „Du bist eine ganz Hübsche." Die Katze antwortete ihm mit einem Maunzen. „Bist du überhaupt eine Katze oder ein Kater?" Leon hielt die Katze hoch und sah, dass sie tatsächlich ein Er war. „So, ein Kater also." Er patschte ihm gegen den Arm und kratzte ihn leicht. Leon setzte ihn wieder ab und sofort fing der Kater wieder an zu schnurren. Maxi hatte sein Futter auch schnell verputzt und legte sich unter den kleinen Weihnachtsbaum vor dem Fenster.
„Eigentlich habe ich hier ja wirklich noch Platz genug für einen Kater. Aber erstmal muss ich sicher sein, dass du wirklich nirgendwo hingehörst." Leon musste zugeben, dass er sich schon in das kleine Kätzchen verliebt hatte. Aber so eine Entscheidung durfte er nicht überstürzen. Immerhin schien er sich mit Maxi schon mal gut zu verstehen. Als nächstes kam im Fernsehen Der Froschkönig. Es war ganz originalgetreu gehalten und die Prinzessin warf den Frosch an die Wand, anstatt ihn zu küssen, wie es oft behauptet wurde. Das war eigentlich nichts für kleine Kinder, diese Märchen. Da war ihm die Version mit dem Küssen ja doch lieber. Der Kater patschte Leon gegen den Arm und sah ihn an, als erwartete er irgendwas von ihm. „Na, was willst du jetzt? Noch nicht satt geworden?"
Mit einem Maunzen patschte ihn der Kater erneut, ohne die Krallen auszufahren. „An die Wand werfe ich dich bestimmt nicht." Leon hob den Kater hoch und küsste ihn auf das Köpfchen. Irgendwie hatte er sich doch schon entschlossen, ihn zu behalten, wenn sich kein Besitzer fand. So ein niedliches Ding konnte er doch nicht ins Tierheim geben, wo er vielleicht einige Zeit bleiben musste, bevor ihn jemand haben wollte. Als er den Kater auf den Boden setzte, sah er ihn mit großen Augen an. Leon stand auf, um sein Essen aus der Küche zu holen. Er richtete es auf einem Tablett an und stellte noch ein Glas Weißwein dazu. Es roch schon ganz köstlich. Ein Bellen von Maxi ließ Leon aufhorchen. Hatte er sich etwa doch mit dem Kater gestritten? Als er ins Wohnzimmer zurückkehrte, hätte er beinahe sein Tablett fallen gelassen. Auf dem Teppich lag ein nackter Mann! Einen ganzen Moment lang starrte Leon ihn nur an. Er lag auf dem Bauch, die Beine angezogen, den Kopf auf den Armen, dass er sein Gesicht nicht sehen konnte. Feuerrote Haare verdeckten es.
Maxi lief um den Mann herum und wedelte aufgeregt mit dem Schwanz. Nachdem Leon sich einigermaßen gefangen hatte, stellte er das Tablett ab und sah sich um. Kein Fenster war offen. Die Haustür hatte er von innen abgeschlossen. Und der Kater war verschwunden.
Bevor Leon sich überlegen konnte, was er jetzt tun sollte, hob der Mann den Kopf. Langsam stemmte er die Arme auf und sah sich dann seine Hände an. Er lachte auf und dann traf Leon ein Blick aus strahlend blauen Augen. Seine roten Haare fielen ihm bis über die Schultern und sein Gesicht war sehr fein geschnitten, er war unheimlich schön.
Der Mann öffnete den Mund und krächzte. „Danker", sagte er dann mit rauer Stimme, „dass du mich geküsst hast."
Das war doch nicht möglich. Als Leon die Worte des Mannes begriff, war das zu viel für ihn.

„Entschuldige. Ich wollte dich nicht erschrecken." Leon spürte eine Hand auf seiner Stirn. Er war umgekippt. Wie peinlich war das denn?
„Du … warst … also du ..."
„Ich war zwei Jahre lang eine Katze." Leon blickte zu dem Mann hoch. Er hatte sich eine Decke umgelegt und war zum Glück nicht mehr nackt. Oh Gott, er hatte ihn gestreichelt und mit ihm geredet wie ein Bekloppter. Leon spürte, wie er rot anlief.
Im Gesicht des Katzenmannes spiegelten sich tausend Emotionen. Er lächelte, doch seine Augen glänzten und dann liefen ihm Tränen über die Wangen. „Ich kann es nicht glauben. Ich bin wirklich wieder ein Mensch! Du hast mich erlöst!" Er zog Leon hoch und umarmte ihn fest. Er weinte an Leons Schulter und Leon wusste nicht, was er machen sollte.
„Schon gut", sagte er und versuchte etwas Abstand zwischen sie zu bringen.
„Wie ist das möglich?" Leon fühlte sich ganz überwältigt. Das konnte doch nicht real sein. Endlich ließ er ihn wieder los und Leon stand auf und setzte sich an den Tisch.
„Das ist eine lange Geschichte. Du kannst dir nicht vorstellen, wie froh ich bin, wieder ein Mensch zu sein." Der Mann betrachtete seinen eigenen Körper und ging noch etwas ungelenk. Beinahe wäre er gegen den Tisch gelaufen. „Oh Vorsicht!", rief Leon.
„Ich muss mich erst daran gewöhnen, auf zwei Beinen zu gehen. Du glaubst nicht, wie komisch es ist, meine Stimme zu hören. Sehe ich normal aus?"
„Äh ..." Normal? An diesem Mann war nichts normal. Er war unglaublich schön und hatte etwas elfenhaftes an sich. Ja, das musste es sein. Sicher war er irgendeine Art magisches Wesen.
Aber davon abgesehen sah er aus wie ein normaler Mensch.
„Ja."
Der Mann lief in den Flur und sah sich wohl im Spiegel an. Leon hörte ihn lachen. Dann kam er zurück, immer noch die Decke um sich und warf sich auf Leon. Er zog ihn an seine Brust und küsste ihn auf die Wange. „Oh, du hast mich tatsächlich erlöst! Ich bin dir so dankbar!"
„Schon gut." Leon überwältigte die plötzliche Nähe zu dem Mann. Als Kätzchen war das ja eine Sache. Aber jetzt war auch noch seine Decke halb weggerutscht und er konnte viel mehr sehen, als er wollte. Oder als er sollte.
„Oh, hast du vielleicht etwas zum Anziehen für mich?"
„Ja, sicher." Leon stand auf und atmete erstmal tief ein und aus. Die ganze Sache war doch wirklich zu verrückt. Aber irgendwie hatte er immer schon an Magie geglaubt. Daher fiel es ihm auch nicht allzu schwer zu glauben, dass sich eine Katze in einen Mann verwandeln konnte. Er suchte ihm ein paar seiner Sachen heraus. Die Hose würde ihm zu klein sein und der Pullover zu weit. Aber erstmal sollte es gehen.
„Bist du so eine Art Katzenwesen? Eine Fee?"
„Aber nein." Der Mann lachte und Leon wandte sich ab, als er sich anzog. „Nein, ich bin ein ganz normaler Mensch. Zumindest war ich das bis vor zwei Jahren."
„Was ist passiert?" Leon drehte sich um, gerade als der Mann seine Hose schloss.
„Ich erzähle es dir. Aber sag mal, könnte ich etwas von deinem Essen abhaben? Zwei Jahre lang ekliges Fleisch hängt mir so zum Hals raus. Ich esse eigentlich gar nicht so gerne Fleisch."
„Ach deshalb wolltest du meinen Ziegenkäse."
„Tut mir leid." Besonders schuldbewusst sah der Mann jedoch nicht aus und Leon musste schmunzeln.
„Ich bin Vegetarier. Fleisch kaufe ich nur für Maxi."
„Umso besser. Komm her du!" Maxi wurde von dem Mann hinter den Ohren gekrault. „Du hast mich gefunden."
Maxi blickte gerade so, als könnte er den Mann verstehen und wüsste genau, dass er etwas richtig gemacht hatte.
Leon holte eine zweite Portion aus der Küche und sie setzten sich an den Tisch.
„Oh mein Gott, das ist so köstlich!", lobte ihn der Mann.
Das Essen war tatsächlich sehr lecker geworden und es mit jemandem zusammen zu genießen war viel schöner als allein. Leon konnte es immer noch nicht ganz fassen, dass er Weihnachten nun doch nicht allein mit Maxi verbringen musste. Sie aßen eine Weile schweigend und der Mann schien jeden Bissen zu genießen.
„Möchtest du noch etwas?"
Als Antwort setzte der Mann einen lieben Blick auf. „Ja." Er schüttelte den Kopf. „Ich muss mich daran gewöhnen, dass ich wieder sprechen kann."
Leon füllte ihm die Reste auf. „Wie heißt du überhaupt?"
„Mischa. Und du Leon, nicht wahr?"
„Ja, woher weißt du ..." Leons Blick fiel auf die Tasse vor ihm. Die hatte er mal von seiner Schwester bekommen. Sein Name stand darauf.
„Also gut. Dann werde ich dir mal erzählen, wie ich zur Katze geworden bin. Das hat alles genau vor zwei Jahren angefangen, an Weihnachten. Ich war selbst Schuld. Na ja zum Teil. Ich hatte eine Freundin. Wir waren eine Weile zusammen, fünf Monate, glaube ich. Wir haben uns gut verstanden. Aber irgendwann habe ich gemerkt, dass es nicht das richtige für mich ist. Ich war nicht mehr verliebt. Und … ich habe gemerkt, dass ich mehr an Männern interessiert bin."
Bei diesen Worten schluckte Leon. Mischa schien nicht daran zu zweifeln, dass Leon kein Problem damit hatte. Er erzählte es ihm lächelnd. Und dann fiel ihm ein, dass er in der Wohnung überall Zeichen gab, die verrieten, dass er schwul war. Seine Regenbogenflagge im Flur, die Fotos halb nackter Männer neben der Treppe. Er bekam sonst so selten Besuch, dass er darauf gar nicht geachtet hatte.
„Das habe ich ihr dann gesagt. Ich weiß, es war verdammt fies, an Weihnachten Schluss zu machen. Aber mit ihr zusammen bleiben und sie belügen wollte ich auch nicht. Sie hat es ziemlich schlecht aufgenommen. Sie hat es überhaupt nicht verstanden und ist ausgerastet. Als Strafe, dass ich ihr das angetan habe, hat sie mich in eine Katze verwandelt. Denn sie war eine Hexe, wie ich in dem Moment erfahren habe. Sie hat mich mit einem Fluch belegt. Ich sollte so lange eine Katze bleiben, bis mich an Weihnachten ein Mann küsst." Mischa lächelte Leon liebevoll an. „Und das hast du vorhin getan."
„Oh."
„Damit hast du meinen Fluch gebrochen. Ich dachte nicht, dass das jemals passieren würde. Ich dachte, ich müsste für immer eine Katze bleiben." Jetzt zitterten Mischas Lippen und ihm traten Tränen in die Augen. Auch als Mensch hatte er etwas an sich, dass Leon ihn nicht leiden sehen konnte. Er legte seine Hand auf Mischas. „Jetzt bist du wieder ein Mensch."
Mischa lächelte und wischte sich die Tränen weg. „Es ist so komisch. Ich habe mich schon so daran gewöhnt, eine Katze zu sein." Er leckte sich etwas Soße von der Hand. „Oh entschuldige. Siehst du?"
Leon lachte. „Keine Sorge. Mich stört das nicht. Hast du denn die ganze Zeit auf der Straße gelebt?"
„Nein. Nachdem ich verwandelt wurde hat mich jemand ins Tierheim gebracht. Das war schrecklich. Aber zum Glück hat mich schnell jemand geholt. Eine Familie. Sie waren auch immer sehr gut zu mir. Ich war eineinhalb Jahre da. Aber dann wollten sie mich kastrieren lassen und ich konnte gerade noch rechtzeitig abhauen."
Leon machte große Augen. An so etwas hatte er gar nicht gedacht. Er hatte vorhin nur zu deutlich gesehen, dass Mischa nicht kastriert worden war.
„Von da an habe ich versucht, Menschen zu meiden. Doch ich musste in der Stadt bleiben, weil ich im Mäusefangen nicht besonders gut war. Ich habe eine Weile im Park gelebt und ab und zu hat mich jemand gefüttert. Vorhin hat mich ein riesiger Hund gejagt. Deshalb habe ich mich im Baum versteckt."
Leon erinnerte sich, wie elend Mischa ausgesehen hatte, als er ihn gefunden hatte. Und als er es erzählte sah Leon die Angst in seinen Augen. „Das ist jetzt vorbei. Du brauchst keine Angst mehr zu haben."
Mischa erwiderte sein Lächeln.
„Aber vermisst dich denn niemand? Willst du niemanden anrufen?"
Mischa schien daran noch gar nicht gedacht zu haben. Sein Gesicht verfinsterte sich. „Meine Eltern haben ja kaum gemerkt, dass ich verschwunden bin. Meine Schwester werde ich anrufen, aber ich muss erstmal überlegen, was ich sage. Sie wird mir nicht glauben und denken, ich wäre mit Absicht verschwunden."
Leon fiel dazu nichts ein. Es war ja verständlich, dass nicht jeder diese Geschichte glauben würde. Das würde sicher nicht leicht für Mischa werden. Und eine Wohnung und Arbeit hatte er dann sicher auch nicht mehr.
„Und was ist mit dir? Du feierst ganz allein Weihnachten?"
Leon senkte den Blick. „Na ja. Mein Vater hat eine neue Familie und ich hasse meine Stiefmutter. Meine Mutter hat einen Iraner geheiratet und ist zum Islam übergetreten. Meine Schwester lebt in der Schweiz und sie sind eingeschneit. Und einen Freund habe ich im Moment nicht." Der Gedanke an seinen Ex tat weh. Er hatte ihn vor drei Monaten verlassen und davor hatte Leon angenommen, sie würden Weihnachten zusammen feiern. „Mein letzter Freund hat per SMS mit mir Schluss gemacht. Wenn ich jeden verflucht hätte, der fies mit mir Schluss gemacht hat ..."
„Oh, wenn ich jemals die Hexe wiedersehe … sie war danach wie vom Erdboden verschwunden."
„Ich bin froh, dass Maxi dich gefunden hat und ich nicht allein feiern muss."
Unter Mischas Blick wurde Leon schon wieder rot. „Ich bin auch froh, dass ich nicht allein feiern muss. Am letzten Weihnachten habe ich verzweifelt versucht, irgendjemanden zu finden, der mich küsst."
Sie schwiegen beide einen Moment und Mischas Blick wurde traurig.
„Was ist?", fragte Leon besorgt.
„Ich weiß gar nicht, was ich jetzt machen soll. So lange habe ich darauf gewartet, wieder ein Mensch zu sein. Aber alles, was ich vorher hatte ist weg. Ich habe keine Wohnung und kein Geld … nicht mal was anzuziehen."
„Das findet sich alles." Leon zögerte einen Moment, doch er wollte Mischa helfen und er fühlte sich irgendwie verantwortlich für ihn.
„Du kannst bei mir bleiben, bis du eine Arbeit gefunden hast. Das Haus ist sowieso zu groß für mich. Und in meinem Buchladen könnte ich auch ein bisschen Hilfe gebrauchen."
„Wirklich? Aber ich will dir nicht zur Last fallen." Mischa blickte auf seine Hände.
„Das tust du bestimmt nicht. Und ich … ich wohne nicht gerne allein."
Mischa lächelte. „Danke. Ich ..." er schien schon wieder den Tränen nahe. „Ich habe manchmal davon geträumt, wie es sein würde, wenn ich erlöst werde. Ich habe mir vorgestellt, dass es ein hässlicher alter Obdachloser ist, der mich befreit."
Leon musste lachen und war froh, dass Mischa auch wieder lächelte. „Ich bin wirklich sehr froh, dass du es stattdessen warst."
Diese Worte machten Leon ein wenig verlegen. „Auch wenn ich kein Prinz bin, wie im Märchen?"
„Ach, wer steht schon auf Rüschenhemden und Topffrisuren?" So hatte der Prinz vorhin im Fernsehen ausgesehen. Er wollte lieber nicht zugeben, wie froh er war, dass Mischa überhaupt auf Männer stand. Aber er konnte ihn doch nicht ausnutzen, wo er auf seine Hilfe angewiesen war. Nein, das sollte er sich besser aus dem Kopf schlagen.
Sie redeten den ganzen Abend miteinander, und es war Leon schon so, als würde er Mischa eine Ewigkeit kennen. Sie entdeckten so viele Gemeinsamkeiten und Mischa hatte trotz allem, was er erlebt hatte nicht sein fröhliches Wesen verloren. Geschenke hatten sie keine auszutauschen, nur Maxi bekam von ihm ein neues Spielzeug, mit dem er sofort durch die Wohnung tollte. Aber das war auch gar nicht wichtig. An diesem Abend Gesellschaft zu haben, war das schönste Geschenk, das Leon sich vorstellen konnte.
Als es schon nach Mitternacht war und Maxi schon lange in seinem Körbchen pennte, wurde Leon auch langsam müde.
„Du kannst oben schlafen, ich habe ein kleines Gästezimmer." Leon führte Mischa in den ersten Stock, in dem sein eigenes Schlafzimmer und das Gästezimmer lagen.
„Oh es ist so lange her, dass ich in einem Bett geschlafen habe. Ich werde schlafen, wie ein Stein. Und was für ein schönes Zimmer."
Leon hatte das Gästezimmer eingerichtet, als seine Schwester ihn noch öfter besucht hatte. Mit der Dachschräge war es sehr gemütlich. Er suchte Leon noch ein Schlafshirt heraus und fand auch noch eine Zahnbürste.
„Komisch, ich habe mir zwei Jahre nicht die Zähne geputzt, aber sie sehen noch ganz gut aus. Ich glaube, ich will gar nicht genau verstehen, wie dieser Zauber gewirkt hat." Mischa seufzte und als Leon ins Bad ging, und sich noch einmal nach Mischa umblickte, sah er, wie er sich über den Arm leckte. Dann schüttelte er den Kopf und verschwand in seinem Zimmer. Er würde wohl noch eine Weile brauchen, bis er sich daran gewöhnte, kein Kater mehr zu sein.

Gerade als Leon sich ins Bett gelegt hatte, klopfte es an seiner Tür. Er stand wieder auf und öffnete. „Brauchst du noch was?"
Mischa sah ihn einen Moment lang an. „Ja. Ich muss noch den Gefallen erwidern, den du mir erwiesen hast." Und dann stand er plötzlich direkt vor Leon, legte seine Arme um seinen Hals und küsste ihn. Seufzend öffnete Leon die Lippen. Dann wich er zurück. „Mischa … du musst das nicht machen. Ich will, nicht dass du denkst, du wärst mir was schuldig."
„Ich weiß. Ich will aber." Und Mischa küsste ihn noch einmal. Seine Hand landete auf Leons Hintern und ihre Zungen stießen heiß gegeneinander. Mischa löste sich und lächelte Leon an. „Gute Nacht, mein Prinz."
Als er in seinem Zimmer verschwunden war, blieb Leon eine Weile wie verzaubert stehen. Er beugte sich zu Maxi herunter, der neben seiner Tür im Körbchen lag und ihn anblinzelte.
„Du hast mir eine ganz feine Weihnachtsüberraschung gebracht.", flüsterte er und Maxi stieß ihn bekräftigend mit der Nase gegen die Hand.
Aktualisiert: 24/12/14
Veröffentlicht: 24/12/14
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Aeowyn am 19/04/15 22:51
Süße Geschichte, hat mir gut gefallen. So eine kleine Fortsetzung, wäre nicht schlecht.
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Snoopy279
16/05/21 18:14
gerne natürlich auch die, die Fanfiktion lesen/Fanfiktionschreiber einfach unterstützen wollen

Snoopy279
16/05/21 18:14
alle, die auch Fanfiktion schreiben, bitte bei der Petition mitmachen, damit das auch in Zukunft möglich bleibt!
http://chng.it/WnwVCzxGff


jabba
21/01/21 22:32
Knuddel! Knuddel! Alle ganz doll knuddel! Heute ist Weltknuddeltag! Knuddel! Knuddel!

Witch23
01/01/21 02:37
*Pfeif Zisch* Gutes neues Jahr wünsche ich euch allen

split
01/01/21 00:01
Frohes Neues *krach baller lärm*

split
24/12/20 23:24
Frohe Weihnachten

Niemue
24/12/20 12:29
Ich wünsche Euch allen schöne Feiertage, einen guten Rutsch und viel Gesundheit im Neuen Jahr! :*

Witch23
24/12/20 11:02
Wünsche ich euch auch. Vor allem habt schöne Feiertage.

Yavia
24/12/20 10:48
Frohe Weihnachten euch allen!

Witch23
20/12/20 12:51
Einen schönen vierten Advent euch allen und hoffentlich bald wieder etwas entspanntere Tage

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