Lesen nach
Micha besucht Dan um ihm nachträglich sein Geburtstagsgeschenk zu geben und macht dabei eine überraschende Entdeckung.

Genres: Reale Welt, Weihnachten, M/M (yaoi)
1. Warnung: Zucker
2. Warnung: Keine
3. Warnung: Keine

Kapitel: 1     Gelesen: Nicht möglich
Inhaltsverzeichnis

Wörter: 4435     Klicks: 4473
Veröffentlicht: 31/12/16 Aktualisiert: 02/01/17
[PDF speichern]
[Drucker]
Optionen: [Melden]
Anmerkungen zur Geschichte
Beitrag zum Adventskalender 2016
[PDF speichern]
[Drucker]
- Schriftgröße +
Optionen: [Melden]

1. Das beste Geschenk

Zögerlich schwebte Michas Finger über der Klingel.
Sollte er wirklich?
Hastig zog er die Hand zurück und wandte sich ab. Er ging ein paar Schritte Richtung Straße, sah auf das unscheinbare Geschenk in seiner Hand und stockte. Es wäre schade darum. Er selbst konnte mit dem Inhalt nichts anfangen, also sollte er es wenigstens abgeben. Danach konnte er gleich wieder verschwinden. Mit einem Seufzen drehte er sich wieder zur Haustür, an der ein weihnachtlich dekorierter Tannenkranz hing, und klingelte, bevor er es sich doch noch einmal anders überlegen konnte.
Es dauerte nur einen Moment, dann wurde die Tür bereits schwungvoll geöffnet, als hätte jemand direkt dahinter gestanden. Ein Mädchen mit kurzen, lila Haaren und Piercing in der Augenbraue stand ihm gegenüber. Sie war eine Klasse unter ihm, wenn er sich recht erinnerte. Er wurde abschätzig einmal von oben bis unten gemustert, bis der Blick aus dezent geschminkten Augen an dem Geschenk hängen blieb.
„Hi, ich wollte...“, stammelte Micha verspätet, kam aber gar nicht dazu, weiter zu sprechen.
„Danny! Ist für dich!“, rief sie von ihm abgewandt quer durchs Haus und unterbrach ihn damit.
Micha sah sie unbehaglich an, während sie sich eine schwarze Jacke von der Garderobe schnappte, diverse Dinge in den Taschen verstaute und sich dann, noch einen bunten Schal um den Hals wickelnd, an ihm vorbeidrängte.
„Viel Spaß mit den Vollpfosten“, nuschelte sie und verschwand in der Dunkelheit.
Verwirrt sah er ihr nach und trat dann in den leeren Flur. Die Garderobe quoll über vor Jacken und am Boden waren die Schuhpaare wild durcheinander geworfen. Micha zählte. Fünf, Sechs... das waren ihm viel zu viele Leute. Er hatte gedacht, dass er mit Dan allein sein würde. Aber da hatte er sich wohl getäuscht.

„Wer ist es denn?“, kam Dans Stimme verspätet irgendwo von oben und Micha trat ein paar Schritte Richtung Treppe, um hinaufzusehen. Dan hatte einen fetten, buntbemalten Gips am Fuß und lehnte am Treppengeländer, in einer Hand eine Krücke. Seine dunklen Haare waren durcheinander, nicht wie sonst gestylt.
„Hi, ich bins.“
„Micha!“ Dan lächelte. „Cool, dass du kommen konntest. Komm hoch.“
„Ich wollte dir eigentlich nur kurz was geben und wieder verschwinden. Wusste nicht, dass so viele Leute hier sind.“
„Uhm, das war nicht geplant. Die sind vorhin einfach aufgetaucht. Bleib wenigstens bis die Pizzen da sind, wo du einmal hier bist. Wir haben bei Giorgios bestellt.“
Micha zögerte, nickte dann aber. Er hatte für den Abend keine anderen Pläne gehabt und bis zum Essen würde er schon irgendwie durchhalten. „Okay.“
„Super, dann pack deine Sachen mit zu den anderen an die Garderobe und komm hoch.“

Jetzt gab es kein Zurück mehr. Micha legte Jacke und Schuhe ab und ging auf Socken die Treppe hinauf. Dan hatte auf ihn gewartet.
„Hier. Alles Gute nachträglich. Ich hoffe, es ist richtig. Ich war mir nicht sicher.“ Er drückte ihm das kleine Päckchen in die Hand und war froh, es los zu sein. Zum Glück hatte er die Dame im Geschäft von dem bunten Weihnachtspapier abhalten können. Sie hatte es stattdessen elegant in dunklem grau und Silber verpackt. Ein silberner Sternenaufkleber fixierte das Papier.
„Das hättest du nicht machen brauchen, aber ich freue mich, danke. Soll ich gleich?“ Er warf einen kurzen Blick den Flur hinunter, wo eine Tür nur angelehnt war und Stimmen zu hören waren.
„Uhm, später?“, entgegnete Micha unsicher. Einerseits wollte er wissen, ob es Dan gefiel, andererseits wollte er nicht, dass die anderen das mitbekamen.
„Okay, dann komm mit.“

Micha folgte Dan und sah sich mit einem vollen Zimmer konfrontiert. Dans Kumpel saßen im Raum verteilt: auf dem Bett, dem Schreibtischstuhl, der Couch und am Boden. Jeder hatte etwas zu trinken in der Hand und das ‚Hallo‘, das Micha bekam, fiel eher verhalten aus.
Die fragten sich wahrscheinlich das gleiche wie er: was zum Teufel tat er hier? Wieso hatte Dan ihm nicht abgesagt, wenn seine Kumpel hier waren? Er gehörte nicht zu deren Clique. Sie hatten selten genug etwas miteinander zu tun außerhalb des schulischen Rahmens.
„Schnapp dir, worauf du Bock hast.“ Dan zeigte auf eine Kiste mit Getränken und ging zum Sofa, wo sein Platz noch frei war.
„Ist leider etwas eng geworden“, erklärte er noch und deutete dann neben sich. Mit einer kleinen Cola in der Hand quetschte Micha sich neben ihn und verfluchte sich dafür, dass er keinen plötzlichen Termin vorgeschoben hatte, um direkt wieder verschwinden zu können.
Andererseits saß er jetzt direkt neben Dan und konnte dessen Körperwärme spüren. Dans Arm lag auf der Rückenlehne hinter Micha, aus Platzgründen natürlich. Während immer vier Leute damit beschäftigt waren, ein Rennen zu zocken, kommentierte der Rest die Fahrkünste der anderen und feuerte den jeweiligen Favoriten an.
Der Pizzalieferant erschien Micha wie die Erlösung. Doch nicht für lange, denn das Essen wurde als Anlass genommen, die Konsole beiseite zu tun und irgendeinen alten Horrorstreifen einzulegen. Das war so gar nicht Michas Geschmack.

„Wo isn das Bad?“, fragte er schließlich leise und Dan sah kurz zu ihm. Das Lächeln, das er sonst von Dan immer bekam, war hier im Raum vollkommen abwesend.
„Im Flur, die Tür rechts von der Treppe.“
„Okay.“ Er stand auf und schlängelte sich zwischen den anderen durch. Eigentlich musste er gar nicht wirklich, aber es war eine willkommene Ausrede. Ein Blick in den Spiegel verriet ihm, dass sein Gesicht ganz rot war. Bei so vielen Leuten in so einem kleinen Raum, war das kein Wunder. Da war die Luft schnell stickig und aufgeheizt. Er ließ sich Zeit, zupfte ein wenig an seinen schwarzen Strähnen herum, die vor ein paar Stunden irgendwann mal so etwas wie ein Styling hatten. Danach ging er nur widerwillig wieder zurück. Als er das Zimmer verlassen hatte, hatte er die Tür nur angelehnt gelassen, deshalb konnte er nun Stimmen von drinnen hören.
„Sag mal, wieso hast du den eigentlich eingeladen? Du hast doch sonst nichts mit dem am Hut. Und er sieht auch nicht so aus, als wollte er hier sein.“
„Halt die Klappe, Andy“, erwiderte Dan, sagte aber sonst nichts weiter.
Micha seufzte. Andy hatte leider Recht. Er hatte absolut keine Lust da wieder rein zugehen. Horrorfilme waren einfach nicht seins. Die Gesellschaft war auch nicht seins, von Dan mal abgesehen. Die Frage war nur, ob er jetzt einfach verschwand oder sich doch noch verabschiedete.

„Hast du dich verirrt?“
Micha wandte sich erschrocken um. Dans Schwester stand mit einer Packung Chips im Arm am Treppenabsatz und sah ihn skeptisch an. Rot und grün gestreifte Ringelsocken zierten ihre Füße.
„Nein, ich bin nur...“ Er schüttelte den Kopf. „Bin gerade am Gehen.“
„Ich seh dich hier zum ersten Mal. Du gehörst nicht zu seiner Clique, oder?“, fragte sie skeptisch.
„Nein, wollte eigentlich auch schon längst wieder weg sein.“
Sie zuckte mit den Schultern und öffnete ihre Zimmertür. Musik drang von drinnen auf den Flur. Micha stutzte. „Ist das Audiomachine?“, fragte er neugierig.
„Ja, alte Sachen.“
„Cool. Tja, dann geh ich mal.“
„Es pisst gerade in Strömen. Wenn du nicht wieder zu den Idioten willst, komm zu mir.“
„Uhm, ich will dich nicht stören. Ich...“
„Oh Mann, jetzt beweg deinen Hintern schon hier rein.“
Eilig kam Micha dem Befehl nach und schloss die Tür dann hinter sich. Der Regen trommelte tatsächlich deutlich hörbar gegen das Fenster. Im ersten Moment war das Zimmer ein Schock. Wo Dan gerade einmal einen kleinen Adventskalender in einer dunklen Ecke an der Wand hängen hatte, war das Zimmer seiner Schwester komplett mit Weihnachtsdeko übersät. Es war wie eine andere Welt.

„Wie heißt du eigentlich?“
„Alexandra. Die meisten nennen mich Lexa.“
„Micha.“ Er hob kurz grüßend die Hand. „Lexa klingt cool, passt zu dir.“
„Danke. Setz dich.“ Sie deutete auf ihren Schreibtischstuhl und warf sich selbst bäuchlings aufs Bett.
„Also, was hat dich bewogen, hier aufzukreuzen? Wieso hat mein Bruder dich überhaupt eingeladen?“
„Wenn ich das wüsste, wäre ich auch schlauer. Ich wollte ihm eigentlich nur etwas geben.“ Micha zuckte mit den Schultern. Sie hielt ihm die Chipstüte entgegen. Pombären. Da war es unmöglich, nein zu sagen.
„Ein Mann, der seine Unwissenheit zugeben kann. Das gefällt mir.“
Micha grinste und schüttelte den Kopf. „Und was ist mit dir? Hast du keine Verabredung an diesem wundervollen Freitagabend? Und wo sind eigentlich eure Eltern?“
„Ich war verabredet, wollte bei einer Freundin übernachten, dann hätte ich mir praktischerweise diese geballte Testosteronladung nicht antun müssen, aber sie liegt mit Grippe darnieder. Da hab ich mich wieder verdrückt. Ma hat Nachtschicht, Pap hat Pokerabend mit Kumpels. Solange es morgen Früh ruhig ist, hat Danny freie Hand.“
„Ah.“
Das leise Piepen seines Handys unterbrach sie. Eine SMS. Verwundert stellte er fest, dass sie von Dan kam. /Wo steckst du? Alles ok?/
Er überlegte, nicht zu antworten, tat es dann aber doch. /Alles ok, bin bei Lexa/
Während Lexa in einem Comic blätterte, starrte Micha auf sein Handy, doch es kam keine Antwort. Enttäuscht steckte er es wieder weg und überlegte, was er sagen könnte.

„Also, was liest du da für einen Comic?“
Sie hielt das Heft hoch. Der Titel sagte ihm nichts.
„Ist der gut?“
„Mir gefällt‘s. Wenn du dir die Zeit vertreiben willst, bedien dich.“ Sie deutete zu einem Regal, das diverse Hefte und Hardcover enthielt. Jede sonst freie Stelle wurde von kleinen Figuren belagert: Schneemänner, Weihnachtsmänner und Tannenbäume, Elche.
Sehr viele Elche.
In Ermangelung einer anderen Beschäftigung stand Micha auf und ging hinüber. Die bunten Cover sahen interessant aus, aber normalerweise waren Comics nicht seins. Eine schwarze Mappe, die nachlässig auf den Comics lag, weckte seine Aufmerksamkeit. Neugierig schlug er sie auf und entdeckte diverse Skizzen. „Zeichnest du auch selbst? Das sieht ja cool aus.“
„Was?“ Lexa sah ihn verwirrt an und er hielt die Mappe in ihre Richtung.
„Ah, nein. Die gehört Dan. Die parkt er meistens bei mir, wenn er Besuch bekommt, weil er nicht will, dass seine neugierigen Kumpel sehen, was er da so kritzelt. Das schau ich mir normalerweise nicht an.“
„Oh, dann...“ Er wollte die Mappe hastig wieder ins Regal schieben, als ein paar Blätter herausfielen. Beim Aufheben sah er die Zeichnungen und stockte. Das war er auf diesen Bildern. Lachend, nachdenklich mit einem Stift an den Lippen, beim Balletttraining.
Jetzt konnte er die Mappe nicht mehr einfach weglegen. Er schlug sie erneut auf, legte die Zeichnungen wieder rein und blätterte weiter. Da war ein halbes Dutzend mehr Blätter, teilweise mit Skizzen, teilweise richtig ausgearbeitet. Frisur, Kleidung, seine Umhängetasche. Alle zeigten eindeutig ihn. Oder war das nur Zufall?
Micha versuchte den Willen aufzubringen, die Mappe mit den Zeichnungen zu schließen. Das war privat. Doch es ging nicht. Es kamen zwei Seiten mit Skizzen auf denen Dan selbst zu sehen war. Beim nächsten Blatt hätte Micha die Mappe vor Schreck beinahe fallen gelassen. In den Zeichnungen waren sie zusammen zu sehen. Sich umarmend, küssend, nackt. Michas Kopf ersetzte die Zeichnungen automatisch mit der Realität.

„Sag mal, du siehst aus, als hättest du einen Geist gesehen“, sagte Lexa plötzlich und stand geschmeidig auf.
„Ich... nein... das...“, stotterte er zusammen und wurde knallrot. Er wollte die Mappe aus ihrer Reichweite bringen, doch sie lenkte ihn mit einer Bewegung ab und schnappte sich dann flink die Zeichnungen.
„Nicht“, bat Micha kleinlaut, hatte aber schon aufgegeben. Wenn Dan herausfand, dass er das gesehen hatte, dann war er so gut wie tot. Wirklich, richtig, total tot. Oder?
Als Lexa bei den Bildern ankam, die Micha zeigten, grinste sie. „Das erklärt, wieso er dich eingeladen hat. Der mag dich...“ Sie blätterte weiter und quiekte, bevor sie es verhindern konnte. Ein Laut, der nicht zu dem Eindruck passen wollte, den Micha bisher von ihr bekommen hatte. „Sehr sogar, oh mein Gott... ich wusste nicht, dass er mittlerweile so gut ist. Oder dass ihr zusammen seid.“
„Sind wir nicht!“, erwiderte Micha hastig. „Ich wusste nicht...“ Er wandte sich verlegen ab und wusste nicht, wohin mit seinen Händen. Auch wenn es nur gezeichnet war, dass Lexa das sah, war ihm peinlich.
„Oh, du bist nicht schwul?“
Sein erster Impuls war es, alles abzustreiten, aber anstatt eines klaren Neins kam ein klägliches, leises ‚doch‘ über seine Lippen. Unsicher trat er einen Schritt zurück.
„Ooookay, setzen, jetzt will ich die ganze Story.“ Sie schob Micha energisch zum Bett und setzte sich dann neben ihn. „Los, spuck‘s aus.“
Resigniert gab Micha nach. Lexa schüchterte ihn wirklich ein, obwohl sie einen Kopf kleiner war als er.
„In der Schule haben wir sonst nicht viel miteinander zu tun und ich bleibe normal eher für mich. Dass ich Ballett mache, weiß eigentlich keiner.“
„Echt jetzt, so richtig mit Aufführungen?“, fragte sie dazwischen und Micha nickte. „Wie cool. Erzähl weiter.“
„Vor etwa zwei Monaten hat Dan irgendetwas im Theater zu tun gehabt und hat mich bei der Probe gesehen. Als ich ihn entdeckt habe, hab ich Panik bekommen und ihn angefleht, es niemandem zu sagen. Es ist zwar blöd, aber ich will einfach nicht, dass es in der Schule jemand weiß. Da ist es so schon anstrengend genug und das eine letzte Jahr würde ich gerne auch noch ohne unnötigen Ärger hinter mich bringen. Er hat es mir versprochen und dann sind wir irgendwie ins Gespräch gekommen, weil er total neugierig war. Ab da ist er dann regelmäßig aufgetaucht. Wir haben uns immer länger unterhalten, aber er hat nie etwas gesagt.“ Micha deutete vage in Richtung Regal. „Ich dachte, wir wären heute nur zu zweit, aber ich hätte wissen müssen, dass er seinen Geburtstag nicht mit mir allein feiert.“
„Das hatte er sogar vor, glaube ich. Als die Jungs vorhin zusammen vor der Tür standen mit Getränken und Filmen, war der Vollidiot nur nicht in der Lage zu sagen, dass er schon verabredet ist... oder dir wenigstens Bescheid zu sagen.“
„Oh.“ Micha ließ deprimiert den Kopf hängen. Er lauschte. Der Regen schien nachgelassen zu haben.

„Ich sollte wohl gehen. Danke, dass du...“
„Nix da. Wenn mein Bruder sich schon so nen süßen, netten Typen anlacht, dann soll er sich auch gefälligst um ihn kümmern. Diese dämlichen Neandertaler, die er seine Kumpels nennt, können auch ganz gut ohne ihn auskommen.“ Sie angelte an ihm vorbei nach ihrem Smartphone auf dem Nachttisch und tippte dann eilig etwas ein. Micha konnte es nicht sehen, bekam aber ein ungutes Gefühl bei ihrem breiten Grinsen. Er schreckte zusammen, als kurz darauf ein langgezogener Schrei, der verdächtig nach Lexas Namen klang, durch die Wände zu hören war.
Lexa kam plötzlich näher, während auf dem Flur Poltern zu hören war. Sie legte ihm gerade die Arme um den Hals und schmiegte sich von der Seite an ihn, als die Tür aufging und ein aufgebrachter Dan erschien.
„Ja, liebster Bruder?“, flötete sie und Micha wünschte sich sehnlichst ein Schwarzes Loch.
„Was soll der Scheiß?“ Anklagend hielt er ihr sein Handy entgegen, doch er stand zu weit entfernt, so dass Micha noch immer nicht wusste, was Lexa geschrieben hatte.
Hinter Dan tauchten die zuvor erwähnten Neandertaler auf. Ein falsches Wort würde sie gleich beide outen. Unauffällig sah Micha sich wenigstens nach einer dunklen Ecke um, wenn schon kein Schwarzes Loch zur Verfügung stand. Oder vielleicht war noch Platz unter dem Bett?
„Echt jetzt, der und deine Schwester?“, fragte Lars über Dans Schulter hinweg in überraschtem Ton, die falschen Schlüsse ziehend.
„Naja, ich dachte, ich nehme dir ein wenig Arbeit ab. Du hast ja mit deinen Vollpfosten alle Hände voll zu tun“, sagte Lexa und rückte alle anderen ignorierend noch ein wenig dichter. So langsam musste Micha den Drang unterdrücken, sie von sich zu schieben. Sie war bis eben noch eine angenehme Gesellschaft gewesen, aber sie so nah zu spüren, war ihm unangenehm.

Hinter Dan erklang kollektiver Protest, während Dan sie stumm anstarrte. Lexa starrte zurück. Micha kam sich vor wie in einem Film. Ein alter Western. Wer zuerst blinzelte, hatte verloren. Und nach schier endlosen Augenblicken schien tatsächlich Dan der Verlierer zu sein.
„Jungs, die Party ist vorbei, geht woanders weiterfeiern“, sagte er ohne den Blick von Lexa abzuwenden.
„Ist das dein Ernst?“
„Spinnst du jetzt?“
„Echt jetzt, Alter?“
„Ja, Familienangelegenheit. Macht bei Andy weiter.“
Micha blieb wie erstarrt sitzen, während die Jungs nach und nach aus seinem Blick verschwanden. Dan folgte ihnen auf seiner Krücke. Kaum waren sie weg, schob Micha Lexa von sich und sprang unbehaglich auf. Er hörte die Schritte auf der Treppe, die Stimmen unten im Flur und dann die Haustür. Dann war es plötzlich still bis auf die Musik in Lexas Zimmer.

Kurz darauf kam Dan wieder ins Zimmer und ging direkt zum Regal. Er schnappte sich die Mappe und nach einem letzten finsteren Blick zu Lexa schob er Micha vor sich her hinaus und dann in sein eigenes Zimmer.
„Viel Spahaaaß“, hörte er sie noch rufen und überlegte, dass er jemanden wie sie wirklich nicht zum Feind haben wollte. Doch dann konzentrierte er sich auf das, was vor ihm lag: ein peinliches, anstrengendes Gespräch.
Als sie Dans Zimmer betraten, schlug ihnen eine Geruchsmischung entgegen, für die es einfach keine nette Umschreibung gab. Dan schien es auch zu bemerken, denn er ging wortlos zum Fenster und öffnete es weit. Ein Schwall feuchtkalte Luft drang herein. Es nieselte nur noch leicht. Dan blieb am Fenster stehen, drehte sich dann aber zu Micha um. „Sorry, das war alles nicht so geplant. Die Jungs sind vorhin einfach aufgetaucht und bevor ich auch nur daran denken konnte, nein zu sagen, hatten sie sich schon im Zimmer breit gemacht. Sie waren wohl der Meinung, ich würde mich langweilen.“
„Lexa hat so etwas erwähnt.“
„Ja, keine Ahnung, was mit der heute los ist. Normalerweise mischt sie sich nicht in meine Angelegenheiten und ich mich nicht in ihre.“
„Es war nicht ihre Schuld“, sagte Micha eilig.
„Was?“, fragte Dan verwirrt zurück.
„Ich habe die Mappe gefunden und dann sind ein paar Seiten herausgefallen und ich war einfach nur neugierig, weil du wirklich gut zeichnest und dann war Lexa schneller als ich und...“ Micha brach ab und zuckte mit den Schultern.
„Oh.“ Dan sah ihn müde an und rieb sich über die Augen. Er schloss das Fenster wieder und humpelte zum Sofa, um sich darauf sinken zu lassen. Sachte klopfte er neben sich auf das Polster. „Setz dich?“
Micha zögerte nur kurz. Mit ein wenig Abstand ließ er sich dann neben Dan fallen.
„Die Zeichnungen waren nicht für dich bestimmt. Sie waren für niemanden. Manchmal muss ich einfach Dinge zeichnen, um sie aus dem Kopf zu bekommen. Ich schätze mal, ich kann froh sein, dass du nicht schreiend davon gelaufen bist. Wenn du jetzt eher Abstand nimmst ist das okay, aber ich wäre echt dankbar, wenn du es für dich behältst, sowie ich dein kleines Ballettgeheimnis für mich behalten habe.“
„Ich hatte nicht vor, es irgendwem zu erzählen“, versicherte Micha hastig. „Das mit Lexa tut mir leid, aber sie hat es wirklich gut aufgenommen.“
„Ach, dass ich schwul bin, weiß meine Familie schon eine Weile. Ich bin nur der Meinung, dass es sonst keinen etwas angeht, deshalb trete ich es in der Schule nicht breit.“
„Oh... uhm, wieso sollte ich heute überhaupt herkommen? Wir haben uns doch sonst immer nur in der Stadt getroffen.“
„Ich schätze mal, ich habe mich so sehr daran gewöhnt, dich zweimal die Woche außerhalb der Schule zu sehen und mit dir zu quatschen, dass ich es in den letzten zwei Wochen einfach vermisst habe. Dieser blöde Unfall. So schnell werde ich wohl nicht mehr mit dem Rad bei Glatteis zur Schule kommen. Naja, es wird jedenfalls tatsächlich langsam langweilig immer nur hier zu hocken und ich bin fast schon froh, wenn ich am Montag wieder zur Schule kann.“
„Ich... hab unsere Treffen auch vermisst. Deshalb hab ich auch zugestimmt. Und ich wollte dir dein Geschenk lieber ohne Zuschauer übergeben.“
„Ah, mein Geschenk.“ Dan sah sich suchend um. Er hatte es im Regal neben der Tür abgelegt, als sie früher am Abend ins Zimmer gekommen waren.
„Ich hole es, warte kurz.“ Micha stand eilig auf und kam dann mit dem Geschenk zurück, ein bisschen nervös.
„Danke.“ Dan lächelte und Micha erwiderte es verlegen. Er beobachtete aufmerksam, wie Dan das Geschenkpapier methodisch öffnete und entfaltete, statt es einfach aufzureißen. So förderte er die Packung Multiliner zutage, die Micha ausgesucht hatte.
„Cool, woher wusstest du...?“
„Du hast es nicht erwähnt, aber ich hab dich oft in deinen Heften kritzeln gesehen. Da dachte ich mir, dass du das vielleicht etwas ernsthafter machst. Offensichtlich lag ich mit der Vermutung ja richtig. Deine Zeichnungen sind echt super.“
„Danke. Ich...“ Dan suchte offenbar nach Worten, Micha wartete einfach ab. „Ich verstehe, wenn du jetzt lieber auf Distanz gehen willst.“
„Distanz gehörte nicht zu den Dingen an die ich gedacht habe, als ich deine Mappe durchgeblättert habe“, gestand Micha und Dan sah ihn überrascht an.
„Was dann?“
„Ich war überrascht und geschmeichelt irgendwie und uhm...“ Micha rieb sich verlegen über den Nacken. „Hab mich gefragt, warum du nicht eher etwas gesagt hast.“
„Naja, ich wusste nicht, wie du reagieren würdest. Und ich bin nicht blöd. Ich weiß, dass es nur ein dummes Klischee ist, dass alle männlichen Balletttänzer schwul sind.“
„Das stimmt, allerdings...“ Micha machte eine kreisende Bewegung mit der Hand und zeigte dann mit einem schiefen Grinsen auf sich. „Klischee.“
Dan blinzelte und bekam dann große Augen. „Du machst Witze.“
Micha schüttelte den Kopf und musste lachen. Sie hatten sich beide wirklich doof angestellt. Dan fiel mit ein.
Als sie sich wieder beruhigt hatten, wurde Dan wieder verlegen. „Heißt das jetzt, dass du mich auch magst oder...“
„Ja, das tue ich. Ich dachte nur nicht, dass du auch...“
„Gut, dann können wir endlich zu dem Teil übergehen, den ich mir für den Abend gewünscht habe.“
Micha blinzelte verwirrt. „Das wäre?“
Dan packte ihn am Shirt und zog ihn näher, während er ihm gleichzeitig entgegen kam. Wenige Zentimeter bevor sich ihre Lippen berührten, stoppte Dan. „Ist das okay für dich?“
Micha antwortete indem er sich weiter vor beugte und die letzten Zentimeter noch überbrückte. Dann küssten sie sich endlich.

Als sie sich voneinander lösten und Micha kurz zur Seite sah, fiel sein Blick auf die Zeitanzeige am Fernseher. Es war kurz nach Mitternacht. „Das nenn ich mal ein cooles Geburtstagsgeschenk“, meinte er ruhig und lächelte.
Dan nickte und küsste ihn gleich nochmal. „Da hast du Recht, wobei die Stifte auch cool waren.“
„Ich meinte für mich“, korrigierte Micha und zog Dan über sich, während er sich nach hinten fallen ließ.
„Du hast Geburtstag? Heute?“
„Seit fünf Minuten, ja.“ Micha grinste.
„Mist, das wusste ich nicht. Jetzt habe ich kein Geschenk für dich zum Auspacken.“
„Macht nichts, ich gebe mich vorerst mit meinem unausgepackten Geschenk zufrieden. Außerdem ist in drei Wochen Heiligabend. Normalerweise bekomme ich dann eh immer erst die großen Geschenke.“
Dan lachte leise und setzte ihre Knutscherei fort. Wenn es nach Micha ging, würden sie das die ganze Nacht machen können.

„Ich muss bald los, wenn ich meinen letzten Bus noch erwischen will“, sagte er irgendwann widerwillig.
„Bleib heute Nacht hier. Ich will das noch ein wenig genießen. Und vielleicht kommen wir doch noch zum Geschenke auspacken.“
„Uh.“ Micha zögerte, schob seine Zweifel schließlich beiseite und nickte enthusiastisch. „Du bist sowieso verlockender als die eisige, nasse Nacht und mein kaltes Bett.“
„Bett. Da sagst du was.“ Dan gähnte verhalten und blinzelte dann träge. „Sorry, war etwas anstrengend heute.“
„Macht nix. Bin auch nicht mehr so fit. Aber sag mal, was hat Lexa dir eigentlich vorhin geschrieben, dass du so geschrien hast?“, fiel Micha plötzlich eine Frage ein, die er auch noch beantwortet haben wollte.
Dan stöhnte leise, angelte aber nach seinem Handy. „Ich liebe meine Schwester wirklich, aber unzensiert sollte man sie nicht auf die Bevölkerung loslassen. Sieh dich hiermit als gewarnt“, sagte er, während er die WhatsApp-Nachricht aufrief und Micha zum Lesen gab.
/Nette Bilder, sehr anschaulich und gut getroffen... aber du bist echt ein Vollpfosten! Da hast du so ne Sahneschnitte vor der Nase und du guckst mit den Neandertalern irgend nen Müll statt ihn flachzulegen? Beweg deinen Arsch hierrüber oder ich markiere mein Revier bei ihm/
Micha lief rot an und stöhnte auf. „Oh Gott.“
„Ich hatte dich gewarnt.“ Dan grinste und steckte das Handy wieder weg. Er gähnte erneut. „Lass uns im Bett weiterreden, dann kann ich nämlich irgendwann einfach die Augen zu machen und muss mich nicht mehr bewegen.“

Sie gingen abwechselnd ins Bad. Als Micha fertig war und auf dem Weg zurück ins Zimmer, traf er im Flur auf Lexa. Er wurde prompt rot, als sie breit grinste.
„Danke“, schaffte er es jedoch trotzdem zu sagen und ihr Grinsen wandelte sich in ein ehrliches Lächeln.
„Gern geschehen. Du kannst dich revanchieren, indem du mir deinen älteren Bruder vorstellst, falls du einen hast und der so gut aussieht wie du.“
Micha blieb perplex stehen, schaffte es diesmal aber schneller, seine Schlagfertigkeit wiederzufinden. „Ich frag ihn mal, ob Interesse an einem frechen Weihnachtself besteht“, erwiderte er grinsend, bevor sie die Badtür schließen konnte. Er erntete ein überraschtes Lachen von ihr.
Schließlich endete der Abend und begann sein Geburtstag auf eine Art, die er sich wenige Stunden zuvor nicht zu erhoffen gewagt hatte: in den Armen seines Freundes.

oOo
Aktualisiert: 02/01/17
Veröffentlicht: 31/12/16
[PDF speichern]
[Drucker]

Optionen: [Melden]
MelG am 02/01/17 18:56
Solche Geschenke hat man doch gerne. Ich mag die Figur 'Lexa' gerne, auch, wenn ich sie nicht gern zur Schwester hätte. ;-)

Aber durch sie hast du die beiden Jungs gut zusammen bekommen. Da muss dann Mal Tacheles geredet werden.

Toll gemacht.

LG, Mel
Das beste Geschenk
Aussehen wechseln!
Login

Registrieren | Passwort vergessen
BxB-Statistiken
Mitglieder: 4664
Geschichten: 889
• M/M: 812
• F/F: 69
Kapitel: 5064
Autoren: 249
Reviews: 9128
Reviewer: 567
Neuestes Mitglied: gajfibak
Challenges: 61
Challengers: 16
 
Aktuell
Du bist nicht eingelogt
Laberkasten
Snoopy279
16/05/21 18:14
gerne natürlich auch die, die Fanfiktion lesen/Fanfiktionschreiber einfach unterstützen wollen

Snoopy279
16/05/21 18:14
alle, die auch Fanfiktion schreiben, bitte bei der Petition mitmachen, damit das auch in Zukunft möglich bleibt!
http://chng.it/WnwVCzxGff


jabba
21/01/21 22:32
Knuddel! Knuddel! Alle ganz doll knuddel! Heute ist Weltknuddeltag! Knuddel! Knuddel!

Witch23
01/01/21 02:37
*Pfeif Zisch* Gutes neues Jahr wünsche ich euch allen

split
01/01/21 00:01
Frohes Neues *krach baller lärm*

split
24/12/20 23:24
Frohe Weihnachten

Niemue
24/12/20 12:29
Ich wünsche Euch allen schöne Feiertage, einen guten Rutsch und viel Gesundheit im Neuen Jahr! :*

Witch23
24/12/20 11:02
Wünsche ich euch auch. Vor allem habt schöne Feiertage.

Yavia
24/12/20 10:48
Frohe Weihnachten euch allen!

Witch23
20/12/20 12:51
Einen schönen vierten Advent euch allen und hoffentlich bald wieder etwas entspanntere Tage

Wer ist online?
Gäste: 81
Mitglieder:
Neueste Geschichte
Bruderliebe von Lysander Ab 16
Hoffnungslose Liebe, sein Geheimnis und ständige Verlustangst lähmen Till. Er...
Neustes Kapitel
Julian und der Seelensammler von split Ab 12
Der eine Ort, an dem Julian am besten nachdenken kann, ist der städtische Friedhof...
Zufallsgenerator
Das Glück kommt auf leisen Sohlen von Jule Ab 16
Hi, ich bin Max, eigentlich heiße ich ja Maximilian, aber das ist den meisten...