Hoffnungsschimmer im Winter von jabba (Abgeschlossen)
Inhalt: In einem Antiquitätenladen findet sich so Allerlei: Schicke Sachen und Plunder treffen auf Menschen, die ihr Zeug unbedingt loswerden oder wieder haben wollen...
Genres: Reale Welt, Weihnachten, M/M (yaoi)
1. Warnung: Keine
2. Warnung: Keine
3. Warnung: Keine
Kapitel: 3
Veröffentlicht: 23/01/17
Aktualisiert: 21/02/17
Anmerkungen zur Geschichte:Advendskalendergeschichte 2016
Geheimnisvolle Familienfotos
Anmerkungen zum Kapitel:Besten Dank an meine Beta Snoopy279
Kalter Regen klatschte ungemütlich gegen die Scheibe eines kleinen Ladens. Josi, mit bürgerlichem Namen Joseph Hunzinger, wuselte geschäftig durch den kleinen Antiquitätenladen, in dem er seit Beginn seines BWL-Studiums aushalf. Anfangs nur zum Schleppen eingestellt, war Josi über die Jahre quasi zum Partner des netten alten Mannes geworden, der nun auf sein abgeschlossenes Studium hoffte, um Josi den Laden komplett zu übertragen.
Nun kramte Josi sich durch die Bestände des Ladens und sammelte sich die alljährlich anfallende Weihnachtsdekoration zusammen. Kaufen wollte er nichts, sie hatten genug Krempel der mehr oder weniger gut wegging und aus Gesprächen mit seinen Kunden hatte Josi schon so einige Dekorationsideen für ihre Auslage geklaut. Es war doch immer wieder faszinierend, wie komplett anders man Dinge verwenden konnte, und es sah auch noch gut aus!
Kerzenständer wurden mit roten Kerzen bestückt, eine kleine Armee Zinnsoldaten fand Aufstellung unter einem geschnitzten Holzbaum und zog todesmutig gegen eine Gruppe sehr gut erhaltener Steiff-Elefanten ins Scharmützel. Auf den Holzästen des Baumes fanden Messingklemmen mit Kerzen ihren Platz, eingebettet in ein Potpourri aus Laubsägesternen sowie gedrechselten Engeln, Äpfeln und Kiefernzapfen. Potenzielle Geschenke wie Väschen und Sammeltassenservice gruppierte Josi halb ausgepackt auf dem Boden. Dann bekam alles in der Auslage dezent ein Preisschildchen angehängt.
Für das perfekte Bescherung-Wohnzimmer hatte Josi sich überlegt, die Seitenwände mit Bilderrahmen zu behängen. Dumpf hatte er in Erinnerung, dass sein Chef im Frühjahr eine schicke Truhe mit Haufenweise Fotos erstanden hatte.

Eine halbe Stunde später kam er mit der kleinen Truhe und einem Karton voller Bilderrahmen aus dem Lager zurück und breitete seine Beute auf einem Tisch im Verkaufsraum aus. Zum ersten Mal sichtete er die Fotos genauer und langsam breitete sich ein komplettes Familienleben vor sich aus. Alte, angegilbte Schwarzweiß-Fotos waren bunt gemischt mit neuen Ausducken von Digitalfotos und mittlerweile sehr rotstichigen Bildern aus Zeiten beginnender Farbfotografie. Aus Hochzeitsbilder von bestimmt 3 Generationen, Einschulungen, viele Familienfeiern und –ausflügen sowie allerhand bildern die nach Kirchenfeiern oder ähnlichem aussahen, stellte Josi eine Familienfotowand zusammen, die sich sehen lassen konnte. Manche Bilder hielt er recht langen in Hände und wob sich in seinem Gehirn eine mögliche Familiengeschichte zurecht. Er fragte sich, was mit der Familie passiert sein musste, dass quasi ihr ganzes Leben hier in Fotos in seinem Laden ausgebreitet lag.
Zwei der Personen waren einfach nur schnuckelig anzusehen. Wenn er die Sortierung, oder besser Nicht-Sortierung, der Truhe richtig verstand, musste er da in Schwarzweiß den Großvater als jungen Burschen und im Digitalausdruck dessen Enkel sehen. Ein relativ großes Buntbild von dem Enkel, auf dem dieser im Garten überrascht über die Schulter zum Fotografen blickte, bekam einen schicken Rahmen und Josi hängte es so, dass er den jungen Mann von seinem Platz bei der Kasse gut sehen konnte.
„Na mein Junge, was haben wir dieses Jahr für Weihnachten im Schaufenster?“
Fast hätte Josi sich den Truhendeckel auf die Finger fallen lassen. Dabei sollte die doch mit halb offenem Deckel und gefüllt mit den übrig gebliebene Fotografien unter der Fotowand drapierte sein, so dass man deren bildlichen Inhalt erahnen konnte.
„Herr Steinbeck, sie sollen sich doch nicht immer so anschleichen.“ erhob Josi sich. „Heimelige Familienweihnacht ist es heuer. Ich hab mal das Lager geplündert und geschaut, was da so alles hervorkommt.“
„Gut gut.“ Der ältere Mann musterte den Aufbau kritisch. „Wir hatten früher immer Wattebäuschchen luftig auseinandergezupft als Schnee.“ Er reichte Josi die Hand und Josi kam in den Verkaufsbereich zurückgeklettert. „Und einen Mitarbeiter des Monats haben wir anschienen auch. Der muss wohl die Nachtschicht machen, ich hab den noch nie gesehen.“ kommentierte er das neue Bild an der Wand augenzwinkernd. „Öhm… eh…“ Ob und für was oder wen Josi sich interessieren könnte, war nie Thema zwischen ihm und seinem Chef gewesen und Josi war sich nicht sicher, ob das jetzt ein guter Zeitpunkt war zu sagen, dass er lieber Jungs hinterher guckte. „Oder gabs da keine hübsche Mitarbeiterin des Monats?“ Mit kritischem Blick lugte der Ältere über die Abtrennung zum Schaufenster und griff zielsicher nach einem Bild, das aus den 69-igern stammen konnte. Die junge Frau hatte ein Hippie-Nichts von Bikini an, eine Tüte Waffeleis in der Hand und streckte dem Fotografen die Zunge raus.
„Sind sie sicher, dass es nicht etwas kontraproduktiv wäre, wenn wir die nette Dame hier neben ihren Sohn oder Neffen oder so an die Wand da hängen?“ Josi hatte seine Worte wiedergefunden.
„Na, na, an was sie immer gleich denken, Herr Hunzinger.“ Doch mit einem Grinsen, das nicht verbergen konnte, was der Besitzer des Antiquitätenladens wirklich über das Motiv des Fotos dachte, legte der ältere Mann das Foto wieder zurück zu den andern Bildern. Dann griff er auch nach dem bereits gerahmten Bild.
„Eh… das…“ zögerlich und leise erhob Josi Einspruch. Sein Bild war jetzt nun wirklich kein Pin-Up im klassischen Sinne, aber es war dennoch nett anzusehen. Und Hintergedanken hatte er ja schon ein bisschen gehabt, als er sich diese Bild für genau jene Stelle an der Wand ausgesucht hatte.
„Nein?“ Herr Steinbeck ließ das Bild wieder los. „Hach Junge, ich versteh die Welt nimmer. Du musst mir unbedingt so erklären, dass ich es auch verstehe, warum man heute mit Hosen rumlaufen muss, die eindeutig kaputt sind und warum die jungen Mädchen sich schön finden, wenn sie verhungert und krank aussehen und so…“ Bei dem ‚und so‘ wedelte er zu dem frisch aufgehangenen Bild und noch während er sprach, ging er langsam wieder zurück in die hinteren Räume des Ladens.
Josi plumpste auf ein urgemütliches abgeranztes Ledersofa und hieb sich ein paar Male die Handballen gegen die Stirn. Er war ja so doof, doof mit ganz vielen 'o'. Das war die Gelegenheit gewesen, Herrn Steinbeck zu sagen, dass er schwul war. Aber nein, er musste belämmert dastehen wie ne Kuh wenn’s donnert. Es war ja nicht so, dass Josi sich aktiv verheimlichte, aber so als Dauersingle hatte er einfach keine Notwendigkeit gesehen, seinem Chef über seine sexuelle Orientierung Bericht zu erstatten. Nur so kleine harmlose Plänkeleien wie eben waren da irgendwie immer ein Drahtseiltanz.

****

Zwei Wochen waren vergangen. Josi stand im eisigen Wind vor dem Schaufenster und wischte Finger- und Nasenabdrücke vom Glas. Genauso wie gestern, und vorgestern, und dem Tag davor. Er seufzte. Ein paar Tage nachdem er die Weihnachtsdekoration aufgebaut hatte, hatte es begonnen. Irgendwer musste seine Auslage so hochinteressant finden, dass er sich jeden Abend buchstäblich die Nase an der Scheibe plattdrückte. Und er musste dann die Tappser auf der Scheibe wieder weg machen. >Der soll nicht glotzen, der soll reinkommen, wenn’s ihm so doll gefällt!< Murrend schlurfte Josi zurück in den Laden und stellte Sprühflasche und Zewa-Rolle unter die Kasse. Großartig wegräumen brauchte er das Zeug nicht, Montag würde er es garantiert wieder brauchen.

Es war bereits dämmerig und Josi begann im Laden schon mal zusammenzuräumen. Morgen war Sonntag, dritter Advent sogar, und die beginnende „Hilfe, ich hab noch kein Geschenk“-Panik machte sich bei seiner Kundschaft langsam bemerkbar. Bis Heilig Abend würde sich die Menge an Kleinzeug noch gut steigern, die über seinen Ladentisch ging. Doch jetzt räumte er erstmal wieder alles zurück, was seinen Kunden so verschleppt und doch nicht gekauft hatten.
Das Klingeln des Messingglöckchens über der Eingangstür ließ Josi zur Tür blicken. Ein seltsam vertrautes Gesicht blickte ihn unter blonden, schneenassen Zotteln an. Blassblaue Augen blickten ihn zornig an, dann wurde eine handvoll Schneematsch nach ihm geworfen. Mit dem Ärmel wischte sich Josi das Gesicht frei. „Hey! Sach mal, geht’s noch?“, schrie er in Richtung des Jungen. Aus den Augenwinkeln sah Josi gerade noch, wie der Junge, bisher gebückt über die Absperrung zum Schaufenster, sich wieder erhob, die kleine Truhe an sich presste, wahllos noch ein Bild von der Wand riss und rausrannte.

Josi dachte nicht nach, als er hinterher rannte. Nicht daran, dass er den Laden ungeschützt offen ließ, nicht daran, das sein Portemonnaie und Schlüssel im Rucksack im Hinterzimmer lagen, nicht an die ganzen Vorweihnachts-Euros, die noch in der Kasse lagen, er rannte dem unverschämten Dieb einfach nur hinterher. Auf dem rutschigen Schneematsch war es dann eine kurze Verfolgungsjagd, die von der Qualität des Schuhwerks und nicht von Schnelligkeit oder Ausdauer der beiden Läufer entschieden wurde. In der ersten Straßenecke verlor der Dieb rutschenderweise seinen Vorsprung und noch ein paar Schritte weiter hatte Josi ihn dann am Kragen erwischt. Ebenfalls schlitternd, doch bei weitem nicht so stark wie der Verfolgte, brachte er sie beide zum Stehen.
„Du hast wohl ein Rad ab!“, schrie Josi den dreisten Dieb an. Sicherheitshalber hielt er den Jungen auch weiterhin fest am Kragen. Eine weitere Verfolgungsjagd hätte seine Kondition nicht mehr mitgemacht. „Du kannst mir doch nicht einfach diesen Scheißschnee ins Gesicht werfen und dann auch noch klauen.“
„… sagt derjenige, der Hehlerware verkauft. Alles klar.“ Die Verachtung war deutlich aus den Worten herauszuhören. Doch noch stärker traf Josi das Wort „Hehlerware“. Das war ein viel heftigerer Schlag ins Gesicht als der nasskalte Schnee eben. Sein Griff um den Kragen des Diebes lockerte sich, während Josi entgeistert seinen Gegenüber anstarrte.
„Jetzt glotz nicht so wie ne Kuh wenn's donnert, sondern lass mich mit meinen Fotos gehen.“
Mechanisch leistete Josi der Forderung folge. Der Junge drehte sich um, presste die kleine Holztruhe dicht an sich und stapfte in großen Schritten die Straße weiter.

>Hehlerware… Hehlerware< Das Wort geisterte laut schreiend durch Josis Hirn. Sie verkauften keine Hehlerware! Alte und mitunter auch vielbenutze Sachen, ja. Aber niemals nicht ließen sie sich auf halbseidene Geschäfte ein, da war sich Josi mit Herrn Steinbeck einig. Und noch während dieses Unwort weiter seine Kreise in Josis Gehirn zog, puzzelte sich langsam die Erkenntnis zusammen, warum ihm das Gesicht den Burschen so merkwürdig vertraut vorgekommen war. Er hatte ihn seit knapp 2 Wochen täglich vor Augen, wie er Josi frech über die Schulter hinweg anblickte. Das war einer der Leute von den Fotos aus der Truhe! Ja klar natürlich! …Hehlerware…. Scheiße, da ist irgendwas irgendwann gewaltig schief gelaufen!

„Hey, warte mal!“ Josi lief los und versuchte den Jungen einzuholen. Die richtige Hausecke hatte er aus den Augenwinkeln ja noch mitbekommen und jetzt rannte er ein zweites Mal auf diesem gemeingefährlichen Schneematsch. Und auch dieses Mal gewann ein einigermaßen sicherer Tritt gegen ein hastiges Schlittern auf rutschigem Boden.
Sie hatten den Block umrundet und Josi sah in der Ferne die sperrangelweit offen stehende Ladentür.
„Bleib doch mal stehen!“ Josi hatte den Jungen erreicht und angestupst.
Dieser fuhr herum und starrte ihn angriffslustig an: „Was ist? Willste jetzt doch die Polizei rufen? Bitte, tu dir keinen Zwang an!“
„Nein, aber ich würde gerne rausfinden, wie diese Bilder von dir in meinen Laden kommen konnten“, entgegnete Josi. Misstrauisch wurde er gemustert. „Ich hatte mir eben ne Kanne Tee aufgebrüht, der müsste noch warm genug sein. Wir setzen uns zusammen auf die Sessel im Laden, zeigen den Tassen im Regal mal, wozu die geschaffen worden sind und ich erzähl dir, wie diese Truhe zu uns in den Laden kam. Und dafür nimmst du den Hehler zurück.“ Blonde Zotteln wurden aus Augen gewischt, die sich abwägend zusammenkniffen.
„Oh man, wenns sein muss, dann lass ich auch die Ladentür offen stehen. Ich mag meinen Laden nicht länger alleine lassen und außerdem ist es hier draußen viel zu kalt und ungemütlich, um noch länger rumzustehen. Was ist, kommst du jetzt?“
„Und warum soll ich mitkommen? Ich würd liebend gern verschwinden, sobald du dich umdrehst!“ Provozierend blitzten die blauen Augen Josi an. Und gleichzeitig schloss der Jungen seine Arme enger um Truhe und Körper.
Josi beschloss ein paar Momente abzuwarten und erlaubte sich, den jungen Mann genauer zu mustern. Die Wangen waren viel schmaler als auf dem Foto in seinem Laden und die Zeit, als die Haare noch einen Schnitt hatten, lag auch schon lange zurück. Unter der Lederjacke zeigten sich am Hals sowohl ein Pulli als auch ein Kapuzenshirt. Die Tuchhose sah edel aus, war aber definitiv nicht für Winter gemacht, ebenso die Lederhalbschuhe. „Vielleicht willste ja auch wissen, was wir zusammen mit dieser Truhe noch so angeboten bekommen hatten und jetzt im Lager haben?“
Die blassblauen Augen funkelten ihn an. Josi musste an sich halten, nicht zu schmunzeln. Er konnte dem Jungen so eindeutig beim Denken zusehen. Mitkommen? Verschwinden? Ja? Nein? Doch? Besser nicht? „Na komm, wärmer wird der Tee nicht, wenn wir hier noch lange stehen.“ Josi boxte den Jungen leicht gegen den Arm und ging dann langsam zur offenen Ladentür.

In der Kochnische der hinteren Räume stehend hörte Josi die Ladentür klingeln. Lächelnd griff er nach der Teekanne und trug diese in den Verkaufsbereich. Wie fehl am Platz stand sein diebischer Gast auf der Fußmatte und traute sich nicht weiter.
„Am Schloss ist ein Drehknauf, kannst du den bitte Richtung zu drehen, bis was hörbar einrastet?“
Ein paar Momente des Zögerns gestand er seinem Gast noch zu, während er ein Messingstövchen aus dem Regal hinter sich zog und auf einem Beistelltisch zwischen zwei alten Ledersofas abstellte. Er kramte nach Teelichten, entzündetet ein Flämmchen, stellte dann die Kanne aufs Feuer.
„Chinesisch oder Britisch?“, fragte er Richtung Eingang, nachdem er es Klacken gehört hatte.
Sein Gast stand immer noch unschlüssig an der Tür und blickte ihn entgeistert an.
„Für den Tee.“ Josi deutet ins Regal, wo mehrere Chinesische Teeservice neben einigen britischen royalen Sammeltassen standen.
„Egal. Irgendwas das ich nicht zerdeppern kann.“ Unschlüssig kam der junge Mann ein paar Schritte in den Raum hinein.
„Na komm. Dass an diesen Sesseln hier ein Preisschild hängt, heißt nicht, dass man da nicht drauf sitzen kann. So verratzt das Leder auch aussieht, die sind urgemütlich. Ich hab schon so einige Abende drauf verbracht, wenn ich mich beim Warten auf Ladenschluss in nem Buch festgelesen hab.“ Josi griff zwei tönerne Schalen aus einem anderen Regal. „Und jetzt setz dich hin. Ach ja, ich bin Josi, Joseph Hunzinger um genau zu sein.“ Er nahm dem Jungen die Truhe mit den Fotos aus den Händen und stellte sie zurück ins Schaufenster.
„Und? Hast du jetzt nen Namen oder nicht?“ Josi setzte sich auf seinen Lieblingssessel hier im Laden, von dem aus er nicht nur die Ladentür und durchs Schaufenster hindurch die Straße, sondern auch über einen Gemäldespiegel die Kasse im Blick hatte.
„Richard“, brummte der so aufgeforderte und ließ sich zögerlich auf dem anderen Sofa nieder. Josi reichte eine der Teeschalen rüber. „Richard also.“ Auffordernd schaute Josi zu seinem Gast herüber, doch es blieb bei diesem einem Vornamen.
„Na gut“, lenkte Josi ein, „ich hab dir den Tee versprochen zusammen mit einer Erklärung. Und danach will ich, dass du den „Hehler“ zurücknimmst.“ Er lehnte sich zurück und nahm seinen Tee in die Hand.
„Dann will ich mal anfangen. Aber viel hab ich nicht zu erzählen.“ Sein Blick glitt zu Richard und über den Rand der Teeschale hinweg bohrten sich das blasse Blau der Augen in ihn.
„Vieles was wir hier haben, kommt von Privatpersonen, die ihre alten Sachen loswerden wollen. Aber vieles bekommen wir auch über Haushaltsentrümpler, die hoffen noch ein paar Euro bekommen zu können und nicht alles in den großen Container schmeißen. Es muss Frühling oder Frühsommer gewesen sein, da kam wieder ein solcher Aufräumunternehmer bei uns vorbei. Er hat meinem Chef diese kleinem Truhe da im Schaufernster mit den Bildern drinnen und….“ Weiter kam Josi gar nicht, da sein Gast beim Wort 'und' aufgesprungen war. „Es hat noch mehr überlebt? Was ist es? Bitte, darf ich es sehen?“, wurde Josi unterbrochen.
„Hey, jetzt mach mal langsam!“, stoppte Josi den Redefluss. „Erst knallst du mir den Schneematsch ins Gesicht, dann renn ich dir sogar durch das Mistwetter nach und ich krieg weder ne Entschuldigung noch nen guten Grund, warum in Dreiteufelsnamen ich dir hier überhaupt Tee anbiete und mehr als ein genuscheltes „Richard“ hab ich nicht gehört“, schnaubte Josi.
Unschlüssig stieg Richard von einem Fuß auf den anderen. „Ja, Sie haben ja Recht.“ Er strich sich seine Zotteln hinter die Ohren. Während er die Schultern zurückzog und aufrechte Haltung annahm, suchte er mit seinen Augen Josis Blick. „Richard Silberthal, um genau zu sein Richard Levi Silberthal. Es freut mich, trotz aller Umstände, Ihre Bekanntschaft machen zu dürfen.“ Er reichte Josi die Hand, worauf hin dieser ebenfalls aufstand und diese mechanisch nahm. „Bitte verzeihen Sie mein Verhalten. Ich war emotional aufgewühlt und außerhalb meiner Selbstbeherrschung.“ Richard fuhr nochmal eindeutig verlegen durch seine Zotteln. „Mein Verhalten war nicht akzeptabel, doch leider ist es nicht mehr rückgängig zu machen. Vielleicht wenn ich mich erklären darf…“
Perplex schaute Josi den jungen Mann an. Mit vielem hätte er gerechnet, aber diese formvollendeten und hochgestelzten Umgangsformen konnte sein Hirn nur schwer mit dem struppigen äußeren Erscheinen seines Gastes in Einklang bringen. Es war fast so, als ob das Ambiente seinem ungebeten Gast in Erinnerung brachte, sich wieder so zu verhalten wie es ihm beigebracht worden war.
„Setzen Sie sich doch wieder. Dann können wir in Ruhe weiter reden.“ Eine Phrase der Höflichkeit im Geschäftsleben, schon tausende Male zu diversen Kunden gesagt… Ein Hoch auf Automatismen die sich abspulen, wenn das Hirn in temporären Streik geht!
Josi ließ sich wieder nieder und auch Richard plumpste wenig elegant zurück in seinen Sessel. Während sein Gehirn langsam wieder Funktion aufnahm, schlich sich ein Grinsen auf seine Lippen. >Der hat mich jetzt tatsächlich behandelt, als ob ich ein Graf oder so wäre. Wie süß! Wie war das, der Jüngere hat den Älteren so lange zu siezen, bis der Ältere das ‚du‘ anbietet?< „Also wegen mir können wir ruhig beim ‚du‘ bleiben…“ Josi erlaubte seinen Lippen das Grinsen und schaute zu Richard. Leicht und unsicher grinste dieser zurück.
„Nun ja, mein Chef hat die Truhe zusammen mit einem Feuerbesteck und zwei kleinen Steinlöwen im Frühling einem Entrümpler abgekauft. Bislang stand alles im Lager rum. Und da wir jedes Weihnachten unser Schaufenster aus weihnachtstauglichen Lagerbeständen dekorieren…“, fuhr Josi fort und deutete mit einer Handbewegung unbestimmt Richtung Schaufenster. „Heuer ist's heimelige Familienweihnacht geworden. Da kamen mir diese Sachen gerade recht.“
Josi bemerkte, wie sein Gast gebannt an seinen Lippen klebte und wie ein nach Leckerli bettelndes Hündchen unter seinen Haarzotteln hervorlugte. Er nahm einen Schluck aus seiner Tasse und erzählte weiter. „Ich kann die Bücher von Jahresanfang mal durchgucken.“
Die Augen bohrten sich in Josis Gehirn und seine Phantasie veränderte das Setting. Die Ladenkasse verschwand und machte einem Bett im Hintergrund Platz, aus den nasskalten Winterstiefeln an seinen Füßen wurde ein weicher Teppich unter nackten Füßen und je länger er auf Richard schaute, desto mehr verschwanden dessen Kleider und desto mehr begann der Schritt seiner Hose zu spannen. >Oh man, das kann man ja nur noch notgeil nennen! Mensch beherrsch dich!< Josi räusperte sich und lehnte sich zurück. „Doch jetzt erstmal zu dir. Wie komm ich …“ Er schaute auf die Pfütze, die der Schnee, welcher sein Gesicht verfehlt hatte, auf dem Steinboden im Eingangsbereich hinterlassen hatte und deutete darauf. „…zu dieser Ehre?“

Richard besaß den Anstand puterrot zu werden und versteckte sich einen Moment hinter seinen Zottelhaaren. Er nahm seine Teeschale und drehte sie in seinen Händen hin und her. Josi schenkte ihm ungefragt nach. Richard pustet kurz in die leichten Dampfwolken, die der Tasse entstiegen. Es schien fast so, als würde er mit den Wölkchen spielen… oder Zeit schinden.
„Da ist nicht viel zu erzählen. Ich war mal reich, ich hatte mal Familie, dann hat's gebrannt, nun gibt’s nichts mehr.“ Richard sprach zu seiner Tasse, doch den Schmerz in seiner Stimme konnte Josi hören. „Naja und dann hab ich Leopold da im Schaufenster gesehen….“ Das „und die andern auch“ kam nur noch geflüstert.
„Oh.“ Josi musste an sich halten, sich nicht mit der Hand gegen die Stirn zu hauen. Was Geistreicheres hätte ihm wirklich nicht einfallen können.
„Naja, ich wusste nicht recht ob ich heulend zusammenbrechen sollte oder hier alles kurz und klein schlagen sollte… und da ist dann Schnee draus geworden.“ Mit einem schiefen Grinsen schielte Richard von seiner Tasse hoch und zu Josi.
„S….Du hast echt nicht gewusst, wo die Sachen herkommen, ja?“ Josi nickte nur. „Pardon. Das mit dem Hehler, ich hätte erst Fragen sollen. Ich wollte dich nicht… Ich war nur…“ Richard hob seine Teeschale und trank sie in einem Zug leer. „Und vollständige Sätze zu bilden hab ich in den letzten Minuten auch verlernt.“ Er seufzte tief und stellte die Teeschale auf das Tischchen. „Bitte, darf ich sehen, was noch den Brand überlebt hat?“

****

Josi blätterte in der dicken Kladde. Er hatte Richard einen Moment alleine gelassen und das Inventurbuch von diesem Jahr aus dem Büro geholt. Nun gingen sie durch den schneematschigen Hof zum Lager. Wieder bemerkte Josi, dass Richard zu zittern anfing, obwohl sie wirklich nicht lange draußen waren. „Die Truhe mit den Fotos ist im Laden, die meisten Fotos hab ich drin liegen gelassen. Nur einige besonders dekorative habe ich…“ Ein leichtes Stolpern neben ihm stoppte Josis Worte. Unwillkürlich schaute er zu Richard und sah ihn verbissen vor sich auf den Boden starren. Erst da realisiert Josi, wie seine Worte rübergekommen zu sein schienen. „Scheint so, als sollte auch ich wohl besser erst nachdenken, bevor ich was sage, hm?“ Er stupste mit seinem Ellenbogen leicht gegen Richards Arm. Richard drehte den Kopf zu ihm und grinste ihn schief an.
„Komm mit, hier rein.“ Josi öffnete eines der mittleren Garagentore im Hinterhof. Er führt Richard zielsicher um Gartenzwerge, metallenen Wasserspiele und andere Gartendeko herum zu zwei kleinen Steinlöwen. Richard kniete sich zu den Löwen hinunter und strich einem über die harte Mähne. „Die haben mal unsere Einfahrt flankiert…“
Seine Schultern bebten jetzt deutlich, doch Josi konnte nicht ausmachen ob wegen der Kälte, die in ihren nur auf frostfrei isolierten Lagerräumen herrschte oder ob noch etwas anderes der Grund war. Doch es reichte ihm als Grund, seinen Parka auszuziehen und ihn um die schmalen Schultern des vor ihm knienden Mannes zu legen. „Bin doch kein Mädchen“, protestierte Richard leise, schmiegte sich aber in den warmen Parka. „Magst du das Feuerbesteck auch noch sehen?“, wollte Josi wissen und ging wieder zurück zum Tor. Dadurch sah er nicht, wie Richard an den Zetteln rumknibbelte, auf die er und Herr Steinbeck ihre internen Preisvorschläge draufgeschrieben hatten.
Eine Antwort bekam er keine, doch stand Richard kurz darauf drängelnd neben ihm.

Das Kaminzubehör war schnell gesichtet und kurz darauf standen sie wieder im Laden. „Was heißt Vau Ha Be?“ Richard war neben ihn geschlichen, als Josi gerade die Kladde in der Schublade bei der Kasse verstaute. „Vau Ha Be? …ach VHB! Das heißt Verhandlungsbasis. Warum fragst du?“
„Nur so…“ Dass da mehr hinter der Frage war, war Richard im Gesicht abzulesen, doch ging dieser nicht weiter drauf ein.
Josi musterte ihn und ein unbestimmtes Gefühl wurde langsam Gewissheit. „Ach weißt du was, ich geb‘ dir die Fotos aus der Truhe einfach mit. Die anderen und die Truhe selber würd' ich gerne noch bis Weihnachten behalten. Sonst muss ich hier komplett umdekorieren und dazu ist mein Gehirn jetzt leer.“
Richard sah ihn an, als ob jetzt schon Bescherung wäre. „Wirklich? Ich kann die haben? So hier? Jetzt? Einfach so?“ Er verhaspelte sich, zum zweiten Mal strahlten seine Augen und das Blau der Iriden wurde klar und freudvoll.
Josi wurde fast verlegen darüber, dass Richard sich so freute, es waren doch nur einige Fotos. Diese Verlegenheit überspielend holte er hinter der Theke eine kleine Papiertüte hervor und gab sie Richard. Dann stieg er über die versteckte Abtrennung und tänzelte behutsam durch das Schaufenster zur Truhe mit den Fotos. Ein paar Fotos ließ er am Grunde der Truhe zurück, damit es von außen so aussah, als sei sie auch weiterhin gefüllt mit den Bilder, alle anderen reichte er Richard.
Mit bebender Hand nahm dieser sie in Empfang, packte sie sorgsam erst in die Tüte und dann wettersicher unter seine Jacken. Als Josi wieder zurückkletterte, reichte ihm Richard für dem letzten großen Schritt hinein in den Ladenbereich die hilfreich die Hand. Josi bemerkte schlanke lange Finger, die sich überraschend kräftig um die Seinigen schlossen. Schöne Finger… an einer schönen Hand. So wie eigentlich der ganze junge Mann vor ihm. Josi räusperte sich, der Laden war kein guter Ort für Tagträume!
„Nun ja, wegen den andern Bildern, komm einfach am 24-zigsten kurz vor Schluss nochmal vorbei.“ Er griff in routinierte Handbewegung neben die Kasse und reichte Richard eine ihrer Visitenkarten. Richard nickte. „Vielen Dank, vielen vielen Dank.“ Und dann stob er, ähnlich schnell wie er gekommen war, zur Tür hinaus und war in der Dunkelheit verschwunden.
Ich hab da noch was von dir…
Der Raum war klein. Zur Tür rein, ein Schritt, da stand man mitten im Zimmer und klebte schon mit der Nase am Schrank. Links stieß man schon beinahe an die Duschkabine, neben die sich zur Tür hin ein Waschbecken an die Wand quetschte. Noch weiter zurück die Wand entlang versteckte sich die Toilette hinter der nach innen öffnenden Wohnungstür.
Rechts neben der Tür stand eine große Koffertruhe, die als Tischchen zweckentfremdet war. Auf ihr waren eine Tafel Schokolade, eine Tasse Tee und ein Papiertütchen, aus dem noch ein paar restliche Fotos halb rausgerutscht waren, verteilt. Stehen konnte man vor der Truhe nicht mehr, jedoch war in die Dachschräge dort ein relativ großes Dachfenster eingelassen und erhellte das Zimmer. An dem bisschen Wand, das noch zur Außenmauer übrig war, stand ein winziges Schränkchen, auf dem ein Wasserkocher, ein Teller und eine Müslischale balancierten.
Rechts vom Schrank lag eine Matratze längs auf dem Boden und belegte die größten Teile der freien Fläche. Im Grunde war alles vorhanden, was ein Mensch so brauchte, doch war es gleichzeitig viel zu klein. Da konnte das frei nutzbare W-Lan der Vermieter im Haus ebenso wenig etwas dran ändern wie der sehr positive Umstand, dass die Kammer direkt über der Backstube der im Haus befindlichen Bäckerei lag und somit immer warm war.

Doch all das kümmerte den jungen Mann, der bäuchlings auf der Matratze quer im Zimmer lag, wenig. Jedes Fitzelchen freier Fußboden war mit Fotos bedeckt. Und jedes einzelne wurde wieder und wieder betrachtet, sorgsam zurückgelegt und wieder betrachtet. Für ihn war heute das Holi-Fest, Weihnachten und Chanukka auf einen Tag zusammengefallen.
Im Grunde hatte sich Richard Levi Silberthal mit seinem Schicksal arrangiert. Nach dem großen Brand und der nahezu kompletten Auslöschung seiner Familie und aller Besitztümer im Februar hatte er sich mitten im Schuljahr ohne Geld fürs Internat und somit ohne Schule, ohne Familie, ohne Bleibe und ohne Zukunft in einen Jugendheim wiedergefunden. An seine ersten Wochen dort konnte Richard sich auch später nicht mehr erinnern. Erst seit er Auge in Scheinwerfer mit einem kleinen Lieferwagen mitten auf der Straße ausgehupt worden war, setzte seine Erinnerung wieder ein. Doch dieser Beinahe-Unfall hatte sein Leben wieder geklärt. Er war dem örtlichen Bäcker vor die Räder gelaufen. Dieser hatte Richard, so durch den Wind wie er immer noch war, eingesammelt und erstmal zum Jugendheim gebracht. Nach ein paar Worten mit seinem Betreuer und ein paar nichtssagenden Höflichkeiten Richards, die den Bäckermeister wohl gefallen hatten, war er trotz abgebrochener Schulausbildung mitten im Jahr aufgenommen worden. Erstmal als Aushilfe, weil dringend Not am Mann war und seit Sommer sogar fest ls Ausbildung.
Und so hatte Richard jetzt nicht nur einen Lehrplatz bekommen, sondern später auch eigenes kleines Zimmer über der Backstube und wenn er wollte, konnte er die Waschmaschine und Internet mitbenutzen sowie ein Fleckchen Platz in der Garage neben dem Lieferwagen belegen. Und jetzt zu Weihnachten hatte er geplant, sich mit einem Fahrrad zu beschenken, um ein bisschen mobiler zu sein. Er hoffte darauf, Anfang Januar ein ungeliebtes Weihnachtsgeschenk abgreifen zu können, gebrauchte gab es im Moment keine und die nächste Versteigerer bei der Polizei war erst wieder im Frühling

Aber alle Pläne und Sorgen waren momentan vergessen. Richard schwelgte in schönen Kindheitserinnerungen und betrachtete Foto um Foto wieder und wieder. Der Tee war längst in seiner Tasse erkaltet, doch das störte ihn nicht. Erst als seine Blase beschloss, dass es genug Tee war, erhob Richard sich aus seiner Bilderwelt. Während er fein säuberlich den Strahl in die Schüssel zielte, spürte er etwas in seinem Rücken. Abschütteln, spülen, Hände waschen und jetzt die Jacke wieder anständig auf ihren Haken… Da hing ein Parka! Aber er besaß doch gar keinen Parka…
Richard brauchte ein paar Momente, um sich wieder zu erinnern. Der Antiquitätenladen, der Verkäufer, der Schneeangriff, und trotzdem war der Verkäufer nett zu ihm geblieben. Jetzt im Nachhinein schämte Richard sich für sein Verhalten noch mehr und wurde wieder knallrot.
>Und nun hab ich ihm auch noch seine Jacke weggenommen.< Verlegen nagte Richard an seiner Unterlippe. Kurzentschlossen schlüpfte in seine Jacken und zog den fremden Parka noch drüber. Dann noch zwei Paar Socken und rein in die Schuhe. Warm war anders, aber er hatte auch nicht das Gefühl, dass seine Füße abfrieren würden.

****

Die letzten Tage war Richard auf seiner Tour zum Antiquitätenladen immer am Weihnachtsmarkt vorbeigegangen, doch heute blieb er vor dem tannenbegrünten Eingangstor stehen. Dank der zusätzlichen Jacke war ihm schön warm und so bog er Richtung Tor ein. Im Unterbewusstsein wollte er auch das Treffen mit dem Verkäufer, dessen Jacke er entführt hatte … >Joseph Hunzinger! Merk dir den Namen, Richard, du musst ihn doch angemessen anreden!< … hinauszögern.
Richard schlenderte durch die Reihen. Er besah sich Olivenholzschnitzereien und Strohsterne, schnupperte am Maroni-Stand, spielte ein bisschen mit den Lichteffekten, die die Glaskugeln und Kristalle eines Glasbläserstandes zauberten. Perplex ging er an den Ständen vorbei, wo lautstark Töpfe, Nudelhölzer oder Gemüsehobel angepriesen wurden und schnupperte sich dann durch die Auslage eines Teestandes, während über allem ein dezenter Duft nach Tannengrün und Glühwein hing.

Er war gerade an der Kerzenwerkstatt angekommen, die sich über fünf Stände erstreckte, da erschrak er unter einer Hand, die sich auf seine Schulter legte.
„Die Jacke kenn ich doch!“, tönte eine Stimme leicht amüsiert. Richard drehte sich um und blickte in das grinsende Gesicht des Jackenbesitzers.
„Eh, ja… ich wollte die grad zurückbringen und bin hier hängen geblieben.“ Er wedelte mit der Hand herum und signalisierte, dass er den ganzen Weihnachtsmarkt meinte. „Hab vorhin erst bemerkt, dass ich die noch anhatte, als ich heim war. Pardon, es tut mir echt leid, ich wollte den Parka nicht entführen.“
„Du weißt, dass heute Sonntag ist? Ich wäre gar nicht im Laden gewesen.“ Josi stand in seiner leuchtend-gelben Skijacke neben Richard und lachte leicht.
„Oh!“ Richard errötete. „Vielleicht…“ Er räusperte sich und wusste nicht, woher er auf einmal den Mut fand. „Vielleicht magst du ja ein bisschen mit mir über den Weihnachtsmarkt schlendern? Und wegen gestern, kann ich dich als kleine Entschuldigung zu einem Glühwein einladen?“ Etwas leiser fügte er hinzu: „Und dann gebe ich dir sofort deinen Parka zurück.“ Richard kam sich schon blöd vor, dass er den Parka erst später zurückgeben wollte, aber es war doch so schön warm mit dieser Zusatzschicht Stoff.
„Gerne, zusammen ist's eh schöner hier rumzubummeln.“ Josi schenkte Richard ein strahlendes Lächeln, bei dem dieser nicht anders konnte, als genauso zurückzustrahlen.
„Wollen wir gleich hier anfangen?“ Josi deutete ungenau auf die vielen Kerzenstände. Richard nickte und sie schoben sich dichter an die Auslagen. Kerzen soweit das Auge reichte; dicke, dünne, runde, pyramidenförmige… einfarbig oder bunt marmoriert. Kleine runde Kegel, die aussahen als wären sie aus Kristall gemacht, zogen Richards Aufmerksamkeit auf sich.
„Diese Kristalline schaut cool aus“, zeigte er Josi seinen Fund.
„Oh ja, guck mal, die gibt’s auch als Boot.“ Richard deutete auf einen schiffchenförmigen Untersetzer, auf dem eine plattgestauchte Pyramidenkerze wie ein Segel thronte. Doch schon wurde sein Blick von der Station abgelenkt, an der man selber Kerzen tauchen konnte. Josi und Richard sahen eine Zeit lang zu, wie bei einer Gruppe Grundschulkinder jedes eine weiße Stangenkerze kunterbunt einfärbte. Und auch wenn es beiden in den Fingern juckte, ebenfalls im flüssigen Wachs zu matschen, verkniffen sie es sich. Josi wusste, dass er eh keine Verwendung für die Kerze haben würde und Richard investierte die paar Euro lieber in sein neues Fahrrad.
Die Kinder waren fertig und auch Josi und Richard zogen weiter. Interessiert und befremdet zugleich schlichen sie ganz langsam an einem kleinen Stand vorbei, an dem ein altes Mütterchen aus hauchdünnen Fäden filigrane Tischdeckchen erstellte. Klöppeln hieß das Handwerk und wäre ganz einfach und seit ihrer Kindheit ihre Leidenschaft, erklärte sie mit viel Enthusiasmus allen vorbeikommenden Weihnachtsmarktbesuchern.
„Bloß nicht stehen bleiben, sonst will die uns das auch noch beibringen“, kicherte Richard und zog Josi weiter.
Leider in die falsche Richtung und Richard fand sich zum zweiten Mal innerhalb kurzer Zeit zwischen Töpfen, Silikonbackformen und weiteren Haushaltsgeräten wieder.
„Oh verdammt, falscher Gang“, kommentierte Josi nach ein paar Schritten. „Ich hab nie kapiert, warum wir auf unserem Weihnachtmarkt dieses Zeug auch haben. Komm, hier können wir uns durchquetschen nach nebenan.“ Er griff nach Richards Hand und schob sich durch die Menschenmassen zu einer kleinen Lücke zwischen zwei Buden.
„Hier kann man durchhuschen“, grinste er und zog Richard hinter sich her. „Wir sollten beim Teestand oder an der Schoko-Werkstatt rausk…. Ah, stimmt vorher waren noch die Seifen! Hau mir auf die Finger und nimm mir mein Geld weg, wenn ich was kaufen will. Ich hab schon mehr als ich das Jahr über verbrauchen kann.“

Josi blieb an der Auslage des Seifensieders nahezu kleben. „Was ich ja auf den Tod nicht ausstehen kann, sind diese ganzen Cremeseifen und so Zeug, das du im Laden nachgeworfen bekommst. Wenn ich mich wasche, dann will ich mich danach sauber fühlen und nicht irgend so ein klebriges oder flutschiges Zeug auf den Händen übrig haben, dass ich auch mit tausend Litern Wasser nicht weg bekomme… Und der hier hat echt nur Pflanzen in seiner Seife. Und innen auch, irgendwelche Krümel von dem Duft die es hat, sind immer irgendwie drinnen.“
Ausschweifend pries Josi die Vorzüge der hiesigen Seifen an, amüsiert beobachtet vom Verkäufer hinter der Theke. „Also ich liebe ja die hier, Rosmarin und Thymian….“ Josi fischte zielsicher zwei verschieden zart-dunkelgrüne rechteckige Stücke Seife mit kleinen Nadeln drinnen und reichte sie Richard zum Schnuppern. Folgsam nahm Richard die Seife und roch daran. Dass die Stücke nach Richard noch ihre Runde durch eine kleine Gruppe interessierter Zuhörer machte, nahm Josi nicht wahr. Richard aber auch nicht, er war viel zu angetan von dem Strahlen in Josis Augen, während er erzählte.
„Riecht nach Essen“, kommentierte er nüchtern und überspielte damit, wie angenehm ihm Josis Gesellschaft war.
Josi lachte leicht auf. „Dann ist das hier wohl auch ‚Essen‘….“ Er nahm ein paar Stücke in verschiedenen Orangetönen und reichte sie an Richard weiter.
„Pfirsich… Mango… Orange… Aprikose…“ An der letzten Seife roch Richard nicht, sondern setzte symbolisch zum Abbeißen an. „Ne, lass das mal lieber, zwei Gänge weiter ist die Fressgasse. Dort werden wir glücklicher, wenn‘s echt was zum Essen werden soll.“ Die Seife, Banane diesmal, wurde Richard aus den Fingern genommen und er bemerkte die kleine Gruppe um sie herum, die Josis Ausführungen gelauscht hatte. Uh, Aufmerksamkeit… das musste er jetzt nicht haben!
„Hier sind dann noch ein paar der Sorte ‚Blume‘…“ Der Verkäufer mischte sich ein und reichte mehrere Stücke an ihnen vorbei zu den anderen Interessenten und mit großem „Oooh“ und „Aaah“ wurden Rose, Flieder und Veilchen kommentiert.
„Wenn Sie sich nächstes Jahr zur Weihnachtszeit etwas dazuverdienen möchten, dann rufen Sie mich an. Ich habe noch niemanden meine Seifen so anpreisen sehen wie Sie.“ Er reichte seine Visitenkarte herüber zu Josi, dem daraufhin bewusst wurde, dass er gerade eine Verkaufsshow abgehalten hatte. „Ich hab aber auch neutrale Seifen, ohne Duft und ohne Krempel wie mein Vater gerne sagt. Das leichte Eigenaroma der Bestandteile, wie zum Beispiel Olivenöl, lässt sich nicht vermeiden und zeugt von der Naturbelassenheit meiner Produkte.“ Der Mann machte Richard auf das nüchtern gehaltene Areal an der Seitenwand des Standes aufmerksam und kassierte nebenbei einige Blumen- und Fruchtseifen von Josis begeisterter Zuhörerschaft ab.
„Oh Mann, das war grad echt peinlich. Ich bin doch kein Showäffchen.“ Richard schob sich liebend gern zu dem empfohlenen Bereich am Rand. Aber böse sein konnte er Josi nicht. Es war so herzerfrischend gewesen, dessen Begeisterung zuzuhören. Und Josi schien ihm seinen Schneeangriff echt nicht übel zu nehmen, sonst würde er bestimmt nicht so mit ihm über den Weihnachtsmarkt bummeln. Richard hoffte es wenigstens und blieb an der Seite außerhalb des Schussfeldes, während Josi jetzt ein paar Worte mit dem Standbesitzer wechselte.
>Der kommt wohl mit allem und jedem einfach so ins Gespräch. Naja, als Antiquitätenhändler muss man das wohl können, sonst ist man bestimmt ganz schnell pleite.< Richard konnte nicht verstehen, was die beiden sagten, aber es war ihm auch egal. Gedankenverloren schnupperte er an ein paar Seifen herum und überlegte, warum ihm die Adjektive wie ‚hübsch‘ oder ‚niedlich‘ mal wieder in den Sinn kamen, wenn er Josi ansah.

Eigentlich wollte Josi mit Richard zusammen zur Seite zu den Aloe Vera- und Olivenseifen, doch der Standbesitzer hielt ihn auf. „Ihr zwei könnt gerne öfter vor meinem Stand flirten“, zwinkerte er über die Auslage zu Josi.
„Ups, war das so offensichtlich?“, kommentiert Josi nur und war ein paar Augenblicke mundtot.
„Nicht wirklich, nur für die, die sich erlauben in diese Richtung zu denken“, erläuterte der Seifenmann. „Weißt du was, ich hab dank dir grad ein netten Teil meines Tagesumsatzes gemacht. Da hast du dir ne Provision verdient.“ Er nahm ein Gaze-Beutelchen und ging zu Richard herüber. Dieser beobachtete leicht verträumt, wie zwei kleine Handseifen und ein Kastanien-Peeling vor seinen Augen weggenommen und adrett im Beutelchen verpackt wurden. Und dann baumelte jenes Beutelchen auf einmal vor seinen Augen hin und her.
„Das hast du deinem redegewandten Freund zu verdanken.“ Der Standbesitzer hielt den Seifenbeutel immer noch vor Richard in der Luft. „Einfach nehmen und danke sagen…“
Mechanisch hob Richard die Hand und griff zu. „Danke.“
Jetzt hatte auch Josi Richard erreicht; was im Stand zwei Schritte zur Seite waren, war außen, an den Menschenmassen vorbei, ein halber Kleinkampf.
Richard schaute immer noch perplex auf das Beutelchen in seiner Hand. Fragend sah sich Josi nach dem Seifenmann um, doch dieser stand jetzt am anderen Ende seines Standes und kehrte ihnen den Rücken zu. Josi verstand und lächelte leicht. „Ich hab ne Provision bekommen. Und die gebe ich gleich an dich weiter. Ich will sie gar nicht in Hände bekommen, ich hab doch genug. Also nimm.“
„Oh…“ Richard schwebte zwischen Freude und ‚das kann ich doch nicht annehmen‘. „Stecks in die richtige Jackentasche, die eine Jacke tiefer“ Richard fühlte einen Stups gegen den Oberarm.
„Das kann ich doch nicht annehmen, ich war doch wirklich nicht freundlich zu dir….“
„Das geht dir immer noch im Kopf rum? Wir hatten das doch schon im Laden geklärt.“ Josi musterte Richard aufmerksam.
„Ja, schon“, lenke Richard ein. „Aber daneben benommen hatte ich mich trotzdem. Und dennoch hast du mir die Fotos mitgegeben. Dann kann ich doch jetzt nicht auch noch die Seifen….“ Jetzt fiel Josi ihm ins Wort.
„Bei allem anderen würde ich nichts sagen, aber den Stand hier will ich immer leerkaufen, ich hab viel zu viel davon zuhause. Hier tust du mir den größeren Gefallen, wenn ich das nicht auch noch mit heimtrage. Okay?“
Richard nickte ergeben und steckte das Beutelchen in eine Tasche seiner eigenen Jacke.

Schweigend bummelten sie weiter. Doch an keinem Stand blieben sie mehr so lange stehen. Josi hatte Hunger und wollte zur Fressgasse gelangen und Richard hatte genug Aufmerksamkeit für den Tag abbekommen. Bei einem Stand mit Holzschnitzereien schweifte Richards Blick über die kleinen Kindereisenbahnwaggons und begutachtete kritisch ein Schachbrett.
„Also hier solltest du nie was kaufen“, flüsterte er Josi leise zu. „Für den Zug ist das billigste vom billigsten Bauholz unter zu viel Farbe zugekleistert. Siehst du….“ Er zeigte auf einen feinen Riss im Lack an der Unterseite des Waggons. „Der Lack reißt schon, weil sich das Holz noch verzieht. Und die Intarsienarbeit beim Schachbrett…“ Richard wedelte abwertend mit der Hand und auch Josis von schon einigen hochwertigen alten Möbeln geübter Blick sah, was Richard meinte.
„So ein Schachbrett mach ich dir um Klassen besser. Und das ist dann immer noch Meilen entfernt von richtiger Intarsienkunst.“
„Du kannst so was?“ Josi blieb stehen und schaute verwundert zu Richard, doch dieser winkte ab.
„Ach nicht der Rede wert. Ich hab's nicht so mit Dressur- oder Springreiten, auch wenn ich meinen Hotte–Hü so allerlei Kunststücke beigebracht habe. Ich bin zu den Reitzeiten meist ins Nachbardorf zum Tischler. Da war auch eine eingezäunte Wiese, auf der Black Star rennen und fressen konnte und ich hab mir dabei ein paar Sachen zeigen lassen. Nur Leopold wusste, dass der Bilderrahmen vom letzten Familienportrait von mir war.“ Er grinste spitzbübisch, wurde dann aber melancholisch. „Gerahmte Ölgemälde habt ihr nicht reinbekommen in letzter Zeit?“
Josi schüttelte den Kopf. „Bilder machen wir nicht, den Schuh zieh ich mir nicht an. Alles was Bilder oder gar Gemälde heißt, ist uns im Laden einfach zu heiß.“
Richard schloss die Augen und presste die Lippen aufeinander. Ein tiefer Atemzug, dann steuerte er auf die Mitte des überfüllten Ganges zu. „Lass uns weitergehen.“
„Jou, n Glühwein wär jetzt nicht schlecht“, nahm Josi den Themawechsel auf und schob sich neben Richard.

Sie schlenderten zügig und ohne großartig zu gucken weiter und bogen in die Fressgasse vom Weihnachtsmarkt ein. Unschlüssig sah Richard sich um, die Auswahl an Glühwein war einfach zu groß. Josi stupste ihn grinsend an. „Wer bezahlt, bestimmt auch was es gibt. Solang es nichts mit Kirsch ist, nehme ich alles.“
„Okay.“ Richard reihte sich in die lange Schlange ein, die sich vor dem Stand vom örtlichen Winzer gebildet hatte. Überraschend zügig wurde er bedient und balancierte die dampfenden Tassen zurück zu dem Eck, an dem er Josi stehen gelassen hatte. Doch dort war keiner!
„Richard, hier!“
Richard sah sich um. Die Stimme klang nah, doch er sah nur Massen an fremden Menschen.
„Hier, am Eck der Blockhütte!“ Josi wackelte mit dem Kopf, hibbelte herum und versuchte auf sich aufmerksam zu machen, ohne dass die Reibekuchen in der einen und die Bratwurst in der anderen Hand sich verselbstständigten. Auf halbem Weg trafen sie wieder aufeinander.
„Ich hab Hunger, und ne Grundlage zum Glühwein ist nie verkehrt“, erklärte sich Josi. „Hab nicht gedacht, dass du so fix wieder da bist. Die Schlange sah echt lang aus.“
Richard blickte entschuldigend. „Die haben ihre Bude voll im Griff. Die hat nebenbei auch noch Leergut zurückgenommen. Ich hab noch nicht mal bemerkt, dass da neben mir wer ein paar Tassen hatte, da hatte der schon seine Euros zurück.“ Ihr Blick fiel zeitgleich auf die vier belegten Hände und schweifte dann suchend umher.

„Da hinten? Der Zaun?“ Richard hatte zuerst einen breiten halbhohen Holzzaun ausfindig gemacht, auf dem sie zumindest die Tassen würden abstellen können. Josis Blick glitt noch einmal über den rappelvollen Weihnachtsmarkt und bestätigte ihm, dass sie wohl kaum ein besseres Fleckchen würden finden können.
Auf dem Weg durchs Gedrängel war nur der Verlust einer Serviette zu beklagen. Und tatsächlich, hier ganz am Rand war es wirklich etwas ruhiger.
„Kannst du eins halten, ich kann sonst nichts essen?“ Mit diesen Worten bekam Richard die Schale mit der Wurst in die Hand gedrückt. Sie prosteten einander zu und pusteten in ihren zu heißen Punsch. Richard beobachtete Josi dabei, wie der seine Reibekuchen mit der Gabel zerfetzte und durch den Apfelmus zog. Bis er auf einmal eine Gabel voll unter seiner Nase wieder fand.
„Bist ja ein kleiner Träumer“, kicherte Josi. „Also nochmal: du kannst ruhig mitessen und die Gabel da in der Wurst ist für dich gedacht.“
Richard wurde rot. „Ich will dir nichts wegessen“, versuchte er die Situation zu überspielen. Doch es roch so verführerisch, dass sich das Wasser in seinem Mund zusammenzog. Erleichtert stellte Richard fest, dass sein Magen sich nicht auch noch gegen ihn verschwor und brav still blieb. Dafür knurrte Josis umso lauter.
„Sorry, hatte außer nem Müsli heute Morgen noch nichts. Hab vergessen einzukaufen und bin eigentlich nur hier hergekommen, um was zu essen. Und die ‚Essen-Seife‘ hat das auch nicht besser gemacht.“
„Dann kann ich doch erst recht nichts wegessen“, widersprach Richard und legte seine Holzgabel zurück.
„Na gut, wie du meinst… Und du brauchst auch nichts als Grundlage für den Glühwein?“ Josi fuhrwerkte sich einen Fetzen Reibekuchen in den Mund. „Sorry, ich bin grad was verfressen“, nuschelte er.
„Nein, nein. Ist schon gut.“ Auch wenn er ebenfalls nur ein Porridge zum Frühstück hatte und Grundlage zum Glühwein verlockend war, Richard wollte sich nicht weiter in Abhängigkeit von Josi bringen. Er stand schon viel zu tief in dessen Schuld. Und ein Becher Glühwein war eine erbärmliche Abzahlung. Aber mehr konnte er sich echt nicht leisten. Richard nippte an seinem Becher. Hoffentlich bot Josi ihm nicht noch mal irgendetwas an. Schon wieder Ablehnen war auf Dauer zu unhöflich. Und genau das wollte er doch nicht sein, nicht dem netten jungen Mann gegenüber, der sich aus unerklärlichen Gründen mit ihm abgeben wollte, sonst würden sie hier nicht zusammen rumstehen.
Richard seufzte tief und schalt sich einen Dummkopf. Egal was heute noch wurde, ändern konnte er eh nichts mehr dran, egal wie viel er rumgrübelte. Es zeigte ihm nur allzu deutlich, wie anders sein Leben jetzt war und was er alles verloren hatte. Noch nicht mal ein einfaches Essen konnte er aus dem Ärmel schütteln!

Weder die kleine Träne, die seine Wange herunterlief, merkte Richard, noch dass er seinen Becher Glühwein viel zu schnell leer gemacht hatte.
Wohl aber Josi, der zwischen seinen Bissen immer mal wieder einen Blick auf seine ungeplante Mittagessensgesellschaft riskiert hatte. Er knüllte die leeren Pappschalen zusammen und zielte auf einen nahe gelegenen Mülleimer. „Jeah, getroffen!“ Doch Richard nahm keine Notiz von ihm. Josi legte einen Arm um Richards Schultern. Richard zucke zusammen und drehte sich zu ihm. Er wollte etwas sagen, doch ein Kloß schnürte ihm die Kehle zu.
„Ganz schön zugig hier.“
„Hm?“ Irritiert sah Richard auf.
„Der Wind hier. Da treibt es einem die Tränen in die Augen. Komm, lass uns weiter ziehen.“ Josi grinste Richard an und hoffte, dass seine Worte belanglos klangen. Den Arm immer noch um Richards Schultern zog er diesen vom Zaun weg und in die Massen hinein.
„Und nun? Meine Weihnachtmarktpläne sind erledigt.“
„Und ich hatte gar keine“, gab Richard mit unsicherer Stimme zu. Verdammt, er würde doch jetzt nicht wirklich anfangen zu heulen! Der Arm um seine Schultern machte es ihm nicht leicht. Aber auf andere Weise auch wieder einfach. Denn ein ganz klein bisschen war die Welt nicht mehr so stabil um ihn herum, wie eben noch. Er hätte vielleicht doch was vom Reibekuchen nehmen sollen. ‚Taktischer Rückzug‘ vermeldetet sein Gehirn.
Sie bogen um eine Ecke und nun blies ihnen wirklich ein scharfer Wind ins Gesicht.
„Iiiih, das hätte jetzt echt nicht sein müssen“, rief Josi aus und Richard hob mechanisch seinen Arm zur Abwehr vors Gesicht und zog die Schultern hoch.
„Das war dann wohl die Antwort: Heim und aufwärmen“, griff Richard nach dem Strohhalm, den Mutter Natur ihm gereicht hatte.
Josi nickte und sie steuerten den Ausgang an.

Neben dem mit Tannenreisig verzierten Tor zum Weihnachtsmarkt blieben sie stehen. Richard drehte sich aus Josis Arm heraus, pellte sich aus dem geliehenen Parka und legte ihn Josi in die Hände. „Na dann, man sieht sich. Zweite Januarwoche, gell?“
„Eh ja das geht auch, in der ersten Woche machen wir Inventur. Da krabbeln wir in den Lagerräumen rum. Ich würd dich aber auch so reinlassen, wenn ich dich vorm Schaufenster sehe.“ Josi wollte nicht, dass Richard schon ging und versuchte ein Gespräch am Laufen zu halten. Doch Richard machte seine Mühe zunichte.
„Also dann, man sieht sich.“ Richard hob die Hand zum Gruß, nickte Josi nochmal zu und drehte sich dann um. Im Weggehen raffte er seine Jacke am Kragen zusammen und zog die Schultern hoch. Brr, war das ohne die zusätzliche Schicht Stoff kalt! Er verfiel in einen leichten Trab.
Lauf Josi, lauf!
Josi blieb still stehend zurück. >Der kann doch jetzt nicht wirklich einfach so verschwinden!< Doch zum Intervenieren fehlten Josi die Ideen. Eine Melange aus den verschiedenen Weihnachtsmarktdüften zog in Josis Nase und verleitete zum Träumen. Doch dazu war keine Zeit. Sein Traum lief ganz real und raschen Schrittes die Straße entlang. Hier und da machte Richard mal ein Ausfallschritt, an jeder Hofeinfahrt zog er den Kopf schildkrötenmäßig ein und seine Gestalt wurde immer kleiner.
>Verdammt! Der arme Kerl fror wie ein Schneider! Und ich steh hier mit ner Jacke in den Händen rum, die ich nicht brauch!< Mechanisch setzten sich Josis Beine in Bewegung und im leichten Dauerlauf joggte er bis zu der Kreuzung, an der er Richard aus den Augen verloren hatte. Gerade aus? Nein. Rechts rein? Auch Fehlanzeige. Links? Ja, da lief eine bekannt aussehende Silhouette raschen Schrittes unter Bäumen entlang. Josi atmete noch zwei Mal tief durch, um seine Lungen zu beruhigen und setzte seinen Dauerlauf fort.

An der nächsten Straßenecke hatte er Richard eingeholt. Dieser schreckte zusammen, als Josi ihm auf die Schulter tippte.
„Sorry… aber ich kann dich nicht einfach so ziehen lassen.“ Josi legte Richard seinen Parka um die Schultern. Er stütze sich auf seinen Knien ab und verschnaufte. Verdammt, er war mal ein ganz passabler Läufer gewesen, da konnte ihn doch so ein kleiner Dauerlauf nicht dermaßen aus der Puste bringen.
„Was… was willst du?“, stotterte Richard absolut überrascht und sah auf Josi herab.
„Ich… ich konnte dich jetzt nicht so … einfach ziehen lassen.“ Josi schloss kurz die Augen und rang nach Luft. So entging ihm Richards verstörter Blick. „Ich hab das Gefühl, wenn ich dich jetzt ziehen lasse, dann sehen wir uns noch einmal, wenn du den Rest abholst und danach nie wieder.“
„Ehm. Ich dachte das willst du doch?“ Richard schälte sich bereits wieder aus dem Parka heraus. Er wollte sein Glück nicht überstrapazieren. Schon zu lange hatte er Josis Geduld strapaziert, ungefragt seine Sachen angehabt und dann war Josi auch noch mit ihm über den Weihnachtsmarkt gebummelt. Fast so, als wären sie Freunde. Okay, eigentlich war es Josi, der ihn eingeladen hatte, aber das machte die Sache nicht einfacher.
„Nix da!“ Er wurde in den Parka gestopft und angezogen wie ein kleines Kind. „Und außerdem hab auch ich ein bisschen Ehrgefühl.“ Josi stand dicht vor Richard und schaute ihm ernst in die Augen. „Ich kann nicht einfach mit 2 Jacken weggehen, wissend, dass daheim noch mein alter Wintermantel hängt, während du hier stehst und trotz meinem Parka zusätzlich noch frierst wie ein Schneider!“
Halb wich Richard zurück, halb genoss er es, dass jemand sich um ihn kümmerte. Und rein logisch betrachtet, waren Josis Argumente schlüssig. „Okay“, nuschelte Richard und vergrub den Kopf wieder tief im hochgestellten Kragen.
„Und nun lass mich dich wenigstens noch nach Hause bringen, ja?“ Fragend und fordernd zugleich stupste Josi gegen Richards Arm. Doch Richard protestierte: „Es ist helllichter Tag, ich bin ein Mann und über 18, die Wohngegend hier ist gut, du brauchst mich nich…“
„..und ich bin der Ältere. Also bring ich dich trotzdem heim.“ Triumphierend grinste Josi zurück.
Richard klappte den Mund zu. „Idiot!“, schimpfte er halbherzig und wusste nicht, ob er ärgerlich sein sollte oder gerührt. „Hier lang.“
Ein paar Ecken weiter machte Richard vor den Schaufenstern einer Bäckerei halt und nestelte in der Hosentasche. Neugierig spähte Josi durch die Schaufenster und musste sich dann beeilen hinter Richard durch eine Gittertür zu schlüpfen. „Bis zur Tür, wie es sich gehört!“, quittierte er Richards fragenden Blick.
„Du legst es echt drauf an, die Sammlung meiner Email-Briefmarken ansehen zu wollen!“ Richard blieb stehen und versperrte so den schmalen Gang zwischen den Häusern, der zum Hinterhof führte. Josi fühlte sich ertappt. „Wäre das so schlimm? Ich hatte nur einfach das Gefühl, wenn ich dich da vorm Weihnachtsmarkt hätte ziehen lassen, wärst du im Januar vorbei gekommen, wenn Herr Steinbeck im Laden ist und ich hätte dich nie wieder gesehen…“
Richard schaute ihn lange an. „Ja und?“
Geknickt senkte Josi den Kopf. Autsch, das war eindeutig ein Korb. Oder hatte Richard wirklich nicht bemerkt, dass er auf Teufel komm raus mit ihm geflirtet hatte? Nun gut, wenn seine Chancen eh schon nicht existent waren, dann konnte er auch das Beste draus machen. „Dann will ich mal das Tor hinter mir als Haustür definieren und gehen. Ich würde mich aber wirklich freuen, dich wiederzusehen!“ Mit diesen Worten überbrückte er den Abstand zu Richard und küsste ihn kurz und fest auf die Lippen. Einen Atemzug lang fixierte er die blassblauen Iriden. Doch Richard zeigte keine Reaktion. Noch nicht einmal ein Knie in die Weichteile oder eine Faust ans Kinn bekam Josi.
Er ging einen halben Schritt zurück, um Richard besser betrachten zu können. „Richard? Huhu?“ Er winkte mit der Hand vor Richards Gesicht herum und da kam endlich Bewegung in den versteinerten Körper. Richard fischte die Hand von seinem Gesicht weg. „Lass das“, knurrte er.
„Was für ein ‚das‘ meinst du?“ Josis andere Hand fing Richard Finger ein, die immer noch seine Winkhand umschlossen.
Richard zuckte unbestimmt mit den Schultern. „Ein Schulterzucken ist keine Antwort.“ Langsam wurde Josi ungeduldig. Er wollte wissen woran er war. Die ganze Zeit auf dem Weihnachtsmarkt war es ihm so vorgekommen, als ob Richard auf sein Flirten eingegangen wäre, wenn auch scheu und zögerlich. Doch dann wäre er nach diesem Kuss gerade nicht so paralysiert stehen geblieben. Und wenn er alle Signale falsch gedeutet hätte, hätte er sich schon längst eine gefangen. Aber nichts… so gar keine Reaktion ging von Richard aus. „Hey, falls du es nicht bemerkt haben solltest, jetzt nochmal zum Mitschreiben. Ja, ich hab die ganze Zeit eben auf Teufel komm raus mit dir geflirtet. Und ob bewusst oder unbewusst, du bist drauf eingegangen. Und natürlich bin ich schwul, sonst würd ich mich doch nicht derart für dich interessieren. Also jetzt tu mir bitte den Gefallen und steh hier nicht so…“
„Warum ich?“ Richard zog seine Hand zurück und senkte den Kopf, so dass seine Augen hinter der Zottelmähne verschwanden. Sein leises Flüstern hätte Josi in seinem Redeschwall fast überhört. Doch die Art, wie die Frage gestellt wurde, nahm ihm den Wind aus den Segeln und er konnte nicht mehr weiterschimpfen. „Eh… weil du ein süßer Wildfang bist, den ich gern besser kennenlernen will?“, antwortete er mit einer Gegenfrage. Er konnte seine Worte gar nicht mehr zensieren, sie purzelten ungefiltert aus ihm heraus. Doch weder das ‚süß‘ noch der ‚Wildfang‘ waren bei Richard anscheinend das Problem.
„Ja und? Das ist doch kein Grund?“ Die Verunsicherung war Richard vom Gesicht abzulesen, als dieser es wagte, das Kinn ein wenig zu heben.
Jetzt wurde auch Josi unwohl. „Aber ist der einzige wichtige Grund zum Kennenlernen.“ Verwirrt starrten sie einander an. Der Moment dehnte sich in die Ewigkeit hinein.

„Ich glaube, wir haben hier ein Grundlagen-Problem“, brach Josi nach der nur Sekunden dauernden Ewigkeit das Schweigen. „Können wir hoch und das da klären? Das ist nichts für zwischen Tür und Angel.“ Richards Widerwille war sichtbar, dennoch schloss er die Tür auf und Josi konnte eintreten. Sie waren durch den Hintereingang eines Treppenhauses getreten. Geradeaus kam man in den hinteren Bereich des Bäckerladens und nach rechts ging es zum Wohnbereich, doch Richard ging links zur Treppe hoch. Josi folgte ihm.
Im ersten Stock gab es nur eine leicht zurückgesetzte Tür und eine schmale Stiege unters Dach hoch. Richard bog zur Tür ab und Josi erspähte zwei Paar Schuhe auf einer Plastiktüte. Der unausgesprochenen Aufforderung folgend bückte er sich und nestelte an seinen Schnürsenkeln rum.


Richard war es unangenehm Josi mit in sein Zimmer zu nehmen, aber dieser hatte ihn so überrumpelt, da hatte er nicht abwehren können. Er konnte ihm doch gar nichts anbieten, und dann hatte er auch noch weder Stühle noch Tisch. Außerdem saß man auch noch direkt neben dem Klo! Zögerlich schlich er langsamer als sonst die Stufen hinauf, immer mit Josi im Rücken, wie einen Schatten. Und nun musste er ihn auch noch bitten, seine Schuhe auszuziehen. Aber der Straßendreck machte immer so eine Arbeit, da ließ er die Schuhe lieber draußen vor der Tür.
„Du…“, Richard räusperte sich und versuchte sein Unbehagen runterzuschlucken, „also wegen der Schuhe…“
„… die kommen da auf die Tüte, gelle?“ Josi hielt seine schweren Treter an den Schnürsenkeln, so dass diese hin und her baumelten. Überfordert nickte Richard nur. Woher wusste Josi das? Er hatte doch noch gar nichts gesagt! „Kannst du etwa Gedanken lesen?“, rutschte es aus Richard raus.
„Gedankenlesen? Ach wegen der Schuhe!“ Josi kniete sich hin und stellte seine Schuhe ordentlich neben die vorhandenen auf die Tüte. „Das ist doch logisch, besonders wenn hier schon welche stehen. Und bei dem Mistwetter kommen mir auch keine Dreckdinger in die Bude, die sauen doch überall nur rum.“
Richard schob die beiden trockenen Paare von der Tüte und stellte seine eigenen dazu. Nun gab es wohl kein Zurück mehr. „Ich muss dich aber warnen, es ist echt winzig.“
Damit schloss Richard auf und trat ein. Josi zwängte sich hinter ihm durch die Tür. Im ersten Moment wollte er fragen, warum Richard nicht weiter rein ging, doch da fiel ihm auf, dass dieser bereits mitten im Raum stand. Winzig, ja, das war es hier wirklich. Richard griff an ihm vorbei und schloss die Tür. Jetzt bemerkte er auch die Pseudo-Garderobe an der Tür. Josi machte es ihm nach und hängte seine Jacke zu Richards an den Haken. Oh.. hallo Klo, du bist aber nah! Der Ausspruch ‚Wohnklo mit Beleuchtung‘ schoss Josi durch den Kopf. Und im gleichen Moment wurde ihm klar, dass er achtkantig wieder rausfliegen würde, wenn er das auch ansatzweise anreißen würde.

Langsam begann Josi zu verstehen. Selbst für ihn war das hier winzig, und er kannte so einige Studentenbuden, doch wenn er Richard richtig verstanden hatte, dann kam er aus einer noblen Familie. Da war dies hier vielleicht eine schlimmere Absteige als die, welche ihre Dienstboten hatten. Die sie vielleicht gehabt hatten. Oder auch nicht. Oder auch… Josi bekam einen Knoten ins Hirn, zu viele Spekulationen!
Richard hatte sich hinter ihm unter ein Dachfenster gebeugt und werkelte am Wasserkocher. „Ich hoffe, Früchtetee ist okay?“
„Na klar.“ Josis Blick schweifte weiter durch den Raum. „Kann ich mich aufs Bett setzen?“, fragte er lieber nach. Richard brummte unbestimmt etwas, das mit viel gutem Willen als „gibt ja sonst nichts anderes“ zu identifizieren war.

„Warum ich? Was willst du von mir? Warum wolltest du wirklich mit hoch?“, brach Richard das Schweigen, während sie auf den Wasserkocher warteten. Josi sah das Misstrauen in Richards Blick. Er seufzte tief.
„Warum du? Du hast dich in meine Tagträume geschlichen, seit ich zum ersten Mal ein Foto mit dir gesehen habe. Da gibt’s ein Bild, wo du über die Schulter nach hinten schaust, das hab ich in einen geschnitzten Rahmen getan und so in den Laden gehängt, dass ich es schön im Blick habe.“ Richards unwilliges Runzeln der Stirn überging er jetzt mal. „Sorry, aber es war für mich nur ein Haufen Fotos von Familie Unbekannt. Dass du dann in den Laden gestürmt kommen würdest, hätte ich nie erwartet. Aber ich habe mich auch gefreut, dass ich die Chance bekommen konnte, den Mann von meinem Foto kennenzulernen. Und somit bin ich hier. Und ich habe immer noch nicht die leiseste Ahnung, ob ich je Erfolg haben könnte.“ Josi verschränkte die Armen hinter dem Kopf, lehnte sich zurück und blickte in Richards Augen. Nun ja, er wollte sich zurücklehnen, doch da stieß er schon mit den verschränkten Fingern gegen die Dachschräge, unter der die Matratze lag. Verdammt, war das eng hier. Als ‚nur Freunde‘ konnte man es so beengt nicht lange aushalten, doch als Lover könnte es eine lauschige Höhle sein. Der Wasserkocher blubberte und Richard unterbrach den Blickkontakt. Kurz darauf bekam Josi eine große Tasse mit angeschlagenem Henkel, Lachgesicht und Knubbelnase in die Hände gedrückt, aus der es nach Erdbeeren roch. Richard quetschte sich zwischen ihn und die Wand. Eine Zeit lang saßen sie nebeneinander, pusteten in ihre Tassen und warteten darauf, dass der Tee Trinktemperatur bekam. Josi wollte die Konversation wieder aufnehmen, doch Richard starrte in seine Tasse. Also nuckelte er an seiner eigenen und Schlückchen für Schlückchen senkte sich der Pegel.
„Ich hatte schon einige in meinem Bett, die eine wollte zur Gala von meinem Onkel, der andere war scharf darauf mein Pferd reiten zu können, wieder einer wollte ein Praktikum in unserer Firma, aber die meisten wollten einfach nur damit angeben können,einen aus der Oberschicht zu daten und teure Klamotten und so gekauft zu bekommen. Waren sie hübsch genug, dass ich mich mit denen sehen lassen konnte, hab ich sie ausgehalten.“ Er zuckte mit den Schultern und leerte seinen Tee. Dann stellte er seine Tasse neben den Wasserkocher, hockte sich vor Josi und nahm ihn ins Visier. „Und du, was willst du?“
Unwillkürlich rückte Josi zurück. „Einfach nur dich“, quiekte er überrumpelt.
„Ach… und wie genau?“ Richard folgte ihm und lehnte nun halb über ihn, die Hände neben seine Hüften gestützt. „So?“ Er beugte sich zu ihm und verstrickte Josi in ein atemberaubendes, aber harsches Zungenduell. „Oder so vielleicht?“, fragte er in einer kurzen Pause, als sie nach Luft schnappten. Dann fing er wieder Josis Mund mit seinen Lippen ein, doch gleichzeitig strich er noch mit seiner linken Hand über Josis Bauch, hinunter zu seiner Hose und nestelte an seinem Gürtel.
Oh Himmel, küsste Richard gut!
Oh verdammt, das lief so gnadenlos falsch!
Mühsam zwang Josi sein Bewusstsein ins Hier und Jetzt zurück und versuchte, den Schock abzulegen. Er legte seine Hand auf Richards Brust und schob ihn kraftlos von sich. „Lass das.“ Ein weiterer atemraubender Kuss brachte Josis Beherrschung ins Wanken. „Nein, nicht so“, protestierte er energischer. Die Länge seines Unterarms diktierte nun die Distanz zwischen ihm und Richard. Und endlich ließ Richard sich wegschieben.
Dieser kniete nun auf dem Boden vor seiner Matratze vor Josi und blickte ihn verächtlich an. „Du weißt aber auch nicht, was du willst.“ Richard erhob sich und legte den Kopf schief. „Erst Geschenke machen und dann kneifen…“ Er griff nach seiner Tasse, sammelte Josis Tasse vom Fußende ein und trat ans Waschbecken. Wasser rauschte, Porzellan klirrte leise, doch abgesehen davon war es totenstill in dem kleinen Zimmer.

Verletzt ließ Josi sich längs auf die Matratze sinken, ein paar Atemzüge um sich zu sammeln, dann würde er den Heimweg antreten. „Du Blödmann, kannst du dir echt nicht vorstellen, dass jemand an dir und ausschließlich an dir und nicht an dem was du darstellst interessiert sein könnte?“, murmelte er halblaut gegen die Dachschräge über sich.
KLIRR!
Ohrenbetäubend laut fiel die bereits angeschlagene Tasse zu Boden und zerbrach vollends. Josi schrak hoch. Richard stand wie eingefroren vor dem Waschbecken. Seine rechte Hand verharrte neben dem Waschbecken in der Luft und hatte die Seifenablage verfehlt.
„Richard? Alles okay?“ Abschätzend rappelte Josi sich auf. Richard regte sich immer noch nicht. Er griff um Richard herum und sammelte die Scherben ein. „Hey, ist dir was passiert?“
„Du spinnst doch, wer will schon so was…“ Richard zog die Hand, in der immer noch die andere, heile Tasse war, dicht an seinen Körper und schob sich an Josi vorbei zum Regal unter dem Dachfenster. Es hatte so etwas Schutzsuchendes an sich, wie er die Tasse an sich presste, fand Josi.

Und da setzte Josis Denken vollends wieder ein. Sollte es so einfach zu erklären sein? So wie Richard ihn eben angemacht hatte und seine Worte davor… und wie er sich zierte, wenn er was geschenkt bekam… Richards Satz: ‚Ich war mal reich, ich hatte mal Familie, dann hats gebrannt, nun gibt’s nichts mehr.‘ schoss Josi durch den Kopf. Dann ergänzte er die ungesagten Lücken, die einen aufmerksamen Zuhörer nur so anspringen mussten:
‚Ich war mal reich, ich hatte mal Familie‘ …und hab mir meine Begleitung am Arm mit Papas Kohle und Ansehen gekauft. Wenn sie genervt hat oder ne Andere passender war, dann hab ich die fallen gelassen. Kerle? Klar, gab’s da auch welche! Zum Provozieren, um auf manchen Vernissage angemessen unangemessen aufzutreten. Oder einfach nur so, weil es als Alternative nur strohdoofe Gänse gab.
‚dann hats gebrannt‘ … und Geld, Ansehen, Familie und mein ganzes Leben sind in Flammen aufgegangen.
‚nun gibt’s nichts mehr‘… nun bin ich nichts mehr.
Ein reiches, arrogantes Söhnchen, das mit den Menschen nur so gespielt hatte, ist hart auf den Boden der Realität aufgeschlagen und will niemals nicht so behandelt werden, wie er selber seine Gespielen behandelt hatte.
Vielleicht war diese Theorie an einigen Stellen nicht ganz schlüssig, aber ein schüchterner ungeouteter Neu-Schwuler war Richard ganz und gar nicht.
Josi legte die Scherben auf die Ablage des Waschbeckens. Dann trat er hinter Richard und legte eine Hand sanft auf dessen rechte Schulter. Seinen Kopf legte er leicht auf Richards linke Schulter. „Wie kann ich dir beweisen, dass ich dich meine, wenn ich um dich werbe und nicht dein Geld und dein Ansehen und…“
„Lass das, ich bin eine bettelarme Sau, ich kann dir nichts bieten!“ Verächtlich schlug Richard die Hand von seiner Schulter.
„Aber das sind die Dinge, weswegen sich früher die Menschen mit dir abgegeben haben, habe ich Recht?“ Josi ließ den Schlag zu und legte die Hand danach erneut auf Richard Schulter. Er spürte, wie Richard unter seiner Hand erstarrte und beschloss es als gutes Zeichen zu sehen. So lief dieser zumindest nicht mehr weg. „Und ich steh hier und versuch mich mit Seife und Reibekuchen einzuschmeicheln.“ Josi musste über sich selber lachen, als ihm die Relationen bewusst wurden von seinen Kleinigkeiten zu … was auch immer, aber Gucci-Handtaschen waren es bestimmt auch gewesen.
„Ja“, flüsterte Richard leise, immer noch stocksteif, und seine Kiefer mahlten so, dass Josi die Muskelbewegung sogar von hinten sehen konnte.
Und langsam, ganz langsam löste sich die Starre. Millimeter für Millimeter näherten sich Richards Schultern Josis Brust und hielten sofort inne, als der Hauch einer Berührung begann. Dafür bewegte sich Richards Kopf weiter. Leicht fiel dieser in den Nacken und drehte sich dabei sanft zu der Schulter, über die Josi seinen Kopf gelegt hatte. Als Richards Schläfe Josis Kinn berührte, hielt Richard wieder inne.
In einem Anflug von Wagemut griff Josi mit der freien linken Hand um Richard herum und legte sie auf dessen Brust. Josis Herz klopfte bis zum Hals, eine falsche Bewegung, ein falsches Wort und er flog aus dem Zimmer.

Doch auch Richard war jenseits allem, was er je getan hatte. Das ganze hier war so intim! Noch nie, nie hatte er jemanden so dicht an sich herangelassen. Das letzte Mal war sein Kindermädchen gewesen, die ihn getröstet hatte, als ihr Jagdhund und sein Spielgefährte, seit er laufen konnte, an Altersschwäche gestorben war. Und da war er wirklich noch klein gewesen. Sie hatte gehen müssen, als er alt genug war, um in die Schule zu gehen. Und mit ihr war ein Gefühl aus seinem Leben verschwunden, dass er weder benennen konnte, noch dass er es die ganzen letzten Jahre vermisst hatte. Aber dieser Mann hinter ihm brachte es zum Vorschein, und es fühlte sich so gut an. Es tat unendlich weh, aber war gleichzeitig auch so schön!
Richard stierte durch die Fensterscheibe auf den einsetzenden Schneefall. Seine rechte Hand griff zu der warmen Hand, die groß und federleicht auf seiner Brust lag. Er umfasste die Finger mit hartem Griff und presste sie ähnlich fest an sich, wie vor ein paar Momenten noch seine Tasse.
Richards Augen brannten und er biss die Zähne noch fester aufeinander. „Aber du schenkst mir nie wieder was, verstanden?“ Er brauchte keine Almosen, er wollte keine Almosen. Er kam klar… irgendwie. Zumindest war er schuldenfrei!
Josis Herz stockte, nur um danach doppelt so schnell weiterzuschlagen. Das klang so, als hätte er tatsächlich eine Chance bekommen! „Wenn du das so willst, dann werde ich mich wohl dran halten müssen.“ Er wagte es, mit dem Daumen die Fingerrücken der ihn umklammernden Finger zu streicheln. Als Antwort fühlte er, wie Richard sich ein bisschen näher mit dem Rücken an ihn schob. „Aber du wirst nicht verhindern können, dass ich dir was ausleihe.“ Eigentlich wollte er Richard nur ein bisschen sticheln, Josi konnte nie lange ernst bleiben. Doch über die Heftigkeit von Richards „Ich brauch deinen Parka nicht!“ erschrak er. Josis freches Mundwerk ging los, bevor er sich zensieren konnte: „Wer redet denn von dem Parka? Ich lass dir die Ski-Jacke da, für heuer ist eh nur noch mehr Schneematsch angekündigt.“
Ruckartig drehte sich Richard um, richtete sich auf und funkelte ihn an. Er holte Luft, hatte auch schon den Mund offen, doch kein Wort kam von ihm. Erst als er sie nicht länger anhalten konnte, ließ Richard resigniert die Luft aus seinen Lungen entweichen. „Idiot!“, schimpfte er halbherzig. Er überbrückte die Distanz zwischen ihnen und lehnte sich der Länge nach an Josi. Vier Hände fanden ihren Weg auf die Hüftknochen des Gegenübers. Vorsichtig austestend nippte Richard leicht an den Lippen von Josi. Ein paar kleine Küsschen, dann lagen Richards Lippen nur noch auf denen von Josi.
„Warum ich?“, wollte er zum wiederholten Mal von Josi wissen. Josi seufzte. „Weil du du bist? Weil mich irgendetwas an dir fasziniert hat und ich dich kennenlernen will um herauszufinden, was dieses etwas ist? Weil ich an die Liebe um der Liebe selbst Willen glaube?“
Richard zog eine Augenbraue hoch. Das, was Josi da glaubte, hielt er für Hirngespinste. Aber für den Moment war es eine nette Theorie, die er gerade nicht hinterfragen wollte. Vielleicht hätte er doch etwas von den Reibekuchen essen sollen, ihm war so schwindelig im Hirn. Also blieb er einfach stehen und lehnte sich an Josi an.
Josi legte seine Arme fester um Richard. Ein paar weitere Küsschen tauschten sie noch. Dann standen sie still und eng umschlungen in dem winzigen Zimmer unter dem Dachfenster und sahen zu, wie Schneeflocken langsam aber sicher die Aussicht aus dem Fenster verdeckten.
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