Adventsfragmente von Snoopy279 (Abgeschlossen)
Inhalt: Aus der Sicht einer Adventskranzkerze Ausschnitte aus der (Vor-)Weihnachtszeit
Genres: Weihnachten, M/M (yaoi)
1. Warnung: Zucker
2. Warnung: Keine
3. Warnung: Keine
Kapitel: 7
Veröffentlicht: 19/12/17
Aktualisiert: 01/02/18
Anmerkungen zur Geschichte:Adventskalendergeschichte, die jetzt hier fortgesetzt wird
Der erste Advent
Leise zischte es kurz, eine kleine Flamme, die rasch größer und stetig wurde. Das erste, was sie sah, war grün, Tannengrün, mit roten Äpfelchen, kleinen roten Geschenkpäckchen und goldenen Sternen. Das erste, was sie hörte, war eine entrüstete männliche Stimme: „Du kannst die Kerze doch nicht jetzt schon anzünden, Theo, es ist morgens und schon hell draußen!“ Das erste, was sie spürte, war ein Windzug, als der zur Stimme dazugehörige Kopf ihr sich näherte. Kurz drohte sie das Bewusstsein wieder zu verlieren, aber dann entfernte sich der Kopf von ihr und eine andere Stimme antwortete trotzig: „Heute ist der erste Advent, und ich mache die Kerze immer schon zum Frühstück an. Lass die gefälligst brennen, Andre!“

Nachdem sie sich vom ersten Schock erholt hatte, richtete sie ihre Aufmerksamkeit auf die Stimmen. Es waren zwei noch recht junge Männer, wohl Anfang zwanzig. Der eine war recht klein, eher schmal, hatte wilde, dunkelbraune Wuschellocken und starrte den anderen mit wütendem Blick sowie in die Seiten gestemmte Arme an. Das musste Theo sein, der blonde Schopf mit den glatten Haaren war nämlich der, der sie eben bedroht hatte. Andre war etwa zwanzig Zentimeter größer als sein Partner und auch deutlich muskulöser gebaut. Er schaute Theo mit leichter Missbilligung an, schien dann aber einzusehen, dass er gegen das Energiebündel vor ihm keine Chance hatte. Seine Gesichtszüge wurden rasch weicher und er beugte sich zu einem Kuss vor. Sobald Andres Lippen seine berührten, wich jede Abwehr aus Theos Körper und er schlang seine Arme fest um seinen Freund.

Nachdem die Meinungsverschiedenheit geklärt war, räumten die beiden einhellig weitere Dinge wie Tassen, Teller, Brötchen und Aufstrich auf den Tisch, auf dem sie auch stand. Gemütlich frühstückten die beiden. Im Hintergrund lief leise Weihnachtsmusik. Jetzt hatte sie Zeit, in Ruhe auch den Rest des Zimmers wahrzunehmen: die Küchenzeile mit Kühlschrank und Backofen, das Fenster, an dem ein Rentier hing, das wohl in der Dunkelheit leuchten würde, und an der Wand hingen zwei große, aufwändig gestaltete Strohsterne. Neben dem Tannengrün duftete es nach Mandarinen, Zimtstangen und frischen Brötchen. Insgesamt war die Küche dezent weihnachtlich zurecht gemacht und sehr klein, aber gemütlich.

„Wollen wir heute Nachmittag Plätzchen backen?“, fragte Theo. Kurz guckte Andre skeptisch, nickte dann aber zustimmend. „Okay, wenn wir alles notwendige da haben. Ich freue mich schon auf die frischgebackenen Plätzchen.“ „Prima“, antwortete Theo und wirbelte direkt durch die Küche, legte mehrere Bücher vor Andre und setzte sich wieder. Warum konnte der die Bücher nicht ganz sachte hinlegen? So musste sie wieder im Windzug flackern und zittern. Zum Glück blätterte Andre ruhig und gelassen in den Büchern, als er nach passenden Rezepte suchte. Als er fertig war, gab er die Bücher ganz langsam und vorsichtig rüber. So machte man das, da sollte sich der kleine Wirbelwind mal ein Beispiel dran nehmen! „Was hältst du von denen? Nussprinten, Haferflockenkekse, Marzipanmonde und Mandel-Nougat-Sterne?“, fragte Andre. „Mhh, lecker... das klingt sehr gut. Ich gehe nochmal schnell die Zutaten durch, um zu schauen, ob wir auch wirklich alles haben.“ Sofort sprang Theo wieder auf, notierte alle Zutaten auf einem Zettel und prüfte dann in den Schränken, ob alles in ausreichender Menge vorhanden war. „Alles da“, verkündete er keine fünf Minuten später stolz, „ich hab Freitag extra alles, was nötig sein könnte, eingekauft.“ Andre schmunzelte, gab seinem Wirbelwind einen Kuss und räumte den Tisch ab.

Bevor sie noch mehr wahrnehmen konnte, kam ein kräftiger Windstoß und sie merkte, wie alles schwarz wurde.



Erst Stunden später erwachte sie wieder zu neuem Bewusstsein. Jetzt war es draußen dunkel, in der Küche brannte eine Lichtleiste über der Küchenzeile. In den wenigen Stunden hatte sich das Bild deutlich verändert: Mehlspuren überall, Schokostreusel, Mandelblättchen, dreckige Ausstechförmchen... Kurz gesagt, die Küche sah aus wie ein Schlachtfeld, es duftete allerdings himmlisch nach frisch gebackenen Plätzchen. Theo war von oben bis unten mit Mehl bestäubt, er hatte sogar ein bisschen Butter an der Nasenspitze kleben. Er tanzte summend durch die Küche, während er die Zuckerdose und andere Dinge hin- und herräumte und noch mehr Chaos verbreitete. Andre, der soeben wieder die Küche betrat, sah deutlich ordentlicher und sauberer aus. Kopfschüttelnd betrachtete er das Bild. „Meinst du nicht, es wäre sinnvoller gewesen, erst aufzuräumen und dann die Kerze anzuzünden?“ „Nein, ohne Kerze ist es zu dunkel“, antwortete Theo. Andre sah seinen Partner kurz fassungslos an. „Ist das dein Ernst? Dann mach doch die große Lampe auch noch an.“ Seine Hand schwebte über dem Lichtschalter. „Das ist aber so ungemütlich“, maulte Theo. „Also gut, du Dickkopf“, gab Andre lachend nach. „Jetzt räumen wir schnell auf, vorher gibt es keine Plätzchen“, ergänzte er dann in ernsterem Tonfall. Theo machte große Augen, fügte sich dann aber.

Eine Viertelstunde später war die Küche wieder in ihrem ursprünglichen Zustand und ein Teller mit den frischen Plätzchen wurde neben dem Adventskranz abgestellt. Andre öffnete seinen Mund, um etwas zu sagen, überlegte es sich dann jedoch anders und nahm einfach einen Lappen. Damit entstaubte er Theo, der sich protestierend hin- und herwandte und gleichzeitig vor lauter Lachen keine Luft mehr bekam. „Lass das... das... das kitzelt“, japste er. „Keine Widerrede, du Dreckspatz. Die Küche ist gerade sauber, da wirst du sie nicht direkt wieder vollsauen“, blieb Andre hart. Erst als er nach einem prüfenden Blick nirgendwo mehr einen Hauch von Mehl erkennen konnte, durfte Theo sich setzen. Zu den Keksen gab es einen Weihnachtstee, der nach Zimt, Orangen und ein wenig rauchig duftete, wie ein gemütlicher Abend vor dem Kamin. Theo und Andre probierten sich durch die verschiedenen Plätzchen. „Mein Favorit sind eindeutig die Mandel-Nougat-Sterne“, beschloss Theo. „Das war mir schon vorher klar.“ Andre überlegte und meinte dann: „Mir schmecken die Haferkekse am besten, wo wir noch ein paar Kokosflocken reingegeben haben.“
„Das stimmt, die sind auch lecker. Um genau zu sein, sind alle gut geworden“, entgegnete Theo.

„An wen wollen wir eigentlich Plätzchen verschenken? Wir sollten auf jeden Fall eine Liste machen und dann entsprechend nochmal backen, die hier reichen nicht aus.“ „Das sind doch vier Dosen voll, vier große Dosen wohlgemerkt“, antwortete Andre fassungslos, korrigierte sich dann aber schnell: „Achja, ich hab ganz vergessen, dass du für jemanden, der so klein ist, die dreifache Menge an Süßkram isst.“ Beleidigt streckte Theo ihm die Zunge raus. Andre konnte nicht widerstehen, schnappte sich seinen Freund und küsste ihn innig. Als sie sich einige Zeit später wieder voneinander lösten, wirkte Theo kurzzeitig desorientiert, als hätte er vergessen, worum es überhaupt ging. Er besann sich jedoch, nahm sich einen Zettel, notierte einige Namen und pinnte ihn mit einem Magneten an den Kühlschrank. „Wenn dir noch jemand einfällt, schreib ihn einfach dazu.“



Kurze Zeit später begann ihr Untergrund zu schwanken und es wurde wieder etwas windiger und zugiger. Zum Glück wurde sie von Andre getragen, bei Theo wäre es vermutlich eine deutlich wackligere Angelegenheit gewesen. Sie durchquerten kurz einen schmalen Raum mit Jacken, Schuhen und Regenschirmen und kamen dann in ein größeres, gemütliches Zimmer mit einem großen Ecksofa und Fernseher. Sie wurde mitsamt ihrem Kranz und ihren noch nicht brennenden Geschwistern auf einem niedrigen Glastisch abgestellt. Nun, da sie wieder auf festem Boden stand, konnte sie erkennen, dass auch dieser Raum dezent weihnachtlich geschmückt war. Es hingen einige weitere Strohsterne an der Wand und einer auch an der Lampe, im Fenster leuchtete ein Schneemann und auf dem Tisch stand eine Schale mit Nüssen und Orangen. Theo und Andre kuschelten sich gemeinsam auf die Couch und schalteten den Fernseher an. Sämtliche Streitereien und Neckereien des Tages waren vergessen. Ihre Liebe und Zuneigung zueinander war deutlich zu erkennen.

Zu diesem Zeitpunkt machte sie eine schreckliche Entdeckung: sie schrumpfte! Sie war schon merklich kleiner als heute morgen, als sie das erste Mal zum Leben erwacht war. Enttäuscht flackerte sie ein wenig. Nicht nur, dass sie keine Chance hatte, ihr Wachsein und Schlafen zu steuern, sondern der Willkür der beiden Männer ausgeliefert war, sie würde auch nur ein kurzes Leben haben. In der Hinsicht war es vielleicht von Vorteil, dass sie zwischendurch aus war. So bekam sie hoffentlich die besonderen Momente mit. Heute hatte sie ja schon viel neues gesehen und viele kleine Momente zwischen Theo und Andre mitbekommen. Daher nahm sie sich ganz fest vor, alles, was sie zu sehen bekam, achtsam wahrzunehmen.
Der zweite Advent
Es war wie ein Deja-vu: Wieder erwachte sie, als es draußen noch hell war. Der Frühstückstisch war halb gedeckt und Theo brachte die noch fehlenden Sachen dazu. Andre kam in die Küche, bemerkte den brennenden Adventskranz und runzelte missbilligend die Stirn, verkniff sich diesmal aber jeglichen Kommentar. Und noch etwas war anders. Eine ihrer Schwestern brannte ebenfalls. Es war die nächstgrößere, die beiden kleinen waren weiterhin aus.Neugierig betrachtete sie diese, sah ihr Flackern und Leuchten. Dadurch bekam sie zunächst nicht viel von Andre und Theo mit, doch es gab auch nicht viel mitzubekommen. Morgens waren beide offensichtlich eher schweigsam, wenn sie nicht gerade diskutierten. Erst gegen Ende des Frühstücks eröffnete Theo das Gespräch: „Wann treffen wir uns nochmal mit den anderen?“ „Um halb fünf. Bis alle da sind, ist es dann eh kurz vor fünf und schon dunkel. Ich schätze mal, wir werden dann gegen acht Uhr hier sein.“
„Also müssen wir um vier los. Na, bis dahin sollten wir es locker schaffen, alles vorzubereiten“, stellte Theo fest. Andre nickte bestätigend. Kurze Zeit später kam wieder der Windstoß und alles war weg.



Als sie später wieder wach wurden, standen sie nicht mehr in der Küche, sondern im Wohnzimmer. Es roch lecker nach einem Nudelauflauf. Um sie herum standen acht Teller und verschiedene Menschen standen herum oder saßen auf dem Sofa. Theo wirbelte herum und schenkte Getränke ein, von Andre war nichts zu sehen. „Also ich fand den ersten Weihnachtsmarkt am schönsten, der hatte so ein tolles Flair“, schwärmte eine blonde junge Frau. „Wirklich? Das hätte ich nicht gedacht, Steffi. Ich mochte den letzten am liebsten“, antwortete die zweite Frau im Raum, die asiatisch aussah. „Also ich fand alle Märkte gleich grässlich“, konstatierte einer der Männer, was ein großes Gelächter auslöste. „Wie überraschend, Constantin“, spottete ein Rotschopf. „Dabei bist du doch unser größter Weihnachtsfan.“ Constantin warf mit einem Kissen nach ihm, während er antwortete: „Du spinnst ja, den Weihnachtsfanpart überlassen ich vollkommen Andre und Theo, das reicht für uns alle. Wobei die anderen drei ja auch zu den Gestörten gehören... vor allem Tobi!“ Kopfschüttelnd sah er die restlichen Männer an, vor allem den direkt neben ihm. Der konterte süffisant grinsend: „Wir hatten eine Abmachung, mein Lieber. Denk dran, du kannst gerne im Gästezimmer schlafen und dort eine ganz weihnachtsfreie Zone einrichten.“ Sofort hob Constantin seine Hände, signalisierte so stumm, dass er sich ergab. „Also wie ihr beide die Weihnachtszeit überlebt, ist mir immer wieder ein Rätsel“, stellte Steffi fest. „Das willst du gar nicht wissen“, antworteten Tobi und Constantin sofort, mit einem identischen dreckigen Grinsen im Gesicht. Constantin hing noch ein „Schwesterherz“ dran.

In dem Moment wurde die Diskussion abrupt durch das Auftauchen von Andre mit dem Nudelauflauf unterbrochen. Der Duft breitete sich im ganzen Raum aus und überdeckte die anderen Gerüche. Die beiden Kerzen auf dem Tisch brannten ruhig, während die Menschen aßen. Doch die gefräßige Stille hielt nicht lang an. „Und, wie sieht es in diesem Jahr aus? Wer ist Mister oder Miss Perfect und wer Mister oder Miss Too Late?“, fragte Steffi. Die Reaktionen waren sehr verschieden: von verlegen über genervt bis hin zu Stolz. „Mir fehlen nur noch zwei Geschenke“, verkündete Feifei stolz. „Streber“, stichelte der Rotschopf. „Wie viele hast du denn schon, James?“, wollte die Asiatin wissen. „Keins natürlich, der werte Herr hat doch wichtigeres zu tun“, spottete Steffi liebevoll über ihren Freund. „Das stimmt gar nicht“, protestierte der sofort, „zwei hab ich schon.“ Constantin lachte laut. „Lass mich raten, deine Schwester hat schon die Geschenke für eure Eltern besorgt“, grinste er. „Klappe, du Verräter“, zischte James und warf ein Kissen nach Constantin. Bevor der es zurückwerfen konnte, griff Andre ein: „Keine Kissenschlachten hier im Wohnzimmer!“ Sie war erleichtert. Nicht auszudenken, wenn so ein Kissen sie getroffen und umgeschmissen hätte oder sie durch den Windzug verlöscht wäre! James und Constantin sahen das deutlich anders. „Spielverderber“, kam einstimmig und von einem bösen Blick begleitet von den zwei Streithähnen zurück.

„Ich brauch nur noch drei Geschenke“, führte Theo wieder zum eigentlichen Thema zurück. „Sicher? Das hast du letztes Jahr auch behauptet und dann festgestellt, dass du die Hälfte der Leute vergessen hast“, erinnerte Andre ihn. Jetzt starrte auch Theo seinen Freund wütend an. „Ja, ich bin mir sicher, ich habe extra eine Liste gemacht und sie mit der korrigierten vom letzten Jahr verglichen. Wie viele hast du denn schon?“ „Okay, okay“, beschwichtigte Andre ihn. Er fuhr fort: „Etwa genauso viele, schätze ich. Mir fehlen auch noch drei.“ Andre grinste und auch Theo musste lachen.

Kurze Zeit herrschte Stille. Die beiden Kerzen flackerten ganz leicht und beobachteten die Menschen genau. „Steffi, wie siehts bei dir eigentlich aus? Wenn du schon mit dem Thema anfängst...“, hakte Feifei nach. „Ähm... ich hab definitiv mehr als James, aber mir fehlt noch über die Hälfte“, gab Steffi verschämt zu. „Ich hab vor allem deshalb gefragt, weil ich gehofft habe, dass ihr alle auch noch nicht so weit seid.“ „Unglaublich erfolgreich, wie man sieht“, neckte Constantin sie. „Sei still, du Idiot, du hast bestimmt noch keins“, beschimpfte Steffi ihren Bruder aufgebracht. Tobi schüttelte belustigt den Kopf. „Das du jedes Mal wieder auf ihn hereinfällst, du solltest deinen Bruder doch langsam wirklich besser kennen. Er schimpft zwar seit Anfang August auf alles, was mit Weihnachten zusammenhängt und behauptet, er würde den ganzen „Konsumquatsch“ nicht mehr mitmachen, in Wirklichkeit hat er aber längst alle Geschenke zusammen – im Gegensatz zu mir, mir fehlt auch noch einiges“, erläuterte er. „Stimmt auffallend, immerhin hast du wenigstens mehr als zwei Geschenke“, bestätigte Constantin.

Erwartungsvoll richteten sich alle Blicke auf den letzten im Bunde. „Na sag schon, Rick, wie viele Geschenke fehlen dir noch?“ In James Frage lag ein leicht flehender Unterton. „Sorry, da muss ich dich wohl enttäuschen, Jamie“, antwortete Rick ihm. „Der Titel Mister Last wird wohl an dich gehen, ich hab schon doppelt so viele Geschenke wie du.“ „Na, warte ab, bis Weihnachten kann ich noch locker aufholen“, konterte James sofort. Der Rest reagierte darauf mit mehr oder weniger deutlich ausgeprägter Belustigung. Theo räumte das Geschirr und Besteck weg. Langsam traten die anderen Düfte – der leichte Rauchgeruch, Tannen und Orangenduft – wieder deutlicher hervor.

„Na, was machen wir jetzt noch?“, warf Tobi nach einer Weile behaglichen Schweigens in den Raum. „Wenn wir vernünftig wären, würden wir jetzt langsam nach Hause gehen, schließlich ist morgen Montag und wir müssen alle wieder arbeiten“, entgegnete Rick. „Aber da niemand von uns vernünftig ist, bleibt die Frage bestehen“, beharrte James. „Was haltet ihr von einem Weihnachtsfilm?“, schlug Theo vor. Sofort stimmten alle zu und machten Vorschläge – das heißt natürlich, alle außer Constantin, der resigniert seine Augen verdrehte. Nach einigem Hin und Her einigten sie sich auf „Der Grinch“. „Könnt ihr nicht irgendeinen anderen von diesen scheiß Filmen nehmen? Ihr werdet mich nicht bekehren, und wenn wir den Film tausendmal schauen!“, verzweifelte Constantin. „Der Film ist einfach toll, deshalb gucken wir den. Bezieh doch nicht immer alles direkt auf dich“, entgegnete Feifei mit einem Kopfschütteln. „Naja, wenn man ständig „Grinch“ genannt wird, ist das kein Wunder“, verteidigte Andre ihn. „Und das seit dieser bescheuerte Film rausgekommen ist! Das sind mittlerweile sechzehn Jahre“, grummelte Constantin. Tobi beugte sich zu ihm und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Constantins Mimik veränderte sich von verärgert zu einer interessanten Mischung aus resigniert und erfreut. „Okay, meinetwegen, dann nehmen wir den halt“, gab er nach. „Super, wenn wir uns nochmal hätten einigen müssen, hätte sich das echt nicht mehr gelohnt“, stellte Rick fest.

Während dem Film war es ruhig, bis auf vereinzelte Kommentare und Gelächter. Constantin hatte seinen Freund an sich gezogen und beschäftigte sich vorwiegend damit, Tobi vom Film abzulenken. Dabei war ihm jedes Mittel recht: Küssen, Kitzeln... So verflog die Zeit recht schnell. Die Kerze stellte besorgt fest, dass sie schon wieder ein gutes Stück kleiner geworden war. Das ging so rasch. Ihr größter Wunsch war es, mehr Zeit zu haben. Sie stellte allerdings fest, dass ihren Schwestern noch weniger Zeit blieb. Obwohl ihre Schwester heute das erste Mal erwacht war, war sie genauso klein wie sie. Von den anderen beiden, die noch nicht angezündet wurden, war eine etwa gleich groß wie sie beiden aktuell waren, und die letzte war sogar noch ein Stück kleiner. Als sie wieder aus ihren Gedanken hochschreckte, bekam sie noch kurz mit, dass die Freunde sich verabschiedeten, dann wurde es wieder schwarz.
Nikolaus
Beim nächsten Erwachen war alles ein wenig anders als gewohnt. Dieses Mal war es tatsächlich noch dunkel draußen und der Tisch war einfacher gedeckt. Außerdem wuselte Theo gar nicht so energiegeladen wie sonst um her, sondern schien noch halb zu schlafen. Er gähnte ausgiebig, bevor er Kaffee einschenkte. Andre, der gerade hereinkam, wirkte wie immer, einschließlich des schon bekannten Stirnrunzelns. „Heute ist kein Sonntag, also warum brennt der Adventskranz?“ „Heute ist Nikolaus“, erklärte Theo. Allein nur die Erwähnung des Wortes „Nikolaus“ schien ihn wacher werden zu lassen. „Ach ja, stimmt ja. Hast du schon geschaut, was in deinem Schuh ist?“ Theo schüttelte energisch seinen Kopf. „Nein, ich hab auf dich gewartet.“ Er hibbelte nervös auf und ab und ein unausgesprochenes „Aber jetzt kann ich ja endlich gucken, oder?“ schwebte in der Luft. „Na, dann gehen wir mal schauen“, erlöste Andre seinen Freund lächelnd. Sofort stürmte Theo aus dem Raum, Andre folgte deutlich gelassener und langsamer. Am liebsten wäre sie ihnen hinterhergelaufen, weil sie neugierig war, wovon die beiden sprachen. Doch leider konnte sie sich ja nicht bewegen.

Kurze Zeit später kamen beide wieder rein, diesmal mit einem Haufen Süßigkeiten und anderen Kleinigkeiten in der Hand. „Wir können uns „Alle Farben des Lebens“ anschauen, der startet diesen Donnerstag“, schlug Theo vor. Von seiner Müdigkeit war keine Spur mehr zu erkennen. „Ja, klar. Es ist dein Kinogutschein, du darfst aussuchen. Auch das Essen hinterher“, antwortete Andre. „Pilzrisotto“, entgegnete sein Freund wie aus der Pistole geschossen. „Das hast du schon ewig nicht mehr gemacht.“ „Die Pilzsaison ist ja auch vorbei“, erklärte Andre. „Ich kann aber gerne Zuchtpilze einkaufen und dann das Risotto machen.“ Theo nickte begeistert. „Vielen Dank auch für das Massageöl inklusive Gutschein.“ Zärtlich küsste Andre seinen Freund als Dank für das Geschenk. „Ich liebe diesen Orangenduft.“ „Gern geschehen. Streng genommen hab ich ja auch ganz viel davon“, schmunzelte Theo. „Ja, Kinogutschein und anschließend ein gemütliches Essen zu zweit ist aber auch nicht besonders uneigennützig, auch wenn ich selbst koche“, gab Andre zurück. „Jetzt sollten wir uns aber beeilen, sonst kommen wir zu spät zur Arbeit.“ Nach dem Blick auf die Uhr erschrak Theo und nickt kurz. Der Rest des Frühstücks war von Hektik und Eile geprägt. Nur wenige Minuten später wurde es wieder einmal dunkel um sie.



Beim nächsten Entzünden war es schon wieder dunkel. Sie bemerkte, dass nur sie und ihre Schwester, die beim letzten Mal auch schon gebrannt hatte, angezündet waren. Scheinbar hatte Andre heute morgen das mit der Feststellung, das „Nikolaus“ sei gemeint und weitere Kerzen wurden nur „Sonntag“ angemacht, obwohl sie keine wirkliche Vorstellung davon hatte, was das war. Sie waren wieder in dem großen Raum mit der Flimmerkiste, doch die blieb schwarz. Zu dem üblichen Gerüchen gesellte sich ein Roibusch-Zimt-Tee-Duft und der Duft von heißem Kakao. Andre und Theo saßen auf der Couch. Theo hatte seinen Kopf an Andres Schulter und seinen Rücken an dessen Seite angelehnt. Andre hielt ein Buch in seinen Händen und las daraus verschiedene weihnachtliche Gedichte vor. Seine Stimme war leise und ruhig, aber nicht monoton.

Zwischen den einzelnen Gedichten schwieg er. Beide ließen sie die Texte auf sich wirken, lauschten dem nach, bevor Andre irgendwann das Buch wieder hochnahm und noch ein Gedicht las. Theo kuschelte sich eng an ihn, drehte sich mehr zu Andre, schmiegte sich eng an dessen Seite. Kurz stockte Andres Stimme, dann las er weiter, mit einem Lächeln auf dem Lippen. Am Ende des Textes legte er das Buch beiseite und nahm Theo in seinen Arm. „Alles gut?“, wollte Andre wissen. „Um genau zu sein, alles bestens“, erwiderte Theo. Er reckte seinen Kopf ein wenig nach oben und küsste Andre. Der erwiderte den Kuss, langsam, träge, liebevoll und zärtlich. Langsam rutschte Andre mit dem Oberkörper weiter nach unten und zog seine Beine hoch auf die Couch. Theo machte ihm kurz Platz dafür und legte sich dann auf ihn drauf. Erneut versanken die beiden in einem Kuss, der diesmal intensiver, schneller und voller Verlangen war.

Aus dem einen Kuss wurden schnell mehrere. Theos Hände wanderten langsam unter Andres Shirt, er streichelte dessen Seiten entlang. Auch Andres Hände mogelten sich unter Theos Pulli, glitten über die warme Haut, die Fingerspitzen spürten den Verlauf der Wirbelsäule nach. Theo erzitterte leicht, eine Gänsehaut überzog seinen gesamten Körper. Langsam schob er Andres Shirt immer höher. Andre hob seinen Oberkörper leicht an, damit Theo ihm das Shirt ganz ausziehen konnte. Sein Oberkörper schimmerte leicht im flackernden Kerzenlicht. Andre ließ seine Hände langsam den Theos Rücken hinab wandern, um beim wieder hoch gleiten den Pulli mitzunehmen und ihn Theo auszuziehen. Sie küssten sich verlangend und Andre zog Theo wieder ganz dicht an sich. Ihre Hände bewegten sich fieberhaft, konnten nicht genug von dem anderen bekommen, wollten jeden Fleck freier Haut berühren. Sie hatte das Gefühl, die Wärme beinahe spüren zu können, die die beiden ausstrahlten.

Einige Zeit später war es ganz still im Zimmer, einzig das leise Knistern von ihr und ihrer Schwester war zu hören. Theo und Andre lagen auf dem Sofa, ganz dicht aneinander gepresst, ineinander verschlungen, unter einer warmen, weichen Decke vergraben. Sie konnte nur die Wuschellocken von Theo, den Blondschopf von Andre und einen kleinen Ausschnitt ihrer Gesichter erkennen. Würde nicht von Zeit zu Zeit ein leises Wispern erklingen, hätte sie gedacht, dass die beiden auch vorübergehend erloschen wären – oder wie das auch immer bei den Menschen funktionierte, von außen sah man ja keine Flamme. Vielleicht war tief in ihnen drinnen eine Flamme verborgen, die ewig brannte. Das Sofa mit den beiden Männern drauf war ein Sinnbild von Ruhe und Zärtlichkeit.

Sie wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, als Andres Stimme wieder lauter erklang: „Komm, Theo, lass uns ins Bett gehen. Es ist schon spät, wir müssen morgen arbeiten.“ Theo grummelte nur unwillig und schien sich ganz tief in der Decke zu vergraben. Dieses Verhalten entlockte Andre ein Lächeln, trotzdem blieb er unnachgiebig. „Ja, ich weiß, dass es hier gemütlich ist, aber zum Schlafen ist die Couch nicht geeignet. Im Bett können wir weiter kuscheln und es ist völlig egal, wenn wir dann einschlafen.“ Theo wirkte nicht im geringsten überzeugt von Andres Argumenten, er rührte sich nicht. Andre seufzte kurz und schälte sich dann langsam unter Theo hervor. Unter Protestlauten versuchte Theo, ihn davon abzubringen und festzuhalten, scheiterte jedoch kläglich. „Will nich“, nuschelte er undeutlich und verschlafen. „Also gut, dann eben so“, sprach Andre halblaut zu sich selbst. Er stand mittlerweile neben dem Sofa, beugte sich runter und hob Theo hoch. Dass er dabei auch die Decke hochnahm, die Theo weiterhin krampfhaft festhielt, störte ihn nicht. Als Andre mit seinem Bündel schon fast aus dem Wohnzimmer draußen war, erstarrte er plötzlich kurz und kehrte dann nochmal schnell zum Tisch zurück. Ein schon längst bekannter Windstoß traf sie und die Welt war verschwunden.
Der dritte Advent
Es fühlte sich sehr vertraut an, wieder die Welt zu erblicken. Neugierig nahm sie wahr, was in ihrer Umgebung passierte. Diesmal schien es wieder „Sonntag“ zu sein, denn draußen war es hell, der Frühstückstisch reichlich gedeckt und eine weitere ihrer Schwestern brannte. Nur die kleinste wahr weiterhin aus. Traurig stellte sie fest, dass sie nur noch halb so groß war wie bei ihrem ersten Erwachen. Gleichzeitig war sie auch gespannt, was heute alles geschehen würde. Plötzlich merkte sie einen Windzug, die Tür wurde aufgerissen und Theo stürmte herein, die Haare noch deutlich verwuschelter als ohnehin schon. „Warum hast du mich nicht geweckt?“ Mit großen Augen und vorwurfsvollem Gesichtsausdruck starrte er Andre an. „Weil ich die Zeit nutzen wollte, um den Tisch zu decken. Ich wäre jetzt jede Minute mit einer Tasse Kaffee ins Schlafzimmer gekommen und hätte dich geweckt“, antwortete Andre mit hochgezogener Augenbraue. „Eigentlich hatte ich gedacht, dass dich das freuen würde. Ich habe sogar extra für dich den Adventskranz angezündet.“ Er wies auf die brennenden Kerzen hin.

Theo errötete. „Oh, das ist nett, danke.“ Er zögerte, bevor er leise und verlegen fortfuhr: „Es war nicht so gemeint, ich hatte mich beim Aufwachen nur darauf gefreut, endlich was Zeit zu haben und mit dir zu kuscheln, wir haben uns seit Nikolaus ja kaum gesehen. Und als du dann schon aus dem Bett verschwunden warst, war ich eben ziemlich enttäuscht.“ Theo senkte seinen Kopf.
„Hey, mein kleiner Wirbelwind, ist schon okay.“ Andre ging zu Theo und nahm ihn liebevoll in den Arm, hob mit einer Hand dessen Kinn an, um ihm in die Augen schauen zu können. Er küsste Theo sanft auf den Mund, bevor er fortfuhr. „Ich kann das verstehen, diese Woche war wirklich viel los, Weihnachtsfeiern, zu viel Arbeit, noch die letzten Geschenke besorgen... Ich hab dich auch vermisst, weil wir uns wenn überhaupt nur Abends kurz gesehen haben.“ Andre zog Theo noch ein wenig enger an sich, schmiegte ihre Wangen aneinander. „Was hältst du davon, wenn wir jetzt gemütlich zusammen frühstücken und dann den Rest des Tages einfach nur für uns nutzen?“ Theo erwiderte die Umarmung und lächelte. „Ja, das klingt gut.“

Sie sah jedoch zunächst keine Bewegung, die beiden Männer verharrten noch eine ganze Weile in der engen Umarmung, dicht aneinander gekuschelt, nicht willens, sich schon wieder zu trennen, auch wenn am Frühstückstisch nicht mal ein Meter Abstand zwischen ihnen war. Schließlich drehte Theo seinen Kopf ein wenig, zog Andres Kopf zu sich und küsste ihn, tief und innig. Plötzlich wurde die Stille durch zweifaches Magenknurren unterbrochen. Langsam löste Theo sich von Andre. „Scheint, als sollten wir wirklich erstmal frühstücken“, lachte er dabei. „Ja, eindeutig“, erwiderte Andre, ebenfalls breit grinsend. Sie setzten sich an den Frühstückstisch und begannen zu essen. „Wie war gestern die Weihnachtsfeier eigentlich? Ich hab gar nicht mitbekommen, wann du nach Hause gekommen bist“, erkundigte Andre sich. „War echt schön, es waren wirklich alle da. Und der Trainer hat uns gelobt, er meinte, dass wir diese Saison echt gut in Form sind“, erzählte Theo. „Natürlich nicht, ohne uns im nächsten Satz zu ermahnen, dass wir über die Weihnachtsferien nicht zu viel essen und uns auf jeden Fall fit halten sollen, damit wir im neuen Jahr direkt da anknüpfen können, wo wir jetzt aufgehört haben.“

„Das klingt sehr nach eurem Trainer. Für den gibt es nichts außer Handball, oder?“ „Nee, nicht wirklich“, bestätigte Theo Andres Vermutung. „Er hat dann auch wieder tausend Anekdoten erzählt, viele von uns kennt er ja schon von klein auf, das war so lustig. Und dann waren es auf einmal halb drei, ich war also erst um drei Uhr wieder hier.“ Wie zur Bestätigung seiner Aussage musste Theo gähnen. Andre nickte. „Ja, sowas hab ich mir schon gedacht. Ich weiß gar nicht, wann du das letzte Mal nach mir wach warst.“ „Das weiß ich ehrlich gesagt auch nicht“, antwortete Theo. „Aber von daher ist es sehr gut, dass wir heute einfach nichts tun und nur Zeit zusammen verbringen, zu mehr wäre ich glaub ich auch gar nicht in der Lage. Zwei Weihnachtsfeiern direkt hintereinander sind einfach zu viel.“ Er gähnte erneut. „Vielleicht solltest du dich gleich nochmal ein bisschen hinlegen“, schlug Andre ihm vor. „Gute Idee, aber nur wenn du mitkommst.“ Erstaunt registrierte sie, dass Theos Augen sich auf magische Weise zu vergrößern schienen, sie wirkten fast doppelt so groß, als er Andre flehend ansah. „Mach ich, ich les dann was“, stimmte Andre zu und gab Theo einen Kuss auf die Wange. „Warum gehst du nicht schonmal vor, machst es dir gemütlich und ich räum hier noch schnell alles auf?“, schlug Andre vor. Noch bevor Theo aus der Küche verschwunden war, kam die altbekannte Dunkelheit.



Wie jeden Sonntag spät nachmittags erwachte sie erneut im Wohnzimmer, draußen war es wie üblich dunkel. Ihr kam es vor, als hätte sie diese Prozedur schon dutzende Male mit erlebt, so vertraut war ihr dieser Ablauf inzwischen. Auf dem Tisch standen Kekse und Tassen mit weihnachtlich duftendem Tee. Andre stellte noch einen Karton dazu. Theo hatte schon auf dem Sofa Platz genommen und begann damit, eine klappbare Unterlage mit einigen schwarzen Männchen aus dem Karton rauszunehmen, während Andre sich neben ihn setzte. „Welche Farbe nimmst du?“, wollte Theo von Andre wissen. Anstatt ihm die Frage zu beantworten, angelte Andre sich selbst einige grüne Männchen aus dem Karton und stellte sie genau wie Theo auf die Unterlage. Es schien ihr ein Plan mit vielen Kreisen zu sein. Ohne ein weiteres Wort nahmen beide sich einen Würfel und würfelten einmal. „Fünf, ich darf anfangen“, verkündete Theo mit einem Blick auf Andres Würfel, der eine Zwei zeigte. Danach würfelte er einige Male, machte sonst aber nichts. Andre hingegen freute sich nach seinem zweiten Wurf und bewegte eines der grünen Männchen. Theo versuchte es erneut, scheiterte jedoch ebenso wie beim ersten Mal. „Verflixt, wieso kriege ich keine Sechs?“ „Nur Geduld, das wird schon... vielleicht wenn ich meine erste Figur im Ziel habe“, spottete Andre. Wütend streckte Theo ihm die Zunge raus, während Andre seinen nächsten Zug machte.

Einige Runden später schaffte auch Theo es endlich, mit seinem ersten Männchen rauszukommen, während Andre schon die dritte Spielfigur auf dem Brett stehen hatte. Das nütze ihm aber nicht viel, weil Theo direkt in seinem ersten Zug seine vorderste Figur rauswarf. „Da siehst du's, ich werde wohl gewinnen!“ Triumphierend und ein wenig herausfordernd starrte Theo Andre an. „Na, das werden wir ja noch sehen“, gab der entspannt zurück. Er nahm das Spiel eindeutig nicht so ernst wie sein Freund. Einige Zeit später sah es so aus, als hätte Theo mit seiner Prophezeiung recht gehabt, er hatte schon zwei Figuren im Ziel, während Andre seine erste gerade erst ins Ziel gebracht hatte. Kurz bevor Theo sein drittes Männchen ins Ziel bringen konnte, wurde er jedoch von Andre rausgeschmissen. „Verdammt, was soll das? Warum bist du nicht mit dem anderen gegangen?“, fluchte Theo. „Damit du meine Figur zurückstellen kannst, weil ich dich nicht geschmissen habe, obwohl ich das laut Regeln muss? Vergiss es, so einfach lass ich dich nicht gewinnen“, erwiderte Andre. Er klang jetzt auch leicht erhitzt, ereiferte sich aber noch lange nicht so sehr wie Theo.

Am Ende wurde es dann ein richtiges Kopf-an-Kopf-Rennen. Aufgeregt beobachtete sie das Ganze, gespannt, wer am Ende das Spiel gewinnen würde. Beide mussten nur noch eine Figur ins Ziel bringen und standen kurz davor. Runde um Runde ärgerten die Zwei sich, weil sie eine zu hohe Zahl hatten und somit nicht ins Ziel kamen. „Verdammt, irgendwann muss ich doch mal eine Eins haben!“, regte Andre sich beim x-ten vergeblichen Wurf auf. „Verf*ckte Scheiße, das gibt’s doch nicht!“ Bei Theo lagen die Nerven völlig blank, als er endlich vorrücken konnte – jedoch nicht die erhofften zwei Schritte ins Ziel, sondern nur einen, direkt davor. Es kam, wie es kommen musste: ausgerechnet direkt im nächsten Zug würfelte Andre die heiß ersehnte Eins und gewann das Spiel. Frustriert fegte Theo den Spielplan vom Tisch und verschränkte die Arme vor der Brust. „Man, immer gewinnst du“, schmollte er, klang dabei allerdings schon deutlich ruhiger als noch vor einer Minute. Andre nahm Theo einfach in den Arm und küsste ihn. Anfangs sträubte Theo sich noch, aber schnell entspannte er sich, schmiegte sich an seinen Freund und intensivierte den Kuss. Als sie sich einige Zeit später voneinander lösten, klang Andres Stimme leicht atemlos. „Na, ist jetzt alles wieder gut?“ „Natürlich“, antwortete Theo und sammelte die im halben Wohnzimmer verstreuten Spielfiguren wieder ein. Andre faltete unterdessen den Spielplan zusammen und räumte ihn in den Karton zurück.

Nachdem das Spiel wieder im Schrank verstaut war, kuschelten Theo und Andre sich auf dem Sofa zusammen unter die Decke. Beide hatten ein Buch in der Hand und lasen etwas. Gelegentlich las einer dem anderen eine besonders lustige oder schöne Passage vor. Als sie schon befürchtete, heute würde überhaupt nichts mehr passieren und sie würde einfach nur Lebenszeit verlieren, legte Theo sein Buch beiseite und schnappte sich anschließend ebenfalls Andres Buch. Als Andre den Mund öffnete, um dagegen zu protestieren, küsste Theo ihn einfach. Sofort erwiderte Andre den Kuss und ließ sich bereitwillig davon ablenken, zog Theo in seine Arme. Eine ganze Zeit lang saßen sie so auf dem Sofa, eng aneinander gekuschelt, küssten und streichelten sich immer wieder. „Lass uns schon mal ins Bett gehen und da noch was Zeit verbringen, ich werd schon wieder müde“, gähnte Theo irgendwann. Sie nahm nur noch kurz Andres Nicken war, bevor dessen Mund sich auch schon zum verlöschenden Windstoß näherte.
Der vierte Advent
Wieder einmal spielte sich die vertraute Morgenroutine ab: sie erwachte, blickte sich um und sah Theo, Andre und den gedeckten Frühstückstisch. Der große Unterschied war, dass sie heute mit all ihren Schwestern vereint war, jede von ihnen war genau wie sie selbst mit einer leuchtenden, flackernden Flamme geschmückt. Doch halt, als sie genauer hinschaute, gab es noch einen Unterschied: auch sonst war der Tisch gut gedeckt, mit vielerlei Belägen und frischen Brötchen, aber dieses Mal lag ein weiterer Duft in der Luft, weniger weihnachtlich, aber appetitlich und herzhaft. Er stieg aus einer Pfanne auf, die mit lockerem Rührei und kross gebratenem Schinkenspeck gefüllt war. Außerdem gab es heute frisch gepressten Orangensaft und Müsli mit Obststückchen vermischt. „Meinst du nicht, du hast ein bisschen übertrieben?“, wollte Andre entsprechend auch von Theo wissen. „Nein, gar nicht“, antwortete der leicht trotzig und schüttelte energisch seinen Kopf. „Du hast doch selbst vorgeschlagen, dass wir heute einen Brunch machen, weil wir gestern nach dem Karaokeabend so versackt sind und eigentlich schon fast Zeit fürs Mittagessen ist.“ „Ja, ich weiß“, stimmte Andre zu. „Aber das erscheint mir dann doch ziemlich viel nur für uns beide.“ Er wies mit seinem Arm auf den überreich gedeckten Tisch. „Ich finde es grade genug, ich hab echt Kohldampf“, erwiderte Theo und lud seinen Teller voll. „Okay, okay, du hast gewonnen.“ Andre hob geschlagen seine Hände und nahm sich dann auch von allem etwas.

Die nächsten Minuten vergingen in einträchtigem Schweigen, einzig durch Kaugeräusche oder leise Genusslaute unterbrochen. „Mhhh, ich weiß wirklich nicht, was mir am besten schmeckt“, murmelte Theo zufrieden. „Das stimmt... ich glaube, mein Favorit sind trotz allem das Rührei und Speck“, antwortete Andre, den Mund noch nicht ganz leer gekaut. Theo überlegte kurz, probierte sich noch mal durch und entgegnete dann: „Das ist echt lecker, aber ich mag das Müsli lieber.“ „Das passt, dann kommen wir uns nicht in die Quere“, lachte Andre. „Idiot.“ Theo streckte ihm die Zunge raus. „Ich dachte, es wäre viel zu viel“, spottete er weiter. „Gut, dass du nicht nachtragend bist“, konterte Andre sofort. Theo lachte laut los. Bevor Andre noch etwas sagen konnte, küsste Theo ihn. Andre nutzte die Gelegenheit sofort, zog Theo noch ein wenig an sich ran und intensivierte den Kuss. Lang, ausgiebig, zärtlich küssten die beiden sich, bis sie sich irgendwann wieder dem Brunch widmeten. Das einträchtige Schweigen von vorher kehrte zurück. Fasziniert sah sie zu, wie die Beiden die Unmengen an Essen deutlich reduzierten.

„Boah, bin ich voll“, stöhnte Andre. „Ja, ich platze auch gleich“, nickte Theo und hielt sich den Bauch. „Naja, ist wirklich kein Wunder“, meinte Andre, als er den Tisch ansah. „Wir haben deutlich mehr gegessen, als ich es für möglich gehalten hätte.“ „Um ehrlich zu sein, ich bin auch überrascht“, gestand Theo kleinlaut. „Das war mir klar, mein kleiner Wirbelwind“, schmunzelte Andre und nahm ihn in den Arm. Liebevoll schmiegte Theo ihn an sich, war froh, dass sein Freund nicht nachtragend war.
„Ich glaube, wir sollten den Rest jetzt wirklich mal wegräumen“, seufzte Andre einige Minuten später. „Ja, du hast recht, vielleicht hilft die Bewegung ja auch gegen den übervollen Bauch“, stimmte Theo zu. „Na, die vom Küche aufräumen bestimmt nicht, aber ein Spaziergang ist eine gute Idee, schließlich ist es heute trocken und sonnig“, hörte sie Andres Stimme noch, bevor sie in Schwärze versank.



Beim nächsten Anzünden befand sie sich immer noch in der Küche, aber dieses Mal nahm sie alles aus einer etwas anderen Perspektive war. Gewöhnlich stand sie mit ihren Schwestern mitten auf dem Tisch, dieses Mal befand sie sich jedoch am äußersten Rand. Neben ihr saß Theo, der damit beschäftigt war, etwas auf einer Liste mehrfach zu zählen und zu ergänzen. Mit einem leichten Windstoß betrat Andre die Küche, auf den Armen einen vollen Karton. Stirnrunzelnd schaute er auf sie und ihre Schwestern hinab. „Glaubst du wirklich, dass es sinnvoll ist, wenn der Adventskranz brennt?“, fragte er Theo. „Ich hab ihn extra an das andere Ende vom Tisch gerückt“, verteidigte Theo sich sofort. „Und du hast ja wohl kaum vor, die Strohhalme wild durch die Gegend fliegen zu lassen, oder?“ Andre schüttelte den Kopf: „Natürlich nicht, aber...“ „Kein aber!“, unterbrach Theo ihn energisch. „Ich werde mich daneben setzen und die Karten, wenn sie fertig geschrieben sind, zu dir schieben, damit du den jeweiligen Strohstern darauf befestigen kannst. So kann nichts passieren, wir sind ja auch beide die ganze Zeit hier und passen auf.“ „Also gut, es ist okay“, stimmte Andre mit einem amüsierten Kopfschütteln zu.

Kurze Zeit später saßen die beiden am Tisch und waren eifrig beschäftigt. Nachdem sie Theos Liste nochmal gemeinsam besprochen hatten, um niemanden zu vergessen, schrieb Theo jetzt die entsprechenden Weihnachtskarten und Andre bastelte Strohsterne, die dann auf der Vorderseite der fertig geschriebenen Karte vorsichtig befestigt wurden. Nachdem Andre den ersten Stern fertig und auf der Karte festgemacht hatte, zeigte er sie Theo: „Schau mal, so sollte der Stern gut halten, sodass er beim rausholen nicht kaputt geht, aber sich leicht lösen lassen, sodass man den Stern auch irgendwo anders hinhängen kann, oder?“ Gemeinsam mit Theo betrachtete sie Andres Konstruktion: Anstatt den Strohstern irgendwie mit Tesa zu befestigen, hatte er etwas dünnes Paketband genommen und einmal längst sowie einmal quer darum gewickelt und in der Mitte in eine Schleife gebunden. Vor der dunkelroten Karte, auf der nur eine vereinfachte, dunkelgrüne Tanne zu sehen war, kam der gelb-rote Strohstern hervorragend zur Geltung. „Ja, die Idee ist super“, stimmte Theo Andre zu. „Damit sieht die Karte selbst wie ein kleines Geschenk aus, das passt super.“ Vorsichtig schob Theo die Karte in den dazugehörigen Briefumschlag, damit nichts kaputt ging.

Die beiden Männer arbeiteten schweigend und hochkonzentriert weiter, keiner von ihnen wollte einen Fehler machen. Im Hintergrund lief Weihnachtsmusik. Plötzlich unterbrach Theo die Stille. „Ich hoffe nur, dass die Karten auch wirklich pünktlich ankommen, bis Weihnachten sind es ja nur noch sechs Tage bzw. sogar nur fünf, vor morgen wird der Briefkasten ja nicht geleert.“ Sein Gesicht spiegelte die Besorgnis wider, die auch in seiner Stimme erkennbar war. „Ich habe extra eben nochmal im Internet nachgeschaut, da stand, dass man sogar noch bis zum 22.12. Karten einwerfen kann und die pünktlich ankommen sollen“, beruhigte Andre ihn. „Oh, ich hätte nicht gedacht dass so kurzfristig reicht, Weihnachten verschicken ja schon viele Leute Postkarten, oder?“, wunderte Theo sich. „Ich schätze schon, bisher hab ich ehrlich gesagt noch nie Weihnachtskarten verschickt“, gestand Andre. „Ich bisher auch nicht“, gab Theo lächelnd zu. „Aber dieses Jahr hatte ich irgendwie total Lust drauf.“ „Und es ist eine super Idee“, stimmte Andre zu. „Es ist was besonderes, schöner als so eine E-Card, Mail, Whats-App, SMS oder was auch immer...Und zusätzlich kann ich ganz viele Strohsterne basteln, ohne mir stundenlang überlegen zu müssen, wohin damit. An den Weihnachtsbaum passen nämlich nicht mehr, als schon vorhanden sind, und die ganzen Wände voll damit ist auch übertrieben.“ „Das stimmt... wobei ich die so schön finde, das ich vermutlich doch die ganzen Wände damit vollhängen würde“, witzelte Theo. „Dann bin ich ein Strohstern-Messie.“ Belustigt flackerte sie kurz auf. Andre schüttelte nur den Kopf und konzentrierte sich wieder voll und ganz auf seine Strohsterne.

„Endlich fertig“, seufzte Theo erleichtert und streckte seine Arme aus, ließ dann seine Schultern kreisen. „Ich hätte nicht gedacht, dass es so anstrengend ist, die Karten zu schreiben.“ Nach kurzem Überlegen fuhr er fort: „Aber normal schreibe ich ja kaum noch per Hand, und wenn, dann nicht so viel am Stück.“ „Ja, kann ich mir gut vorstellen. Ich hab ja noch von dem Orangen-Massageöl, wenn du magst, kann ich dich gleich damit massieren“, bot Andre ihm an. „Das wäre großartig“, nahm Theo das Angebot begeistert an. „Wie sieht es denn bei dir aus?“ „Naja, wirklich rückengerecht ist es nicht, Strohsterne zu machen“, antwortete Andre. „Dann werd ich mich bei dir im Anschluss an deine Massage revanchieren“, schlug Theo direkt vor. „Das geht aber erst, wenn du mich massiert hast, mein ganzer rechter Arm tut weh und ist ganz verkrampft.“ „Kein Problem, mach ich gerne“, entgegnete Andre. „Komm, lass uns jetzt schnell alles zusammen räumen und die ganzen Briefumschläge noch schnell frankieren, bevor wir uns massieren“, forderte Andre Theo auf, der schon den Raum verlassen wollte. „Oh Gott, müssen wir jetzt noch tausend Briefmarken ablecken?“, jammerte der wehleidig. „Nein, ich hab ausreichend Klebebriefmarken besorgt“, schmunzelte Andre. „Du bist mein Held.“ Überschwänglich umarmte Theo ihn, seine Schmerzen waren vor lauter Erleichterung kurzzeitig in den Hintergrund gerückt. Kurze Zeit später waren alle Karten sorgfältig auf dem Tisch gestapelt und Andre pustete sie aus.
Heilig Abend
Dieses Erwachen war etwas spürbar besonderes. Als erstes fiel ihr auf, dass sie nicht wie gewohnt in der Küche, sondern im Wohnzimmer angezündet worden war. Sie stand aber auch dort nicht am gewohnten Platz, dem Couchtisch, sondern an einem höheren Tisch, der an den beiden längeren Seiten jeweils zwei Stühle stehen hatte. Der war ihr vorher nie besonders aufgefallen. Und noch etwas hatte sich verändert: die grüne, festlich geschmückte Tanne war vorher noch nicht dagewesen. Auf ihr waren ganz viele ihrer Schwestern, klein und weiß, die seltsam leuchteten, gar nicht so warm und feurig und flackernd, sondern gleichbleibend hell. Rote Kugeln und die wunderschönen Strohsterne von Andre glänzten und funkelten in ihrem Licht. Der Tisch war ebenfalls festlich gedeckt für zwei Personen. Auf dem Tisch stand eine Schale mit dampfenden Klößen, eine Schale mit Rotkohl und dazu gab es Gänsebraten. Sie spiegelte sich in den Weingläsern, die mit Rotwein gefüllt waren. Theo legte noch schnell ein hübsch eingepacktes Geschenk unter den Tannenbaum, bevor er sich hinsetzte. Andre kam mit der Soße aus der Küche und nahm ebenfalls Platz. Beide hoben ihr Glas und stießen miteinander an: „Frohe Weihnachten und guten Appetit.“ „Auf einen wunderschönen Heilig Abend.“

Während im Hintergrund wieder leise Weihnachtsmusik erklang, genossen die beiden das Festessen. „Das ist wirklich köstlich geworden“, lobte Theo. „Das freut mich“, lächelte Andre. „Ich bin schon sehr gespannt auf deinen Nachtisch“, fuhr er fort. „Lass dich einfach überraschen“, zwinkerte Theo ihm zu. „So so, ich soll mich überraschen lassen, das sagt der Richtige“, neckte Andre ihn. Ertappt senkte Theo seinen Blick auf das Essen, denn er hatte genau in dem Moment sehr gespannt zu den Geschenken rüber gesehen. „Der Wein passt gut dazu, oder?“, half Andre Theo aus der Patsche. „Ja, das stimmt, den hast du gut ausgesucht“, ging Theo erleichtert auf den Themenwechsel ein.
„Boah, bin ich satt“, stöhnte Theo eine Weile später. „Willst du den Nachtisch jetzt direkt essen oder lieber später?“, fragte er Andre. „Später! Sonst platze ich“, antwortete Andre wie aus der Pistole geschossen. „Komm, wir räumen schnell ab und dann können wir in der Zwischenzeit ja schon mal die ersten Geschenke öffnen“, schlug er vor. „Ja, gute Idee.“ Theo sprang förmlich von seinem Stuhl auf und war schon halb in der Küche mit den ersten Sachen. Er konnte es einfach kaum erwarten, seine Geschenke auszupacken. Auch sie war neugierig, was in den Päckchen versteckt war.

Wenige Minuten später war der Tisch größtenteils abgeräumt. Vorsichtig nahm Theo sie und ihre Schwestern hoch. Leicht schwankend wurden sie zum Couchtisch getragen. Andre, der gerade wieder ins Wohnzimmer kam, schaute ein wenig verdutzt drein. „Ich dachte mir, zum Geschenke auspacken ist es auf der Couch bequemer. Und den Nachttisch können wir auch hier essen, dafür brauchen wir den Tisch nicht unbedingt“, erklärte Theo ihm. „Gute Idee, wär ich gar nicht drauf gekommen.“ Andre setzte sich neben Theo und küsste ihn. Für einen Moment waren die beiden ganz in ihrer Zweisamkeit versunken, hielten einander eng umarmt. Theo löste sich schließlich wieder, hibbelte ein wenig auf und ab. „Willst du anfangen mit Geschenke auspacken?“, bot er Andre an. „Nein, danke, mach du ruhig“, lehnte der ab. „Sonst fällst du mir noch um vor lauter Neugierde.“ Theo streckte Andre daraufhin die Zunge raus, ließ sich aber nicht davon abhalten, zum Baum zu flitzen und das erste Geschenk zur Couch zu tragen. Zielsicher hatte er sich gleich das größte geschnappt und begann direkt, es aufzufriemeln. Andre grinste leise in sich rein, während er Theo dabei beobachtete. Endlich hatte Theo das Geschenkband und Geschenkpapier abbekommen und öffnete den großen Karton. Entgeistert starrte er hinein. Als er ihn Andre mit den Worten „Ist das dein Ernst?!“ hinhielt, verstand sie auch, warum: in dem großen Karton lagen ganz viele kleine eingepackte Päckchen. Andre lachte lauthals. „Natürlich ist das mein Ernst, ich weiß doch, wie gerne du Geschenke aufmachst.“

Theo schüttelte gespielt verzweifelt den Kopf, fing dann aber mit dem ersten Päckchen an. Als er auch das ausgepackt hatte, wirkte die Verzweiflung nicht mehr wirklich gespielt. „Zeitungspapier? Du schenkst mir Millionen Kartons voller Zeitungspapier?“ In seiner Hand hielt er Andre anklagend ein Knäuel zusammengeknüllter Zeitung unter die Nase. „Nein, natürlich nicht.“ Andre runzelte die Stirn und schüttelte den Kopf. „Du musst schauen, was unter dem Zeitungspapier ist und was“ Mitten im Satz fiel ein Kugelschreiber aus dem Zeitungsknäuel, das Theo weiter direkt vor ihm gehalten hatte. „Oh.“ Theo errötete und schaute verlegen auf den Kuli, hob ihn hoch. Dann entdeckte er, dass unter dem Zeitungspapier in dem Karton noch ein Zettel lag. „schein“, las Theo laut vor. Er drehte ihn um, um zu sehen, ob da noch irgend etwas drauf stand und hielt ihn direkt über sie, konnte aber nichts finden. „Du musst alle Geschenke auspacken, dann wird es einen Sinn ergeben“, verriet Andre ihm. Mit großen Augen starrte Theo ihn an. „Du spannst mich wirklich gerne auf die Folter, oder?“ „Ja, das stimmt“, musste Andre zugeben. „Die anderen fünf Päckchen darfst du dafür jetzt auch direkt aufmachen, weil es mit der großen Verpackung drum herum als ein Geschenk gilt“, versuchte er Theo ein wenig zu besänftigen.

Kurze Zeit später hatte Theo alle sechs kleinen Pakete ausgepackt. Zum Vorschein gekommen waren neben dem Kuli ein Miniduschgel, ein kleiner Schokonikolaus, ein Fledermaus-Ausstechförmchen, ein Foto von Andre und ihm sowie ein Strohstern. Zudem lagen Zettel mit „mein“, „ein“, „en“, „mes“ und „chen“ vor ihm. „Und das soll einen Sinn ergeben?“ Zweifelnd sah Theo Andre an. Dann schüttelte er jedoch energisch den Kopf. „Vielen Dank für die ganzen kleinen Sachen, die sind wirklich toll.“ Theo küsste Andre zum Dank. „Vor allem das Fledermaus-Ausstechförmchen, das ist genau das, was ich schon immer haben wollte.“ Er strahlte förmlich. „Los, jetzt bist du dran.“ Andre erhob sich auf Theos Aufforderung und suchte sich ebenfalls ein Geschenk aus. Langsam und vorsichtig packte er es aus und holte ein flauschiges, blaues Etwas raus. „Ein Handtuch?“, überlegte Andre laut. „Ah nein, ein Saunakilt“, korrigierte er sich kurz darauf begeistert. „Danke.“ Nach einem weiteren Kuss war Theo wieder an der Reihe. Dieses Mal wählte er das kleinste der für ihn bestimmten Päckchen. Zum Vorschein kam ein Schokoladen-Massageöl sowie zwei weitere Zettel mit „ge“ und „am“. „Ich hab immer noch keine Ahnung, was das am Ende ergeben soll.“ Neugierig betrachtete Theo die vor ihm liegenden Zettel, als ob sie ihm das Geheimnis verraten würden. Sie selbst fand es einfach nur spannend, die Inhalte der Geschenk zu sehen. Was mit diesen lustigen Zetteln war, interessierte sie weniger.

Andre hatte in der Zwischenzeit sein nächstes Päckchen geholt und öffnete es. Darin befand sich die DVD „Die Insel der besonderen Kinder“ und ein Krimi. Als er zu Theo schaute, um sich zu bedanken, bemerkte Andre neben dem ungeduldigen Hin- und Herwippen auch ein verräterisches, nur schlecht verborgenes Grinsen auf dessen Lippen. Also schaute er sich die beiden Geschenke nochmal genauer an und entdeckte in dem Buch einen Gutschein für einen Nachmittag in der Sauna. „Vielen Dank, da kann ich ja direkt meinen neuen Kilt ausprobieren“, freute Andre sich. „Jetzt bist du wieder dran“, forderte er Theo auf. Der stürmte auch zum Weihnachtsbaum und widmete sich seinem nächsten Geschenk. Darin befand sich ein Baumstamm, eine Drachenfrucht und drei weitere Zettel. „Uh, eine Drachenfrucht.“ Theo war sichtlich begeistert. Dann las er die Zettel vor: „de sa Wo.“ Plötzlich erfasste ihn die Aufregung. „Warte mal, das „W“ ist großgeschrieben, dass muss ein Wortanfang sein“, murmelte er vor sich hin. Überlegend schob er die Zettel hin und her. „Wochenende, das heißt Wochenende“, rief er plötzlich überschwänglich. „Und das hier ist gemeinsam, nein gemeinsames, ein gemeinsames Wochenende“, erriet Theo immer mehr. „Das -schein ist bestimmt der hintere Teil von Gutschein, aber irgendwas fehlt noch“, überlegte er. Dann riss er sich mühsam zusammen und signalisierte Andre, dass er sein nächstes Päckchen öffnen sollte.

Andre ließ sich wie auch davor Zeit beim Auspacken. Als er das Geschenk sah, musste er lachen. „Ist das jetzt ein Geschenk für dich oder für mich?“, fragte er Theo zwinkernd. „Da du den Duft meines Wissens genauso sehr magst wie ich und dein Flakon fast leer ist, würde ich sagen, es ist ein Geschenk für uns beide, genauso wie der Saunanachmittag und das gemeinsame Wochenende wo-auch-immer“, konterte Theo schmunzelnd. „Gutes Argument“, stimmte Andre zu und erneuerte sein Parfum direkt. „Na, jetzt will ich dich nicht länger auf die Folter spannen, pack schon das letzte Päckchen aus“, ermunterte er Theo dann. Dieses Mal legte Theo das Zeitungspapier halbwegs vorsichtig beiseite, um direkt an die Zettel zu kommen. Die ersten beiden, die mit „für“ und „Gut“ beschriftet waren, legte er unachtsam zu den anderen, aber der letzte Zettel brachte seine Augen zum Strahlen. „Meer? Wir fahren ans Meer?“ Ungläubig sah er Andre an, der nickte. „Ja, um genau zu sein sogar für ein verlängertes Wochenende. Aber so viele Silben wollte ich dir dann doch nicht antun.“ Kaum hatte Andre zu Ende gesprochen, flog Theo ihm auch schon um den Hals. „Vielen, vielen, vielen lieben Dank“, flüsterte er gerührt und schmiegte sich eng an Andre. „Sorry, dass am Anfang etwas zickig war“, entschuldigte Theo sich dann verlegen. Amüsiert beobachtete sie das Paar. Die beiden schienen das Sprichwort „Was sich liebt, das neckt sich“ ziemlich wörtlich zu nehmen.

Andre küsste ihn tief und verlangend, bevor er antwortete. „Kein Problem, dass habe ich ja mutwillig provoziert“, grinste er. „Und vielen lieben Dank auch nochmal für deine Geschenke, die sind auch perfekt“, fuhr er im Anschluss ernster, jedoch zutiefst glücklich fort. Nach einem innigen Augenblick räusperte Andre sich, unterbrach damit die Stille und lockerte die Stimmung wieder ein wenig: „Willst du denn gar nicht schauen, was sonst noch in dem Päckchen drin war?“ „Doch, natürlich, das hab ich vor lauter Freude ganz vergessen.“ Theo löste sich von Andre und widmete sich dem Zeitungsknäuel. Zum Vorschein kamen mehrere Kondome und ein Fläschchen Gleitgel. „Damit du dich ausführlich bedanken kannst“, informierte Andre ihn mit Schalk in den Augen. „Sehr gerne, aber erst den Nachtisch“, entgegnete Theo im gleichen Tonfall. „Natürlich, den habe ich ganz vergessen“, stimmte Andre sofort zu. Schnell flitzte Theo in die Küche und kam mit einer großen Schüssel sowie einem Teller Orangenstücke und einem Löffel wieder. „Eigentlich wollte ich das ganze ja stilecht in kleinen Schüsselchen servieren, aber jetzt...“ Anstatt weiterzusprechen, hielt er Andre den Löffel mit der dunkelbraunen Masse aus der Schüssel und etwas Orange hin.

Brav öffnete Andre seinen Mund und ließ sich füttern. Mhh, großartig!“, rief er. „Was genau ist das?“ „Weihnachts-Mousse au chocolat mit Orangen“, beantwortete Theo die Frage. „Das ist mehr oder weniger normales Mousse au chocolat mit Lebkuchengewürz.“
„Göttlich“, bestätigte Andre nochmal und klaute sich den Löffel, um Theo etwas davon anzubieten. Auch der verzog begeistert das Gesicht. „Wahnsinn, das schmeckt noch besser als ich gedacht hätte.“ Zunächst fütterte die beiden sich liebevoll-spielerisch, mit der Zeit artete es aber etwas aus. 'Aus Versehen' landete Theo mit dem Löffel neben statt in Andres Mund – und musste die Wange natürlich ausgiebig und gründlich mit seiner Zunge säubern. Daraus entwickelte sich ein langer, intensiver, aufgeheizter Zungenkuss. „Das Mousse... Kühlschrank... Kerzen“, nuschelte Theo in den kleinen Atempausen. „Mhh“, bestätigte Andre kurzangebunden und löste sich kurz von ihm. Dann versank sie wieder in Dunkelheit.
Silvester
Anmerkungen zum Kapitel:ein klitzekleiner (und furchtbar kitschiger) Epilog
Als sie dieses Mal erwachte, bemerkte sie sehr deutlich, wie sehr sie geschrumpft war. Sie spürte, dass sie heute vermutlich das letzte Mal erwacht war. Auch ihre Schwestern würden den heutigen Abend wohl kaum überleben. Sie standen auf dem Couchtisch. Die bunt geschmückte Tanne stand noch an ihrem Platz, hatte allerdings schon einige Nadeln verloren. Andre, der sie und ihre Schwestern erweckt hatte, stand auf und machte die Flimmerkiste aus, die bis eben noch gelaufen war. Theo schaute ihn überrascht an, hatte offenbar nicht damit gerechnet. „Also die Idee, Silvester dieses Jahr auch mal ganz ruhig zu zweit zu verbringen, anstatt auf eine Feier zu gehen, find ich ja super, aber so leise muss es echt nicht sein“, witzelte er. Andre schüttelte nur den Kopf, merklich nervös. Jetzt merkte Theo das ebenfalls, sah daraufhin noch verwunderter und sehr fragend drein. „Alles okay?“, wollte er wissen, klang dabei leicht besorgt. „Ja, klar“, nickte Andre. Er atmete sichtbar tief durch, ging dann zum Couchtisch zurück. Anstatt sich hinzusetzen, kniete er sich vor Theo und holte ein kleines Kästchen mit einem Ring darin hinter seinem Rücken hervor.

„Theo, wir kennen uns jetzt seit fast zwei Jahren und wohnen seit Anfang des Jahres zusammen. Du bist der wundervollste Mensch, den ich kenne: total energiegeladen, reißt mich dadurch immer wieder mit, wenn du Feuer und Flamme für irgendeine Idee bist, aber auch ernst und ruhig, wenn die Situation es erfordert, total neugierig und offen, weshalb ich mit dir jeden Tag neue Dinge entdecke und kennen lerne, humorvoll bis albern und kannst damit dem Leben fast immer etwas positives abgewinnen, du bist immer für mich da und bist gleichzeitig eine Herausforderung, weil du immer ein bisschen mehr von mir verlangst und meinen Ehrgeiz weckst.
Du gibst mir das Gefühl, dass ich etwas Besonderes für dich bin und dass ich einen festen Platz in deinem Leben habe.
Ich liebe dein Lächeln, deine Augen, besonders wenn sie wegen irgendeiner Idee blitzen, deine Wuschelhaare, dass du die perfekte Größe für mich hast, deine Küsse, deine kreativen Ideen im Bett, deine liebevolle Art...“ Andres Stimme kippte leicht weg, er musste sich räuspern, bevor er fortfuhr. „Um es kurz zu fassen: Ich liebe dich, so, wie du bist, weil du genauso der perfekte Mann für mich bist. Und ich möchte nicht nur das kommende Jahr, sondern auch alle weiteren Jahre, die darauf folgen, mit dir an meiner Seite verbringen und deshalb frage ich dich: Willst du mein Mann werden?“

Theo saß stumm auf dem Sofa, Tränen schimmerten in seinen Augen, die er sich mühsam verkniff, während er hektisch mit dem Kopf auf und ab nickte. Er hielt Andre seine linke Hand hin, die leicht zitterte. Andre, der durch Theos begeisterte, wenn auch wortlose Antwort wieder an Selbstsicherheit und Ruhe gewonnen hatte, hielt sie mit seiner linken Hand ruhig fest, während er mit seiner rechten Hand Theo den schlichten, silbernen Ring ansteckte. „Jetzt entkommst du mir nicht mehr, jetzt gehörst du offiziell mir“, verkündete er grinsend, aber mit einem ernsten Beiklang. „Ja, jetzt gehöre ich dir“, vernahm sie noch ganz schwach Theos leise, kratzige Antwort, bevor sie endgültig verlosch. Und in dem Moment, wo ihr Kerzenlicht nicht mehr schien, wurde das Zimmer von dem bunten Leuchten des Feuerwerks draußen erhellt.

ENDE
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