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Jens will nur einen Spaziergang machen, als er einen Mann an einer Zugbrücke in scheinbar eindeutiger Absicht stehen sieht und rennt hin, um ihn zu retten. Aber ist es wirklich so eindeutig oder doch nur ein Missverständnis?

Genres: Reale Welt, M/M (yaoi)
1. Warnung: Keine
2. Warnung: Keine
3. Warnung: Keine

Kapitel: 1     Gelesen: Nicht möglich
Inhaltsverzeichnis

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Veröffentlicht: 30/09/18 Aktualisiert: 30/09/18
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Anmerkungen zur Geschichte
Hey ihr,

irgendwann spukte die Grundidee zu dieser Geschichte mal in meinem Gehirn herum und wollte geschrieben werden Smiley
Bin mal gespannt, wie euch das Ergebnis gefällt. Ist auf jeden Fall mal was anderes Lächelnd

Viel Spaß beim Lesen,
lg, Snoopy
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1. Gut gemeint ist nicht gut gemacht

Gemütlich schlenderte ich den Weg entlang. Endlich war wieder Frühling! Ich genoss die warmen Sonnenstrahlen in meinem Gesicht, den Anblick des frischen Grüns und der ersten Blüten. Im Winter fühlte ich mich oft wie eingesperrt. Wenn das Wetter langsam wieder wärmer und besser wurde, war das wie eine Befreiung für mich. In meiner Freizeit war ich dann überwiegend draußen anzutreffen, egal ob im Garten oder bei Spaziergängen.

Langsam lenkte ich meine Schritte den Weg entlang in Richtung der Eisenbahnbrücke. Heute hatte ich Lust, die große Runde zu gehen. Die kleine Runde führte weiter gerade aus, an der Brücke vorbei, doch das war mir zu kurz. Der angestaute Bewegungsdrang musste abgebaut werden, dafür reichte die Strecke nicht aus.

Ich war nicht der Einzige, der den schönen Frühlingstag nutzte, um rauszugehen. Immer wieder begegnete ich Menschen, die ihre Hunde Gassi führten, Müttern mit Kinderwagen oder komplette Familien, anderen Spaziergängern und Radfahrern. Ganz entspannt wich ich ihnen aus, wenn es notwendig war. Nichts konnte mich ernsthaft stören oder aus der Ruhe bringen.

Langsam wurde es ruhiger. Die meisten blieben auf dieser Seite der Schienen, weil dahinter nichts war außer einigen Feldern und etwas Wald. Da lohnte es sich nicht, den weiten Weg auf sich zu nehmen. Nach dem ganzen Trubel davor merkte ich, dass mir die Stille und die weitestgehende Einsamkeit wohl tat. Das überraschte mich ein bisschen, schließlich hatte ich mich eben schon super gefühlt.

Die Treppe, die zur Brücke hochführte, kam in Sicht. Aktuell kam kein Zug, es war nur das Zwitschern der Vögel zu hören. Gemächlich ging ich die Treppe hoch. Es waren einige Stufen und da ich es nicht eilig hatte, wollte ich mich nicht übermäßig anstrengen. Wie hieß es immer so schön? In der Ruhe liegt die Kraft.

Gerade als ich oben ankam, hörte ich die leisen Schienengeräusche, die einen näherkommenden Zug ankündigten. Plötzlich bemerkte ich, dass ich entgegen meiner Erwartungen nicht alleine war. Da war eine Person am Geländer. Bei der Entfernung konnte ich nicht genau erkennen, ob es ein Mann oder eine Frau war, doch das interessierte mich auch nicht.
So schnell ich konnte, stürmte ich auf die Gestalt zu. Ich hörte, wie der Zug immer näher kam. Verdammt! Ich musste mich wirklich beeilen.

In letzter Sekunde konnte ich die Person vom Geländer wegreißen. Leider hatte ich so viel Schwung, dass ich auf ihr landete.
„Ahh“, stöhnte eine tiefe Stimme. Ein Mann also.
Ich rollte mich runter und setzte mich auf. Kaum dass ich genug Atem hatte, schimpfte ich auch schon los. „Was haben Sie sich dabei gedacht? Ist Ihnen eigentlich klar, wie egoistisch das ist? Vermutlich haben Sie sich nur in Ihrem eigenen Leid gesuhlt oder fanden es sogar noch gut, anderen mit Ihrem Abgang das Leben ebenfalls zur Hölle zu machen.“
Viel zu früh musste ich aufhören und nach Luft ringen. Dabei hatte ich noch so viel in mir, was ich loswerden wollte.

„Ähm, ich wollte …“, begann der Mann, doch ich ließ ihn gar nicht wirklich zu Wort kommen. „Sie wollten, das ist mir klar. Was andere wollen, zählt ja nicht, Hauptsache Sie können Ihr Ding durchziehen. Wen Sie damit ins Unglück stürzen, wer alles darunter leidet, das ist Ihnen scheißegal. Vermutlich sind Sie sogar noch der Überzeugung, es wäre das Beste! Nun, ich kann Ihnen versichern, dass das ein Irrtum ist.“
Erneut blieb mir die Luft weg. Vor lauter Aufregung kam ich gar nicht richtig dazu, mich von meinem Sprint zu erholen.

„Aber ich wollte gar nicht …“, startete der Kerl einen zweiten Versuch.
„Was wollten Sie gar nicht? Weiterleben? Das ist mir klar. Warum lassen Sie sich nicht behandeln? In vielen Fällen hilft das schon. Und wenn Sie sich unbedingt umbringen wollen, meinetwegen. Solange Sie sich nicht vor einen Zug schmeißen, können Sie meinetwegen machen, was Sie wollen. Nur achten Sie darauf, möglichst wenige Unbeteiligte mit reinzuziehen und auf gar keinen Fall Kinder!“

„Jetzt hören Sie mir doch mal zu!“, fiel der Typ mir ins Wort. Er wirkte ziemlich wütend, vermutlich, weil ich ihn gerade mit der unbequeme Wahrheit konfrontiert hatte.
„Ich wollte mich nicht umbringen! Will ich immer noch nicht, um genau zu sein.“
„Oh“, stammelte ich. Da hatte ich wohl ziemlichen Mist gebaut. Scheiße, das hätte echt nicht passieren dürfen. Prüfend starrte ich den Kerl an, doch der schien die Wahrheit zu sagen. Wenn ich richtig darüber nachdachte, hatte er auch einfach nur am Geländer gestanden, ohne sich zu bewegen.

„Es tut mir Leid. Ich dachte …“, hilflos verstummte ich wieder, wusste nicht so recht, was ich sagen sollte.
„Ja, das war offensichtlich“, sagte der Mann und wirkte schon wieder deutlich ruhiger.
Trotzdem hatte ich jetzt ein unglaublich schlechtes Gewissen. Ich musste ihn furchtbar erschreckt haben und vermutlich hatte ich ihn bei meiner Attacke auch verletzt.
„Es tut mir wirklich schrecklich Leid. Ich wollte Sie nicht so überfallen und Ihnen weh tun. Haben Sie sich sehr verletzt?“

„Nein, geht schon“, wiegelte er ab, verzog jedoch bei der dazugehörigen Armbewegung das Gesicht.
„Sie haben wohl Schmerzen! Soll ich einen Krankenwagen rufen oder ein Taxi zum Krankenhaus?“, fragte ich ihn besorgt. „Ich bezahle das natürlich“, fügte ich hastig noch hinzu, bevor er deswegen ablehnte.

„Danke, aber das ist nicht nötig. Mein Auto steht hier auf dem Parkplatz“, lehnte er ab.
„So können Sie doch kein Auto fahren!“
„Wird schon gehen. Erzählen Sie mir lieber, wie Sie auf die Idee gekommen sind, das ich vorhätte, mich umzubringen?“, fragte er neugierig und ehrlich erstaunt.
„Ich bin Zugführer. Einer meiner Kollegen, mit dem ich zusammen die Ausbildung gemacht habe und der ein guter Freund von mir ist, befindet sich gerade mit Depressionen in der Psychiatrie. Der Auslöser war der zweite Selbstmörder, der sich vor seinen Zug geworfen hat. Er hatte beim ersten schon unglaubliche Schwierigkeiten, das zu verkraften, aber der zweite hat ihm jetzt endgültig den Rest gegeben. Jetzt muss er erst einmal wieder gesund werden und eine Umschulung machen, weil er nicht mehr als Zugführer arbeiten kann und will. Deshalb macht er sich jedoch noch mehr Vorwürfe, weil er zwei kleine Kinder hat und seine Frau gerade mit dem dritten schwanger ist und er nicht weiß, wie er seine Familie ernähren soll“, fing ich mit den Hintergründen an. „Das alles ist vorhin wieder hochgekommen und hat vermutlich dafür gesorgt, dass ich die Situation falsch eingeschätzt und dann einfach nur noch gehandelt habe.“

„Oh nein, das tut mir sehr Leid für Ihren Kollegen. Unter den Umständen kann ich gut nachvollziehen, dass Sie sich nicht erst von meinen Absichten vergewissert, sondern direkt gehandelt haben.“
Der Fremde schien ehrlich berührt und betroffen zu sein.
Schief lächelte ich ihn an. „Trotzdem hätte das nicht passieren dürfen“, widersprach ich ihm.
„Seien Sie nicht zu streng mit sich. Fehler sind menschlich“, erwiderte er. „Und ich kann wirklich gut verstehen, dass Sie die Geschichte mit Ihrem Freund so mitnimmt. An Ihrer Stelle hätte ich vermutlich genauso gehandelt.“

Zweifelnd sah ich ihn an und nahm ihn dabei das erste Mal richtig bewusst war. Der Mann schien etwa mein Alter zu haben, also Mitte dreißig zu sein. Er sah ziemlich gut aus, dunkle, leicht verwuschelte Haare, Dreitagebart, sportliche Figur. Den hätte ich gerne unter anderen Umständen kennen gelernt! Jetzt hatte ich ihn todsicher verschreckt, selbst wenn er tatsächlich schwul sein sollte. Ich war ja selbst erschrocken über mich und darüber, dass ich die Situation so falsch gedeutet hatte und deswegen völlig durchgedreht war.

„Ich bin übrigens Noah, Noah Westend“, stellte mein Gegenüber sich vor und hielt mir seine Hand entgegen.
„Jens Schauffenbach“, sagte ich, während ich seine Hand ergriff und schüttelte.
„Schön, dich kennenzulernen, Jens, obwohl es etwas weniger stürmisch noch besser gewesen wäre.“
Verblüfft sah ich Noah an, der dabei komplett ehrlich klang. Dabei konnte ich mir wirklich nicht vorstellen, dass er sich aufrichtig freute.
„Du ist doch okay, oder?“, hakte er nach, als ich aufgrund meiner Verwunderung nichts weiter sagte.
„Ja, klar, natürlich“, stammelte ich hastig. Irgendwie hatte ich das Gefühl, als hätte sich das Schicksal heute gegen mich verschworen und würde es drauf anlegen, dass ich mich vor ihm so sehr wie nur möglich blamierte.

„Ich freue mich auch, dich kennenzulernen. Es tut mir wirklich schrecklich Leid, dass ich so ein Idiot war“, fügte ich mit Verspätung hinzu. Immerhin ein vernünftiger Satz in diesem Gespräch.
Bevor ich die Chance hatte, das erste Bild von mir noch mehr zu verbessern, klingelte leider Noahs Handy.
„Hallo Mama“, begrüßte er die Person am anderen Ende. „Nein, mir ist nichts passiert, ich bin einfach nur unterwegs. Deshalb ist es gerade auch wirklich schlecht. Ich rufe dich heute Abend zurück, okay?“ Er schwieg, während seine Mutter ihn mit einem Redeschwall überschüttete und seufzte leicht. „Mama, ich kann jetzt nicht, ich bin nicht alleine.“ Sofort wurde er wieder unterbrochen, hörte dieses Mal aber nicht bis zum Ende zu. „Mama, das erzähl ich dir alles heute Abend. Bis dahin, tschüß!“ Noah legte auf, obwohl seine Mutter noch etwas sagte.

„Normalerweise bin ich nicht so unhöflich, aber meine Mutter ist extrem hartnäckig. Solange man nicht auflegt, lässt sie einen nicht eher in Frieden, bis man ihr alles erzählt hat, was sie wissen will“, erklärte er mir verlegen. Kaum war er mit dem Satz fertig, klingelte sein Handy erneut. Mit einem kurzen Blick auf das Display wischte er den Anruf weg und machte den Ton aus. „Sie ist an sich sehr nett, aber fürchterlich überbesorgt“, ergänzte er, während er sein Handy wegsteckte.
„Klingt ziemlich anstrengend, aber diesmal hat sie ja nicht ganz unrecht“, gab ich zu bedenken.
Noah winkte ab. „Ja, es ist auch. Aber ich schätze, es gibt schlimmere Eltern.“
„Das stimmt allerdings … meine sind zum Glück auch ganz okay, trotz ihrer Macken.“

„Naja, lass uns das Thema wechseln. Was hattest du ursprünglich vor?“
„Ich wollte hinter den Gleisen spazieren gehen. Jetzt bin ich allerdings erledigt von dem ungeplanten Sprint, da werde ich wohl doch wieder zurückgehen und nur die kleine Runde machen“, antwortete ich ihm. „Und was war dein Plan?“
„Ich war joggen und hab dann nach meinem Workout noch eine kleine Pause gemacht und die Aussicht genossen“, erzählte Noah. „So langsam sollte ich aber zu meinem Auto zurück, mir wird etwas kühl.“
„Dann bringe ich dich noch dahin“, beschloss ich spontan.
„Ach was, das ist nicht nötig“, wehrte Noah ab, doch ich bestand darauf. So ganz glaubte ich ihm nämlich immer noch nicht, dass er meine Überfall heil überstanden hatte.

„Also gut, meinetwegen“, lenkte Noah irgendwann ein. „Aber nur, wenn ich deine Nummer krieg.“
„Die kannst du gerne haben“, erwiderte ich sofort, auch wenn ich zunehmend das Gefühl bekam, in einem absurden Traum gelandet zu sein. Es war doch nicht normal, dass ich mich wie der sprichwörtliche Elefant im Porzellanladen benahm und der gutaussehende Typ, vor dem ich mich blamierte, mich anschließend nach meiner Nummer fragte!
Gemeinsam gingen wir zu seinem Auto und waren zehn Minuten später angekommen.

„Hier.“ Noah reichte mir sein Handy, damit ich meine Telefonnummer eintippen konnte. Mir entging nicht, dass er dabei kurz das Gesicht verzog. Nachdem ich fertig war und mich kurz angeklingelt hatte, gab ich ihm das Smartphone zurück.
„Bist du sicher, dass du fahren kannst?“, fragte ich nochmal nach.
„Ja, das ist kein Problem“, versicherte Noah mir und umarmte mich zum Abschied.
Verdutzt erwiderte ich die Umarmung. Als er in sein Auto stieg, schüttelte ich meinen Kopf und blieb noch stehen. Ich wollte sehen, wie er losfuhr, denn ich war immer noch nicht von seiner Fahrtauglichkeit überzeugt.

Tatsächlich hörte ich einen Schrei und der Motor erstarb abrupt, bevor Noah überhaupt anfuhr.
Sofort stürmte ich zum Auto und riss die Fahrertür auf. Noahs Gesicht war schmerzverzerrt.
„Es ist also alles in Ordnung?“, fauchte ich ihn wütend an.
Er schaffte es trotz seiner Schmerzen, mir ein entschuldigendes Lächeln zuzuwerfen. „Naja, du hast dir eh schon so viele Vorwürfe gemacht und ich hatte gehofft, dass die Schmerzen sich schnell wieder beruhigen“, verteidigte er sich. „Scheinbar ist es doch was Ernstes. Kannst du mich ins Krankenhaus fahren?“
„Klar!“, antwortete ich und machte ihm Platz, damit er aussteigen konnte.

Während ich mir den Fahrersitz zurechtrückte und den Spiegel einstellte, setzte Noah sich auf den Beifahrersitz.
„Ich hätte gleich auf dich hören sollen“, stellte er zerknirscht fest. „Seit ich versucht habe, in den ersten Gang zu schalten, tut mein Handgelenk richtig weh.“
„Oh nein, das tut mir schrecklich Leid.“ Mein schlechtes Gewissen wurde direkt stärker.
„Du kannst ja nichts dafür, es war ja keine Absicht. Und wenn ich tatsächlich versucht hätte, mich umzubringen, wäre ein angeschlagenes Handgelenk eindeutig besser als ein erfolgreicher Selbstmord“, versuchte Noah, mich zu beschwichtigen, doch es half nicht wirklich. Ich fühlte mich immer noch mies deswegen.

„Siehst du, deswegen habe ich eben nichts gesagt. Du machst dir viel zu viele Gedanken und Vorwürfe wegen der ganzen Sache“, stellte er leicht verzweifelt fest.
„Wie soll ich es denn sonst sehen? Soll ich mich darüber freuen?“ Meine Stimme klang nicht so sarkastisch, wie ich es gewollt hatte, weil wir jetzt auf vollere Straßen kamen und ich mich auf den Verkehrt konzentrieren musste. Trotzdem war noch klar erkennbar, dass ich das nicht annähernd ernst meinte.
„Naja, freuen wäre ein bisschen übertrieben. Andererseits wärst du ansonsten vermutlich einfach an mir vorbeigegangen und ich hätte das gar nicht mitbekommen, weil ich ziemlich in Gedanken versunken war. Dann hätten wir uns nie kennengelernt!“

Ich schwieg, musste ihm aber insgeheim zustimmen, weil ich es auch schade gefunden hätte, ihn nicht kennenzulernen. Ein normaleres Kennenlernen wäre mir trotzdem deutlich lieber gewesen.
„Also gut, wenn du so ein schlechtes Gewissen hast, dann darfst du mich als Entschädigung zum Essen einladen“, versuchte Noah es mit einer anderen Methode. „Danach ist es dann aber wirklich gut und du darfst dir keine Vorwürfe mehr deswegen machen!“

Vorhin, als er meine Nummer haben wollte, hatte ich mich schon gefragt, ob er vielleicht tatsächlich schwul war, es dann aber abgetan. Man kann ja auch von Menschen, die man sympathisch findet, die Telefonnummer haben wollen, um eine Freundschaft aufzubauen. Doch jetzt musste ich einfach nachfragen: „Meinst du ein Date?“
„Nein“, fing er an und ich musste mich schwer beherrschen, damit man mir die Enttäuschung nicht ansah, „ich will ganz viele. Beim ersten darfst du allerdings bezahlen, ohne dass ich dir da reinrede.“ Ich brauchte einen Moment, um den Rest des Satzes zu verarbeiten. Zu groß war die Enttäuschung über das Nein gewesen, als dass ich sofort verstanden hätte, was Noah eigentlich meinte.
„Du bist gemein!“, protestierte ich, als endlich der Groschen fiel. „Du kannst doch nicht nein sagen, ich dachte schon, ich hätte das völlig falsch interpretiert.“

„Dann sind wir ja jetzt quitt. Du hast mich versehentlich verletzt, ich dich auch und alles ist gut“, sagte Noah und grinste trotz seiner Schmerzen zufrieden.
„Du hast mich absichtlich in die Irre geführt! Vergiss es, das Date steht und ich werde das Essen bezahlen.“ Hinter all dieser Höflichkeit und Freundlichkeit steckte offenbar ein durchtriebener Schelm.
Ich stellte überrascht fest, dass wir schon fast am Krankenhaus waren. Über das Gespräch war die Zeit rasch vergangen.

Nachdem ich den Wagen geparkt hatte, versuchte Noah erneut, mich wegzuschicken.
„Du musst wirklich nicht deine Zeit hier mit mir vergeuden. Wenn ich fertig bin, rufe ich einfach jemand an, der mich und das Auto hier abholen kommt.“
„Vergiss es. Nachher versuchst du doch noch mal, selbst Auto zu fahren. Außerdem bin ich Schuld daran, dass du überhaupt hier bist, da werde ich auch mit dir warten.“
„Das kommt gar nicht in Frage!“, widersprach Noah mir.
„Gut, wenn du darauf bestehst, werde ich gehen. Aber dann werde ich auch deine Nummer blockieren und dafür sorgen, dass du mich nie wieder siehst“, konterte ich. Was er konnte, konnte ich auch. Und wenn ich nur mit einer solchen Drohung an ihn rankam, dann musste ich das eben machen.

Wütend gab Noah sich geschlagen und ging in Richtung der Notaufnahme. Ich schloss sein Auto ab und folgte ihm. Dort war an einem Samstag natürlich die Hölle los. Menschen aller Altersgruppen saßen und standen in dem riesigen Warteraum. Bei einigen sah man sofort, warum sie da waren, bei anderen sah man wie bei Noah auf den ersten Blick überhaupt nichts. Mir war sofort klar, dass es ewig dauern würde. Es dauerte eh immer stundenlang, wenn man in die Notaufnahme musste und Noah war jetzt kein akuter Notfall. Da waren der Typ, der eine Mullbinde nach der anderen unter seine Nase hielt, weil sie ständig voller Blut waren oder die Frau, deren Gesicht leichenblass und schweißnass war und die sichtlich mit Übelkeit zu kämpfen hatte, sicherlich behandlungsbedürftiger.

Anfangs versuchten wir noch, den Lärm und die Krankenhausatmosphäre so gut wie möglich zu ignorieren und unterhielten uns über unsere Hobbys, unsere Lieblingsorte und planten, auf jeden Fall mal eine Fahrradtour am Rhein entlang zu machen. Doch je länger es dauerte, desto stärker wurden Noahs Schmerzen und desto stiller wurde er. Irgendwann lehnte er mit dem Kopf an meiner rechten Schulter, hielt sein rechtes Handgelenk vorsichtig mit seiner linken Hand und versuchte, ein wenig zu dösen. Ich hatte meinen Arm um seine Schultern gelegt.

Nach gut vier Stunden stand endlich eine Krankenschwester vor uns. „Herr Westend?“
„Ja?“ Erschöpft blinzelte Noah sie an. „Bitte kommen Sie mit mir mit, Ihr Partner kann hier auf sie warten.“ Keiner von uns beiden stellte richtig, dass wir uns gerade einmal ein paar Stunden kannten. Noah war so fertig, dass er mir nicht einmal mehr sagte, dass ich schon nach Hause gehen sollte und nicht warten brauchte.

In den nächsten zweieinhalb Stunden wünschte ich mir sehnlichst, rausgehen zu können und etwas Ruhe zu haben. Doch ich hatte Angst, Noah zu verpassen, deshalb harrte ich aus. Vorhin, als ich Noah im Arm gehalten hatte, war es noch halbwegs okay gewesen. Jetzt so ganz alleine wurde ich allerdings langsam aber sicher wahnsinnig. Ich versuchte, mich mit einer der ausliegenden Zeitschriften abzulenken, aber ich schaffte es nicht, mich darauf zu konzentrieren. Das lag einerseits an dem Lärm und andererseits an meiner Angst, nicht mitbekommen, wenn Noah wieder da war.
Endlich stand er wieder vor mir, den rechten Arm bis zum Ellbogen im Gips.

„Und, was hast du?“ Besorgt sah ich ihn an. Er sah immer noch völlig fertig aus.
„Ein gebrochenes Handgelenk, einen Haufen Schmerzmittel intus und einen Gips“, antwortete Noah. „Jetzt will ich nur noch nach Hause und ins Bett.“
„Das glaub ich dir. Sag mir einfach, wo du wohnst, dann fahr ich dich dahin.“
„Schubertstraße sieben. Weißt du, wo das ist?“
„Ja, das ist gar nicht so weit weg von mir, ich wohne in der Rotdorn-Allee. Da finde ich definitiv hin“, versicherte ich ihm.
„Gut.“

Kaum dass Noah auf dem Beifahrersitz saß, war er auch schon eingeschlafen. Ich brauchte eine knappe Dreiviertelstunde, bis ich vor seiner Haustür parkte. Glücklicherweise war wirklich direkt vor der der Nummer sieben ein Parkplatz frei.
„Hey, Noah, aufwachen, wir sind da.“ Vorsichtig versuchte ich, ihn wachzurütteln ohne ihm Schmerzen zuzufügen. Doch vergeblich, er schlief einfach weiter.
„Was ist passiert?“ Aus dem Haus kam ein Mann gelaufen, der sehr besorgt aussah.
„Ich habe Noah versehentlich umgerannt und er hat sich beim Sturz das Handgelenk gebrochen“, erzählte ich die Kurzversion und fühlte mich dabei wie ein Lügner. Andererseits war ich mir sicher, dass Noah es nicht gut geheißen hätte, wenn ich genauer ausgeführt hätte, warum ich ihn umgenietet hatte.

„Oh, wie blöd. Na, wenigstens ist es rechts, das ist ja nicht ganz so schlimm.“
Verdattert sah ich ihn an.
„Mein Bruder ist Linkshänder. Ich bin übrigens Eliah“, stellte der Mann sich vor. Jetzt, wo ich von der Verwandtschaft wusste, sah ich auch eine gewisse Ähnlichkeit. In dem Licht der Laternen war Eliah nicht so gut zu erkennen, deshalb hatte ich es wohl vorher nicht wahrgenommen.
„Unsere Mutter hat mich panisch angerufen, weil Noah ihr versprochen hatte, sie abends zurückzurufen und sie ihn überhaupt nicht erreichen konnte. Daher bin ich hergefahren, um nach dem rechten zu schauen und habe gewartet, als ich keine Spur von ihm gesehen habe und ihn auch nicht erreichen konnte. Als ich sein Auto gesehen habe, bin ich dann gleich runtergeflitzt.“

„Oh, stimmt ja, sie hatte vorhin angerufen. Das hatte ich ganz vergessen. Noah hat sein Handy auf lautlos gestellt, daher hab ich danach nichts mehr von den Anrufen mitbekommen. Sonst hätte ich Bescheid gegeben“, erklärte ich verlegen.
„Ach, das passt schon. Ich erzähl ihr einfach, dass Noah sich völlig verquatscht und das Handy auf leise hatte. Wenn sie von dem Bruch erfährt, macht sie sich nur unnötig Sorgen und quartiert sich für die nächsten Wochen bei ihm ein. Da wäre er nicht erfreut drüber.“
Beruhigt nahm ich das zur Kenntnis.
„Dann sollten wir ihn gemeinsam reintragen, ich bekomme ihn nämlich nicht mehr geweckt“, schlug ich vor. „Liegt vermutlich an all den Schmerzmitteln, die er im Krankenhaus bekommen hat.“

„Ja, machen wir das.“
Es war nicht leicht, doch gemeinsam schafften wir es, Noah in sein Bett zu verfrachten. Zum Glück hatte das Haus einen Aufzug, Noahs Wohnung lag nämlich im zweiten Stock. Ich schrieb Noah noch einen Zettel, damit er sich jederzeit meldete, wenn er Hilfe brauchte, dann verabschiedete ich mich von seinem Bruder.
„Haben Sie es denn weit nach Hause?“, erkundigte Eliah sich besorgt.
„Nein, es sind knapp fünfzehn Minuten zu Fuß, das ist kein Problem.“
„Okay, dann kommen Sie gut heim.“
Er brachte mich noch zur Tür. Ich war schon fast außer Sichtweite, da fügte er noch hinzu. „Noah glaubt übrigens an das Schicksal. Richten Sie sich drauf ein, dass Sie ihn nicht mehr loswerden.“
Als ich mich noch einmal zu ihm drehte, lag ein Lächeln auf meinem Gesicht. „Das ist gut, ich will ihn nämlich gar nicht mehr loswerden!“

ENDE
Aktualisiert: 30/09/18
Veröffentlicht: 30/09/18
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Witch23 am 30/09/18 22:33
Eine interessante Idee und ein süßes Ende. Wobei ich den Anfang etwas unrund empfand. Und keine Anmerkung am Rande, solange es kein lebensbedrohlicher Notfall ist, wird empfohlen den Medizinischen Notdienst zu wählen und nach der nächsten Notfallprxis oder Praxis die Notdienst macht zu fragen. Das verkürzt in der Regel die Wartezeiten und entlastet die Notaufnahme.
Ach ja unrund fand ich nur den Anfangsdialog, wo die beiden das Missverständnis geklärt hatten und wie es dazu gekommen ist.
Ich hoffe jetzt auf jeden Fall das die beiden Glück durch diesen Zufall hatten.



Antwort der Autors Snoopy279 (30/09/18 22:38):
Hey witch,

vielen Dank für das schnelle Freischalten und dein Review! Okay, dann werde ich mal schauen, ob ich den Dialog nochmal überarbeiten und verbessern kann.
Oh, okay, wusste gar nicht, dass Notfallpraxen auch die nötige Ausstattung haben, um zu röntgen und den Arm zu versorgen... Naja, so durch den Wind, wie die zwei sind, hatten sie das einfach auch nicht auf dem Schirm Lächelnd
Ja, ich denke schon, dass es letzten Endes ein glücklicher Zusammenstoß für die Zwei war.

lg, Snoop
Gut gemeint ist nicht gut gemacht
Witch23 am 01/10/18 10:54
Die Notdienstnummer ist dazu da um soweit möglich abzuklären was benötigt ist. Patient ansprechbar, kein offensichtlicher Bruch, hätte ja auch "nur" stark geprellt, gezerrt oder verstaucht seien können. Der Medizinische Notdienst ist dann auch in der Lage die nächste Facharztpraxis mit Notdienst zu nennen. Sollte keine da sein und da fange ich an nicht genau zu wissen was die dann machen, würden die einen entweder die normale Notdienstpraxis nennen, mit Option das man zum röntgen in die Notaufnahme geschickt wird oder eben direkt zu sagen Notaufnahme.
Sorry hatte gerade erst Erstehelferkurs, wo diese Dinge angesprochen wurden. In der Regel denkt man ja auch nicht so arg drüber nach und nimmt die erste Lösung die einem einfällt. Aber da er sogar selber versuchen wollte loszufahren war mein erster Gedanke nicht zwangsläufig Notaufnahme.
Aber weiter Untermalungen über das Thema am besten dann über PM, oder im Forum XD



Antwort der Autors Snoopy279 (01/10/18 22:01):
Hey witch,

ehrlich gesagt hatte ich wenn überhaupt auch nur mit ner weiteren Antwort via PM und nicht nem zweiten Review gerechnet Lächelnd vielen Dank für all die Infos *versucht, die sich für einen möglichen Notfall oder weitere Storys zu merken*
lg, Snoopy
Gut gemeint ist nicht gut gemacht
Chiyuki am 07/10/18 09:47
Ich schließe mich Witch an, die Geschichte ist von der Idee her interessant und auch insgesamt echt schön, aber ich finde sie auch etwas unrund. Teils hätte man die eine oder andere Passage ausführlicher schreiben können oder den Dialog, wieso Jens so gehandelt hat, etwas entzerren und weniger als Monolog gestalten. Mir fiel auch auf, dass du die Emotionen oft recht stark ausgedrückt hast. Im einen Moment sitzen die beiden einträchtig im Auto und flirten und im anderen ist Noah wütend. Da würde ich eher was anderes wählen, denn echte Wut ist da doch eher fehl am Platz. Ich kanns dir gern nochmal betaen wenn du magst Smiley Die Geschichte ist nämlich an sich super und hat viel Potential.

Sorry, für die viele Kritik ^^"
glg chi



Antwort der Autors Snoopy279 (07/10/18 15:57):
Hey Chi,
danke für dein Review! Kein Grund, sich zu entschuldigen, nur durch Kritik kann ich mich verbessern, daher freue ich mich über konstruktive Kritik genauso sehr wie über ein Lob. Vielen Dank auch für die konkreteren Hinweise, das hilft mir schon mal weiter. Hab dir den OS geboxt, also tob dich aus, wenn du magst, würde mich freuen.
Schön, dass dir die Grundidee gefallen hat.
glg, Snoop
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24/12/20 12:29
Ich wünsche Euch allen schöne Feiertage, einen guten Rutsch und viel Gesundheit im Neuen Jahr! :*

Witch23
24/12/20 11:02
Wünsche ich euch auch. Vor allem habt schöne Feiertage.

Yavia
24/12/20 10:48
Frohe Weihnachten euch allen!

Witch23
20/12/20 12:51
Einen schönen vierten Advent euch allen und hoffentlich bald wieder etwas entspanntere Tage

alyssia
14/12/20 07:20
Wir gehen in die zweite Runde meiner Weihnachtsgeschichte 'Kein Weihnachtszauber' einer Geschichte ohne Glitzer und Magie, denn was bleibt, wenn der Weihnachtszauber fehlt? Der Boden der Tatsachen

Witch23
19/11/20 14:34
damit wären er drei die etwas beigetragen haben bisher ^^

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