Advents-Chi-lender 2018 - Neuschnee von Chiyuki (Abgeschlossen)
Inhalt: Wie geht es zurück ins Leben, wenn man ganz am Ende war? Für Björn beginnt Leben Nr. 2 kurz vor Weihnachten mehr als holprig...
Genres: Reale Welt, Weihnachten, M/M (yaoi)
1. Warnung: Depri/Emo
2. Warnung: Keine
3. Warnung: Keine
Kapitel: 24
Veröffentlicht: 01/12/18
Aktualisiert: 02/01/19
Anmerkungen zur Geschichte:Tja. Ich wollte eigentlich nur den Nano nutzen, um einen Beitrag für den Adventskalender zu schreiben, aber die Geschichte hat sich völlig ohne mein Zutun (ich schwör!!) zu einem wahren Monster entwickelt, das leider nicht mehr in den Kalender gepasst hat. Sowas aber auch. Achtung: Komplett ungebetat, für Logikfehler übernehme ich keine Haftung Grinsend
Türchen 1
Das war es also, sein neues Leben. Björn hätte beinahe verächtlich aufgelacht, aber so mitten auf der Straße, wo haufenweise Menschen unterwegs waren, hätte man ihn wohl für verrückt gehalten, also beließ er es bei einem leisen Schnauben mit Blick auf den großen Briefumschlag in seiner Hand. Darin befanden sich seine Dokumente, allen voran: Die Kündigung, die ihm sein bisheriger Arbeitgeber ausgestellt hatte. Das Arschloch.

Schon seit fünfzehn Minuten drückte sich Björn hier herum, auf der Straßenseite gegenüber des Arbeitsamts. Mittlerweile waren es nur noch fünf Minuten bis zu seinem Termin. Das Arbeitsamt! Noch nie in seinen dreißig Jahren hatte er hierhin gemusst und es war ihm unangenehm bis auf die Knochen. Beim Arbeitsamt trieb sich doch nur asoziales, arbeitsscheues Gesindel herum, oder? Und eben jetzt er, seinem Chef sei Dank. Warum musste dieses Arbeitsamt seine Filiale eigentlich mitten in der Fußgängerzone haben, wo sich haufenweise Menschen herumtrieben und ihn sehen konnten, wenn er durch die Tür ging?

Seine Freunde, Peter und Solveigh, hatten angeboten, ihn zu begleiten. Björn hatte abgelehnt und bereute diese Entscheidung jetzt ein wenig. So ein Tritt in den Hintern hätte das Ganze vielleicht einfacher gemacht, aber hey, immerhin war er hier und das pünktlich.

Apropos – mittlerweile waren es nur noch zwei Minuten bis zu seinem Termin und Björn war niemand, der gern zu spät kam. Er atmete einmal tief ein, überquerte die Straße und drückte die schwere Glastür auf.

Überheizte Luft schlug ihm entgegen. Ein Aufsteller wies ihm den Weg zu Zimmer 4, Sachbearbeiterin Frau Hammer, Termin um 10:30 Uhr, bitte bringen Sie einen Lebenslauf und Ihre Lohnabrechnungen mit.

Björn klopfte an der Tür zu Zimmer 4. „Ich hole Sie gleich. Nehmen Sie Platz!“, wurde herausgerufen. Dabei war er pünktlich. Björn rollte die Augen, nahm aber gegenüber auf einem stoffbezogenen, abgewetzten Stuhl Platz und schaute sich um, weil er nichts Besseres zu tun hatte. Es war trostlos. Die Wände waren kahl und das Neonlicht tat ihnen nichts Gutes. Die Türrahmen waren dunkelrot und wirkten irgendwie abweisend. Weiter vorne, in einem Wartebereich mit Tisch, standen ein paar Aufsteller mit Broschüren für Jobsuchende und Studenten oder Schulabgänger. Er fühlte sich deplatziert.

Zehn lange Minuten später hatte die Sachbearbeiterin Zeit für ihn. Frau Hammer war eine desillusionierte Mittfünfzigerin, die ihren Job nach Schema F abwickelte, Björns Daten in ihren PC hackte, tausend Infobroschüren auf den Tisch knallte, die er nicht lesen würde, und ihm sechs dreiseitige Vermittlungsvorschläge ausdruckte mit dem Hinweis, dass er sich zu bewerben hatte, ob er wollte oder nicht. Nach einer Dreiviertelstunde war er entlassen und sein Umschlag, in dem er seine Papiere mitgebracht hatte, war komplett vollgestopft mit den Sachen, die ihm Frau Hammer mitgegeben hatte.

Draußen atmete er erst einmal tief die kalte, erfrischende Luft ein und zog sein Handy aus der Hosentasche, um Peter und Solveigh auf WhatsApp zu schreiben, wie er es versprochen hatte. Manchmal nervte es ihn, wie überbesorgt ihn die beiden derzeit bemutterten. Andererseits waren sie ihm momentan wirklich eine wichtige Stütze und er wusste nicht, was er ohne sie tun würde.

Die Antworten kamen noch während er die Fußgängerzone entlang Richtung Bus schlenderte. Die beiden hatten gewusst, dass er heute den Termin beim Arbeitsamt hatte, und auf seinen Bericht gewartet. Obwohl sie beide auf der Arbeit waren. Björn rechnete es ihnen hoch an.

Den vorherigen Bus hatte er um zehn Minuten verpasst und musste an der Haltestelle noch weitere zehn Minuten warten. Die Stadt war zu klein um eine kürzere Taktung der Buslinien zu besitzen. Björn hatte wenig Lust, sich auf die eiskalten Metallstühle zu setzen und lehnte sich an den Eckpfosten des Bushäuschens, während kalter Nieselregen aufzog. Und da sollte sich einer weihnachtlich fühlen – dabei half auch das riesige Werbebanner nicht, das die Seitenwand des Bushäuschens ausfüllte und einen Weihnachtsmann zeigte. Nicht, dass es Björn sonderlich weihnachtlich zumute gewesen wäre, nach alldem, was hinter ihm lag. Wie immer, wenn er daran dachte, ziepten die langen, schmalen Narben an seinen Armen.

Es kam Björn völlig unwirklich vor, dass das alles nur acht Wochen zurücklag. Dieser Vorfall, der sein Leben fast beendet, aber dann nur völlig verändert hatte. Peter hatte ihn gefunden. Weil er zufällig vorbeigekommen war und Björn seine Wohnungstür hatte offen stehen lassen. Irgendein Teil von ihm hatte wohl gewollt, dass er nicht erst nach Tagen oder Wochen gefunden werden würde. Dass aber Peter auf einmal in seinem Badezimmer stehen und mit leichenblassem Gesicht den Notarzt rufen würde – damit hatte er nicht gerechnet. Und es auch nicht so richtig mitbekommen, wenn er ehrlich war. Jetzt, im Nachhinein, hatte er nur noch verschwommene Erinnerungen. Sein Gedächtnis setzte erst am nächsten Tag wieder ein, als er sich in einem weißen Krankenhauslaken wieder fand und sich fragte, wie er hierher gekommen war.

Die folgende Zeit hatte er erst im Krankenhaus und dann in einer Reha-Einrichtung verbracht. Die geballte Power an Psychotherapie war anstrengend gewesen und doch irgendwie hilfreich.

Und nun war er wieder auf die Welt losgelassen worden und musste sich mit sich selbst und seinem alten Leben irgendwie arrangieren, das doch nicht mehr sein altes Leben war, weil er direkt nach der Rückkehr aus dem Krankenstand eine Kündigung erhalten hatte und für die restlichen vier Wochen der Kündigungsfrist freigestellt worden war. Sein Chef hatte den Rausschmiss noch mit den Worten „solche brauchen wir hier nicht“ gewürzt. Zum Glück war Solveigh an dem Tag sofort zur Stelle gewesen. Björn hätte nicht garantieren können, dass er es sonst nicht noch einmal versucht hätte – und diesmal die Wohnungstür auch abgeschlossen hätte.

Okay, seine Arbeit hatte ihm schon lang nicht mehr gefallen. Trotzdem hatte ihm die unvermutete und vor allem unverschämte Kündigung den Boden unter den Füßen weggezogen. Ohne Arbeit kein Geld, ohne Geld keine Wohnung und kein Essen… Solveigh hatte ihn zum Arbeitsamt geschleppt, damit er sich arbeitslos meldete, danach mit der Psychotherapeutin einen Notfalltermin ausgemacht und ihn dorthin gefahren. Solveigh war Gold wert. Sie hatte die gesamten 50 Minuten der Therapiestunde draußen im Auto auf ihn gewartet und ihn danach nach Hause gefahren, ihm heiße Schokolade gekocht und ihn auf dem Sofa in eine Decke eingepackt. Er hatte ihr und Peter versprechen müssen, ständig per Handy mit ihnen in Kontakt zu sein. Sie hatten Angst um ihn, das wusste er und er konnte es absolut verstehen.

Für die beiden war sein Suizidversuch wohl aus heiterem Himmel gekommen. Sie hatten nicht gewusst, wie schlecht es ihm schon seit Langem gegangen war, wie wenig Energie er hatte und wie ihm jeder Tag wie ein unüberwindbarer Berg vorgekommen war, den es zu besteigen galt. Verrückt, wie so ein paar kleine Tabletten, regelmäßig eingenommen, diesen Zustand der ewigen Kraftlosigkeit unterbrechen konnten. Nach vier Wochen hatte die Wirkung eingesetzt und Björn hatte gespürt, wie seine Kräfte mit jedem Tag zurückkehrten. Er konnte nachts besser schlafen und wachte erholter auf. Von den Nebenwirkungen, die Psychopharmaka allgemein nachgesagt wurden, hatte er noch nichts bemerkt. Trotzdem hatte er die Tabletten anfangs nur widerwillig geschluckt. Aber er hatte sie geschluckt, vor allem deswegen, weil eine Schwester der Therapieeinrichtung ihn mit Argusaugen beobachtet hatte, bis er den kleinen Plastikbecher mit der Tablette darin an die Lippen führte und schluckte. Sie hatte sogar kontrolliert, ob er die Tablette nicht tatsächlich unter der Zunge versteckte. Eine Situation, die Björn erst völlig grotesk vorgekommen war, an die er sich aber mit der Zeit gewöhnt hatte.
Schlußanmerkungen zum Kapitel:
Türchen 2
Der nahende Bus riss Björn aus seinen düsteren Gedanken. Er stieg ein, zeigte seine Dauerfahrkarte im Vorbeigehen vor und ließ sich in einen der staubigen Sitze fallen. Durch die beschlagenen Scheiben war die Außenwelt nur schemenhaft zu erkennen. Björn hatte keine Lust, sich ein Sichtfenster zu wischen, sondern starrte einfach auf die benetzte Scheibe. Der Bus setzte sich in Bewegung. Zum Glück war er fast leer. Björn hatte keine Lust auf Menschenmengen; sie strengten ihn an.

Eine Viertelstunde später spuckte der Bus Björn wieder aus. Ein Fußweg von noch einmal zehn Minuten lag vor ihm und es begann zu regnen. Die Tropfen waren eiskalt. Björn zog die Kapuze tiefer und senkte den Kopf, damit ihm die Tropfen nicht ins Gesicht schlugen. Wenn es noch kälter würde, würde es schneien. Genau das hatte der Wetterbericht vorhergesagt. Björn hatte viel Zeit, sich vor dem Fernseher aufs Sofa zu legen und genau das tat er auch. Er spürte, wie die Ruhe ihm guttat. Schon das letzte Jahr hatte er sich dauerhaft urlaubsreif gefühlt, selbst kurz nach dem zweiwöchigen Sommerurlaub. Er hatte so einige Urlaubstage sausen lassen müssen, weil in der Firma, in der er gearbeitet hatte, chronischer Personalmangel herrschte und es schlicht kaum die Gelegenheit gab, einmal ordentlich Urlaub zu machen. Am meisten Chancen hatten noch Mitarbeiter mit Kindern gehabt. Zu denen zählte Björn nicht. Wahrscheinlich hatte sein Arschloch-Chef auch spitzgekriegt, dass er auch recht wenig für Frauen übrig hatte, obwohl Björn in der Firma nicht gerade mit seiner Orientierung hofiert hatte. Der Laden war so konservativ gewesen, dass er sich das von Anfang an lieber gespart hatte. Warum er trotzdem dort gearbeitet hatte? Das wusste Björn selbst nicht mehr so genau. Nach der Ausbildung hatte er nach einer Stelle gesucht, wo er möglichst langfristig bleiben konnte. Damals war ihm ein möglichst sicheres Einkommen am wichtigsten gewesen, denn seine Eltern hatten nie viel verdient und Björn wusste nur zu gut um die Geldsorgen, die sie häufig gequält hatten.

Erst als er vor seiner Haustür stand, fiel Björn auf, dass er wieder in Gedanken vertieft gewesen war. Er schüttelte den Kopf, wie um sie abzuschütteln, bevor er die Tür aufschloss und sie auf den Weg in den dritten Stock – ohne Aufzug – machte. Er hatte die Wohnung noch nie gemocht. Jetzt hasste er sie. Vor allem das Badezimmer.

Aber was sollte er schon machen. Von jetzt auf gleich und vor allem ohne Job würde er wohl kaum eine neue Bleibe finden. Stattdessen hatte er sich manches Wochenende zu Solveigh oder Peter geflüchtet, die wie selbstverständlich sämtliche vorhandenen Pläne cancelten, um ihn aufzufangen.

„Ich bin zu Hause“, informierte er seine Wohnung, während er Schuhe und Jacke an der Garderobe abstreifte. Die Antwort bestand wie immer aus einem Schweigen. Mit einem Seufzen schaute Björn auf den dicken Umschlag in seiner Hand. Er musste wohl Bewerbungen schreiben.

Am späten Nachmittag klingelte Björns Handy. Er hatte sich seit seiner Rückkehr vom Arbeitsamt auf dem Sofa vergraben und sich sinnlos vom Fernseher berieseln lassen anstatt sich um die Bewerbungen zu kümmern, wofür er sich selbst hasste. Aber ihn hatte so eine bleierne Müdigkeit überkommen, dass er nicht einmal die Kraft gehabt hatte, den Laptop vom Esstisch zum Couchtisch zu tragen, wie er es eigentlich vorgehabt hatte.

„Hallo, Solveigh“, nahm Björn das Gespräch an.
„Hallo, Süßer. Alles klar?“ Solveigh klang fröhlich wie immer. Björn wusste, dass sie sich trotzdem rund um die Uhr Sorgen um ihn machte und er das eigentlich nicht wissen sollte.
„Soweit, so gut“, murmelte er.
„Ich hab jetzt Feierabend. Was möchtest du essen?“
„Hm, ich weiß nicht.“
„Asiatisch? Italienisch?“ Solveigh kannte kein Erbarmen. In der Klinik hatte man festgestellt, dass Björn zu dünn war. Er war oft zu müde gewesen, um sich etwas zu essen zu machen. „Ich lade dich ein“, lockte Solveigh. Björn lachte leicht auf. Sie lud ihn quasi immer ein. Außer sie kochte für ihn. Selbst dann brachte sie oft die Zutaten mit.

„Überrasch mich“, sagte Björn. Ihm fiel nichts ein, auf was er besonders Lust hatte. Eigentlich war es ihm vollkommen egal, was oder ob er aß. Manchmal fühlte er sich deswegen schuldig, weil er Solveighs selbstgekochtes Essen gar nicht so würdigen konnte, wie sie es eigentlich verdient hätte.

„Alles klar. Bis nachher.“
„Bis nachher.“

Die Verbindung brach ab. Björn starrte ein paar Minuten auf sein Handy, ehe er es weglegte. Solveigh würde mindestens noch eine halbe Stunde brauchen. Genug Zeit für eine Dusche. Für den Fall, dass er sich aufraffen konnte.

Letztendlich schaffte Björn es zwar, zu duschen, doch er hatte sich erst so spät durchringen können, dass Solveigh gerade in dem Moment an seiner Tür klingelte, als er tropfnass aus der Dusche stieg. Sie hatte einen Schlüssel, kündigte sich aber immer mit der Klingel an. Björn machte sich deswegen nicht erst die Mühe, zur Tür zu hasten. „Ich bin im Bad“, rief er, als er die Wohnungstür wieder zugehen hörte. Sie wollte wenigstens ein Lebenszeichen von ihm haben, das wusste er.

„Hallo, Süßer“, rief sie von draußen rein. „Brauchst du noch lang?“
„Bin gleich fertig“, antwortete Björn und beeilte sich wenigstens ein bisschen, sich abzutrocknen und in frische Klamotten zu steigen. Er hörte Solveigh in der Küche hantieren. Ein bisschen neugierig war er nun doch darauf, was sie mitgebracht hatte – oder vielmehr sein Magen, der sich nun doch schüchtern bemerkbar machte. Woran der Kopf nicht dachte, dachte immerhin der Rest seines Körpers, also musste es wohl doch bergauf gehen.

„Hey“, sagte er, als er die Küche betrat. Solveigh war gerade dabei, das Besteck auf dem Tisch zu verteilen, und drehte sich um. „Hey. Geht’s dir gut?“
„Joah“, machte Björn vage. Konnte schlechter sein, schlechter ging immer. „Was hast du mitgebracht?“
„Pasta. Mir war nach Italienisch“, sagte sie vergnügt und stellte die Warmhaltebehälter auf den Esstisch. „Monsieur, es ist angerichtet.“
Björn grinste nun doch ein bisschen und setzte sich. „Danke“, sagte er.
„Nicht dafür.“ Solveigh zuckte die Schultern, als wäre es selbstverständlich, seinem besten Freund fast jeden Tag etwas zu Essen zu besorgen. Sie klappte die Deckel der Behälter auf. „Einmal Tortellini mit Sahnesoße, einmal Arrabiata. Machen wir halb-halb?“ Dabei sah sie ihn fragend an. „Klar.“ Björn hatte nichts dagegen. Ihm war ziemlich egal, was er aß. Wenn sie sich freute, dass sie von beiden Gerichten essen konnte – warum auch nicht?

Nach dem Essen zwang Solveigh Björn, den Laptop anzuschalten und sich an die Bewerbungen zu setzen. Einmal angefangen, war es gar nicht so schwierig, wie er es von damals in Erinnerung hatte. Himmel, seit Ausbildungsende hatte er doch keine Bewerbung geschrieben und damals hatten die noch ganz anders ausgesehen! Man hatte alles ausdrucken, Passbilder einkleben und alles in Bewerbungsmappen heften müssen. Und jetzt hielt Word einfach zu bearbeitende, gutaussehende Vorlagen bereit, die nur noch ausgefüllt werden mussten. Da Solveigh im Personalbüro arbeitete, konnte sie ihm auch noch echt professionelle Tipps zur Formulierung seiner Bewerbungen geben. Nach einer Stunde hatten sie einige Anschreiben zusammen verfasst und abgespeichert.

„Den Lebenslauf schaffst du ja ohne mich, oder?“, fragte Solveigh schließlich mit einem Blick auf ihr Handy.
„Ja, klar.“ Björn streckte sich und seine Arme knacksten hörbar. „Danke für deine Hilfe.“
„Kein Problem. Aber ich muss jetzt mal nach Hause, bevor Tom noch ungeduldig wird.“
„Klar.“ Björn fand es sowieso faszinierend, dass Solveighs Freund sich noch mit keinem Wort darüber beschwert hatte, dass sie in der letzten Zeit ständig bei ihm war. Die meisten wären doch nach einer Weile eifersüchtig geworden, obwohl Tom wusste, dass von Björn in dieser Hinsicht so gar keine Gefahr ausging. Eifersucht war nicht rational.
„Verschwinde, ehe er noch einen Suchtrupp losschickt.“
Solveigh lächelte, umarmte ihn und drückte ihm einen Kuss auf die Schläfe. „Schlaf gut, ja? Und schlaf morgen mal aus.“
„Ich versuch’s.“ Björn konnte sich nicht daran erinnern, wann er das letzte Mal wirklich ausgeschlafen und sich auch so gefühlt hatte. Meistens wachte er in aller Herrgottsfrühe auf, war wie zerschlagen und konnte doch nicht weiterschlafen.

Entgegen seiner Erwartungen konnte Björn tatsächlich am nächsten Morgen ausschlafen. Als er aufwachte, war es bereits vollkommen hell und er fühlte sich gar nicht so schlecht. Ein Blick aufs Handy verriet ihm, dass es schon kurz vor neun war. Weil es so gemütlich war, blieb er noch eine ganze Weile liegen, ehe ihn seine Blase dazu brachte, das warme Bett doch zu verlassen. Danach brühte er sich einen starken Kaffee. Wach machte ihn das Zeug nicht wirklich, aber er liebte einen guten Kaffee.

Seinen inneren Schweinehund in eine Ecke tretend klappte Björn kurzerhand den Laptopbildschirm hoch und kümmerte sich um seinen Lebenslauf. Wenn man die blöden Bewerbungen gleich erledigte, dann hatte man es weg und vielleicht meldete sich ja auch ein potentieller Arbeitgeber? Für diesen Monat bekam Björn sogar noch Lohn, aber danach würde er von Arbeitslosengeld leben müssen. Sechzig Prozent von seinem bisherigen Lohn, das war schon ein ordentlicher Einschnitt. Darauf war er nicht gerade scharf – nur noch ein Grund mehr, das mit den Bewerbungen artig zu erledigen.
Türchen 3
Nach einer guten Stunde hatte er die Bewerbungen zusammengebastelt und per Mail verschickt. Nun hieß es also auf Antworten warten. Ob man wohl schnell auf die Bewerbungen reagieren würde? Von damals wusste er noch, dass ihm einige Bewerbungsunterlagen erst nach einem Jahr oder länger zurückgeschickt worden waren.

Björn beschloss, dass es keinen Sinn hatte, vor dem Laptop zu sitzen und auf Mails zu warten. Es war unwahrscheinlich, dass die Antworten gleich innerhalb von wenigen Minuten eintreffen würden. Wahrscheinlich würde ihm ein kleiner Spaziergang sogar guttun, fand er, zog sich an und verließ die Wohnung.

Zum Park war es nicht weit. Der gestrige Regen hatte sich verzogen und einer sanften Herbstsonne Platz gemacht, die sich durch die Reste von Hochnebel schlich. Noch hingen vereinzelt gelbe Blätter an den alten, hohen Bäumen, durch die der geschotterte Weg führte. Sie leuchteten golden in dem sanften Licht. Obwohl es schon ziemlich kalt war, fror Björn nicht, sondern genoss die frische Luft und die Stille im vormittäglichen Park. Er begegnete nur einem Jogger, der ihm keuchend und weiße Atemwölkchen ausstoßend entgegen kam.

Heute war schon der erste Dezember. Früher hatte Björn sich immer auf die Vorweihnachtszeit gefreut. Zwar war es ein Fest der Familie und er hatte mit der seinen nicht wirklich was am Hut, aber trotzdem hatten ihm die Lichter und die Stimmung immer gefallen, wenn die Innenstadt und die Schaufenster dekoriert waren und der Weihnachtsmarkt zwei Wochen lang sein Lager in der Stadt aufschlug. Glühwein, Lebkuchen… In den letzten Jahren hatte der Dezember immer Stress und Jahresabschluss bedeutet, gleich zwei Pflicht-Weihnachtsfeiern mit der Firma, bei denen Björn sich unwohl fühlte, weil er mit den meisten Kollegen nicht viel anfangen konnte und vor allem die offizielle Firmenweihnachtsfeier ein förmlicher, steifer Akt war, wo man mindestens ein Hemd, am liebsten einen Anzug zu tragen hatte. Die Abteilungsfeier war weniger steif, doch Björn wäre immer lieber zu Hause auf seinem Sofa gewesen.

Dieses Jahr hatte er da wohl Glück. Er würde auf keine Firmenweihnachtsfeier gehen müssen. Den Vorteil musste er der Arbeitslosigkeit zugestehen. Er hatte Zeit, konnte den ganzen Tag lang tun, auf was er Lust hatte – oder meistens eher nicht und stattdessen auf dem Sofa liegen – und schlafen, so viel er konnte.

Als sich Björns Spaziergang dem Ende zuneigte, hatten sich Wolken vor die Sonne geschoben und es wurde merklich kühler. Er zog die Kapuze über den Kopf. Ab nach Hause und wieder aufs Sofa!

Die nächsten paar Tage flossen eintönig-grau ins Land und es passierte nichts weiter. Peter kam abends mit Pizza und Bier – zwei Abende nacheinander! – und es wurde zunehmend kälter. Die Wetterberichte versprachen immer selbstbewusster baldigen Schneefall und die Spekulationen darüber, ob es weiße Weihnachten geben würde, liefen an.

Björn war das alles ziemlich egal. Wenn es ihm draußen zu trüb war, blieb er eben in seiner Wohnung und schaute sich gefühlt durch das gesamte Angebot von Netflix. Dass das völlig sinnlos und unproduktiv war, war ihm dabei gepflegt egal. Wenn er schon arbeitslos war, dann wollte er wenigstens auch mal ein bisschen asozial herumhängen dürfen!

Björn unterbrach seinen Siff in diesen Tagen nur für einen Besuch bei der Psychotherapeutin, bei der er regelmäßig Termine hatte. Als er wieder nach Hause kam, verzog er das Gesicht. Erst jetzt fiel ihm auf, dass er wohl schon seit zwei Tagen nicht gelüftet hatte und genauso roch es auch. Das Lüften ließ sich ja schnell nachholen. Björn behielt die Jacke an und setzte sich an den Tisch, um nach seinen E-Mails zu schauen.

Er hatte zwei Antworten auf seine Bewerbungen bekommen. Eine Firma sagte ihm direkt ab. Die zweite Mail war schon vielversprechender. Man lud ihn zu einem Vorstellungsgespräch ein! Die Firma hatte einen guten Ruf und war insgeheim Björns Favorit. Beschwingt schrieb er eine Antwortmail und sagte gleich dem ersten Termin zu, den die Personalerin vorgeschlagen hatte. Zeit hatte er ja immerhin genug. Da konnte er auch übermorgen Nachmittag gestriegelt auf der Matte stehen, fand Björn.

Er schrieb Peter und Solveigh und die beiden freuten sich natürlich für ihn. Typisch Solveigh, fragte sie gleich nach, ob sie ihn zu dem Vorstellungsgespräch begleiten sollte. Sie konnte einfach nicht anders als ihn zu bemuttern! Björn schrieb zurück, dass er fand, er sei groß genug, um sich dem Wagnis allein zu stellen. Wie sah sowas auch aus, wenn ein erwachsener Mann mit Begleitung beim Vorstellungsgespräch erschien! Das würde seine Chancen auf eine Anstellung wahrscheinlich schon im Keim ersticken.

Am Abend vor dem Vorstellungsgespräch kamen Solveigh und Peter gemeinsam zu ihm. Solveigh kochte Thai-Curry, ihre Spezialität, während Peter versuchte, Björn ein geeignetes Outfit zusammenzustellen. Allerdings hatte er absolut keine Ahnung davon, wie man sich in solchen Firmen kleidete und war Björn keine Hilfe. Da hatte Björn selber mehr Plan, suchte sich ein Hemd, eine Stoffhose und ein Sakko heraus und hielt Peter zum Schluss zwei Krawatten hin. „Hell oder dunkel?“
Peter wiegte den Kopf ein paar Mal nachdenklich hin und her. „Dunkel“, entschied er dann. „Siehst du, dann musst du dir morgen darüber schon keine Gedanken mehr machen.“
Björn nickte und dachte insgeheim, dass das Outfit wohl sein geringstes Problem war. Er wusste, wie man sich anzog, schließlich war es in seiner alten Firma gang und gäbe gewesen, sich ordentlich zu kleiden. Björns Schrank beherbergte eine stattliche Ansammlung von Hemden, Anzügen und Sakkos. Eigentlich hasste er diese Klamotten, er trug viel lieber normale Kapuzenpullis und Jeans. Aber was wollte man machen…

„Kommt ihr? Das Essen ist fertig!“ Solveigh streckte den Kopf durch die Tür. „Oh, das ist ein schickes Outfit“, fand sie beim Anblick der sauber außen am Schrank aufgehängten Kleidungsstücke. Björn zuckte die Schultern. „Anzug halt.“
„Steht dir, Süßer.“ Damit verschwand sie wieder in Richtung Küche, aus der es schon verführerisch duftete. Selbst Björn lief das Wasser im Mund zusammen. An Solveighs Curry kam selbst das aus dem Thairestaurant nicht so schnell dran.

Heute hatte sie aber aus Rücksicht auf Björns morgige Pläne darauf verzichtet, den Schärfegrad bis an die Schmerzgrenze hochzuschrauben, sondern nur moderat die Currypaste verwendet. „So lecker“, fand Peter zwischen zwei Bissen Zeit, das Essen zu loben. So wie er schaufelte, wunderte sich Björn, dass er nebenbei noch atmen, geschweige denn sprechen konnte.

„Bist du aufgeregt?“, fragte Solveigh an Björn gerichtet. Der zuckte die Schultern. „Nicht so wirklich. Glaub ich. Wahrscheinlich erst morgen dann, wenn ich dort bin.“
„Ich konnte das letzte Mal vor dem Vorstellungsgespräch die ganze Nacht nicht schlafen“, sagte Solveigh. „Also, vor meinem eigenen natürlich.“ Als Angestellte im Personalbüro war sie direkt in die Bewerbungsverfahren eingebunden und saß oft genug auf der anderen Seite des Tisches. Natürlich hatte sie Björn alles an Wissen weitergegeben, das sie in der Vergangenheit angesammelt hatte. Björn war ihr dankbar für den Einsatz.

Es wurde ein lustiger Abend. Peter und Solveigh blieben bis kurz vor zehn, dann verließen sie ihn. „Geh gleich ins Bett“, mahnte Peter beim Abschied. „Du musst morgen fit sein!“
„Ja, Mama“, antwortete Björn. Peter wuschelte ihm über den Kopf. „Hopp, ins Bettchen, Kind“, frotzelte er grinsend, ehe die Wohnungstür sich hinter ihm schloss.

Da Björn wirklich müde war, tat er sich leicht damit, Peters Vorschlag nachzukommen und gleich ins Bett zu gehen.

Den kommenden Tag über manifestierte sich in Björn allerdings entgegen seiner Erwartungen eine ausgewachsene Nervosität. Dagegen half auch das kleine Schokoladentannenbäumchen aus dem Adventskalender, den Solveigh ihm geschenkt hatte, nicht viel. Wahrscheinlich hätte es eher ein paar Kilo Schokoladenhormone gebraucht, um ihn zu beruhigen, aber erstens hatte er nichts im Haus und zweitens wäre ihm dann vermutlich so schlecht geworden, dass er mit grünlichem Gesicht in der Firma aufgelaufen wäre. Auch kein besonders guter erster Eindruck.
Türchen 4
Björn nahm den früheren Bus und war zu früh bei der Firma. Sie lag am Stadtrand im Industriegebiet und stellte Spielzeug und Schreibwaren her. Da er noch eine halbe Stunde Zeit hatte, beschloss Björn, noch ein paar Meter zu laufen und nicht wie bestellt und nicht abgeholt herumzustehen.

Er schlenderte den Gehweg entlang und als es noch zehn Minuten bis zum Termin waren, machte er sich auf den Rückweg. Fast gleichzeitig bewahrheitete sich die Wettervorhersage und es begann, kleine Flöckchen zu schneien. So winzig, dass sie kaum als Schnee zu bezeichnen waren. Schnell wurde es mehr und auf Björns Jacke blieb eine dünne Schneeschicht liegen. Der mit Lichtern dekorierte Tannenbaum vor dem Firmengebäude war angeschaltet und wirkte in dem leichten Schneegeriesel gleich weihnachtlicher als vor wenigen Minuten.

Björn klopfte sich am überdachten Eingangsbereich die Jacke ab, trat ein und meldete sich am Empfang an. Eine junge, hübsch frisierte und etwas überschminkte Frau begrüßte ihn und schickte ihn in den Wartebereich, eine schicke Lounge mit Ledersesseln und einem Glastisch, auf dem ein paar Zeitschriften und Flyer so hübsch drapiert waren, dass man sich kaum traute, etwas davon zu nehmen und damit die Ordnung zu ruinieren.

Man ließ Björn zehn Minuten warten, ehe eine zweite Sekretärin, diesmal gute zwanzig Jahre älter als die junge Dame am Empfang, ihn abholte und einen langen, schmalen Flur entlang führte. Alles war modern-puristisch gehalten – weiße Wände, dunkle Steinfliesen. Sie öffnete die letzte Tür für ihn und Björn trat in einen großen Besprechungsraum ein, der edel wirkte, obwohl auch er nur minimalistisch eingerichtet war. Ein großes Bild, das wenig zeigte, hing an einer Wand. Die anderen hatten große Fenster, durch die man die umliegenden Wiesen und Felder betrachten konnte. Im Frühjahr und Sommer musste das ein beeindruckender Anblick sein, jetzt im Winter war es eher trostlos.

„Bitte nehmen Sie Platz. Herr Köhler und Herr Rotberger werden gleich bei Ihnen sein.“ Die Sekretärin wies Björn einen Platz zu. Er bedankte sich und setzte sich auf den lederbezogenen Schwingstuhl. Die waren gerade modern. In der alten Firma hatte man auch erst in diesem Jahr für das „gute“ Besprechungszimmer solche angeschafft, allerdings nicht die teure Ausführung, auf der er sich niedergelassen hatte.

Es dauerte noch einmal gute zehn Minuten, bis die beiden Herren den Raum betraten. Sie stellten sich förmlich vor und Björn musste unauffällig seine schweißfeuchte Handfläche an der Hose abwischen, ehe er ihnen die Hand reichen konnte.

Das Gespräch war steifer als erwartet. Nach außen hin zeigte sich die Firma als modern und aufgeschlossen, doch die beiden Herren – Personalchef und Abteilungsleiter der Abteilung, für die Björn sich beworben hatte – waren konservativer als erwartet. Vor allem Herr Köhler, der Personalchef, wirkte auf Björn streng und eher einschüchternd. Nichts, was Björn sagte und keine seiner Referenzen schien ihn zu beeindrucken.

Björn war froh, als das Gespräch vorbei war. Die Stimmung war ihm von Minute zu Minute unangenehmer geworden und er war sich gar nicht mehr so sicher, ob er hier gern arbeiten würde. Falls man sich für ihn entscheiden würde, was er nach diesem Erlebnis nicht glaubte. Er tippte seine Enttäuschung in eine WhatsApp-Nachricht an Peter und Solveigh, beteuerte aber vorsorglich, dass mit ihm alles okay war.

Er schlenderte durch den immer noch rieselnden Schnee zur Bushaltestelle. Natürlich, die hier war nicht überdacht, sodass Björn mit seiner dünnen Stoffhose und der unpraktischen, aber gesellschaftstauglichen Jacke ungeschützt darauf warten musste, dass ein Bus kam. Laut Fahrplan sollte der in fünf Minuten da sein. Immerhin, das Timing war okay.

Spontan fuhr Björn nicht bis nach Hause, sondern beschloss, sich in seinem Lieblingscafé auf die Enttäuschung eine heiße Schokolade zu gönnen. Er war schon lang nicht mehr dort gewesen. Nie hatte er Zeit gehabt oder, wenn er mal Zeit gehabt hätte, war er zu müde gewesen und hatte sich auf seinem Sofa verkrochen. Aber heute war ihm eindeutig nach einer heißen Schokolade. Peter sagte immer, die kuriere alle Leiden.

Und er sollte Recht behalten. Björn fühlte sich nach einer Portion flüssigen Endorphinen schon viel besser. Etwas Warmes im Magen war nach der Warterei im Schneetreiben sowieso eine Wohltat. Er blieb noch eine geraume Weile vor seiner leeren Tasse sitzen, ehe er sich wieder nach draußen in die Kälte wagte. Zu gemütlich und warm war es in dem kleinen Café. Es half aber alles nichts. Draußen wurde es dunkel und Björn zog es nun doch nach Hause auf sein Sofa.

Als Björn am nächsten Morgen aus seinem Fenster schaute, war die Welt von einer weißen Schicht überzogen. Es musste in der Nacht ordentlich geschneit haben. So viel Neuschnee hatte der Wetterbericht doch eigentlich gar nicht vorhergesagt. Ihm konnte es egal sein – niemand zwang ihn, nach draußen zu gehen und mit Schneeschippen war er auch nicht dran. Traditionell begann das Parterre mit dem Schippen und die Dienste folgten einer strengen Reihenfolge mit Björn am Ende.

Es war Samstag und deswegen kam Solveigh auf ein spätes Frühstück vorbei. Vielleicht war es auch ein Brunch, denn sie hatte nicht nur Marmelade und Honig dabei, sondern auch Herzhaftes. Und eine große Kiste, die sie Björn in die Hand drückte. Fragend schaute er sie an. „Du brauchst etwas Dekoration, mein Süßer“, sagte Solveigh in einem Tonfall, der keine Widerrede zuließ. „Das sind die Sachen, die ich dieses Jahr nicht brauche. Du kannst sie ausleihen.“
„Zwangsleihen?“, fragte Björn.
Solveigh streckte ihm die Zunge raus. „Manche muss man eben zu ihrem Glück zwingen.“
„Aber erst nach dem Frühstück, okay?“ Björn hatte zwar gar nicht so viel Hunger, aber dann hatte er noch Schonfrist, bevor es ans Dekorieren ging. Das war alles andere als seine Stärke.
„Ausnahmsweise“, gestattete ihm Solveigh. Björn hatte eine dunkle Ahnung, dass es wohl daran lag, dass sie selbst Hunger hatte und dringend einen Kaffee brauchte.

Während er den Kaffee ansetzte und sie den Tisch deckte, erzählte er noch ein bisschen von dem Bewerbungsgespräch. „Hätte ich auch nicht gedacht, dass die so konservativ sind“, stimmte ihm Solveigh nachdenklich zu. „Naja, mal gucken. Vielleicht melden sie sich ja doch noch und es war nur der erste Eindruck oder so.“
„Abwarten“, meinte Björn.
„Sonst hast du noch keine Antwort bekommen?“
„Ich hab gestern nicht mehr geschaut“, gab Björn zu.
„Verständlich, irgendwie“, sagte Solveigh und hielt ihre Nase schnuppernd in den Kaffeeduft. „Dauert’s noch lang?“
„Ist gleich fertig.“
„Sehr gut! Ich sterbe vor Hunger.“
„Du kannst ja auch schon anfangen mit essen…“
„Ich warte auf dich“, wehrte Solveigh entschieden ab. Björn seufzte. „Du bist zu gut für diese Welt, weißt du das?“
„Ach Quatsch. Ich esse nur nicht gern allein“, sagte sie. Der Kaffee war fertig durchgelaufen und Björn kehrte mit der Kanne an den Esstisch zurück.

Nach dem ausgiebigen Frühstück, das mit angebratenen Würstchen und Rührei ein delikates Finale fand, war Björns Galgenfrist abgelaufen und er musste Solveigh dabei helfen, seine Wohnung weihnachtlich zu dekorieren. „Diese ganzen kahlen Wände machen ja auch depressiv“, fand Solveigh. „Da sind ja sogar noch Nägel da“, freute sie sich im nächsten Moment.

Björn zuckte die Schultern. Er hatte noch nie viele Bilder an den Wänden gehabt. Auch die Teenagerzeit, die manche damit verbrachten, ihre Zimmerwände komplett mit Postern ihrer Stars zu tapezieren, hatte er in dieser Hinsicht anders durchlebt.

Solveigh zog eine Girlande aus dem Karton, die wahrscheinlich Fake-Tannenzweige darstellen sollte. Sie sah aus wie die Girlanden im Kaufhaus. Ziemlich künstlich, wenn man Björn fragte. Aber Solveigh fragte ihn nicht, sondern fischte aus den Tiefen des Kartons eine beinahe durchsichtige Perlonschnur. „Eine Schere hast du, oder?“
„Moment.“ Björn wusste, dass es besser war, ihr das Gewünschte zu holen. Deko war Solveighs Leidenschaft, auch wenn sie diese bisher nur in den eigenen vier Wänden ausgelebt hatte.

Fachmännisch schnitt Solveigh genau passende Stücke von dem Faden ab und knotete sie an der Girlande fest, damit sie diese an den Nägeln aufhängen konnte, die der Vormieter in der Wand über dem Sofa zurückgelassen hatte. Björn hatte keine andere Wahl als ihr zu helfen. „Hast du hier eine Steckdose?“, fragte sie, als das komische grüne Plastikding an der Wand hing. „Da hinten.“ Björn zeigte in Richtung Sofaecke.
„Prima, das reicht.“ Solveigh förderte Lichterkette zutage. Das war etwas, mit dem Björn schon mehr anfangen konnte. Lichterketten waren immer gut. Gemeinsam drapierten sie die Kette um die Girlande, die daraufhin schon nicht mehr so schrecklich künstlich aussah. Zum Schluss verteilten sie noch kleine Kugeln an dem Ding. Solveigh steckte nach Vollendung des Werks die Lichterkette ein. „Gar nicht so übel, oder?“ Sie knuffte den neben ihr stehenden Björn mit dem Ellbogen in die Rippen.
„Könnte schon schlechter sein“, musste er zugeben. Ihm gefiel es, wie die Kugeln im Licht der Lichterkette glänzten und nahm sich vor, das Ding abends auch tatsächlich anzuschalten.

Solveigh war allerdings noch nicht fertig. Sie lief zur Hochform aus und stellte einen kleinen Kranz, den sie zu Hause schon vorbereitet hatte, auf den Couchtisch, drapierte einige Rentiere aus Holz auf die Fensterbank und setzte einen dicken Weihnachtsmann mit Knollennase neben den Fernseher auf die Wohnwand. Auch die Küche und der Flur bekamen etwas Deko, aber zu Björns Erleichterung nur ein paar Holzsterne an der Wand und nichts allzu Kitschiges.
Türchen 5
„Na, was sagst du?“ Solveigh stemmte die Hände in die Hüften und schaute Björn erwartungsvoll an.
„Ist wirklich schön geworden. Danke“, sagte er. Er meinte es auch so. Selbst er musste zugeben, dass die Wohnung mit den Sachen gemütlicher wirkte. Vor allem mit der Girlande mit der Lichterkette, auch wenn er fand, dass es trotzdem ein bisschen nach Supermarkt aussah.

„So, und jetzt guckst du noch nach deinen Mails und dann bin ich für heute zufrieden mit dir und lass dich in Ruhe, okay?“
„Ja, Mama.“ Brav machte Björn den Laptop an. Er war sich ziemlich sicher, dass keine weitere Antwort mehr gekommen war, doch er irrte sich. Er fand eine neue E-Mail von einem Einzelhändler vor, bei dem er sich nur widerwillig beworben hatte. Von diesem Laden hatte Björn noch nie gehört und mit Fahrrädern, die dort wohl verkauft wurden, hatte er erst recht nichts am Hut. Er hatte sich dort aber auch nicht als Verkäufer beworben, sondern es war eine Stelle im Büro ausgeschrieben gewesen. Der Chef des Unternehmens schrieb ihm persönlich, dass er sich über ein Kennenlernen freuen würde.

„Na komm, schreib schon zurück“, sagte Solveigh, die über Björns Schulter schaute.
„Muss ich ja wohl eh“, murmelte er. „Auf die Stelle hab ich gar nicht so wirklich Lust. Ich glaub nicht, dass das zu mir passt…“
„Mag sein. Anschauen wird nix schaden“, befand Solveigh. Davon mal abgesehen stand es eigentlich sowieso nicht zur Debatte, nicht zu antworten, denn sonst würde das Arbeitsamt Björn aufs Dach steigen. Er hatte unterschreiben müssen, dass er sich bei allen Stellen, die ihm vorgeschlagen wurden, bewarb und „sämtliche Bemühungen“ unternehmen musste, um bald wieder Arbeit zu finden. Kurzum, er tippte seine Antwort ein und nach einem Blick zu Solveigh als Rückversicherung und einem Abnicken ihrerseits schickte er die wenigen Zeilen ab.

Solveigh klopfte ihm auf die Schulter. „Das wird schon werden. Du hast ja auch noch Bewerbungen ausstehen.“
„Wenn ich nur schon einen Job hätte. Diese ganzen Bewerbungen sind so anstrengend.“
„Dafür hast du jetzt mal genügend Zeit, dich mal um dich selbst zu kümmern“, wandte Solveigh ein. „Hast du eigentlich Lust, morgen mit Tom und mir in die Therme zu gehen?“
„Mal schauen.“ Björn blieb vage. Er wollte sich nur ungern verpflichten, schließlich wusste er ja vorher nicht, ob er nicht zu müde für irgendwelche Aktivitäten war.
„Ich schreib dir einfach rechtzeitig, bevor wir gehen. Dann kannst du es dir immer noch überlegen.“
„Alles klar, danke.“

Solveigh verabschiedete sich mit einer Umarmung, dann war Björn allein. Der Tag war schon so weit fortgeschritten, dass er keine Lust mehr auf einen Spaziergang oder sonst etwas hatte, sondern die Lichterkette über seinem Sofa wieder einsteckte und sich darunter legte. Er ließ seine Gedanken schweifen und landete bei der unerwarteten E-Mail von der Firma, zu der man ihn eingeladen hatte. Er hatte keine Ahnung, warum man dort Interesse an ihm hatte – er hatte doch auch keins. Gleichzeitig dachte er sich, dass es auf jeden Fall eine Chance war. Wenn man ihn dort tatsächlich anstellte und es ihm nicht gefallen sollte, hätte er immerhin noch die Möglichkeit, in Ruhe nach einer passenden Stelle zu suchen und nebenbei nicht arbeitslos zu sein.

Er würde das Ganze mal auf sich zukommen lassen, beschloss Björn. Vielleicht antwortete die Firma ja auch gar nicht mehr oder ließ sich damit so viel Zeit, dass er zuerst eine andere Stelle fand.

Den nächsten Tag ging Björn ruhig an. So ruhig, dass er zustimmte, mit in die Therme zu gehen, als Solveigh ihm um die Mittagszeit herum schrieb. Sie freute sich und kündigte an, sie und Tom würden Björn in einer halben Stunde abholen. Mehr als genug Zeit, um alles Benötigte einzupacken.

Der Schneefall hatte in der Nacht aufgehört und es war wieder wärmer geworden, sodass die weiße Pracht langsam vor sich hin schmolz. Auf den Straßen und Gehwegen war nichts mehr und auf den Rasenflächen schauten die Grashalme schon wieder durch. Im Gegensatz zur geschlossenen Schneedecke war das schon beinahe ein trübsinniger Anblick, der durch den bewölkten, sonnenlosen Himmel nur verstärkt wurde. Da war es Björn gerade recht, dass er in der Therme von alldem nichts sehen musste.

Es war schon dunkel, als Björn sich von Tom und Solveigh nach einem schönen Nachmittag entspannt und tiefengereinigt wieder zu Hause absetzen ließ. Er war selbst darüber erstaunt, dass er nicht völlig zerschlagen und müde war, wie es die vergangene Zeit immer gewesen war. Nein, er fühlte sich rundum angenehm erholt und wohlig bettschwer.

In dieser Nacht schlief Björn so gut wie schon lange nicht mehr und wachte morgens kurz vor acht auf. Er war auffallend erholt und fühlte sich so fit, dass er seine Wohnung nach dem ersten Kaffee aufräumte, staubsaugte und wischte. Nicht, dass es besonders schlimm ausgesehen hätte, doch es schadete eindeutig nichts. Dass er das letzte Mal ordentlich geputzt hatte, war bestimmt eineinhalb Wochen her. Er neigte zum Glück nicht zu Unordentlichkeit, sodass die Wohnung im Normalfall immer repräsentabel war.

Am Nachmittag klingelte Björns Handy, als er gerade ein Butterbrot machte. Erstaunt fischte er das Gerät aus seiner Hosentasche. Solveigh und Peter waren doch noch arbeiten. Wer da wohl anrief? Auch aus der angezeigten Nummer wurde er nicht schlau. Er kannte den Anrufer nicht. „Winkler?“, meldete er sich.
„Guten Tag, Hauber von BikeShop Sports. Wir hatten E-Mail-Kontakt“, meldete sich eine Frauenstimme, die Björn gleich sympathisch war.
„Oh, guten Tag. Ja, wir hatten wegen der Stelle geschrieben.“ Björn war erstaunt, dass die Antwort nicht per Mail kam, sondern er angerufen wurde. Das hatte er nicht erwartet.
„Ich wollte fragen, ob Sie spontan heute Nachmittag Zeit für ein Vorstellungsgespräch hätten. Ich weiß, das ist etwas kurzfristig, aber der Chef wird morgen auf eine Geschäftsreise gehen und ist dann zwei Wochen außer Haus. Da wäre es uns ein Anliegen, dass Sie vorher noch vorbeikommen.“
Das war wirklich spontan. Björn zögerte ganz kurz. Er hatte nichts vor – was auch? – doch Spontaneität lag ihm nicht gerade im Blut. Er plante gern im Voraus und bereitete sich vor. Andererseits – was hatte er zu verlieren?

„Ich komme gerne heute Nachmittag“, sagte Björn rasch, ehe die Pause zu lang wurde oder er doch noch den Schwanz einziehen konnte. „Um welche Uhrzeit denn?“
„Oh, schön, dass Sie Zeit haben. Fünfzehn Uhr?“, schlug Frau Hauber vor.
„Dann sehen wir uns um fünfzehn Uhr“, bestätigte Björn.

Als das Telefonat beendet war, schaute er ein paar Minuten auf sein Handy. Das war… verrückt gewesen. Aber gut. Dann hatte er das auch hinter sich. Kurz und schmerzlos war auch ganz okay.

Nur: Was zog man für ein Vorstellungsgespräch bei so einer Firma an? Wenn dort Fahrräder verkauft wurden, waren dort sicherlich lauter Sportfreaks zu finden.

Björn schrieb Peter eine WhatsApp und fragte ihn nach seiner Meinung zur Klamottenfrage. Peter war auch ein bisschen ratlos, schlug aber Jeans und Shirt vor, und dazu ein Sakko, um das Outfit nichtsdestotrotz noch schick genug zu halten. Björn fand die Idee gut und suchte sich aus seinem Kleiderschrank die Sachen zusammen. Er entschied sich für eine schwarze Jeans, ein blaues Shirt und ein dunkelblaues Sakko. So konnte man sich bestimmt in einem Fahrradladen sehen lassen. Und wenn er dann doch underdressed war, war es ihm auch wurscht. Immerhin war es ihm gewissermaßen egal, ob die Firma ihn wollte oder nicht. Der Termin hatte für ihn mehr Pflichtcharakter als dass er sich freute.

Ungeachtet dessen suchte Björn sich die richtige Busverbindung heraus, um pünktlich zum Vorstellungsgespräch zu erscheinen. Was Pünktlichkeit anging, konnte er einfach nicht aus seiner Haut. Auch seine Arbeit erledigte er so gut wie immer punktgenau. Schätzungsweise lag es wohl auch mit daran, dass sein Akku irgendwann leer gewesen war und er nur noch auf Reserve existiert hatte, bis…

Björn schüttelte den Kopf, um den Gedanken aus seinem Hirn zu vertreiben. Er hatte sein Ziel erreicht. In diesem Teil der Stadt war er noch nie gewesen. Kein Wunder, dass er noch nie von der Firma gehört hatte. Er fuhr auch kein Fahrrad, wodurch er eventuell etwas von der Firma hätte hören können.

Das Gebäude war von außen unscheinbar und wirkte etwas altmodisch. Umso überraschter war Björn davon, dass ihn hinter der Eingangstür ein modern renovierter Flur erwartete. Ein Sideboard und eine Palme waren die einzigen Gegenstände, die sich hier befanden. Links und rechts gingen Glastüren ab. Da er keine Ahnung hatte, wohin er nun musste, um sich anzumelden, linste er vorsichtig durch die offenstehende Tür links von ihm. „Hallo?“
Türchen 6
Eine Frau mittleren Alters, die optisch zu der Stimme am Telefon passte, wandte sich von ihrem PC-Bildschirm ab und stand auf. „Hallo, Herr Winkler?“
„Genau, der bin ich. Sie sind Frau Hauber?“ Björn schüttelte die angebotene Hand.
„Richtig, wir haben telefoniert. Kommen Sie mit.“

Björn folgte Frau Hauber in das Zimmer gegenüber, das sich als Besprechungszimmer mit integrierter Küche entpuppte. Alles sah modern und neu aus. „Der Chef kommt gleich, er ist gerade noch im Telefonat. Möchten Sie solang etwas trinken?“, bot Frau Hauber an. Björn lehnte dankend ab. Er hatte keinen Durst und er kannte sich. Wenn er jetzt etwas trank und die nun doch aufkeimende Nervosität dazu kam, würde er spätestens nach fünf Minuten auf die Toilette rennen. Das wollte er auf jeden Fall vermeiden.

Frau Hauber verließ den Raum und schloss die Tür hinter sich. Björn nutzte die Zeit, um sich umzuschauen. Der Raum war nicht überfüllt, aber auch nicht so leer, dass er so kühl und abweisend wirkte wie der Besprechungsraum beim letzten Vorstellungsgespräch. An der Wand hing ein großer Leinwanddruck.

Weiter jedoch kam er nicht, denn der Chef betrat das Zimmer. Er sah völlig anders aus als das, was Björn üblicherweise mit einem Chef assoziierte – er trug Jeans und einen Kapuzenpulli. Das Sakko war dann wohl doch overdressed, schoss es Björn durch den Kopf. Tja, aber das ließ sich ja jetzt auch nicht mehr ändern. Björn stand auf und schüttelte die nächste Hand.

„Guten Tag, mein Name ist Henry. Schön, dass du noch so kurzfristig Zeit hattest.“ Ohne Umschweife wurde Björn geduzt. Mit einer Handbewegung bedeutete ihm Henry, sich wieder zu setzen.
„Kein Problem. In meiner Situation hat man mehr als genug Zeit.“ Björn zuckte verlegen lächelnd die Schultern.
„Wie kam es denn, dass Ihnen Ihr Job gekündigt wurde?“ Klar, dass auch Henry direkt darauf ansprang.
„Betriebliche Gründe“, gab Björn seine zurechtgelegte Antwort an. Falsch war das nicht. In der ehemaligen Firma waren schon ein halbes Jahr vor seiner Entlassung Gerüchte herumgegangen, dass Stellen abgebaut werden sollten. Unter anderem deshalb hatte er sich den Arsch aufgerissen. Nur gebracht hatte es letztendlich nichts.

„Das ist ja echt blöd“, fand Henry. Björn zuckte die Schultern erneut. „Ach ja. Ich hatte darüber nachgedacht, mich neu zu orientieren, arbeitstechnisch. Jetzt ist mir die Firma eben zuvorgekommen.“
„Haben Sie sich schon damit befasst, was wir hier so machen?“

Hatte er nicht. Da er es so oder so hätte tun müssen, hatte Björn sich einfach beworben, ohne sich über die Firma zu informieren. „Nein, ich habe die Stellenausschreibung vom Arbeitsamt bekommen und mich direkt beworben.“
„Ah, okay.“ Henry fasste zusammen, was das Hauptgeschäft der Firma war. Björn erfuhr, dass es sich vornehmlich um Online-Handel handelte – zu neudeutsch E-Commerce. Damit hatte er noch nie Berührungspunkte gehabt, außer natürlich als Käufer. Was Henry erzählte, klang keineswegs schlecht. Mit jeder Minute des Vorstellungsgesprächs interessierte sich Björn mehr für die Stelle und als Henry nach einer halben Stunde abschließend fragte, ob Björn sich das alles vorstellen konnte, bejahte Björn.

„Ja, cool. Ich könnte mir das auch gut vorstellen“, sagte Henry und sah dabei so begeistert aus wie ein kleines Kind. „Könntest du zum Fünfzehnten schon anfangen?“
„Ja, klar.“ Björn konnte gar nicht fassen, was da vor sich ging. Bis zum Mittag hatte er noch keine besondere Zukunft in Aussicht gehabt und in den Tag hineingelebt. Und nun hatte er quasi einen Job in der Tasche!

Von seinem guten Gefühl beschwingt machte sich Björn kurze Zeit später auf den Heimweg. Wer hätte gedacht, dass sich diese Firma als so interessant herausstellen würde! Frau Hauber hatte zugesagt, ihm in den nächsten Tagen einen Vertrag zukommen zu lassen.

Björn schrieb Peter und Solveigh, wie gut das Gespräch entgegen aller Erwartungen gelaufen war. Die beiden überschlugen sich in ihren Antworten fast vor Begeisterung. Peter beschloss, dass die erfolgreiche Jobsuche gefeiert werden müsste und zwar in der Lieblingspizzeria der drei, gleich am Wochenende. „Ich lade dich ein“, schrieb er. Björn war so gut drauf, dass er direkt zusagte. Er freute sich aufs Pizzaessen und blickte in eine deutlich rosigere Zukunft als noch vor ein paar Stunden. Wer könnte da schon schlechte Laune haben!

Frau Hauber musste den Vertrag noch am nächsten Tag abgeschickt haben, denn schon am Mittwoch flatterten zwei Durchschriften bei Björn ein. Er unterschrieb einen der Verträge, tütete ihn wieder ein und machte sich direkt auf den Weg zur Post, um ihn zurückzuschicken.

Weil er seit dem Vorstellungsgespräch anhaltend gut gelaunt war, hatte er Lust auf einen kleinen Bummel durch die Fußgängerzone. Es war bereits alles weihnachtlich dekoriert. Man hatte in der ersten Dezemberwoche die beleuchteten Sterne aufgehängt, die im Dunklen natürlich besser wirkten als jetzt bei Tageslicht mit ausgeschalteten Lampen. Außerdem standen in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen kleine Weihnachtsbäume, die keine klassische Deko hatten, sondern von diversen Grundschulklassen, Kindergärten oder Vereinen gestaltet worden waren. In Björn keimte weihnachtliches Gefühl auf. So sehr, dass er spontan beschloss, Solveighs Weihnachtsgeschenk zu besorgen: Einen Gutschein für den Deko-Laden, bei dem sie am liebsten einkaufte. Für Peter war ihm noch nichts Passendes eingefallen, aber da würde sich auch noch etwas finden. Zweieinhalb Wochen hatte er ja noch Zeit. Mehr als genug für ein einziges Geschenk, fand Björn. Selbst wenn er ab dem Fünfzehnten wieder arbeitete. Eigentlich hätten die beiden richtig tolle Geschenke verdient, so wie sie sich um ihn kümmerten. Aber da hätte es tatsächlich etwas mehr Zeit gebraucht. Björn nahm sich das für nächstes Weihnachten vor, oder vielleicht einen Geburtstag, die lagen ja auch noch dazwischen.

Die Tage bis zum Wochenende vergingen wie im Flug. Björn gab beim Arbeitsamt Bescheid, dass er eine Stelle gefunden hatte und erzählte der Psychotherapeutin davon, die sich mit ihm freute. Trotzdem sollte die Therapie weitergehen, denn sie wollte, dass Björn lernte, sich auch genug zu erholen, wenn er durch die Arbeit stärker belastet war oder mit etwa auftretendem Stress umzugehen. Sonst, sagte sie, wäre er eventuell irgendwann wieder an demselben Punkt wie jetzt. Björn stimmte ihr zu, dass er das nicht wollte. Die Krankenkasse hatte fünfzig Sitzungen genehmigt, davon war noch nicht einmal die Hälfte verbraucht. Björn verstand sich auch gut mit der Therapeutin verstand und fand die Sitzungen hilfreich. Das Arbeitsleben konnte mit ihrer Hilfe nur besser werden.

Der fünfzehnte Dezember rückte schneller näher, als Björn gedacht hätte. Sein Adventskalender mutierte zum Arbeitsbeginn-Kalender. Jeden Morgen, wenn er das kleine Schokoladenstück herausnahm, war es ein Tag weniger, den er noch arbeitslos verbrachte.

Und dann war der Tag gekommen. Björns Wecker klingelte seit Wochen das erste Mal wieder um halb sieben Uhr morgens, weil er auf die Arbeit musste. Er hatte den Wecker früher als unbedingt notwendig gestellt, denn er wollte den ersten Tag nicht abgehetzt und gestresst beginnen und hatte einen Zeitpuffer eingeplant, falls der Arbeitsweg doch länger dauerte als gedacht.

Da selbst der Chef legere Klamotten getragen hatte, verzichtete Björn auf seinen früher üblichen Habit aus Hemd und Krawatte. Es war ungewohnt, sich für die Arbeit einfach in Jeans, Shirt und Pulli zu werfen. Ungewohnt, aber nicht unangenehm.

In der Firma angekommen, wurde Björn freundlich begrüßt und bekam einen Platz zugewiesen. Ein Kollege in seinem Alter, der sich als Simon vorstellte, baute ihm einen PC auf und installierte ihn, während ein zweiter Kollege namens Dennis Björn zuerst einmal die Firma zeigte. Es gab mehrere Büros, die nach Einsatzgebiet aufgeteilt waren, die Küche, die Björn schon kannte und die gleichzeitig als Besprechungsraum diente und natürlich das Lager mit Werkstatt, wo die Räder aufgebaut oder versandbereit gemacht wurden. Es war so viel Input, dass Björn nach der zwanzigminütigen Tour bereits der Kopf ordentlich schwirrte. Er würde ein paar Tage brauchen, bis er sich merken konnte, wo was war, von den Namen der Mitarbeiter, die Dennis im Vorbeigehen heruntergerattert hatte, ganz zu schweigen. Und das hier war erst der Anfang gewesen. Es wartete noch das Einarbeiten in das Programm und überhaupt in seinen Arbeitsbereich auf ihn.
Türchen 7
Als es dem Mittag zu ging, war Björns Kopf vollgestopft mit neuen Eindrücken. Er war froh, dass die Kollegen ihm erst einmal in Ruhe alles zeigten und nicht direkt vor die Arbeit setzten. Alles war anders, als er es bisher gewohnt war; auch in dem Programm musste er sich zuerst einmal zurechtfinden.

„Hast du was zu essen dabei oder brauchst du was?“, fragte Simon, als die Mittagspause in greifbare Nähe rückte.
„Ich brauch noch was“, sagte Björn. Er hatte beim Herfahren zum Vorstellungsgespräch einen Bäcker gesehen und sich eigentlich vorgenommen, sich dort etwas zu holen. Wenn die Kollegen aber einen besseren Vorschlag hatten, war er offen.
„Wir wollten Pizza bestellen und um zwölf gleich abholen“, sagte Simon, „falls du auch eine möchtest. Schreib es einfach da auf den Zettel.“ Dabei wies er auf einen Schmierzettel, der am Rand seines Schreibtischs lag. Da Björn für Pizza immer zu haben war, musste er nicht lang überlegen und griff nach dem Zettel, um seinen Pizzawunsch zu notieren. „Holt ihr euch immer was?“, fragte er.
„Ist ein bisschen unterschiedlich. Ich bringe mir auch öfters was von zu Hause mit, wir haben ja in der Küche auch die Mikrowelle. Aber wenn ich daheim nichts habe, dann hole ich mir was. Manche besorgen sich immer irgendwo was zu Essen und bringen sich nie was mit. Also, wenn’s um Essen geht, bist du hier bestens versorgt.“
„Das ist wichtig“, grinste Björn. Wenn er es zu Hause auch schon gern mal vergaß, an sich war er kein Kostverächter. Wenn nur das Zubereiten nicht wäre…

Punkt zwölf machten sich Simon und ein weiterer Kollege, dessen Name Björn schon wieder entfallen war, mit dem Auto auf den Weg zu der Pizzeria, bei der sie bestellt hatten. So, wie sich Simon am Telefon gemeldet hatte, war das wohl der Stammitaliener der Firma. Björn hoffte, dass das Essen auch gut war.

Er beschloss, draußen auf die Rückkehr der beiden zu warten. Etwas frische Luft konnte er jetzt gut vertragen. Draußen hatten sich bereits zwei Raucher vor der Tür unterm Vordach versammelt, zu denen er sich gesellte. „Hallo“, sagte er artig, als er nach draußen kam.
„Hallo. Auch Raucher?“, fragte der dunkelhaarige Größere der beiden. Björn schüttelte den Kopf. „Ich wollte nur frische Luft schnappen.“
„Ich bin Patrick“, sagte der, der ihn gerade angesprochen hatte. „Björn“, stellte Björn sich vor. Wahrscheinlich wussten die anderen eh schon alle, wie er hieß. Die hatten es auch einfacher.
„Dominik. Hi“, sagte der zweite, der neben Patrick stand.
„Hey.“ Björn musterte ihn kurz. Ebenfalls dunkle Haare, aber lang und zum Pferdeschwanz zusammengebunden, einen Kopf größer als er selbst und komplett schwarz angezogen. Der hörte dann wohl Metal-Musik. Nur der klassische Klischee-Bart fehlte.

„Und, wie läuft der erste Tag?“, fragte Patrick. Er war wohl der Gesprächigere der beiden. „Ganz gut, glaube ich. Ich muss mich halt komplett neu einarbeiten. Am Anfang ist das schon immer ein bisschen viel auf einmal“, gab Björn zu. „Aber Dennis und Simon sind glaub ich ganz nett.“
„Die kriegen dich schon eingearbeitet“, meinte Dominik, „da hab ich keine Bedenken. Das wichtigste hast du in ein paar Tagen drauf.“
Zwischen den dreien entspann sich rasch ein Gespräch. Als es von der eintreffenden Pizza unterbrochen wurde, fand Björn es fast ein bisschen schade, sich von den Rauchern verabschieden zu müssen. Fürs Pizzaessen war die Küche aber eindeutig geeigneter als der Platz unterm Vordach.

Der Tisch war komplett voll besetzt. Fünf Kollegen hatten Pizza bestellt, eine junge Frau saß mit einer Brotdose da und drei weitere hatten eine Schlange gebildet, um nacheinander die Mikrowelle zu benutzen. Alle machten einen netten Eindruck und es fiel Björn leicht, in die Gespräche mit einzusteigen.

Schneller als gedacht war der erste Tag vergangen und es wurde Feierabend. Björn verabschiedete sich und schlenderte zu seiner Bushaltestelle. Er hatte das erste Mal seit langem wieder ein ganz gutes Gefühl, was die Arbeit betraf. Hier konnte es ihm bestimmt gefallen.

Natürlich erwarteten Solveigh und Peter einen ausführlichen Bericht. Sie kamen beide für ein Stündchen vorbei und hatten Brötchen im Gepäck. Das bedeutete ein gemeinsames Abendbrot. Wurst und Käse hatte Björn immer im Haus; weil er gestern erst beim Metzger gewesen war, konnte er sogar eine beachtliche Auswahl bieten.

„Und? Erzähl!“ Solveigh guckte Björn erwartungsvoll an. „Wie ist es? Wie sind die Kollegen?“
„Nett. Bisher haben alle einen wirklich netten Eindruck gemacht, jedenfalls die, mit denen ich zu tun hatte.“
„Das ist cool“, sagte Peter. „Und so vom Arbeiten her?“
„Kann ich dir vielleicht nächste Woche sagen, wenn ich wirklich was arbeite. Bisher versuche ich mehr so das Programm zu verstehen.“
Peter nickte verständnisvoll. „Stimmt, das ist ja jetzt ein ganz anderes.“
„Das wird schon“, sagte Solveigh aufmunternd.
„Klar, das hab ich bestimmt bald drauf.“ Björn hatte da keine Zweifel. Er war schon immer gut darin gewesen, sich in PC-Programme einzuarbeiten. Eigentlich war er auch in seinem Job stets gut gewesen. Sein Arbeitgeber schien das bloß nie bemerkt zu haben. Er war gespannt, ob es jetzt wohl anders war.

In den nächsten Tagen lebte sich Björn immer mehr in der neuen Arbeit ein. Er war es von der alten Firma überhaupt nicht gewohnt, dass die Mitarbeiter so motiviert und loyal waren. Dieser Zustand gefiel ihm jedoch, hatte er doch mit der Zeit immer mehr angenommen, dass solche Arbeitsstellen nur ein Mythos waren. Wie erwartet hatte er die nötigsten Funktionen des Programms bald drauf und begann damit, den Webshop aufzuräumen. Eine Fleißarbeit, die aber den praktischen Nebeneffekt hatte, dass er das Sortiment kennenlernte und sich gleichzeitig immer mehr ins Programm einarbeitete.

Dass er einen Teil der Pause draußen bei Patrick und Dominik verbrachte, wurde bald zu einer Gewohnheit. Meist war es Patrick, der erzählte. Dominik war eher ruhiger, Björn hatte fast schon den Eindruck, dass er ein bisschen fremdelte. Mit jedem Tag sprach er mehr. Björn fand heraus, dass er mit seiner Annahme, dass Dominik gern Metal hörte, absolut richtig gelegen hatte. Beim Rauchen rutschte ihm der Jackenärmel hoch und offenbarte ein dick in Festivalbändchen eingepacktes Handgelenk. „Wow, wie viele sind das?“, fragte Björn beeindruckt.
„Hm?“ Dominik guckte ihn erstaunt an und folgte dann seinem Blick auf seine Hand. „Ach, die Bändchen? So um die dreißig vielleicht?“
„Wo gehst du denn überall hin?“, fragte Björn. Dreißig Festivals! Das war schon eine ganze Menge, fand er.
„Metal“, antwortete Dominik. „Ich weiß nicht, ob du dich da so auskennst…“
„Nicht wirklich“, gab Björn zu. „Ich höre ab und zu sowas wie Iron Maiden oder so, aber das war eigentlich alles.“
„Die soften Achtziger“, grinste Dominik.
„Weiß gar nicht, wieso ich das eigentlich nicht weiter verfolgt habe“, überlegte Björn. Wahrscheinlich aus Faulheit oder weil er keine Zeit gehabt hatte, sich ausführlicher mit Musik zu beschäftigen. Das Radio anschalten ging immerhin schnell und es dudelte was im Hintergrund.

„Ich kann dir schon mal was schicken“, bot Dominik an, „wenn du magst.“
„Klar, gern. Was anfängergeeignetes vielleicht.“
„Da wird sich was finden, davon bin ich fest überzeugt.“

Patrick räusperte sich und drückte seine Kippe im Ascher aus. „Ich lass euch Turteltäubchen mal allein. Ich muss weitermachen, ich sollte heut etwas früher gehen.“
„Alles klar, viel Spaß“, wünschte Dominik. Patrick streckte ihm die Zunge raus und verschwand im Gebäude.

Ein Moment der Stille entstand. Es war jedoch kein unangenehmes Schweigen. Dominik nahm noch ein paar Züge von seinem Sargnagel und drückte ihn dann ebenfalls aus. „Heute Abend soll es wieder schneien“, nahm Björn das Gespräch wieder auf.
„Ich wäre voll dafür“, fand Dominik. „Schnee ist super. Ich mag Schnee!“
„Mir ist es eigentlich egal, ob Schnee liegt“, gab Björn zu. „Außer, wenn ich schippen muss. Dann ist er uncool.“
„Weihnachten Schnee zu haben wäre schon mal wieder schön.“ Dominik hatte Recht. Die letzten Jahre hatte es grüne Weihnachten gegeben. Vor ein paar Jahren erst war es sogar so warm gewesen, dass die Frühblüher sich überlegten, ob sie nicht schon anfangen sollten zu keimen. Der Klimawandel ließ grüßen.
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„Sieht ja nicht ganz so schlecht aus. Letztes Jahr hat es ja nur geregnet und überhaupt nicht geschneit.“
„Das war blöd. Ständig dieses Wasser von oben, das ging mir total auf den Keks.“
„Hmmh, Kekse.“
Dominik lachte auf. „Magst du einen? Ich hab zufällig welche dabei.“
„Echt? Geil.“
„Komm mit, die sind in meinem Büro.“

Dominik ging voran nach drinnen und hielt Björn die Tür auf. Sein Büro lag am Ende des Flurs; er teilte es sich mit Sven und ggg. Die beiden waren in der Küche, deswegen lag das Büro verlassen da. An Dominiks Platz stand eine Tupperdose, die er jetzt aufmachte und Björn hinhielt. „Et voilá!“
„Wow, das sind ja sogar selbstgebackene!“ Björn war ganz baff. Er hätte es seinem Kollegen nicht zugetraut, dass er selbst Plätzchen machte. Sie sahen auch noch absolut perfekt aus und auf den ersten Blick mussten es bestimmt fünf verschiedene Sorten sein.
„Jeder hat seine versteckten Talente.“ Dominik zwinkerte. „Schokolade oder Marmelade?“
„Hm… muss ich mich entscheiden?“
„Dann nimm mal das hier.“
Björn fischte sich das schokoladige Dreieck aus der Dose, auf das Dominik gedeutet hatte. Er wusste nach dem ersten Bissen auch, warum. Unter der knackigen Schokoladenschicht folgte eine Schicht Marmelade und darunter ein herrlich weihnachtlicher Teig. „Boah. Lecker!“
Dominik nahm sich selbst ein Plätzchen heraus, das Björn als Spritzgebäck identifizierte und knabberte genüsslich daran. „Danke.“
„Und du machst die alle komplett selbst? Oder deine Freundin oder deine Mama oder so?“
„Hey, traust du mir etwa nicht zu, dass ich backen kann?“, empörte sich Dominik gespielt. Dann grinste er. „Keine Freundin hab ich nicht und Mutti lässt sich immer von mir die Plätzchen bringen.“
„Da stehst du doch Ewigkeiten in der Küche!“ Björn war ehrlich von den kleinen gebackenen Kunstwerken beeindruckt. Vorsichtig beäugte er die anderen Kekse in der Dose.
„Nimm dir ruhig noch eins. Zum Essen sind sie da“, munterte Dominik ihn auf. „Ich back eben gerne. Da geht das quasi wie von selbst.“
„Wahrscheinlich kannst du auch noch kochen.“ Auch das nächste Plätzchen war nicht nur optisch, sondern auch geschmacklich absolut hervorragend, auch wenn Björn nicht wusste, wie es hieß. Es klebte jedenfalls eine Walnuss oben drauf.
„Woher weißt du das?“, fragte Dominik grinsend zurück.
„Wenn du das nur halb so gut kannst, wieso hast du kein Restaurant eröffnet?“
„Doofe Arbeitszeiten.“
„Ach so, das macht Sinn.“
„Ich bekoche lieber Freunde… Oder nette Kollegen.“
„Oha.“ Björn musterte Dominik zwischen zwei Bissen vom nächsten Keks. War das ein Flirtversuch gewesen? So, wie Dominiks Augen verschmitzt blitzten, konnte es fast nicht anders sein. „Ja, dann… Dann muss ich mich wohl mal bei dir einladen“, ging er rundweg darauf ein.
„An Wochenenden koche ich besonders gerne“, informierte ihn Dominik.
„Wie praktisch. Da habe ich auch besonders viel Hunger.“
„Geschickt. Lieber Freitag oder Samstag?“ Dominik war wohl unkompliziert. Björn hätte frühestens nach Weihnachten mit einer direkten Einladung gerechnet. „Äh, Samstag ist besser.“
„Gut, dann Samstag.“
„Gut.“ Björn fühlte sich ein bisschen überrumpelt. Unangenehm war es aber auch nicht. Eher… schmetterlingig.

Die traute Zweisamkeit mit Keks wurde durch Sven unterbrochen, der aus der Pause zurück an seinen Platz kam. „Oh, du hast wieder deine tollen Plätzchen dabei!“ Schneller als Björn gucken konnte, hatte Sven seine Nase über die Tupperdose geschoben.
„Alte Naschkatze“, lachte Dominik. „Nimm dir.“
Sven hatte sich schon einen Keks herausgesucht und kaute mit vollen Backen. „Du musst nämlich wissen“, sagte er zu Björn gewandt, „Dominik macht die besten Plätzchen der Welt!“
„Ich hab mich schon selber davon überzeugen dürfen“, sagte Björn.
„Und? Die sind doch genial, oder?“ Svens Augen leuchteten.
Björn nickte. „Da widerspreche ich dir nicht.“
Sven verzog sich an seinen Arbeitsplatz, nicht ohne sich noch zwei weitere Plätzchen zu klauen. „Ich seh schon, ich sitze wohl im falschen Büro“, stellte Björn fest. „Bei uns bringt keiner Plätzchen mit.“
„Du kannst ja jederzeit vorbeikommen und dir eins holen“, bot Dominik an.
„Jetzt muss ich glaub erst mal weiterarbeiten“, meinte Björn, „aber ich behalte das definitiv mal im Hinterkopf!“

„Ein Date? Du bist nicht mal zwei Wochen in der Firma und hast schon ein Date?“ Solveigh machte große Augen. Björn war sich nicht sicher, ob sie sich für ihn freute oder ihn zur Ordnung rufen wollte. Er hatte keine Ahnung, wie sie zu Liebeleien am Arbeitsplatz stand. „Sieht er gut aus?“, wollte sie dann neugierig wissen. Okay, wohl keine Standpauke.
„Ähm, ja. Lange Haare hat er.“
„Echt? Cool, irgendwie.“ Björn konnte Solveigh ansehen, dass sie sich einen langhaarigen Mann neben ihm vorzustellen versuchte. „Dunkle oder helle Haare?“
„Dunkel. Und fast bis zum Hintern.“
„Oh, krass. Ich dachte jetzt so… ein bisschen lang halt.“
„Nee, lang lang.“
„Und abgesehen von Haaren?“
„Braucht er sich auch nicht zu verstecken, wenn du mich fragst.“
„Ich frag dich ja“, erwiderte Solveigh und wuschelte Björn übers Haar. „Deine Haare sind aber auch ziemlich lang geworden.“
Björn betastete nachdenklich seinen Schopf. „Stimmt, ich war lang nicht beim Friseur. Ist mir noch gar nicht aufgefallen. War wohl einfach zu viel los in letzter Zeit.“
„Steht dir sogar“, meinte sie mit einem prüfenden Blick. „Kannst du so lassen.“
„Danke, Ihre Majestät. Sehr großzügig.“
„Spinner!“
Die beiden lachten und verstummten für einen Moment. Solveigh beäugte ihn aus den Augenwinkeln und stupste ihn an. „Und, wie ist das bei dir so? Flattern da schon Schmetterlinge?“
„Mal schauen“, wich Björn aus. Einen Teufel würde er tun und seiner besten Freundin verraten, dass sich durchaus schon ein paar der Flattermänner in seine Magengegend verirrt hatten. Sonst würde sie direkt ausflippen und schon die Hochzeit planen oder so etwas in der Art. Solveighs Fürsorge artete leicht in grenzenlose Euphorie aus, ungeachtet dessen, ob es dazu unter Umständen noch zu früh war. Dem wollte Björn sich nicht aussetzen, solange er selbst noch nicht mehr wusste.

Es hatte am Abend tatsächlich noch geschneit. Björn wurde am nächsten Morgen von dem orange flackernden Licht eines vorbeifahrenden Räumfahrzeugs geweckt, noch bevor der Wecker eine Chance hatte, zu klingeln. Björn beschloss, noch liegenzubleiben, bis es wirklich an der Zeit war aufzustehen. Es waren eh nur noch zehn Minuten, da würde er hoffentlich nicht mehr einschlafen. Genüsslich drehte er sich nochmal herum und räkelte sich in den Laken. Das war doch gemein, dass das Bett morgens immer am bequemsten, wärmsten, weichsten war, wenn man es verlassen sollte. Es hatte vor allem dann immer so eine starke Anziehungskraft, wenn es draußen auch noch kalt und dunkel war – so wie jetzt.

Auf der anderen Seite bedeutete aufstehen und zur Arbeit gehen auch ein Wiedersehen mit Dominik. Unwillkürlich drifteten Björns Gedanken zu dem Kollegen ab. An die Gespräche in den Mittagspausen hatte er sich schon ziemlich gewöhnt, wenn es auch meist Patrick war, der das Gespräch bestritt. Die alte Labertasche. Der war im Service schon richtig aufgehoben. Dominik hielt sich eher im Hintergrund, zog aber den Fokus dennoch stets auf sich. Zumindest den von Björn. Ja, er freute sich fast schon auf die Arbeit. Nach der kurzen Zeit, die er in der neuen Firma erst verbracht hatte, konnte man zwar noch nicht viel sagen, dennoch machte Björn die Arbeit bisher Spaß und soweit er es beurteilen konnte, war das Arbeitsklima mehr als angenehm. Bisher waren alle nett zu ihm gewesen und er hatte auch noch nicht mitbekommen, dass sich die Kollegen über einen anderen Mitarbeiter das Maul zerrissen.

Da war es in der alten Firma schon anders gewesen… Eine regelrechte Hackordnung, in der nicht die Leistung zählte, sondern das Geschick im Spinnen von Intrigen. So war es Björn oft genug vorgekommen. Er hatte sich so gut wie möglich aus dem ganzen Theater herausgehalten und sich in seiner Arbeit vergraben – und was hatte es am Ende gebracht? Nichts. Nichts außer Narben an seinen Unterarmen.

Der Handywecker nahm seinen Dienst auf, gerade rechtzeitig, um Björn vor einem Abschweifen in unangenehme Gedanken zu retten.
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Trotzdem schälte sich Björn nur widerwillig aus der warmen Decke. Im Schlafzimmer war es kalt. Zum Schlafen mochte er es nicht warm, nur zum Aufstehen war es dann ein bisschen unangenehm.

Ein Blick aus dem Fenster beim Hochziehen der Jalousie zeigte Björn, dass es ordentlich geschneit hatte. Dagegen war der Schneefall letztens nur ein Hauch Puderzucker gewesen. Es hatte über Nacht bestimmt zwanzig Zentimeter Neuschnee gegeben. Ha, da würde der heutige Schippdienst aber fluchen! Gut, dass Björn diese Woche nicht an der Reihe war.

So konnte er die weiße Pracht auf dem Weg zur Arbeit voll und ganz genießen. Er mochte es, wenn die Bäume voll Schnee lagen. Sie wirkten immer so verzaubert. Die meisten Autofahrer wirkten im Gegensatz zu den Bäumen allerdings alles andere als verzaubert. Die sahen eher verärgert aus, weil es heute langsamer voranging als sonst. Björn war das egal; er saß in seinem Bus und wusste, dass er genug Zeit hatte, um von der Haltestelle zur Arbeit zu laufen, auch wenn der Bus ein paar Minuten später ankam. Deswegen war er chronisch zu früh auf der Arbeit, wenn der Bus pünktlich war.

Hier störte ihn das aber nicht. Oft war auch Dominik so früh da und rauchte vor der Tür noch. Björn gesellte sich dann zu ihm.

Der Bus war nur wenige Minuten zu spät, sodass Björn sich nicht beeilen musste, sondern ganz normal von der Haltestelle zur Arbeit gehen konnte. Er winkte Simon und Patrick zu, die an ihm vorbei fuhren. Zu Beginn hatten sie ihm angeboten, ihn an der Bushaltestelle einzusammeln und mitzunehmen, doch Björn mochte es, ein Stück draußen zu Fuß zu gehen. Das machte ihn wacher. Sollte es mal aus Kübeln regnen, würde er das Angebot wohl annehmen.

Die Woche verging schneller als Björn lieb war. Er wurde vom Freitag quasi überrumpelt. Freitag hieß, es war Wochenende und das hieß, dass er morgen ein Date mit Dominik hatte. Dass es eins sein würde, war sonnenklar, so wie Dominik ihn in dieser Woche ansah.

Es ging auf siebzehn Uhr zu und damit auf den Feierabend. Für heute Abend hatte Björn keine Pläne. Peter wollte vorbeikommen, mal gucken, wie lang er bleiben würde. Vermutlich würden sie einen Film anschauen oder so etwas in der Art, außer Peter wollte noch ausgehen.

Mental schon auf dem Sofa, beendete Björn kurz nach fünf seine Programme und fuhr den PC herunter.
„Na, hast du was vor am Wochenende?“, sprach Simon ihn unvermutet an.
Erstaunt sah Björn auf. „Ich bin morgen zum Essen eingeladen, sonst nichts“, antwortete er.
„Ach, schade. Wir gehen morgen auf die Piste. Ich hätte dich sonst eingeladen.“
„Ein anderes Mal“, sagte Björn und versuchte, Bedauern aus seiner Stimme herausklingen zu lassen. Es war ihm ganz recht, keine Zeit zu haben. „Die Piste“ war nicht sein Lieblingsumfeld, jedenfalls wenn Simon eine Disco meinte. Mit denen hatte Björn überhaupt nichts am Hut. „Wer ist denn alles dabei?“, fragte er anstandshalber, um wenigstens ein bisschen interessiert zu klingen.
„Patrick, Sven, Martin…“, zählte Simon auf.
„Ah, cool. Ich wünsch euch jedenfalls viel Spaß“, sagte Björn und packte seine Siebensachen zusammen.
„Danke. Dir dann auch ein schönes… Date?“
„Mal sehen.“ Björn hatte keine Lust, Simon gleich alles zu verraten. Er war ein lieber Kerl und Björn mochte ihn, aber so vertraut war er noch nicht mit ihm, dass er ihm alles erzählen wollte. Vielleicht ging das Date ja auch total schief und wenn Björn niemandem vorher was verriet, gab es auch niemanden, der neugierig nachbohrte, wie es denn gelaufen war. Björn gab zu, ein elender Pessimist zu sein. Selbstredend Pessimist aus Erfahrung.

Er ging kurz nach Simon nach draußen und traf auf Dominik und Patrick, die ihre Feierabendkippe schon zwischen den Lippen stecken hatten. In Dominiks Augen blitzte für Björn deutlich sichtbar Freude auf, ihn zu sehen. Sie hatten nicht mehr über das Essen gesprochen, seit Dominik ihn eingeladen hatte. Björn hatte keine Ahnung, wo er wohnte. Es wäre wohl besser, das noch rechtzeitig herauszufinden, ehe das Date wegen so einer Lappalie platzte.

Die drei unterhielten sich kurz, dann verabschiedete sich Patrick. „Schönes Wochenende euch!“, rief er ihm Weggehen und winkte. „Tschüs“, antworteten Björn und Dominik wie aus einem Mund und mussten lachen.

„Die Einladung gilt noch, ja?“, fragte Björn, als Patrick außer Hörweite war. Er hatte keine Ahnung, ob Dominik wollte, dass er vor anderen darüber sprach. Ob er überhaupt out war, generell oder in der Firma.
„Klar gilt die noch“, antwortete Dominik, „wenn du immer noch kommen willst.“
„Ja, sicher.“ Björn lächelte ihn verlegen an. „Deine Adresse brauche ich dann aber noch.“
„Stimmt. Magst du mir deine Handynummer geben? Ich schicke sie dir dann auf WhatsApp.“ Domini zog schon sein Handy aus der Jackentasche.
„Du willst doch nur meine Handynummer abchecken“, frotzelte Björn.
„Vielleicht“, meinte Dominik mit süffisantem Lächeln. Björn streckte die Hand nach dem hingehaltenen Smartphone aus und tippte seine Nummer selbst ein. „Ich hoffe, du hast mir auch die richtige gegeben und ich lande nicht bei einer uralten Kratzbürste“, witzelte Dominik, während er das Speichern erledigte.
„Lass doch anklingeln, dann hörst du es gleich“, machte Björn den Spaß mit. Doch Dominik steckte das Handy wieder weg. „Ich vertrau mal drauf, dass du wirklich bekocht werden willst“, schmunzelte er. „Gibt es was, das du gar nicht gern isst?“
„Fenchel“, kam es wie aus der Pistole geschossen.
Verdutzt schaute Dominik ihn an. Mit dieser Antwort hatte er wohl nicht gerechnet, wahrscheinlich wohl mit etwas Üblicherem wie Tomaten oder so. „Na, wenn’s nur das ist“, sagte er dann. „Ich hab das jetzt eh nicht auf dem Radar gehabt… Sonst echt alles? Vegetarisch oder so?“
„Nö, überzeugter Fleischesser. Ich mag Rind lieber als Schwein, aber ich ess beides. Sonst fällt mir echt nix ein, sorry.“
„Unkompliziert also, das ist cool.“ Dominik lächelte. „Verpasst du eigentlich nicht deinen Bus?“, fiel es ihm dann ein.
„Oh.“ Björn sah auf sein Handy. Dominik hatte Recht. Sein Bus würde in fünf Minuten fahren – ohne ihn, denn zur Bushaltestelle brauchte er doppelt so lang. „Mist.“
„Wann fährt er denn? Kriegst du ihn noch, wenn ich dich zur Haltestelle fahre?“
„In fünf Minuten…“
„Oder soll ich dich gleich nach Hause fahren?“ Dominik hatte schon den Autoschlüssel herausgekramt.
„Oh, äh. Ich weiß nicht, ob das für dich nicht der totale Umweg ist?“
„Sag mir, wo du wohnst, dann sage ich dir, ob es ein Umweg ist.“
Björn nannte seine Straße. „Das ist nicht weit von mir“, bemerkte Dominik erfreut. Sie stellten fest, dass ihre Wohnungen Luftlinie nur einen Kilometer auseinanderlagen, grob über den Daumen gepeilt.

„Na, dann komm. Ich bring dich nach Hause.“ Dominik ging voran zu seinem Auto, einem schwarzen BMW älteren Modells. Björn folgte ihm. „Danke, das ist echt lieb von dir.“
„Kein Problem. Liegt ja in meiner Richtung, sozusagen“, grinste Dominik.

Die Ledersitze waren kalt, doch Dominik schaltete sofort nach dem Anlassen des Wagens die Sitzheizung ein, die schnell anlief. Björn genoss den ungewohnten Komfort, den ihm der Stadtbus definitiv nicht bieten konnte.

Der Feierabendverkehr machte den Weg länger, als er eigentlich dauern müsste. „Wie kommt es, dass ich dich noch nie irgendwo gesehen habe? Im X&Y oder so?“, fragte Dominik, während er sich geschickt durch den Straßendschungel hangelte.
„Ich geh kaum aus. Eher Essen mit Freunden, ins Kino oder so. Im alten Job hab ich auch immer viele Überstunden gemacht, da war ich froh, wenn ich einfach nur zu Hause war“, erzählte Björn. Okay, Dominik war wohl zumindest im Privatleben geoutet, wenn er sich schon in der einzigen offiziellen LGBT-Disco der Stadt herumtrieb. Das war gut, denn Schrankschwestern konnte Björn nicht leiden. Wenn ihn jemand danach fragte, ging er selber offen damit um, schwul zu sein. Ungefragt band er es aber nicht jedem auf die Nase, wie das manche machten. Schließlich liefen auch die anderen nicht auf der Straße herum und erzählten jedem, wie hetero sie waren.

„Klingt stressig“, sagte Dominik. „Hast du deshalb zu uns gewechselt?“
„Auch… Die haben mir gekündigt. Haben sich mit betrieblichen Gründen rausgeredet.“ Björn rollte die Augen. „Naja, war wohl auch besser so.“
„Stimmt, sonst würden wir ja immer noch fast nebeneinander wohnen und uns trotzdem nicht kennen.“
„Das auch.“ Björn lächelte. So konnte man es auch sehen. „Da vorne rechts“, wies er Dominik dann an.
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Anmerkungen zum Kapitel:Ich möchte mich für alle Reviews und Hinweise auf Fehler bei euch bedanken Smiley
Dieser lenkte das Auto in die Straße, in deren Richtung Björn gezeigt hatte. Mit dem Bus dauerte die Fahrt jedes Mal viel länger – oder kam Björn das nur so vor?
„Hier, das Haus ist es.“
Dominik stoppte und setzte den Blinker. „Dann weiß ich schon mal, wo du wohnst“, stellte er fest und lächelte breit.
„Ich weiß es morgen von dir auch“, konterte Björn. „Wenn du mir halt deine genaue Adresse nochmal schickst. Hausnummer wär ganz gut.“
„Mach ich. Soll ich ein Bettlaken aus dem Fenster hängen?“
„Ich glaube, ich find es dann auch so, danke.“ Björn schnallte sich ab und machte die Tür auf. „Danke fürs Heimbringen.“
„Kein Problem. Bis morgen! Um halb acht!“
„Ich werde pünktlich sein!“

Björn stieg aus und ließ mit einem letzten Winken die Autotür zufallen. Dominik winkte zurück und fuhr davon. Björn schaute dem schwarzen BMW nach, bis er um die Ecke verschwunden war. Es hatte wieder angefangen zu schneien. Verhalten rieselten einzelne Flocken vom Himmel und es war so kalt, dass der Schnee mit Sicherheit liegenbleiben würde. Vielleicht sogar bis Weihnachten?

Den Schal enger um den Hals ziehend, überquerte Björn die Straße und ging ins Haus. Jemand hatte den Flur weihnachtlich dekoriert. Bestimmt war es wieder Frau Maier gewesen, die im ersten Stock wohnte. Sie war Frührentnerin und wusste nicht, was sie mit all der Zeit anfangen sollte, die sie hatte. Im Gegensatz zu anderen war sie glücklicherweise nicht zu einem verbitterten Lästerweib geworden, sondern machte sich einen Spaß daraus, tausende von Deko-Sachen zu basteln und auf Flohmärkten zu verkaufen. Den Hausbewohnern machte sie auch zu jeder passenden Gelegenheit eine Freude mit passender Dekoration. Jetzt war es ein mit vielen kleinen Lichtern beleuchtetes Rentier aus Korbgeflecht, das auf einem Boden aus Tannenzweigen und Glaskugeln stand. Es verfehlte seine Wirkung nicht: ohne dass er es merkte, hatte sich ein Lächeln auf Björns Lippen geschlichen. Er freute sich jetzt auf eine Dusche, sein Sofa und eine Tafel Lindt-Weihnachtsschokolade. Und natürlich seine Lichterkette.

Peter schaute an diesem Abend nur kurz vorbei, denn er hatte noch weitere Pläne. Er wollte mit seinen Kumpels feiern gehen. In seiner Stammkneipe spielten mal wieder ein paar Bands, die er sich nicht entgehen lassen wollte.

So blieb es Björn selbst überlassen, sich gemütlich auf dem Sofa einzukuscheln und sich einen Film auszusuchen. Netflix, die Gnade Gottes an die Filmsüchtigen!

Gerade hatte er sich eine seichte Komödie ausgesucht – auf etwas Anspruchsvolleres hatte er keine Lust – schon meldete sein Handy eine neue Nachricht. Sie war von Dominik. Als Björn das sah, konnte er sich einen kleinen Herzhüpfer nicht verkneifen. Vor morgen Nachmittag hatte er gar nicht damit gerechnet, dass Dominik sich meldete.

Dominik schickte ihm seine Adresse und fragte mit einem zwinkernden Smiley, ob Björn auch gut nach Hause gekommen war. Grinsend antwortete Björn, dass er das wohl eher ihn fragen müsste. Schließlich habe er es weiter gehabt als er.

Es entspann sich eine Unterhaltung über WhatsApp, die dafür sorgte, dass Björn von dem Film, den er sich ausgesucht hatte, gerade mal die Hälfte mitbekam. Als ihm das auffiel, war es ihm schon fast selbst peinlich. Er war doch kein Teenager mehr! Wahrscheinlich grinste er genauso grenzdebil wie ein Fünfzehnjähriger, der das erste Mal verknallt war.

Der Samstag floss zäh wie alter Kaugummi vor sich hin. Björn wachte viel zu früh, jedoch seltsam ausgeschlafen auf und wusste nicht, was er mit sich anfangen sollte. Er wanderte rastlos in seiner Wohnung auf und ab wie ein Tiger im Zoo, bis es ihn selbst nervte und er beschloss, dass er auch etwas Sinnvolles machen und Solveighs Geschenk einkaufen gehen konnte.

Mit dem Bus fuhr er in die Stadt und schlenderte vom Busbahnhof zur Fußgängerzone. Es schneite dicke Flocken. Das perfekte Wetter, um Weihnachtsgeschenke einzukaufen. Da störte es Björn auch wenig, dass ihm ständig Flocken auf der Nase landeten und ihn kitzelten. Er hatte gute Laune – etwas, was ihm lang in der Form nicht mehr passiert war.

Er steuerte zielstrebig die Buchhandlung an. Früher hatte er sehr gern gelesen, doch mit der Zeit war das Lesen völlig in den Hintergrund gerückt. Sein von der Arbeit überfordertes Hirn hatte sich nach Feierabend gegen jegliche Denkarbeit gewehrt und maximal Hintergrundgedudel des Fernsehers oder Radios zugelassen. Björn hatte sich nicht mal mehr die Mühe gemacht, aufzupassen oder es zumindest zu versuchen. Irgendwann lag er nach der Arbeit nur noch auf dem Sofa wie ein lebender Toter, ließ sich berieseln, wechselte irgendwann ins Bett und ging am Morgen wieder zur Firma.

Umso mehr genoss es Björn jetzt, die Räume der Buchhandlung zu betreten. Es roch wunderbar nach Büchern und nach Weihnachten. Das kam von dem Gesteck mit Orangenscheiben und Zimtstangen, das neben der Kasse auf dem Tresen stand.

Zwei opulent geschmückte Weihnachtsbäume standen im Laden. Als Anregung für die Kunden hatte man die aktuellen Neuerscheinungen beliebter Autoren und Spiegel-Bestseller darunter aufgebaut.

Björn kannte Solveighs Lieblingsautoren und musste nicht lang suchen. Er hatte vorab schon gegoogelt, ob es von einem davon einen neuen Roman gab und war fündig geworden. Klar, zu Weihnachten erschienen viele neue Bücher, da war die Chance groß, dass auch von Solveighs Favoriten einer ein neues Buch herausbrachte.

Er hatte das Buch, das er Solveigh schenken wollte, bald gefunden. Trotzdem bummelte er noch eine ganze Weile gemütlich durch die Regale, nahm das eine oder andere Buch heraus, um den Klappentext zu lesen oder ein bisschen darin zu blättern. Zum Schluss kam er nicht umhin, eines mitzunehmen, das sich interessant anhörte. Vielleicht würde er ja zwischen den Jahren dazu kommen, es zu lesen. Mit seiner Familie hatte er ja nichts zu tun, da fiel dieser Teil für ihn weg. Björn war auf niemanden neidisch, der zu Weihnachten einen Verwandtschaftsmarathon hinzulegen hatte.

Die junge Frau an der Kasse packte ihm das Buch mit geübten Handgriffen in schickes Papier ein und klebte das Band mit einem Aufkleber fest, ehe sie ihm frohe Weihnachten und einen guten Rutsch wünschte. Björn verließ den Laden, hatte aber noch keine Lust, wieder nach Hause zu gehen. Seine Wohnung kam ihm auf einmal so langweilig vor. Es war gerade einmal halb drei, bis halb acht war es noch so lang.

Björn schlenderte durch die Fußgängerzone und machte einen Abstecher in die Drogerie, weil ihm einfiel, dass er noch Zahnpasta brauchen konnte. Weil es auch hier vor Geschenkangeboten wimmelte, konnte er sich die Zeit vertreiben und alles anschauen. Manchmal bummelte er ganz gern durch die Läden. Meistens jedoch war einkaufen nur eine lästige Pflicht, die Stress bedeutete.

Letztlich hatte Björn genug gebummelt und machte sich wieder auf den Heimweg. Natürlich hatte er nicht nur seine Zahnpasta gekauft, sondern auch eine Packung Elisenlebkuchen und eine Tüte von Lebkuchen, die mit Schokolade überzogen waren. Eine davon würde er heute Abend mitnehmen, wenn er zu Dominik ging. Ganz ohne Gastgeschenk wollte er irgendwie nicht auftauchen, wenn auch die gekauften Lebkuchen wohl kaum gegen Dominiks Superplätzchen anstinken konnten. Kurz hatte er überlegt, ob er einen Wein oder sowas mitbringen sollte, aber er hatte keine Ahnung, ob Dominik das mochte und selbst war er auch kein großer Fan von Wein beziehungsweise Alkohol im Allgemeinen.

Mit Einbruch der Dämmerung kehrte Björn in seine Wohnung zurück. Nach kurzem Überlegen machte er die Elisenlebkuchen auf und genehmigte sich zwei Stück als verspätetes Mittagessen. Er würde die kleinen Lebkuchen mitnehmen.

Trotzdem war es noch eine Weile hin, bis er sich auf den Weg machen konnte. Zu Fuß würde er gut fünfzehn Minuten brauchen, das war nicht viel. Vorausgesetzt, er fand es gleich. Für den Notfall hatte er ja Dominiks Nummer und konnte um Hilfe rufen.
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Von Solveigh und Peter kamen noch ein paar Nachrichten. Solveigh freute sich natürlich riesig über das Date und gab ihm ungefragt noch ein paar letzte Tipps. Er solle bloß darauf achten, dass seine Unterhose kein Loch hatte. Björn rollte mit den Augen, als er das las. Er hatte heute nicht vorgehabt, sich direkt die Kleider vom Leib zu reißen. Er glaubte auch kaum, dass Dominik es darauf gleich beim ersten Date abgesehen hatte. Zumindest machte er auf Björn diesen Eindruck nicht.

Er duschte und suchte sich aus dem Schrank Klamotten aus, die nicht zu schick waren, aber auch nicht völlig verratzt. Schwarz war doch gut, wenn man bei einem Metaller zum Essen eingeladen war, oder? Und die Levis standen ihm auch gut, das wusste er.

Viel zu früh war Björn fertig. Immer noch über eine Stunde, bis er überhaupt mal darüber nachdenken konnte, die Schuhe anzuziehen. Er schaltete seine Lichterkette ein und surfte auf Facebook, immer die Uhr im Display seines Smartphones im Blick.

Schließlich war es soweit. Björn beschloss, dass er jetzt schon losgehen konnte. Er könnte ja gemütlich schlendern anstatt sich zu beeilen, dann wäre er eventuell nicht viel zu früh da. Er stattete sich mit Jacke und Schuhen aus und machte sich auf den Weg.

Seit dem Nachmittag hatte es noch einmal ordentlich abgekühlt. Der Schneefall war weniger geworden. Eine dünne Schicht frischen Schnees knirschte unter Björns Schuhen, während er die langen Häuserreihen entlang ging. Dreimal hatte er schon überprüft, ob er das Handy wirklich eingesteckt hatte. Nicht, dass er den Straßennamen vergaß oder es nicht fand und anrufen musste! Rational betrachtet war beides unwahrscheinlich. Björn kannte die Gegend um sein Haus schon halbwegs und die Straße, in der Dominik wohnte, war nicht allzu weit entfernt. Den Namen der Straße hatte er schon vorher gekannt und die Chance war gering, dass er ihn innerhalb der nächsten zwanzig Minuten vergaß.

Björn erreichte die Straße viel früher als gedacht. Es war erst zehn nach sieben. Er blieb an der Straßenecke stehen, überlegte, ob er noch ein paar Meter gehen sollte. Da sich der Schneefall wieder verstärkte und Wind aufkam, verwarf er die Idee direkt wieder. Lieber wollte er schon einmal das richtige Haus suchen.

Er musste die Straße über die Hälfte durchqueren, bis er die richtige Nummer gefunden hatte. Das Haus, in dem Dominik lebte, war ein Wohnblock wie alle anderen hier in der Straße. Man hatte dasselbe Haus einfach zehnmal gebaut. Wunderschön hässlich. Für kein Geld der Welt hätte Björn hier wohnen wollen; die Umgebung würde ihn noch depressiver machen als er ohnehin schon war. Mit seinem Haus, in dem zwar auch zehn Parteien wohnten, das aber wie alle anderen in der Straße über eine mehr oder weniger eigene Architektur verfügte, war er deutlich zufriedener. Hier hatte man auch am Grün gespart, während in Björns Straße einige Rasenflächen und Bäume verteilt worden waren.

Naja, nur weil das Haus nicht schön war, hieß das ja noch lange nicht, dass Dominiks Wohnung ungemütlich war. Björn umrundete das Haus auf einem schmalen steingeplättelten Weg und fand sich vor einer Haustür mit einer Vielzahl Klingeln. Zum Glück hatte er auf der Arbeit gestern nochmal nachgeschaut, wie Dominik mit Nachnamen hieß. Da sich alle in der Firma duzten, hatte er nur die Vornamen drauf.

Schnell fand er die richtige Klingel, zögerte jedoch. Ob er wirklich jetzt schon klingeln sollte? Er war immer noch zehn Minuten zu früh. Andererseits wurde es immer kühler und windiger.

Björn gab sich einen Ruck und drückte die Klingel. Es dauerte nicht lang, bis ihm die Tür geöffnet wurde. Da er nicht genau wusste, in welchem Stock Dominik wohnte, stieg Björn einfach mal die Treppen hinauf und hoffte, dass Dominik ihn abfangen würde.

Dominik wartete in seiner Wohnungstür bereits mit einem breiten Lächeln auf Björn. „Hey, hallo!“
„Sorry, dass ich zu früh bin. Ich bin etwas früher losgegangen…“
Dominik zog ihn umstandslos für eine kurze Begrüßungsumarmung an sich. „Ich hab’s mir fast gedacht. Komm rein.“
Björn hatte die Umarmung nicht kommen sehen und erwiderte sie erst nach einer Sekunde. Dann folgte er Dominik in den Flur. Während er Jacke und Schuhe auszog und an der Garderobe unterbrachte, schaute er sich neugierig um. Die Wohnung schien vor nicht allzu langer Zeit renoviert worden, denn alles sah ziemlich neuwertig aus. Der dunkle Holzboden war ja gerade modern und Björn musste zugeben, dass ihm dieser Trend auch ganz gut gefiel. Dominik wartete, bis er mit Jacke ausziehen fertig war. „Schön, dass du da bist.“
„Ich bin schon gespannt, was du mir aufgetischt hast.“ Björn schnupperte gleichzeitig neugierig und demonstrativ. Es roch nach Braten, ganz eindeutig. „Hier, ich hab auch einen Nachtisch mitgebracht. Sowas in der Art jedenfalls.“ Dabei streckte er Dominik die Tüte mit den Lebkuchen hin. „Cool, danke. Ich hoffe, ich treffe mit dem Hauptgang deinen Geschmack“, sagte Dominik, „ich hab heute was ganz klassisches gemacht, aber mit Special Features.“
„Drogen?“, fragte Björn augenzwinkernd.
Dominik lachte. „Nee, das hab ich leider keine. Magst du Gans?“
„Gans?“ Björn war ehrlich überrascht. So klassisch also. Er hatte eher was Italienisches erwartet, vielleicht Pizza oder Nudeln. Dass jemand in seinem Alter ein Gänsegericht machte, war eher ungewöhnlich – ihm selbst wäre das nie in den Sinn gekommen.

Dominik schaute ihn immer noch fragend an. Er hatte wohl zu antworten vergessen. „Ja, ich mag Gans, klar.“
„Cool, freut mich. Ich war mir echt unsicher. Aber ich hatte so viel Lust, dieses Rezept mal auszuprobieren“, sagte Dominik entschuldigend.
„Ist doch super. Ich hab ewig keine Gans mehr gegessen.“ Björn versuchte sich zu erinnern, wann das gewesen war. Vielleicht als Kind zu Hause bei den Eltern? Das war möglich.

„Ist auch gleich fertig“, sagte Dominik. „Komm, wir essen da drüben.“
Er führte ihn in das große Wohnzimmer, in dem auch ein Esstisch stand, an dem sechs Personen locker Platz fanden. Heute war er aber nur für zwei gedeckt, allerdings ohne Teller, dafür mit Kerzen.

„Oh, Candlelight Dinner“, sagte Björn. Dominik lächelte wieder dieses verlegene Lächeln, das Björn so gar nicht von ihm kannte. Auf der Arbeit war Dominik immer sehr selbstbewusst. „Ja, wenn schon, dann richtig“, sagte er dann doch und zückte sein Feuerzeug, um die Kerzen anzuzünden.

Auf der anderen Seite erstreckte sich eine gemütlich aussehende Wohnlandschaft voller flauschiger Decken gegenüber von einem schicken flachen Fernseher. Alles war ordentlich aufgeräumt, jedoch nicht so sehr, dass es klinisch rein war.

„Schöne Wohnung“, sagte Björn. Eine Terrassentür führte nach draußen auf einen Balkon, von dem er jetzt natürlich nichts erkennen konnte. Dafür schlängelte sich aber eine Lichterkette um den Rahmen der Terrassentür, die bereits eingeschaltet war. Die kleinen Lämpchen spiegelten sich in der Scheibe. An den Wänden gab es ein paar Bilder und Plakate, die Dominiks Metal-Ich zeigten.

„Danke. Ich fand sie auch super. Das Haus drumherum ist zwar grottenhässlich, aber macht mir nichts. Hier drin ist es schön.“
„Genau das gleiche hab ich mir vorhin auch gedacht. Dass das Haus ziemlich hässlich ist.“ Björn musste grinsen.
„Dann hab ich ja gleich mal einen guten ersten Eindruck gemacht.“ Bei seinen Worten lächelte Dominik ebenfalls; er nahm Björn seine Ehrlichkeit augenscheinlich nicht übel.
„Ich besuche ja dich, nicht das Haus“, hielt Björn dagegen.
„Zum Glück. Magst du schon mal was trinken? Ich hab Wasser, Cola, Radler…“
„Ich bleib glaub bei Wasser, danke.“
„Setz dich, ich komm gleich wieder.“

Björn ließ sich auf dem Stuhl nieder, dessen Lehne zur Wand zeigte. Erst jetzt, als er sich in Ruhe noch ein bisschen umschauen konnte, fielen ihm die etwas ungewöhnlicheren Details auf. Die Wohnwand, auf der der Fernseher stand, beherbergte als Deko ein großes Horn in einem mit Fell ausgekleideten Holzständer und einen Ziegenschädel auf einem Metallfuß. So etwas hatte Björn noch nie gesehen. Er stand auf und ging hinüber, um sich die beiden Gegenstände genauer anzugucken.

Der Schädel musste echt sein, war aber nachträglich noch verziert worden. Auf das Horn konnte sich Björn weniger Reim machen.

„Gefällt es dir?“, hörte er Dominiks Stimme in seinem Rücken.
„Es ist ungewöhnlich“, gab Björn zu.
Dominik ging zum Tisch, um die mitgebrachten Gläser abzustellen, ehe er neben Björn trat. „Das ist mein Trinkhorn“, sagte er. Björn legte den Kopf schief und sah ihn fragend an. Von einem Trinkhorn hatte er noch nie etwas gehört. Dominik lachte. „Man füllt was rein und trinkt es. Meistens Bier oder Met.“
„Da draus?“ Björn hatte keine Ahnung, wie man es bewerkstelligen sollte, aus diesem riesigen gebogenen Horn zu trinken, ohne sich dabei mit dem Inhalt zu duschen.
„Geht mit ein bisschen Übung ganz gut. Ich kann’s dir ja bei Gelegenheit beibringen.“ Dominik zwinkerte ihn an. „Jetzt hole ich mal das Essen, das ist jetzt nämlich fertig. Bitte Platz zu nehmen, der Herr.“ Dabei deutete er einen Diener an und wies zum Tisch hinüber.
„Spinner“, sagte Björn, setzte sich aber brav an seinen Platz.
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Dominik verschwand in der Küche, um kurz darauf mit zwei Tellern zurückzukehren. Auf jedem befand sich eine liebevoll hin dekorierte Portion Gans mit Knödelscheiben, Soße und Blaukraut, garniert mit einem Thymianzweig.

„Ich frage dich nochmal: Warum bist du nicht Koch geworden?“ Björn guckte völlig baff auf das Kunstwerk vor seiner Nase. So ein Essen bekam man doch nur im Restaurant!
„Sei friedlich und probier erst mal.“ Dominik setzte sich ihm gegenüber.
„Wenn das nur halb so gut schmeckt, wie es aussieht…“
„Mal gucken. Das Blaukraut hab ich so noch nie gemacht, ich bin aber ganz zufrieden damit.“
„Sind da die Special Feature-Drogen drin?“, fragte Björn. Dominik nickte. „Ganz genau!“

Neugierig nahm Björn ein Häppchen davon. Es schmeckte völlig ungewohnt und süßlich – einfach genial. So etwas hatte er noch nie gegessen. Er konnte auch überhaupt nicht einordnen, was es war, das diese Geschmacksexplosion auslöste.

„Das ist ja der Hammer! Was ist da drin?“
„Rate!“ Dominik grinste. Ganz offensichtlich war er sehr zufrieden mit seinem Werk.
„Warte, erst muss ich die Gans probieren. Nicht, dass die gar nicht schmeckt“, witzelte Björn. Nach dem Kraut war er restlos davon überzeugt, dass Dominik ein hervorragender Koch war. Natürlich schmeckte die Gans einwandfrei, war zart und genau richtig gewürzt.

Er wandte sich wieder dem Kraut zu und strengte seine Geschmacksknospen an. Es schmeckte auf jeden Fall irgendwie weihnachtlich; Björn hatte jedoch nicht den leisesten Hauch einer Ahnung, wie Dominik das hinbekommen hatte. „Komm, verrat’s mir“, bat er.

„Cassis“, sagte Dominik. „Cassis-Sirup, ein Hauch Zimt und ein paar Orangenscheiben mitgekocht.“
„Da wäre ich im Leben nicht drauf gekommen!“ Björn war ehrlich beeindruckt. „Das ist total ungewöhnlich. Aber echt genial!“
„Danke für die Blumen.“ Dominik freute sich sichtlich, dass er Björns Geschmack getroffen hatte.

Sie aßen beide noch eine zweite Portion. Björn hätte gern mehr gegessen, aber seine Magenkapazität war am Limit. Er konnte sich doch bei einem ersten Date nicht gleich sinnlos überfressen! Wie sah das sonst aus.

„Wie war das eigentlich, wolltest du mir nicht Metal beibringen?“, fragte Björn. Dominik lachte. „Klar, wenn du magst immer gern. Können wir gleich nachher machen.“

Nach dem Essen stellte Dominik die Kerzen auf den Couchtisch und sie zogen um. Dominiks smarter Fernseher konnte Youtube, was sich hervorragend eignete, um Metal zu üben, wie Dominik behauptete. Björn war sich sicher, dass Dominik fand, seine Couch eignete sich auch hervorragend für alles Mögliche andere, doch er hatte nichts dagegen, dass ein wenig amore in der Luft lag. Dass sie vorhanden war, war unbestreitbar, auch wenn Dominik ihn nicht gerade schamlos anbaggerte. Er konnte das subtil und warf Björn Blicke zu, die ihm direkt das Rückenmark hinunterkrochen.

Dass bloße Blicke in ihm so etwas auslösten, war schon lang her. Sehr lang. Das mit den Beziehungen hatte Björn in den letzten Jahren mehr als vernachlässigt. Ob er das alles überhaupt noch konnte? Wenn er zurückrechnete, hatte er schon mindestens fünf Jahre keinen Sex mehr gehabt. Wie auch, wenn er immer müde und zerschlagen war. Zu seinen schlechtesten Zeiten hatte er sogar ewig gebraucht, um seine Hand nach der Wasserflasche auszustrecken und zu trinken, weil ihm jede Bewegung fürchterlich anstrengend vorgekommen war. Da war an körperliche Aktivitäten nicht ansatzweise zu denken gewesen.

„Alles okay?“, fragte Dominik. Björn schaute ihn verwundert an, bis ihm auffiel, dass er schon seit ein paar Minuten wie bestellt und nicht abgeholt vor dem Sofa stand. Wie peinlich. Zum Glück wurde er nicht so leicht rot im Gesicht. „Tut mir leid. Ich war grade irgendwie in Gedanken versunken, sorry“, entschuldigte er sich rasch und ließ sich auf dem Sofa nieder.
„Das hab ich gesehen“, sagte Dominik und musterte ihn. „Sah nicht nach schönen Erinnerungen aus.“
„Stimmt. Tut mir leid.“
„Trottel. Entschuldige dich nicht für sowas.“ Dominik verpasste ihm einen leichten Klaps auf die Schulter. Die Berührung war nicht unangenehm, eher elektrisierend, obwohl sie überhaupt nichts verführerisches an sich hatte. Das mussten Endorphine sein oder so etwas in der Art.

Ohne weiter darauf einzugehen, schaltete Dominik den Fernseher an und wählte Youtube aus. „So, womit fangen wir denn an?“, überlegte er laut. „Ghost vielleicht?“
„Ich hab keine Ahnung, wovon du redest.“ Björn grinste. Ihm sagte die Band überhaupt nichts. „Lass laufen.“
Dominik schaltete das erstbeste Video ein und legte die Fernbedienung weg. Autoplay würde sich um den Rest kümmern.

„Klingt gar nicht schlecht“, fand Björn, nachdem sie ein paar Minuten schweigend zugehört hatten. Dominik hatte mit dieser Band auch etwas herausgesucht, was dem, das Björn kannte, recht ähnlich war.
„Gut, Lektion 1 erfolgreich abgeschlossen. Wir machen aus dir noch einen super Metalhead“, frotzelte Dominik.
„Auf welche Festivals gehst du so? Kenne ich da welche?“ Björn schielte neugierig zu Dominiks Handgelenk. Der zuckte die Schultern. „Sagen dir Summerbreeze oder PartySan was?“
„Nee. Ich kenne Rock im Park.“
„Tss“, machte Dominik. „Da läuft nicht gerade meine Musik. Warst du mal dort?“
„Ja, aber ist schon zehn Jahre her, mindestens. Damals, als ich für sowas noch Zeit hatte…“ Bei der Erinnerung an den Festivalbesuch stellte Björn fest, wie alt er geworden war. „Da war ich noch jung und knackig. Boah, ist das lang her.“
„Na na, so verschrumpelt bist du aber noch nicht.“
„Jung aber auch nicht mehr.“
„Ja, alter Mann. Du kannst doch höchstens fünfundzwanzig sein“, raspelte Dominik Süßholz. Björn lachte. „Ja, wahrscheinlich seh ich aus wie fünfundvierzig.“
„In dem Fall steh ich wohl auf Ältere.“ Frech grinste Dominik Björn an. Der war für einen Moment sprachlos. Huch, das war aber direkt gewesen.

„Was, sprachlos?“, zog Dominik ihn auf. „Vielleicht ein bisschen?“, gab Björn zu. Dominiks lockere, ehrliche Art überforderte ihn ein Quäntchen, war ihm aber nicht unangenehm. Dominik wiegte den Kopf. „Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass du nie Komplimente bekommst.“
„Ist schon ne Weile her. Ich kann mich aber noch dunkel dran erinnern, was das ist.“
„Immerhin. Ich wird dich wieder dran gewöhnen, okay, Hübscher?“
Björn streckte ihm die Zunge raus. „Lügen musst du deswegen aber noch lang nicht.“
„Die reine Wahrheit“, behauptete Dominik im Brustton der Überzeugung.
„Spinner.“ Björn fand sich nicht unbedingt hässlich, aber eben auch nicht herausragend hübsch. Er wusste, dass er zu dünn war. Kein Wunder, wenn er das Essen immer vergaß, außer jemand erinnerte ihn daran. „Wie ist das eigentlich auf der Arbeit? Hast du dich da geoutet?“ Die Frage brannte ihm schon etwas unter den Nägeln. Das Thema betraf ihn ja auch selbst.
„Ja“, sagte Dominik, als wunderte er sich über die Frage. „Warum?“
„Nur so. In meiner alten Firma wär das undenkbar gewesen. Verrückt, ich weiß.“ Björn zuckte die Schultern. „Aber da gab‘s auch noch diese altbackene Regel von wegen keine Beziehungen zwischen Angestellten und so.“
„Wow, wie im letzten Jahrhundert.“ Angewidert schüttelte Dominik den Kopf. „Bei uns ist das nicht so. Was haben die gemacht, wenn sich da ein Ehepaar beworben hat?“
„Verheiratet war okay. Ich hab aber den Unterschied nie kapiert.“
„Ich schätze mal, dass da keine besondere Logik dahinter steckt“, meinte Dominik. Björn nickte. „Wahrscheinlich nicht, hast Recht…“
„Hätten die dich gefeuert, wenn du dich geoutet hättest?“
„Keine Ahnung. Aber haben sie ja auch so, die Idioten.“
Türchen 13
„Gut für mich jedenfalls.“ Dominik grinste und rutschte ein Stück näher, was Björns Körper zu lustigen, kribbeligen Reaktionen verleitete. „Sonst hätte ich dich ja gar nicht kennengelernt.“
„So gesehen haben sie mir einen Gefallen getan“, stimmte Björn zu. „Das war eh zu stressig dort.“ Er beobachtete Dominiks Hand dabei, wie sie sich verstohlen in seine Richtung tastete. Dominik machte dazu ein höchst unschuldiges Gesicht, das Björn schmunzeln ließ. „Dann ist es ja sowieso besser so, wie es jetzt ist, oder?“
„Definitiv.“
Die Hand erreichte Björns. Obwohl die Berührung nur leicht und vorsichtig war, löste sie in Björns Körper ein aufgeregtes Kribbeln aus. „Die Kollegen sind auch viel netter“, schaffte er es, das Gespräch nicht absterben zu lassen.
„Das will ich hoffen.“ Dominiks Stimme klang unverändert, aber Björn sah das spitzbübische Vergnügen in den dunklen Augen aufblitzen. Dominik ließ die Finger spielerisch über seine Hand wandern.
„Sie kochen auch deutlich besser“, sagte Björn mit trockener Kehle. „Glaub ich zumindest“, fügte er hinzu, „bisher hat mich noch kein Kollege zum Essen eingeladen.“
„Gehen wir einfach mal davon aus“, fand Dominik, fasste Björns Handgelenk und zog ihn zu sich, so nah, dass sich ihre Nasenspitzen beinah berührten. Die Spannung zwischen ihnen musste gleich zu knistern anfangen. Björn hätte sich nicht gewundert, wenn plötzlich kleine Blitze gezuckt hätten. Lang würd er es so nicht mehr aushalten. Entweder müsste er flüchten oder Dominik küssen.

Weil Dominik abwartete, entschied sich Björn zu seinem eigenen Erstaunen für das letztere. Zaghaft berührte er Dominiks Lippen mit den seinen. Es war schon Ewigkeiten her, seit er das letzte Mal jemanden geküsst hatte. Nicht, dass er es noch verlernt hatte! Doch Dominik erwiderte den zugegeben etwas schüchternen Kuss so geschickt, dass Björn rasch mutiger wurde.

„Hm“, machte Dominik, als sich ihre Lippen schließlich trennten. „Du schmeckst gut. Ein bisschen wie Cassis, Orange und Zimt.“
„Na sowas“, tat Björn überrascht. Sein Herz klopfte ihm bis zum Hals und seine Knie schienen bloß noch aus Plätzchenteig zu bestehen. „Hab ich extra gemacht“, behauptete er dann, „damit du mir nicht gleich wieder davonläufst.“
„Werd ich schon nicht. Ich finde das hier ganz gut so.“
„Super, mir geht’s zufällig genauso.“
„Warte, jetzt hab ich vergessen, wonach du alles schmeckst. Zimt, Orange und das dritte hab ich jetzt nicht mehr so richtig im Kopf.“ Mit diesen Worten legte Dominik die Hand in Björns Nacken und zog ihn für einen erneuten Kuss an sich. Zu gern folgte Björn der Aufforderung. Flucht wäre mit diesen wackeligen Beinen eh ein hoffnungsloses Unterfangen gewesen.

„Apropos“, fiel es Björn in der nächsten Kusspause ein. „Da sind noch Lebkuchen als Nachtisch…“
„Du reichst mir eigentlich völlig aus.“ Dominik schnurrte beinahe.
„Und Kekse. Du hast Kekse!“
„Bin ich nicht süß genug?“
„Wenn ich’s mir recht überlege… Doch. Eigentlich schon.“

Zufrieden kuschelte sich Dominik an Björn. „Ich wäre beleidigt gewesen, hättest du was anderes gesagt.“
„Du musst zugeben, dass deine Plätzchen schon eine starke Konkurrenz sind. Du bist selber schuld, wenn du mich damit anfixt.“ Erstaunlich, wie präsent der Gedanke an die Weihnachtsplätzchen in so einem Moment sein konnte.

„Du wirst keine Ruhe geben, bis ich dir welche geholt habe, oder?“ Dominik lachte leise auf. Björn wiegte den Kopf. „Wer weiß?“
Dominik setzte sich auf. „Na gut. Einen Moment.“ Er verließ Björn nicht ohne einen kurzen Abschiedskuss. Björn hörte, wie Dominik in der Küche mit den Keksdosen klapperte und beschloss kurzerhand, ihm zu folgen.

„Das sind ja ganz schön viele Dosen“, stellte Björn fest, während er sich in den Türrahmen lehnte. Die Küche war nicht riesig, aber gut geschnitten, sodass man trotzdem genug Platz hatte. Dominik drehte sich erstaunt herum. „Ja, gut, dass du mir helfen kommst, fast hätte ich den Überblick verloren…“
„Das geht ja gar nicht.“ Björn trat näher und streckte neugierig die Nase über die Dosen. „Wie viele Sorten sind denn das überhaupt?“
„Ähm… zehn…“
„Alter! Du bist ja irre“, entfuhr es Björn. Er fischte sich aus der Dose, die Dominik gerade in der Hand hielt, ein Butter-S. „Aber lecker ist es!“, sagte er mit vollem Mund.
„Jeder braucht ein Hobby.“ Dominik grinste.
„Behalt das bloß, ich find dein Hobby super.“
„Ich hoffe, nicht nur mein Hobby.“ Dominik legte ein paar Butter-S in den bereitgestellten Teller und verschloss die Dose sorgfältig, um dann nach der nächsten zu greifen.
„Nicht nur das. Deine Wohnung gefällt mir schon auch ganz gut.“
„Was für eine Gemeinheit. Das gibt einen Strafkuss.“
„Hier und jetzt und auf der Stelle? Bin dabei!“ Jetzt, wo er wieder damit angefangen hatte, wollte Björn schon gar nicht mehr damit aufhören. Oder war es besser, zum Knutschen zurück aufs Sofa zu gehen, nicht, dass ihm die Beine mitten in der Küche versagten?

Dominik nahm ihm die Entscheidung ab, indem er ihn an sich zog und kurz küsste. „Hey, das war aber kaum Strafe. Viel zu kurz“, beschwerte sich Björn. Dominik streckte ihm die Zunge raus. „Wenn dieser Keksteller heute noch voll werden soll, darfst du mich nicht abhalten.“
„Ja, dann…“ Kekse waren ein Argument.

Nachdem der Teller drei Küsse mit unterschiedlichen Geschmacksrichtungen – Schokoladenbrot, Nussecke und Spritzgebäck – später endlich seine maximale Füllhöhe erreicht hatte, verzogen die beiden sich wieder aufs Sofa.

„Was macht ein Björn so an Weihnachten?“, wollte Dominik wissen, während er Björn ein Terrassenplätzchen in den Mund schob. Dieser musste erst kauen und schlucken, eher er antworten konnte. „Mh, lecker. Ich mach nichts Besonderes. Kein Familienkram oder so.“
„Weil du keine Familie hast?“
„Das schon, aber nichts mehr mit ihnen zu tun. Bisschen schwierig.“
Dominik fragte nicht weiter, sondern sagte nur „Ach so.“
„Und du?“ Björn suchte seinerseits ein Plätzchen heraus, das Dominik als nächstes schmecken könnte.
„Ich bin bei meiner Familie. Die wohnen hier in der Stadt. Aber da bin ich nur zu Heiligabend, das reicht uns immer.“
„An diese Marathonbesuche bei der Verwandtschaft erinner ich mich noch gut. Das war immer so anstrengend.“
„Wir könnten ja an den Feiertagen irgendwas zusammen machen“, schlug Dominik vor. „Klingt gut.“ Das klang zugegebenermaßen nicht nur gut, sondern fantastisch, fabelhaft, genial… Die letzten paar Weihnachten waren immer ziemlich einsam für Björn gewesen. Tagelang waren alle seine Freunde mit ihren Familien beschäftigt und er lungerte zu Hause vor dem Fernseher herum. Das machte er zwar sonst auch, aber an Weihnachten war es was anderes. Vielleicht war es auch die Aussicht auf erneute einsame Feiertage gewesen, die ihn dazu gebracht hatte, sich mit einer Rasierklinge ins Bad zu begeben.

„Woran denkst du?“, fragte Dominik. Er hatte Björns abdriften gleich bemerkt. Das würde er sich dringend wieder abgewöhnen müssen. „Die letzten Jahre waren immer recht einsam“, blieb Björn zumindest teilweise bei der Wahrheit.
„Kann ich verstehen. Ich freu mich schon immer darauf, alle wiederzusehen.“
„Darauf kann ich jetzt allerdings verzichten“, sagte Björn trocken. Nein, auf seine Familie hatte er nicht die geringste Lust. Die letzten Weihnachtsfeste und sonstigen Familienfeiern waren von Streitereien und Gezicke geprägt gewesen. Obwohl sich alle gegenseitig nicht leiden konnten, traf man sich zu runden Geburtstagen oder an den Weihnachtsfeiertagen, aß, stritt und regte sich fürchterlich auf, um anschließend zu Hause über die anderen zu schimpfen.

Das erzählte er auch Dominik, bevor der sich wieder darüber wunderte, woran Björn dachte. Dominik machte ein gequältes Gesicht. „Okay, das ist echt nicht so cool.“
„Da ist allein sein doch besser.“
„Dieses Jahr bist du nicht allein“, versprach Dominik und zog Björn zu sich. Dieser Kuss war intensiver als die vorherigen. Dominiks Finger tasteten spielerisch an Björns Rücken, wanderten tiefer bis zum Rand seines Pullis, zupften fragend daran. Plötzlich kroch Angst in Björn hoch wie ein kalter Schauer. An sich hätte er kein Problem damit gehabt, seinen Pulli hier und jetzt auszuziehen, auch wenn das hier immer noch erst das erste Date war. Vielmehr wurde ihm bewusst, dass Dominik seine Arme würde sehen können, wenn der Pulli erst weg war. Er würde die Narben sehen und Bescheid wissen. Entweder würde er danach fragen oder dazu schweigen und sich seinen Teil denken. Björn wusste nicht, was für ihn schlimmer sein würde.
Türchen 14
Dominik hatte gemerkt, dass etwas nicht stimmte und hatte aufgehört zu streicheln. „Ist alles okay?“, fragte er.
„Ich… nein, sorry.“ Björn fuhr sich durch die Haare. Dominik tat ihm leid, wie er ihn ratlos anschaute, aber er wusste nicht, wie er sich erklären sollte.
„Hab ich irgendwas Falsches gemacht?“, fragte Dominik sanft. Björn schüttelte den Kopf. „Nein, nein, hast du nicht. Ich… tut mir leid. Das wollte ich nicht.“ Er seufzte und rieb sich die Augen. „Oh Mann.“ Er war so ein gottverdammter Psycho. Wahrscheinlich hatte Dominik spätestens jetzt keinen Bock mehr auf ihn und warf ihn aus der Wohnung, in die er ihn erst vorhin hineingelassen hatte. Bevor das geschah, konnte er sich auch selber rausschmeißen. „Ich geh wohl besser“, murmelte er und wollte aufstehen. „Hiergeblieben!“ Dominik bekam Björn an der Hand zu fassen. „Untersteh dich, zu verschwinden, ehe der Keksteller leer ist!“

Zweifelnd schaute Björn Dominik an. Das konnte er doch nicht ernst meinen. Wer wollte schon was mit einem Typen anfangen, der sich schon beim ersten Teil so dermaßen seltsam aufführte? „Ich weiß nicht…“, sagte er zögerlich. Dominik schüttelte den Kopf. „Alles gut. Ich bin nicht beleidigt oder so.“
„Du bist seltsam“, sagte Björn und entspannte sich ein wenig. Dominik zuckte die Schultern. „Ja, kann schon sein. Aber ich mag dich und du sagst, es hat mit mir nichts zu tun, dass du so reagiert hast… Vielleicht sagst du mir es eines Tages, vielleicht nicht. Ist okay.“
„Du hast Erfahrung mit Psychos, oder?“, seufzte Björn und ließ sich wieder aufs Sofa ziehen. Dominik lachte. „Ja. Wie kommst du drauf?“
Björn blieb ihm die Antwort schuldig. Stattdessen wollte er nach den Plätzchen greifen, doch Dominik war schneller und schob den Teller außer Reichweite. „Hä“, machte Björn stutzig. „Ich hab gesagt, du darfst erst gehen, wenn der Teller leer ist“, erklärte Dominik, als sei es die logischste Sache der Welt. „Ich sorge nur dafür, dass der nicht so schnell leer wird!“
„Du bist…“ Björn fand nicht das passende Wort. Dominik half gern aus. „Super? Einzigartig? Wundervoll? Genial?“
„…ein bisschen bescheuert, wollte ich sagen, glaub ich.“
„Ja, das auch, aber ich mag das eigentlich ganz gerne“, sagte Dominik leichthin und sortierte Björn in eine Liegeposition, in der er sich gut an ihn schmiegen konnte. Björn ließ ihn gewähren; Dominik hatte etwas Fürsorgliches an sich, das sich von Solveighs Bemutterung völlig unterschied, ihm aber gerade absolut guttat. Dominik legte sich halb auf, halb neben ihn und küsste seinen Hals. Es schien ihm absolut nichts auszumachen, dass die knisternde Stimmung einer eher gemütlichen gewichen war. Björn legte die Arme um ihn und musste zugeben, dass er sich genau hier und jetzt rundum wohl fühlte, obwohl sie sich jetzt nicht mehr unterhielten, sondern nur noch der Musik lauschten und die Nähe genossen.

„Danke“, flüsterte er. Dominiks Antwort war ein sanftes Kraulen.

Der Teller war zwar nicht leer geworden, doch Björn war trotzdem weit nach Mitternacht nach Hause gegangen. Dominik hatte ihn nur ungern ziehen lassen, genauso war es Björn schwer gefallen, sich verschlafen wieder nach draußen in die Kälte zu begeben, doch Solveigh hatte sich für den Vormittag mit Frühstück angekündigt. Sie war natürlich wahnsinnig neugierig und Björn war nicht davon ausgegangen, dass er bei Dominik übernachten würde. Dass es nun doch nicht ganz unwahrscheinlich gewesen war, hätte er vorher nicht erwartet. Auch wenn die beiden nur geschlafen hätten. Nebeneinander. Vielleicht aneinander. Für das mit dem miteinander war er doch noch nicht weit genug.

Die frische Luft hatte ihn wacher gemacht, sodass es noch eine Weile dauerte, bis Björn endlich einschlief. Komisch. Nach nur einem Abend mit Dominik kam ihm sein Bett auf einmal so groß vor, dabei hatten sie nur das Sofa geteilt.

Er schlief so tief und fest, dass er die Klingel überhörte und erst wach wurde, als Solveigh neben seinem Bett stand und ihn schüttelte. „Aufwachen, Schlafmütze! Jag mir doch nicht so eine Angst ein!“
„Sorry“, nuschelte Björn schlaftrunken und versuchte, in der Realität Fuß zu fassen. „Wie spät ist es?“
„Zehn durch!“
Er verstand, warum Solveigh sich Sorgen gemacht hatte. Normalerweise war er um diese Zeit immer schon wach und antwortete, wenn sie klingelte. „Oh.“ Er setzte sich in Zeitlupe auf und rieb sich den Sand aus den Augen. „Tut mir leid. Ich hätte einen Wecker stellen sollen zur Sicherheit.“
„Warst du so spät zu Hause?“, wollte Solveigh wissen. Da war er auch schon, dieser wissbegierige Unterton in ihrer Stimme, den Björn sogar in seinem momentanen halbwachen Zustand wahrnahm. „So… gegen drei?“, überlegte er.
Ich bin ja überhaupt nicht neugierig“, sagte Solveigh und tätschelte ihm die Schulter. „Zieh dich mal an und kipp dir Wasser ins Gesicht. Ich mach solange Kaffee.“
„Gute Idee.“ Björn gähnte. Kaffee. Wenn das keine angenehme Aussicht war!

Kaffeeduft waberte ihm aus der Küche entgegen, als er frisch angezogen aus dem Bad getapst kam. Solveighs Rat mit dem kalten Wasser hatte seine Wirkung nicht verfehlt. „Guten Morgen“, wünschte ihm Solveigh fröhlich, während sie in der Küche hantierte. Sie kannte sich in Björns Küche mittlerweile genauso gut aus wie in ihrer eigenen. „Guten Morgen. Kann ich dir noch was helfen?“
„Nein, bin schon fertig. Setz dich ruhig.“
Solveigh drehte sich um und stellte die gefüllte Kaffeekanne auf den gedeckten Tisch. „Du bist ein Engel“, seufzte Björn, während sie sich ihm gegenüber niederließ.
„Ja, ja, ich weiß.“
Solveigh ließ Björn genau so lang Zeit, bis er seinen Kaffee eingegossen hatte, ehe sie den Kopf schieflegte und ihn gespannt ansah. „Erzähl! Wie war es?“
Björn ließ sie zappeln, suchte sich in aller Ruhe sein Brötchen raus, schnitt es über dem Brotkorb auf und legte es auf seinen Teller. „Lecker war’s“, warf er ihr dann einen Brocken hin. „Er hat Gans gekocht mit einem absolut genialen Blaukraut. Und Knödeln.“
„Interessant“, sagte Solveigh. An ihrem Tonfall war genau zu erkennen, dass das nicht die Information war, auf die sie gehofft hatte. „Gab es Nachtisch?“
„Kekse. Die waren auch der Hammer.“ Björn genoss es, sich alles aus der Nase ziehen zu lassen. Man konnte Solveigh so herrlich ärgern damit.
„Küsst er gut?“, nahm Solveigh das Ruder selbst in die Hand. Sie kannte Björn.

Der nickte nur. „Allerdings.“
„Das freut mich für dich“, sagte sie und schaute ihn glücklich an. „Es ist nicht gut für dich, wenn du immer so allein bist, weißt du?“
„Ja, Mama“, erwiderte Björn automatisch.
„Und, war noch mehr?“, fragte sie augenzwinkernd. Dieses Weib! Sie wollte immer alle Details wissen!

Björn seufzte. „Nein.“
„Naja, war ja auch das erste Date“, meinte Solveigh verständnisvoll. „Oder war es wegen was anderem?“
„Beides“, gab Björn zu. „Ich hab mich nicht mehr getraut. Ich hatte Angst vor seiner Reaktion, wenn er meine Arme sieht und hab kurz Panik bekommen.“
„Oh.“ Solveigh schaute ihn betroffen an. „Und dann?“
„Total verrückt. Er hat es völlig locker genommen, obwohl er gemerkt hat, dass was nicht stimmt.“ Björn kratzte sich am Kopf. Jetzt, mit einer Portion Schlaf Abstand, war es für ihn nicht weniger verwunderlich.
„Hey, das ist doch super! Vielleicht ist er genau der Mann, den du brauchst!“ Solveighs Gesichtsausdruck wechselte zu Begeisterung. „Was hat er dann gemacht?“
„Er hat gesagt, ich soll dableiben und wir haben uns aufs Sofa gelegt und gekuschelt“, fasste Björn zusammen. Solveigh machte große Augen. „Behalt ihn bloß! Das ist der richtige für dich!“
„Du kennst ihn doch noch gar nicht.“
„Das zu ändern wäre dann deine Aufgabe, weißt du.“ Solveigh zwinkerte ihn an. So, das war wohl der Wink mit dem Zaunpfahl gewesen. „Ja… Wenn sich da wirklich was abzeichnet, lernst du ihn kennen, klar“, versprach er. Vorher machte es für ihn keinen Sinn, jemanden groß allen vorzustellen, wenn es sich doch als Schuss in den Ofen entpuppte. Zwar hatte er bei Dominik nicht das Gefühl, dass da viel schiefgehen konnte, doch Björn bezeichnete sich nicht umsonst als Pessimist von Berufs wegen. Wer nicht zu viel erwartete – schon gar nicht von anderen Menschen – der wurde auch nicht so schnell enttäuscht. Jedenfalls in der Theorie.

„Wie macht ihr es auf der Arbeit?“, wollte Solveigh wissen. Sie wusste, wie es in Björns alter Firma gewesen war, weil sie sich irgendwann einmal darüber unterhalten hatten und Solveigh sich solchen Kleinkram einfach gut merken konnte, egal ob er wichtig war oder nicht. Björn wiegte nachdenklich den Kopf. Darüber hatten sie nicht gesprochen. „Ich weiß es noch nicht. Ich denke, das wird sich zeigen. Jedenfalls wissen die Kollegen wohl, dass er schwul ist.“
Türchen 15
„Das ist ja schon mal eine ganz gute Voraussetzung. Gibst du mir den Honig rüber?“
Björn reichte Solveigh das Gewünschte und sah ihr dabei zu, wie sie ihr Croissant mit Butter und Honig ausstattete. Genüsslich kaute sie den ersten Bissen, schluckte und setzte die Fragestunde fort. „Du schenkst ihm etwas zu Weihnachten, oder?“
„Och Solveigh… Das war jetzt gerade mal ein Date…“ Björn hatte bis zu diesem Moment überhaupt nicht daran gedacht, dass unter Umständen ein Geschenk an Dominik fällig war. Dabei hatte Solveigh gar nicht so unrecht. So eine Kleinigkeit wäre bestimmt nicht verkehrt und er würde sich darüber sicherlich freuen.
„Ein vielversprechendes“, konterte Solveigh ungerührt. „Weihnachten ist schon in zwei Wochen, das ist dir bewusst, oder?“
„Klar ist mir das bewusst. Ich hab nur nicht darüber nachgedacht.“
Solveigh schüttelte den Kopf. „Du hattest echt zu lang keinen Freund mehr.“
„Entschuldige.“
„So war’s doch nicht gemeint… Was denkst du denn, könnte ihm gefallen?“
Tja, das war eine gute Frage. Björn kannte Dominik noch nicht so gut, als dass er diese Frage hätte beantworten können. „Das kann ich dir vielleicht nach dem zweiten Date sagen“, behauptete er.
„Habt ihr denn schon eins ausgemacht?“, fragte sie neugierig. Doch er musste sie enttäuschen. „Das nicht. Wir sehen uns ja jeden Tag auf der Arbeit, da wird sich schon mal die Gelegenheit finden.“ Ob er damit bis zum nächsten Wochenende warten wollte? Das war noch ganze fünf Tage hin!

Nachdem Solveigh sich am frühen Nachmittag verabschiedet hatte, zog sich der Sonntag hin wie Kaugummi. Björn wusste nicht so recht, was er mit sich anfangen sollte. Mit Verwunderung stellte er fest, dass er sich sogar den Montagmorgen herbeisehnte – etwas, was ihm schon lang nicht mehr passiert war. Wenn überhaupt, dann vermutlich nur in den ersten beiden Wochen der ersten Klasse, bis er festgestellt hatte, dass Schule eigentlich doof war und überhaupt nicht so toll, wie man es glaubte, wenn man noch in den Kindergarten ging.

Verrückt. Und das nur wegen dieses langhaarigen Typen mit dem netten Lächeln, der zudem fantastisch kochen konnte und unglaublich verständnisvoll war. Das musste wohl dieses Verliebtsein sein, von dem alle Welt sprach.

Dominik ließ ihn nicht ganz bis zum Montag warten. Er schrieb am Abend eine WhatsApp-Nachricht, die Björn ein grenzdebiles Grinsen auf die Backen zauberte. Nicht wegen des besonderen Inhalts, nein, der war so gesehen profan, aber einfach die Tatsache, dass Dominik sich meldete… Wäre Björns Leben ein Comic gewesen, wären in diesem Moment kleine rosa Herzchen über ihm geschwebt. Und er kam sich nicht mal bescheuert deswegen vor.

Der Montag kam mit dem unvermeidlichen Klingeln des Weckers. Heute war es nicht ganz so doof wie sonst. Einerseits war das Bett zwar so kuschlig wie an jedem Morgen, doch auf der anderen Seite waren es nur noch anderthalb Stunden bis zum Wiedersehen mit Dominik. „Du bist doch durchgeknallt“, sagte Björn im Bad zu seinem Spiegelbild und musste über sich selbst lachen. Ob durchgeknallt oder nicht: Dass er sich so unbeschwert gefühlt hatte, war schon einige Zeit her. Er beschloss, sich keinen Kopf darüber zu machen, ob er sich wie ein Teenager verhielt oder nicht.

In Björn stieg leichte Nervosität auf, als er die Wohnungstür hinter sich zu zog, um sich auf den Weg zur Arbeit zu machen. Wie würde das erste Wiedersehen nach dem Date auf der Arbeit sein? Er hatte noch keinen genauen Plan, wie er mit der Situation umgehen sollte. Schweigen, ganz normal darüber reden…

Beinahe hätte er den schwarzen BMW übersehen, der direkt vor seinem Haus stand. Björns Gehirn verarbeitete die Informationen, die ihm die Augen lieferten, zwischen Wachwerden und an Dominik denken, nur verzögert. Deswegen brauchte es einen zweiten Blick, bis Björn das Auto erkannte. Dominik!

Grinsend winkte er Björn aus dem Auto zu und bedeutete ihm, einzusteigen. Björn kam der Aufforderung nach. Im Auto war es schön warm und Dominik hatte die Sitzheizung auf der Beifahrerseite schon angeworfen. „Guten Morgen!“ Dominiks Grinsen reichte von einem Ohr zum anderen.
„Guten Morgen. Du hast vorgewärmt!“ Björn kuschelte sich in den warmen Sitz.
„Na klar. Ich kann dich ja nicht frieren lassen.“ Dominik zwinkerte ihm zu.
„Jetzt noch eine flauschige Decke und ich schlaf direkt wieder ein“, meinte Björn zufrieden.
„Hey, so war das aber nicht gemeint“, protestierte Dominik. „Ich hatte eher auf eine Belohnung gehofft.“
„Oh, sorry. Ich schlaf noch halb“, sagte Björn. Daran hätte er wirklich denken können. Rasch beugte er sich hinüber zu Dominik und küsste ihn kurz.
„Schon besser“, fand dieser und fuhr endlich an.

Patrick stand bereits vor der Tür, als Dominik und Björn gemeinsam vorfuhren. Etwas unsicher spähte Björn hinüber zu ihm, doch in der Dunkelheit konnte er sein Gesicht nicht erkennen.

Als die beiden sich zu ihm gesellten, wünschte er einen guten Morgen, so wie jeden Tag. Björn entspannte sich, als er das Gespräch wie immer aufnahm und von der Party erzählte, auf der er mit den anderen gewesen war. Zeit war noch genug zum Erzählen, denn sie waren alle überpünktlich da. Dominik hatte früh da sein müssen, um Björn vor dem Bus zu erwischen, denn der fuhr deutlich langsamer als das Auto „Du warst doch auch zum Essen eingeladen“, fiel es Patrick schließlich ein. „Wie war’s denn?“
„Stimmt“, sagte Dominik, „wie war’s denn?“ Dabei blitzte der Schalk in seinen Augen auf. Am liebsten hätte Björn ihm ordentlich die Ellbogen in die Rippen gerammt, aber dann hätte er gleich alles verraten.
„Lecker“, spielte er also das Spiel mit. „War ein wirklich super Gastgeber. Er kann fantastisch kochen.“
Forschend guckte Patrick ihn an. „War das etwa sowas wie ein Date?“
„Könnte man so sagen, ja.“ Obwohl er es geschafft hatte, einen lockeren Ton anzuschlagen, kostete es Björn trotzdem Überwindung, sich vor Patrick durch die Blume zu outen.
„Ah, cool.“ Für Patrick schien es nichts Besonderes zu sein, abgesehen von der Tatsache, dass es sich bei dem Essen um ein Date gehandelt hatte. „Und, wird daraus was?“
„Ich weiß noch nicht genau“, sagte Björn und gab sich Mühe, dabei nicht allzu offensichtlich zu Dominik zu schauen. „War erst das erste Date. Mal schauen, wie das nächste wird.“ Er musste ein diebisches Grinsen unterdrücken. Zu gerne hätte er Dominiks Reaktion mitverfolgt.

Patrick fragte nicht weiter, sondern lächelte nur. „Immerhin, wenn’s ein zweites gibt, kann das erste ja nicht so schlecht gewesen sein. Hast du heute eigentlich wieder Plätzchen dabei?“, fragte er an Dominik gewandt. Süßes war wohl interessanter als homosexuelle Liebeleien. Dominik nickte. „Na klar!“
„Super, ich bin quasi schon auf dem Weg in dein Büro!“
„Überhaupt nicht, es ist noch abgeschlossen.“ Demonstrativ wackelte Dominik an der Tür. Noch war niemand gekommen, der einen Schlüssel hatte. Björn hoffte, dass sich das bald ändern würde, denn langsam wurde ihm kalt.

Die Rettung in Form von Simon nahte zum Glück bald. Er schloss auf und die drei ausgekühlten Gestalten drängten sich förmlich alle gleichzeitig hinein. Dominik folgte Björn in dessen Büro. „Ich hoffe, dir ist klar, dass ich dich nicht mehr mit dem Bus fahren lasse?“, sagte er. Björn legte seine Tasche ab. „Du bist doch verrückt.“
„Das ist doch total blöd, wenn du immer ewig mit dem Bus in der Gegend herumgurkst, wenn ich doch fast neben dir wohne.“ Die Logik war bestechend, das musste Björn zugeben. „Aber wir fahren ab morgen etwas später“, sagte Dominik. „Dann müssen wir nämlich nicht so lang draußen herumstehen.“
„Du hättest mir auch einfach schreiben können“, erinnerte Björn ihn.
„Klar“, sagte Dominik, „nur wäre die Überraschung total im Eimer gewesen.“
Björn lächelte. „Du bist verrückt.“
„Ich könnte jetzt sagen ‚nach dir‘, aber das wäre zu abgedroschen, oder?“
Als Antwort hielt ihm Björn die Hand vor die Nase und zeigte mit Daumen und Zeigefinger einen guten Zentimeter an. „Nur ein Quäntchen.“
„Du hast am frühen Morgen schon ein Vokabular, das mich überfordert.“ Dominik verzog das Gesicht ungeachtet der Tatsache, dass er selber genauso hochgestochen klang. „Wie war das eigentlich mit dem zweiten Date?“, fragte er interessiert. Noch war niemand der Kollegen zu sehen.
„Ich kann leider nicht halb so gut kochen wie du“, sagte Björn, „deswegen weiß ich nicht, ob die Gegeneinladung so eine gute Idee ist.“
„Aber du hast bestimmt einen Ofen, in dem wir Pizza machen können, oder?“, fragte Dominik. „Ich kann Teig und Soße mitbringen, du besorgst den Rest. Das gilt dann, als hättest du was gekocht.“
„Okay, wann?“ Mit Pizza war Björn immer einverstanden. Den Kompromiss mit Teig und Soße konnte er eingehen.
„Ist dir heute Abend zu spontan?“
„Ist deine Sehnsucht so groß?“
Dominik streckte ihm kurz die Zunge raus. „Deine etwa nicht?“
Björn blieb ihm die Antwort schuldig, den Dennis kam mit einem gutgelaunten „Guten Morgen“ ins Büro und rauschte an ihnen vorbei zu seinem Tisch, um schwungvoll seine Tasche darauf abzustellen.
Türchen 16
„Wir sehen uns später“, sagte Dominik leichthin. „Ich muss auch mal nach hinten.“
„Sag den Plätzchen einen Gruß von mir, ich komm nachher vorbei“, sagte Björn. Dominik warf ihm über die Schulter ein Grinsen zu.

Björn hatte eine gute Stunde gearbeitet, als Skype, mit dem alle Mitarbeiter der Firma vernetzt waren, eine Nachricht von Dominik anzeigte. „Halb acht?“
„Warum nicht“, schrieb Björn zurück und bekam einen Smiley als Antwort.

Der Arbeitstag verging locker und fluffig. Björn arbeitete sich durch den Webshop und bekam eine Einweisung ins Fotografieren von Produkten in dem kleinen Fotostudio, das man in der Firma eingerichtet hatte. Er hatte nie viel fotografiert und war selbst erstaunt, wie gut es klappte und wie viel Spaß ihm das machte.

Um kurz nach siebzehn Uhr fuhr er den PC herunter und ging nach draußen zu Patrick und Dominik, die sich mit ihrer unvermeidlichen Kippe bereits vor der Tür versammelt hatten. Er nahm an, dass Dominik ihn auch mit nach Hause nehmen würde, wo er ihm schon das Busfahren morgens verboten hatte.

Björn hatte richtig vermutet. Dominik ließ es sich nicht nehmen, ihn bis vor die Haustür zu fahren. „Bis später“, verabschiedete er sich fröhlich, bevor er davonfuhr.

In seiner Wohnung angekommen, checkte Björn erst mal die Lage in seinem Kühlschrank. Wenn Dominik Teig und Soße mitbrachte, was brauchte man für Pizza sonst noch? Belag wäre super. Pilze? Waren da. Zwiebeln? Auch da. Käse und Schinken war auch noch genug da, ein ordentlicher Grundstock war gewährleistet. Er hatte keine Ahnung, was Dominik sonst noch so auf seiner Pizza mochte und schrieb ihm vorsichtshalber. Sollte Dominik noch einen Wunsch haben, war der nächste Supermarkt in zehn Minuten erreicht. Doch Dominik antwortete nur kurze Zeit, dass das perfekt sei und Björn sich unterstehen solle, sich in die Kälte nach draußen zu begeben.

Peter und Solveigh bekamen ihre obligatorische Feierabendnachricht auf WhatsApp, dann war es auch schon Zeit zum Duschen. Die Zeit raste förmlich dahin. Verrückt.

Erst als Dominik auftauchte, schien die Welt sich wieder langsamer zu drehen. Er brachte gute Laune und die versprochenen Pizza-Zutaten mit. „Tadaa. Mit Liebe vorbereitet!“
„Ich werde nachher drauf achten, ob man sie auch schmeckt.“ Björn nahm ihm die Stofftasche ab, in der sich die Umrisse einer Schüssel abzeichneten, damit er seine Jacke ablegen konnte. „Gleich Essen machen?“
„Ich verhungere!“ Dominik legte demonstrativ die Hand auf seinen Bauch. Björn lachte. „Na, dann verzichten wir auf die Führung und gehen gleich in die Küche.“
„Ist der Palast denn so riesig?“, witzelte Dominik, während er Björn in die Küche folgte. Der schüttelte den Kopf. „Das nicht. Wir können doch nicht riskieren, dass du während der Tour wegen Unterzucker umkippst.“

Dominik sah sich neugierig in der Küche um. „Klein, aber fein“, sagte Björn. Dominik lachte. „Größer als meine!“
„Stimmt.“ Björn legte ein Blech mit Backpapier aus. Dominik förderte aus seiner Tasche eine Flasche mit Tomatensoße und eine Schüssel zutage, aus der er den Teig holte und ihn geschickt auf dem Blech verteilte. „Schlagsahne?“, fragte Björn amüsiert, als er die Flasche in die Hand nahm und aufschraubte. Der Inhalt war noch warm.
„Die hatte ich gerade da. Hab sie aber brav ausgespült“, sagte Dominik. Klar, dass der Meisterkoch sich nicht mit profaner, gekaufter Pizzasoße zufriedengab, sondern noch schnell selbst eine zaubern musste.

Björn ließ die Soße aus dem Glas auf den Teig platschen. Es war genau die richtige Menge. Wie machte Dominik das? Selbst war Björn völlig untalentiert im Abschätzen von Mengen, wenn er denn mal selbst kochte – was in den letzten Jahren so gut wie nie vorgekommen war. Früher hatte er nicht oft, jedoch ganz gern gekocht. Da hatte er aber auch noch mehr Zeit für alles und eine voll ausgestattete Küche gehabt. „Du grübelst“, riss ihn Dominiks Stimme aus seinen Gedanken.
„Ist ein Hobby von mir“, murmelte Björn automatisch. „Tut mir leid. Ich wollte nicht unhöflich sein.“
„Bist du nicht. Du hast nicht so glücklich ausgesehen bei deiner Grübelei, deswegen“, sagte Dominik. „Und ich bin dafür, dass wir knobeln, wer die Zwiebeln schneiden muss!“
Björn versagte kläglich bei Stein-Schere-Papier, sodass er sich die Zwiebeln schnappen musste. Es kam wie es kommen musste – er heulte wie ein Schlosshund, sodass Dominik ihn erst auslachte und ihm dann großzügig die Augen mit etwas Zewa abtupfte, damit er weiter schneiden konnte. „Du bist blöd“, beschwerte sich Björn, musste dabei jedoch zusätzlich zum Heulen auch noch lachen und eine Pause beim Zwiebelschneiden einlegen, weil so viel Multitasking ihn mehr als überforderte.

„Schneid doch deine Zwiebeln“, provozierte Dominik ihn und piekste ihn dabei in die Seite, um ihn noch weiter abzulenken. „Pass auf, ich hab ein Messer in der Hand!“, japste Björn. Dominik ließ von ihm ab, ehe er aus Versehen erstochen wurde. So lang hatte es noch nie gedauert, Zwiebeln zu schneiden. Doch es kam der Moment, an dem viele Zwiebelscheiben auf einem Häufchen auf dem Schneidebrett lagen. Dominik schnappte sie sich und tat sie auf die Pizza. Björn zerrupfte in der Zeit den Schinken. In Teamarbeit war die Pizza rasch belegt und konnte in den Ofen. „Wie lang?“, fragte Björn. „Ich geh nach Augenmerk“, sagte Dominik. „Schon so zwanzig Minuten.“
„In der Zeit könnten wir den Palast besichtigen und die Tafel decken“, schlug Björn vor. Dominik war einverstanden. Rasch suchte Björn Besteck und Teller heraus und führte Dominik ins Wohn- und Esszimmer. Er wollte sich heute nicht an den kleinen Tisch in der Küche decken, an dem er morgens frühstückte, sondern den Esstisch benutzen. Der diente ansonsten bloß als Ablage, außer sie aßen zu dritt hier – Peter, Solveigh und Björn. Zugegeben, das war in letzter Zeit häufiger vorgekommen.

„Coole Girlande“, sagte Dominik, kaum, dass sie das Wohnzimmer betreten hatten. Björn stellte das Geschirr auf dem Tisch ab. „Die kann noch cooler, warte.“ Er kroch in die Ecke, um die Lichterkette einzuschalten. Dominik war angetan. „Das sieht super aus!“
„Solveigh, meine beste Freundin, hat das verbrochen“, sagte Björn. „Die hat so ein Dekorier-Talent. Mir fehlt das völlig“
„Hat sie super gemacht“, lobte Dominik Solveigh unbekannterweise und in Abwesenheit.
„Ich werd’s ihr ausrichten.“ Björn breitete die Arme aus. „Das hier wäre also das Wohnzimmer. Willkommen.“
„Wunderschön“, sagte Dominik und drehte sich einmal um sich selbst, um alles betrachten zu können.
„Das vielleicht nicht, aber man kann ganz gut hier wohnen“, meinte Björn. In Wahrheit hatte er sich schon überlegt, umzuziehen. Er studierte die Wohnungsanzeigen in der Wochenpost, doch er hatte bisher nichts Passendes oder Bezahlbares gefunden. Dass er weg wollte, lag zugegeben weniger an der Wohnung selbst als an den Erinnerungen, die unabänderlich mit ihr verbunden waren.

Er schob die nächste Tür auf. „Hier ist das Schlafzimmer… Nichts Besonderes.“
Dominik verkniff es sich, einen zweideutigen Gedanken auszusprechen, das konnte Björn genau sehen. So gut kannte er ihn mittlerweile. „Und hier das Bad, der mit Abstand luxuriöseste Raum.“ Das war rundweg gelogen, denn das Bad war in schickem End-Achtziger-Design gehalten und konnte nicht mit Dominiks modernem Bad mithalten. „Haha.“ Dominik schaute nur kurz hinein. „Egal, Hauptsache Bad.“

Pizzaduft zog in ihre Nasen. „Sollen wir mal gucken gehen?“, fragte Björn. Dominik nickte. „Warum nicht. Die ist aber erst zehn Minuten drin, schwarz wird sie noch nicht sein.“
„Magst du was trinken?“, fragte Björn, während sie in die Küche zurück gingen. „Ich hab allerdings keinen Wein oder so da… Ich hab nur Wasser und Cola.“
„Cola ist super.“
Björn hatte immerhin noch daran gedacht, Cola kaltzustellen. Für mehr Vorbereitung war das Date zu spontan gewesen.
Türchen 17
Die Pizza war genial. Selbstredend lag das nicht an Björns Belag, sondern an der göttlichen Soße von Dominik. Scheinbar war alles, was er kochte, nicht nur lecker, sondern himmlisch. Als Björn ihm diese Schlussfolgerung mitteilte, lachte Dominik. „Ach Quatsch. Ich koche auch nur mit Wasser. Paar Gewürze vielleicht noch.“
Björn ächzte leise unter dem Gewicht der Pizza in seinem Magen. „Wenn du das weiter so treibst, bin ich bald fett und du musst mich rollen.“
„Na na, so schnell geht das auch nicht. So schlank, wie du bist…“
Immerhin hatte er schlank und nicht dürr gesagt. Björn behauptete: „Das kann schneller gehen, als man denkt.“
„Wahrscheinlich“, erwiderte Dominik trocken.
„Sofa?“, fragte Björn.
„Ich höre mich nicht Nein sagen!“

Die beiden brachten rasch die Sachen nach draußen. Nur drei Stücke waren von der kompletten, riesigen Pizza übrig geblieben.

Anschließend ging der Abend in den gemütlichen Teil über. Nach dem Ereignis vorgestern war Dominik vorsichtig und unternahm keinen weiteren Versuch, Björn an die Wäsche zu gehen. Es schien ihm dennoch nichts auszumachen, dass Björn offenbar seine Zeit brauchte. „Man könnte sich glatt dran gewöhnen“, murmelte Dominik, während sie gemütlich ineinander verknotet auf dem Sofa lagen. „Hmhm“, gab Björn ein zustimmendes Geräusch von sich. „Hattest du länger keinen Freund mehr?“
„Zwei Jahre“, sagte Dominik. „Hat mir auch nicht gefehlt. Trotzdem find ich das hier so ganz gut gerade.“
„Bin ich schön bequem, ja?“
„Einwandfrei.“ Dominik räkelte sich zufrieden. „Und bei dir?“
„Du bist auch bequem.“ Björn wusste genau, dass Dominik nicht das hatte wissen wollen. „Hm, einen Freund hatte ich schon fünf Jahre nicht mehr… So ungefähr. Mal schauen, vielleicht hab ich ja alles verlernt.“
„Motorische Fähigkeiten verlernt mach nicht“, sagte Dominik. „Gab es einen Grund, dass du so lange niemanden hattest?“
Vergangenheitsform, Björn hatte es genau gehört. Er schüttelte den Kopf. „Nein. Keine Zeit, jemanden kennenzulernen. Ich hab quasi nur gearbeitet und geschlafen.“
„Anstatt die Jugend zu genießen“, tadelte ihn Dominik. „Shit happens“, meinte Björn. „Ist schon vorbei.“
„Ja, wir alle werden älter, gebrechlicher…“ Dominik grinste.
„So alt noch nicht.“

Mit den lockeren Gesprächen zwischen Ernsthaftigkeit und Geplänkel verflog der Abend wie im Nu. Als Dominik auf seinem Handy nach der Uhrzeit schaute, erschraken beide gleichermaßen, dass es schon elf durch war. „Das schreit wohl nach Zubettgehen“, sagte Dominik bedauernd. „Blöd, dass wir morgen aufstehen müssen.“
„Ja, schon.“ Björn staunte über sich selbst. Unter der Woche fiel er, seit er die Medikamente nahm, um halb zehn ins Bett und schlief direkt ein. Dass er so lang wach war und sich trotzdem fit fühlte, kam selten vor.

Er begleitete Dominik zur Tür, wo ihn dieser nochmal für einen ausgiebigen Abschiedskuss an sich zog. „Bis morgen“, sagte Dominik mit einem Lächeln und einem tiefen Blick aus den dunklen Augen, ehe er sich abwandte und die Treppe hinunter ging. Björn schloss die Wohnungstür hinter ihm. Jetzt aber nichts wie ins Bett, sonst würde er morgen niemals wieder raus kommen. Die Wohnung roch nach Pizza und Dominik. Eine Mischung, die gar nicht so schlecht war.

Nach einem kurzen Abstecher ins Bad kuschelte sich Björn zufrieden in sein Bett.

Die letzten beiden Wochen vor Weihnachten vergingen zusehends schneller. Auf der Arbeit ging es rund, die Bestellungen stiegen rasant an. Verrückt, wie die Leute mitten im Winter Fahrräder kauften wie die Irren. Es gab wohl keine Sparte des Einzelhandels, die beim Weihnachtsgeschäft außen vor blieb. Trotzdem blieb die Stimmung in der Firma entspannt. Björn war davon positiv überrascht. Seine Arbeit wurde von Weihnachten so gut wie gar nicht beeinflusst, rund ging es eher im Service und im Versand.

„Wollen wir eigentlich auf den Weihnachtsmarkt gehen?“, fragte Björn am vorletzten Freitagabend vor Weihnachten, als sie von der Arbeit nach Hause fuhren. Ihm war nach Punsch und Bummeln über den Weihnachtsmarkt, der an diesem Wochenende in der Stadt stattfand.
„Heute?“, fragte Dominik und überlegte. „Ja, warum nicht. Jetzt gleich?“
„Außer, du hast was anderes vor?“, fragte Björn. Dominik schüttelte den Kopf. „Nein, außer mit dir rumhängen nicht. Das geht ja auch auf dem Weihnachtsmarkt ganz gut.“ Er setzte den Blinker und bog ab. Zum Glück waren sie noch nicht so nah an Björns Wohnung gewesen, dass er hätte umkehren müssen. „Eigentlich eine coole Idee. Ich war schon ewig nicht mehr auf einem Weihnachtsmarkt.“
„Echt nicht?“, wunderte sich Björn.
„Ich hatte die letzten Jahre irgendwie nie Lust, frag mich nicht wieso.“ Dominik zuckte die Schultern. „Ich hätte mich schon mitschleppen lassen, vermute ich, aber es hat mich auch nie jemand gefragt. Außer du jetzt.“
„Wenn du nicht hingehen magst, will ich dich nicht zwingen.“ In Björn breitete sich ein leichtes schlechtes Gewissen aus.
„Mit dir hab ich schon Lust.“ Dominik zwinkerte ihm fröhlich zu. Er steuerte den Parkplatz an, der dem Weihnachtsmarkt in der Innenstadt am nächsten lag, fand rasch eine Parkbucht und sie machten sich auf den Weg. Leichter Schnee grieselte vom Himmel und es zog langsam abendkalt an. „Vielleicht hätten wir doch vorher heimgehen und ne lange Unterhose anziehen sollen“, überlegte Dominik. „Egal, jetzt sind wir schon hier.“
„Wir müssen ja nicht ewig bleiben“, meinte Björn. Der Punsch oder Glühwein würden schon ihren Teil dazu tun, ihn und Dominik warmzuhalten. Er selbst war kein großer Fan von Glühwein, dafür aber ein umso größerer von Punsch und auf dem Weihnachtsmarkt gab es jedes Jahr einen Stand der hiesigen Erzeugergemeinschaft, wo ein erstklassiger Punsch verkauft wurde. Zu diesem Stand musste er Dominik unbedingt hinschleifen.

Der Weg zum Weihnachtsmarkt war nicht lang. Es kamen ihnen schon einige Fußgänger entgegen, die den Markt bereits verließen – manche mehr, manche weniger beschwipst und manche mit großen, neu gekauften Deko-Artikeln beladen. Solveigh und Tom würden bestimmt auch mal vorbeischauen, denn Deko und Solveigh gehörten zusammen wie Spiegel und Ei.

Um die nächste Ecke gebogen – und schon waren sie mitten im Geschehen. Beleuchtete Buchstaben verkündeten in geschwungener Schrift über der Gasse hängend, dass sie den Weihnachtsmarkt erreicht hatten. Überall waren Tannenbäume und selbstverständlich die Stände! Gut, der Weihnachtsmarkt war klein und hatte eine eher begrenzte Auswahl an Dingen, die man kaufen konnte. Wer nicht auf Deko-Rentiere, Filzbroschen oder Holzspielzeug stand, für den war das Angebot eher mau. Das Essen dagegen war umso besser. Praktisch, dass es einem quasi in den Mund fiel und man nichts selber zubereiten musste!

Dominik schaute sich neugierig um. „Ich war hier in der Stadt noch nie auf dem Weihnachtsmarkt, fällt mir gerade auf.“
„Wie denn das“, fragte Björn verwundert. Dominik zuckte die Schultern. „Ich wohn erst fünf Jahre hier. Seitdem war ich nie auf Weihnachtsmärkten.“
„Ach so, wusste ich gar nicht. Also, dass du noch gar nicht so lange hier bist.“
„Hab ich auch noch nicht erzählt. Das war Zufall. Ich bin wegen dem Job, den ich vorher gemacht habe, hierher gezogen.“ Dominik nannte den Namen einer großen, ortsansässigen Firma, die Björn zumindest vom Hörensagen kannte. „Da war’s dann nur doch nicht so gut wie erwartet und ich bin zum BikeShop gewechselt.“
„Na, zum Glück“, murmelte Björn. Es war immer wieder faszinierend, wie sich manche Dinge zusammenfügten. „Komm, jetzt gehen wir uns aber einen Punsch holen!“ Er schnappte Dominik am Ärmel, weil es das nächste war, das er erreichen konnte, und zog ihn in Richtung seines Lieblingsstands.

Dominik blieb wie Björn beim Punsch und stimmte ihm zu, dass dieser außergewöhnlich lecker war. Dummerweise verkaufte man dort nicht nur Punsch, sondern auch Essen aus regionaler Erzeugung, weswegen die beiden sich ein Brot mit geschmolzenem Käse drauf gönnten. Dem Brot folgten Crêpes mit süßem Belag und noch mehr Punsch. Aus dem grieseligen Schnee wurden schnell größere Flocken. „Krass, es schneit schon fast den ganzen Dezember so mehr oder weniger“, bemerkte Dominik. Björn nickte. „Gefällt mir“, verkündete er. „Passt ganz gut zur Vorweihnachtszeit, findest du nicht, Schatz?“
„Urks“, machte Dominik. Gegen das Wort „Schatz“ war er ziemlich allergisch, deswegen benutzte Björn es manchmal, um ihn zu ärgern. Gut, dass er kein Schatz-Sager war und sie sich auch hierin ganz gut ergänzten.

Erst einige Stunden, Leckereien und Punschtassen später konnten die beiden sich vom Weihnachtsmarkt loseisen und auch nur, weil sie trotz der heißen Punschtassen mittlerweile ordentlich durchgefroren waren. Das Wochenende und die neue Woche konnten kommen.
Türchen 18
Da Björn keine große Familienfeier in Aussicht hatte oder tausend Geschenke kaufen musste, konnte er dem ganzen Brimborium eigentlich gelassen entgegensehen. Dennoch gab es auf einmal noch so viele Dinge, die er zu erledigen hatte. Vor Weihnachten hatte er noch mehrere Termine bei seiner Therapeutin und einen bei seinem Arzt, bei dem es mehr als rund ging, was eine unmenschlich lange Wartezeit zur Folge hatte. Sein einziger Trost waren Peter, Solveigh und Dominik, die ihm das Warten mit Nachrichten über WhatsApp versüßten. Dominik wusste nur, dass er bei einem Arzt war, aber nicht bei welchem, während Peter und Solveigh natürlich wussten, dass er einen Termin beim Psychiater hatte. Vor Dominik wollte Björn sein Dasein als offizieller Psycho nicht raushängen lassen, wenn es sich vermeiden ließ. Nicht nur, weil er ihn nicht direkt wieder abschrecken wollte, sondern weil er fand, dass das niemanden auf der Arbeit was anging und dazu gehörte nun mal auch Dominik.

Völlig entnervt kam Björn spät am Abend nach Hause und ging direkt ins Bett, obwohl es dafür sogar eigentlich noch zu früh gewesen wäre. Er hatte aber so dermaßen die Schnauze voll von dem heutigen Tag, dass er noch nicht mal mehr Lust hatte, sich vor dem Fernseher aufs Sofa zu legen.

Zu allem Überfluss blieb ihm auch in der neuen Arbeit die Firmenweihnachtsfeier nicht erspart. Eine Rundmail erinnerte alle Mitarbeiter daran, dass sie am Freitagabend um achtzehn Uhr in einem Restaurant stattfinden sollte. Björn hatte zwar davon gehört, war aber davon ausgegangen, dass er sich drücken konnte. Es stellte sich heraus, dass das nicht ging. Er hasste Weihnachtsfeiern einfach und war überhaupt nicht begeistert, auch wenn die Kollegen alle sympathisch und locker waren. Dazu kam, dass er sich noch keine Gedanken darüber gemacht hatte, ob er und Dominik offiziell als Paar auftreten sollten, wenn sie denn überhaupt schon eins waren. Sie hatten das bisher nicht besprochen und Björn kam sich dabei bescheuert vor zu fragen: „Hey, sind wir eigentlich zusammen?“ Auf der anderen Seite machte es ihn unsicher, dass er nicht wusste, ob und was für eine Art Beziehung sie eigentlich hatten. Für diesen Nervenkitzel war er eindeutig zu alt. Vielleicht lag es auch mit daran, dass ihm derzeit alles stressig vorkam.

Der Freitag rückte in greifbare Nähe. Am Donnerstagabend lud sich Dominik bei Björn ein und versprach, Essen mitzubringen. Auch ihm war schon aufgefallen, dass Björn nur aß, wenn man ihm die Nahrung direkt vorsetzte, und er hatte mit dem Bemuttern angefangen, genau wie Solveigh und Peter. Ob Björn so einen hilflosen Eindruck machte? Björn beschloss, dass es ihm egal war und er sich auf das gute Essen von Dominik freuen würde. Er kochte ja so gern, dass Björn sich einreden konnte, dass er nur deswegen Essen mitbringen wollte.

„Halli hallo!“ Mit Dominik schwappte ein Schwall guter Laune mit in Björns Wohnung und verteilte sich langsam in der Luft.
„Hey.“ Björn nahm Dominik die Tasche mit dem Essen und einen Begrüßungskuss ab und ging schon mal vor in die Küche. Neugierig öffnete er die Schüsseln, die er aus der Tasche zutage förderte. Die eine war mit Plätzchen gefüllt, bei deren Anblick Björn das Wasser im Mund zusammenlief. Dominik verwöhnte ihn regelmäßig mit den kleinen süßen Keksen und kannte seine Lieblingssorten mittlerweile, sodass sich von diesen stets ein paar mehr in der Dose befanden.

Die zweite, größere Schüssel enthielt eine Pilzsoße, die Björn in einen Topf kippte und auf den Herd stellte. Nudeln zu kochen hatte Dominik ihm aufgetragen; das Wasser war schon fast am Kochen. Dominiks Arme schlangen sich unvermittelt um Björns Hüften, während dieser noch damit beschäftigt war, die zweite Herdplatte anzuschalten. „Das sieht so lecker aus“, sagte Björn. „Und ist so schnell gemacht“, antwortete Dominik. Björn drehte sich in seinen Armen um und legte ihm den Kopf auf die Brust. Diese Weihnachtsfeier beschäftigte ihn mehr, als er selbst wollte. „Alles klar?“, fragte Dominik. Oh Mann, es ließ sich einfach nichts vor ihm verbergen. Hatte er da eine Art Sensor? „Ja… Ich…“, murmelte Björn. Zu blöd, dass er keine Ahnung hatte, wie er das Ganze in Worte fassen sollte, ohne völlig bescheuert zu klingen. „Wie machen wir das morgen eigentlich auf der Weihnachtsfeier?“, entschied er sich dann für den direkten Weg. Es half ja doch nichts, um den heißen Brei herumzureden.

„Wie meinst du?“, fragte Dominik und streichelte sanft über seinen Rücken.
„Naja… Als was gehen wir da hin? Als Kollegen, oder…?“ Björn fühlte sich wie ein Vollidiot. Er konnte es nicht mal aussprechen.
„Oh, ach so.“ Dominik schien sich darüber gar keinen Kopf gemacht zu haben. „Möchtest du lieber nur als Kollegen gehen?“
„Ich – warte mal.“ Björn dämmerte nur langsam, was Dominik zwischen den Zeilen hatte durchklingen lassen. „Du bist davon ausgegangen wir gehen… als Paar?“
„Schon irgendwie.“
„Obwohl ich es in der Firma nicht groß raushängen lasse, dass ich schwul bin? Und was, wenn ich das gar nicht wollen würde, dass jeder von uns weiß?“
„Willst du es nicht?“ Dominik sah aus, als müsse er einen Anflug von Enttäuschung runterschlucken.
Björn schüttelte den Kopf. „Nein, ist mir egal.“ Er schnaufte. Dieses Gespräch war doch bescheuert. „Tut mir leid. So sollte das nicht rüberkommen.“
Dominik schlang die Arme fester um ihn. „Dann kommen wir als zuckersüßes Pärchen, okay?“
„Wenn du dir sicher bist, dass du sowas komisches wie mich als Freund haben willst?“ Björn dachte an seine panische Reaktion an ihrem ersten Date und daran, dass Dominik seither nicht mehr versucht hatte, ihn dazu zu animieren, sich auszuziehen.

Er bekam als Antwort eine Kopfnuss. „Mach dich selbst nicht schlechter, als du bist.“
„Autsch.“ Björn tat so, als hätte es wehgetan und rieb sich den Schädel. „Ich mein ja nur, weil…“
„Ich weiß, was du meinst, und falls du das jetzt fragen willst: nein, stört mich nicht. Wenn du, wegen was auch immer, deine Zeit brauchst, dann brauchst du sie eben. Falls es dir nicht aufgefallen sein sollte – ich mag dich. Sehr sogar.“
„Ich… Doch“, murmelte Björn und senkte kleinlaut den Kopf. „Ich kann’s nur nicht glauben. Ich bin mir ja teilweise selber viel zu kompliziert. Mir will nicht so ganz in den Kopf, wieso sich jemand das freiwillig antun will.“
„Das ist ja wohl mein Problem. Vielleicht will ich’s ja kompliziert“, sagte Dominik mit einem Tonfall, der keine Widerrede zuließ. „Und jetzt sollte mal dringend einer die Soße umrühren und die Nudeln in den Topf, sonst haben wir heißes Wasser mit angebrannten Pilzen zum Essen.“
„Ach shit!“ Björn hüpfte wie angestochen aus der Umarmung, zog den Pilzsoßentopf von der heißen Platte und kippte Salz und Spaghetti in das sprudelnd kochende Wasser. Dominik lachte im Hintergrund leise und griff selbst zum Kochlöffel, um die Soße zu retten.

„Sind dann alle offenen Fragen beseitigt?“, erkundigte Dominik sich in geschäftlichem Ton, als sie das Essen wieder unter Kontrolle gebracht hatten. Björn nickte. „Ja, danke, Herr Hauser. Ich fürchte, wir müssen in dem Fall noch ein Meeting mit meinen beiden besten Freunden anberaumen, die meinen Freund unbedingt kennen lernen wollen.“
„Ich werde in meinen Terminkalender schauen und Ihnen dann Bescheid geben“, sagte Dominik mit einem Zwinkern.
„Solveigh sitzt schon auf glühenden Kohlen, seit du mich das erste Mal zum Essen eingeladen hast“, sagte Björn. „Die ist so neugierig, das gibt’s gar nicht.“
„Will sie überprüfen, ob du dir den Richtigen ausgesucht hast?“, fragte Dominik grinsend.
„Ja, könnte sein. Sie ist ständig besorgt um mein Seelenheil.“ Dass Solveigh und auch Peter dazu allen Grund hatten, wenn man mal ehrlich war, verschwieg Björn lieber. Er würde nicht direkt nachdem Dominik ihn zu seinem Freund gemacht hatte mit seiner Psycho-Schiene auflaufen. Erfahren würde er es über kurz oder lang, da brauchte sich Björn gar keine Illusionen machen, doch dazu gab es geeignetere Momente.
„Eine gute Freundin“, fand Dominik und holte einen Löffel aus der Schublade – er war oft genug da gewesen, um sich in Björns Küche auszukennen – um die Soße noch einmal abzuschmecken.
„Allerdings“, musste Björn zugeben. Er stellte ein Sieb ins Spülbecken; die Nudeln waren sicherlich gleich fertig. Dominik würzte die Soße noch einmal nach, ehe er Björn probieren ließ. „Göttlich!“, war sein Fazit. Sein Magen begann hörbar zu vermelden, dass Essen eine vorzügliche Idee war. „Ups…“
„Na, hoffentlich sind die Nudeln schon fertig“, lachte Dominik. „Nicht, dass du mir hier noch abkippst.“
„Mach ich schon nicht“, sagte Björn zuversichtlich und fischte eine Nudel aus dem Topf, um zu testen, ob sie schon fertig waren. „Haja, noch eine Minute vielleicht.“
Türchen 19
Dominik zog davon, um den Esstisch zu decken. Björn wartete, bis die Minute vorbei war und goss die Nudeln ab. Dann war also das Thema jetzt auch geklärt. Die Weihnachtsfeier konnte kommen.

Am Freitag ging es direkt nach der Arbeit los. Im Konvoi fuhr die gesamte Belegschaft zu dem Restaurant, in dem der Chef einen kompletten Nebenraum gebucht hatte. Trotz ihrer Aussprache gestern war Björn nervös und saß ziemlich angespannt auf dem Beifahrersitz in Dominiks Auto. Dominik warf ihm einen musternden Blick zu und wusste garantiert sofort, was Sache war, doch er sagte nichts, weil sie noch Alex, Martin und Simon auf dem Rücksitz dabei hatten. Die drei waren bester Laune und bekamen von Björns innerem Kampf sowieso nichts mit.

An und für sich war der Weg zum Restaurant nicht weit, doch Björn kam er ewig vor und gleichzeitig viel zu kurz. Sobald sie dort waren, würde es soweit sein. Er würde neben Dominik sitzen und selbst wenn sie weder Händchen hielten noch sich demonstrativ küssten oder befummelten, würde den anderen schnell auffallen, was da lief, da war er sich sicher. Die Reaktion der Kollegen konnte Björn nicht im Geringsten einschätzen und ja, er fürchtete sie. Dominik schaute ihn kurz mit einem Blick an, der ihm sagte: Ich weiß, wie es dir geht, hab keine Angst, wir schaffen das. Es half, wenn auch nur ein wenig.

Dominik parkte sein Auto direkt vor dem Eingang des Restaurants. Die drei gutgelaunten Gestalten auf dem Rücksitz quollen nacheinander heraus, während Björn sich nur langsam aus seinem Sitz schälte. Anhand der Autos auf dem Parkplatz konnte er erkennen, dass die meisten schon da waren. Nur Patrick und seine Mitfahrer fehlten noch.

„Hey, ganz ruhig“, hörte er auf einmal Dominiks Stimme direkt neben sich. War er so konzentriert auf seinen flauen Magen gewesen, dass er nicht mitbekommen hatte, wie Dominik um das Auto herum zu ihm gegangen war? „Keiner wird dich lynchen.“
„Das glaub ich dir gerade noch so“, murmelte Björn. Sie waren schließlich nicht in Afrika oder wo auch immer man heutzutage noch als Schwuler verfolgt und zerhackstückt wurde.
„Na komm. Gehen wir hoch zu den anderen.“ Dominik legte ihm die Hand zwischen die Schulterblätter und schob ihn sanft, aber bestimmt in Richtung Treppe.

„Dann fehlen ja jetzt nur noch Patrick und der Chef“, meinte Sven, als die beiden sich zu den anderen gesellt hatten. Dominik stand gerade so weit weg von Björn, dass es unverfänglich wirkte.
„Da kommen sie schon.“ Dennis hatte Patricks Auto als erstes gesehen.
„Gut, dann können wir ja bald rein.“ Demonstrativ zitterte Simon und schlug den Kragen seiner Jacke hoch. „Du wirst dir schon nix abfrieren“, zog Sven ihn auf. Simon protestierte: „Woher willst du das denn wissen? Ich bin sensibel!“
„An welcher Stelle?“, fragte Sven trocken. Simon grinste. „Zeig ich dir später.“
„Bitte keine sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz“, witzelte Jörg.

Patrick und Henry kamen die Treppe hoch. „Sind wir komplett?“, fragte Henry. Allgemeines Zustimmungsmurmeln ertönte. „Der Weihnachtsmann fehlt noch“, meinte Simon. Henry schnippste ihm mit dem Finger an die Schulter. „Der kommt erst nachher und bringt dir die Rute mit, wenn du weiter so frech bist. Also, dann gehen wir rein!“

Das Restaurant hatte ein kleines Nebenzimmer für die Firma vorbereitet, das gerade groß genug für alle war. Dass es so klein war, machte die ganze Sache ziemlich gemütlich. Björn hielt sich an Dominik und landete neben ihm auf der Wandseite; Sven und Dennis saßen gegenüber von ihnen. Der Tisch war weihnachtlich dekoriert und es stand sogar schon Brot bereit.

Als alle ihre Plätze gefunden hatten, stand Henry für die unvermeidliche Ansprache auf. „Liebe Gemeinde, wir sind heute hier zusammengekommen… um ein bisschen Weihnachtsfeeling aufkommen zu lassen und gut zu essen. In diesem Sinne: Haut rein!“, hielt er den förmlichen Teil kurz und alles applaudierte. Wie auf Kommando kam eine Bedienung herein, begrüßte sie alle freundlich und brachte einen Aufstrich zum Brot in kleinen Schälchen, der verdammt lecker aussah.

Björn beobachtete, wie die Kollegen über das Brot und den Aufstrich herfielen, als wären sie am Verhungern. Dabei unterhielten sie sich ausgelassen und fröhlich. Er fühlte sich willkommen, gehörte nach so kurzer Zeit schon richtig dazu. Die Stimmung war so ganz anders als auf den Weihnachtsfeiern seiner alten Firma. Beinahe schon familiär. Björn fühlte sich wohl zwischen all den Kollegen, die er wirklich gut leiden mochte und neben dem Mann, in den er sich verliebt hatte. Fast hätte er all das nicht mehr erlebt, wenn an diesem einen Tag nicht Peter plötzlich dagewesen wäre…

„Alles okay?“, hörte Björn Dominiks besorgte Stimme an seinem Ohr.
„Ich… Ja. Alles gut“, sagte Björn und versuchte, die Gedanken aus seinem Kopf zu vertreiben. Die Narben an seinen Armen ziepten und brannten. Fast glaubte er, sie müssten durch die Ärmel seines Pullis hindurch für alle sichtbar leuchten. Doch niemand bemerkte etwas, nur Dominik war aufgefallen, dass etwas nicht ganz stimmte. Deswegen beäugte er Björn immer noch misstrauisch, obwohl er behauptet hatte, alles sei okay. Björn nickte ihm aufmunternd zu. „Es ist wirklich alles okay. Mach dir keine Sorgen.“
Um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, ging Björn zur Tagesordnung über und griff nach dem Brot und dem Aufstrich, um Dominik zu beruhigen. Dabei war ihm gerade eigentlich gar nicht nach Essen zumute. Björn kannte sich und sein verdrehtes Hirn und wusste, dass es bald wieder vorbei sein würde. Vielleicht in zehn, zwanzig Minuten. Er spürte Dominiks misstrauischen Blick auf sich.

Dummerweise entschied sich Björns Hirn, dass es heute nicht mitspielen, sondern sich lieber in düsteren Gedanken wälzen wollte. Der Raum kam Björn zunehmend stickig, eng und überfüllt vor, bis er es irgendwann nicht mehr aushielt. „Ich geh mal kurz nach draußen“, sagte er zu Dominik, während er schon beinahe abrupt aufsprang. „Ich brauch frische Luft.“
Dominik kam gar nicht dazu, zu antworten, so schnell war Björn weg von seinem Platz und verließ beinahe fluchtartig den Raum. Von den anderen bemerkte niemand, dass er ging; alle waren in Gespräche vertieft.

Björn rupfte seine Jacke von der Garderobe und streifte sie im Gehen über. Es musste merkwürdig aussehen, wie er beinahe zur Eingangstür stürmte, aber es war ihm egal. Er wollte nur raus und Luft holen!

Eisige Kälte schlug ihm entgegen. Tief sog Björn die kalte Luft in seine Lungen. Es tat unglaublich gut und brachte ihn langsam wieder zur Ruhe. Shit. Dass sein Hirn so heftig durchdrehte, war ihm lang nicht mehr passiert, der Therapie sei Dank. Doch jetzt hatte er keine Chance gehabt. Ob es an diesem ganzen weihnachtlichen Kram lag? Irgendwie war es ja doch das Fest der Familie, die Björn nun einmal fehlte. Dieses Jahr hatte er das erste Mal Zeit, darüber wieder nachzudenken. Ob es daran lag?

„Björn?“
Ohne dass er es gemerkt hatte, war Dominik ihm gefolgt. Björn drehte sich um. Dominik stand direkt an der Tür, die sich langsam hinter ihm schloss, und sah besorgt aus. Björn konnte es nachvollziehen, schließlich war er ohne Erklärung davongerannt. Es sprach absolut für Dominik, dass er ihm nachgelaufen war.

„Sorry“, murmelte er betreten. Vorsichtig trat Dominik näher. „Willst du mir sagen, was los war?“
„Schwer zu erklären…“ Björn seufzte. „Ich brauchte frische Luft.“
„Du siehst aus, als hättest du einen Geist gesehen“, fand Dominik. „Weißt du, dass du total blass im Gesicht bist?“
„Bin ich? Oh.“ Björn fuhr sich durch die Haare. Dabei fiel ihm auf, dass seine Hände feucht und kalt waren und leicht zitterten. Dominik sah es ebenfalls, fing Björns Hände ein und hielt sie in seinen, um sie aufzuwärmen. „Du bist ja total durch den Wind“, stellte er fest und schaute Björn prüfend an. Der ließ den Kopf hängen. Es ließ sich wohl kaum mehr verbergen, dass er der totale Psycho war.

Dominik zog ihn an sich. Die Umarmung tat Björn gut und er entspannte sich. Das Zittern seiner Hände ließ nach, obwohl ihm langsam die Kälte an die Haut kroch. Dass Dominik nicht nachbohrte, rechnete er ihm hoch an. Trotzdem hatte er das Gefühl, dass er Dominik eine Erklärung schuldig war. Vorsichtig wand er sich aus der Umarmung. „Manchmal wird mir einfach alles zu viel und ich hab das Gefühl, ich bekomme keine Luft mehr“, sagte er zögerlich; die richtigen Worte waren nicht einfach zu finden. „Okay“, sagte Dominik, als schien ihm das als Erklärung vollkommen ausreichend zu sein. Björn schluckte. „Alle sind hier so nett zu mir. Und du bist auch da und bist so wundervoll, dass ich es gar nicht fassen kann…“
„Und deswegen flüchtest du vor mir?“ Dominik musste ein bisschen lächeln und entschärfte damit unfreiwillig die Situation. Björn schüttelte den Kopf. „Nein, natürlich nicht. Ich musste dran denken, dass…“ Er holte tief Luft. Es war so verdammt schwer auszusprechen, aber Dominik hatte verdient, es zu wissen. „Fast hätte ich das alles nicht erlebt. Ich hab im Oktober versucht, mich umzubringen.“
Türchen 20
„Was?“, fragte Dominik entgeistert. Mit so etwas hatte er wohl nicht gerechnet. Björn nickte und streifte die Ärmel von Jacke und Pulli hoch. Die rosa Narben wurden sichtbar. Sie reichten vom Handgelenk bis zur Ellbogenbeuge. „Peter hat mich zufällig gefunden“, sagte Björn mit heiserer Stimme und musste sich räuspern. Dominik griff nach Björns Handgelenk, fuhr die Narbe mit dem Daumen nach, als könnte er es nicht glauben. „Ich bin froh, dass er dich gefunden hat“, sagte er dann langsam. „Stell dir vor, ich hätte dich nicht kennen gelernt. In wen hätte ich mich dann verlieben sollen?“
„Spinner. Du hättest gar nichts von mir gewusst und eines Tages jemanden getroffen, der…“
„Sei still.“ Dominik unterbrach Björns Worte mit einem Kuss. „Daran will ich nicht mal denken, verstanden?“
„Mh, sorry.“
„Wenn es dir schlecht geht, sag mir bitte Bescheid, ja?“ Eindringlich sah Dominik Björn an. Der nickte. „Ich bin aber in Therapie und so… Ich glaub, das war eher so eine Kurzschlussreaktion, weil ich einfach nicht mehr konnte.“
„Shit“, sagte Dominik und zog ihn wieder an sich. „Das tut mir leid.“
„Du kannst doch nix dafür“, nuschelte Björn an seiner Jacke. Dominik schüttelte den Kopf. „Nein. Aber niemandem sollte es so schlecht gehen.“
Björn zuckte die Schultern. So war es nun mal gewesen und er konnte es nicht mehr rückgängig machen. „Vielleicht hätte ich früher die Notbremse ziehen sollen oder so. Man merkt es selber immer erst, wenn’s zu spät ist“, murmelte er. Mal davon abgesehen, dass er sich nicht getraut hätte, einfach alles in der alten Firma hinzuschmeißen. „Andererseits hätte ich dich sonst nicht kennen gelernt. Die haben mich ja letztendlich deswegen rausgeworfen.“
„Was für Arschlöcher. Naja, letztendlich hat es wohl dann doch sein Gutes gehabt – die Kündigung meine ich.“
„Mhm, ja.“ Björn fröstelte. Dominik nahm sein Gesicht in beide Hände. „Mach bloß nicht nochmal so einen Scheiß, okay?“
„Hab ich nicht vor“, murmelte Björn. Na gut, wenn er ehrlich war, hatte er es damals auch nicht vorgehabt. „Aber wenn du auch nur dran denkst, sag mir Bescheid. Ich bin für dich da. Und mit Henry kann man auch reden.“ Dominik sah ihn eindringlich an. Beinahe niedlich, wie er sich um Björn sorgte. Björns Lippen verzogen sich zu einem kleinen Lächeln. „Alles gut.“
Dominik küsste ihn sanft.

„Oh, sorry.“
Erschrocken fuhren Björn und Dominik auseinander und schauten in die Richtung, aus der die Stimme gekommen war. Patrick stand plötzlich vor der Tür, die Zigarettenpackung in der Hand haltend und mit großen Augen. „Ich wollte nicht stören“, sagte er und sah so aus, als wollte er direkt wieder die Flucht ergreifen. „Bleib nur da“, sagte Dominik, „wir können auch später weitermachen. Der hier läuft mir nicht weg.“
Dabei schenkte er Björn einen so warmen Blick, dass ihm schon gar nicht mehr so kalt war. „Hast du mir auch eine?“, fragte Dominik und wies auf die Zigaretten. „Äh, ja, klar, bedien dich.“ Patrick streckte ihm die Packung hin. Er schien noch nicht verdaut zu haben, was er gerade mitbekommen hatte. Nachdem Dominik sich genommen hatte, pulte er für sich selbst eine Kippe aus der Schachtel und gab Feuer. Die ersten Züge rauchten die beiden, ohne etwas zu sagen. Björn kuschelte sich fröstelnd an Dominik. Das war jetzt auch vollends egal. Automatisch legte Dominik seinen Arm um ihn.

„Seid ihr – so richtig zusammen?“ Patrick beäugte die beiden neugierig, wie sie da so vor ihm standen.
„Hm, ja.“ Björn war selbst von sich überrascht, dass er es war, der antwortete.
„Schon länger?“, fragte Patrick. Björn konnte keinen Ekel oder so etwas in der Art heraushören, also musste es für ihn okay sein, schwule Kollegen zu haben. Eigentlich klang Patrick nur neugierig und interessiert.
„So ganz offiziell – seit gestern“, sagte Björn. Patrick grinste. „Gab’s denn ein inoffiziell?“
„Wenn du mich fragst, nicht“, meinte Dominik. „Ich betrachte ihn schon länger als meinen persönlichen Besitz.“
„Ich betrachte ihn als meinen persönlichen Koch“, fügte Björn hinzu.
„Ach stimmt, du kochst ja so abartig gut. Bekocht er dich jetzt immer?“
Björn nickte. „So ab und zu.“
„Beneidenswert“, seufzte Patrick. „Meine Freundin ist beim Kochen ungefähr genauso talentiert wie ich. Das heißt, gar nicht.“
„Was gibt’s dann, Tiefkühlpizza?“, fragte Dominik grinsend. Patrick streckte ihm die Zunge raus. „Und Tiefkühl-Lasagne und Nudeln mit Maggitütchen-Soße…“
„So abwechslungsreich gleich!“
„Das ist wichtig. Nee, so ein bisschen was kriegen wir schon hin. An deine Kochkünste kommen wir nur lang nicht dran.“
„Das ist auch nicht so leicht“, fand Björn, „an dem ist ein Sternekoch verloren gegangen.“
„Jetzt hört aber auf“, unterbrach Dominik die beiden in ihrer Lobhudelei. „Wenn ihr nicht gleich still seid, schießt mein Ego noch durch die Decke und das wollt ihr echt nicht.“
Patrick deutete nach oben. „Da ist keine Decke, wir sind draußen.“
„Dann halt durch die Wolken, Korinthenkacker.“
„Kinder, streitet euch nicht“, ging Björn dazwischen, auch wenn es nur eine augenzwinkernde Frotzelei war. „Wollen wir langsam wieder reingehen, eigentlich?“
Die beiden hatten schon fertig geraucht und Björn wurde es langsam wirklich kalt.“
„Ja, klar.“
„Au ja, das Essen kommt bestimmt bald“, stimmte Patrick zu. „Das dürfen wir uns nicht entgehen lassen.“
„Meinst du, die putzen die Platten leer, ehe wir zurück sind?“, fragte Björn. Er kannte das Restaurant und auch dessen Portionen. Die machten ganze Kompanien satt und er konnte sich nicht vorstellen, dass sie überhaupt aufessen konnten.
„Wer weiß“, sagte Patrick und hielt den beiden die Eingangstür auf. „Ich will es nicht drauf ankommen lassen!“

Sie kamen in der Tat gerade rechtzeitig. Die Bedienung kam ihnen entgegen, als die drei den Nebenraum wieder betraten. Auf den Tischen waren Warmhalteplatten aufgebaut worden. Das bedeutete, dass die Platten mit dem Essen bald kamen.

„Wo wart ihr denn so lang?“, fragte Sven verwundert, als Björn und Dominik sich wieder auf ihre Stühle setzten.
„Draußen“, antwortete Dominik mit dem Offensichtlichen, woraufhin Sven einen Flunsch zog und mit den Augen rollte. „Ach, echt…“
„Da waren wir halt“, sagte Dominik entschuldigend. Ihr Gespräch wurde unterbrochen, weil eine Bedienung mit einer riesigen Platte hinter Sven erschien und sich an ihm vorbei über den Tisch lehnte, um das Essen auf dem Stövchen abzustellen. „Boah ey“, machte Björn beeindruckt. Das mussten drölf Kilo Fleisch dort auf der Platte sein! Er konnte die verschiedensten Fleischsorten und Zubereitungsarten ausmachen… Kleine panierte Schnitzel, Rindersteak, Lendchen, etwas mit grüner Marinade, das vermutlich Schaf war, Putenschnitzel und sogar ein paar Riesengarnelen fanden sich. Und das war nur ein Teil dessen, was sich auf der Platte verbarg, da war Björn sich sicher. Dazu gab es genauso große und opulente Gemüseplatten, Spätzle, Pommes und Kroketten. Björn schielte zu Patrick hinüber, der bei dem Anblick der Köstlichkeiten aussah, als schwebte er im siebten Himmel. „Und, meinst du, uns isst jemand was weg?“, fragte Björn ihn. Patrick grinste. „Vielleicht doch nicht.“

Der Abend wurde schöner, als Björn gedacht hatte. Alle waren gut gelaunt, es war locker und es artete nicht in ein Massenbesäufnis aus. Es war die erste Betriebsweihnachtsfeier, bei der er sich wohlfühlte und überrascht beim Blick auf die Uhr feststellte, wie spät es schon war. Einen Anteil daran hatte wohl auch Dominik, der ihn ab und zu mit warmen Augen anschaute oder ihm die Hand auf den Oberschenkel legte. Es dauerte nicht lang, bis Sven die verliebten Blicke auffielen. Björn konnte genau sehen, wie sich Erkenntnis in seinem Gesicht ausbreitete und hätte fast laut gelacht, weil Sven so lustig dabei aussah. „Echt jetzt?“, fragte Sven über den Tisch hinweg. Björn nickte. Sven grinste. „Aber keine Schweinereien auf meinem Schreibtisch, verstanden?“
„Mal gucken“, erwiderte Björn. Schweinereien auf der Arbeit kamen ihm schon gleich gar nicht in den Sinn – er hatte keinen Bedarf an so viel Nervenkitzel.
„Schweinereien?“, fragte Simon neugierig, der nur die Hälfte mitbekommen hatte. „Darf ich mitmachen?“
„Musst du Björn und Dominik fragen.“ Sven wedelte mit der Hand in ihre Richtung.
„Was meinst du, lassen wir ihn mitspielen?“, fragte Dominik gespielt ernsthaft an Björn gewandt. Björn tat so, als müsste er überlegen. Gleichzeitig freute er sich, dass es wirklich niemanden zu interessieren schien; ein Hetero-Pärchen hätte sich vermutlich genau das gleiche Geschwätz anhören dürfen.

„Hach… Ich weiß auch nicht.“ Björn fiel ein, dass die anderen nach wie vor auf seine Antwort warteten. „Wenn er mit uns mithalten kann?“, entschied er sich für die großspurige Version und erntete ein paar Lacher.
Türchen 21
Erst weit nach Mitternacht machten sich alle nach und nach auf den Heimweg. Dominik setzte nacheinander Simon, Alex und Martin zu Hause ab. Sie wohnten wenigstens so grob in der selben Richtung, sodass er wenigstens nicht die ganze Stadt durchqueren musste. Das hatte den doofen Nebeneffekt, dass sie nach kurzer Zeit vor Björns Haus ankamen. Dominik stellte seinen BMW ab. „Möchtest du mich noch auf einen Kaffee mit nach oben bitten?“, soufflierte er. Björn lachte. „Du könntest mir ein Schlaflied singen.“
„Das würde ich sofort tun, wenn ich nicht so eine unterirdische Singstimme hätte. Der Gesang wäre sicherlich nicht schlaffördernd.“
„Egal. Kommst du noch mit rauf?“ Björn war sich nicht sicher, ob Dominik wirklich darauf aus war, ihn noch in dieser Nacht zu vernaschen und ob er selbst überhaupt schon so weit war. Allerdings wollte er sich jetzt noch nicht verabschieden. Er war sich sicher, dass es da einen Kompromiss geben würde.

„Sehr gern“, antwortete Dominik. Er stieg aus und wartete, bis Björn ums Auto herum gegangen war.
„Solveigh will dich auch noch unbedingt kennen lernen“, fiel es Björn ein, während er die Haustür aufschloss.
„Jetzt?“, fragte Dominik.
„Spinner. Am liebsten vor Weihnachten. Sie ist ja nicht neugierig oder so.“ Automatisch sprach Björn im Treppenhaus leiser, obwohl es unwahrscheinlich war, jemanden zu wecken.
„Nach allem, was du erzählt hast, bin ich für sie eine Art Sensation“, meinte Dominik. Björn nickte. „Nicht bloß für sie…“
„Das will ich hoffen.“ Dominik schnaufte ein bisschen. „Zu viele Treppen, zu wenig Aufzug!“
„Mit der Zeit wird man fit“, sagte Björn und verheimlichte, dass er ebenfalls froh war, als sie endlich seine Wohnungstür erreichten.

In der Wohnung angekommen, führte Björns erster Weg ihn ins Wohnzimmer, wo er die Lichterkette anschaltete. Danach war es ihm jetzt! Dominik machte einen Abstecher ins Bad und folgte anschließend ins Wohnzimmer, wo Björn bereits für Getränke gesorgt hatte. Das Hochgefühl von der Party verflüchtigte sich in der Stille langsam und machte Müdigkeit Platz. Björn hatte nur die Lichterkette angelassen; das Deckenlicht war ihm zu grell gewesen und er hatte es ausgeschaltet, sodass das Wohnzimmer in schummrigem Licht lag. Umstandslos zog Dominik ihn aufs Sofa. Der Kuss fiel träger aus als erwartet. „Müde?“, fragte Björn. „Mhm“, machte Dominik, gähnte und kuschelte sich an Björn.
„Schlafen?“ Björn gähnte kollektiv mit.
„Zahnbürste?“, fragte Dominik undeutlich.
„Hab eine.“ Wow, was für eine Konversation. Dass man innerhalb von wenigen Minuten so runterfahren konnte!

Es dauerte eine geraume Weile, bis die beiden sich vom Sofa aufraffen konnten. Verschlafen tapsten sie ins Bad, fast wie Zombies. Björn suchte die Ersatzzahnbürste für Dominik raus und nur wenige Minuten später lagen sie im Bett. Nachdem er Dominik alles erzählt hatte, war es Björn leichter gefallen, sich zum Schlafen seinen Pulli auszuziehen. Dominik war ohnehin so müde, dass er bestimmt nicht daran interessiert war, die Narben zu begaffen. Dass ihre erste gemeinsame Nacht so unschuldig aussehen würde, hatte Björn nicht gemutmaßt. Es war perfekt, so wie es war. Zufrieden kuschelte er sich an Dominik und lauschte seinem gleichmäßigen Atem, bis er unbemerkt in den Schlaf hinüber glitt.

Björn schlief tief und traumlos ohne aufzuwachen bis zum nächsten Morgen. Als er langsam wach wurde, war es draußen schon hell und er fühlte sich völlig entspannt. Noch leicht schläfrig, jedoch gleichzeitig zu wach, um wieder einzuschlafen. Dominik neben ihm dagegen schlief noch tief und fest. Weil er noch zu faul zum Aufstehen war und weil sich die Gelegenheit so schön bot, vertrieb Björn sich die Zeit damit, Dominik ganz schamlos zu betrachten. So ohne Klamotten hatte er ihn noch nie gesehen, da war es doch erlaubt, mal genauer zu gucken – zumindest soweit es die Decke zuließ. Mehr als die Brust lag eh nicht frei, aber die bot mit ihrer Tätowierung schon einiges an Potential. Ein Drache schlängelte sich auf dem Brustmuskel dekorativ um die gepiercte Brustwarze. Das Piercing war Björn durchaus schon aufgefallen, weil es sich ertasten ließ. Doch dass er tätowiert war, hatte Dominik mit keinem Wort erwähnt! Unweigerlich keimte in Björn die Frage auf, ob es wohl noch mehr Tattoos gab. Er hätte Dominik vorsichtig die Decke wegziehen und nachschauen können, aber so grausam war er dann doch nicht. Und zu anständig sowieso.

Bevor es ihm selbst aufgefallen war, hatten sich seine Finger verselbstständigt und fuhren die Konturen des Drachen nach. Es war kein Unterschied zur normalen Haut zu spüren, was Björn insgeheim erwartet hatte.

„Gefällt er dir?“, fragte Dominik mit vom Schlaf rauer Stimme. Björn zuckte zusammen. Er hatte nicht bemerkt, dass Dominik aufgewacht war. „Mh, ja“, gab er zu. „Du hast gar nicht verraten, dass du tätowiert bist.“
„Ich war mir sicher, du würdest das gern selber rausfinden.“ Dominik schenkte ihm ein verschmitztes Lächeln.
„Gibt schlechtere Überraschungen“, fand Björn. „Hast du noch mehr?“
„Schau doch nach“, sagte Dominik mit einem so unschuldigen Gesichtsausdruck, dass Björn lachen musste. „Tut das nicht weh?“
„Ich hab’s schon überlebt“, meinte Dominik. „Was ist nun, willst du gar nicht suchen?“
„Wenn du schon so nett darum bittest…“ Björn zog ihm die Decke nun doch weg. Er musste Dominik ja nicht vorher verraten, dass es im Schlafzimmer kühl war. Sonst hätte er sich das mit der Tattoosuche womöglich noch anders überlegt.

„Und Piercings?“, fiel es Björn ein.
„Viele Möglichkeiten dafür gibt’s ja nimmer“, entgegnete Dominik. „Aber nein, da hab ich keins.“
„Ich wüsste auch nicht, ob ich das gut oder seltsam finden sollte, also passt das schon“, meinte Björn und machte sich auf die Suche nach weiteren Bildern auf Dominiks Haut. Auf dem Rücken wurde er schließlich fündig. Zwei Raben breiteten ihre Flügel auf seinen Schulterblättern aus. „Hugin und Munin“, erklärte Dominik, „die Raben aus der Edda, der nordischen Göttersage. Odin schickt sie zum Tagesanbruch los, sie kommen zur Frühstückszeit zurück und berichten ihm Neuigkeiten.“
„Aha“, machte Björn und betrachtete die fein gestochenen Federn und die wie echt wirkenden Gesichter der Raben. „Stehst du auf solche Sachen?“
„Göttersagen? Schon ein bisschen.“
„Auf Kaffee zufällig auch?“ Björn wurde es so langsam ein bisschen frisch. Er war sich sicher, dass Dominik dagegen ein Rezept gefunden hätte, doch Kaffee war gerade auch extrem verlockend.
„Kaffee klingt sehr gut.“ Zum Glück schien Dominik nicht viel mehr zu erwarten, als Björn schon bereit war zu geben. Björn stieg aus dem Bett, streifte sich Jeans und ein Shirt über und ging rüber in die Küche. Dominik folgte nur kurze Zeit später, ebenfalls angezogen. „Stark oder weniger stark?“, fragte Björn.
„Stark!“
„Gut, dann haben wir den gleichen Geschmack.“ Björn kippte großzügig Kaffeepulver in den Filter.

Beide schraken zusammen, als es unvermittelt klingelte. „Oh“, sagte Björn. „Das ist bestimmt Solveigh. Die kommt manchmal am Wochenende morgens vorbei.“
„Willst du nicht aufmachen?“, fragte Dominik verwundert, als Björn noch ein paar Löffel Kaffeepulver mehr in den Filter gab. „Sie hat einen Schlüssel.“ Björn hatte noch nicht ausgesprochen, da stand sie auch schon in der Küche.
„Du hast ja schon Kaffee ge- oh! Hallo. Ich wusste nicht, dass du Besuch hast.“ Solveigh schaute mit einer Mischung aus betreten und neugierig zwischen den beiden hin und her.
„Dominik, das ist Solveigh. Solveigh – Dominik“, stellte Björn anstandshalber vor, obwohl die beiden ja wussten, wen sie da vor sich hatten. „Dominik hat spontan hier übernachtet. Ich hab noch nicht auf mein Handy geschaut, hattest du geschrieben, dass du vorbeikommst?“
„Ja, hatte ich. Ich lass euch auch gern die Brötchen da, wenn ihr lieber zu zweit frühstücken wollt.“ Solveigh lächelte offen.
„Ach Quatsch, du kannst uns doch nicht einfach Frühstück bringen und dann wieder gehen“, sagte Dominik. „Oder?“ Er schaute zu Björn. Der zog die Schultern hoch und wies Richtung Kaffeemaschine. „Da ist deine Portion schon unterwegs. Du musst leider wohl oder übel hier bleiben und sie trinken.“
„Überredet!“ Solveigh zeigte zwei Reihen strahlend weißer Zähne. „Wir essen dann am Esstisch, schätze ich, nicht hier am Küchentisch?“
„Hier passen wir wohl kaum alle drei hin.“ Schon zu zweit wurde es am Küchentisch gemütlich bis eng. Solveigh nickte; ihre Frage war wohl eher rhetorischer Natur gewesen. Sie füllte die Brötchen um in den Brotkorb. „Hast du geahnt, dass ich hier bin, oder bringst du immer Frühstück für eine ganze Kompanie mit?“, fragte Dominik beeindruckt. Verlegen lächelte Solveigh. „Ich konnte mich nicht entscheiden heute und hab einfach alle mitgebracht, die lecker ausgesehen haben… Ich hätte den Rest sonst mit nach Hause genommen und eingefroren oder so.“
„Was ein praktischer Zufall.“ Dominik ließ sich von Björn Teller und Besteck in die Hand drücken und folgte Solveigh, die mit dem Brotkorb voran ging.
Türchen 22
Der Frühstückstisch war schnell gedeckt und der Kaffee rasch durchgelaufen. Es wurde ein sehr gemütlicher Morgen. Solveigh und Dominik verstanden sich prima. Solveighs Augen leuchteten; sie mochte Dominik. Als er sich irgendwann für die Toilette entschuldigte, war Solveighs Zeit gekommen. Björn sah ihr schon seit einer Weile an, dass sie dringend ihre Begeisterung loswerden musste und lehnte sich grinsend zu ihr rüber, als sie die Badtür zugehen gehört hatten. „Was für ein Fang! Halt dir den bloß warm! Der ist ja echt total nett!“, sprudelte es aus ihr heraus. Björn zwinkerte. „Ich hab nicht vor, ihn zu verjagen.“
„Das will ich hoffen. Er weiß Bescheid?“ Solveigh deutete auf Björns bloße Arme. Ihr war sofort aufgefallen, dass er nur ein T-Shirt trug. Sie wusste, dass Björn sonst seine Arme mit langen Ärmeln bedeckte, weil er nicht wollte, dass jemand die Narben sah. Er nickte. „Seit gestern. Er hat gesagt, wenn es mir schlecht geht, soll ich es ihm sagen.“
„Sehr gut. Er gefällt mir.“

Ihr Gespräch wurde unterbrochen, als Dominik zurückkehrte. „Und?“, fragte er. „Wie viele Punkte hab ich bekommen? Ich hoffe ja, dass ich mindestens zehn von zehn erreicht hab.“
„Wir sind uns noch nicht ganz einig“, erwiderte Solveigh grinsend. „Wenn du dich gut benimmst, könntest du das schaffen.“
Erstaunlich, wie man eine Drohung so galant verpacken konnte. Björn war immer wieder erstaunt von Solveighs Fähigkeiten – und er wusste, dass sie es absolut ernst meinte. Dominik verstand den Wink mit dem Zaunpfahl. „Ich benehm mich immer gut! Ich bin der perfekteste Schwiegersohn, den du dir wünschen kannst.“
„Werden wir ja sehen“, antwortete Solveigh trocken, doch ihr blitzte der Schalk aus den Augen. „Darf’s noch etwas Kaffee sein?“, fragte Dominik und deutete einen Diener an. Solveigh lachte und nickte. „Ja, darf es tatsächlich.“
Dominik füllte ihre Tasse und knickste, bevor er die Kanne wieder abstellte. „Wohl bekomm’s, Schwiegerdrache.“
„Minus ein halber Punkt für den Drachen.“
„Ich meine natürlich, du herrliches, brötchenbesorgendes, vom Himmel gesandtes Wesen.“

Solveigh verabschiedete sich nach einiger Zeit wieder. Es ging schon auf Mittag zu und es war wohl so langsam angebracht, dass sie sich auch um ihren eigenen Freund kümmerte. Björn brachte sie zur Tür, wo sie ihm nochmal einschärfte, dass er es sich ja nicht mit Dominik verscherzen sollte. „Der ist genau das Richtige für dich“, war sie überzeugt. Wenn selbst die kritische Solveigh, die mit Adleraugen über ihren Schützling Björn wachte, das sagte, war wohl was dran. „Mal gucken, was die Zeit bringt“, meinte Björn. Solveigh rollte die Augen. „Du alter Pessimist. Wehe, du sagst sowas zu ihm.“
„Ja ja. Komm gut heim.“ Björn schob sie aus der Tür und winkte. Solveigh winkte zurück und hüpfte fröhlich die Treppen hinunter. Bei ihr sah das nicht mal albern aus, wenn man bedachte, dass sie schon dreiunddreißig war. Irgendwie passte es zu ihrer fröhlichen Natur.

„Ist ihre Neugier befriedigt?“, fragte Dominik amüsiert, als Björn sich wieder zu ihm gesellte.
„Absolut. Sie mag dich“, sagte Björn und legte Dominik die Arme um die Schultern. Dominik griff nach seinen Händen und streichelte sie sanft. „Dann hab ich wohl Glück gehabt, was? Du hättest mich wahrscheinlich aus dem Haus gejagt, wenn nicht.“
„Kann gut sein“, behauptete Björn. „Sie weiß besser, was gut für mich ist und was nicht – glaubt sie jedenfalls.“
„Und du lässt sie in dem Glauben, ja?“
„Sie hat schon öfters mal Recht. In dem Fall sind wir ja eh einer Meinung, also passt das schon.“
„Puh“, tat Dominik, als wäre er total erleichtert.
„Musst du eigentlich nicht nach Hause?“, fiel es Björn ein. Dominik drehte den Kopf. „Willst du mich etwa loswerden?“
„Ach, Quatsch. Ich mein ja nur, weil du gestern so spontan hiergeblieben bist…“
„Vielleicht war’s ja gar nicht so ganz spontan?“, gab Dominik zu bedenken.
„Berechnendes Monster!“ Björn knuffte ihn. „Dafür musst du dich mit mir jetzt aufs Sofa legen, das hast du nun davon.“
„Was eine Strafe.“ Dominik ließ sich nur zu gern von Björn mitziehen.

Sie verbrachten beinahe den ganzen Sonntag bis zum späten Nachmittag hin auf dem Sofa. Björn schaltete eine Serie auf Netflix ein, bei der sie sporadisch aufpassten. Erst als es draußen schon dämmerte, machte sich Dominik auf den Heimweg.

Noch eine Woche bis Weihnachten. Und noch hatte Björn kein Geschenk für Dominik, geschweige denn die zündende Idee. Er kannte ihn dann doch noch nicht so lang, was ziemlich verrückt war, wenn man bedachte, wie verdammt verschossen er in ihn war. Zwar unterhielten sie sich über Gott und die Welt, doch für ein Geschenk, das wirklich zu Dominik passte, wusste Björn schlicht nicht genug über ihn. Das ärgerte ihn ein bisschen. Er wählte seine Geschenke immer sehr sorgfältig aus, weil er wollte, dass der Beschenkte sich ehrlich darüber freuen konnte. Dieses Leid klagte er Solveigh, die ihn erst ein bisschen auslachte, weil er sich darüber solche Gedanken machte, im Anschluss jedoch versprach, dass auch sie sich Gedanken machen würde, was er Dominik schenken konnte. Ihren ersten spontanen Vorschlag, ihm sich selbst mit einer umgebundenen Schleife zu schenken, lehnte er dankend ab. Das war dann doch zu bescheuert, auch wenn er sich fast sicher war, dass Dominik das Geschenk zu würdigen wüsste.

Es wäre auch möglich gewesen, Dominik einfach zu fragen, ob er einen Wunsch hatte. Björn kam das allerdings doof vor und er schätzte Dominik so ein, dass er auf die Frage nur antworten würde, dass er sich nichts von ihm wünschte. Das Kochen und Backen als Dominiks Hobby war natürlich ein Anhaltspunkt, aber Björn kannte sich da zu wenig aus, um zu wissen, was man verschenken konnte. Ein Koch- oder Backbuch? Woher wollte er wissen, dass Dominik es noch nicht besaß oder etwas mit dem Kochstil anfangen konnte?

„Seht ihr euch denn an Weihnachten?“, fragte Peter, als er am Mittwoch vor Weihnachten mit einer Portion gebratener chinesischer Nudeln auf Björns Sofa herumfläzte. Auch ihn hatte Björn gefragt, ob er eine Idee hatte.
„Am zweiten Weihnachtsfeiertag“, antwortete Björn. Auch er hatte eine Nudelbox auf dem Schoß. „Da hat er zumindest gesagt, will er was mit mir machen. Ich hab ja eh nichts vor.“
„Ah, cool.“
„Schon.“ Björn war Weihnachten allein gewohnt und vermisste seine Familie nicht gerade. Dass man aber einige Tage so gar nichts von den Freunden hörte, weil die ihrerseits Zeit mit der Verwandtschaft verbrachten, hatte ihm die letzten Jahre zugegebenermaßen zu schaffen gemacht.
„Du freust dich schon, oder?“, fragte Peter. Björns Antwort war ihm wohl etwas zu einsilbig gewesen.
„Ja, klar. Ich hirne nur immer noch wegen einem Geschenk rum.“ Björn seufzte. „Das ist doch blöd. Jemanden so kurz vor Weihnachten kennenzulernen.“
„Hättest du halt mal früher den Job gewechselt“, meinte Peter. Björn rollte die Augen. Peter zuckte die Schultern. „Gefallen hat es dir doch eh nie dort.“
„Ja“, murmelte Björn langgezogen. Das war nichts, worüber er gerade sprechen wollte, außerdem hatte Peter sowieso Recht und wusste das auch.
„Isst er denn auch gern?“, fragte Peter.
„Wer, Dominik?“
Peter nickte. Björn wiegte den Kopf. „Ja. Würde ich schon sagen. Er kocht ja total unterschiedliche Sachen und probiert auch alles Mögliche aus.“
Er konnte gar nicht sagen, wie viele ihm unbekannte Gerichte Björn schon gegessen hatte, seit er Dominik kannte – und das in der Kürze der Zeit! Selbst Sachen, die Björn eigentlich überhaupt nicht mochte, konnte Dominik so zubereiten, dass er sie mindestens essen konnte oder sie ihm sogar schmeckten.

„Führ ihn doch irgendwo schön aus“, schlug Peter vor. „Das Hotel Montana hat doch immer so Themenabende oder Brunches.“
Björn horchte auf. „Das wäre erst noch eine Idee!“ Er langte nach seinem Handy, das auf dem Couchtisch gab, und rief die Seite des Hotels auf. „Hm, man muss sich anmelden“, sagte er nach einem kurzen Überfliegen. „Aber das klingt alles echt super. Mediterraner Abend, USA-Brunch, bayerischer Abend…“
„Sind denn irgendwo noch Plätze frei?“, fragte Peter. „Also, nicht erst im Juli oder so.“
Björn schaute sich die Angebote an. „Witzig, am ersten Weihnachtsfeiertag gibt es tatsächlich noch freie Plätze. Müsste da nicht eigentlich ausgebucht sein? Aber es ist ein Brunch, vielleicht deswegen…“
„Hey, meld dich gleich an! Was für ein Thema?“
„Spanisch“, murmelte Björn nachdenklich. „Das mach ich echt. Das klingt total cool!“ Er hatte keinen blassen Schimmer, was er sich unter einem spanischen Frühstück vorstellen sollte. Naja, irgendwas frühstückten ja auch schließlich Spanier. Er buchte direkt am Handy zwei Plätze. Das würde Dominik gefallen, da war er sich sicher.

„Siehst, war doch gar nicht so schwer“, sagte Peter, zufrieden über seine Idee. „Da hätte ich echt auch selber drauf kommen können“, gab Björn zu. „Essen gehen mit jemandem, der gern isst…“
„Schon ne logische Sache, so an sich“, meinte Peter. „Aber ich will mich ja nicht selber loben oder so.“
„Nein, gar nicht.“ Björn tippte eine Nachricht an Dominik. ‚Erster Weihnachtsfeiertag steht ja, oder?‘ Sicher war sicher. „Jedenfalls ein guter Einfall, danke.“
„Keine Ursache.“ Peter beugte sich vor, um sich die Colaflasche vom Tisch zu angeln. „Liebenden helfe ich doch gern.“
„Danke, Amor“, gab Björn trocken zurück. „Hast du noch Frühlingsrollen?“
„Klar.“ Peter schob ihm die Warmhaltebox zu, die er dreist neben sich auf dem Sofa gebunkert hatte. „Sind sogar noch welche drin!“
„Wow, super!“ Mit übertriebener Begeisterung klappte Björn die Box auf und fischte die beiden übriggebliebenen Mini-Frühlingsrollen heraus. Mit vollen Backen verkündete er: „Jetzt nicht mehr!“
Türchen 23
Nachdem das mit dem Geschenk geklärt und die Bestätigungsmail der Buchung beim Brunch eingegangen war, konnte Björn die letzten paar Tage vor Weihnachten beruhigt angehen. Auf der Arbeit ging es in den Endspurt, was die Verkäufe anging. Freitag war der letzte Arbeitstag vor Weihnachten. Die Bude kochte, im Versand stapelten sich die Pakete und im Service riefen tausende besorgte Kunden an, die verzweifelt auf ihre Bestellung warteten und fragten, ob auch wirklich schon verschickt sei. Alle, die im Service saßen, hatten glühend rote Ohren und Finger vom Beantworten der Anrufe und Mails und reagierten auf jegliche Ansprache nur mit einem Augenrollen. Björn war froh, dass er im Produktmanagement war.

Alle waren froh, als es Freitag siebzehn Uhr schlug – nur in der Theorie, weil kein Glockenturm in der Nähe war – und sie die PCs für die nächsten paar Tage herunterfahren konnten. Zwischen den Tagen würde lediglich der Versand spärlich besetzt sein, das Büro weitgehend leer. Der Chef würde ab und zu reinschauen, wie Chefs das halt so taten. Die hatten seltenst Urlaub.

Björn dagegen blickte einer arbeitsfreien Woche entgegen. Die beiden Tage nach den Weihnachtsfeiertagen hatte er Urlaub bekommen. Er konnte es ruhig angehen lassen und freute sich darauf – neben dem Brunch mit Dominik, von dem dieser noch gar nichts wusste. Björn hatte nicht vor, es ihm zu verraten, ehe sie sich auf den Weg dorthin machten. Er hatte Dominik nur hoch und heilig versprechen lassen, dass er morgens um halb zehn bei Björn auf der Matte stehen würde.

Vor Weihnachten lag noch das gesamte Wochenende. Heute Abend war Dominik beim Geburtstag seiner Tante. Er hatte Björn die Wahl gelassen, ob er sich der geballten Ladung Familie stellen wollte und Björn hatte dankend verzichtet. Fürs erste Vorstellen würden ihm Eltern, gute Freunde von Dominik oder Geschwister völlig ausreichen. So wie es sich angehört hatte, handelte es sich bei dem Geburtstag der Tante um ein größeres Event. Dominik brachte Björn nach Hause, drückte ihm einen Kuss auf die Lippen und sagte: „Dann wünsch ich dir einen schönen Abend, Süßer.“
„Dir auch. Schlag dir den Bauch voll und tu nichts, was ich nicht auch tun würde.“ Björn zwinkerte und stieg aus dem Auto. Dominik winkte ihm und brauste davon. Schneematsch spritzte hoch. Die dünne Schneeschicht hatte sich die ganze Zeit nicht komplett verzogen, war aber nicht weiter gewachsen. So ein bisschen Neuschnee auf Weihnachten wäre toll, überlegte Björn, während er zur Haustür ging. Das Hotel, bei dem der Brunch stattfinden sollte, hatte bodentiefe Fenster und eine Schneedeko wäre klasse beim Weihnachtsbrunch. Selbst wenn es spanisches Essen geben würde, was man klassischerweise wohl eher nicht mit Winterkälte verband. Er freute sich jetzt schon diebisch auf das Gesicht, das Dominik machen würde, wenn Björn ihm das Ziel des Ausflugs verkünden würde.

An diesem Abend war Björn das erste Mal seit langem wieder komplett allein. Erst jetzt fiel ihm auf, dass er seit seiner Rückkehr aus der Klinik nie einen Tag ohne Besuch verbracht hatte. Es wohl auch besser so gewesen. Gerade kurz danach, als er die Kündigung erhalten hatte und sich irgendwie zurechtfinden musste, wäre er allein sicher an sich selbst verzweifelt. Früher war er auch immer allein gewesen. Klar, Solveigh und Peter waren ab und zu dagewesen oder mit ihm ausgegangen, doch meistens war er nach der Arbeit in die leere Wohnung zurückgekehrt und hatte apathisch und ohne aufzupassen in den Fernseher glotzend auf dem Sofa gelegen, bis er irgendwann ins Bett gegangen war – oder auch nicht. Nach dem Suizidversuch hatten die beiden beschlossen, dass er nicht allein sein sollte. Im Nachhinein war es das Beste, was sie hatten tun können, auch wenn Björn das damals nicht so ganz verstanden hatte. Es hatte ihm gut getan, dass jemand nach ihm schaute, dafür sorgte, dass er einmal am Tag etwas Warmes aß und nicht in Selbstmitleid wegen der Arbeitslosigkeit versumpfte.

An diesem Abend störte es Björn dagegen überhaupt nicht, allein zu sein. Das mit dem warmen Essen ließ er aus, denn er hatte keine Lust zu kochen und war auch nicht besonders hungrig. Ein Wurstbrot reichte ihm, das er mit ins Wohnzimmer nahm, die Lichterkette überm Sofa anschaltete und sich zufrieden auf Netflix einen Film aussuchte. Es wurde letztendlich ein Weihnachtsfilm. Sonst waren die nicht so sein Ding, obwohl er die Vorweihnachtszeit mochte. Aber alle hatten dieses Happy-Family-Ding, womit er nichts anfangen konnte. Doch jetzt hatte er plötzlich Lust darauf und Kevin allein Zuhaus flackerte über den Bildschirm. Großzügig, weil er gut gelaunt war, ignorierte Björn, dass der Film genau genommen nicht mal eine besonders kreative Story aufwies.

Das Wochenende plätscherte ohne besondere Vorkommnisse vor sich hin. Peter und Solveigh schauten nur kurz vorbei; ihre Weihnachtsvorbereitungen lagen in den letzten Zügen. Schien eine stressige Angelegenheit zu sein, zusammen mit der Familie zu feiern. Björn hatte das schon so lang nicht mehr gemacht, dass er sich nicht erinnern konnte. Er hatte sich eh so weit wie möglich aus allem rausgehalten, bei der Familie…

Nur Dominik brachte mehr Zeit mit, weil er alle Geschenke schon besorgt hatte und kein Fest vorbereiten musste. Björn hatte einen gemütlichen Sonntagabend im Sinn gehabt, doch Dominik war motiviert und schien sich nicht dafür zu interessieren, dass an den Weihnachtstagen nichts als Essen geplant war, denn er wollte unbedingt zusammen mit Björn kochen. „Ich hab da so Lust drauf“, sagte Dominik mit einem Dackelblick, dem Björn nicht widerstehen konnte. Der Idiot wusste zweifellos, wie er Björn rumkriegen konnte. Zum Kochen. „Und was ist das?“, fragte Björn nochmal nach. Dominik hatte den Namen des Gerichts erwähnt, doch Björn war das so dermaßen unbekannt, dass er ihn gleich wieder vergessen hatte. „Jambalaya? Das ist ein Südstaaten-Eintopf aus Reis. Quasi wie eine Art Paella, nur anders gewürzt.“
Bei Paella wusste Björn immerhin, was es war. Gegessen hatte er sie noch nie. Er war sich sicher, Dominik – oder vielleicht auch das spanische Brunch – würden das ändern. „Hauptsache, du hast Plätzchen dabei“, murmelte er. Dominik lachte und wuschelte ihm über den Kopf. „Na klar.“

Es stellte sich heraus, dass man für Südstaaten-Eintopf einen Haufen Gemüse und Zwiebeln schnippeln musste. Und Björn hatte gedacht, so viel Gemüse würde die US-amerikanische Küche überhaupt nicht kennen. Weil Björn bei Stein, Schere, Papier verlor, musste er die Zwiebeln übernehmen und heulte dabei Rotz und Wasser, Dominik lachte ihn deswegen aus. Am Ende kam ein Eintopf mit Rind, Pute und Meeresfrüchten heraus, der noch einige Zeit auf dem Herd zu köcheln hatte und zugegebenermaßen ziemlich gut roch. Björn lief das Wasser im Mund zusammen. „Wenn der Reis fertig ist, können wir essen“, meinte Dominik, der Björns Blick verfolgt hatte. „Weich sollte er schon sein, dann schmeckt er besser.“
„Ach, echt“, tat Björn beleidigt. „Ich koche zwar wenig, aber so wenig dann doch nicht!“
„Sehr gut, bin stolz auf dich“, meinte Dominik mit einem liebevollen Grinsen.

„Wie ist denn der Plan für übermorgen?“, fragte Dominik, als sie später das fertige Jambalaya verdrückten, das hervorragend schmeckte. „Verrat ich dir übermorgen.“ Björn streckte ihm die Zunge raus. „Ich werd mich nicht verquatschen, da kannst du es noch so sehr versuchen.“
„Ich bin fast gar nicht neugierig.“
„Nein, niemals.“
Natürlich war Dominik ganz fürchterlich neugierig. Björn hoffte nur, dass es ihm auch wirklich gefallen würde – unwahrscheinlich, dass nicht. Es machte Spaß, Dominik zappeln zu lassen. „Ich kann ja so viel verraten“, sagte Björn, „es hat was mit deinem Weihnachtsgeschenk zu tun.“
„Bla bla, Weihnachtsgeschenk“, machte Dominik, als sei das kein Argument, bekam aber ein Glitzern in die Augen. „Schenkst du mir dich selbst mit einer Schleife? Zum Auspacken?“
„Soll doch was Besonderes sein, was man zu Weihnachten verschenkt, oder?“, stellte Björn die Gegenfrage.
„Ist es doch.“ Dominik schaute unschuldig drein.
„Pff.“ Björn tat so, als würde ihn Dominiks Kompliment kalt lassen; in Wahrheit wanderte ihm ein wohliger Schauer über den Rücken. Dominik hatte schon wieder dieses Blitzen in den Augen, was bedeutete, dass er genau wusste, was seine Worte bei Björn ausrichteten. Er machte sich einen Spaß daraus, Björn zu reizen, ohne ihn dabei zu irgendwas zu drängen – und das, obwohl er überhaupt nicht wusste, warum Björn so zurückhaltend war. Um es genau zu nehmen, wusste Björn das selber nicht so genau. Es kam ihm immer noch komisch vor, Dominik die Narben zu zeigen, obwohl dieser davon wusste und seit ihrem ersten Date nichts weiter dazu gesagt oder gefragt hatte. Oder weil er Angst hatte, alles verlernt zu haben?
„Hirn mal nicht so rum“, drang Dominiks Stimme in Björns Bewusstsein. „Das war nicht mein Ziel.“
„Sorry, tut mir leid“, murmelte Björn. „Kann ich nicht immer zurückhalten.“
„Ich merk’s. Magst du noch was?“ Dominik deutete auf den Jambalayatopf. Björn schüttelte den Kopf. „Bitte nicht. Es ist mega lecker, aber ich platz gleich.“
„Den Rest lass ich dir für morgen da, okay?“
„Ja, Mama.“
„Spinner.“ Dominik stand auf und begann, den Tisch abzuräumen. Björn machte sich daran, ihm zu helfen. Der Topf mit den Resten wanderte mitsamt Deckel in den Kühlschrank. Da waren noch locker drei Portionen drin. „Wann soll ich das alles essen?“, fragte Björn. „Morgen?“, schlug Dominik vor. „Frühstück, Mittag, Abend? Und während du es in dich rein stopfst, denkst du an den wunderschönen Koch.“
Türchen 24
Anmerkungen zum Kapitel:Tja, das war es dann mit Björn und Dominik und der Weihnachtsgeschichte ^^ Danke euch fürs Mitfiebern und besonderen Dank an Witch für ein tägliches!!! Review. :*
„Also mich“, meinte Björn und erntete dafür eine sanfte Kopfnuss. „An mich!“, half Dominik ihm auf die Sprünge. „Ach, den meinst du. Hatte ich fast vergessen“, zog Björn ihn auf. „Mit dir werd ich noch zum Superkoch. Nur, dass ich leider alleine zu faul bin.“
„Macht nix, du hast ja mich.“ Dominik zog Björn in seine Arme. Tief sog Björn den Dominik-Geruch ein, diese süchtig machende Mischung aus dem Duft von Essen, Duschgel und eben Dominik. „Morgen leider nicht“, nuschelte er mit dem Gesicht in Dominiks Pulli. „Du hättest zu meiner Familie mitkommen können, wenn du gewollt hättest“, erwiderte Dominik. „Ja, ja.“ Björn hatte es sich ja selbst ausgesucht. „Nächstes Jahr vielleicht.“
„Da auf jeden Fall.“

Der vierundzwanzigste Dezember zog ruhig an Björn vorbei. Er schlief aus und wachte entspannt am späten Vormittag auf, sodass er sich gegen ein Frühstück und für ein späteres Brunch entschied und sich nur Kaffee machte. Er machte einen kurzen Spaziergang um den Block, weil ihm nach frischer Luft zumute war und wurde vollgeschneit. Dicke, weiche Flocken segelten unaufhaltsam vom Himmel und verbreiteten ein weihnachtliches Flair. Björn konnte sich gar nicht genau daran erinnern, wann es das letzte Mal ein weißes Weihnachten gegeben hatte. 2009, 2010 vielleicht? Er schüttelte sich vor dem Haus den Schnee von der Jacke und der Kapuze und stieg die Treppe hoch in seine Wohnung.

Den Rest des Tages verbrachte er mit gemütlichem Herumhängen unter seiner Lichterkette, Filmen und WhatsApp-Nachrichten von seinen Freunden und Dominik. Letzterer schrieb, wie sehr er ihn vermisste und schickte ein Foto von einem geschmückten Weihnachtsbaum, der bei seinen Eltern im Wohnzimmer stehen musste. Wenn Dominik nur mit ihnen gefeiert hätte, hätte Björn sich überlegt, mitzukommen, doch Weihnachten war bei den Hausers eine Familienangelegenheit und alle kamen am Abend des Vierundzwanzigsten für ein großes Gelage zusammen – so zumindest hatte Dominik ihm das erzählt. Björn wollte sich einfach nicht direkt in den kompletten Trubel stürzen, an Heiligabenden genauso wenig wie an Tantengeburtstagen, obwohl Dominik ihm versichert hatte, dass er out war und schon mehrere Freunde mitgebracht hatte, die alle gut aufgenommen worden waren. Björn hatte eher Angst, sich die ganzen Namen nicht merken zu können oder im Gewimmel unterzugehen. Zu viele Menschen auf einem Haufen in so engem Raum waren eh nicht so sein Ding.

Er machte sich zum Abendessen das Jambalaya von gestern warm, das fast noch besser schmeckte. Ganz offenbar ein Gericht, das einmal ordentlich durchziehen musste. Nach einer heißen Dusche versumpfte Björn zufrieden auf seinem Sofa. Zwar war er wie jedes Jahr an Heiligabend allein, doch diesmal war es trotzdem anders. Sein Freund schrieb ihm alle halbe Stunde oder Stunde und schickte Bilder von leckerem Essen – scheinbar lag es bei ihm in der Familie, gut zu kochen und gern zu essen. Erstaunlich, fiel Björn erst jetzt auf, dass Dominik trotz seines guten Appetits nicht dick war. Zudem war die Vorfreude auf den nächsten Tag präsent. Das Brunch würde ein voller Erfolg werden. Hoffentlich brachte Dominik nach dem opulenten Weihnachtsessen noch einen Bissen hinunter, wenn nicht, wäre das ganz schön doof. Björn vertraute voll und ganz darauf, dass Dominik wie sonst auch ein Fass ohne Boden sein würde.

„Guten Morgen, mein Honighäschen!“ Gut gelaunt empfing Björn Dominik in seiner Wohnung, als dieser pünktlich zum verabredeten Zeitpunkt aufschlug und ihm ein aufwändig verpacktes Päckchen in die Hand drückte, zusammen mit einem Kuss auf die Lippen. „Guten Morgen, Süßer. Frohe Weihnachten!“
„Uih, danke“, freute sich Björn über das Geschenk.
„Bedank dich erst, wenn du es ausgepackt hast“, meinte Dominik. Björn drehte das Päckchen in der Hand. „Das ist so schön verpackt, ich trau mich kaum, es aufzumachen.“
„Ist aber innendrin noch besser“, schmunzelte Dominik.
„Na, dann machen wir das, ehe wir zu deinem Geschenk gehen“, beschloss Björn.
„Da müssen wir hingehen?“ Dominik schaute verwundert. „Ich bin gespannt!“
„Eigentlich müssen wir fahren“, gab Björn zu, während er vorsichtig die Tesastreifen vom Geschenkpapier löste. „Um genau zu sein, musst du leider selbst fahren. Für die Stretchlimo hat das Gehalt nicht mehr ausgereicht.“
„Sowas, und jetzt müssen wir völlig unstandesgemäß BMW fahren?“ Dominik beobachtete gespannt, wie Björn den Inhalt des Päckchens zutage förderte. Es war eine Schachtel aus braunem Wellpapier.
„Sieht so aus.“ Björn klappte den Deckel der Schachtel hoch. Innen befanden sich drei Fläschchen Massageöl. „Hui. Cool! Gibt’s den Masseur inklusive?“
„Aber selbstverfreilich!“ Dominik nickte. Björn stellte die Schachtel aufs Sideboard. „Ich freu mich drauf! Wir sollten jetzt aber los, damit wir nicht zu spät kommen.“
„Immer dieser Zeitdruck. Ich hätte das Öl doch so gern direkt an dir ausprobiert“, gab sich Dominik enttäuscht, folgte Björn jedoch das Treppenhaus hinunter. „Wo gehen wir denn hin?“, fragte er neugierig.
„Siehst du dann“, tat Björn geheimnisvoll. „Du fährst und ich sag dir, wohin!“
„Alles klar. Dann bitte ich einzusteigen, Monsieur!“ Dominik hielt ihm sogar die Türe auf. „Vielen Dank, James“, antwortete Björn galant und stieg ein. Dominik stieg seinerseits auf der Fahrerseite ein. „Wo darf’s denn hingehen?“
„Zuerst einmal auf den Stadtring.“ Das Hotel lag etwas außerhalb im „guten“ Viertel der Stadt. Dominik folgte den Anweisungen, die Björn ihm gab und ihm war anzusehen, dass er vor Neugierde beinah platzte. Björn freute sich diebisch darüber. Dafür, dass ein Feiertagmorgen war, war doch einiges los auf den Straßen. „So, hier auf den Parkplatz bitte“, wies er an, als sie endlich das Hotel erreicht hatten. Dominik bog ab und suchte sich einen Parkplatz. Auch hier war es gut voll. „Das Montana?“, fragte er verwundert. „Hast du uns ein Hotelzimmer gebucht? Hätten wir das Öl mitnehmen sollen?“
„Wäre auch ne Idee gewesen“, überlegte Björn. „Aber nein. Wir werden uns jetzt gepflegt den Ranzen vollschlagen, bis wir uns nicht mehr bewegen können. Heute ist spanisches Brunch.“
„Oha.“ Dominik machte große Augen.
„Frohe Weihnachten“, sagte Björn zwinkernd. „Ich hoffe, dein Geschenk gefällt dir.“
„Klingt auf jeden Fall richtig lecker! Ich hab schon davon gehört, dass man hier gut essen kann, aber war noch nie hier.“
„Dann bin ich ja froh, dass ich diese Bildungslücke schließen kann.“ Björn grinste und bekam einen Kuss aufgedrückt. „Ne, freut mich wirklich. Auch wenn das mit dem Hotelzimmer auch nicht schlecht gewesen wäre…“ Dominik grinste ihn dreckig an. Björn grinste zurück. „Zu Ostern dann?“
„So lang noch?“, jammerte Dominik.
„In der Zeit können wir ja das Öl austesten“, meinte Björn. „Komm, lass uns reingehen.“

Sie stiegen aus. Im selben Moment begann es wieder, dicke Flocken zu schneien. Dominik nahm Björn an der Hand und zog ihn zu sich. „Danke“, flüsterte er dicht an seinem Ohr. „Das beste Weihnachten seit Langem, ehrlich!“
„Was soll ich erst sagen“, antwortete Björn genauso leise. Vor nicht mal einem halben Jahr war sein Leben ein kraftloses, schwarzes Loch gewesen. Und jetzt stand er hier, im Schneetreiben, neben einem Mann, in den er sich verliebt hatte, feierte Weihnachten und fühlte sich hier und jetzt absolut wohl.

„Du, ich lieb dich“, sagte Dominik mit einem warmen Lächeln.
„Du, ich glaub, ich dich auch“, sagte Björn. Wie um das Gesagte zu unterstreichen, trafen sich ihre Lippen zu einem Schneeflockenweihnachtskuss.

Das war es also, sein neues Leben.

ENDE
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