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Der eine Ort, an dem Julian am besten nachdenken kann, ist der städtische Friedhof, denn hier ist er immer allein und ungestört, bis zu jenem Abend, an dem er eine seltsame Bekanntschaft macht.

Genres: Paranormale Welt, M/M (yaoi)
1. Warnung: Keine
2. Warnung: Keine
3. Warnung: Keine

Kapitel: 3     Gelesen: Nicht möglich
Inhaltsverzeichnis

Wörter: 11336     Klicks: 3010
Veröffentlicht: 25/10/19 Aktualisiert: 20/07/21
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Anmerkungen zur Geschichte
Eine kleine Geschichte, die ihren anfang im NaNoWriMo2018 genommen und mir ein gewisses Vergnügen bereitet hat.
Viel spaß beim Lesen.
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1. 1

Mühelos kletterte Julian über die bröckelnde Ziegelmauer, die sich einmal um den alten, städtischen Friedhof zog. Die Wege dahinter lagen in den tiefen Schatten der Abenddämmerung, das Tor am Haupteingang und auch jene der Seiteneingänge waren um diese Zeit längst verschlossen. Er kannte sich hier blind aus und wusste, wie er auf den Nebenwegen zwischen unscheinbaren Grabsteinen und protzigen Statuen zur alten, zentralgelegenen Kapelle kam, ohne irgendwo draufzutreten und zu stolpern. So seltsam es war, dies war sein Lieblingsplatz, und es gab in der ganzen Stadt keinen Ort, an dem er besser zur Ruhe kam.

Dass sein Vater ein Bestattungsunternehmen in zweiter Generation führte, hatte ihn wohl schon früh gegen die Toten abgestumpft. Er fand sie weder gruselig noch beängstigend. Es waren leere Hüllen, Puppen, die einfach da lagen, unter der Erde, und nichts taten. Auf der Welt gab es genug Dinge, die ihm mehr Angst machten. Die Lebenden im Allgemeinen gehörten dazu.

Doch es war nicht der Friedhof selbst, der ihm Ruhe gab, sondern ein Ort, der noch viel schwerer zugänglich war. Julian erreichte im schwindenden Licht des Spätsommerabends die Kapelle, umrundete sie einmal und fand an der Rückseite die kleine Nebentür, deren Schloss schon lange nicht mehr richtig einrastete. Mit etwas Geschick und Übung bekam er die Tür auf und schlüpfte hindurch. Seine Augen brauchten einige Momente, um sich an die Dunkelheit zu gewöhnen. Durch die Fenster fiel gerade einmal noch so viel Licht herein, dass man wenigstens vage Konturen sehen konnte. Steile, ausgetretene Holzstufen führten hinauf in den kleinen Glockenturm, von wo aus er nicht nur einen Überblick über die umliegenden Gräber hatte, sondern auch über einen Großteil der Stadt, die sich an einem sanften Hang unterhalb erstreckte. Von dort drang kein einziges Geräusch hier hoch.

Vorsichtig kletterte Julian auf die steinerne Brüstung. Sie war breit genug, um bequem darauf zu sitzen und die Beine über dem Abgrund baumeln zu lassen. Wenige Meter unter ihm lag das rote Ziegeldach der Kapelle, an dessen Rand es dann senkrecht abwärts ging, direkt in die Rosenbeete vor den kleinen westlichen Buntglasfenstern. Erleichtert genoss Julian die kühle Abendluft, die ihm hier oben um die Nase wehte. Die schon seit Wochen anhaltende Hitze wurde sofort etwas erträglicher.

Er seufzte leise, fischte einen zerquetschten Müsliriegel aus seiner Hosentasche und kaute lustlos darauf herum. Jetzt, wo er hier war, konnte er endlich in Ruhe nachdenken, ohne befürchten zu müssen, dass er jeden Moment gestört wurde; dass irgendwer irgendetwas von ihm wollte, ihn ablenkte. Hier gab es nur ihn und seine Gedanken. Und die waren chaotisch genug.

Heute hatte er endlich den Mut gehabt, seinen Schwarm anzusprechen und es gewagt, so etwas wie ein Date anzudeuten. Wie er nun wusste, hatte er leider alle bisherigen Signale vollkommen falsch gedeutet. Mathis war nicht nur nicht interessiert, er hatte auch ziemlich mies reagiert. Julian fasste in Erinnerung daran an sein Auge und verzog das Gesicht. Das würde eine Weile weh tun. Er hatte zurückgeschlagen und war nicht als schwächlicher Verlierer aus dieser Diskussion hervorgegangen, trotzdem hatte er verloren. Dieser Blödmann würde nie und nimmer für sich behalten, dass Julian schwul war. Nach dieser heftigen Reaktion konnte er sich das nicht vorstellen. So hatte Julian sich sein Outing nicht ausgemalt. Dass er sich überhaupt irgendwann irgendwie outen musste, hatte er schon immer blöd gefunden, seitdem er sich sicher war, dass er auf Jungs stand.
Es war schwierig genug gewesen, über die Jahre Freunde zu finden, mit denen er klar kam und die ihn wegen der Arbeit seines Vaters nicht zu schräg fanden. Doch er war mit keinem von ihnen so eng vertraut, um solche Geheimnisse zu teilen. Wenn sich in seinem Jahrgang erst einmal herumgesprochen hatte, dass er schwul war, dann war es das. Sein Leben würde stressig werden. Garantiert. Es gab einfach noch immer zu viele Idioten auf dieser Welt und der statistische Anteil fehlte auch an seiner Schule nicht. Dass er nicht einmal mehr ein Jahr bis zu seinem Abitur durchhalten musste, war da wenig Trost.

“Hoppla, was hat sich denn da unter die Toten verirrt?”

Julian drehte sich vor Schreck so hastig um, dass er gefährlich nah an den Rand der Brüstung rutschte und für einen Moment um seine Balance kämpfen musste. Er wollte wirklich nicht aus erster Hand herausfinden, ob man den Sturz in die Tiefe überleben konnte. Seine Nervenbahnen kribbelten, als hätte er einen elektrischen Schock bekommen und sein Herz raste. Einen Moment lang hatte er das Gefühl, als würde er körperlos schweben. Seltsam.

“Alter, geht’s noch?”, wandte er sich an die dunklen Schatten, nachdem er sich umgedreht und wieder festen Boden unter den Füßen hatte und seine Sicht nicht mehr von weißen Schleiern durchzogen war. Von dort irgendwo war die tiefe Stimme gekommen, doch sehen konnte er nichts. Seit vier Jahren kam er nun schon hierher und er hatte noch nie jemanden hier oben getroffen. Wer, außer ihm, war auf die absurde und vor allem verbotene Idee gekommen, hier hoch zu klettern?

“Charmante Ausdrucksweise. Ich wollte dich nicht erschrecken. Das tut mir leid.”

Julian atmete tief durch und beruhigte sich langsam wieder, auch wenn es ihm nicht behagte, seinen geheimen Ort mit einem Fremden teilen zu müssen. Er wollte nach seinem Handy greifen, damit er es als Taschenlampe benutzen konnte, doch er konnte es nicht finden. Hatte er es zuhause liegen lassen? Verloren? Verdammt, das hatte ihm gerade noch gefehlt.
“Zeig dich wenigstens, das wäre nur fair”, brummte Julian und gab die Suche auf.

Eine Bewegung in den Schatten zeigte ihm die Position des anderen, dann standen sie sich plötzlich gegenüber. Hatte der Typ allen Ernstes im Gebälk über der Glocke gesessen? Von woanders konnte er gerade nicht gekommen sein. Der Fremde war etwas größer als er selbst, auf jeden Fall älter, wenn er nach der Stimme ging, und dunkel gekleidet. Viel mehr konnte Julian noch immer nicht erkennen, trotz der Nähe. Das schwindende Licht war keine Hilfe.

“Also was hat dich hier hoch verschlagen? Ich bin mir sicher, dass du hier nicht sein dürftest, denn die Tore und Türen waren verschlossen und wie ein Friedhofswärter siehst du mir nicht aus, so ganz ohne Licht gegen die Grabräuber.”
“Das sagt gerade der Richtige.” Julian trat einen Schritt zurück und hatte direkt die Brüstung, auf der er eben gesessen hatte, im Rücken. Viel Platz für Distanz war hier oben nicht, denn der quadratische Bereich maß höchstens drei auf drei Meter, den schmalen Treppenaufgang mit eingerechnet. “Ich wette, du hast genauso wenig einen Schlüssel benutzt. Und wo ist dein Licht? Abgesehen davon gibt es hier keine Grabräuber. Hier gibt es nun wirklich nichts zu holen.”
“Oh, hier gibt es sogar eine Menge zu holen, täusche dich da mal nicht.” Der Typ kam näher und Julian wich zur Seite aus, soweit das eben noch ging.

“Also bist du ein Grabräuber, wenn du dich da so auskennst, oder ein Möchtegern-Vampir, so wie du da oben über der Glocke rumhingst?” Angriff war die beste Verteidigung. Julian würde sich auf keinen Fall von diesem Typen einschüchtern lassen.
“Möchtegern-Vampir. Süß. Wenn es dich beruhigt, ich bin weder das eine noch das andere. Ich bin einfach nur auf der Durchreise und auf der Suche nach einem ruhigen, einsamen Fleckchen für die Nacht. Bis vor wenigen Minuten war ich der Meinung, dass ich das gefunden hätte.”
“Lustig, dass du das sagst. Ich dachte ebenfalls, dass es hier oben ruhig und einsam wäre. Konnte ja nicht ahnen, dass ein Möchtegern-Vampir hier oben sein Nest einrichtet.”
Der Typ kam erneut näher, sodass er nur noch wenige Zentimeter von Julian entfernt war. Die Nähe wirkte erdrückend und Julian wurde nun doch etwas mulmig. Irgendetwas stimmte mit dem doch nicht.
“Du nennst mich schon wieder Vampir. Als ob die Nacht keine anderen Wesen kennen würde. Sind diese depressiven Blutsauger nicht langsam mal aus der Mode?”
“Nee, die sind retro, oder waren es, seit sie glitzern können, auch wenn ich persönlich das ja total ätzend finde. Aber die kriegen wahrscheinlich leichter Beute, zumindest was die Frauen betrifft, die auf Glitzer stehen. Werden also noch ne Weile überleben.”
“Die können jetzt glitzern? Bei allen Göttern!” Der Fremde seufzte, als wäre das wirklich ein ernstes Ärgernis, und machte keine Anstalten, mal wieder etwas mehr Abstand zwischen sie zu bringen. Das wurde Julian dann doch langsam etwas zu viel.
“Uhm, würde es dir etwas ausmachen, ein oder zwei Schritte zurückzutreten? So viel Platz ist hier oben dann doch.”
“Oh, aber ich finde so ein wenig Nähe recht angenehm. Du nicht?”
Julian biss sich auf die Unterlippe. Unter allen Menschen, die seinen geheimen Ort entdecken mussten, musste es ausgerechnet ein Perverser sein? Das war doch echt unfair. Darauf hatte er echt wenig Lust. Dann wurde es wohl doch Zeit, den Rückzug anzutreten. Wenn der Typ wirklich nur auf der Durchreise war, dann würde Julian wann anders wiederkommen. Nun stand er nur vor dem Problem, dass er sich nicht traute, dem Fremden den Rücken zuzudrehen und rückwärts würde er auf keinen Fall heil die wirklich steile, unebene Treppe nach unten kommen. Ohne Licht würde er sowie so blind seinen Weg finden müssen. Das war echt nicht sein Tag.

Zu Julians Überraschung trat der Fremde schließlich doch etwas zurück und hob die Hände auf Schulterhöhe. Julian erkannte es als beschwichtigende Geste.
“Ich fürchte, jetzt habe ich es doch ein wenig übertrieben. Ich wollte dich nicht ängstigen. Nenn mich Nick. Vor mir brauchst du dich nicht zu fürchten. Ich bin harmlos.”
Verwirrt blinzelte Julian, dann atmete er einmal tief durch und straffte seine Schultern. “Du hast mich nicht verängstigt, ich mag es nur nicht, wenn mir Fremde so auf die Pelle rücken.”
“Ich konnte dein Herz bis hier schlagen hören.”
“Humph.” Julian war noch immer nicht ganz beruhigt, aber seine Neugier siegte. “Also Nick, was machst du hier oben, außer unbescholtene Bürger zu… nerven.” Ja, das war das richtige Wort. Weder verängstigen noch erschrecken gehörten in diesen Satz.
“Wie ich schon sagte, ich habe ein ruhiges Plätzchen gesucht, wo ich die Nacht verbringen kann. Wenn der Regen kommt, würde ich gern trocken bleiben.”
Julian sah zum noch immer wolkenlosen Himmel. Mittlerweile waren Sterne und Mond zu sehen, am Horizont verschwand der letzte Hauch von Sonnenlicht. Aber Wolken gab es weit und breit keine, schon seit Wochen. Der Typ war vielleicht keine Fledermaus, aber dafür hatte er einen Vogel. Eindeutig.

“Nun, verständlich, es hätte auch keine einfacheren und bequemeren Orte als den Glockenturm gegeben”, erwiderte Julian schließlich trocken.
“Du hast es erfasst. Verrätst du mir nun, wie du heißt?” Nick war soweit zurückgewichen, dass er sich auf die gegenüberliegende Brüstung setzen konnte, sofern Julian das an den Schemen ausmachen konnte.
Er beschloss, dass es besser war, beide Füße auf dem Boden zu lassen, und lehnte sich deshalb auf seiner Seite nur an. Einen Moment zögerte er noch, antwortete dann aber ehrlich. “Julian.”
“Es freut mich außerordentlich, deine Bekanntschaft zu machen, Julian.”
“Redest du immer so geschwollen?”
“Ah, aber ich bin nur höflich, das erscheint mir das Mindeste an so einem Ort.”
“Wegen der Toten da unten oder wegen dem Kirchenzeugs?”, fragte Julian skeptisch. Er konnte Nick einfach nicht einschätzen.
“Beides, unter anderem”, entgegnete Nick leichthin. “Also, kommst du öfter hierher? Du scheinst den Weg gut zu kennen.”
Hatte der Typ Julian bereits beobachtet, als er zur Kapelle gelaufen war? Der Gedanke, dass er davon absolut nichts mitbekommen hatte, war doch irgendwie gruselig. “Das hier ist mein Platz zum Nachdenken. Es mag überraschend klingen, aber die Toten sind bei weitem ruhiger als die Lebenden. Man kann hier ganz gut nachdenken. Normalerweise.”
“Oh, dann tut es mir natürlich leid, dass ich deine Ruhe gestört habe. Und ich beneide dich darum, dass du die Toten nicht hören kannst, oder du würdest diesen Ort nicht als ruhig bezeichnen.” Nick hatte eine Art mit seiner sanften Stimme die Worte zu betonen als würde er ein Gedicht vortragen. Es war merkwürdig und auch faszinierend, denn Julian hatte noch nie jemanden so im Alltag sprechen hören.

“Kannst du sie denn hören, die Toten?”, wollte er skeptisch wissen.
“Oh ja, natürlich. Sie können einen rechten Lärm machen, wirklich lästig das. Und wehe sie merken, dass man ihnen zuhört, dann bekommt man sie nicht mehr los.”
Julian sah sich darin bestätigt, dass Nick nicht mehr alle Tassen im Schrank hatte. Aber es war irgendwie unterhaltsam. “Und was haben sie so zu sagen?”
“Ach, das ist ganz unterschiedlich. Manche halten endlose Monologe, vollkommen in Gedanken versunken, über alles, was sie noch erledigen müssen. Sie merken gar nicht, dass sie tot sind. Andere wissen es und verfluchen alles und jeden, der in ihre Nähe kommt. Dabei können sie recht einfallsreich sein. Da können einem die Ohren klingeln. Die meisten schlurfen jedoch nur stumpf und depressiv in der Gegend herum. Es ist ein richtiges Chaos da unten.”
“Jetzt auch?” Julian sah über den Friedhof und konnte nichts Besonderes hören oder sehen. Da war mal der Schrei eines nächtlichen Vogels oder das Rascheln von trockenen Blättern wenn ein Tier vorbeihuschte, unterlegt mit dem momentan seltenen Rauschen des Windes in den Bäumen, aber sonst war da nichts außer ihren eigenen Stimmen. Und von der Stadt drangen noch immer keine Laute herauf, mittlerweile leuchtete sie lediglich wie ein Flickenteppich aus bunten Sternen von all den Straßenlaternen, Ampeln, Autos und erleuchteten Fenstern.
“Jetzt besonders. Es wird höchste Zeit, dass da mal wieder jemand Ordnung reinbringt. Ist schon ein Weilchen überfällig. Aber was soll man machen, die Toten werden nicht weniger, hier wie andernorts. So nett es also sein mag, mit dir zu plaudern, hübscher Julian, ich fürchte, es wird Zeit, dass ich mich an die Arbeit mache. Im Regen macht das keinen Spaß und früher oder später werden all die Stimmen recht unliebsame Zeitgenossen anlocken. So lange kann ich nun wirklich nicht warten.”

Hübscher Julian? Versuchte der Typ ihn anzumachen? Außerdem, wie wollte der das bitte beurteilen, der sah doch auch nur wenig mehr als Silhouetten in der Dunkelheit. Im nächsten Moment erschrak Julian sich erneut zu Tode und war froh, dass er sich nicht auf die Brüstung gesetzt hatte. Wie zum Teufel hatte Nick es geschafft, plötzlich vor ihm zu stehen? Das waren doch mindestens vier Schritte Abstand gewesen.

“Möchtest du vielleicht mitkommen? Ich hatte ewig keine Gesellschaft bei der Arbeit und es kann so eintönig werden”, fragte Nick, während Julian zum zweiten Mal in dieser Nacht damit beschäftigt war, sein rasendes Herz zu beruhigen so wie diese seltsamen weißen Schleier vor seinen Augen wegzublinzeln. Er bekam wieder dieses mulmige Gefühl. Das konnte doch nur Ärger bedeuten. Oder wurde er krank? Aber was sollte schon großartig passieren? Hier oben war eigentlich niemand, der sie erwischen konnte, und gefährliche Tiere gab es hier auch nicht. Andererseits, wenn Nick ein Psychokiller war, würde niemand Julian zu Hilfe kommen. Er würde dann als Toter unter Toten gar nicht auffallen. Julian schüttelte sich. Was für ein kranker Gedanke. Da ging seine Fantasie wohl mit ihm durch.

Julian wollte gerade ja sagen, als Nick sich auf die Brüstung neben ihm schwang.
“Na ja, wenn du es dir überlegt hast, komm einfach runter. Ich werde unten warten.” Und im nächsten Augenblick war der Kerl verschwunden.
“Warte!” Julian lauschte in die Dunkelheit, doch da war kein Aufprall eines schweren Körpers, kein Klirren von Dachziegeln und auch nicht das Stöhnen einer schwer verletzten Person. Da war einfach nur Stille. Was er bisher als angenehm empfunden hatte, wurde ihm nun unheimlich. So schnell er konnte, ohne sich dabei selbst den Hals zu brechen, stieg Julian blind tastend die Stufen hinab, navigierte sich dann an den Wänden entlang durch die Kapelle zum hinteren Eingang und umrundete das Gebäude hastig. Er konnte noch immer kaum etwas erkennen, schon gar keinen leblosen Körper.

“Das ging aber schnell.” Die belustigte Stimme aus der Dunkelheit ließ Julian zusammenzucken.
“Alter, diesmal hast du mich wirklich erschreckt! Wie konntest du hier runterkommen, ohne dir alle Knochen zu brechen?”, fluchte Julian in die Richtung, in der er Nick vermutete. “Das sind doch mindestens zwölf Meter.”
“Übung”, entgegnete Nick nur locker, als würde das die Umgehung der Naturgesetze erklären.

Plötzlich erschien ein Licht vor Julian und tauchte die nähere Umgebung in ein warmes Gelb, was Julian einige Male blinzeln ließ. Als er endlich vernünftig sehen konnte, fiel sein Blick auf ein Paar alte Schuhe, zerschlissene schwarze Stoffhosen, die viel zu warm wirkten für das aktuelle Wetter, ein schwarzes Hemd mit langen Ärmeln und ein markantes, doch freundliches Gesicht unter wilden, dunklen Haaren. Julian schätzte ihn auf Ende Zwanzig, war sich da aber nicht sicher.
‘Scheiße, sieht der gut aus', dachte er irritiert und fragte sich gleichzeitig, wo die Umhängetasche an Nicks Seite auf einmal herkam. Die hatte der oben auf dem Glockenturm ganz sicher noch nicht gehabt, egal wie wenig Julian da hatte erkennen können.

Der Gedanke lenkte ihn so sehr ab, dass sein Hirn mit Verspätung eine noch viel seltsamere Information zur Verarbeitung annahm. Das Licht in Nicks Hand war keine Lampe oder hatte irgendeine andere ersichtliche Quelle. Auf Nicks Handfläche schwebte einfach eine kleine Lichtkugel. Julian blinzelte erneut. Hatte er sich den Kopf gestoßen, ohne es zu merken? War er doch die Treppe hinunter gesegelt und lag jetzt bewusstlos in der Kapelle?

“Was ist das?”, fragte Julian und starrte auf Nicks Hand.
“Ein Licht?”, entgegnete Nick gelassen.
“Das kann ich sehen! Aber wie zum Teufel funktioniert das?”
“Mit dem Teufel hat das nichts zu tun, nur mit Glauben.” Nick zuckte mit den Schultern. “Aber genug davon, gib mir deine Hand”, bat er plötzlich mit sanfter Stimme.
“Auf gar keinen Fall”, erwiderte Julian instinktiv und trat einen Schritt zurück.
Nick streckte ihm seine freie Hand auffordernd entgegen. “Sei kein Frosch. Willst du etwa im Chaos der Toten verloren gehen?” Er hielt das Licht ein wenig höher und grinste. “Komm schon. Ich werde dir diesen Ort zeigen, wie du ihn noch nie gesehen hast, wo du schon einmal hier bist.”
Und dieses Versprechen klang so absolut falsch und wie der Text aus einem Horrorfilm, dass es Julian schüttelte. So wurden die dämlichen Opfer doch immer in die Falle gelockt. Abwechselnd sah Julian zwischen dem Licht und der ausgestreckten Hand hin und her. Irgendwie konnte er den Blick nicht abwenden. Die Geste wirkte nahezu hypnotisierend.
“Ich dachte, du würdest mich darum beneiden, dass ich die Toten nicht höre oder sehe. Wieso willst du es mir auf einmal zeigen?” Nicht, dass Julian irgendetwas von dem glaubte, was Nick an diesem Abend erzählt hatte.
“Weil du neugierig bist und etwas Besonderes. Und ich, wie schon zuvor erwähnt, ein wenig Gesellschaft zur Abwechslung ganz nett finde. Andere Gesellschaft als die der Toten. Außerdem ist es nur für kurze Zeit, keine Sorge.” Nick lächelte und wartete geduldig ab.
“Schleppst du mit solchen Sprüchen Frauen ab?”, fragte Julian irritiert und lauschte auf seine inneren Stimmen, die sich ausgiebig stritten. Die Vernunft stresste schon die ganze Zeit, dass er doch bitte endlich nachhause gehen sollte. Die Ruhe zum Nachdenken, die er gesucht hatte, würde er hier heute nicht mehr finden und irgendetwas ging hier doch eindeutig nicht mit rechten Dingen zu. Andere Stimmen diskutierten, dass er Nicks Angebot gefälligst annehmen sollte, nur um ihm zu beweisen, dass er absoluten Blödsinn erzählte.

Momente später hatte Julian seine Hand in die von Nick gelegt. Die Finger waren kühl, kräftig und rau. Schon ein wenig eigenartig aber nicht unangenehm. Misstrauisch sah er sich um. “Und wo sind jetzt diese Toten?”
Nick starrte einen Moment schweigend auf ihre Hände, dann lächelte er. “Hast du gedacht, ich würde dich berühren und plötzlich siehst du Geister?”
“Nicht?”, fragte Julian und kam sich blöd vor. “Wozu sollte ich dann bitte deine Hand nehmen?”
“Um eine Theorie zu testen.”
“Aha. Und wie lautet das Urteil?”, fragte Julian gespielt desinteressiert um sein Unbehagen zu übergehen, schaffte es dabei aber auch nicht, seine Hand einfach wieder fortzunehmen, obwohl Nick ihn gar nicht festhielt.
“Tja, das ist noch in Arbeit. Aber nun zu der Sache mit den Toten. Du brauchst vor allem etwas Glauben, um sie zu sehen.” Und noch bevor Julian fragen konnte, was das nun wieder bedeuten sollte, drückte Nick ihm die Hand mit dem Licht gegen die Brust. Es fühlte sich unglaublich warm an, wanderte durch seinen ganzen Körper als wollte es jede einzelne Zelle erreichen. Bunte Lichter füllten für einen Moment sein ganzes Sichtfeld aus und es rauschte unangenehm in seinen Ohren. Augenblicke später war es vorbei. Das dachte Julian zumindest bis er wieder zu Nick sah. Der leuchtete. Nicht nur ein Licht auf seiner Hand, so wie zuvor. Das war verschwunden. Nein, Nick leuchtete am ganzen Körper in einem schwachen Schein und seine Hände waren von seltsamen Zeichen überzogen, die sich die Handgelenke hinauf unter die Hemdsärmel zogen und auch am Hals erkennbar waren. Waren das Schriftzeichen? Einige wenige kamen Julian bekannt vor, ohne dass er ihnen jedoch einen Sinn geben konnte.

Dann bemerkte Julian aus dem Augenwinkel eine Bewegung, die ihn davon ablenkte. Er sah sich um und erkannte, dass sie von durchsichtig schimmernden Gestalten umgeben waren. Der Friedhof schien voll davon zu sein. Ein reges Treiben von Menschen, als wären sie mitten in der Stadt. Das Rauschen stellte sich als eine Vielzahl von Stimmen heraus, die alle unverständlich durcheinander sprachen. Überhaupt konnte Julian seine Umgebung nun deutlicher erkennen, als würde dämmriges Zwielicht herrschen.

“Schau nicht zu lange hin, sonst bemerken sie es”, sagte Nick und Julian sah langsam wieder zu ihm. Er leuchtete immer noch.
“Na, geht's besser?”, fragte Nick sanft.
“Was hast du mit mir gemacht?”, entgegnete Julian ungläubig. Er verspürte eine innere Ruhe, die jeglichen Gedanken an Panik oder Aufregung erstickte. Das war ein sehr merkwürdiges Gefühl. Ungewohnt wohl, denn diese Art von Ruhe hatte er noch nie empfunden.
“Ich habe dir ein wenig Glauben gegeben, in Ermangelung einer besseren Bezeichnung dafür. Für eine Weile kannst du hören und sehen wie ich es kann. Du gewöhnst dich schnell daran. Komm jetzt, es gibt viel zu tun und es bleibt kaum Zeit. Der Regen wird kommen.”
Aktualisiert: 03/01/21
Veröffentlicht: 25/10/19
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Torsten am 25/10/19 19:48
Interesante Story.
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Snoopy279
16/05/21 18:14
gerne natürlich auch die, die Fanfiktion lesen/Fanfiktionschreiber einfach unterstützen wollen

Snoopy279
16/05/21 18:14
alle, die auch Fanfiktion schreiben, bitte bei der Petition mitmachen, damit das auch in Zukunft möglich bleibt!
http://chng.it/WnwVCzxGff


jabba
21/01/21 22:32
Knuddel! Knuddel! Alle ganz doll knuddel! Heute ist Weltknuddeltag! Knuddel! Knuddel!

Witch23
01/01/21 02:37
*Pfeif Zisch* Gutes neues Jahr wünsche ich euch allen

split
01/01/21 00:01
Frohes Neues *krach baller lärm*

split
24/12/20 23:24
Frohe Weihnachten

Niemue
24/12/20 12:29
Ich wünsche Euch allen schöne Feiertage, einen guten Rutsch und viel Gesundheit im Neuen Jahr! :*

Witch23
24/12/20 11:02
Wünsche ich euch auch. Vor allem habt schöne Feiertage.

Yavia
24/12/20 10:48
Frohe Weihnachten euch allen!

Witch23
20/12/20 12:51
Einen schönen vierten Advent euch allen und hoffentlich bald wieder etwas entspanntere Tage

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