…und danke für den schönen Nachmittag! von jabba (Abgeschlossen)
Inhalt: Klassentreffen, wer hat noch nie eins erlebt.
Genres: Reale Welt, M/M (yaoi)
1. Warnung: Keine
2. Warnung: Keine
3. Warnung: Keine
Kapitel: 2
Veröffentlicht: 02/12/19
Aktualisiert: 04/12/19
Anmerkungen zur Geschichte:BxB-Adventskalener 2019
1
Tobias stand in seinem Klassenraum. An einem Samstag. Draußen war es arschkalt und immer mal wieder kam Schnee in Pulverform oder auch in fetten Flocken von dem Fenster vorbeigeweht.
>Warum tu ich mir das an? Warum?< Er wusste schon warum. Alle Schüler hatten den einen Brückentag bei Halloween frei bekommen, aber dafür musste ein Ausgleich her. Und der bestand darin, dass jede Klasse ein paar Jahrgänge betreuen durfte beim Ehemaligentreffen. Das war immer ein Großevent der Schule. Und im Grunde war es auch cool zu sehen, was für Leutz alle mal auf der Schule waren.
Aber doch nicht im Winter! So dicht am ersten Advent, dass viele Klassen trotzdem schon Nikoläuse und Leuchtgebaumel als Deko passend fanden.
Unmotiviert, aber brav stand Tobias vor einem Schultisch nahe der Wand und hatte 4 Waffeleisen vor sich. In riesigen Tupperschüsseln hatte er unter dem Tisch Teig für eine ganze Kompanie stehen. Ihm klingelten immer noch die Ohren von den ganzen besorgten Tipps der Mütter, die ihm die Waffeleisen, Teig und all möglichen anderen Krempel gegeben hatten. Herrgott, er würde den Teig schon auf die Eisen bekommen, immer mal wieder nachgucken und al Gusto bleichsüchtige bis afroamerikanische Waffeln aus den Eisen zaubern. Den Puderzucker und die Marmeladengläser hatte er zu den Servietten gestellt. Sollten die Herren und Damen Ex-ler sich doch selber draufgeben, was sie wollten!

Anfangs hatte Tobias wirklich keine Ahnung, was er da tat. Aber nachdem ihm eine nette Frau mit Baby auf dem Arm zugeflüstert hatte, dass es besser sei, alle 3-5 Waffeln mit dem Pinsel etwas Margarine auf beide schwarze Flächen zu matschen, wurden seine Waffeln echt gut! Er hatte ihr nur zugehört, weil die anderen Mädchen aus seiner Klasse in dem Moment überfordert die plötzliche hereinbrechende Meute an Damen und Herren mit Kuchen und Kaffee versorgen mussten und ihn nicht beobachteten.
„Wenn es möglich ist, dann nehme ich die Waffel gerne leicht karamellfarben gebräunt.“
>Hö? Meh, bloß nicht mich ansprechen! Futtert eure Waffeln und lasst mich in Ruhe.< Doch Tobias nickte leicht als Zeichen, dass er gehört hatte und bald darauf lag eine wunderschöne, in alle Ritzen ausgefüllte, aber nicht übergelaufene Kleeblattwaffel karamellfarben auf einem Pappteller.
„Bitte sehr, die fünfzig Cent ins grüne Schwein da.“ Er wedelte unbestimmt zu den Mädchen rüber, bei denen ein großes grünes Sparschwein stand. Dabei ließ es sich nicht vermeiden, dass sein Blick über den Waffelbestellter huschte. >Hoppala, der war ja so was von overdressed!<
Der junge Mann mit kurzen, blondierten Haaren hatte einen perfekt geschneiderten Nadelstreifenanzug an, am Hals blitzte ein blütenweißer Kragen mit Stickerei am Revers heraus und, Tobias schielte unauffällig durch die Tischbeine nach unten, die schwarzen Lackschuhe glänzten. In aller Seelenruhe zuckerte der Mann seine Waffel voll.

oOo oOo oOo oOo oOo oOo

„Machst du mir noch eine?“ Verdammt, da hatte er nicht aufgepasst. Tobias schaute kaum auf und öffnete eines der Eisen. „Okay so? Oder brauner?“
„Gerne noch etwas brauner“, hörte Tobias die Stimme von eben neben seinem Ohr.
>Oha, Mister Nadelstreifen. Hauptsache dem schmeckt's. Dann will der vielleicht...<
„Ach, mach mir gleich zwei, ich füttere schon mal das Schwein.“
>... na also, ihm schmeckt's. Gut für unseren Klassenausflug!<
Tobias fischte zwei Waffeln heraus und pappte sie auf einen Teller. Dabei hörte er das Klimpern in der Keramik-Sau.
Mist, nun musste er aufschauen und dem Mann direkt angucken, um ihm den Teller zu reichen. Es ließ sich einfach nicht mehr vermeiden. Wo war eigentlich sein Kumpel? Ließ der ihn hier ganz allein zwischen den albernen Mädchen und den ganzen fremden Leuten.
Ein entwaffnend herzliches Lächeln brachte Tobias dazu, sogar unartikuliert zu brummeln, während er den Teller überreichte.
„Worte sind nicht so dein Ding, was?“, versuchte der Anzugmann dennoch, ein Gespräch mit Tobias anzufangen.
„Hmmm.“ Das konnte jetzt alles und nichts heißen.
Von seinem Gegenüber kam ein glucksendes Lachen.
Ein unschönes Zischen rettete Tobias. Eine Waffel war übergequollen und versaute ihm mit höhnischen Brutzeln das Scharnier.
Und natürlich kamen genau jetzt viel zu viele Leute, die eine Waffel haben wollten, sodass Tobias in Stress kam.

oOo oOo oOo oOo oOo oOo

„Da jetzt wieder Ruhe ist, machst du mir noch einmal so wunderbare Herzen?“
Tobias zuckte zusammen. Mister Nadelstreifen schon wieder! Jetzt mit Puderzuckerstaub auf dem rechten Ärmel. Wo hatte der sich die ganze Zeit über versteckt? Tobias hatte eigentlich gedacht, er hätte die Klassentür im Auge.
„Yo.“ Tobias hob die Hand Richtung Sau.
„Und für mich heißt es, die Sau zu füttern, ich weiß.“ Der Anzugmann zwinkerte Tobias zu.

Er kam nicht mehr dazu, Mister Nadelstreifen seine Waffel zu geben. Dessen Handy schepperte und Tobias konnte dem Schauspiel beiwohnen, wie dezent und mit kaum hörbaren Worten jemand über Telefon zur Schnecke gemacht und zusammengefaltet wurde.
„Das ist bestimmt ne Beziehungskrise.“ „Der ist schon zu lang allein hier im Raum.“ „Der ist ja auch ein Schnuckel“ „Der wurde grade versetzt.“ Tobias fand sich umringt von ein paar Mitschülerinnen. Vom Waffeltisch hatte man einfach den besten Blick auf Mister Nadelstreifen. Schmachtend und mit Herzchenaugen beobachteten die albernen Hühner das Schauspiel ebenfalls. „Was geht’s euch an?“, versuchte er sie aus seinem Hoheitsgebiet zu vertreiben.
„Aber er ist so süüüüß!“ „Oh nein, jetzt geht er.“
Der Kerl hatte nen schicken Anzug an, ja. Aber das war auch alles. Der konnte doch hingehen wohin er wollte! Tobias beschäftigte sich und friemelte mit Gabel und Messer eine misslungene Waffel aus einem Waffeleisen. Warum war er bloß mit solchen Hühnern als Mitschülern gestraft? Und wo blieb sein Kumpel? Sie hatten ausgemacht, dass hier gemeinsam zu rocken. Der Aas hockte bestimmt daheim und machte einen auf 'ich hab’s vergessen'.

oOo oOo oOo oOo oOo oOo

Der Nachmittag schritt voran. Die laut quatschende und lachende Meute im Klassenzimmer hatte sich auf den Waffelnachschub eingestellt. Kleckerweise kam jemand vorbei und Tobias kam gut und zügig mit zwei Waffeleisen aus. Ihm wurde langweilig. Sein Smartphone hatte er in der Jackentasche vergessen, die im Schrank im Vorraum hing. Und er wollte nicht riskieren, dass eines der Mädchen ihm seinen Platz an den Waffeleisen wegschnappte, wenn er kurz wegging. Erwachsenen Menschen bei Reden zuzusehen, war nie spannend und den Kinderwagen mit nervendem Stöpsel direkt vor seiner Nase versuchte er zu ignorieren.
Durchs Fenster sah er ihn wieder. Mister Nadelstreifen stand auf der Wiese vor dem Klassenraum im Schnee. Feiner Schnee fiel sachte auf den schwarzen Anzug und färbe ihn grau. Der Mann hatte den Kopf in den Nacken gelegt und ließ sich mit ausgebreiteten Armen beschneien. Ihn beobachtend konnte Tobias die Augen nicht ablassen. Es war schön zu sehen, dass nicht alle Erwachsenen langweilig und verstaubt wurden, sobald der „Ernst des Lebens“ über sie hereinbrach. Tobias kribbelte es in den Beinen, hinauszurennen und eine Schneeballschlacht anzufangen. Doch dann war der Mann weg.
2
„Ich habe dir was mitgebracht! Du hast so sehnsüchtig zum Fenster rausgeschaut.“
>Wuah! Wie soll einer da keinen Herzkasper bekommen, wenn der Typ sich immer so anschleicht!< Tobias zuckte zusammen.
„Achtung, kalt!“ Der Anzugträger stand direkt vor ihm, hielt die Hände zu einer Schale vor sein Gesicht und pustete ihm Pulverschnee ins Gesicht.
„Iek“, quiekte Tobias ganz unmännlich.
„Kalt?“ Das Grinsen unter den blonden Haaren konnte nur mit dem Wort frech betitelt werden.
„Ja!“ Tobias versuchte muffelig zu sein, doch es misslang. Er musste zugeben, die Aktion war echt cool!
„Weißt du was, ich futtere mich an deinen Waffeln durch bis ich platze. Meine Leute haben mich komplett versetzt, ich habe Hunger und keinen Bock auf Lieferservice. Die grüne Sau kommt in die Klassenkasse, eure Neuner-Abschlussfahrt nehme ich an? Dann habt wenigstens ihr noch was davon, dass ich hier herumhänge. Ich bin Markus!“ Markus setzte sich auf einen leeren Tisch nahe Tobias und baumelte mit den Beinen.
„Wenn dir schlecht werden soll, bitte. Ich reservier dir das Blumending da.“ Tobias zeigte auf ein Waffeleisen mit übertriebenem Blumenmuster am Rand.

Beinahe im Akkord befüllte Tobias das Blumeneisen und die Backzeit passte genau mit der Zeit überein, in der Markus seine Waffel verspeiste. Jedes Mal, bevor er sich die neue dampfende Waffel abholte, ging Markus die paar Schritte zum Schwein rüber und die Sau zu füttern. Ein Mal sah Tobias ihn mit seinen Mitschülerinnen schäkern. Dann griff eine nach dem Schwein, machte es auf und schüttelte Kleingeld heraus. Im Gegenzug legte sie einen Schein hinein. Mit viel Gekicher zählte sie dann das Kleingeld in Markus' Hand.
Tobias war dankbar, dass die Waffelbestellungen bei ihm ohne groß zu reden funktionierten. Aber er bemerkte auch, dass Markus ihn nie aus den Augen ließ. Mal zwinkerte der ihm bei Geldeinwerfen zu, mal fischte er sich selbst die Waffel aus dem Eisen, oder er malte ein Puderzuckergesicht auf seine Waffel und fragte Tobias, ob ihr gemeinsamer Kunstlehrer das wohl akzeptiert hätte bei einer Benotung.

oOo oOo oOo oOo oOo oOo

Eine gewisse Unruhe trat ein und auch Markus kam zum wiederholten Mal zu Tobias rüber. „Das war jetzt die letzte Waffel. Du hast recht, sonst wird mir wirklich noch schlecht. Ist die Raucherecke immer noch zwischen Turnhalle und den Pavillons?“
„Da war früher mal eine. Aber hier ist Rauchen verboten, schon seit Jahren. Jetzt gehen die immer runter vom Gelände und in den Hinterhof von dem Bürogebäude bei den Mülltonnen“, klärte Tobias auf.
Markus grinste süffisant. „Ich glaub, das interessiert heute keinen. Nun denn, nen schönen Abend noch.“

oOo oOo oOo oOo oOo oOo

Unwesentlich später löste seine Klassenlehrerin die Veranstaltung auf. Tobias zog die Stromstecker und machte die Teigschüssel zu. Dann verabschiedet er sich und flüchtete, bevor ihn noch jemand zum Aufräumen verdonnern konnte. Das sollten andere machen, er hatte sich schon lange genug die Beine in den Bauch gestanden!

Den Schulweg kannte Tobias auswendig. So achtete er nicht großartig auf seine Umgebung, als er das Schulgebäude verließ und zur Straße wolle.
„So schlimm war der Tag doch auch nicht, oder?“
Tobias fiel fast das Smartphone aus der Hand. Mister Nadelstreifen! „Sie erschrecken mich heute noch zu Tode.“ Er wusste selbst nicht, warum er sein Smartphone wegsteckte und stehen blieb.
Markus kam einen Schritt näher und stellte sich direkt vor ihn. „Weißt du, eins kann ich dir sagen. Die ganzen Pickel gehen irgendwann weg. Ehrlich! Versprochen! Und ich noch weiß genau, wie toll man sich hinter so einem Pony verstecken kann.“ Markus hob die Hand und strich den Vorhang vor Tobias Augen hinter sein Ohr. „Doch wenn du den auf Seite schiebst, dann siehst du auch noch die andere Hälfte vom Leben und die ist wunderschön!“ Markus Hand wanderte federleicht über Tobias' Schulter und zu dessen Rückgrat. „Lass den Buckel weg und lauf mit einem ‚Ihr könnt mich alle Mal‘ durch die Welt“. Die Hand fuhr federleicht an Tobias Rückgrat entlang und brachte ihn dazu, sich gerade und aufrecht zu stellen.
Entgeistert sah Tobias auf. Denken konnte er nicht mehr und sein Arme baumelten kraftlos neben seinem Körper.
Markus hob die andere Hand und kitzelte damit die spärlichen Haare an Tobias Kinn. „Die paar Fussel da werden auch noch Gesellschaft bekommen, keine Sorge. Du musst nur geduldig bleiben.“ Mit dem Zeigefinger fuhr Markus an Tobias Kinnlinie entlang. „Wobei es genug gibt, die es hier lieber glatt haben.“ Der Daumen gesellte sich dazu und strich über die Kuhle am Kinn. Unwillkürlich folgte Tobias dem sanften Zug und öffnete leicht seine Lippen.
„Du bist süß, weißt du das? Unter der Pubertäts-Verkleidung sehe‘ ich einen stolzen und schönen jungen Mann!“ Damit beugte Markus sich vor und küsste ihn federleicht auf die Lippen. Erschrocken riss Tobias die Augen auf. Dass er dabei auch seinen Mund weiter geöffnet hatte, merkte er erst, als eine fremde Zunge fragend an seine Oberlippe stupste. Scheu stupste er mit seiner dagegen, zog sich aber sofort wieder zurück. Es wurde ihm unheimlich, was gerade passierte.
Markus Lippen lösten sich von Tobias'. Auch die Hand vom seinem Rücken verschwand. Nur die Hand an seinem Kinn verharrte einen Moment, löste sich, um ein paar Zentimeter über seine Brust zu streichen und dann ebenfalls zu verschwinden.
„Du bist echt ein Süßer! Aber völlig egal, was mir jetzt durch den Kopf geht, für alles Weitere bist du mindestens zwei Jahre zu jung.“
Tobias öffnete den Mund, um etwas zu sagen, schloss ihn wieder und ließ dann fassungslos die Schultern hängen. Ein Raubtier-Grinsen schlich auf Markus Gesicht. „Nur dass du es weißt, du bist auf alle meiner Anmachversuche angesprungen. Nirgends steht geschrieben, dass das immer mit Reden verbunden sein muss. Und ein paar hast du sogar gekontert!“ Markus zwinkert Tobias zu. „Erlaub dir, in diese Richtung zu gucken und lass die Mädchen stehen.“ In bester Aufreißerpose kam Markus den einen Schritt wieder auf Tobias zu und legte ihm die flache Hand einige Augenblicke lang auf die Brust. Im Zeitlupentempo beugte er sich vor, bis seine Lippen neben Tobias Ohr waren. „Denkt drüber nach“, wisperte er und Tobias fuhr bei den Worten ein Schauder über den Rücken. Geradeaus durch bis in seine Lenden, die daraufhin in Flammen standen. Entsetzt riss Tobias die Augen auf. Er wurde hart, steinhart. „Eh... ehm...“, stammelte er, doch Markus hatte sich bereits wieder von ihm gelöst.
„Machst gut, Schnuckelchen. Und danke für den schönen Nachmittag!“
Diese Geschichte findest du unter http://boyxboy.de/efiction//viewstory.php?sid=1526