Bahnfahren bei Schnee und andere Katastrophen von Snoopy279 (Abgeschlossen)
Inhalt: Joscha hat ziemlich viel Pech an Heilig Abend. Eigentlich will er nur nach Hause zu seiner Familie, doch die Bahn ist mit dem Schnee heillos überfordert und dann ist auch noch sein Handyakku leer... Bekommt er trotzdem ein Heilig Abend mit Happy End?
Genres: Reale Welt, Weihnachten, M/M (yaoi)
1. Warnung: Keine
2. Warnung: Keine
3. Warnung: Keine
Kapitel: 2
Veröffentlicht: 11/12/19
Aktualisiert: 17/12/19
Anmerkungen zur Geschichte:BxB Adventskalender 2019
vom Pech verfolgt
Grummelig stapfte Joscha durch den Schnee. Seine Schuhe waren schon seit gefühlten Ewigkeiten komplett durchnässt.
Allein die Vorstellung, dass der Rest der Welt jetzt gerade davon schwärmte, wie fantastisch es war, endlich mal wieder weiße Weihnachten zu haben, befeuerte seine Wut noch mehr. Leider reichte auch die glühende Wut nicht mehr aus, um sein Gesicht, seine Ohren, Hände und Füße zu wärmen.

Der Plan war eigentlich recht einfach gewesen. Da er am Montag noch arbeiten musste, hatte er beschlossen, am Abend in Ruhe zu packen und erst an Heilig Abend morgens zu seiner Familie zu fahren. Er hatte sogar das Glück gehabt, einen guten Sparpreis bei der Bahn zu ergattern – das hatte er zu dem Zeitpunkt jedenfalls gedacht. Jetzt verfluchte Joscha sich, dass er nicht irgendeine andere Möglichkeit genutzt hatte – völlig egal ob Flixbus, Mitfahrgelegenheit oder sogar Taxi, alles wäre besser gewesen als das hier!

Als er kurz nach zehn in den Zug gestiegen war, hatte auch noch alles gut ausgesehen. Die Sonne hatte geschienen und die Bahn war pünktlich losgefahren. Eine dreiviertel Stunde später hatte sich die Katastrophe dann langsam angekündigt, doch Joscha hatte die Vorzeichen nicht erkannt. Klar war es schade, dass es bewölkter wurde, aber damit war gerade im Winter in Deutschland zu rechnen.

Weitere dreißig Minuten später war es dann geschehen: es hatte angefangen zu schneien. Doch dieses Mal hatte sich das Wetter nicht mit den üblichen winzigen Flöckchen aufgehalten, die eher Schneeregen waren, sondern riesige Flocken waren in Massen vom Himmel gefallen. Und natürlich wurde die Bahn ihrem Ruf mal wieder gerecht und war völlig überrascht und überfordert, dass es im Winter tatsächlich Schnee gab. Wobei Joscha das sogar einigermaßen nachvollziehen konnte, denn das hatte er auch absolut nicht erwartet.

Seinen Anschlusszug hatte er dann verpasst – um genau zu sein, war er erst mit drei Stunden Verspätung überhaupt im nächsten Bahnhof angekommen. Um die Zeit hätte er eigentlich schon in der Küche seiner Eltern sitzen und sich die übliche „Junge, du bist zu dünn, du musst mehr essen! Wenn das so weitergeht, verhungerst du mir noch“-Rede seiner Mutter anhören, die sie jedes Mal hielt, seit er ausgezogen war.
Dann war die bittere Erkenntnis gekommen, dass es auf der weiteren Strecke noch schlimmer aussah und derzeit keine Züge in die Richtung fuhren.

Es hatte dann Ewigkeiten gedauert, bis er seine Eltern erreicht hatte – und dann war die Enttäuschung noch größer geworden. Sein Vater hatte mit Bedauern gesagt, dass er ihn auf keinen Fall abholen kommen konnte, da er keine Winterreifen drauf hatte. „Am Bahnhof abholen ist okay, das ist ja nicht so weit, aber die lange Strecke ist mir zu riskant“, hatte er ihm gesagt. Selbstverständlich hatte Joscha das nachvollziehen können, trotzdem war er zu dem Zeitpunkt unendlich frustriert. Weil er riesigen Hunger hatte, hatte er zunächst etwas gegessen und weitere Entscheidungen vertagt. Nach dem Essen war die Option, wieder zurück nach Hause zu fahren, keine mehr, da auch in diese Richtung keine Züge mehr fuhren.

Während Joscha sich dann mit der Frage beschäftigte, wo er eine Unterkunft für die heutige Nacht finden konnte, beruhigte sich der Schneefall endlich. Da die Strecke zu seinen Eltern früher freigegeben wurde als die zu seinem Zuhause, war automatisch festgelegt, in welche Richtung seine Reise weiterging. Leider fuhr der Zug deutlich langsamer als normal, doch Joscha war ja schon froh, dass er überhaupt fuhr. Als sie noch zwei Haltestellen von seinem Endziel entfernt waren, fischte er sein Handy aus seiner Hosentasche, um seinem Vater Bescheid zu geben. Zu seinem Entsetzen musste er jedoch feststellen, dass der Akku leer war und der Bildschirm schwarz blieb.

Als er dann ausstieg, war er der einzige am Bahnhof gewesen. Niemand sonst wollte offenbar in das Kaff und auch Taxis gab es keine. Da er nicht im freien übernachten wollte, hatte es nur eine mögliche Lösung gegeben: zu Fuß laufen. Unter normalen Umständen wäre das gar kein so großes Problem gewesen, denn es waren knapp zwanzig Minuten bis zu seinen Eltern. Jetzt, mit dem hohen Schnee, brauchte er jedoch mindestens doppelt so lange – und da war der Trolley, den er mehr tragen musste als das er ihn ziehen konnte, noch nicht mit eingerechnet. Dementsprechend waren seine Turnschuhe, die diesem Wetter nicht gewachsen waren, keine fünf Minuten später durchnässt gewesen und seine Laune mit jedem Schritt weiter ins Bodenlose gesunken.

Mittlerweile war Joscha schon eine gute halbe Stunde unterwegs und hatte noch nicht einmal ganz die Hälfte der Strecke geschafft. Bei diesem Schneewetter war außer ihm wirklich niemand anderes unterwegs. Anfangs hatte er ja noch gehofft, dass er vielleicht irgendwem begegnen würde, der ihn mitnehmen könnte, doch diese Hoffnung war schon länger gestorben.
Am liebsten hätte er sich einfach in den Schnee geschmissen und eine Pause gemacht, einfach ignoriert, wie eisig kalt es war. Aber das endete im Zweifelsfall tödlich – und Joscha hatte nicht vor, zu sterben, und erst recht nicht an Heilig Abend!

Besonders frustrierend fühlte es sich an, dass er trotz seiner Bemühungen gefühlt kaum vorwärts kam. Außerdem hatte er natürlich weder Handschuhe noch Mütze greifbar gehabt, schließlich war die Wandertour durch den Schnee nicht eingeplant gewesen. Er hatte sie für alle Fälle eingepackt, aber ganz unten im Koffer, falls er sie in den nächsten Tagen brauchen sollte. Das bedeutete aber auch, dass er nicht da dran kam, ohne den ganzen Trolley zu durchwühlen und bei seinem aktuellen Glück vermutlich die Hälfte seiner Klamotten dabei in den Schnee zu schmeißen.

Als Joscha zwei Drittel des Wegs hinter sich hatte und sich so fühlte, als würde er jede Minute zusammenbrechen, durchbrach auf einmal ein Geräusch die Stille. Zuerst traute er seinen Ohren nicht, schob es auf sein Wunschdenken, dass er meinte, er würde ein Auto hören. Doch das Motorengeräusch wurde langsam, aber stetig immer lauter und dann sah er auf einmal auch das Licht der Schweinwerfer neben sich.
Hoffnungsvoll blieb Joscha stehen und drehte sich um, um zu schauen, wer dort gefahren kam. Das Auto erkannte er nicht, aber das hieß nichts. So klein war das Kaff nun auch nicht und er wohnte jetzt auch schon einige Jahre nicht mehr hier.

„Mensch, Joscha, bist du das? Warum bist du denn bei dem scheiß Wetter unterwegs? Steig ein, ich nehm dich mit!“, sagte der Fahrer des Autos, der neben ihm gehalten und seine Fensterscheibe geöffnet hatte.
Joscha schloss kurz die Augen und biss seine Zähne zusammen. Das durfte doch jetzt nicht wahr sein! Es gab eine Person, eine einzige Person, die er jetzt gerade absolut nicht sehen wollte – und natürlich war es genau diese Person, die da am Steuer saß.
Für einen Moment war Joscha wirklich versucht, das Angebot abzulehnen und zu Fuß weiterzugehen, doch ihm war eisig kalt und er war am Ende seiner Kräfte.
„Hallo Axel, mein Handyakku war leer und am Bahnhof war niemand sonst“, erklärte er in dem Versuch, die peinliche Situation zu rechtfertigen. „Von daher wäre es wirklich nett, wenn du mich mitnimmst.“ Es kostete Joscha einige Mühe und noch mehr Stolz, diesen letzten Satz zu sagen, aber leider entsprach es der Wahrheit.
„Klar, kein Thema“, winkte Axel großzügig ab. „Schaffst du es alleine, den Trolley in den Kofferraum zu geben?“
„Natürlich“, erwiderte Joscha sofort.

Kurze Zeit später musste er zugeben, dass er es nicht alleine hinbekam. Jedes Mal kurz bevor er den Koffer in der richtigen Höhe hatte, entglitt ihm das blöde Ding. Gerade als er sich überwinden wollte, Axel Bescheid zu geben, stieg dieser schon unaufgefordert aus und half ihm.
„Danke“, sagte Joscha beschämt.
„Gerne. Ab, setz dich rein, du bist ja ganz erfroren“, scheuchte Axel ihn.
Joscha blieb nichts anderes übrig, als zu gehorchen – sich zu weigern wäre wirklich zu kindisch gewesen, auch wenn ein Teil von ihm genau das machen wollte.
Axel war der Sohn ihrer Nachbarn, es war also kein Umweg, wenn er ihn mitnahm. Schon von klein auf an hasste Joscha Axel mit Inbrunst, denn seine Eltern hatten ihm Axel immer als leuchtendes Vorbild vor Augen gehalten. Obwohl Joscha nur Schwestern hatte, hatte es sich so angefühlt, als ob er stets im Schatten des perfekten älteren Bruders stehen würde. Das Axel seinen Hass nicht erwiderte, sondern immer sehr nett und freundlich gegenüber Joscha geblieben war, hatte es nicht besser gemacht, ganz im Gegenteil. Auch da übertraf Axel ihn, den kindisch eifersüchtigen Joscha – ein ewiger Teufelskreis. Obwohl Joscha mittlerweile alt genug war, dass ihm das bewusst war, hatte er es immer noch nicht geschafft, sich daraus zu lösen.

„Geht es einigermaßen oder ist dir immer noch sehr kalt? Ich kann die Heizung noch etwas höher drehen“, bot Axel ihm an.
„Nein, danke, geht schon. Zu schnell warm werden ist ja auch nicht gut“, lehnte Joscha ab. Ein Teil von ihm fand, dass er etwas höflicher sein sollte und sich wenigstens ganz allgemein erkundigen sollte, wie es Axel ging, doch nicht mal zu solch oberflächlichem Smalltalk konnte er sich überwinden.
„Wie geht es dir denn abgesehen davon, dass du heute so Pech hattest?“, fragte Axel in dem Moment, als hätte er Joschas Gedanken gelesen.
„Bin zufrieden, danke. Und wie sieht es bei dir aus?“
Axel zögerte. „Ganz okay.“ Er sah so aus, als wollte er noch etwas ergänzen, schüttelte dann jedoch leicht seinen Kopf und schwieg.
„Das klingt nicht wirklich danach“, rutschte es Joscha gegen seinen Willen heraus.
„Stimmt. Aber ich bin nicht davon ausgegangen, dass es dich wirklich interessiert“, erwiderte Alex nüchtern.

Ertappt wurde Joscha rot. Am liebsten hätte er es abgestritten, doch er hatte die Befürchtung, dass er das nicht sonderlich überzeugend hinbekommen würde.
Andererseits ließ ihn die Frage, warum es Axel nicht gut ging, nicht los. Er hatte doch ein perfektes Leben, oder?
„Ehrlich gesagt, jetzt interessiert es mich schon“, gab er zögerlich zu. „Aber wenn du es mir nicht erzählen magst, kann ich das absolut nachvollziehen.“
Axel antwortete zunächst nicht.
„Entschuldige, ich musste mich grade auf die Straße konzentrieren“, erklärte er einige Zeit später. Durch den Schnee, der überall auf den Straßen lag, kamen sie auch im Auto nur sehr langsam vorwärts. In den kleinen Dörfern würde heute wohl nicht mehr geräumt werden, vielleicht sogar erst nach den Feiertagen.

„Ich hab eine ziemlich üble Trennung hinter mir, so übel, dass ich am Ende meinen Job gekündigt habe. Ab Januar werde ich jetzt woanders nochmal ganz neu starten“, beantwortete Axel schließlich das, was Joscha eigentlich hatte wissen wollen.
„Oh, das tut mir Leid. Kinder hattet ihr aber noch keine, oder?“, hakte Joscha nach. Auch wenn er Axel nicht leiden konnte, so etwas wünschte er nicht einmal ihm.
Abrupt bremste Axel und das Auto schlitterte etwas die Straße entlang, bevor es stehenblieb.
Erschrocken sah Joscha zu Axel und stellte überrascht fest, dass dieser ihn ziemlich fassungslos ansah.
„Du weißt es wirklich nicht, oder?“, vergewisserte Axel sich.
„Was weiß ich nicht?“ Joscha hatte absolut keine Ahnung, worum es gerade ging.
überraschende Wahrheiten
Ungläubig sah Axel ihn an und holte dann tief Luft. „Ich bin auch schwul“, sagte er.
Jetzt war es Joscha, dem vor lauter Erstaunen die Kinnlade runterfiel. „Was? Das ist ein Scherz, oder? Du willst dich über mich lustig machen!“ Wütend auf Axel, aber auch über sich selbst, dass er bis gerade eben ernsthaft Mitgefühl mit diesem aufgebracht hatte, wollte er aus dem Wagen stürmen. Doch Axel verriegelte die Türen, sodass er sie nicht öffnen konnte.
„Lass mich hier sofort raus!“, forderte Joscha energisch, doch Axel schüttelte entschieden seinen Kopf.
„Nein, nicht, bevor du mir nicht sagst, warum du mir das nicht glaubst.“
„Warum ich dir das nicht glaube?“ Entgeistert sah Joscha ihn an. „Warte, lass mich scharf nachdenken. Hmm, wahrscheinlich deshalb, weil meine Eltern mich immer wieder gefragt haben, warum ich nicht wie du normal sein und eine Freundin haben kann, sondern unbedingt schwul sein muss!“
„Deine Eltern haben das nicht ernsthaft gefragt, oder?“ Völlig geschockt sah Axel Joscha an. „Das tut mir schrecklich Leid! Hätte ich das geahnt, wäre ich nie mit ihnen zusammen gewesen“, entschuldigte er sich direkt danach.
„Ja, klar“, erwiderte Joscha verächtlich. Hielt Axel ihn ernsthaft für so naiv, zu glauben, dass er da einen Einfluss drauf gehabt hätte?

„Also gut, wenn wir schon bei der Wahrheit sind, dann ist wohl die volle Wahrheit notwendig, damit du es verstehen kannst“, murmelte Axel halblaut, mehr zu sich selbst.
„Eigentlich war mir damals schon klar, dass ich auf Kerle stehe – oder besser gesagt, auf einen ganz besonderen Kerl. Nur der hatte definitiv kein Interesse an mir, im Gegenteil, er hat mich schon immer gehasst. Ich wusste nicht warum und hab mich immer bemüht, nett zu ihm zu sein, aber das schien es nur noch schlimmer zu machen. Jetzt habe ich eine Idee, warum, aber damals hatte ich die nicht. Also hab ich probiert, mir diesen Kerl aus dem Kopf zu schlagen und dachte, dass das ja auch mit Frauen funktionieren könnte. Hat es aber nicht. Allerdings hab ich mich dann erst im Studium geoutet. Seitdem wissen es aber eigentlich alle und ich bin davon ausgegangen, dass du es auch weißt“, erklärte er Joscha dann.
Joscha sah ihn immer noch ein wenig ungläubig an, ahnte jedoch gleichzeitig, dass das die Wahrheit war.
„Und jetzt hat der Typ, mit dem du den Kerl vergessen konntest, mit dir Schluss gemacht?“, fragte er.

„Nein, nicht wirklich. Der Typ, mit dem ich zuletzt versucht habe, den anderen Kerl zu vergessen, hat mich nach Strich und Faden betrogen. Und als ich das rausbekommen habe, hat er mir vorgeworfen, dass ich ein Heuchler wäre, weil ich in Wirklichkeit ihm zuerst untreu gewesen wäre, weil ich den Kerl immer noch liebe. Daraufhin habe ich mich getrennt, was er unfair fand und dann ist es wirklich eskaliert“, widersprach Axel seiner Vermutung nach einigen Momenten der Stille.
„Du stehst immer noch auf diesen Kerl, obwohl der dich sogar hasst?“, hakte Joscha ungläubig nach. Axel nickte nur.
„Aber warum? Der Typ hat dich doch gar nicht verdient, wenn er so ein ignorantes Arschloch ist.“
„So einfach ist die Sache nicht. Es scheint so, als hätte er keine Ahnung gehabt, dass ich schwul bin, sondern stattdessen Eltern, die ihm mich als heterosexuelles Paradebeispiel unter die Nase gerieben haben“, verteidigte Axel seine unerwiderte Liebe.
„Woher willst du …“, fing Joscha an und brach dann ab, als ihm langsam dämmerte, von wem Axel sprach.
„Ich? Du bist in mich verliebt?“, fragte er fassungslos nach. Das hier war doch wirklich ein völlig verrückter Alptraum, das konnte gar nicht die Realität sein!

„Ja“, sagte Axel schlicht.
„Seit wann?“, hakte Joscha beinahe tonlos nach.
„Erinnerst du dich an die Gartenparty bei deinen Eltern, als es so unendlich heiß war, dass sie das alte Planschbecken nochmal hervorgeholt haben?“
Joscha nickte. „Ja und wie! Da war ich vierzehn und begann Schritt für Schritt zu realisieren, dass ich auf Kerle stehe. Grad bei auch bei der Party. Daniel sah so heiß aus, nur in den Shorts und komplett nass. Ich musste am Ende reinrennen, damit niemand merkt, dass ich eine Latte habe.“
„Deshalb warst du plötzlich weg! Ich weiß nicht, wie Daniel aussah, meine Augen klebten nur an dir – und als mir das bewusst wurde, habe ich mich schnell weggedreht, damit niemand es merkt“, berichtete Axel.
„Stimmt, ich erinnere mich, dass ich das so halb mitbekommen habe. Aber ich dachte, dass du meinen Ständer bemerkt hast und dich so vor mir geekelt hast, dass du deshalb weggesehen hast. Danach hatte ich unglaubliche Angst, dass du es allen sagst.“
„Nein, obwohl ich dich so angestarrt habe, hab ich das nicht mitbekommen. Ich hatte viel zu viel Schiss, dir in den Schritt zu gucken. So an deinem Oberkörper und deinen Nippeln zu kleben, fand ich schon auffällig und peinlich genug. Außerdem war ich selbst halb hart und wollte nicht, dass es mehr als das wird.“

Für einige Momente herrschte Stille im Wagen. Es war jedoch kein feindseliges Schweigen, wie zu Beginn der Fahrt, sondern eher einvernehmlich.
„Und dann?“, durchbrach Joscha die Stille. „Ich meine, dass du mich damals heiß fandest, obwohl ich viel zu dürr und klapprig war, kann ich nachvollziehen, schließlich sind Jungs in der Pubertät nicht gerade wählerisch. Und damals war ich auch eine ganze Zeit in Daniel verknallt, weil er gut aussehend und zudem mein bester Freund war, bis ich irgendwann eingesehen habe, dass es sinnlos ist, weil er durch und durch hetero ist. Aber wieso hat sich das bei dir nie geändert?“
„Erstmal muss ich dir widersprechen. Klar, heute siehst du noch besser aus als damals, aber so dünn warst du gar nicht!“, protestierte Axel sofort. Danach brauchte er etwas, bis er fortfuhr: „Das ist eine gute Frage und ich schätze, die Antwort ist nicht ganz einfach. Als erstes hast du dich ja kurz danach geoutet, also war prinzipiell eine winzig kleine Chance da, dass du mich vielleicht doch mögen könntest. Darüber hinaus bist du einfach ein großartiger Mensch – hilfsbereit, fröhlich, lebhaft, energisch, vertrittst ganz klar deine Meinung und trittst auch für andere ein, spontan, aber auch ruhig und ernsthaft, wenn die Situation es erfordert – zumindest, wenn es um alle anderen Menschen außer mich geht. Jedes Mal, wenn ich dich beobachtet habe, ohne dass du mich bemerkt hast, hast du mein Herz neu erobert, auch wenn ich das nicht wollte und immer wieder versucht habe, mir selbst klarzumachen, dass es hoffnungslos ist. Deshalb würde ich deinen Eltern auch gerne mal richtig die Meinung sagen – nicht, weil du ihretwegen ein Arschloch mir gegenüber warst, sondern weil ich nicht verstehen kann, wie sie das nicht sehen können!“
Mit jedem Wort war Axels Stimme lauter geworden und als er fertig war, herrschte wieder Schweigen.

Axel schloss seine Augen und atmete mehrfach tief durch. Er brauchte einige Momente, um sich wieder ein wenig zu beruhigen und runterzukommen. Als er dann zu Joscha auf dem Beifahrersitz sah, erschrak er. „Was ist los? Warum weinst du?“
„Ich weine nicht, nicht wirklich zumindest“, widersprach Joscha übermäßig heftig, weil er so verlegen war, und wischte sich energisch die vereinzelten Tränen auf seinen Wangen weg. Gerade, als Axel erneut etwas sagen wollte, fuhr Joscha in einem deutlich weicheren Tonfall fort: „Das ist das schönste Kompliment, was mir je jemand gemacht hat. Und das gerade du das sagst, obwohl ich immer so unfair zu dir war, bedeutet mir unglaublich viel.“ Erneut begannen Tränen über seine Wangen zu rollen. „Ich schäme mich so sehr, dass ich so herablassend zu dir war. Du hast mir schließlich nie etwas getan und hattest das definitiv nicht verdient.“ Während er sprach, hatte er die ganze Zeit in die Dunkelheit gestarrt. Sobald er fertig war, vergrub er das Gesicht in seinen Händen.

Sanft legte Axel seine Hand auf Joschas Rücken. „Mach dir keine Vorwürfe. Als deine Eltern damit angefangen haben, warst du ja noch zu jung, um angemessen damit umzugehen und später war es einfach so automatisiert, dass du gar nicht darüber nachgedacht hast“, nahm er dessen jüngeres Ich in Schutz.
„Wie kannst du das so einfach sagen? Meine Eltern hatten Recht, du bist derjenige unglaublich fantastisch und großherzig ist, im Gegensatz zu mir.“
Kopfschüttelnd verkniff Axel sich, Joscha erneut zu widersprechen, denn er war sich recht sicher, dass es zwecklos sein würde. Von daher beschloss er, ihr Gespräch in eine andere Richtung zu lenken: „Heißt das, dass ich jetzt mit einem „Ja“ rechnen kann, wenn ich dich nach einem Date frage?“
Überrumpelt sah Joscha wieder zu ihm hin. „Ähm, also, ich weiß nicht … Ich fühle mich sehr geschmeichelt und ehrlich gesagt könnte ich es mir schon vorstellen, aber ich will dir auch keine falschen Hoffnungen machen. Außerdem bin ich absolut kein Typ für Fernbeziehungen.“
„Naja, es wäre keine Fernbeziehung, solange du in letzter Zeit nicht umgezogen bist“, entgegnete Axel. Diesmal war er es, der verlegen den Blickkontakt vermied.
„Du bist aber nicht meinetwegen … ?“ Unsicher verstummte Joscha, kam sich albern bei der Frage vor, doch diese Vermutung hatte sich ihm förmlich aufgedrängt.
„Nicht nur, schließlich habe ich da eine Stelle gefunden“, betonte Axel sofort.

Erneut herrschte Stille und irgendwann sah Axel wieder zu Joscha rüber, der den Blick erwiderte und dabei unsicher auf seine Unterlippe biss. Und auch wenn sein Verstand protestierte und ihm sagte, dass es viel zu früh war, konnte Axel da nicht länger widerstehen. Sanft zog er Joschas Kinn ein kleines bisschen zu sich rüber und küsste ihn. Es war ein vorsichtiger Kuss auf die Lippen, nicht mehr. Als er sich wieder lösen wollte, begann Joscha, den Kuss genauso zaghaft zu erwidern.
„Ein Date also“, murmelte Joscha anschließend halblaut. „Ja, lass es uns probieren“, sagte er dann deutlich lauter und bestimmter zu Axel. „Aber ich kann nichts versprechen“, warnte er vorsichtshalber.
„Natürlich nicht, das erwarte ich auch nicht. Wenn wir uns zufällig über den Weg gelaufen wären, wüssten wir ja auch nicht, ob es funktioniert, sondern müssten es erst herausfinden. Und wer weiß, vielleicht bin ich ja auch derjenige, der feststellt, dass ich dich von Nahem gar nicht mehr so toll finde“, versicherte Axel ihm sofort verständnisvoll und zwinkerte ihm zu. „Ich freu mich einfach, wenn du uns eine Chance gibst, sodass wir die Möglichkeit haben, nochmal neu zu beginnen und uns richtig kennenzulernen.“
„Das klingt gut“, stimmte Joscha zufrieden zu. „Fahren wir dann jetzt weiter? Ich will ja nicht meckern, aber meine Schuhe sind immer noch pitschnass und so langsam würd ich sie gerne ausziehen.“

Er war noch nicht fertig, da hatte Axel den Wagen schon wieder gestartet. „Warum hast du nicht längst etwas gesagt? Wie unverantwortlich von mir, ich hätte dich direkt nach Hause bringen sollen, ohne irgendwelche Zwischenstopps. Klärende Gespräche hätten wir auch wann anders führen können. Bestimmt wirst du morgen jetzt krank, weil ich nicht genug achtgegeben habe“, schimpfte Axel, wütend auf sich selbst.
„Sei still. Ich hätte längst etwas sagen können, also ist es auch meine Schuld. Und mir war es wichtig, das endlich mal zu klären“, beruhigte Joscha ihn. „Unglaublich, dass ich das gerade wirklich gesagt habe“, stellte er dann belustigt fest. „Eben hab ich mir noch gewünscht, dass in dem Auto jeder, bloß nicht du sitzt und ich nicht mit dir reden muss. Aber jetzt bin ich echt froh, dass wir uns ausgesprochen haben – und ehrlich gesagt, ein bisschen freu ich mich auch schon auf unser Date.“
„Ja, das Ganze ist wirklich unglaublich“, ließ Axel sich auf den Themenwechsel ein. „Ein Teil von mir fürchtet immer noch, dass es nur ein Traum ist und ich jede Minute wach werde, um genau das festzustellen. Als ich dich vorhin erkannt habe, war meine größte Hoffnung darauf, dass wir freundlichen Smalltalk miteinander reden, ohne dass du mich angiftest oder ignorierst. Das klingt jetzt furchtbar kitschig, aber es entspricht trotzdem den Tatsachen: das Date mit dir ist das beste Geschenk, was ich je zu Weihnachten bekommen habe!“
„Denk dran, man soll den Tag nicht vor dem Abend loben. Lass uns dieses Date erst mal haben, bevor du es so lobst“, bremste Joscha ihn.

Wenig später hielten sie genau zwischen den Häusern ihrer Eltern. Selbstverständlich stieg Axel sofort aus und hob als erstes Joschas Trolley aus dem Kofferraum.
Joscha wollte ihm den abnehmen, doch Axel schüttelte bestimmt seinen Kopf. „Nein, du hast den weit genug getragen, ich bring dich noch bis zur Haustür.“
Erst wollte Joscha protestieren, doch dann lächelte er stattdessen. „Du kannst es einfach nicht lassen, oder? Also gut, dann mach.“
Gemeinsam gingen sie zur Haustür von Joschas Elternhaus, wo Axel den Koffer abstellte.
„Frohe Weihnachten und meld dich morgen mal wegen deiner Telefonnummer“, sagte er und wollte gehen, doch Joscha hielt ihn fest.
„Frohe Weihnachten“, erwiderte er und zog Axel dann noch ein Stück an seinem Arm ran, damit er ihn küssen konnte. Auch dieser Kuss war recht kurz, allein schon aufgrund der Temperaturen, doch beiden zauberte er ein Lächeln ins Gesicht.
„Ich meld mich morgen“, versprach Joscha.
„Perfekt. Dann können wir auch mal schauen, wann du zurück willst und ob ich dich vielleicht mitnehmen soll“, sagte Alex und ging diesmal wirklich.
Joscha sah ihm noch kurz hinterher, bevor er klingelte. So schön diese Autofahrt am Ende noch geworden war, das tollste Weihnachtsgeschenk, das er sich gerade vorstellen konnte, waren warme, trockene Füße!

ENDE
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