Die 30-Tage-Challenge von Snoopy279 (Laufend)
Inhalt: Mit Freunden vereinbart Leon, dass jeder von ihnen 30 Tage lang jeden Tag eine gute Tat tun muss. Damit es auch einen Ansporn gibt, soll der Sieger am Ende von den anderen Freunden verwöhnt werden. Das nutzt Leon, um einen alten Vorsatz aus Schulzeiten umzusetzen, nämlich ehrenamtlich im Altenheim auszuhelfen. Ob Leon gewinnt - und wenn ja, was?
Genres: Reale Welt, M/M (yaoi)
1. Warnung: Keine
2. Warnung: Keine
3. Warnung: Keine
Kapitel: 25
Veröffentlicht: 17/06/20
Aktualisiert: 01/06/21
Die Idee (Prolog)
Anmerkungen zum Kapitel:Hallo ihr Süßen,

eigentlich mach ich so was ja nicht gern, aber da meine Muse sich nach vielen Sprüngen an dieser längeren Geschichte erstmal festgebissen zu haben scheint, poste ich heute mal den Prolog zu dieser noch nicht beendeten Geschichte (und hoffe, das meine Muse weiterhin kooperiert). Ein bisschen Vorlauf hab ich jetzt immerhin. Die Kapitel werden (etwas) länger sein. Insgesamt vermute ich so 15-20 Kapitel, aber mal schauen.

Wünsche euch jetzt viel Spaß beim Lesen.
lg, Snoopy
Mina, wie üblich spät dran, rennt fast, um zu uns zu kommen. „Hey Leute, ich hab ne Idee!“, stößt sie etwas atemlos hervor. Schmunzelnd betrachte ich sie. Sie ist definitiv das Energiebündel unserer Clique. Fabian schüttelt belustigt seinen Kopf. „Aha, und welche?“
„Ich hab so ein Plakat fürs Autofasten gesehen, das wohl noch niemand abgehängt hatte“, fängt sie an, muss dann aber nochmal Luft holen.
„Du weißt schon, dass die Hälfte von uns kein Auto hat, richtig?“, mache ich sie zögernd aufmerksam. Mina selbst ist wohlgemerkt eine davon, ich ebenfalls.
„Ihr seid drei, wir sind vier“, mischt Dennis sich besserwisserisch ein.
Zuerst will ich mich genervt verbessern, doch dann fällt mir eine bessere Strategie ein: „Wow, Dennis, das hätte ich ja nicht gedacht, find ich super.“
„Ja, echt. Respekt!“ Julia versteht sofort, worauf ich hinaus will. Vielleicht liegt es daran, dass sie die dritte ohne Auto ist. „Bei den anderen Dreien hätte ich mir das ja vorstellen können, aber bei dir hätte ich nicht damit gerechnet.“
Nahezu synchron fangen auch Niklas und Kerstin an zu grinsen, weil sie es verstanden haben.
Im dem Moment fällt auch bei Dennis selbst der Groschen.
„Was? Nein, ihr verzichte doch nicht auf mein Auto! Seid ihr bescheuert oder was?“ Entsetzt sieht er uns an, beinahe als hätten wir ihm gesagt, dass er sich ein Bein abhacken sollen oder ähnliches.

„Okay, okay, hört euch doch einfach mal meine Idee an“, greift Mina ein, bevor ich Dennis antworten kann. Schließlich wäre es bei weitem nicht das erste Mal, dass wir diese Diskussion führen, denn Dennis fährt überall mit dem Auto hin.
„Ja, erzähl“, unterstützt Erik sie.
„Naja, die Idee mit dem Autofasten ist ja eine neue Variante des altbekannten Fastens, bei der man quasi nicht nur auf etwas verzichten, sondern auch gleichzeitig was Gutes tun soll. Und da hab ich gedacht, das wäre doch ne coole Sache, wenn wir das auch machen. Also nicht verzichten, weil einige von uns da Schwierigkeiten haben, sondern was Gutes tun.“
„Wie soll das denn konkret aussehen? Ich kann mir das ehrlich gesagt noch nicht richtig vorstellen“, fragt Julia neugierig nach.
„Ich dachte daran, dass wir eine 30-Tage-Challenge daraus machen, Start am ersten Juni. Jeder von uns schreibt am Abend in die Gruppe, was er oder sie heute Gutes gemacht hat.“
„Und was gibt es am Ende zu gewinnen?“, will Niklas wissen.
„Öh, jeder, der die dreißig Tage schafft, hat gewonnen. So dachte ich mir das zumindest“, antwortet Mina leicht überfordert.
„Das ist ja witzlos“, murrt Dennis, der wohl auch auf einen Gewinn gehofft hat.
„Na, ist doch logisch! Der Gewinner hat am meisten Gutes getan und es deshalb verdient, dass alle anderen von uns ihm etwas Gutes tun, wie essen kochen oder so. Schließlich haben alle Nicht-Gewinner ja noch Defizite im Gutes tun“, schlage ich spontan vor. Die Idee gefällt mir nämlich echt gut.
„Ja, das klingt gut, Leon“, stimmt Kerstin mir zu.

Für einen Moment schweigen alle und denken darüber nach.
„Und wie stellen wir fest, wer gewonnen hat, wenn mehrere an allen dreißig Tagen was Gutes getan haben?“, fragt Julia.
„Mit einem Punktesystem! Jede Tat bekommt einen, zwei oder drei Punkte, je nach Zeit- und Geldaufwand sowie Überwindung. Also wenn jemand einen Obdachlosen bei sich übernachten lässt, wäre das sicherlich etwas, was drei Punkte wert ist.“ Ich denke mich immer mehr in das Projekt rein und sprudle beinahe vor Ideen über.
„Das würdest du tun?“ Dennis sieht mich schockiert an.
„Nein, wohl eher nicht, deshalb ja auch drei Punkte dafür!“, erkläre ich.
„Also das heißt wenn ich eine Patenschaft für ein Zootier für ein Jahr übernehme und das über hundert Euro sind, wären das auch drei Punkte?“, sucht Niklas ein anderes Beispiel.
„Ja, das klingt angemessen“, findet Mina.
„Genau. Ein Punkt sind so Sachen wie einem Obdachlosen eine Zeitung abkaufen oder ein bis zwei Euro geben, jemandem über die Straße helfen oder der älteren Dame in der Nachbarschaft Kleinigkeiten mitzubringen, wenn man eh einkaufen ist – also Dinge, die im Alltag leicht und ohne großen Aufwand machbar sind. Und zwei Punkte bekommt man für Dinge, wo man mehr Aufwand hat, also mit Hunden aus dem Tierheim Gassi gehen, kostenlose Nachhilfestunde, einen kompletten Einkauf für die Nachbarin erledigen“, fahre ich mit meinen Überlegungen fort.
„Das klingt fair“, sagt Erik und die meisten anderen nicken zustimmend.
„Dürfen auch mehrere sich für ein Projekt zusammenschließen?“
„Wie meinst du das denn genau, Kerstin?“, hake ich nach, weil ich ihre Frage nicht ganz verstehe.
„Wenn Julia Muffins backt und ich Waffelteig mache und wir uns dann zusammen an den Straßenrand stellen und die verkaufen, um den Erlös an eine wohltätige Organisation zu spenden, kriegen wir dann beide Punkte dafür?“
„Wenn das Sinn macht, dass man das zu zweit macht, ja“, findet Mina. „Also auch, wenn Erik mit mir zum Tierheim geht, weil wir zu zweit mehr Hunde ausführen können. Aber wenn Dennis und Niklas zusammen den Einkauf für die ältere Dame machen, dann nicht.“
Auch damit sind wir alle einverstanden.
„Wo du grad das Hunde ausführen erwähnst: wie ist das denn mit Sachen, die wir auch vor der Challenge schon gemacht haben? Zählen die?“, will Erik wissen.
„Ja. Es geht ja nicht unbedingt darum, andere Dinge zu machen, sondern mehr darum, dass wirklich jeden Tag eine gute Tat ist und nicht nur ein oder zweimal in der Woche“, sagt Julia.
„Aber das ist unfair, dann haben Mina und Erik ja voll den Vorsprung“, protestiert Dennis.
„Nein, haben sie nicht. Sie müssen sich zwar nicht mehr ans Tierheim wenden, aber sie müssen ja trotzdem jedes Mal zum Tierheim hinfahren, den Hund abholen und mit ihm spazieren gehen. Und für die anderen Tage müssen sie sich genau wie wir was überlegen, ich kann mir nicht vorstellen, dass sie das täglich machen werden“, widerspreche ich ihm.
Kerstin, Julia und Niklas stimmen mir da zu – Erik und Mina natürlich sowieso.
Seufzend gibt Dennis sich geschlagen.

„Braucht man dann immer ein Beweisfoto?“, fragt Niklas.
„Nee, Vertrauensbasis. Ich hoffe doch, dass da niemand schummelt – das fällt unter Garantie irgendwann auf“, stellt Mina klar.
„Was ist, wenn die Punktezahl unklar ist?“
„Du meinst wenn etwas in zwei Kategorien passen könnte?“, will Erik von Kerstin wissen. Sie nickt.
„Dann stimmen alle anderen darüber ab. Falls es dann unentschieden bleiben sollte, wird gelost“, sagt Dennis. Scheinbar kann auch er sich langsam dafür erwärmen.
„Klingt gut. Dann haben wir jetzt noch eine Woche, um uns schon mal Gedanken zu machen und nächsten Montag geht es los“, halte ich fest.
„Wie wäre es, wenn die ersten drei Plätze prämieren? Die zwei Schlechtesten müssen sich was ganz Besonderes für den ersten Platz einfallen lassen, Platz fünf für Platz zwei was Besonderes und Platz vier für Platz drei was Tolles. Dabei sollten sich Plätze vier bis sieben natürlich abstimmen, damit Platz drei nicht was Besseres gewinnt als Platz eins“, schlägt Niklas noch vor. „Das erhöht sicher den Anreiz, nicht nur ein-Punkt-Sachen zu machen.“
Auch damit sind wir alle einverstanden. Erik erklärt sich bereit, das alles nochmal zu verschriftlichen, sodass niemand im Nachhinein die Regeln zu seinen Gunsten abändern kann.
Mal schauen, wie das so wird...

tbc
Der erste Tag
Anmerkungen zum Kapitel:Hey,
hier kommt das erste richtige Kapitel (auch wenn es zugegebenermaßen nicht so viel länger ist), in dem man zumindest ein bisschen mehr über Leon erfährt... Vielen Dank an Witch & Chi für die Reviews!
Viel Spaß beim Lesen.
lg, Snoopy
Motiviert mache ich mich auf den Weg. Im ersten Moment hatte ich befürchtet, dass es durch den Feiertag direkt am ersten Challenge-Tag schwierig werden könnte, doch dann hat sich schnell etwas ergeben. Anna, meine Nachbarin, erzählte mir nämlich, dass ihr Mann Sven das komplette Pfingstwochenende frei hat, weil er Ostern arbeiten war. Sven ist nämlich Arzt im Krankenhaus und muss entsprechend oft auch Nachtschichten und Wochenend- oder Feiertagsdienste machen, sodass ihre drei Kids oft Annas Verantwortung sind. Und wenn er Zuhause ist, verbringt Sven natürlich so viel Zeit wie möglich mit den Kleinen, sodass Anna dann zwar entlastet wird, aber die Zweisamkeit auf der Strecke bleibt. Also hab ich ihr vorgeschlagen, dass ich die Kinder heute abhole und mit ihnen zum Spielplatz gehe. Sie war sofort total begeistert und noch mehr, als ich ihr Angebot, mich als Babysitter zu bezahlen, abgelehnt habe.
Ich mag die drei und hab schon ein paar Mal mit ihnen gespielt, wenn ich bei Sven und Anna drüben war oder auf sie aufgepasst. Jakob, der Große, ist jetzt sieben, Hannah fast fünf und Elias zwei Jahre alt.

Als ich klingele, höre ich sofort das Getrappel von Kinderfüßen. Jakob reißt die Tür auf und wird dabei beinahe von Hannah umgerannt, die wohl ebenfalls öffnen wollte und jetzt Schwierigkeiten hat, ihren Schwung abzubremsen. Wenig später ist auch Elias an der Tür. Er ist ziemlich flink, aber gegen die längeren Beine seiner älteren Geschwister hat er einfach keine Chance.
„Hallo ihr drei, was haltet ihr davon, wenn ich mich euch auf den Spielplatz gehe?“ Sofort gucken sie nach hinten, wo gerade Sven auftaucht.
„Aber Papa ist da“, protestiert Jakob auch gleich. „Können wir nicht morgen mit dir auf den Spielplatz gehen?“ „Oder Papa kommt mit“, schlägt Hannah vor.
„Was habt ihr denn heute alles schon gemacht?“, frage ich.
„Mit Papa Lego gebaut.“ „Papa war mein Pferd.“ „Fliegen“, antworten die drei mir gleichzeitig, sodass ich Schwierigkeiten habe, alles zu verstehen.
„Also habt ihr schon ganz viel mit eurem Papa gespielt, oder?“
Die Kinder nicken.
„Und gestern auch, oder?“ Erneutes Nicken.
„Dann könnt ihr ja jetzt mit mir auf den Spielplatz kommen. Wir sind in ungefähr zwei Stunden wieder da, dann könnt ihr bestimmt noch ein bisschen mit eurem Vater spielen, bevor ihr ins Bett müsst. Aber eure Mama möchte auch mal ein bisschen was von ihm abhaben!“
Mittlerweile hat Anna sich ebenfalls dazugesellt und nickt jetzt bestätigend, als die Kinder sie fragend angucken.
„Na gut, aber wirklich nur zwei Stunden“, willigt Hannah ein.
„Okay“, sage ich und zwinkere Sven und Anna zu. Schließlich weiß ich, dass Jakob zwar die Uhr lesen kann, aber keins der Kinder eine eigene Uhr hat.
„Hallo und tschüß, ihr Zwei, genießt eure Zeit!“, verabschiede ich mich und marschiere mit den Kids los.

„Zu welchem Spielplatz gehen wir eigentlich?“, will Jakob wenig später wissen.
„Zum Abenteuerspielplatz“, antworte ich. Das ist ein Spielplatz, der etwas weiter weg ist als der nächstgelegene, aber dafür deutlich größer und mit viel mehr Angeboten, die auch für etwas ältere Kinder noch reizvoll sind. Es gibt neben Schaukeln und Rutschen eine Art Holzburg, einen Wasserspielplatz und auch eine kleine Seilbahn oder wie auch immer man die Teile nennt, auf die man sich setzen und von einem kleinen Hügel über eine Wiese zum anderen Minihügel fahren kann.
„Super.“ Jakob ist sichtlich zufrieden. „Bestimmt treffe ich da auch Louis oder Benni!“
Auch Hannah ist einverstanden. „Der ist viel besser als der andere.“
Elias schweigt und hüpft fröhlich vor sich hin. Ihm ist es egal, wo wir hingehen.
Als wir an die Abzweigung kommen, wo sich die Wege zu den Spielplätzen trennen, muss ich ihn kurz rufen, damit er nicht in die andere Richtung läuft. Zum Glück hört er meist recht gut und kommt auch jetzt direkt zu mir gelaufen.
„Sehr schön, jetzt bleib gerade mal bei mir, Elias, ja? Gleich kannst du wieder ein bisschen vorlaufen, wenn du magst“, weise ich ihn an. Kurz guckt er nach vorne, nickt dann aber.
„Wunderbar.“ In einigen Metern kommt nämlich eine ziemlich befahrene Straße und auch wenn Elias eigentlich weiß, dass er an Ampeln warten muss, will ich ihn in Greifweite haben, falls er es vergisst. Der Rest der Strecke liegt in ruhigen Wohngebieten, sodass die wenigen Autos, die unterwegs sind, vorher zu hören sind. Da hab ich im Zweifelsfall die Chance, durch einen Sprint schlimmeres zu verhindern.
Prompt passiert auch genau das, was ich befürchtet habe, denn Elias achtet nicht darauf, dass die Fußgängerampel gerade auf Rot umgesprungen ist, sondern sieht nur, dass die Autos gerade noch stehen. Jakob und ich greifen zeitgleich nach ihm und halten ihn an seinen Schultern fest.
„Du musst auf die Ampel gucken“, schimpft Jakob sofort los. „Die ist rot!“
In Elias‘ Augen schimmern augenblicklich erste Tränen. Schnell greife ich ein, um das Drama zu verhindern.
„Ich weiß, dass du dich auf den Spielplatz freust und so schnell wie möglich da sein möchtest“, sage ich möglichst beruhigend. „Aber Jakob hat recht, es ist wichtig, auf die Ampel zu gucken. Sonst passiert schnell ein Unfall. Pass das nächste Mal besser auf, okay.“
Elias nickt und blinzelt die Tränchen weg. Wunderbar, das ist doch gut gegangen.
„Die Ampel ist grün!“, ruft Hannah ungeduldig, als wir uns nicht sofort in Bewegung setzen.
Der Rest des Weges verläuft ohne weitere Zwischenfälle.

Auf dem Spielplatz finden Hannah und Jakob schnell einige von ihren Freunden. Das hat für mich den Vorteil, dass deren Eltern auch ein wenig auf die beiden achten und ich mich größtenteils auf Elias konzentrieren kann. Der will am liebsten nämlich auch all das machen, was die beiden Großen machen, aber manches ist allein aufgrund seiner Körpergröße noch sehr schwer für ihn.
Entsprechend verbringe ich die nächsten eineinhalb Stunden damit, Elias auf der Schaukel anzuschubsen, aufzupassen, dass er beim Klettern nicht runterfällt und zur Sicherheit auch spätestens alle zehn Minuten mal zu gucken, ob Hannah und Jakob noch da sind. Meine Befürchtung ist an der Stelle tatsächlich weniger, dass die zwei mit irgendeinem Fremden mitgehen, dafür sind hier auch zu viele Eltern. Als ich das erste Mal mit den Dreien hier auf dem Spielplatz war, sprach mich direkt die Mutter einer Freundin von Hannah an und stand kurz davor, Anna anzurufen, ob ich ihre Kinder nicht doch entführt hätte. In dem Moment kam aber zum Glück Lisa dazu, die Mutter von Jakobs bestem Freund Benni. Sie kannte mich und hat dann versichert, dass ich wirklich der Nachbar bin und auf die Kinder aufpassen darf. Ich war sehr froh, denn Anna hatte an dem Tag einen Termin zur Massage und ich hatte die Befürchtung, dass die Dame als nächstes direkt die Polizei gerufen hätte, anstatt auf einen Rückruf zu warten!
Aber ich bin mir nicht sicher, ob die zwei nicht einfach spontan mit einem Freund oder einer Freundin mitgehen und behaupten, dass das abgesprochen wäre.

Als Elias so müde ist, dass er mir fast von der Schaukel fällt, beschließe ich, dass es langsam Zeit wird, wieder zurückzugehen. Die beiden Großen wollen natürlich noch nicht nach Hause. Ihr Papa ist völlig vergessen, jetzt sind die Freunde das Wichtigste. Elias will auch nicht nach Hause – zumindest nicht, wenn er selbst laufen muss! Aber um ihn die ganze Zeit zu tragen, ist mir der kleine Kerl mittlerweile zu groß und zu schwer.
Zum Glück habe ich eine Geheimwaffe in petto! „Wenn ihr jetzt alle brav mitkommt, gehen wir an der Eisdiele vorbei und ihr dürft euch ein Eis aussuchen“, besteche ich sie.
Sofort sind Hannah und Jakob still und Elias wirkt auf einmal gleich wieder viel wacher. Ich wusste es einfach schon immer, Eis bewirkt bei Kindern wahre Wunder.
An der Eisdiele ist an einem so schönen Tag, der auch noch frei ist, natürlich die Hölle los. Allerdings bekomme ich die Kinder gut damit beschäftigt, dass ich ihnen sage, dass sie die Zeit nutzen sollen, um sich für ihre Eissorten zu entscheiden. „Jeder von euch darf zwei Bällchen haben, aber wer sich nicht entschieden hat, bis wir dran sind, bekommt gar nichts.“
Entsprechend werden gefühlte fünfhundert Kombinationen gewählt und wieder verworfen. Dabei höre ich ihnen nur mit einem halben Ohr zu – und bei manchen absurden Kombinationen ist mir auch das noch zu viel! Stattdessen bleibt mein Blick an einem Mann etwa in meinem Alter - also Ende zwanzig, Anfang dreißig - hängen, der mit einem anderen an einem der Tische sitzt und genüsslich seinen Eisbecher löffelt. Er hat dunkelbraune Locken und ebenfalls dunkelbraune Augen – eine Kombination, die ich unglaublich heiß finde. Sein Gegenüber ist sehr offensichtlich schwul, er hat tatsächlich rosa-lila Haare und trägt dazu ein türkises T-Shirt und einen weißen Schal. Bei meinem Schwarm bin ich mir dagegen nicht sicher, ob er schwul ist. Die beiden kennen sich auf jeden Fall schon sehr lange oder zumindest sehr gut. Mein Gefühl sagt mir, dass sie kein Paar sind. Vielleicht ist das aber auch nur durch meinen Wunsch beeinflusst. Plötzlich lacht er über irgendwas, was der wild gestikulierende Kerl ihm gegenüber gesagt hat und lässt dadurch wundervolle Grübchen erscheinen. Ich bin total verzückt, werde jedoch abrupt vom einem „Die nächsten sind wir“-Jubel aus meinen Schwärmereien gerissen. Zum Glück, sonst hätte ich wahrscheinlich vor lauter Starren nicht gemerkt, dass wir dran sind. Das wäre ziemlich peinlich geworden!
„Und was darf es für Sie sein?“, fragt der Kellner hinter dem Tresen. Es klappt wie geschmiert, mein Plan ist aufgegangen. Wie aus der Pistole geschossen bestellen die drei. Jakob nimmt Waldmeister-Himbeer, Hannah Zitrone-Haselnuss und Elias „Schokolala-Körsch“. Die ersten beiden Kombinationen sind nicht so meins, aber ich nehme fast dasselbe wie Elias: „Und einmal Straciatella-Kirsch bitte.“ Kurz hatte ich überlegt, mir noch eine dritte Kugel zu gönnen, weil ich schon groß bin. Allerdings war mir das die unter Garantie folgenden Diskussionen nicht wert.
Der Rest der Strecke verläuft in schmatzendem Schweigen. Ich muss nur aufpassen, dass Elias vor lauter Konzentration auf sein Eis nicht das Laufen vergisst und einfach stehen bleibt.

Etwa zweieinhalb Stunden später stehen wir wieder vor der Haustür und die Kinder streiten sich darum, wer klingeln darf. Bevor ich den Streit beenden kann, indem ich einfach selbst klingele, öffnet sich die Tür. „Na, wie war euer Ausflug?“, fragt Anna.
„Toll!“ „Schön.“ „Legga.“ Die Kinder antworten ihr alle gleichzeitig. Ich muss schmunzeln, weil man die Priorität, die Elias da gesetzt hat, auch gut an seinem Gesicht ablesen kann.
„Oh, ihr wart sogar Eis essen“, erkennt Anna entsprechend ohne Probleme. „Dann kommt mal rein, ihr drei. Und wascht euch bitte direkt die Hände!“ Skeptisch guckt sie Elias an.
„Keine Sorge, ich übernehme den Dreckspatz“, sagt Sven hinter ihr. „Vielen Dank, Leon!“
„Gerne“, antworte ich.
„Ja, vielen Dank, dass war wirklich sehr lieb von dir“, stimmt Anna ihm zu. „Lass mich dir wenigstens das Geld für das Eis geben!“
„Ach Quatsch, das passt schon. Schließlich habt ihr ja die Reinigungskosten“, lehne ich ab und zwinkere ihr zu. Elias hat nämlich nicht nur seine Hände und sein Gesicht, sondern auch seine Klamotten mit dem Eis versaut.
Kopfschüttelnd nimmt Anna das zur Kenntnis. „Dann nochmal danke und einen schönen Abend!“
„Danke ebenso.“

Zufrieden schreibe ich wenig später meine gute Tat des Tages in unsere Gruppe. Erik und Mina waren wie erwartet im Tierheim helfen beziehungsweise mit den Hunden dort spazieren, Julia hat einen Kuchen gebacken und ihren Nachbarn, einen älteren, seit kurzem alleinstehenden Herren damit besucht, Kerstin hat ihren Eltern im Garten geholfen und Fabian seine Nachbarin, die sich den Knöchel verstaucht hat, bekocht. Wobei ich glaube, dass die gute Tat da nur der Nebeneffekt war und er sich eigentlich erhofft, dass sich da was zwischen den beiden ergibt… So starten wir alle mit zwei Punkten in die Challenge – nur Dennis hat uns alle getoppt und drei Punkte geholt. Aber da er wirklich den kompletten Tag beim Umzug eines Kumpels geholfen hat, sind wir uns einig, dass er sich die verdient hat. Auf den Beweisfotos, die er sich nicht verkneifen konnte, sieht er echt erledigt aus. Mal schauen, wie es die nächsten Tage weitergeht.

tbc
Arbeitsalltag und ein neues Ehrenamt
Anmerkungen zum Kapitel:Hey,

hier das nächste Kapitel. Vielen Dank nochmal fürs Review und fürs Freischalten, Chi *flausch*
viel Spaß beim Lesen,
Snoop
Am Dienstag ist erst mal Alltag angesagt, schließlich ist heute kein Feiertag mehr und ich muss wieder arbeiten. Frühstück, fertig machen und Arbeitsweg sind altbekannte Routinen und auch auf der Arbeit – ich bin Physiotherapeut – gibt es heute nichts besonderes, sodass die Challenge in den Hintergrund rückt.

Erst als mein letzter Patient für heute den Behandlungsraum verlässt, kommt der Gedanke daran wieder hoch. Zum Glück muss ich mir nicht überlegen, was genau heute meine gute Tat sein soll, denn ich habe auch für heute vorgeplant. Letzte Woche habe ich in dem Altenheim, an dem ich mehr oder weniger auf meinem Heimweg vorbeikomme, angerufen. Damals, in der neunten Klassen, als wir ein Praktikum machen mussten, war ich nämlich in einem Altenheim. Ich hatte dann nach den zwei Wochen auch versprochen, dass ich wiederkomme. Und dann kam der Alltag und irgendwas war immer, sodass ich es vor mir hergeschoben habe. Das Ende vom Lied war natürlich, dass ich nie wieder da war, da es mir irgendwann auch unglaublich unangenehm war, dass ich mich so lange nicht gemeldet habe.
Deshalb dachte ich, die Challenge ist ein guter Zeitpunkt, um den damaligen Vorsatz umzusetzen, wenn auch in einem anderen Altersheim, schließlich wohne ich mittlerweile auch in einer anderen Stadt.

Genau weiß ich noch nicht, wie das heute aussehen wird und was genau ich mache, deshalb bin ich ziemlich aufgeregt. Ich werde wohl jemanden besuchen, der sonst keinen Besuch bekommt, wenn ich das richtig verstanden habe. Aber wen und was wir genau machen, weiß ich nicht.
Rasch räume ich alles auf, ziehe mich um und schwinge mich auf mein Rad.
Keine zehn Minuten später hab ich mein Rad abgeschlossen und atme noch einmal tief durch, bevor ich reingehe.
Dort melde ich mich direkt an der Pforte: „Guten Tag, mein Name ist Leon Haenig, ich hatte angerufen.“
„Ah ja, wegen der ehrenamtlichen Besuche, richtig?“, sagt die freundliche Dame sofort, während ich noch überlege, wie ich mein Anliegen am besten formuliere. „Frau Drosner, unsere Sozialarbeiterin, die normalerweise unsere Erstbesucher empfängt, ist heute leider kurzfristig verhindert. Aber Benni ist informiert und erwartet sie schon. Gehen Sie einfach zum Aufzug da hinten rechts, fahren in die erste Etage und gehen dort links runter zum Aufenthaltszimmer der Pflege, das ist auch entsprechend beschriftet. Falls Benni nicht dort sein sollte, warten Sie kurz, er wird dann so schnell wie möglich dahin kommen“, fährt sie mit einigen Anweisungen und Erklärungen fort.
„Okay, vielen Dank.“

Erst im Aufzug fällt mir ein, dass es klug gewesen wäre, nach einem Nachnamen zu fragen, schließlich kann ich einen mir völlig unbekannten Herrn ja schlecht mit Benni ansprechen!
Als der Aufzug sich wieder öffnet, steige ich aus. Nachdem ich mich nach links gewendet habe, sehe ich direkt den gutaussehenden Unbekannten aus der Eisdiele gestern. Was für ein Zufall!
„Hallo, Sie sind Herr Haenig, richtig?“, spricht er mich mit einer dunkeln, angenehmen Stimme an.
„Ja, genau. Und du bist – äh, ich meinte natürlich Sie müssen Benni sein, ich habe leider nicht nach dem Nachnamen gefragt.“ Na super! Jetzt war ich durch das unerwartete Wiedersehen, sofern man es überhaupt so nennen kann, so überrumpelt, dass ich ihn einfach geduzt habe. Wie peinlich! Leider kann ich es nicht verhindern, dass Röte in meine Wangen schießt, was mir noch peinlicher ist.
„Genau, ich bin Benni. Genaugenommen Benjamin Leitner, aber Benni und du ist völlig in Ordnung für mich. Allerdings weiß ich nur den Nachnamen“, rettet er mich aus meiner Verlegenheit.
„Leon“, antworte ich sofort. Das Angebot werde ich bestimmt nicht ablehnen. Allein schon weil wir etwa gleich alt sind, ist mir das Du ohnehin viel lieber. Bei Benni natürlich noch mehr, schließlich hoffe ich, das wir uns so vielleicht tatsächlich kennenlernen können.
„Was steht auf dem Plan?“, frage ich anschließend.
„Eigentlich wollte ich dich ja mit Frau Peters spazieren schicken. Herr Albers liegt mir jedoch schon seit Schichtbeginn heute Mittag in den Ohren, dass ich mit ihm eine Runde Mensch-ärger-dich-nicht spielen soll. Meinen Vorschlag, dass er doch mit einigen anderen Bewohnern spielen soll, hat er kategorisch abgelehnt.“ Benni beugt sich ein wenig zu mir und sagt halblaut. „Sein genauer Wortlaut war ‚Die alten Schachteln seh ich ständig, ich will mal was Hübsches zum Anschauen haben‘. Leider muss ich einige organisatorische Dinge erledigen, sodass ich heute wirklich keine Zeit dafür habe. Manchmal klappt das nämlich tatsächlich. Daher hoffe ich, dass du ein angemessener Ersatz für mich bist. Frau Peters und Frau Schmitz würde ich dann noch dazu setzen, da muss er dann durch.“ Benni geht los und winkt mir, ihm zu folgen. Kurz bevor wir an einem freien Tisch angekommen sind, hält er noch mal inne. „Allerdings muss ich dich warnen. Die Drei ng bekommen alle nur selten Besuch und sind daher unglaublich neugierig. Dabei verlieren sie manchmal auch jegliches Gespür für Diskretion und Anstand. Das heißt konkret, das sie im Zweifelsfall nicht nur nach einer Partnerschaft, sondern auch nach deinem Sexleben fragen. Kommst du da mit Dreien auf einmal zurecht? Frau Drosner hat mich nämlich angewiesen, dich auf keinen Fall zu überfordern oder gar zu verschrecken. Ehrenamtliche Besucher können wir nämlich immer gut gebrauchen.“

Kurz überlege ich. Das klingt nicht wirklich nach dem, was ich mir vorgestellt habe, andererseits klingt es ganz unterhaltsam. Es kann mich ja niemand zwingen, auf die Fragen zu antworten. „Der Spaziergang wäre sicher einfacher gewesen, aber ich denke, ich werd auch die Spielerunde überleben“, sage ich schließlich.
„Im Zweifelsfall sind überall hier Klingeln, da zum Beispiel. Also wenn du Hilfe brauchst, klingel einfach nach mir, dann werde ich dich retten“, verspricht Benni mir.
„Gut zu wissen“, antworte ich ihm und denke insgeheim, dass ich das nur nutzen werde, wenn ein echter Notfall eintreten sollte. Schließlich hab ich mich vor ihm schon genug blamiert!
„Da in dem Schrank sind die Spiele. Du kannst ja schon mal alles aufbauen, ich gehe solange die drei Herrschaften holen.“
Brav hole ich die Spielesammlung raus und bereite alles für Mensch-ärger-dich-nicht vor.

Wenig später kommt eine noch eher fit wirkende ältere Dame auf mich zu. „Sie sind bestimmt der Herr, der mit uns Mensch-ärger-dich-nicht spielen will! Leider hab ich ihren Namen schon wieder vergessen, mein Gedächtnis ist nicht mehr das Beste. Ich bin Elisabeth Schmitz.“
„Hallo Frau Schmitz, schön Sie kennenzulernen. Mein Name ist Leon Haenig“, stelle ich mich vor.
„Ach Leon heißen Sie, wie mein Enkel. Das ist ja schön!“
„Wenn Ihnen das leichter fällt, können Sie mich gerne auch Leon nennen“, biete ich ihr an. Sie erinnert mich irgendwie ein wenig an die Freundinnen meiner Großmutter. Da passt es gut, wenn sie mich beim Vornamen nennt, denn die sieze ich seit jeher, während die Damen mich duzen, da sie mich von klein auf kennen. Als Kind war ich nämlich oft bei meinen Großeltern.
„Ja, gerne. Sie können auch Elisabeth oder Lisbeth sagen, Frau Schmitz ist immer so förmlich.“
„Nu überfall den jungen Mann doch nicht gleich so, du verscheuchst ihn ja noch“, mischt sich da ein älterer Herr ein. Er wirkt sehr gepflegt und obwohl er einen Stock benötigt, geht er überraschend aufrecht.
„Sie haben eine gute Körperhaltung“, rutscht mir spontan heraus.
„Danke, das höre ich doch gerne, gerade von so einem gutaussehenden jungen Mann“, erwidert der ältere Herr und ich kann den Eindruck nicht verwehren, dass er gerade mit mir flirtet.
„Ach, ich bin Physiotherpeut, da ist das wohl Berufskrankheit, auf so etwas zu achten“, wiegele ich ab.
„Na, da weiß ich ja, an wen ich mich wende, wenn ich mal einen Physiotherapeuten brauche, Sie sind sicher sehr kompetent.“ Der Herr setzt sich zu uns an den Tisch, nur um sich direkt darauf wieder zu erheben. „Oh, wie unhöflich, ich habe mich gar nicht vorgestellt. Heinrich Albers.“
Artig stehe ich ebenfalls auf und reiche ihm meine Hand. „Leon Haenig.“
„Sehr angenehm.“ Da Herr Albers meine Hand drückt und keine Anstalten macht, sie wieder loszulassen, ziehe ich sie wieder zurück. Ehrlich gesagt fühle ich mich jetzt schon überfordert und bin nicht sicher, wie ich das hier durchstehen soll! Auf die Idee, dass die Senioren mit mir flirten könnten, bin ich wirklich nicht gekommen.

Für einen Moment herrscht Stille.
„So, hier kommt der Star“, scherzt Benni da auf einmal. Eine sehr kleine Dame – ich kann sie nicht anders bezeichnen, sie ist wirklich sehr adrett zurechtgemacht – hängt an seinem Arm.
„Hallo. Schön, dass Sie da sind. Ich bin Franziska Peters“, stellt sie sich leicht stockend vor.
„Hallo Frau Peters, schön Sie kennenzulernen. Mein Name ist Leon Haenig“, antworte ich.
Automatisch bin ich aufgestanden und habe ihr den Stuhl zurechtgerückt, sodass sie leichter Platz nehmen kann. Sie hat offensichtlich Parkinson und ist entsprechend eingeschränkt.
„Dankesehr.“ Frau Peters ist mir auf Anhieb die sympathischste.
„Ich bin dann mal wieder bei meinem Papierkram. Viel Spaß und vor allem nicht ärgern!“, verabschiedet Benni sich.
„Gut, dann können wir ja loslegen. Wer fängt an?“, ergreift Herr Albers sofort die Initiative.
„Wir müssen erst mal die Farben aufteilen“, wendet Elisabeth ein.
„Am einfachsten ist sicherlich, wenn jeder die Farbe vor sich nimmt“, schlage ich vor. So kann ich auch Frau Peters am einfachsten unterstützen, die mit ihrem Tremor, also dem bei Parkinson typischen Zittern, vermutlich Probleme haben wird.
Damit sind alle einverstanden.
„Fränzi soll anfangen, schließlich ist sie die älteste“, findet Herr Albers. Das Würfeln klappt ganz gut.
Als nächster bin ich dran, dann Elisabeth und zum Schluss Herr Albers.

Es dauert etwas, bis wir alle eine Sechs hatten und sich das Spielfeld füllt. Wie erwartet muss ich Frau Peters helfen, ihre Püppchen zu setzen. Es fällt schon ihr unglaublich schwer, sie zu greifen. Sie zu versetzen, ohne dabei andere Figuren in der Nähe vom Brett zu fegen ist nahezu unmöglich, sodass ich ihr gern behilflich bin.
Währenddessen stellen die älteren Herrschaften mir tatsächlich einige Fragen, sowohl bezüglich meines Berufs als auch meines Privatlebens. Da es eher allgemeine Fragen wie mein Alter, Beziehungsstatus und die Kinderfrage sind, antworte ich brav. Allerdings ergänze ich nicht, dass ich schwul bin, was ich normalerweise bei der Frage nach einer Partnerin gemacht hätte. Da Herr Albers immer noch so wirkt, als würde er mit mir flirten, will ich dem Ganzen nicht noch Zündstoff geben.
Nach und nach erfahre ich im Gegenzug jedoch auch etwas über die älteren Herrschaften. Frau Peters und Herr Albers sind verwitwet, während Elisabeth tatsächlich nie verheiratet war. Sie hat zwei uneheliche Kinder, die auch noch beide verschiedene Väter haben – damals ein unglaublicher Skandal.
Sie hat als Verkäuferin gearbeitet und sich als Reinigungskraft noch einiges dazu verdient. Herr Albers wollte eigentlich Kapitän werden, musste stattdessen aber das Bekleidungsgeschäft seines Vaters übernehmen. Frau Peters dagegen hatte ihr Hobby zum Beruf gemacht und war Schneiderin, was sie auch während der Kindererziehung immer nebenher ausgeübt hatte. Daher leidet sie sehr darunter, dass schon seit Jahren jegliche Handarbeiten für sie nicht mehr machbar sind.
Insgesamt ist es ein angenehmes Gespräch und das Spiel bringt uns das ein oder andere Mal zum Lachen, wenn sich doch jemand ärgert, weil es nicht so klappt wie gewünscht.

Zwei Runden später wirkt vor allem Frau Peters ziemlich erschöpft, aber auch Herr Albers und Elisabeth merkt man an, dass wir schon einige Zeit hier sitzen. Selbst ich merke, dass ich ein wenig müde werde. Als hätte er den siebten Sinn, taucht Benni in dem Moment auf und erfasst natürlich sofort die Lage.
„So, Ende für heute. Frau Peters, ich begleite Sie wieder zurück in Ihr Zimmer. Sie beide finden den Weg ja alleine“, wendet er sich danach an die beiden anderen, die nicken.
„Soll ich das Spiel noch wegräumen?“, biete ich an.
„Ja, das wäre sehr nett.“ Mit einem unmerklichen Nicken signalisiert Benni mir, dass er auch Teil zwei der Frage, ob ich hier noch kurz warten soll, verstanden hat. Schließlich will ich Herrn Albers nicht auffordern, mir hier noch Gesellschaft zu leisten. Er sieht nämlich so aus, als würde er es sehr bedauern, dass ich jetzt gehe. Trotzdem leistet er Bennis indirekter Aufforderung Folge und zieht sich genau wie Elisabeth nach seiner Verabschiedung zurück.
Wenig später ist Benni wieder da. „Und, wie hat es dir gefallen? Ich hoffe, sie haben dich nicht verschreckt!“
„Nein, keine Sorge. Samstag werde ich wie geplant wiederkommen. Insgesamt fand ich es sehr angenehm, auch wenn ich es ziemlich irritierend fand, dass Herr Albers die ganze Zeit mit mir zu flirten schien.“
„Ja, das kann ich nachvollziehen. Ehrlich gesagt glaube ich, dass er eigentlich schwul ist und das damals aufgrund der Gesellschaft nicht ausgelebt hat. Vermutlich holt er das nun nach“, erklärt Benni mir nach einem kurzen Blick, ob jemand uns zuhört, halblaut.
„Das ist gut möglich“, erwidere ich. „Bist du am Samstag auch wieder da oder hast du frei?“
„Du kommst nachmittags, oder?“
Ich nicke.
„Dann sehen wir uns“, antwortet Benni.
„Super, dann nachher einen schönen Feierabend und bis Samstag!“
„Bis Samstag.“

Zufrieden schwinge ich mich auf mein Fahrrad und radle heim. Ehrlich gesagt freue ich mich jetzt schon auf Samstag und für Benni würde ich vermutlich noch einiges mehr mitmachen als mich von Herrn Albers anflirten zu lassen. Alles in allem ist er ja trotzdem höflich und nicht unverschämt oder ähnliches.

tbc
Improvisation und andere Hürden
Anmerkungen zum Kapitel:Hey,

hier kommt das nächste Kapitel. Danke an Witch fürs Review!

Viel Spaß beim Lesen.
lg, Snoopy
Heute habe ich noch nicht vorgeplant. Ich hoffe sehr, dass sich etwas zufällig ergibt. Es muss nichts Großes sein, aber am dritten Tag schon zu scheitern ist definitiv keine Option für mich.
Zu meinem Glück findet sich schnell eine Lösung.
Ich habe gerade meine Wohnung verlassen und will zur Arbeit fahren, da spricht Frau Müller aus dem Erdgeschoss mich an.
„Hallo Herr Haenig, gut, dass ich Sie gerade treffe. Könnten Sie mir Backpulver mitbringen? Ich habe gestern beim Einkaufen nicht mehr daran gedacht, dass es leer ist und ich wollte heute doch für unser Kaffeekränzchen backen!“, bittet sie mich. Sie ist Mitte siebzig und hat große Kniebeschwerden aufgrund ihrer Arthrose, sodass ein zusätzlicher Gang zum Supermarkt eine ziemliche Belastung ist. Doch es gibt leider keine vernünftige Busverbindung und Taxi nur für etwas Backpulver ist ihr verständlicherweise zu teuer.
„Klar, wenn es Ihnen reicht, dass ich es Ihnen erst gegen halb acht bringen kann? Heute ist ja mein langer Tag, da bin ich bis neunzehn Uhr in der Praxis.“ Den habe ich bewusst auf den Mittwoch gelegt, weil viele meiner Patienten auch viele Arzttermine haben und ihnen der Physio-Termin so zumindest Mittwoch Nachmittag nicht mit diesen in die Quere kommen kann. Montags bin ich auch bis neunzehn Uhr in der Praxis, aber da fange ich auch etwas später an. Das ist ganz angenehm nach dem Wochenende. Freitags muss ich dafür, dass ich mittwochs so lang in der Praxis bin, nur bis sechzehn Uhr arbeiten, das gefällt mir auch. Da lässt sich der eine lange Tag verschmerzen.
„Hach ja, das reicht, ist ein ganz schnelles Rezept! Nur morgen habe ich noch einen Arzttermin, da wird mir das zu viel“, antwortet Frau Müller mir.
„Dann kein Problem, wird erledigt. Bis heute Abend!“ Rasch verabschiede ich mich, damit ich nicht zu spät komme.

Da ich nach der Arbeit ohnehin ein paar Sachen einkaufen wollte, ist es wirklich kein großer Aufwand für mich. Frau Müller strahlt mich jedoch sehr dankbar an, als ich später bei ihr klingele.
„Sie müssen sich morgen Abend unbedingt ein Stück Kuchen als Dankeschön abholen kommen! Es bleibt bestimmt etwas übrig“, drängt sie mich. Kurz überlege ich, abzulehnen – andererseits habe ich es ja nicht dafür gemacht und ich würde sie damit sehr kränken.
Zum Glück teilen die anderen meine Meinung, dass das Stück Kuchen morgen nicht als Bezahlung gilt und ich mir den Punkt notieren darf, als ich ihnen mein Dilemma schildere.
Bisher liegen wir alle noch sehr dicht beieinander mit vier bis fünf Punkten. Ich bin mal gespannt, wie es weitergeht.

~~~~~~~


Am nächsten Tag muss ich mich mehr anstrengen, um etwas zu finden. Nach der Arbeit war ich wie jeden Donnerstag joggen. Im Anschluss an die Dusche habe ich mir mein Stück Kuchen abgeholt und Frau Müller gefragt, ob es noch etwas gibt, wo ich ihr helfen kann. Doch dieses Mal hat sie nur abgewunken. Jetzt haben wir schon halb acht und ich habe immer noch keine gute Idee, was ich tun könnte. Zur Not ist eine kleine Spende natürlich eine Option, aber lieber würde ich etwas anderes machen. Nur wo soll ich eine Gelegenheit, jemandem zu helfen, herzaubern?
Ob ich eine Runde auf dem Fahrrad drehen oder nochmal spazieren gehen sollte, um irgendwo eine hilfebedürftige Person zu entdecken? Eigentlich habe ich wenig Lust dazu und die Erfolgsquote ist wohl auch nicht besonders hoch.
Und in der Nachbarschaft an allen Türen klingeln wäre dazu auch noch echt gruselig und eher kontraproduktiv. Aber ein Facebookaufruf oder so ist jetzt auch nicht wirklich meins.

Frustriert sitze ich auf meiner Couch und starre ins Leere. Plötzlich habe ich eine Eingebung. Ich wollte doch schon ewig eine Videoreihe bei Youtube hochladen, wo ich einfache Übungen zeige, die bei regelmäßiger Anwendung einen Besuch beim Physiotherapeuten verhindern können, wenn keine ernsthafte Grunderkrankung vorliegt. Da es genügend Leute gibt, die trotzdem Physio brauchen oder zu faul sind, die umzusetzen, mache ich mir keine Sorgen, dass ich deswegen arbeitslos werden könnte. Ich habe es sogar mit meinem Chef abgesprochen und er meinte, dass es okay ist, wenn er es auf unserer Homepage verlinken darf, weil das gute Werbung für uns ist.
Aus verschiedenen Gründen habe ich das bis jetzt jedoch immer aufgeschoben. Das ist doch sicherlich auch eine gute Tat, die ich geltend machen kann! Mit neuer Energie stehe ich auf und beschließe, jetzt das erste Video zu drehen. Als erstes hole ich mir Stift und Papier, um die Anmoderation aufzuschreiben. Ich muss mich auf jeden Fall vorstellen, die Praxis kurz erwähnen und Warnhinweise geben, wann ein Arzt drüber schauen sollte.

Diverse durchgestrichene Sätze und zerknüllte Zettel später muss ich mir eingestehen, dass das gar nicht so leicht ist. Schließlich will ich weder fünf Minuten darüber reden noch belehrend oder abschreckend rüber kommen. So locker leicht, wie das bei den anderen immer wirkt, fällt es mir leider nicht.
Am Ende hab ich folgenden Text da stehen, mit dem ich einigermaßen zufrieden bin: „Hey Leute, ich bin Leon, seit elf Jahren fertig ausgebildeter Physiotherapeut. Ich arbeite in der PhysioPraxis Breuer, werde aber natürlich oft auch von Freunden und Bekannten nach einfachen Übungen zum Selbstmachen gefragt. Von daher freue ich mich, dass ihr reinschaut, denn auf dem Weg will ich diese Übungen gerne auch an andere weitergeben. Wichtig ist, dass ihr sofort aufhört, wenn die Übungen zusätzliche Beschwerden verursachen oder weh tun, das hier soll euch ja helfen und nicht foltern. Und bei anhaltenden Beschwerden geht auf jeden Fall zum Arzt, damit der euch gründlich durchcheckt!“
Es ist länger geworden, als mir lieb ist. Anders konnte ich aber einfach nicht alles wichtige reinbringen. Also ein paar Mal durchlesen, bis ich das Gefühl habe, dass es sitzt, ohne auswendig gelernt zu wirken und Kamera ab! Der erste Durchgang gefällt mir nicht, weil ich zu sehr in die Kamera starre. Den zweiten finde ich okay und beschließe, den zu nehmen.
Gut, die erste Hürde ist genommen. Jetzt kann es ja nur leichter werden!

Eine dreiviertel Stunde später ist mir klar, dass dieser Optimismus mehr als fehlgeleitet war. Ich habe die ganze Zeit gerade nur damit verbracht, eine Perspektive zu finden, in der ich mich so filmen kann, dass die Übung gut zu sehen ist. Das ist gar nicht so leicht, gerade weil es in der Zwischenzeit langsam trotz Sommer dunkler wird. Eigentlich wollte ich jetzt das Video schon fertig und hochgeladen haben! Den Arbeitsaufwand hab ich echt gnadenlos unterschätzt.
Nachdem ich jetzt endlich die Übung aufgenommen habe, stelle ich fest, dass es noch ein Problem gibt: wenn ich gleichzeitig die Bewegung vormache und erkläre, kann man teilweise nicht richtig sehen, weil ich mich zur Kamera drehe und wenn ich das nicht tue, sieht man gut, ich bin aber schlecht zu verstehen.
Also doch die Stimme aus dem Off, die ich eigentlich vermeiden wollte. Nicht nur, weil ich das eher blöd finde, sondern vor allem, weil ich keine Ahnung habe, wie man das umsetzt!
Seufzend starte ich meinen PC, um nach Anleitungen und Programmen zu suchen.

Zu meinem Leidwesen dauert allein die Recherche länger, als gedacht, weil ich erstmal die richtigen Stichworte rauskriegen muss. Das Wort „Tonspur“ gehört nun mal nicht zu meinem Alltagsvokabular! Am Ende stelle ich fest, dass ich wohl zwei Programme brauchen werde, eins zum Schneiden und Zusammenfügen der Videos, das andere, um die neue Tonspur mit dem Video zu verknüpfen.
Zuerst nehme ich den Bewegungsablauf aus verschiedenen Perspektiven auf. Nachdem ich mit der Qualität der Aufnahmen soweit zufrieden bin und mir keine Ansicht mehr fehlt, schneide ich alles und füge es so zusammen, dass man die Bewegung am besten erkennen kann. Allerdings braucht es seine Zeit, bis ich mit allen Perspektiven zufrieden bin.
Am Ende gucke ich mir das Video mit der vollständigen Übung an und nehme gleichzeitig meine Kommentare auf. Auch hier brauche ich drei Anläufe, weil ich das erste Mal an einer Stelle zu lange nach einer Fomulierung suche und mich das zweite Mal verhaspele. Dann habe ich jedoch die passende Tonaufnahme, die ich beim Video ergänze. Zum Schluss muss ich nochmal das Schneideprogramm nutzen, um meine kurze Einführung und die eigentliche Übung aneinanderzufügen. Immerhin kann ich die Einführung auch für jedes meiner weiteren Videos verwenden und muss die nicht jedes Mal neu aufnehmen.

Endlich ist es soweit! Unglaublich, aber wahr. Mein Video ist geschnitten, vertont und ehrlich gesagt bin ich mit dem Endergebnis ziemlich zufrieden. Die Arbeit hat sich gelohnt, dass sieht beeindruckend professionell aus. Den passenden Kanal „Alltags-Physio – deine schnelle Hilfe“ zu erstellen und das Video hochzuladen, ist jetzt tatsächlich nur noch ein Katzensprung.
Den Link verschicke ich direkt an Steffen, meinen Chef, und stelle ihn in unsere WhatsApp-Gruppe. Kurz überlege ich und dann beschließe ich, tatsächlich nicht nur zwei, sondern drei Punkte dafür zu beantragen. „Das ist meine heutige gute Tat des Tages! Daran habe ich gerade zweieinhalb Stunden gesessen und das Teil hat mich nicht nur viel mehr Zeit als gedacht, sondern auch einiges an Nerven gekostet. Daher hoffe ich, dass ihr das als drei-Punkt-Aufgabe gelten lasst.“
Nach kurzem Nachdenken schicke ich noch hinterher: „Die Folgevideos werden natürlich deutlich weniger aufwändig und sind entsprechend nicht so viele Punkte wert.“

Wenig später beginnt eine rege Diskussion.
„Also ich weiß nicht ... das mit den Punkten war ja deine Idee und ich finde nicht, dass das wirklich eine 3-Punkt-würdige Tat ist“, schreibt Dennis. Möglicherweise liegt das aber auch daran, dass er bislang der einzige ist, der drei Punkte erhalten hat und diesen Sonderstatus nicht verlieren will.
„Klar, vom Zeitaufwand her ist es nicht so ewig lang. Andererseits ist Zeit ja nicht das einzige Kriterium, die Spende von viel Geld geht sogar innerhalb von wenigen Minuten und war trotzdem das andere Beispiel für die drei-Punkte-Kategorie. Von daher finde ich Leons Wunsch, den Nervenaufwand mitzuberücksichtigen, durchaus angemessen“, unterstützt Kerstin mein Anliegen.
„Ja, gerade weil Leon normalerweise nicht so der Technik-Typ ist und das Video echt gut geworden ist. Wenn er jetzt eh ständig am PC wäre oder sowas total gerne macht, dann würde ich zwei Punkte sagen, so finde ich drei okay.“
„Danke für das Lob, Julia“, schreibe ich sofort.
„Hmm, also so toll finde ich die gute Tat jetzt nicht. Ich meine, wir wissen nicht mal, ob das irgendwem hilft. Daher wäre ich auch bei maximal zwei Punkten und finde das schon eher großzügig“, sieht Mina das Ganze kritisch. Das überrascht mich ein wenig – andererseits passt es. Es war ja ihre Idee und sie hatte schon immer hohe Ideale.
Neugierig warte ich darauf, was Niklas und Erik meinen, denn im Moment steht es zwei gegen zwei. Doch die beiden scheinen ihr Handy grad nicht zur Hand zu haben und spannen mich so echt auf die Folter.
Bei Erik gehe ich ehrlich gesagt davon aus, dass er die drei Punkte unterstützen wird, aber bei Niklas fürchte ich, dass er ähnlich wie Dennis eher dagegen sein wird. In dem Fall werde ich dann glaube ich mich freiwillig auf zwei Punkte beschränken, weil erloste drei Punkte fühlen sich irgendwie schal an.

Nachdem ich fünfzehn Minuten ohne Ergebnis auf mein Handy gestarrt habe, beschließe ich, mich bettfertig zu machen. Im Bad realisiere ich erst, wie müde ich bin. Das war echt anstrengend mit diesem blöden Video!
Bevor ich tatsächlich ins Bett gehe, kann ich mir einen letzten Blick auf mein Handy nicht verkneifen. Tatsächlich ist eine neue Nachricht vorhanden.
„Also ich find die drei Punkte okay! So ein Video aufzunehmen und hochzuladen ist echt nicht ohne, wenn man das noch nie gemacht hat und es vernünftig sein soll. Leider ist youtube voll mit Idioten, die es eben mal einfach machen, aber Leons Video ist wirklich gut geworden. Da hat er sich die drei Punkte mit verdient.“ Das von Niklas überrascht mich nicht nur, sondern macht mich auch unglaublich stolz. Er ist viel auf youtube unterwegs und lädt gleichzeitig verschiedene Videos hoch, darunter auch Fitnessvideos zusammen mit seiner Schwester.
Und auf einmal ist es mir gar nicht mehr so wichtig, was Erik denkt und ob ich jetzt die drei Punkte kriege – zwei sind ja auch ganz gut. Vor meiner Erleuchtung hatte ich ja noch befürchtet, dass es nicht einmal für einen reichen würde! Zufrieden und k.o. schlafe ich ein.

tbc
Freitag mit Freunden
Anmerkungen zum Kapitel:Hey,
hier das nächste Kapitel. Nochmal danke fürs Review und fürs Freischalten, Witch!
Viel Spaß beim Lesen.
lg, Snoopy
Der nächste Morgen fängt schon gut an, denn Erik hat auch zugestimmt, sodass ich mir für gestern drei Punkte aufschreiben darf und somit einen guten Schnitt von zwei Punkten pro Tag habe! Ich bezweifle zwar stark, dass ich den für die dreißig Tage aufrecht erhalten kann, aber es macht mich trotzdem stolz.
Außerdem ist heute Freitag, das Wochenende nach einer durch den Feiertag ohnehin kurzen Woche liegt also vor der Tür. Und damit ist morgen auch der Tag, an dem ich Benni wiedersehen werde!
Entsprechend gut gelaunt und motiviert mache ich mich auf den Weg zur Arbeit.

Die Stimmung bleibt auch über den Arbeitstag hinweg, sodass die Zeit verfliegt. Um sechzehn Uhr bin ich ganz überrascht, dass ich schon Feierabend habe.
Da ich keine Lust habe, jetzt schon nach Hause zu fahren, sondern irgendetwas unternehmen will, schaue ich auf mein Handy. Bevor ich mir Gedanken machen kann, was ich genau machen will und mit wem, fällt mein Blick auf eine neuen Nachricht in unserer WhatsApp-Gruppe.
Mina hat gerade geschrieben: „Hey, falls jemand noch ne Idee braucht, wo er oder sie heute Punkte sammeln kann – uns sind einige Helfer abgesprungen, sodass wir Unterstützung brauchen, um alles für die Kleidertauschbörse aufzubauen!“
„Hab grad Feierabend und kann gerne vorbeikommen, wo seid ihr denn?“ Vermutlich hat Mina uns schon von der Tauschbörse erzählt, aber ich kann mich nicht an Details erinnern.
Die Antwort kommt sofort: „In der alten Turnhalle.“
Sofort schwinge ich mich aufs Rad. Das sind etwa zwanzig Minuten von hier.

Als ich an der Turnhalle ankomme, sehe ich, dass Julia gerade ihr Rad abstellt.
„Hey, cool das du auch dabei bist“, sage ich zu ihr.
„Ja, Erik kommt auch gleich noch. Niklas hatte allerdings keinen Bock. Er meinte, er habe schon einer alten Dame über die Straße geholfen und den Punkt wolle er nicht verlieren.“ Sie verdreht die Augen über ihren Freund.
„Manchmal frag ich mich ja wirklich, wie du es mit dem aushältst“, scherze ich.
„Das frag ich mich manchmal echt auch!“
In der Halle stehen Mina und eine andere Frau, die schon etwas älter ist.
„Ah, super, dass ihr da seid. Pascal und Theo sollten gleich mit den Tischen da sein. Du kannst den beiden dann am besten mit Erik helfen, die reinzutragen und du hilfst uns hier drin beim Aufbauen“, gibt Mina erst mir und dann Julia Anweisungen.
„Oh, das ist übrigens Tabea“, stellt sie uns dann die Frau an ihrer Seite vor. „Das sind Leon und Julia, zwei Freunde.“
In dem Moment kommen Erik und zwei andere Kerle mit jeweils einem Tisch unter jeden Arm geklemmt in die Halle. Da es Tapeziertische sind, kann man die ohne große Schwierigkeiten alleine tragen. Mina sagt ihnen direkt, wo sie die Tische am besten abstellen sollen, ohne sich groß mit Höflichkeiten aufzuhalten. Daher stelle ich mich den Zweien kurz auf dem Weg nach draußen vor und erfahre, dass der größere, etwas stämmigere Pascal und der schmalere mit der Brille entsprechend Theo ist.

Zu viert haben wir die Tische und auch die Kleiderstangen, woher auch immer sie die haben, nach gut zwanzig Minuten alle reingetragen und helfen beim Aufbau. Neben den Tischen und den Kleiderstangen sollen auch aus Holzgestellen und Stoffbahnen provisorische Umkleiden aufgebaut werden. Letzteres ist gar nicht so einfach, da die Holzgestelle eigentlich nur einzelne Rahmen sind, weil sie so leichter zu transportieren sind. Am Ende geben wir auf, es so hinzubekommen, weil spätestens wenn wir den Stoff drüber werfen wollen, die mühsam ausbalancierten Rahmen aus dem Gleichgewicht geraten und umfallen. Daher fährt Pascal mit dem Transporter zu einem nahegelegenen Baumarkt, um Scharniere zu holen und die Rahmen aneinanderzuschrauben, sodass sie anschließend trotzdem noch zusammengelegt werden und transportiert werden können.
„Das ist nicht das erste Mal, das wir so was machen, aber die Idee mit den Umkleiden ist neu“, erklärt uns Theo leicht verlegen.
„Kein Thema, vielleicht können wir sonst noch irgendwo helfen“, winkt Erik ab und ich nicke zustimmend.

Aber die Ladys haben in der Zwischenzeit deutlich produktivere Arbeit geleistet, sodass an den Wänden Infoplakate über Stoffherstellung und ähnliches sind, beispielsweise der Ressourcenverbrauch oder die Arbeitsbedingungen und der Verdienst der Arbeiter in den Produktionsländern. Die Tische sind ebenfalls mit weiteren Stoffbahnen bedeckt und sehen hübsch aus.
„Was ist mit den Umkleiden? Klappt es nicht?“, erkundigt Mina sich.
„Doch, nur nicht so einfach wie gehofft. Pascal holt jetzt Scharniere, danach sollte das ein Kinderspiel sein“, antwortet Theo ihr.
„Gut. Dann ist ansonsten alles fertig“, stellt sie zufrieden fest.
„Okay, ich mach den Rest dann mit Pascal fertig – also um genau zu sein assistiere ich ihm, falls er es nicht ganz alleine macht“, beschließt Theo.
„Bist du sicher? Wir können gerne noch bleiben“, hake ich mit einem Blick zu Erik nach.
„Ja, definitiv. Wahrscheinlich macht Pascal eh alles alleine und ich steh nur zur Deko rum“, bestätigt Theo und lacht.
„Das stimmt“, bestätigt Tabea. „Pascal ist hauptberuflich Schreiner und wollte eigentlich gleich mit Scharnieren arbeiten, weil er meinte, dass nur Holzrahmen nicht funktionieren. Aber Andreas, unser Kassenwart, der eigentlich auch heute helfen wollte, hat behauptet, dass Scharniere nur unnütze Zusatzkosten wären. Jetzt wird er sich mindestens das nächste halbe Jahr jedes Mal von Pascal anhören dürfen, dass er Unrecht hatte. Es hatte ja echt keinen Zweck mehr, ihr habt ja wirklich alles probiert.“
„Na gut, dann machen wir uns mal wieder auf den Weg. Viel Erfolg morgen“, verabschiedet Erik sich. „Ja, viel Erfolg!“, schließe ich mich an.
„Ich werd auf jeden Fall mal vorbeikommen“, verspricht Julia.
Nach einem prüfenden Blick auf die Halle händigt Mina Theo die Schlüssel aus.
„Danke, dass du noch bleibst. Ich geh dann auch schon mal.“
„Bis morgen“, sagt Tabea zu Theo.
„Ja, bis morgen und danke für eure Hilfe!“

Vor der Tür stellt Julia begeistert fest: „Hey, du bis ja heute auch mit dem Rad, Erik.“
„Naja, ich wohne mit dem Rad keine zehn Minuten von hier. Und im Gegensatz zu Dennis bin ich ja nicht mit meinem Auto verwachsen und lass das für so eine Kurzstrecke natürlich stehen“, erwidert er leicht gekränkt.
„So war das nicht gemeint, das weiß ich doch. Ich fand es einfach nur gut, weil leider nicht nur Dennis mit seinem Auto verwachsen ist“, beschwichtigt Julia ihn.
Sie klingt ganz schön frustriert. Bevor einer von uns jedoch darauf reagieren kann, dass es offensichtlich Stress mit Niklas diesbezüglich gab, winkt sie jedoch schon ab.
„Reden wir nicht mehr drüber.“
Für einen Moment will ich nachhaken oder ihr zumindest anbieten, darüber zu reden, doch dann verkneife ich es mir. Das hier ist nicht der richtige Ort dafür und sie ist alt genug, selbst zu entscheiden. Wenn sie Hilfe will, wird sie sich hoffentlich melden.
„Habt ihr Lust noch ein Eis essen zu gehen? Hier in der Nähe ist eine großartige Eisdiele“, schlägt Erik vor.
„Oh, ja, unbedingt!“, stimme ich sofort zu. Die Gelateria ist wirklich toll, denn es ist eine eher ruhig gelegene Eisdiele, die das Eis komplett selbst herstellt und daher auch viele ungewöhnliche Eissorten.
„Klar, gerne“, ist Julia auch direkt dabei.
„Nein, ich sollte langsam nach Hause, mein Hund will spazierengehen“, lehnt Tabea ab und verabschiedet sich. Mina zögert sichtlich.
„Komm mit, die haben eigentlich immer zwei bis drei vegane Sorten im Angebot, manchmal auch mehr“, versuche ich, sie zu überzeugen.
„Echt? Ich glaube, die Eisdiele kenn ich noch gar nicht. Das klingt gut.“

Wir schwingen uns auf unsere Räder und sind fünf Minuten später dort. Draußen ist noch ein Vierertisch frei, den wir natürlich in Beschlag nehmen. Drinnen ist erstens nicht viel Platz und zweitens ist das Wetter dafür zu schön, wir waren ja eben schon die ganze Zeit drinnen.
„Geht ihr ruhig schon schauen, ich verteidige den Tisch solange“, sagt Erik und setzt sich. Ich nicke und mache mich direkt auf den Weg nach drinnen.
„Wieso schauen?“, fragt Julia verdutzt. Eriks Antwort kann ich nur noch halb hören, denn ich bin viel zu gespannt, welche Sorten sie am heutigen Tag haben, um auf die Mädels zu warten.
Da jeden Tag frisches Eis gemacht wird, kann man nie vorher wissen, was genau da ist.
Wie üblich stehe ich vor der Qual der Wahl. Schließlich entscheide ich mich für einen Becher mit Himbeer-, Cassis- und normalem sowie dem extradunklen Schokoeis. Natürlich mit Sahne und der ebenfalls selbstgemachten Schokosauce!
Julia und Mina sind mir in der Zwischenzeit gefolgt. Während Mina auf ihren Eisbecher wartet, überlegt Julia noch, als ich mit meinem Eisbecher schon nach draußen gehe.
Erik sieht für einen Moment sehnsüchtig auf mein Eis und steht dann auf, um sich selbst eins zu holen.
Genüsslich fange ich an, mein Eis zu löffeln und genieße den ruhigen Moment.

Wenig später sind auch die drei anderen mit ihren Bechern wieder da.
„Und, was denkt ihr bisher über die Challenge?“, will Mina wissen.
„Das ist total spannend, ich gehe viel bewusster durch den Alltag und nehme dadurch viel schneller wahr, wenn jemand Hilfe braucht“, antwortet Erik.
„Ich find es super, auch wenn es manchmal echt nicht leicht ist, was zu finden und ich Schiss habe, dass ich es nicht bis zum Ende durchhalte. Eigentlich macht helfen echt Spaß“, sage ich.
„Ja, das geht mir ähnlich. Heute zum Beispiel hatte ich noch gar keinen Plan und war total froh über deine Nachricht“, ergänzt Julia.
„Und selbst?“, fragt Erik Mina.
„Oh, ich bin recht zufrieden. Wir haben ja als Gesamtgruppe wirklich schon einiges geleistet. Einen Teil davon hätten wir natürlich ohnehin gemacht, aber einiges ist auch nur dadurch zustande gekommen. Ich überlege schon, wie man da eine größere Aktion draus machen kann.“
Wir müssen alle drei grinsen. Das ist so typisch Mina, dass sie direkt noch mehr Menschen erreichen will.
„Gibt es sonst Neuigkeiten bei euch?“, wechselt Julia das Thema.
Erik und Mina schütteln den Kopf, doch ich zögere einen Moment zu lang.
Sofort richten sich drei Augenpaare erwartungsvoll auf mich.
„Erzähl, was gibt es?“
„Naja, eigentlich gibt es nicht wirklich was zu erzählen“, versuche ich Julias Neugier zu bremsen, doch vergebens.
„Jetzt mach's nicht so spannend und rück mit der Sprache raus“, unterstützt Mina sie.
Hilfesuchend sehe ich Erik an, doch der zuckt nur mit den Schultern.
„Also gut, auch wenn es wirklich nicht viel zu sagen gibt. Am ersten Tag der Challenge habe ich einen durchaus gutaussehenden, potientiell schwulen Kerl in der Eisdiele gesehen“, fange ich an.
„Und, hast du ihn angesprochen? Habt ihr ein Date?“, unterbricht Julia mich ungeduldig.
„Nein, dann wüsste ich ja, ob er schwul ist.“ Leicht genervt verdrehe ich meine Augen. „Aber am nächsten Tag habe ich ihn wiedergetroffen, weil er im Altenheim als Pfleger arbeitet und morgen sehe ich ihn auf jeden Fall wieder.“
Lachend schüttelt Erik den Kopf. „Dir ist schon klar, dass es bei der Challenge um gute Taten geht und nicht darum, dir einen Kerl zu angeln?“
Total erwachsen strecke ich ihm daraufhin die Zunge raus.
„Also ich find das total romantisch, dass Leon durch seine guten Taten belohnt wird und einen Partner findet“, kontert Julia.
„Leute, jetzt macht mal halblang!“, bremse ich sie. „Ich weiß weder, ob er überhaupt auf Männer steht, noch ob er Single ist. Und selbst wenn beides der Fall ist, heißt das noch lange nicht, dass er was von mir will.“ In dem Moment muss ich auf einmal an Herrn Albers denken. „Eine der Bewohner steht dafür auf mich – zumindest hat er mit mir geflirtet.“
Damit schaffe ich es erfolgreich, sie abzulenken, denn sie stellen mir einige Fragen zu ihm und gemeinsam überlegen wir, wie es wohl damals für ihn war, seine Homosexualität nicht ausleben zu können. Allerdings bin ich nicht gänzlich bei der Diskussion dabei, denn ein Teil von mir überlegt, wie ich herausfinden könnte, ob Benni schwul ist. Ich hoffe, dass ich bis morgen eine Erleuchtung habe!

tbc
unerwartete Hilfe
Anmerkungen zum Kapitel:Hey Smiley
Hier kommt das nächste Kapitel.
Wie üblich Dank an Witch fürs Freischalten & fürs Review.
Viel Spaß beim Lesen, Snoopy
Unsicher stehe ich vor meinem Schrank und überlege, was ich anziehen soll. Letztes Mal, als ich noch nicht wusste, dass ich Benni wiedersehen werde, habe ich mir keine Gedanken darüber gemacht, zumal ich ja direkt von der Arbeit aus zum Altenheim gefahren bin. Heute habe ich nach einem sehr entspannten Vormittag leider immer noch viel zu viel Zeit, mir darüber den Kopf zu zerbrechen.
Eine leise Stimme in meinem Hinterkopf sagt, dass Benni mein Outfit möglicherweise völlig egal ist und sich stattdessen Herr Albers über eine enganliegende Hose freuen wird. Ehrlich gesagt sehe ich das seit dem Gespräch in der Eisdiele deutlich entspannter. Wenn er tatsächlich übergriffig wird, werde ich dem natürlich sofort eine Grenze setzen, aber bislang hat er ja nur mit mir geflirtet. Das ist etwas, wozu er vermutlich lange Zeit seines Lebens keine Gelegenheit zu hatte. Daher habe ich mich dazu entschlossen, erst mal zurückzuflirten und zu schauen, wie er damit umgeht. Sobald er mir zu anzüglich wird, werde ich ihn mir mal unter vier Augen schnappen und ihm sagen, dass ich das unangemessen finde. Ich glaube, dass er sich daran halten würde.
Vielleicht hilft mir das sogar, denn wenn ich mich mit Herrn Albers warmgeflirtet habe, fällt es mir hoffentlich leichter, auch Benni ein bisschen anzuflirten. Gerade nachdem die anderen gestern so nachgefragt haben, bin ich fest entschlossen, heute herauszufinden, ob Benni schwul ist bzw. Interesse an mir hat. Leider habe ich noch keine Idee, wie ich das in die Tat umsetzen soll.

Am Ende entscheide ich mich für eine dunkle Bluejeans, die eher eng anliegt, aber gleichzeitig auch bequem ist und mein Lieblingsshirt, ein einfaches graues T-Shirt.
In dem Outfit fühle ich mich wohl und auch einigermaßen gutaussehend, ohne das es übertrieben ist. Schließlich gehe ich in ein Altenheim und das vor allem aufgrund der Bewohner und nicht in eine Disko oder Bar, um einen Kerl aufzureißen!
Als Farbklecks ziehe ich dazu rote Sneaker an und stelle erschrocken fest, dass ich ein bisschen schneller radeln muss, um pünktlich zu sein, denn ich habe angekündigt, dass ich um fünfzehn Uhr da bin.
Am Empfang sitzt dieselbe Dame wie das letzte Mal. Ihren Namen habe ich vergessen, aber sie erinnert sich direkt an mich. „Hallo Herr Haenig, den Weg kennen Sie ja noch vom letzten Mal, nicht wahr?“
„Hallo. Ja, genau, der ist ja nicht schwer zu merken“, erwidere ich und gehe durch zur Station. Dieses Mal muss ich ein wenig am Stationszimmer auf Benni warten.

„Hey, schön, dass du wieder da bist“, begrüßt er mich.
„Ich freu mich auch“, antworte ich, ohne groß nachzudenken. Erst im zweiten Moment realisiere ich, was ich gerade gesagt habe. Denn auch wenn die älteren Leute soweit nett waren, ist es hauptsächlich Benni, auf den ich mich freue.
„Wunderbar. Ich hoffe, du musstest nicht allzu lange warten. Am Wochenende ist meist viel Besuch da und viele Angehörige haben entsprechend auch diverse Fragen oder Anliegen.“ Weil ich direkt beim ersten Satz schon den Kopf geschüttelt habe, fährt er ohne Pause fort: „Da heute schönes Wetter ist, würde ich vorschlagen, dass du diesmal wirklich mit Frau Peters spazieren gehst, so wie ich es letztes Mal schon geplant hatte. Oder willst du lieber Gesellschaftsspiele spielen?“
„Nein, rausgehen klingt super.“
„Dürfte ich mich eventuell anschließen?“, fragt Herr Albers da. „Ich überlege schon die ganze Zeit, rauszugehen, aber alleine konnte ich mich noch nicht aufraffen.“
„Klar, wenn Sie sich nicht über das Tempo beschweren“, sage ich spontan und sehe dann erst zu Benni, der mir bestätigend zunickt.
„Keine Sorge. In Ihrem Alter hätte ich das vermutlich tatsächlich getan, aber mittlerweile bin ich selbst nicht mehr der Schnellste“, beruhigt er mich mit ein wenig Selbstironie.
Das entlockt mir ein Grinsen. „Na dann gerne.“
„Gut, dann gehe ich Frau Peters holen“, beschließt Benni.
„Ich muss auch noch einmal kurz in mein Zimmer, andere Schuhe anziehen“, verkündet Herr Albers.

Recht zeitgleich sind die beiden dann abmarschbereit. Statt der Treppe nehmen wir natürlich den Aufzug.
„Haben Sie beide einen Wunsch oder einen Vorschlag, wo wir gleich entlang gehen sollen?“
„Vielleicht in Richtung des Stadtparks, Fränzi? Das sind etwa fünfzehn bis zwanzig Minuten und wir könnten dort eine Pause auf einer der Bänke machen“, schlägt Herr Albers vor und sieht dabei Frau Peters fragend an.
„Ja, eine schöne Idee“, stimmt sie ihm zu.
„Sehr gut, dann machen wir das.“
Während wir durch das Foyer gehen, ruft uns die Dame vom Empfang „Viel Spaß“ zu.
Draußen ist es sonnig und angenehm warm. In einem ganz gemütlichen Tempo wenden wir uns in Richtung des Stadtparks.
„Wie war Ihre Woche, also seit Dienstag?“, erkundigt Herr Albers sich. Frau Peters ist eher schweigsam, weil sie mit dem Laufen genug zu tun hat.
„Gut soweit, danke. Auf der Arbeit gab es nichts besonderes. Gestern war ich spontan mit ein paar Freunden Eis essen, das war schön. Und Ihre?“
„Ach, der übliche Alltag. Wobei, das stimmt nicht ganz, Donnerstag war ein Liederabend mit dem Thema „Auf der See“, das war ganz nett.“
„Der war wirklich schön“, sagt Frau Peters zustimmend.
„Klingt auch gut. Welche Lieder haben Sie so gesungen?“
„Klassische Volkslieder, sowas wie „Winde weh‘n, Schiffe geh‘n“ und „Eine Seefahrt, die ist lustig“, aber auch so Lieder wie „Nimm mich mit Kapitän auf die Reise“, „An der Nordseeküste“ und „Junge, komm bald wieder“. Kennen Sie die überhaupt?“, fragt er neugierig, nachdem er mit seiner Aufzählung durch ist.
„Öhm, es geht so. Singen könnte ich bis auf die Seefahrt nichts davon, aber gehört hab ich von den meisten schon mal. Nur das mit dem Kapitän kommt mir unbekannt vor“, gestehe ich.
„Hach, diese Jugend von heute“, seufzt Herr Albers, zwinkert mir dabei jedoch verschmitzt zu. „Keine Ahnung mehr von Kunst und Kultur.“
„Sei nicht so streng mit dem Jungen, Heinrich“, tadelt Frau Peters ihn, kann dabei ihr Amüsement allerdings nicht gänzlich verbergen. Ich muss lachen. Wenn ich mich irgendwann in nächster Zeit alt fühlen sollte, weiß ich, wo sich das ganz schnell wieder verliert. Junge hat mich schon ewig niemand mehr genannt, selbst meine Oma hat sich das mittlerweile abgewöhnt.
„Das Lied ist von meinem Namensvetter. Von dem haben Sie aber schon gehört, oder?“, erklärt Herr Albers mir.
„Wenn Sie Hans Albers meinen, ja, klar. Aber das ist auch schon alles.“
„Unglaublich! Dann müssen Sie beim nächsten Mal zu unserem Kinoabend kommen, wenn ein Film mit ihm gezeigt wird. Das machen junge Leute heutzutage doch immer noch, ins Kino gehen?“
„Ja, definitiv, allerdings läuft Hans Albers nicht mehr im Kino“, erwidere ich neckend. „Wobei wir uns auch häufig Zuhause treffen und DVDs gucken.“
„Sind das diese silbernen Scheiben, die es statt der Videokassetten jetzt gibt?“, erkundigt sich Frau Peters unsicher.
„Genau die.“
Das letzte Drittel des Wegs verbringen wir in einträchtigem Schweigen.
Alleine wäre ich vermutlich doppelt so schnell hier gewesen, doch das macht mir nichts aus. Durch das langsame Tempo hatte ich trotz unseres Gesprächs genug Zeit, die Umgebung viel aufmerksamer als sonst zu betrachten. Im Alltag nehme ich mir selten Zeit dafür und auf dem Rad, mit dem ich meist unterwegs bin, wäre es auch viel zu gefährlich, den Straßenverkehr so außer Acht zu lassen.

Im Park angekommen entscheiden wir uns einstimmig für eine noch freie, schön schattig gelegene Bank. Damit beide ältere Herrschaften ihre Gehhilfe direkt griffbereit neben sich haben, setze ich mich in die Mitte. Für einen Samstagnachmittag, insbesondere mit so schönem Wetter, ist der Park überraschend leer, doch ich empfinde das als angenehm.
„Wie kommt es eigentlich, dass Sie jetzt regelmäßig ins Altenheim kommen? Verstehen Sie mich nicht falsch, ich finde es sehr nett, aber es klang letztes Mal nicht so, als wären Sie gerade erst hierher gezogen“, will Frau Peters wissen.
„Naja, letztlich hat eine gute Freundin von mir den Anstoß gegeben. Sie hat in unserer Clique vorgeschlagen, dass wir eine Challenge machen, bei der wir dreißig Tage lang jeden Tag etwas Gutes tun.“ Sofort fällt mir auf, das die beiden wohl nicht wissen, was das Wort Challenge bedeutet. „Also eine Art Wettbewerb, es gibt mehr Punkte, je aufwändiger die gute Tat ist und am Ende gewinnt der mit den meisten Punkten und wird von den anderen verwöhnt.“
„Und wie viele Punkte kriegen Sie für uns?“, fragt Herr Albers sofort nach.
„Zwei. Ein Punkt wäre, wenn ich einem von Ihnen zufällig auf der Straße begegnen und rüber oder beim Einsteigen in den Bus helfen würde und drei, das ist die höchste Punktzahl, hat ein Freund zum Beispiel für einen kompletten Tag Umzugshilfe bekommen.“
„Eine schöne Idee, so viele gute Taten. Sind Ihre Freunde auch in Altersheimen unterwegs?“, lobt Frau Peters unser Konzept und stellt direkt die nächste Frage.
„Nein, zwei gehen ohnehin regelmäßig ins Tierheim und eine hat jetzt angefangen, die Nachmittagsbetreuung einer Schule ehrenamtlich zu unterstützen. Der Rest hat glaube ich keine festen Anlaufstellen.“
„Und wieso sind Sie dann ausgerechnet bei uns gelandet?“ Neugierig sieht Herr Albers mich an.
„Mir war es wichtig, etwas festes zu haben. Fünf Mal die Woche eine gute Tat zu suchen finde ich anstrengend genug. Und da ich in der Schule mal ein Praktikum im Altenheim gemacht habe und es mir damals gefallen hat, sodass ich eigentlich nach dem Praktikum noch dort hingehen wollte, dachte ich mir, dass ich das wenigstens jetzt umsetzen kann“, erkläre ich.
„Das war aber nicht hier, oder?“
„Nein, da hab ich noch bei meinen Eltern gewohnt, in einer anderen Stadt“, beantworte ich seine nächste Frage.
„Auf jeden Fall schön, dass Sie jetzt bei uns sind“, sagt Frau Peters zufrieden.
„Ja, das stimmt.“ Herr Albers nickt zustimmend und fährt dann leise, sodass Frau Peters es vermutlich nicht hören kann, fort: „Ich dachte schon, Sie wären gar nicht unseretwegen, sondern wegen Benni da.“
Ertappt drehe ich mich zu ihm um und spüre eine leichte Röte auf meinen Wangen.
Zufrieden grinst Herr Albers, schweigt jedoch.

Nachdem wir etwa eine halbe Stunde auf der Bank verbracht haben, machen wir uns wieder auf den Rückweg. Der verläuft stiller als der Hinweg und dauert sogar noch ein wenig länger.
Als wir aus dem Aufzug aussteigen, verabschiedet sich Frau Peters direkt. „Vielen Dank, dass war wirklich schön. Jetzt muss ich mich aber erst mal hinlegen. Bis bald.“
„Ja, ruhen Sie sich aus. Bis bald“, erwidere ich ihre Verabschiedung.
Herr Albers legt seine freie Hand auf meinen Unterarm. „Schnapp ihn dir, Junge! Schließlich hast du selbst schon gemerkt, wie schnell die Zeit verfliegen kann und das wird immer schlimmer, nicht besser! Daher würde ich an deiner Stelle nicht zögern, sondern ihn einfach fragen.“
Ich weiß sofort, wovon er redet. Dass er mich auf einmal ungefragt duzt, passt zu seinem Ratschlag, denn er erinnert mich gerade ein wenig an meinen Opa, der mich auch immer wieder ermutigt hat, Dinge zu tun anstatt abzuwarten.
„Werd ich machen“, verspreche ich ihm. Spontan umarme ich ihn. „Danke!“
„Gerne. Jetzt muss ich mich aber auch mal wieder setzen.“ In verhältnismäßig schnellem Tempo entschwindet Herr Albers, was meinen Verdacht bestätigt, dass nicht seine Erschöpfung, sondern das Schimmern von Tränen der Rührung der wahre Grund für seinen hastigen Aufbruch sind.
Doch ehe ich irgendwie reagieren kann, spricht Benni mich schon von hinten an: „Und, wie war es? Hat alles gut geklappt?“
„Ja, doch, es war wirklich nett. Die meiste Zeit haben wir auf der Bank gesessen und uns einfach unterhalten. Vor allem vom Liederabend haben mir die beiden berichtet“, antworte ich ihm.
„Super! Dann werden wir uns ja in Zukunft noch häufiger sehen“, stellt Benni zufrieden fest.
Ich nicke und will schon fast gehen, weil mein Mut wieder verflogen ist, doch dann fällt mir mein Versprechen ein.
„Kann ich dich mal was fragen?“, druckse ich ein wenig herum.
„Klar, worum geht es? Willst du das nächste Mal lieber wieder was anderes machen?“
„Nein, was privates.“
„Achso. Fragen kannst du auf jeden Fall, aber ich verspreche keine Antwort“, sagt Benni ein wenig zögerlich.
Für einen Moment ist ein Rückzieher eine sehr verlockende Idee, doch ich ermahne mich, dass ich an seiner Stelle vermutlich ähnlich reagiert hätte. Er hat ja gar keine Ahnung, um was es gehen könnte.
Also atme ich einmal tief durch, bevor ich die entscheidende Frage stelle: „Würdest du mit mir ausgehen?“ Denn das ist die einzige Frage, die mir wirklich eine Antwort gibt auf das, was mich interessiert. Alle anderen Fragen wie beispielsweise seine sexuelle Orientierung würden mir nur einen Teil beantworten, aber nicht, ob er mich auch mag.
„Ausgehen im Sinne von Date?“, vergewissert Benni sich.
Weil ich meiner Stimme gerade nicht ganz traue, nicke ich nur.
Benni überlegt, nickt dann aber. „Warum nicht. Wir kennen uns ja noch nicht so richtig, aber ein Date ist ja schließlich dazu da, um sich näher kennenzulernen.“
„Genau. Wann hast du denn Zeit?“
„Montag und Dienstag habe ich frei, klappt das bei dir?“
„Leider nicht so gut, Montag arbeite ich länger und Dienstag nach der Arbeit bin ich ja erst mal hier. Das wäre dann relativ spät. Wie wäre es mit Donnerstag oder Freitag?“, schlage ich vor.
„Donnerstag sollte klappen, wenn wir uns nicht zu spät treffen, da hab ich Frühschicht. Freitag auch, entsprechend sollte ich einigermaßen zeitig ins Bett.“
„Ist achtzehn Uhr frühzeitig genug? Wir könnten beim Italiener essen gehen und danach vielleicht noch einen Verdauungsspaziergang?“
„Ja, das hört sich gut an“, stimmt Benni meinem Vorschlag zu. Wir haben gerade unsere Nummern ausgetauscht, da klingelt jemand nach ihm.
„Na, dann will ich dich nicht länger von der Arbeit abhalten. Noch einen ruhigen Restdienst und bis Donnerstag“, verabschiede ich mich.
„Bis Donnerstag!“

tbc
Ein Freundschaftsdienst
Anmerkungen zum Kapitel:Hallo Smiley
Ein neues Kapitel - gewidmet Chi und Witch! Vielen Dank für eure Reviews und eure konstruktive Kritik. Ich bin nicht sicher, ob es mir diesmal schon gelungen ist, versuche aber, das zu berücksichtigen und einzubauen.

Viel Spaß beim Lesen!
lg, Snoopy
PS: ausbleibende Reviewantwort folgt, wenn ich mal wieder sowas wie Zeit habe...
Mein Start in den Sonntag ist ähnlich entspannt wie am Samstag. Als ich kurz nach elf gerade mit dem Frühstück fertig bin, klingelt es.
Überrascht gehe ich zur Tür und betätige die Gegensprechanlage. „Ja bitte?“
„Hey, ich bin's“, erklingt da Niklas Stimme. „Kann ich hochkommen?“
Er hört sich echt niedergeschlagen an. „Ja, natürlich!“ Ich drücke auf den Summer und öffne meine Wohnungstür.
Als er oben bei mir ankommt, stelle ich fest, dass er auch ziemlich mitgenommen aussieht, allein die Augenringe kenne ich normalerweise nicht von ihm.
„Komm rein. Möchtest du was trinken?“ Niklas zuckt nur mit seinen Schultern, zieht seine Schuhe aus und lässt sich dann im Wohnzimmer auf meine Couch fallen. Ich beschließe, erst mal zu hören, was los ist und bei Bedarf passende Getränke zu holen.
„Okay, dann schieß los“, fordere ich ihn auf, als ich neben ihm sitze.
„Ich …“, beginnt er stockend, hält jedoch dann inne. „Das bleibt doch unter uns, oder?“
„Klar“, antworte ich spontan und rudere dann ein wenig zurück. „Naja, um ehrlich zu sein, kommt es ein bisschen drauf an, um was es geht. Wenn du Julia betrogen hast und es ihr nicht sagen willst, könnte ich es ihr glaub ich nicht verheimlichen.“
„Nein, das würde ich nie tun!“ Entsetzt sieht er mich an.
„Gut, alles andere bleibt unter uns, versprochen.“

Trotzdem dauert es einige Zeit, bis Niklas loslegt.
„Ich weiß nicht mehr, was ich machen soll. In letzter Zeit war es ohnehin nicht so leicht und seit dieser bescheuerten Challenge hab ich das Gefühl, dass alles noch schlimmer wird.“ Verzweifelt sieht er mich an. „Egal was ich mache, irgendwie kriegt Jule es ständig in den falschen Hals. Freitag zum Beispiel hab ich gesagt, dass ich schon eine älteren Dame über die Straße geholfen hab, weil ich nicht genau wusste, wie viele Leute Mina braucht und denjenigen, die noch gar nichts haben Vortritt lassen wollte. Oder Mittwoch, als wir bei meiner Schwester eingeladen waren, wollte sie mit dem Rad fahren. Wir waren allerdings eher knapp dran und mit meinem Sattel stimmt irgendwas nicht, ich hätte aber keine Zeit gehabt, da nach zu schauen. Deshalb wollte ich lieber mit dem Auto fahren, als gute zwanzig Minuten mit dem kaputten oder losen Sattel rumzueiern. Daraufhin war sie sofort der Meinung, dass ich ja eh nur mit meinem Auto verwachsen sei. Aber es war immer irgendwie zwischen Tür und Angel und gestern der Tag war auch verplant, sodass ich es heute morgen in Ruhe ansprechen wollte.“ Niklas schluckt und dreht seinen Kopf weg.
Kurz zögere ich, doch dann kann ich meinen Impuls nicht länger unterdrücken und nehme ihn in den Arm, während ich ihm die Box mit den Taschentüchern so dezent wie möglich hinschiebe.
Anfangs versteift er sich, doch gerade als ich ihn wieder loslassen will, lehnt er sich an mich, sodass ich seine Schluchzer noch deutlicher spüre.

Nach einiger Zeit hat er sich wieder etwas beruhigt und fährt fort. „Da ist es dann komplett eskaliert und sie meinte, ich wäre ein egoistisches Arschloch und würde gar nicht merken, dass ich nur um mich kreise. Scheiße, ich hab echt keine Ahnung, was da los ist. Ich weiß nur, wenn das so weiter geht, dass die Trennung nur noch eine Frage der Zeit ist. Und ich will sie nicht verlieren!“ Energisch wischt er sich über sein Gesicht, strafft sich und schaut mich an. „Sorry, ich will dich nicht vollheulen. Aber du kennst sie ja ganz gut und wenn ich mit Dennis rede, sagt der nur, dass ich doch froh sein soll, wenn ich die Zicke los bin.“
„Das kann ich mir vorstellen! Der ist manchmal echt unsensibel.“ Ohne Niklas wäre Dennis vermutlich nie in unserer Clique gelandet. Er ist kein schlechter Kerl, aber oft ziemlich auf sich bezogen. Als Julia damals mit Niklas zusammengekommen ist, ist Dennis als Niklas' bester Freund dann auch irgendwie dazugekommen.

„War denn in letzter Zeit irgendetwas anders als sonst? Ich meine, du hast ja gesagt, dass es eigentlich schon vor der Challenge häufiger Streit gab, oder?“, versuche ich, irgendeinen Anhaltspunkt zu finden.
„Naja, auf der Arbeit gibt es halt echt viel zu tun, seit der eine Chef vor zwei Monaten den Herzinfarkt hatte. Aber das sollte besser werden, weil jetzt gerade sein Nachfolger eingearbeitet wird. Da er nur noch zwei Jahre bis zur Rente hätte, will er nicht wiederkommen, sondern in Frührente gehen“, antwortet Niklas.
„Und?“, hake ich nach, weil ich merke, dass das nicht alles ist.
„Das bleibt wirklich unter uns, ja?“, vergewissert Niklas sich nochmal. Ich nicke.
„Naja, ich hab gedacht, langsam wird es wirklich mal Zeit. Und irgendwie will ich halt was besonderes, nachdem wir jetzt schon so lange zusammen sind.“ Ich kann seiner Erklärung nicht folgen und will grade nachfragen, als er weiterspricht und mir langsam ein Licht aufgeht. „Deshalb hab ich eben zusätzlich ein Bett angefangen, so ein Himmelbett mit ganz vielen Intarsien und Schnitzereien, weil ich weiß, wie sehr Jule so was liebt. Aber das nimmt halt auch Zeit in Anspruch.“
„Du willst ihr einen Antrag machen?“, vergewissere ich mich.
„Ja klar, hab ich doch gesagt!“
„Nein, leider nicht. Du hast nur von nicht genug und lange zusammen und dem Bett erzählt“, korrigiere ich ihn.
Niklas überlegt kurz. „Oh, stimmt. Sorry, das ist einfach gerade alles echt viel“, entschuldigt er sich dann.
„Kein Thema. Dann weiß ich jetzt, wo das Problem liegt: Julia fühlt sich einfach vernachlässigt, weil du kaum noch Zeit für sie hast. Wahrscheinlich merkt sie auch, dass du etwas vor ihr verheimlichst und hat Angst, dass es vielleicht doch eine Affäre sein könnte. Wie lange brauchst du denn noch mit dem Bett?“
„Ich schätze, gut zwei Monate. Wenn es jetzt deutlich weniger Überstunden werden, vielleicht eineinhalb.“
„Das überlebt eure Beziehung nicht. Hast du denn für den Antrag soweit alles andere vorbereitet?“
„Also das Menü habe ich, den Ring, den Text auch, die Musik, die Blumen für den Strauß“, zählt Niklas laut auf.
„Das reicht doch dicke! Wenn du ihr jetzt noch das Bett zur Verlobung schenkst, was machst du dann zur Hochzeit? Ihr ein komplettes Haus bauen? Dann klappt das vermutlich erst in zwanzig Jahren.“ Etwas entgeistert sehe ich ihn an. Es ist ja eigentlich ganz süß, aber eindeutig übertrieben.
Betreten sieht Niklas mich an. „Was mach ich denn dann mit dem Bett?“, fragt er hilflos.
„Ist doch logisch, das schenkst du ihr zur Hochzeit. Dann kannst du dir mehr Zeit lassen und hast auch wieder mehr Zeit für Julia.“
„Das ist eine gute Idee.“ Dankbar und erleichtert strahlt Niklas mich an – allerdings hält das nur ein paar Sekunden an, dann sackt er wieder in sich zusammen. „Aber sie ist ja immer noch sauer auf mich.“
„Auch das kriegen wir hin. Du bereitest jetzt alles vor, ich lenke sie ab und dann machst du ihr heute Abend den Heiratsantrag“, beschließe ich.
„Heute? Aber ich glaub nicht, dass ich alles Zuhause habe für das Menü...“
„Du hast ja bis heute Abend Zeit, um entweder zu improvisieren oder alle möglichen Leute anzuschreiben, damit du alles zusammen kriegst. Das wird schon!“
„Also in anderen Worten: nicht übertreiben, es muss nicht exotisch sein, solange es schmeckt?“
Ich grinse ihn an und nicke.
Verlegen grinst Niklas zurück. „Du hast vermutlich recht. Ich will einfach nur, dass alles perfekt ist.“
„Das verstehe ich. Aber ich glaub, die Wahrscheinlichkeit, dass alles klappt, ist höher, wenn du was nimmst, was du schon mal gemacht hast oder zumindest theoretisch weißt, wie es geht.“
„Stimmt. Vielen Dank, du hast mir echt geholfen! Ich fahr dann mal zu Dennis, den Ring abholen. Den hab ich extra bei ihm gelassen, damit Jule ihn nicht findet.“
„Perfekt, in der Zwischenzeit guck ich, dass ich Julia aus dem Haus locke. Schreib mir, wann sie Zuhause sein soll, sobald du es einschätzen kannst.“
„Mach ich. Und wirklich vielen herzlichen Dank nochmal!“ Niklas umarmt mich kräftig und hüpft dann beinahe die Treppe runter. Schmunzelnd sehe ich ihm nach, bevor ich mein Handy holen gehe.

„Hi Leon“, geht Julia wenig begeistert ans Telefon.
„Hey, hast du Lust auf eine Fahrradtour?“, frage ich sie.
„Und für den Vorwand hast du so lange gebraucht? Ich will immer noch nicht drüber reden“, erwidert sie ablehnend.
„Nein, weil ich tatsächlich eine Radtour mit dir machen möchte. Ob wir über Niklas reden oder nicht, ist deine Entscheidung. Aber wir waren schon ewig nicht mehr zusammen unterwegs“, versuche ich, sie zu überzeugen. Hoffentlich lässt sie sich drauf ein, schließlich habe ich Niklas versprochen, dass ich sie ablenke und ich habe keinen Plan B.
„Wirklich nur fahren?“, hakt sie nochmal nach.
„Naja, reden möchte ich schon auch. Wenn wir die ganze Zeit schweigen, könnte ich auch alleine fahren“, kontere ich amüsiert. „Du darfst allerdings entscheiden, worüber.“
„Klingt gut. Weil hier Zuhause denke ich ja doch nur die ganze Zeit darüber nach und das ist genauso ätzend wie darüber reden“, willigt sie ein.
Wir verabreden Uhrzeit und Treffpunkt. Anschließend schreibe ich Niklas kurz die Bestätigung und packe dann etwas Obst und Wasser ein.

Nahezu zeitgleich kommen wir am Treffpunkt an. Julia sieht ziemlich niedergeschlagen aus, doch ich gehe nicht weiter darauf ein. Wenn ich sie jetzt bedränge, fährt sie vermutlich direkt wieder nach Hause. Nach einer kurzen Umarmung zur Begrüßung schwingen wir uns auf die Räder und fahren los.
„Und, wie war es gestern? Weißt du jetzt, ob der heiße Pfleger auch an dir Interesse hat?“, fragt Julia nach einiger Zeit.
„Es war ganz nett, ich war mit der Dame mit Parkinson und dem älteren Herrn im Park“, erzähle ich. Natürlich weiß ich genau, dass die zweite Frage die ist, die sie wirklich interessiert. Aber ich kann einfach der Versuchung nicht widerstehen, sie ein wenig auf die Folter zu spannen.
„Leon! Du weißt genau, dass das nicht meine Frage war.“ Empört sieht sie mich an.
„Naja, ich bin noch nicht sicher“, fange ich an.
Bevor ich noch etwas sagen kann, unterbricht sie mich schon. „Was heißt das jetzt?“
„Das er erst nach einigem Überlegen ja gesagt hat, als ich ihn nach einem Date gefragt habe.“
„Immerhin ein Anfang, da kann was draus werden“, befindet Julia optimistisch.
„So, jetzt erzähl von eurem Spaziergang. War das der Herr, der das letzte Mal mit dir geflirtet hat?“
Also berichte ich den Rest meines gestrigen Besuchs. Sogar einschließlich der Tatsache, dass ich mich ohne Herrn Albers Ermutigung vermutlich nicht getraut hätte, Benni zu fragen.

Anschließend plaudern wir über alles mögliche, beispielsweise unsere Familien. Wir sind in derselben Straße aufgewachsen und kennen uns schon seit dem Kindergarten. Entsprechend eng ist unsere Freundschaft und wir kennen auch die Familie des anderen in- und auswendig.
Zwischendurch schweigen wir, genießen einfach das Wetter, die schöne Umgebung und das wir mal wieder was zusammen unternehmen.
Nach etwa zwei Stunden beschließen wir, eine Pause am Flussufer einzulegen. Es ist ein schön schattiges Plätzchen, sogar mit etwas Sand.
Erst essen und trinken wir etwas, dann legen wir uns nebeneinander in den Sand. Julia hat im Gegensatz zu mir dran gedacht, sich ein Handtuch mitzunehmen. Aber ich kann nachher ja duschen, irgendwie werd ich den Sand schon wieder los.

„Ich bin echt froh, dass du mich überzeugt hast mitzukommen“, sagt Julia plötzlich. Überrascht blinzele ich, da ich gerade etwas weggedöst war.
„Hmm?“
„Das haben wir wirklich viel zu lange nicht mehr gemacht. Ich weiß gar nicht, wann wir uns das letzte Mal ohne die anderen gesehen haben.“
„Keine Ahnung, ich auch nicht.“
Wieder schweigen wir eine Zeit lang.

„Denkst du, Niklas hat eine andere?“, fragt sie auf einmal unvermittelt.
„Woher soll ich das wissen?“, antworte ich. „Allerdings kann ich mir das nicht wirklich vorstellen. Niklas ist glaube ich nicht der Typ für eine Affäre.“ Am liebsten würde ich ihr sagen, dass es niemand gibt. Aber ich darf ja nichts verraten.
„Ja, seh ich eigentlich auch so. Aber in letzter Zeit macht er ständig Überstunden.“
„Hat er dir denn nicht gesagt warum?“
„Doch, schon, einer der Chefs ist ernsthaft erkrankt. Es sind trotzdem irgendwie zu viele.“ Nach einer kurzer Pause fügt sie an. „Außerdem merke ich, dass er mir irgendwas verheimlicht. Er hat zum Beispiel mit Dennis geredet und als ich in den Raum gekommen bin, waren sie sofort still.“
„Vielleicht war das Thema einfach beendet?“, werfe ich in den Raum.
„Mitten im Satz?“ Mit hochgezogener Augenbraue sieht sie mich an. „Und es waren mehrere solcher Situationen.“
„Okay, das ist wirklich auffällig“, muss ich zugeben. „Vielleicht steckt ja trotzdem was harmloses dahinter.“
„Möglich. Langsam bezweifle ich das allerdings echt. In letzter Zeit hat er oft keine Lust, was mit mir zu machen. Oder er macht mir irgendwelche Vorwürfe, als ob ich das Problem wäre!“
Ich zögere kurz. Dann beschließe ich, es anzusprechen. „Versteh das jetzt bitte nicht falsch“, beginne ich vorsichtig.
„Was? Komm zum Punkt“, fordert Julia gereizt.
„Genau das. Es ist verständlich, dass du wütend und enttäuscht bist, weil Niklas so wenig Zeit und irgendwelche Geheimnisse hat. Aber dadurch lässt du ihn das vermutlich auch spüren oder kriegst Dinge schnell in den falschen Hals.“
„Also ist das alles meine Schuld? Willst du mir das damit sagen?“
„Nein! Natürlich ist Niklas Verhalten verdächtig. Du neigst in solchen Situationen allerdings leider dazu, dich angegriffen zu fühlen, wie jetzt gerade.“ Ich überlege, wie ich es noch erklären kann. „Oder kommst zu voreiligen Schlüssen. Wie vorhin am Telefon, als du felsenfest überzeugt warst, dass ich nur anrufe, weil ich mit dir über die Situation reden will.“
Hoffentlich versteht sie, was ich meine! Ich wollte den Streit doch nicht zusätzlich anheizen, sondern Julia etwas versöhnlicher stimmen. Vielleicht hätte ich doch meine Klappe halten sollen.

„Lass uns zurückfahren“, schlage ich vor, da Julia nichts mehr sagt und die Stimmung unangenehm angespannt ist. So langsam sollten wir uns eh auf den Rückweg machen, damit sie pünktlich zurück ist.
Nach einer halben Stunde hält Julia plötzlich an. „Es tut mir Leid.“
„Was?“, frage ich verdutzt nach.
„Dass ich dich eben so angefahren habe. Du hast natürlich recht, ich war teilweise echt unfair.“ Niedergeschlagen sieht sie auf den Boden.
„Ist ja auch verständlich. Schließlich hat Niklas sich echt auffällig verhalten.“
„Ja, genau. Aber ich wollte ihm auch nicht irgendwas unterstellen und ich hatte ja keinen wirklichen Beweis.“
„Eben. Also hast du es mit dir ausgemacht. Dummerweise stauen sich dadurch die Gefühle an.“
„Allerdings. Ich hätte früher mit dir reden sollen, dann wäre das nicht so eskaliert“, stellt Julia seufzend fest. „Vermutlich wollte Niklas heute morgen genau darüber reden.“
„Ja, mach das, falls so etwas nochmal passiert. Hauptsache ist, dass du es jetzt erkannt hast und ihr darüber reden könnt“, versuche ich, sie aufzumuntern.
„Danke!“ Julia stellt ihr Rad ab und umarmt mich.
„Gerne. Ich hoffe, wir machen trotzdem häufiger mal wieder was zu zweit, wenn ihr keinen Streit habt“, scherze ich.
„Blödmann!“

Zuhause angekommen gehe ich unter die Dusche. Zufrieden genieße ich den warmen Wasserstrahl.
Ich denke, ich habe alles getan, was in meiner Macht stand – den Rest sollten Niklas und Julia alleine hinbekommen!

Danach esse ich erst mal was und sehe einen Film an. Plötzlich fällt mir auf, dass ich heute noch gar keine gute Tat vollbracht habe. Dummerweise sind jetzt schon zehn Uhr, also bleibt mir nicht mehr viel Zeit. Zur Not könnte ich ein weiteres Video hochladen, aber darauf habe ich eigentlich keinen Bock.
Deshalb hole ich mein Handy. Einerseits will ich wissen, wie es bei Niklas und Julia ausgegangen ist und andererseits hoffe ich, dass mich irgendeine der guten Taten der anderen inspiriert.
Als erstes sehe ich das Foto einer Hand mit einem hübschen Ring daran. Erleichtert lächele ich. Auch wenn ich es gehofft habe, hatte ich doch noch einen Rest Zweifel, ob die beiden es nicht in letzter Sekunde schaffen, es doch noch zu versauen.
Ehrlich gesagt – selbst wenn ich heute keine gute Tat mehr hinbekomme, bereue ich es nicht, die Zeit für Niklas und Julia genutzt zu haben. Das Glück meiner Freunde ist mir wichtiger als irgendwelche fremden Leute.

Überrascht lese ich dann jedoch, was Julia darunter geschrieben hat: „Für den heutigen Tag schlage ich vor, dass Niklas 2 Punkte bekommt, für den besten Heiratsantrag der Welt, der mich unglaublich glücklich gemacht hat – und 3 Punkte für Leon, ohne den ich diesen Heiratsantrag nicht heute bekommen oder wenn doch vielleicht sogar nein gesagt hätte!“
Und Niklas hat ergänzt: „Den 3 Punkten für Leon kann ich mich nur anschließen, er hat erst mir geraten, nicht mehr zu warten und dann Julia abgelenkt, sodass er eigentlich den ganzen Tag mit uns beschäftigt war. Und für Julia schlage ich einen Punkt vor, denn mit ihrem „Ja“ hat sich mich zum glücklichsten Mann der Welt gemacht!“
Sprachlos schüttele ich den Kopf und tippe direkt: „Das hab ich gerne gemacht, dafür sind Freunde doch da. Drei Punkte dafür sind völlig übertrieben! Wenn überhaupt, hab ich vielleicht einen verdient.“ Dann schicke ich hastig „Herzlichen Glückwunsch, ihr beiden, ich freu mich für euch.“
Anschließend lese ich die Glückwünsche der Anderen durch, die zu meiner Überraschung alle den Vorschlägen zustimmen.
„Nein, die drei Punkte hast du dir hart erarbeitet! Auch wenn du es sowieso gemacht hättest – das schließt die drei Punkte ja nicht aus. Schließlich haben wir extra gesagt, dass es nichts neues sein muss“, widerspricht Julia mir.
Und ausgerechnet Dennis stimmt ihr zu: „Die beiden haben recht, die Punkte hast du dir wirklich verdient!“ Ich bin ein wenig verblüfft, schließlich war er das letzte Mal so dagegen, dass ich drei Punkte bekomme.
Dann sehe ich seine gute Tat des Tages – Niklas bei der Vorbereitung des Heiratsantrags helfen. Das erklärt einiges. Auch Mina unterstützt die beiden: „Ja, du warst vermutlich der Einzige von uns, der sich die Mühe gemacht hat, genau hinzusehen und beide wahrzunehmen, anstatt direkt die Perspektive von einem der beiden zu übernehmen. Also freu dich über deine drei Punkte, du bist überstimmt!“
„Okay, dann vielen Dank! Ehrlich gesagt dachte ich schon, ich muss heute passen“, gebe ich verlegen zu. Kaum zu glauben, dass ich meine gute Tat heute gar nicht als solche wahrgenommen habe. Mit ein bisschen nachdenken kann ich zumindest teilweise nachvollziehen, was die Anderen meinen. Zufrieden gehe ich wenig später ins Bett – morgen ist ja wieder Montag und diesmal leider kein Feiertag.

tbc
Neues und Bekanntes
Anmerkungen zum Kapitel:Hey,

leider habe ich es nicht früher geschafft. Mein Dank gilt witch und Chi!

Viel Spaß beim Lesen.
lg, Snoop
Nach einem eher unspektakulären Arbeitstag schwinge ich mich auf mein Rad und fahre zum Supermarkt. Da ich kaum noch etwas im Kühlschrank habe, muss ich erst mal einkaufen, um gleich etwas essen zu können.
Vor dem Supermarkt steht ein Mann, der recht ungepflegt wirkt und Obdachlosenzeitungen verkauft. Ich habe ihn schon häufiger gesehen und gelegentlich eine Zeitung gekauft oder ihm auch das Kleingeld nach dem Einkauf gegeben. Heute will ich jedoch mal etwas anderes machen, auch wenn zumindest letzteres vermutlich als gute Tat ausreichen würde.
„Guten Tag“, spreche ich ihn freundlich an.
Er wirkt überrascht und sieht sich kurz um, ob ich auch wirklich ihn meine.
„Guten Tag“, erwidert er etwas zögerlich, sichtbar unsicher, was ich von ihm möchte.
„Ich wollte fragen, was Sie gebrauchen können. Dann bringe ich es Ihnen mit“, sage ich.
„Eine Flasche Wasser wäre toll“, antwortet er mit einem zurückhaltenden Lächeln.
Vermutlich ist er noch nicht ganz überzeugt davon, dass ich es ernst meine.
„Gut, mach ich. Lieber mit Kohlensäure oder ohne?“
„Ohne bitte.“
„Dann bis gleich.“

Zufrieden hole ich einen Einkaufswagen und gehe rein. Eigentlich wollte ich das schon ewig mal machen, schließlich ist es kein großes Ding. Aber aus irgendwelchen Gründen hab ich mich nicht getraut, vielleicht aus Sorge, etwas Falsches, Verletzendes zu sagen. Nachdem ich meine Liste größtenteils abgearbeitet habe, stehe ich vor den Getränken. Hmm, was nehme ich denn jetzt? Welche Größe und welche Marke? Auf jeden Fall will ich mehr als einen halben Liter, den hat man ja so schnell ausgetrunken. Eineinhalb Liter sind aber eventuell unpraktisch zum Transport, ich weiß ja nicht, wie lang er noch hier bleiben will. Mein Blick fällt auf eine mir unbekannte Marke, die ein-Liter-Flaschen aus einem deutlich stabiler aussehenden Plastik haben, denn Glas halte ich auch für eher unpraktisch. Vielleicht sind die ganz gut, die könnte er sich eventuell auffüllen und wieder verwenden. Zumindest hoffe ich, dass es Möglichkeiten dazu gibt, die auch für den Mann erreichbar sind. Mir wird bewusst, wie viele Dinge ich in meinem Alltag für viel zu selbstverständlich hinnehme. Bevor ich hier noch Stunden stehe, nehme ich die Flasche und besorge auch noch den Orangensaft, der mir noch fehlt.

Während ich an der Kasse stehe und warte, entdecke ich, dass der Bäcker vorne im Supermarkt heute drei Brezeln zum Preis von zwei anbietet. Spontan beschließe ich, dieses Angebot zu nutzen. Vielleicht mag er ja eine von den Brezeln abhaben? Denn zwei reichen mir dicke. Normalerweise würde ich mir wenn überhaupt nur eine kaufen.
Einen Versuch ist es wert, sonst kann ich die Brezeln bestimmt auch einfrieren. Am nächsten tag sind die meist schon so trocken.

Nachdem ich auch beim Bäcker fertig bin, überlege ich kurz. Ich beschließe, erst mit dem Einkaufswagen zum Fahrrad zu gehen, um meine Einkäufe in den Fahrradtaschen zu verpacken und anschließend zu dem Obdachlosen zu gehen. Das ist einfacher und spart mir auch das Hin und Her, da er bei den Einkaufswagen steht.
Wie üblich dauert es ein bisschen, weil ich beim Einkaufen gerne ignoriere, dass mein Stauraum eher begrenzt ist.
Schließlich habe ich alles verstaut und bringe den Wagen weg.

„So, da bin ich wieder. Ich hoffe, das Wasser ist okay?“
„Ja, natürlich, vielen Dank“, bedankt der Mann sich hastig und nimmt erfreut die Flasche entgegen.
„Möchten Sie eventuell auch eine Brezel haben? Die waren im Angebot, da konnte ich nicht widerstehen.“ Fragend halte ich die Tüte vom Bäcker hoch.
Mit großen Augen nickt er. „Ja, gerne. Vielen Dank. Das wäre wirklich nicht nötig gewesen!“
„Keine Sorge, ich hab ja selbst was davon“, beschwichtige ich ihn und halte ihm die Tüte einladend hin.
Unsicher sieht er mich an. „Vielleicht wollen Sie die Brezel lieber rausnehmen? Meine Hände sind ziemlich dreckig.“ Demonstrativ zeigt er mir seine Hand.
„Oh, tut mir Leid, darüber habe ich gar nicht nachgedacht!“, entschuldige ich mich.
„Kein Problem“, winkt er ab.
Ich gebe ihm eine von den Brezeln und verabschiede mich. „Dann wünsche ich Ihnen noch einen schönen Tag.“
„Den wünsche ich Ihnen auch und vielen Dank nochmal!“
Es ist mir beinahe ein wenig unangenehm, wie sehr er sich für die Kleinigkeit bedankt und ich nehme mir fest vor, das in Zukunft regelmäßig zu machen – ganz unabhängig von der Challenge.

~~~~~~~

Am Dienstag freue ich mich nach der Arbeit darauf, ins Altenheim zu gehen, obwohl Benni heute gar nicht da ist. Hoffentlich kann ich wieder was mit Frau Peters und Herrn Albers machen, meinetwegen auch mit Elisabeth.
Motiviert radele ich dorthin und stelle mein Rad ab.

Eigentlich will ich nur kurz fragen, ob ich wieder durchgehen soll, doch diesmal hält die freundliche Dame am Empfang mich auf: „Hallo Herr Haenig, schön, dass Sie da sind! Warten Sie doch einen Augenblick, ich geb direkt Bescheid.“
Verwirrt nicke ich. Sie wirkt so, als müsste ich wissen, worum es geht, daher frage ich nicht nach.
Bestimmt klärt es sich gleich.
„Ja, ich bin es, er ist jetzt da“, verkündet sie am Telefon. Das hilft mir schon mal nicht weiter!

Allerdings muss ich nicht lange auf des Rätsels Lösung warten.
„Hallo Herr Haenig, schön, Sie persönlich kennenzulernen! Ich bin Imke Drosner, die Leitung des sozialen Dienstes hier im Haus.“
„Hallo Frau Drosner, freut mich ebenfalls“, erwidere ich artig.
„Wir hatten ja schon telefoniert.“
Ich nicke bestätigend.
„Normalerweise begrüße ich all unsere ehrenamtlichen Besucher persönlich, aber letzte Woche war ich leider verhindert. Herr Leitner versicherte mir allerdings, dass ihr erster Besuch gut gelaufen sei“, sagt sie und schaut mich beim letzten Satz fragend an.
„Ja, er hat mich gut eingewiesen und die älteren Herrschaften waren auch nett.“
„Schön. Dann hoffe ich, dass es Samstag auch so gut lief und Sie uns jetzt wirklich regelmäßig besuchen.“
„Ja, Samstag lief es sogar noch etwas besser.“ Dass das nicht nur daran lag, dass ich auf Herr Albers Flirtversuche vorbereitet war, sondern vor allem daran, dass Benni auf die Frage nach dem Date ja gesagt hat, verschweige ich ihr lieber. „Von daher bin ich sehr motiviert, regelmäßig zu kommen, Urlaube und ähnliches natürlich ausgenommen.“
„Klar, das versteht sich von selbst. Am Samstagnachmittag hatte Herr Leitner auch Dienst, oder?“
Nach meinem Nicken fährt sie fort: „Hatte er Ihnen da dieselben Senioren zugeordnet oder waren es andere?“
„Mehr oder weniger dieselben, Frau Peters und Herr Albers. Am Dienstag war auch noch eine Elisabeth dabei.“ Ich überlege, muss dann aber zugeben: „An den Nachnamen erinnere ich mich nicht mehr, irgend so ein Allerweltsname.“
„Ah, das klingt ganz nach Frau Schmitz“, stellt Frau Drosner schmunzelnd fest. „Wenn Sie mit den Dreien gut zurecht kommen, dann sagen Sie doch Frau Rädiger einfach Bescheid, dass Sie wieder etwas mit denen oder einem davon machen wollen.“
„Gerne, wenn das geht. Ich hatte gehofft, heute wieder was mit ihnen unternehmen zu können“, sage ich erfreut.
„Na, dann will ich Sie nicht länger aufhalten! Viel Spaß und wenn irgendwelche Probleme auftreten sollten, können Sie sich neben den Kollegen aus der Pflege natürlich gerne an mich wenden“, verabschiedet Frau Drosner sich.
„Gehe ich nicht von aus, aber wenn doch melde ich mich. Gleich einen schönen Feierabend!“
„Danke, Ihnen auch.“

Auf Station begrüßt mich eine junge Pflegerin mit Piercing und kunterbunten Haaren. Ich glaub, sie ist noch keine zwanzig Jahre alt.
„Hey, du bist Leon, oder? Ich bin Miri und heute zuständig. Benni hat mir gesagt, dass ihr euch duzt, daher hoff ich einfach, dass das für dich okay ist“, sprudelt sie sofort los.
Ein wenig verdutzt nicke ich, mit so einem Überfall habe ich nicht gerechnet.
„Wunderbar. Magst du heute wieder was spielen? Frau Schmitz hat sich beschwert, dass sie Samstag gar nichts von dir hatte. Sie geht nicht gerne spazieren“, verrät Miri und zwinkert mir zu.
„Klar, kann ich machen.“ Noch immer fühle ich mich etwas überfordert von dem Energiebündel vor mir. Die ist ja noch schlimmer als Mina!
„Wunderbar. Den Weg in den Aufenthaltsraum und die Spiele findest du? Dann hole ich die Leutchen.“
Sie ist schon halb weg, bevor ich „Ja“ sagen kann.
Mit einem leichten Kopfschütteln mache ich mich auf den Weg.

Zu meiner Überraschung wartet Herr Albers schon mit dem aufgebauten Mensch-ärger-dich-nicht.
„Sie sehen so aus, als seien Sie unserem Wirbelwind schon begegnet“, schmunzelt er.
„Allerdings!“
„Irgendwie müssen wir alten Leute ja auf Trab gehalten werden“, sagt er selbstironisch.
„Na, wenn Sie das so sehen, dann passt es ziemlich gut. Ich hatte mich tatsächlich schon gefragt, ob diese Kombination so gut funktioniert“, gebe ich zu.
Ich setze mich zu ihm. „Wie kommt es, das Sie schon hier sind?“
„Ach, ich hab vorhin mitbekommen, dass Elisabeth sich beschwert hat, weil wir Samstag unterwegs waren und hab einfach mal angenommen, dass Sie wieder zur gleichen Uhrzeit wie letzten Dienstag da sein werden.“
„Verstehe.“ Schmunzelnd sehe ich ihn an.
„Ja, ich muss die Zeit doch nutzen. Haben Sie Ihr Date?“
Unwillkürlich steigt ein wenig Hitze in meine Wangen und ich nicke.
Zufrieden lächelt er.
„Ach, schön, dass ich heute auch wieder was von Ihnen hab, Leon“, begrüßt mich Elisabeth, bevor einer von uns beiden noch etwas sagen kann.
„Ich freue mich auch, Sie wiederzusehen“, erwidere ich. „Wie geht es Ihnen denn?“
„Gut, danke. Und selbst?“
„Mir geht es auch gut.“

Wenig später kommt Miri mit Frau Peters zurück. „So, hier ist die zweite Dame, nur Herrn … Ach, hier sind Sie! Ich hab Sie schon gesucht“, unterbricht sie sich mitten im Satz, als sie von Frau Peters zu Herrn Albers guckt.
„Verzeihen Sie, es lag nicht in meiner Absicht, Ihnen Sorgen zu bereiten, junge Dame“, sagt er galant.
„Ach, Sie sind ein alter Charmeur! Wie soll ich Ihnen da nur böse sein?“ Und schon ist Miri wieder davon gewirbelt, während Herr Albers mir kurz zuzwinkert.
„Hallo Frau Peters, wie geht es Ihnen heute?“
Sie winkt ab. „Reden wir nicht davon, spielen wir lieber. Das lenkt mich ab.“
Gehorsam nicke ich und reiche ihr den Würfel.
„Stimmt das, dass Sie für so einen Wettkampf hier sind, um Punkte zu sammeln?“, fragt Elisabeth neugierig nach. Offensichtlich haben die beiden anderen ihr davon erzählt.
„Ja, das ist richtig“ bestätige ich.
„Was haben Sie denn gestern und vorgestern für gute Taten vollbracht?“, will Frau Peters wissen.
Ich würfele kurz und verrücke meine Spielfigur, bevor ich antworte.
„Oh, vorgestern war etwas ganz besonderes! Ich habe quasi Starthilfe bei einem Heiratsantrag geleistet.“
„Wie schön! Wann ist die Hochzeit?“ „Freunde von Ihnen oder Verwandte?“ „Romantisch! Was genau haben Sie denn dazu beigetragen?“
Voller Begeisterung und Neugier haken die Drei nahezu gleichzeitig nach, sodass es mir schwer fällt, alles zu verstehen. Während ich von Niklas und Julia erzähle, vergessen sie das Spiel nahezu vollständig. Nur ganz gelegentlich denkt einer von ihnen daran, einen Alibizug zu machen.
Ich habe selten so aufmerksame und interessierte Zuhörer. Es ist richtig schön, wie sie mit zwei ihnen gänzlich unbekannten Menschen mitfiebern.
„Hach, ich bin ja kein großer Fan der Ehe, aber das ist wirklich eine tolle Idee. Da hätt' ich auch nicht nein gesagt“, befindet Elisabeth am Ende.
„Ihre Freunde haben vollkommen recht, die drei Punkte waren absolut verdient. Sie sind ein feiner Kerl“, sagt Herr Albers und bringt mich schon wieder zum Erröten.
„Eine wunderschöne Romanze. Sie sind ein guter Amor“, schwärmt Frau Peters und sorgt dafür, dass meine Röte sich noch vertieft.
„Danke“, nuschele ich verlegen.
Zu meiner Freude konzentrieren wir uns danach rasch wieder auf das Spiel. Da die Runde recht lang dauert und wir zwischendurch viel geredet haben, belassen wir es bei dem einen Spiel.
„Bis Samstag“, verabschiede ich mich schließlich.
„Ja, bis Samstag.“

tbc
Eine Kollegin in Nöten
Anmerkungen zum Kapitel:Hier ist das neue Kapitel - mein Dank gilt wie immer Chi und Witch!

Viel Spaß beim Lesen.
lg, Snoopy
„Wo bist du mit deinen Gedanken, Leon?“, fragt meine Kollegin Nadine mich in der Mittagspause.
Ertappt sehe ich sie an. „So deutlich?“
„Es geht. Ich kenn dich ja jetzt schon was länger“, erwidert sie.
„Hab morgen ein erstes Date“, erzähle ich.
„Oh, scheint ein besonderer Kerl zu sein, wenn du jetzt schon so aufgeregt bist.“
„Naja, es war ein bisschen Liebe auf den ersten Blick.“
„Das heißt heute hast du aber Zeit, oder?“
„Ja, heute hab ich noch nichts vor. Wieso?“ Etwas misstrauisch sehe ich sie an.
„Ich könnte einen starken Kerl gebrauchen. Meine Nachbarin unten im Erdgeschoss war so freundlich, den neuen Kühlschrank anzunehmen, aber er steht jetzt wohl bei ihr.“
„Oh, wie unpraktisch! Die Gute wird auch immer tüddeliger, oder?“
„Das kannst du laut sagen. Aber es gab keine andere Möglichkeit, der alte ist vorgestern kaputt gegangen und so kurzfristig konnte ich meine Termine nicht umlegen. War ja schon froh, dass überhaupt so schnell ein Kühlschrank lieferbar war!“ Bittend sieht sie mich an.
„Schaffen wir das denn zu zweit?“, hake ich skeptisch nach.
„Ja, es ist nur ein Kühlschrank, also keine Gefrierkombi“, versichert sie mir.
„Okay, das sollte machbar sein. Ist David mal wieder unterwegs?“
„Vielen Dank! Ja, der ist gerade in Hongkong und erst in zwei Wochen wieder da.“ David, Nadines Ehemann, ist beruflich viel weg.Aber sie schafft es, Kinder und Job unter einen Hut zu kriegen.
„Dann bis nachher“, verabschiedet sie sich.

Mein letzter Termin fällt aus, sodass ich kurz auf Nadine warten muss. Sofort landen meine Gedanken wieder bei Benni und unserem Date morgen. Hoffentlich finden wir Gesprächsthemen und sitzen nicht nur da und schweigen uns an! Ich weiß auch noch gar nicht, was ich anziehen soll. In der Hinsicht war es gestern echt von Vorteil, dass ich wusste, dass er nicht arbeitet.

„Komm, hör auf zu träumen und hilf mir lieber“, reißt Nadine mich aus meinen Gedanken.
Ich hab gar nicht mitbekommen, dass sie schon da ist.
„Bin schon da!“
Gemeinsam gehen wir zu ihrem Auto und verfrachten mein Fahrrad in den Kofferraum. Zum Glück hat sie eins, was groß genug ist, sodass das problemlos klappt.
Durch den Feierabendverkehr brauchen wir für eine Strecke von normalerweise rund zwanzig Minuten fast das doppelte. Mit einer der Gründe, warum ich gar kein Auto haben will.
„Sonst ist es nicht so extrem. Keine Ahnung, was heute los ist“, sagt Nadine in dem Moment, als hätte sie meine Gedanken gelesen.
„Jetzt sind wir ja da“, erwidere ich nur, da wir gerade auf den Parkplatz eingebogen sind.
„Ja, endlich.“
Wir steigen aus dem Auto aus. Ich hole mein Fahrrad aus dem Kofferraum und schließe es ab, damit Nadine gleich nicht nochmal mit mir runter kommen muss.

Nadine schließt die Tür auf und klingelt mit der anderen Hand schon mal bei ihrer Nachbarin.
Trotzdem müssen wir noch kurz warten, bis die ältere Dame an der Tür ist.
„Ich kaufe nichts an der Tür“, verkündet sie misstrauisch. Die Tür hat sie nur einen kleinen Spalt geöffnet und die Sicherheitskette reingemacht.
„Ich bin es, Frau Rheidt, ich wollte den Kühlschrank abholen“, ruft Nadine hastig und bewegt sich in das Sichtfeld der Tür, die gerade schon wieder zugeht.
Die Tür hält inne und öffnet sich dann langsam erneut.
„Ach, tatsächlich. Entschuldigung, ich hab Sie gar nicht erkannt, Frau Neumann.“
Anstatt die Tür kurz zu schließen, um die Sicherheitskette rauszumachen, beugt Frau Rheidt sich etwas vor, sodass ihre Nase aus der Tür hervorlugt. In einem gut hörbarer Flüstern sagt sie zu Nadine: „Das ist aber nicht Ihr Ehemann!“ Der Tonfall verrät eine Mischung aus Empörung und Sensationslust.
„Das stimmt, das ist ein Arbeitskollege, der mir freundlicherweise mit dem Kühlschrank hilft, da David mal wieder unterwegs ist“, erklärt Nadine geduldig.
„Verstehe, so nennt man das also“, fährt Frau Rheidt in derselben Lautstärke mit verschwörerischer Stimme fort. „Keine Sorge, ich werde Ihrem Mann nichts davon erzählen. Man muss ja auch an die Kinder denken.“
Während ich mich frage, ob es wirklich gut für Kinder sein kann, wenn ihre Eltern einander betrügen, aber wegen des Nachwuchses zusammen bleiben, verliert Nadine ihre Geduld.
„Sie können es meinem Mann gerne sagen, denn der kennt Leon und weiß, dass dieser schwul ist. Können wir jetzt bitte reinkommen und den Kühlschrank holen? Ich würde den nämlich gern in Gebrauch nehmen und dann die Kinder abholen fahren!“ Obwohl sie sich bemüht, kann sie den gereizten Unterton nicht gänzlich verbergen.
Skeptisch mustert Frau Rheidt Nadine, bevor sie tatsächlich die Tür schließt, um sie ganz aufzumachen.
Auch ich werde beim Betreten der Wohnung ganz genau in Augenschein genommen.
Da ich mir ziemlich sicher bin, nicht Frau Rheidts Stereotyp zu entsprechen, weil ich viel zu „normal“ gekleidet bin und kein Make-Up trage, beschließe ich, wenigstens einem Klischee zu genügen. „Hallo Frau Rheidt“, begrüße ich sie also mit meinem besten Näseln.
Nadine wirft mir einen unglaublich irritierten Blick zu, weil sie mich noch nie so reden gehört hat. Unauffällig winke ich ab, woraufhin sie kurz nickt.
„Wo ist der Kühlschrank denn jetzt?“, sagt Nadine, nachdem sie sich suchend im Flur umgeguckt hat.
„Na in der Küche natürlich“, antwortet Frau Rheidt, „wo denn sonst?“
Automatisch werfem Nadine und ich uns einen vielsagenden Blick zu, schweigen jedoch und folgen ihr in die Küche.
Dort steht der Kühlschrank direkt neben dem Einbaukühlschrank. Er ist bereits komplett ausgepackt.
„Soll ich rückwärts gehen?“, frage ich.
„Das wäre super“, stimmt Nadine mir zu. Gemeinsam platzieren wir uns an den Seiten des Kühlschranks, um ihn ein Stück nach vorne zu setzen. Erst dann kann Nadine sich dahinter stellen.
„Okay, auf drei. Eins, zwei, drei!“ Erneut heben wir den Kühlschrank an und ich gehe ganz langsam rückwärts.
Ich bin heilfroh, als wir es ohne Zusammenstöße durch den Wohnungsflur in den Hausflur geschafft haben und den Kühlschrank nochmal abstellen.
„Vielen Dank noch mal, Frau Rheidt“, verabschiedet Nadine sich höflich.
„Natürlich, kein Problem. Ich helfe doch gerne“, versichert die ältere Dame ihr.

Kaum ist die Tür zu, stöhnt Nadine. „Okay, was auch immer passiert, das ist keine wirkliche Lösung mehr! Mal schauen, wie wir das in Zukunft regeln können.“
„Hast du zufällig Kontakt zu den Angehörigen?“
„Die Tochter kommt jeden zweiten Sonntag um halb drei zum Kaffee, warum?“
„Naja, ich bin nicht sicher, wie lange sie noch alleine wohnen kann. Und bei gelegentlichen Besuchen kriegt man das teilweise ja gar nicht so mit, gerade wenn die auf einen guten Tag fallen.“
Nachdenklich nickt Nadine. „Das stimmt. Ich glaub, ich fang sie demnächst mal ab und geb ihr Bescheid.“
Zufrieden nicke ich ebenfalls. Natürlich kann ich Nadines Ärger nachvollziehen, aber gleichzeitig besorgt mich der Zustand der alten Dame ein wenig.
„Nachdem das geklärt ist, sollten wir uns jetzt darum kümmern, den Kühlschrank hochzubekommen“, sagt Nadine.
Ich nicke. „Bitte sag mir, dass euer Aufzug im Moment funktioniert“, flehe ich sie dann an, als mir einfällt, wie oft der laut ihren Erzählungen kaputt ist.
„Keine Sorge, im Moment geht er.“
Auf drei heben wir den Kühlschrank wieder hoch und tragen ihn vor den Aufzug. Dort müssen wir ihn leider kurz absetzen, um auf den Schalter zu drücken. Immerhin ist der Aufzug schon im Erdgeschoss, sodass wir nur kurz abwarten müssen, bis die Türen offen sind.
„Nur schieben?“, fragen wir einander synchron und müssen lachen. Anschließend schieben wir den Kühlschrank in den Aufzug.
„Bin ich froh, wenn wir das Ding gleich in der Wohnung haben.“ Nadine seufzt. „Auch wenn ich eigentlich gedacht hatte, dass das schon längst erledigt wäre, schließlich hat Frau Rheidt einen Wohnungsschlüssel.“
„Na immerhin hat sie dich über die Planänderung informiert“, versuche ich sie aufzuheitern.
„Hat sie nicht. Es kam eine Auftragsbestätigung per Mail rein, in der stand, dass sie den Kühlschrank im Erdgeschoss abgegeben haben.“

Mit einem typischen Pling verkündet der Aufzug, das wir da sind.
„Soll ich direkt die Wohnungstür aufschließen?“, schlägt Nadine vor.
„Nee, lass ruhig, ich glaub nicht, dass wir das in einem schaffen. Hat unten ja auch nicht geklappt.“
„Stimmt. Okay, dann auf zur vorletzten Etappe!“
Gemeinsam tragen wir den Kühlschrank bis vor die Wohnungstür. Irgendwie hab ich den Eindruck, dass das blöde Teil immer schwerer wird.
Nadine schließt die Tür auf.
„Auf zur letzten Etappe.“ Meiner Stimme ist anzuhören, dass meine Motivation trotz absehbarem Ende sehr gelitten hat.
Wir sind gerade dabei, uns startklar zu machen, als Nadine sich plötzlich wieder aufrichtet.
„Warte!“
Ich verdrehe die Augen. Das zu ergänzen, war unnötig – oder glaubt sie etwa, ich würde das Teil alleine hochheben?
„Was ist denn?“
„Mir ist gerade eingefallen, dass die Monteure den alten Kühlschrank gar nicht wie vereinbart mitgenommen haben werden! Wir müssen den erst runterheben und beiseite stellen, bevor wir den neuen Kühlschrank an seinen Platz stellen können.“
„Gut, dass dir das gerade noch rechtzeitig eingefallen ist!“ Natürlich bin ich über die Planänderung nicht begeistert, aber besser so als dass wir es erst in der Küche gemerkt hätten.
Suchend sieht Nadine sich um.
Bevor ich fragen kann, sagt sie: „Wir müssen den alten ins Wohnzimmer stellen. Das sieht zwar blöd aus, aber überall anders ist er einfach zu sehr im Weg.“
Nach einem kurzen Rundumblick in Flur und Küche muss ich ihr zustimmen.
Es ist gar nicht so leicht, einen Kühlschrank von einem Sideboard runterzuwuchten. Beinahe wäre es schief gegangen, weil wir beide das Gewicht unterschätzt haben. Wir schaffen es gerade noch so, ihn einigermaßen kontrolliert abzusetzen.
„Das reicht mir jetzt aber an Aufregung für das ganze Jahr!“, stöhnt Nadine. „Tut mir echt leid. Du hast wirklich was gut bei mir.“
„Schon okay“, winke ich ab. „Du konntest ja nicht ahnen, dass es so ausgeht.“
„Allerdings nicht. Hätte ich geahnt, dass es so endet, hätte ich irgendeine andere Alternative gefunden.“ Sie strafft sich. „Naja, jammern hilft auch nicht. Lass uns die Sache zu ende bringen.“

Gemeinsam schleppen wir den alten Kühlschrank ins Wohnzimmer und schaffen es mit Mühe und Not, den neuen Kühlschrank an seinen Platz zu stellen.
Nadine sieht auf die Uhr. „So, fünfzehn Minuten hab ich noch, bevor ich los muss. Einkaufen schaff ich jetzt eh nicht mehr, das muss ich gleich mit den Kindern machen.“ Sie holt zwei Gläser aus dem Kühlschrank. „Komm, lass uns kurz auf die Couch setzen und was trinken. Du kippst mir sonst ja um, wenn du nach Hause radelst.“
„Klingt nach einer großartigen Idee!“
„Leider kann ich nur Leitungswasser anbieten, alles andere wird noch wärmer sein“, entschuldigt sie sich.
„Hauptsache trinken!“ Wir sind beide ziemlich verschwitzt. Daher zögere ich auch, mich neben sie auf das Sofa fallen zu lassen, nachdem sie mit ihrem Glas ins Wohnzimmer umgezogen ist.
„Keine falsche Scheu, der Bezug ist waschbar und hat es eh mal wieder nötig.“
„Na dann.“ Geschafft plumpse ich neben sie. Im Nu haben wir beide unsere Gläser leer getrunken.
„Willst du noch was?“
Verdutzt sehe ich Nadine an. „Ja, unbedingt!“, stimme ich dann zu, als ich bemerke, dass ich dafür nicht aufstehen muss. „Ich hab gar nicht mitbekommen, dass du die Karaffe mitgenommen hast.“
Sie schmunzelt nur.

Die Viertelstunde vergeht wie im Flug.
„Ich muss jetzt leider los.“
„Kein Problem, ich sollte mich auch auf den Weg unter meine Dusche machen. Sonst klebe ich wahrscheinlich hier am Sofa bis in alle Ewigkeit fest.“
„Scherzkeks.“ Nadine schüttelt den Kopf. Ganz vielen lieben Dank nochmal für deine Hilfe!“
„Gern geschehen.“
Wir gehen noch gemeinsam die Treppe runter.
„Bis morgen.“
„Ja, bis morgen, komm gut nach Hause.“
Ich nicke und winke ihr hinterher. Als ich mein Fahrrad aufschließe, fällt mir auf, dass es eigentlich gereicht hätte, wenn ich es jetzt rausgehoben hätte. Aber ich bin froh, dass ich es vorhin schon gemacht habe. Keine Ahnung, ob meine Kraft jetzt noch gereicht hätte!
Nach der Dusche werde ich auf jeden Fall zwei Punkte für die Aktion beantragen – wehe, da widerspricht mir jemand!

tbc
Das erste Date
Anmerkungen zum Kapitel:Huhu,

hier etwas später als geplant das nächste Kapitel - dafür ein extralanges erstes Date. Vielen Dank an Witch & Chi!

viel Spaß beim Lesen,
Snoopy
Unsicher stehe ich vor meinem Kleiderschrank. Da ich nach der Arbeit keine Zeit habe, noch einmal nach Hause zu fahren, muss ich mich jetzt schon für ein Outfit für unser Date entscheiden. Ich hätte es mir nicht vorstellen können, aber es ist tatsächlich noch schwerer als den Samstag, wo ich wusste, dass ich Benni im Altenheim treffe. Schließlich ist es diesmal ganz offiziell ein Date!
Unzufrieden mustere ich meine engere Auswahl, die ich gestern Abend trotz Kühlschrankschleppen noch vorsortiert habe. Gestern fand ich die Sachen noch gut. Jetzt gerade finde ich allerdings bei jedem Teil etwas, das mir nicht gefällt oder warum es nicht geeignet ist.
Das weiße Hemd ist beispielsweise zu durchscheinend, das blaue zu förmlich und das graue Shirt zu leger. Die eine schwarze Hose ist zu sexy, die andere viel zu weit.
Am Ende ziehe ich dieselbe dunkle Bluejeans an, die ich auch am Samstag anhatte. Sie ist einfach eine gute Mischung aus bequem und sexy, auch wenn ich lieber eine andere Hose angezogen hätte. So sieht es bestimmt so aus, als ob ich nur diese eine hätte!
Dazu entscheide ich mich für ein dunkelrotes, ebenfalls enganliegendes T-Shirt mit einem etwas tieferen V-Ausschnitt, als ich ihn gewöhnlich trage.
Während ich überlege, ob ich meine Haare stylen will, fällt mein Blick auf die Uhr – und ich erschrecke. „Scheiße!“
Hastig packe ich meine Sachen zusammen und rase die Treppe runter. Ich bin viel zu spät dran!
Natürlich schaffe ich es im ersten Moment nicht, mein Fahrrad aufzuschließen, weil ich zu hektisch bin. Mit Mühe und Not schaffe ich es, mich für den zweiten Versuch ein wenig zu bremsen – mit Erfolg.
Während ich schon auf dem Fahrrad sitze und hastig in die Pedale strample, merke ich, dass irgendetwas anders ist als sonst. Ich brauche gut die Hälfte des Weges um zu realisieren, dass ich meinen Fahrradhelm vergessen habe. Keine Ahnung, wann mir das zuletzt passiert ist! Egal, jetzt ist es eh zu spät. Auch wenn es mich ein wenig ärgert. Ich hab ja nicht mal eine Frisur, die ich damit ruinieren könnte.

Viel verschwitzter, als mir lieb ist, aber gerade noch rechtzeitig komme ich bei der Arbeit an. Ja, möglicherweise habe ich mich dafür nicht an alle Verkehrsregeln gehalten, doch das Ergebnis ist das, was zählt.
In Rekordgeschwindigkeit wechsle ich in meine Arbeitssachen und hänge das Shirt auf, damit es durchlüften kann. Sonst müsste ich ein Arbeitsshirt anlassen, weil ich keine Ersatzwechselsachen hier habe, wenn ich es grad richtig gesehen habe. All das kann ich später in der Mittagspause klären, jetzt zählt erst mal mein erster Patient.

Durch die wie üblich enge Taktung komme ich tatsächlich erst in der Mittagspause wieder dazu, an mein Date zu denken. Dazwischen war ich entweder mit Patienten beschäftigt oder habe geschaut, dass ich wenigstens einmal kurz durchatme und einen Schluck Wasser trinke.
Immerhin hatte ich dadurch auch keine Zeit, nervös zu sein. Jetzt kehrt meine Aufregung allerdings schlagartig zurück.
„Hui, dich hat es echt erwischt“, sagt Nadine.
Ich nicke und erröte leicht. In dem Moment fällt mein Blick auf mein Shirt. Hoffentlich ist es nicht zu verschwitzt! Hastig springe ich auf und rieche dran. Eigentlich könnte ich auch langsam machen, das Ergebnis ändert sich ja nicht. Die Spannung fühlt sich aber unerträglich an.
Das Shirt riecht okay, sogar noch etwas nach frisch gewaschen.
„Lieblingsshirt in der Wäsche gehabt?“
„Nein, zu spät dran, weil ich mich nicht entscheiden konnte“, gebe ich beschämt zu, woraufhin Nadine lacht.
„Du hast ein Date?“ Ilka, meine andere Kollegin, ist gerade in unseren Aufenthalts- und Umkleideraum gekommen und hat offensichtlich zumindest meinen letzten Satz mitbekommen.
„Ja.“
„Und wie du merkst, hat es ihn richtig erwischt“, sagt Nadine und grinst.
„Das nächste Mal such dir nen anderen Deppen für deinen Kühlschrank“, maule ich sie an. Normalerweise bin ich nicht so empfindlich, aber mit meiner Aufregung vertrag ich heute keine Neckereien.
„Es tut mir Leid, ich bin schon still.“ Um ihre Aussage zu unterstreichen, versiegelt Nadine ihre Lippen mit ihrer Hand.
„Wo habt ihr euch denn kennengelernt?“, fragt Ilka.
„Im Altersheim“, antworte ich. „Benni arbeitet dort als Pfleger!“, ergänze ich hastig, als ich den belustigten Blick sehe, den meine Kolleginnen tauschen.
„Deswegen warst du heute morgen so spät dran. Warst du vor der Arbeit noch dort?“ So ein Mist! Ich hatte gehofft, mein Chef hätte es nicht mitbekommen. Damit ist das Team dann vollständig versammelt.
„Nein, wir treffen uns nach der Arbeit.“
Alex zieht nur die Augenbraue hoch und wartet auf eine Erklärung, warum ich dann heute morgen so spät dran war. Kann er es nicht auf sich beruhen lassen? Normalerweise bin ich immer pünktlich und zuverlässig. Meinen Kolleginnen Rede und Antwort zu stehen ist eine Sache, ihm das Ganze zu erzählen eine ganz andere.
„Es ist das erste Date und ich wusste nicht, was ich anziehen soll“, nuschle ich schließlich und starre konzentriert auf einen Punkt auf dem Tisch, ohne diesen wahrzunehmen.
Als Alex daraufhin nichts sagt, sehe ich dann doch auf – und erkenne, dass er sich auf die Lippe beißt, um nicht loszulachen.
„Ist okay, ich weiß selbst, dass ich heute morgen sämtlichen Klischees Ehre gemacht habe“, sage ich, weil ich nicht verantworten will, dass er platzt.
Noch bevor ich fertig bin, lacht er schon los – und Nadine und Ilka mit ihm. Ehe ich mich versehe, muss ich auch lachen.
„Ich hab echt keine Ahnung, was der Kerl mit mir macht. So bin ich sonst nie! Klar, ein bisschen Nervosität und Aufregung sind normal, aber im Moment fühl ich mich wie ein Teenie“, klage ich, als wir uns alle wieder beruhigt haben.
„Klingt, als wäre er was Besonderes“, findet Ilka.
„Als ich meine Frau kennengelernt habe, ging es mir ähnlich“, tröstet Alex mich. „In Zukunft bist du trotzdem wieder pünktlicher, Benni hin, Benni her.“
„Natürlich, Chef! Das passiert mir nie wieder, selbst wenn mein Traumprinz auftaucht“, versichere ich ihm mit knallroten Wangen. Es ist mir wirklich peinlich.
Danach sind wir stiller und essen etwas, die nächsten Patienten sind bald schon da.

Kaum ist meine letzte Patientin für heute aus der Tür, räume ich so schnell wie möglich auf und gehe mich dann umziehen.
„Das sieht echt gut aus, Leon. Wenn der Kerl dich so nicht will, ist er blind“, bewundert Ilka mich.
„Danke.“
„Viel Erfolg!“
„Ja, toi toi toi“, ergänzt Alex.
„Dankeschön.“ Nur Nadine ist nirgendwo zu sehen, ich glaube, sie hat schon länger frei. Dieses Mal habe ich zum Glück genug Zeit. Ich würde nur ungern so verschwitzt beim Restaurant ankommen wie heute morgen auf der Arbeit, vor allem, weil ich mich da nicht mal eben umziehen kann.

Benni ist noch nicht zu sehen, als ich mein Fahrrad abgestellt habe. Das wundert mich wenig, ich bin fast zehn Minuten zu früh.
Es dauert jedoch nicht lange, bis er auftaucht. „Hey, wartest du schon lange?“
„Nein, nur ein paar Minuten“, winke ich ab. Tatsächlich ist es noch keine sechs Uhr, als wir die Pizzeria betreten.
„Guten Abend, kann ich Ihnen weiterhelfen?“, begrüßt eine Kellnerin uns freundlich.
„Ja, ich hatte einen Tisch für zwei bestellt auf den Namen Haenig“, erwidere ich. Wie erwartet ist unter der Woche nicht so viel los, aber ich wollte auf keinen Fall riskieren, dass alle Tische belegt sind.
„Einen Augenblick, ich schaue gerade nach.“
Wir nicken nur. Benni schaut sich um, während ich ihn ansehe. „Warst du schon mal hier?“, frage ich ihn. Da er Samstag ja weggerufen wurde, bevor wir ein Restaurant aussuchen konnten, hatte ich ihm in einer Nachricht das Rimini vorgeschlagen. Es ist von der Arbeit aus gut erreichbar und das Essen ist sehr lecker. Er war einverstanden.
„Ich glaub nicht.“

„Wenn Sie mir bitte folgen würden“, lenkt die Kellnerin unsere Aufmerksamkeit auf sich.
Wenig später sitzen wir an einem klassisch eingedeckten Tisch für zwei in einer kleinen Nische, sodass wir auch etwas Privatsphäre haben.
„Haben Sie schon einen Getränkewunsch oder wollen Sie erst schauen?“, fragt die Kellnerin, nachdem sie uns die Speisekarten gereicht hat.
„Eine Apfelschorle bitte“, bestelle ich, während Benni nahezu zeitgleich „Cola bitte“ sagt.
Wir grinsen uns an. „Kein Wein?“
„Nee, bin kein Weintrinker“, antwortet er. „Und du?“
„Och, ich mag Wein schon ganz gerne, aber irgendwie nicht zum Essen. Wenn, dann danach.“

„Es ist auf jeden Fall nett eingerichtet“, stellt Benni fest. „Bist du oft hier?“
„Geht so. Das Essen und das Ambiente find ich super, aber von Zuhause ist es etwas weit weg.“
„Verstehe.“
Wir vertiefen uns erst mal in die Speisekarte. Wie jedes Mal bin ich hin- und hergerissen. Einerseits will ich eine Pizza, andererseits weiß ich aus Erfahrung, dass die Pasta hier hervorragend schmeckt. Wobei auf Nudeln hab ich gerade wirklich keinen Appetit, eher auf Gnocchi.
„Ich kann mich nicht entscheiden. Kannst du mir vielleicht helfen?“, fragt Benni in dem Moment.
„Klar, wo zwischen schwankst du denn?“
„Die Pizza Diavolo klingt gut, die Quattro Stagioni aber auch. Und die überbackenen Gnocchi mit Pilzen und Aubergine ebenfalls.“ Er seufzt.
„Perfekt!“ Verwirrt schaut Benni mich an. „Wir nehmen einmal die Pizza Diavolo und einmal die Gnocchi und teilen dann“, erkläre ich meinen Gedankengang. „Genau zwischen den beiden konnte ich mich gerade nämlich auch nicht entscheiden. Die Quattro Stagioni ist nicht meins, ich mag keine Artischocken. Einverstanden?“
„Ja, das klingt nach einer guten Lösung.“
In dem Moment kommt die Kellnerin mit den Getränken und einem Körbchen Pizzabrot sowie Aioli an unseren Tisch.
„Haben Sie schon gewählt?“
„Genau. Einmal die Pizza Diavolo und einmal die Gnocchi alla Chef“, bestelle ich für uns beide.
„Sehr gerne.“

Benni angelt sich eins der Brötchen aus dem Korb und sieht dann fragend von der Aioli zu mir.
„Die ist zu gut, um darauf zu verzichten – und wir essen ja beide davon“, befinde ich.
„Sehr gut!“ Zufrieden streicht er Aioli auf das Brötchen und ich nehme mir auch eins.
„Hmm, die sind wirklich lecker.“
„Freut mich.“
„Was machst du eigentlich beruflich?“
„Ich bin Physiotherapeut. Was machst du, wenn du nicht arbeitest?“
„Schlafen“, antwortet Benni wie aus der Pistole geschossen, was uns beide zum Lachen bringt.
„Radfahren, schwimmen, mit Freunden treffen oder Serien gucken vor allem. Und du?“
„Fahrrad fahr ich auch viel und mit Freunden treff ich mich auch gerne. Statt schwimmen geh ich aber lieber wandern und Serien sind auch nicht so meins, ich lese lieber oder gucke einen Film, der dann auch nach zwei Stunden zu Ende ist.“
„Naja, je nach Ort und Wetter kann man Wandern und Schwimmen ja auch gut kombinieren.“
„Stimmt, im Sommer ist es perfekt, nach der Wanderung in einen kühlen Bergsee zu springen“, stimme ich ihm zu. „Wenn du demnächst am Wochenende frei hast, können wir ja vielleicht mal ne Radtour zusammen machen.“
„Klar, gerne.“
Eine kleine Pause entsteht, aber sie ist nicht unangenehm. Passenderweise kommt in dem Moment unser Essen.
„Die Pizza Diavolo?“ Fragend sieht die Kellnerin uns an, unschlüssig, vor wem sie die Pizza abstellen soll.
„Ja, hier bitte“, sagt Benni.
„Und für Sie dann die Gnocchi alla Chef.“ Ich nicke und lehne mich zurück, damit sie die heiße Form gut abstellen kann.
„Passt das für dich, wenn ich mit der Pizza anfange?“, fragt Benni mich.
„Japs, solange du dran denkst, mir die Hälfte übrig zu lassen. Lass sie dir schmecken!“
„Danke, dir auch einen guten Appetit.“
Ich teile den Inhalt der Auflaufform in zwei Hälften und nehme dann den ersten Bissen auf meine Gabel. Vorsichtig puste ich. Da das Essen direkt aus dem Ofen kommt, ist es echt unglaublich heiß.
„Die Pizza ist fantastisch! Ich sollte öfter hier essen gehen, von mir aus ist es gar nicht so weit“, stellt Benni begeistert fest.
„Mhh.“ Endlich ist der erste Bissen auf essbare Temperaturen abgekühlt.
„Klingt so, als seien die Gnocchi auch lecker.“
„Köstlich“, bestätige ich Bennis Vermutung.

Für ein paar Minuten konzentrieren wir uns ausschließlich auf das Essen.
„Wieso hast du eigentlich ausgerechnet Italienisch vorgeschlagen? Nicht, dass ich mich beschweren will“, hakt Benni neugierig nach.
„Öh, gute Frage. Kam mir einfach als erstes in den Sinn. Vielleicht, weil ich dich das erste Mal in der Eisdiele gesehen habe“, antworte ich.
„In der Eisdiele? Du bist aber nicht meinetwegen auf die Idee gekommen, ehrenamtlich im Altenheim zu arbeiten, oder?“ Benni hat den Kopf gehoben und sieht mich misstrauisch an.
„Nein, nein“, winke ich hastig ab. „Ich hatte keine Ahnung, dass du dort arbeitest. Außerdem hatte ich das Telefonat mit Frau Drosner ja in der Woche bevor ich angefangen habe, aber in der Eisdiele war ich erst am Pfingstmontag.“ Ich will auf keinen Fall, dass er mich für einen Stalker oder ähnliches hält.
„Ach, als ich mit Ferdi Eisessen war.“ Benni schmunzelt. „Warst du auch mit einem Freund da?“
„Nee, mit den Kindern meiner Nachbarin. Wir haben uns nach dem Spielplatz ein Eis auf die Hand geholt und während die Kids überlegt haben, was sie wollen, hab ich meine Blicke ein wenig schleifen lassen.“ Ich muss grinsen. „Tatsächlich war ich letztlich aus dem gleichen Grund in der Eisdiele, weshalb ich auch im Altenheim gelandet bin.“ Erik hatte gar nicht so unrecht mit seiner Bemerkung.
„Echt? Und welcher Grund wäre das?“
„Eine gute Freundin, Mina, hat uns eine Challenge vorgeschlagen. Jeder muss dreißig Tage lang, also den kompletten Juni, jeden Tag eine gute Tat finden. Je nach Aufwand gibt es einen bis maximal drei Punkte. Deshalb hab ich am ersten Anna angeboten, die Zwerge zu hüten, damit sie mal ein bisschen Zeit alleine mit ihrem Mann hat. Und weil jeden Tag etwas zu finden echt anstrengend ist, wollte ich was Festes haben und hab nen alten Vorsatz endlich umgesetzt.“ In dem Moment realisiere ich, dass ich so mit dem Date beschäftigt war, dass ich für heute noch keinen Plan habe. Egal, Benni ist wichtiger!
„Das kann ich mir vorstellen. Was kriegt denn der Gewinner?“
„Die ersten drei bekommen etwas Gutes von den anderen Vieren, da die ja noch ein Defizit im Gutes tun haben.“
„Coole Sache. Was machen die anderen so?“
„Uff, wir hatten schon ziemlich viel. Ins Tierheim gehen, im Kindergarten vorlesen, Einkäufe für die Nachbarin mit dem verstauchten Knöchel, aber auch viele einmalige Sachen wie beim Umzug helfen, Stände für einen ehrenamtlichen Basar aufbauen, Besuch bei einem alleinstehenden älteren Nachbarn...“, zähle ich das auf, was mir spontan einfällt.
„Ihr seid ja echt fleißig.“ Benni ist sichtlich beeindruckt. „Wenn mehr Leute das nur einmal pro Woche machen würden, könnte man unglaublich viel erreichen.“
„Das stimmt. Ich bin aber mal gespannt, wie viel nach diesem Monat übrig bleiben wird.“
„Es ist vermutlich ziemlich zeitraubend. Ich wüsste gerade nicht, wie ich das in meinem Alltag unterbringen könnte.“
„Nicht nur das, es fällt mir allein oft schwer, irgendeine Idee zu finden. Bislang hatte ich allerdings immer Glück und es hat sich etwas ergeben“, erkläre ich.
„Weißt du denn schon, was du heute machst?“
„Nein, keine Ahnung. Brauchst du bei irgendetwas Hilfe?“
Benni denkt kurz nach und schüttelt dann seinen Kopf. „Ich wüsste spontan nichts, sorry.“
„Falls dir doch noch was einfällt, helfe ich gerne – zumindest wenn es im Rahmen meiner Möglichkeiten liegt.“

Über die rege Diskussion haben wir beinahe unser Essen vergessen. Daher essen wir für einige Zeit schweigend. Es fühlt sich im Vergleich zu davor noch etwas gelöster und angenehmer an. Ich glaube, mit der Challenge konnte ich wirklich punkten.
„Wie klappt das denn insgesamt so, den Alltag und deinen Job unter einen Hut zu bringen? Mit Schichtsystem stelle ich mir das gar nicht so leicht vor“, frage ich ihn.
„Das stimmt, es erfordert gute Planung und Koordination. Spontane Sachen sind oft schwieriger.“
„Glaub ich. Bist du denn zufrieden?“
„Abgesehen von der Bezahlung und dem zunehmenden Zeitdruck, ja. Aber ich glaube, gerade letzteres ist in den meisten Jobs etwas, was immer mehr wird.“
„Ja, bei mir ist es teilweise auch so. Und die Arbeitszeiten haben sich auch verändert, wir bieten jetzt viel mehr späte Termine.“

Genüsslich stecke ich mir den letzten Bissen von meiner Hälfte der Gnocchi in den Mund.
„Wollen wir dann tauschen?“, fragt Benni in dem Moment.
Ich nicke. „Perfektes Timing“ ergänze ich, als mein Mund wieder leer ist.
„Oh, die Gnocchi sind auch wirklich gut. Ich bin froh, dass ich beides essen kann“, stellt Benni zufrieden fest.
„Die Pizza ist auch lecker. Ich wünschte nur, Pizza würde länger warm bleiben.“
„Das stimmt, die kühlt immer viel zu schnell ab, obwohl sie am Anfang so heiß ist.“
Mit einem Nicken stimme ich ihm zu und gucke, dass ich die Pizza zügig esse. So ist sie gerade noch gut temperiert.
Mit einem Schmunzeln beobachtet Benni mich. „Sag mir am Ende, ob du gewonnen hast oder die Pizza doch zu kalt geworden ist.“
Da muss ich auch grinsen. „Klar“, verspreche ich ihm zwischen zwei Bissen.
Vielleicht ist das nicht der beste Weg, bei einem Date Eindruck zu machen. Andererseits scheint es nicht so, als ob Benni es schlimm finden würde. Und ich schaffe es langfristig sowieso nicht, mich immer perfekt zu benehmen.

„Es war knapp, aber am Ende war sie dann doch etwas kühl“, verkünde ich wenig später das Resultat.
„Schade, ich hab dir ganz fest die Daumen gedrückt“, versichert Benni mir.
Es dauert nicht lange, bis auch er aufgegessen hat.
„Die Nachspeisen klangen auch alle echt lecker, aber ich glaube, ich bin zu voll“, stellt er bedauernd fest.
„Also ich bin definitiv satt bis mindestens morgen früh, gefühlt eher länger. Von daher schlage ich vor, dass wir jetzt zahlen und dann vielleicht noch etwas Spazieren gehen, damit du gleich auch schlafen kannst.“
„Guter Plan. So kann ich definitiv nicht einschlafen.“

Praktischerweise guckt die Kellnerin kurz danach zu uns, sodass ich ihr signalisieren kann, dass wir zahlen möchten.
„Hier ist die Rechnung. Zahlen Sie zusammen oder getrennt?“
„Zusammen“, antworte ich sofort und nehme die Rechnung entgegen.
„Du musst nicht …“, fängt Benni an.
„Ich möchte aber“, verkünde ich energisch und unterbreche ich dadurch.
„Okay, dann vielen Dank.“
Das Schöne ist, dass das Essen hier nicht nur unglaublich lecker, sondern auch absolut bezahlbar ist.
Nachdem wir gezahlt haben, verlassen wir das „Rimini“.
„Das nächste Mal lad ich dich aber ein“, sagt Benni, kaum dass die Tür hinter uns ins Schloss gefallen ist.
„Sehr gerne! Ich freue mich, wenn es ein nächstes Mal gibt.“
„Auf jeden Fall. Anfangs war ich ein bisschen überrumpelt, als du mich gefragt hast. Aber jetzt bin ich froh, dass ich zugesagt habe“, verrät Benni mir.
„Und ich erst.“
Ich schließe mein Fahrrad auf und bringe Benni dann mit einem Umweg über einen nahegelegenen kleinen Park nach Hause.

„Wann hast du denn das nächste Mal Zeit?“, frage ich, während ich mein Rad kurz an die Hauswand lehne.
„Weiß ich gerade nicht, mein Kalender ist Zuhause und ich hab meinen Schichtplan grad auch nicht im Kopf. Ich schreib dir, sobald ich oben nachgeguckt habe, okay?“
„Klar. Dann wünsche ich dir noch einen schönen Abend beziehungsweise eine gute Nacht.“ Eigentlich möchte ich Benni jetzt gerne küssen. Doch die Unsicherheit, die den ganzen Abend so weit weg war, ist schlagartig zurückgekehrt und bremst mich.
Zum Glück sieht Benni mir mein Dilemma wohl an und hilft mir. „Krieg ich keinen Gute-Nacht-Kuss?“, fragt er neckisch und legt seinen Kopf schief.
„Doch, klar, wenn du das möchtest.“ Meine Unsicherheit weicht und macht Übermut platz. „Schlaf gut“, sage ich daher und küsse ihn auf die Stirn.
Verdutzt sieht Benni mich an.
„War das etwa nicht das, was du meintest?“, frage ich frech. „Entschuldige, das konnte ich mir einfach nicht verkneifen“, schiebe ich dann hinterher und küsse ihn nochmal. Dieses Mal allerdings richtig, auf den Mund.
„Jetzt hab ich was, wovon ich träumen kann“, konstatiert Benni zufrieden, nachdem wir uns wieder gelöst haben. „Dir auch noch einen schönen Abend und anschließend eine gute Nacht mit süßen Träumen.“
„Danke.“ Ich schwinge mich auf mein Rad und fahre mit einem glücklichen Lächeln auf den Lippen nach Hause.

tbc
Kleine Gesten mit großer Wirkung
Anmerkungen zum Kapitel:Huhu!

So, hier das nächste Kapitel. leider wieder mit Verspätung und dann auch noch ein recht kurzes Kapitel. Aber ich fand das Ende so stimmig und wollte nicht auf Teufel komm raus noch was dranhängen. Vielen Dank an Chi und Witch für die Reviews!
Nächste Woche das Update fällt übrigens urlaubsbedingt aus.

lg, Snoopy
Als ich am Freitag morgen wach werde, ist das Glücksgefühl vom Vortag immer noch präsent.
Wir haben uns gestern noch für eine Fahrradtour am Sonntag verabredet. Da ich danach nicht wirklich einen Kopf für die Challenge hatte, hätte ich es beinahe einfach ausfallen lassen. Doch dann fiel mir mein Youtube-Channel wieder ein und ich habe ein zweites Video aufgenommen. Da ich das Intro ja schon fertig hatte und diesmal wusste, wie alles geht, war es viel schneller als beim ersten Mal. Keine Meisterleistung, aber ein sicherer Punkt. Und da es bei der Übung am sinnvollsten war, meinen Rücken aufzunehmen, sieht man nicht mal mein verliebtes Grinsen.
Das muss ich ja auch nicht mit der ganzen Welt teilen, mein näheres Umfeld reicht mir da vollkommen.

„Du siehst nach einem sehr erfolgreichen Date aus“, stellt Ilka fest, sobald sie mich sieht.
„Ja, ich bin zufrieden“, antworte ich ihr. Leugnen ist eh zwecklos.
„Das muss ich direkt Nadine schreiben“, verkündet sie und geht zu ihrem Spind, ihr Handy holen.
Kopfschüttelnd beobachte ich sie dabei. Nadine arbeitet freitags nicht, da sie nur eine Teilzeitstelle hat. Scheinbar hat sie Ilka damit beauftragt, ihr Auskunft zu geben, weil es ihr bis Montag zu lange hin war.
„Und, wie war es?“, fragt Alex, der in dem Moment in unseren Personalraum kommt.
„Schön.“
Er nickt zufrieden. Wenig später sind wir alle drei mit unseren Patienten zugange.

„Jetzt erzähl doch mal“, fordert Ilka mich in der Mittagspause auf.
„Wir waren erst essen, bei dem Italiener, wo wir unsere Weihnachtsfeier immer machen und dann sind wir noch spazierengegangen.“
„Ja, und? Habt ihr euch geküsst? Worüber habt ihr gesprochen? Wann seht ihr euch wieder?“
„Jetzt lass ihn doch, Ilka“, bremst Alex sie. „Wenn er will, wird er dir mehr erzählen und wenn nicht, ist das sein gutes Recht.“
Ich werfe ihm einen dankbaren Blick zu.
Unser Küken im Team schmollt, fügt sich jedoch. Ilka ist mit Anfang zwanzig die jüngste. Sie ist direkt nach ihrer Ausbildung zu uns gekommen.
Die restliche Mittagspause verfliegt mit der üblichen Mischung aus gefräßigem Schweigen und freundlichem, aber eher oberflächlichen Geplauder.

Die verbleibende Arbeitszeit geht ebenfalls ohne Besonderheiten vorüber, sodass ich pünktlich um sechzehn Uhr in meinen Feierabend starten kann. Leider muss ich noch einkaufen.
Wie jeden Freitag sind alle Läden brechend voll, weil gefühlt alle vor dem Wochenende noch einkaufen wollen. Eigentlich weiß ich das und versuche daher, es zu vermeiden, freitags Nachmittags einzukaufen. Leider lässt es sich manchmal nicht vermeiden. Mittwochs nach der Arbeit bin ich in der Regel erschöpft und kaufe nur noch Kleinigkeiten. Gestern war mir dann mein Date definitiv wichtiger als der Wocheneinkauf! Nur ohne funktioniert es leider auch nicht und die Sachen von sind schon fast alle aufgebraucht. Morgen ist auch keine Option, denn Samstags ist es meiner Erfahrung nach genauso voll. Zudem bleibt zwischen gemütlich ausschlafen und frühstücken, ein bisschen Haushalt und dann Altenheim gar nicht so viel freie Zeit übrig.
Der Mann, dem ich am Montag etwas mitgebracht habe, ist heute nicht vor dem Supermarkt. Irgendwie ist heute der Wurm drin! Jetzt muss ich mir auch noch eine neue gute Tat einfallen lassen.
Seufzend stürze ich mich ins Getümmel und versuche, meinen gedanklichen Einkaufszettel so schnell wie möglich abzuarbeiten, ohne jemanden dabei über den Haufen zu fahren.

Am Ende ist mein Einkaufswagen zumindest so voll, das die Kapazität meines Fahrrads mal wieder komplett ausgereizt ist. Irgendwie sind da auch einige Dinge drin gelandet, die ich gar nicht kaufen wollte. Was machen die Kekse zum Beispiel da?
Ich hoffe, dass ich wenigstens auch alles Wichtige eingepackt habe. Jetzt habe ich nämlich wirklich keine Lust mehr und will nach Hause. Bei dem Gewusel um mich herum kann ich mich eh nicht konzentrieren, daher denke ich nicht weiter darüber nach, ob noch etwas fehlt, sondern mache mich auf den Weg zur Kasse.
Nahezu zeitgleich kommt eine junge Frau an der Kasse an. Sie ist ein bisschen nach mir gekommen. Da sie nur wenige Teile hat, die sich auf ihren Armen vom Gewicht her summieren dürften, lasse ich sie vor.
„Vielen lieben Dank! Das ist wirklich sehr freundlich von Ihnen!“ Sie sieht mich sehr glücklich an.
„Kein Thema, ich kenne das. Dann bin ich auch immer froh, wenn jemand mich vorlässt. Und ich muss meine Einkäufe ja nicht die ganze Zeit tragen.“ Beim letzten Satz weise ich auf meinen Einkaufswagen.
„Ja, eigentlich sollte ich es endlich mal lernen und wenigstens einen Korb nehmen, den ich beim Warten dann auf den Boden abstellen kann. Aber es passiert mir immer wieder.“ Verlegen lacht sie und schüttelt über sich selbst den Kopf.
„Ich werde dafür gleich am Fahrrad wieder Probleme haben, alles eingepackt zu bekommen“, raune ich ihr verschwörerisch zu.
Das bringt sie erneut zum Lachen, diesmal aber offener und herzlicher. Ich muss mitlachen.
„Wir sollten eine Selbsthilfegruppe gründen, lernresistente Menschen mit Einkaufsproblemen oder so“, witzelt sie.
„Guter Plan.“
Mit dem Geplänkel geht die Wartezeit schneller vorbei als befürchtet.
„Endlich! Ich dachte schon, meine Arme fallen ab“, stöhnt die junge Frau, nachdem sie ihre Waren auf das Kassenband bugsieren konnte.
„Das glaube ich. Heute dauert es wirklich lange.“
Sie nickt.
Im Kassenbereich selbst geht es einigermaßen schnell, sodass ich wenig später auch meinen Wagen auf das Band räumen kann.
Nachdem sie bezahlt hat, verabschiedet die junge Frau sich von mir: „Tschüß und einen schönen Tag noch!“
„Danke ebenso“, erwidere ich, bevor die Kassiererin meine ganze Aufmerksamkeit einfordert.
Nach dem Bezahlen schiebe ich den Einkaufswagen zu meinem Fahrrad und gucke, dass ich das meiste in den Taschen verstaut bekomme. Der Rest wird irgendwie in den Korb gequetscht. Es passt tatsächlich haarscharf.
Rasch bringe ich den Wagen weg und mache mich auf den Heimweg.

Als ich das Fahrrad vor der Haustür abstelle und abschließe, habe ich immer noch keine Idee, was ich heute Gutes tun könnte. Naja, erst mal muss ich die ganzen Einkäufe nach oben schleppen!
Nachdem ich alles verstaut habe, sollte ich eigentlich kochen. Aber ich habe keine Lust mehr, weil ich finde, das ich heute eigentlich schon genug getan habe. Daher schiebe ich nur eine Tiefkühlpizza in den Ofen.
Während ich auf dem Sofa sitze und warte, dass sie fertig wird, schaue ich in unsere WhatsApp-Gruppe rein. Für heute hat noch niemand eine gute Tat gepostet. Vielleicht inspiriert mich ja irgendwas von gestern oder vorgestern?
Nicht wirklich hoffnungsvoll scrolle ich hoch.
„Das ist echt immer so süß, wie die Kids sich nach dem Vorlesen bedanken“, hat Kerstin am Mittwoch geschrieben. Da ist sie immer zum Vorlesen im Kindergarten.
Moment mal, bei dem Stichwort „bedanken“ klingelt etwas bei mir. Natürlich, die junge Frau an der Kasse, die ich vorgelassen habe! Sie hätte sich sonst definitiv hinter mich gestellt und noch länger warten müssen. Das ist eine gute Tat, ganz eindeutig!
Begeistert tippe ich das sofort und poste es in der Gruppe.
Keine zwei Minuten später schreibt Dennis daraufhin: „Dann ist es ja auch eine gute Tat, wenn ich heute morgen eine Mutter mit ihren Kindern über die Straße gelassen habe, oder?“
„Also nicht am Zebrastreifen, sondern an einem Fußgängerübergang, wo man nicht bremsen muss“, schiebt er noch hinterher.
„Ja, definitiv! Wie du schreibst, du hättest ja nicht halten müssen, sondern einfach fahren können“, antworte ich. Schließlich ist einem Bettler einen Euro geben oder einer alten Dame über die Straße helfen auch nicht aufwändiger und das waren damals ja Beispiele für ein-Punkt-Taten.
„Ich finde, das ist etwas, was diese Challenge auch mit sich bringt – das wir erkennen, dass es nicht unbedingt große Sachen sein müssen, sondern das auch Kleinigkeiten etwas Gutes sein können“, schreibt Julia. „Ich hab's nicht erwähnt, weil ich an dem Tag noch bei meinem Nachbarn war, aber ich wollte im Supermarkt an einer engen Stelle eine ältere Dame vorlassen, die mich auch vorlassen wollte. Sie ist dann schließlich zuerst gegangen und hat sich ganz freundlich bei mir bedankt und mir noch einen schönen Tag gewünscht, ich ihr natürlich auch. Das war total schön.“
„Echt toll. Wahrscheinlich können wir die 30 Tage auch nur durchhalten, wenn wir auch solche Kleinigkeiten als gute Taten wahrnehmen. Sonst ist das gar nicht machbar“, stimmt Kerstin zu.
„Dann bin ich beruhigt. Ich hatte echt schon befürchtet, dass ich für heute nichts finde. Und ich wollte nicht der Erste sein, der nix hat“, meldet Dennis sich wieder.
„Ging mir ähnlich, ich hatte gestern schon echt Probleme und wollte nicht noch ein Video machen“, antworte ich.
„Ja, an manchen Tagen ergibt es sich wie von selbst und manchmal ist es echt schwer“, schreibt Niklas.
Es ist echt total befreiend zu lesen, dass es den anderen genauso wie mir geht. Auf einmal habe ich schreckliche Sehnsucht nach meinen Freunden.

„Was haltet ihr davon, wenn wir uns nächstes Wochenende an einem der beiden Tage treffen?“, schlage ich vor.
„Gute Idee, wir bereiten alle etwas vor und nehmen uns den ganzen Tag füreinander Zeit“, ist Erik direkt Feuer und Flamme.
„Ja, das ist gleich auch noch eine gute Tat. Dann werten wir den einfach für alle als punktfrei oder jeder bekommt drei Punkte“, ergänzt Kerstin.
„Drei Punkte!“, schreiben Dennis, Niklas, Julia, Mina und ich nahezu synchron.
„Schön, dass es auch Leute gibt, die nicht so ehrgeizig sind, dass sie ein Tag ohne Punkte aus der Fassung bringt, oder, Kerstin?“, kommentiert Erik das und fügt noch einige amüsierte bis verzweifelte Emojis an.
„Ja, das ist sehr beruhigend“, erwidert sie.
Dennis sendet daraufhin den Emoji mit der rausgestreckten Zunge, Julia dagegen einen verlegenen. Niklas und Mina enthalten sich genau wie ich.
„Passt euch denn Samstag oder Sonntag besser?“, hake ich nach. Ich bin zuversichtlich, dass ich die älteren Herrschaften auch Sonntag statt Samstag besuchen kann.
Allerdings erledigt sich das mit dem Tausch direkt wieder, weil alle einstimmig für Sonntag sind. Vielleicht, weil es da am schwierigsten ist, gute Taten zu finden – schließlich haben die Läden zum Beispiel zu.
„Ich freu mich schon richtig drauf“, schreibt Erik.
„Ja, ich auch!“, kommt von mehreren Seiten daraufhin zurück.
„Gute Idee, Leon“, lobt Julia mich.
„Wir sollten dann nächste Woche nochmal schreiben, wer was mitbringt“, schlägt Mina vor.
„Ja, auf jeden Fall. Sonst haben wir drei Nudelsalate und vier Nachspeisen oder so“, bestätigt Niklas.
Ehrlich gesagt könnte ich damit leben, aber gegen mehr Abwechslung habe ich auch nichts einzuwenden.
Im Moment habe ich noch keine Idee, was ich mitbringen könnte oder möchte, aber ich habe ja auch noch eine Woche Zeit. Am Ende ist es auch gar nicht so wichtig – schließlich geht es ja in erster Linie um unsere gemeinsame Zeit und nicht ums Essen!

tbc
Ein perfekter Samstag ...
Anmerkungen zum Kapitel:Hey,

nach meinem Urlaub war der Wurm drin und hat sämtliche Pläne durchnagt, sodass das neue Kapitel leider erst jetzt kommt. Aber ich verspreche, dass die Geschichte auf jeden Fall beendet wird und bin vorsichtig optimistisch, dass das neue Kapitel zumindest schneller kommt.

Ich hoffe, ihr erinnert euch noch daran, was zuletzt geschah! (Kleinigkeiten sind auch gute Taten und ein Treffen für alle Freunde geplant)
Viel Spaß beim Lesen,
Snoopy
Schon beim Frühstück freue ich mich darauf, heute wieder ins Altenheim zu gehen. Ich hätte nie gedacht, dass das so schnell geht, aber die drei sind mir wirklich ans Herz gewachsen, vor allem natürlich Herr Albers.
Spontan beschließe ich, mich schon etwas früher auf den Weg zu machen. Bestimmt freut er sich, wenn ich ihm ein bisschen von meinem Date erzähle! Zur Sicherheit schreibe ich vorher Benni und frage ihn, ob ihm das recht ist – schließlich ist es sein Arbeitsplatz.
Es dauert, bis er antwortet, schließlich hat er auch heute noch Frühschicht. „Klar, mach das! Aber dann sei um 14.15h da.“
„Okay, das ist kein Problem. Allerdings glaub ich nicht, dass ich so lange brauche, um ihm von Donnerstag zu erzählen“, schreibe ich ein bisschen verwirrt zurück.
„Du sollst ja auch nicht seinetwegen, sondern meinetwegen dann da sein. Dann sind wir mit der Übergabe durch und können kurz wegen morgen reden. Persönlich find ich netter als am Telefon oder schreiben.“
„Achso“, rasch füge ich einen verlegen guckenden Emoji ein. Da hätte ich auch selbst drauf kommen können. „Klar, das find ich auch besser. Bis nachher, freu mich“, ergänze ich noch.
Jetzt freue ich mich noch ein Stückchen mehr.

In der Zwischenzeit muss ich leider ein bisschen was in meinem Haushalt machen. Da könnte ich auch gut drauf verzichten, aber es erledigt sich ja nicht von alleine. Nach der Arbeit bleibt auch nicht so viel Zeit übrig, dass ich am Wochenende immer noch was erledigen muss.

Nachdem die Wohnung gestaubsaugt und mein Bad geputzt ist, habe ich weder Zeit noch Lust, groß zu kochen. Also setze ich schnell das Nudelwasser auf und suche in meinem Schrank nach dem Pesto. Zuerst sieht es so aus, als hätte ich keins mehr und ich befürchte schon, dass ich irgendwie eine Soße improvisieren muss. Doch dann entdecke ich es in der hintersten Ecke.
Glück gehabt!
Wenig später lasse ich mir die Nudeln mit Pesto schmecken. Dazu gibt es noch zwei frische aufgeschnittene Tomaten, quasi als gesundes Alibi dazu.
Dann muss ich auch schon los. Auf dem Weg merke ich, dass ich nicht mal mehr Zeit hatte, mich umzuziehen. Die Klamotten, die ich gerade anhabe, sind zwar noch öffentlichkeitstauglich, aber eigentlich hätte ich mir gerne was anderes angezogen, da ich ja gleich Benni sehe, wenn auch nur kurz.
Egal, jetzt ist es ja eh zu spät.

Als ich ankomme, verlässt Benni gerade das Altenheim. Rasch schließe ich mein Fahrrad ab.
„Wow, das war ein Timing“, sagt Benni und lacht.
„Stimmt. Wie war dein Arbeitstag?“
„Ganz gut, eher ruhig, sodass ich zwischendurch auch ein bisschen Zeit hatte, mit dem ein oder anderen Bewohner zu quatschen.“
„Schön.“
„Ja. Wollen wir ein kleines Stück gehen? Ich hab ehrlich gesagt wenig Lust, jetzt für Gesprächsstoff zu sorgen, nachdem meine Schicht beendet ist“, sagt Benni.
„Oh, klar, natürlich!“ Hier sind wir aus den Zimmern einiger Bewohner sehr gut zu beobachten, was ich vorher gar nicht bewusst wahrgenommen habe.
Wir gehen nicht weit, vielleicht zwei oder drei Minuten die Straße runter. Es ist nichts besonderes dort, aber der Bordstein ist etwas breiter, sodass wir gut dort stehen bleiben können.
„So, jetzt kann ich dich auch richtig begrüßen“, stellt Benni zufrieden fest und küsst mich. Glücklich erwidere ich den Kuss und umarme ihn.
„Ist es wirklich okay, wenn ich Herrn Albers von unserem Date erzähle?“, vergewissere ich mich nochmal, nachdem wir uns voneinander gelöst haben.
„Ja, er weiß vermutlich eh schon einiges. Der alte Knabe ist ein echt guter Beobachter“, antwortet Benni. „Es muss nur nicht jeder wissen.“
„Das verstehe ich. Ich hatte auch nicht vor, es an die große Glocke zu hängen.“
Für einen Augenblick sind wir beide still.
„Wollen wir morgen eine Radtour machen?“, schlage ich vor.
„Das klingt gut. Treffen wir uns am Radweg hinten in der Märchensiedlung? Da kann man eine schöne Rundtour machen, die nicht nur Feld, sondern auch einiges an Waldstrecke beinhaltet. Morgen soll es ja recht warm und sonnig werden.“
„Gute Idee! Ich glaub, ich weiß, welche Strecke du meinst, aber die bin ich schon ewig nicht mehr gefahren. Um die Verpflegung kümmert sich jeder selbst?“
„Ist vermutlich am sinnvollsten. Wann treffen wir uns?“
„Was hältst du von elf Uhr? Das ist früh genug, damit es nicht direkt so warm ist, aber man kann vorher ausschlafen.“
„Perfekt. Dann bis morgen, ich freue mich.“
„Ich mich auch.“ Mit einem Kuss verabschieden wir uns voneinander.
Anschließend macht Benni sich auf den Heimweg und ich gehe zurück zum Altenheim.

Dieses Mal ist ein älterer Herr am Empfang.
„Hallo“, grüße ich ihn freundlich.
„Hallo. Sie kennen sich aus?“
Ich nicke. Schließlich hat Frau Drosner am Dienstag gesagt, dass ich bei meinen drei „Stammsenioren“ bleiben kann.
Auf Station treffe ich wieder auf Miri.
„Hey, du bist aber früh dran. Kommst du sonst nicht erst um drei?“
„Ja, das stimmt. Aber ich wollte heute vorher mit Herrn Albers unter vier Augen sprechen“, antworte ich ihr.
„Achso. Weißt du, wo sein Zimmer ist?“ Kopfschüttelnd verneine ich. „Dann komm, ich zeigs dir. Er freut sich bestimmt.“ Miri stürmt fast voran. „Willst du danach wieder mit ihnen spielen?“
„Nein, heute wollte ich eigentlich lieber wieder spazieren gehen.“
„Okay. Dann geb ich Frau Peters schon mal Bescheid. Soll ich auch versuchen, Frau Schmitz zu motivieren, oder ist dir das zu viel?“
Ich brauche einige Sekunden, um von Frau Schmitz auf Elisabeth zu kommen. „Nein, wenn sie mag, kann sie gerne auch mitkommen. Allerdings sind wir recht langsam unterwegs. Sie machte auf mich noch einen recht fitten Eindruck.“
„Ach, ich frag sie einfach, dann kann sie selbst entscheiden. Ich bring sie dir dann um drei zum Aufzug, ja?“
„Ja, das ist super. Vielen Dank.“
Und bevor ich etwas sagen kann, ist Miri schon wieder weg. Zum Glück sind die beiden Türen, zwischen denen wir stehen geblieben sind, mit den Namen ihrer Bewohner beschriftet. Sonst hätte ich nicht gewusst, wo ich klopfen muss.

„Ja?“, erklingt Herr Albers Stimme, der man die Überraschung anhören kann.
Nach einem kurzen Zögern öffne ich die Tür ein wenig. „Hallo Herr Albers, ich bin es. Stör ich?“
„Nein, nein, überhaupt nicht, kommen Sie herein!“ In seinem Gesicht breitet sich ein Lächeln aus. „Womit hab ich die Ehre denn verdient?“
„Naja, ich bin nicht sicher, ob ich mich ohne Sie getraut hätte, Benni tatsächlich nach einem Date zu fragen. Und ich dachte, vielleicht interessiert es Sie, etwas davon zu hören.“
„Auf jeden Fall. Setzen Sie sich doch!“ Neugierig sieht er mich an.
„Nun, er hat erst ein wenig gezögert, aber dann hat er ja gesagt und wir waren am Donnerstag essen.“
„Ach, daher kam die gute Laune gestern morgen! Ehrlich gesagt hatte ich es gehofft, aber ich wollte nicht zu indiskret sein und nachfragen.“
Das bringt mich zum Lachen. „Benni meinte schon, dass Sie ein guter Beobachter sind.“
„Nun, was soll ich sonst den lieben langen Tag machen? Mein Kopf ist ja noch recht fit, der Körper ist es eher, der abbaut“, erwidert Herr Albers ernst.
„Gut, dass Sie dann Wege finden, Ihren Kopf auch weiterhin fit zu halten.“
„Man tut was man kann“, sagt er verschmitzt. Die Lachfältchen um seine Augen vertiefen sich wieder. „Wie war es denn?“
„Währenddessen sehr nett. Wir haben einige Gemeinsamkeiten festgestellt, beispielsweise konnten wir uns zwischen fast denselben Gerichten nicht entscheiden und haben uns dann zwei davon geteilt. Zudem haben wir uns gut unterhalten. Vorher war ich allerdings schrecklich nervös. Ich hab mich beinahe wieder wie ein Teeny gefühlt.“
„Das glaube ich gerne. Schön, dass die Chemie zwischen Ihnen beiden zu stimmen scheint. Das ist das Wichtigste!“
Zögerlich beiße ich mir auf die Lippe, unsicher, ob ich die Frage, die mir gerade in den Kopf geschossen kam, stellen kann.
„Nur heraus mit der Sprache“, ermutigt Herr Albers mich, der meinen Zwiespalt offenbar an meiner Mimik erkannt hat.
„Wie war das zwischen Ihnen und Ihrer Frau? Hat die Chemie zwischen Ihnen auch gestimmt?“
„Oh ja, definitiv. Ich hätte mir keine bessere Frau wünschen können. Manchmal vermisse ich sie.“ Er lächelt versonnen und ein bisschen wehmütig. „Vielleicht habe ich Sie nicht so geliebt, wie sie es verdient hätte, aber ich habe sie geliebt.“
„Auch wenn ich Ihre Frau nicht kennengelernt habe, bin ich sicher, dass sie das gewusst hat“, antworte ich. Auch wenn es wie eine Floskel klingt, meine ich es genau so.
„Das hat sie. Wenn sie den Satz gerade gehört hätte, hätte sie mit mir geschimpft. 'Heinrich Albers, hör auf mit dem Blödsinn!', hätte sie gesagt.“
„Das klingt wirklich nach einer tollen und liebenswerten Frau.“
Herr Albers nickt. „Wollen Sie ein Foto von ihr sehen?“
„Sehr gerne!“

Er überlegt kurz und drückt mir dann einen Bilderrahmen von seinem Nachttisch in die Hand.
„Das ist Lotti kurz vor ihrem Tod.“
„Ein sehr schönes Bild. Sie sieht wirklich sehr sympathisch aus.“
„Vielleicht interessiert Sie ja auch das Bild hier.“ Herr Albers ist extra aufgestanden, um ein Bild von der Wand abzuhängen und zu geben.
„Wahnsinn! Sie beide waren ein wirklich schönes Brautpaar.“ Beide haben sich für die Hochzeit erkennbar zurechtgemacht und wirken glücklich. Ehrlich gesagt, wenn ich Herrn Albers in dem Alter auf dem Foto kennengelernt hätte, wäre ich sicher nicht uninteressiert gewesen.
Ich blicke von dem Foto wieder auf. „Und ich muss sagen, Sie haben sich wirklich gute gehalten. Wie lange ist das her?“
Geschmeichelt setzt er sich noch ein wenig gerader hin. „Fast dreiundfünfzig Jahre. Wir haben im August geheiratet. Die goldene Hochzeit konnten wir noch zusammen feiern, aber Ende des Jahres ist sie dann gestorben, direkt nach Weihnachten.“
„Oh, das muss Sie sehr getroffen haben. War es überraschend?“
„Ja, sehr plötzlich. Sie ist an dem Morgen einfach nicht mehr aufgewacht.“
„Das tut mir Leid.“ Ich weiß nicht so recht, was ich sagen soll.
„Nun, im ersten Moment war es natürlich ein unglaublicher Schock. Mit der Zeit war ich eigentlich froh, dass es so passiert ist – sie hat nicht gelitten und war bis zum Ende ziemlich fit, das war ihr immer wichtig.“
„Stimmt, für Ihre Frau war es so sicher das Beste.“
„Auch für mich war es gut, ich hätte es schrecklich gefunden, sie leiden zu sehen und ihr nicht helfen zu können“, sagt Herr Albers bestimmt. „Und jetzt genug davon, kommen wir wieder zu erfreulicheren Themen. Wann ist das zweite Date? Oder haben Sie sich in der Zwischenzeit schon wieder getroffen?“

Der Themenwechsel ist so abrupt, dass ich etwas Zeit brauche, um ihm folgen zu können. „Oh, wir haben uns schon wiedergesehen, aber das zweite Date ist erst morgen“, antworte ich dann. Bei Herrn Albers verwirrter Miene muss ich grinsen. „Wir haben uns vorhin kurz getroffen, als Benni Schichtende hatte, um die Details für morgen abzusprechen. Ich hatte ihn angeschrieben, um ihn zu fragen, ob es ihm recht ist, wenn ich Ihnen von unserem Date erzähle.“
„Achso, verstehe.“ Jetzt schmunzelt auch Herr Albers. „Praktisch, dass das so gut gepasst hat.“
„Und wie!“, stimme ich ihm zu.
„Was wollen Sie denn morgen machen?“
„Eine Radtour.“
„Oh, schön. Das haben Lotti und ich auch oft gemacht.“
Für einen Moment versinken wir in einträchtigem Schweigen.
Als mein Blick auf die Uhr fällt, erschrecke ich. „Oh, wir haben ja schon fünf vor drei!“
„Gehen wir heute wieder spazieren?“
Ich nicke.
„Dann gehen Sie doch schon mal zum Aufzug, ich wechsle noch rasch die Schuhe. Jacke brauche ich ja nicht, oder?“
„Nein, es ist ähnlich warm wie letzten Samstag. Bis gleich.“

Erleichtert stelle ich fest, dass ich der Erste am Aufzug bin. Ich hätte die älteren Damen ungern warten lassen, auch wenn wir ohne Herrn Albers ohnehin nicht losgegangen wären.
„Ach, hallo Leon!“, begrüßt Elisabeth mich. „Ich werde nicht mitkommen, ich bin gleich mit Greta und Anneliese in einem Café verabredet.“
„Das klingt auch schön. Dann wünsche ich Ihnen viel Spaß und wir sehen uns Dienstag wieder, hoffe ich.“
„Oh ja, auf jeden Fall! Der Dienstagstermin ist fest geblockt“, versichert sie mir und verabschiedet sich.
Frau Peters und Herr Albers kommen fast zeitgleich, erstere natürlich in Begleitung von Miri.
„Frau Schmitz kommt nicht mit“, informiert Miri mich.
„Ja, danke, ich weiß. Sie hat mir gerade persönlich Bescheid gegeben.“
„Na dann.“ Miri grinst. „Viel Spaß und bis später!“
Wir verabschieden uns ebenfalls und steigen in den Aufzug.
„Wollen wir wieder in den Stadtgarten gehen?“
„Ehrlich gesagt hätte ich Lust ein Eis essen zu gehen. Seit Sie uns letzten Samstag von Ihrem Eisessen erzählt haben, geht mir das einfach nicht mehr aus dem Kopf“, gesteht Frau Peters ein wenig beschämt.
„Meinetwegen können wir das gerne machen“, sage ich sofort.
„Ja, das ist eine hervorragende Idee, Fränzi“, stimmt auch Herr Albers zu.
„Dann gehen wir am besten Richtung Marktplatz, oder?“, vergewissere ich mich. Die Eisdiele, in der ich mit meinen Freunden war, ist eindeutig zu weit weg von hier.
„Genau!“
Wir machen uns einvernehmlich auf den Weg. Es ist ein bisschen länger als unsere Strecke von letzter Woche. Doch da Frau Peters heute entweder einen besonders guten Tag hat oder sie der Gedanke an ein Eis viel mehr motiviert als der Stadtpark, kommen wir recht gut voran.
Die beiden fragen mich natürlich nach meinen Erlebnissen und erzählen ein wenig von ihrer Woche. Diesmal steht das Highlight wohl noch aus, wie Frau Peters berichtet. „Morgen kommt eine Musikgruppe zu uns. Da freu ich mich immer wieder drauf, die spielen wirklich schön!“
„Oh, waren die schon häufiger da?“
„Ja, ich glaube, sie kommen alle drei Monate zu uns“, antwortet Herr Albers.
„Toll. Was spielen sie denn so?“
„Ganz verschiedene Lieder, teilweise ganz klassische Stücke, von Händel, Beethoven oder Mozart. Wobei die oft schon ganz anders klingen, weil es so viele verschiedene Instrumente sind, sogar ein Saxophon und ein Schlagzeug. Aber ansonsten spielen sie auch aktuellere Sachen, zum Beispiel die Filmmusik von Herr der Ringe.“
„Wow, das klingt wirklich nach einem abwechslungsreichen Repertoire.“ Ich bin ehrlich beeindruckt. „Schade, dass ich morgen keine Zeit habe, aber vielleicht schaffe ich es ja zu dem Konzert danach. Oder sind Besucher nicht gestattet?“
„Doch, natürlich können Sie kommen! Allerdings werden Sie wohl stehen müssen, gerade dann kommen immer viele Besucher“, erzählt Frau Peters.
„Das ist kein Problem.“

Über das Gespräch sind wir schneller als gedacht an der Eisdiele und haben Glück. Weil sie direkt am Marktplatz liegt, ist sie bei so schönem Wetter gerade am Wochenende natürlich immer wahnsinnig voll. Doch in dem Moment wird ein Tisch frei. Rasch tausche ich einen Blick mit Herr Albers, der mir zunickt. Sofort schlängele ich mich so schnell wie möglich an den Tisch, damit ihn uns niemand wegschnappen kann.
Herr Albers folgt mir dagegen deutlich langsamer und macht Frau Peters den Weg frei.
Noch ehe die beiden bei dem Tisch angekommen sind, spricht mich ein Ehepaar an. „Sie gehen doch, richtig?“
Wahrscheinlich sind sie zu dem Trugschluss gekommen, weil der Tisch noch nicht abgeräumt ist.
„Nein, ich bin gerade erst gekommen und warte auf meine beiden Begleiter“, sage ich höflich und weise auf die zwei, die fast da sind.
„Schade“, sagt der Mann, während seine Ehefrau mich mit giftigen Blicken anstarrt. Falls sie hofft, dass ich dadurch umkippe, wird sie leider bitter enttäuscht.
Als Herr Albers und Frau Peters bei mir angekommen sind, stehe ich auf und rücke beiden einen Stuhl zurecht.
„Dankeschön.“
„Gut, dass wir Sie dabei haben und Sie den Tisch verteidigen konnten“, stellt Herr Albers zufrieden mit.
„Stets zu Ihren Diensten“, erwidere ich, verneige mich leicht und salutiere anschließend mit meiner Hand an der imaginären Kapitänsmütze. Wie erwartet bringt das Herrn Albers zum Grinsen und auch Frau Peters kichert.
„Hier sind die Karten“, werden wir von der Bedienung aus unseren Albernheiten rausgerissen. Sie nimmt die leeren Eisbecher mit.

„Oh, die Auswahl ist ja riesig“, stellt Frau Peters leicht überfordert fest. „Früher war das einfacher.“
„Das stimmt“, bestätigt Herr Albers.
„Was mögen Sie denn gerne?“, erkundige ich mich.
„Hach, als Kind war ich viel in der Umgebung und im Wald spazieren und hab die ganzen Beeren genascht“, antwortet Frau Peters mir spontan. „Ach, aber Sie wollten bestimmt die Eissorten wissen“, fügt sie verlegen hinzu.
„Nein, nein, das passt, lassen Sie mich kurz schauen.“ Wie erwartet gibt es in der Karte einen Waldbeerbecher.
„Der klingt wirklich hervorragend“, sagt Frau Peters, als ich ihn ihr zeige. „Aber der sieht ganz schön groß aus.“
„Dann fragen wir einfach, ob Sie eine kleinere Seniorenvariante bekommen können“, beschließe ich. „Finden Sie sich zurecht oder kann ich Ihnen auch weiterhelfen?“, wende ich mich dann an Herrn Albers.
„Nun, Ihre Beratung ist super, aber ich fürchte, ich bin in meinen Gewohnheiten zu festgefahren“, antwortet er mir. „Ich werde wie immer einen Schokobecher nehmen.“
„Schokobecher ist aber auch immer eine gute Wahl“, bestätige ich ihm. Schnell schaue ich, was ich selbst haben will. Die Bedienungen hier sind immer sehr schnell wieder am Tisch.
Gerade habe ich mich für einen Nussbecher entschieden, da ertönt schon die Frage: „Sie wissen schon, was Sie wollen?“
Da beide mich auffordernd anschauen, bestelle ich für uns drei: „Ja, einmal bitte den Schokobecher, einmal den Nussbecher und den Waldbeerbecher für die Dame in der Seniorenversion, wenn möglich.“
Fragend schaue ich Herrn Albers an: „Sie wollten ja Normalgröße, oder?“
„Wenn schon, denn schon!“ Daraufhin grinse ich.
„Wie viele Bällchen Eis hätten Sie denn gerne?“, fragt die Kellnerin Frau Peters.
„Ach, ich denke, zwei reichen.“
„Wir haben Erdbeer-, Himbeer- und Blaubeereis zur Auswahl.“
„Dann bitte einmal Erdbeer und einmal Blaubeer.“
„Mit Sahne?“
„Ja, einen kleinen Klecks.“
„Wird gemacht. Sonst noch Wünsche?“
Wir schütteln alle den Kopf und die Bedienung schwirrt davon.

Wenig später haben wir unsere Eisbecher vor uns stehen und genießen schweigend.
Sie haben alle Becher schön hergerichtet, den kleinen genauso wie die beiden großen.
„Und, sind Sie zufrieden?“, erkundige ich mich.
„Ja, der Schokoladenbecher hier ist hervorragend. Ich habe schon viele gegessen, die nicht so gut waren.“
„Der Waldbeerbecher ist auch toll. Das war wirklich ein guter Vorschlag von Ihnen! Ich war schon seit Ewigkeiten nicht mehr Eis essen.“ Frau Peters strahlt richtig und ich freue mich, dass ich ihr so einen großen Gefallen tun konnte.
„Und wie ist der Nussbecher?“, erkundigt Herr Albers sich.
„Auch sehr lecker.“

Es ist angenehm, einfach hier zu sitzen. Als ich mit meinen Freunden Eis essen war, haben wir deutlich mehr geredet. Aber das fehlt mir gar nicht. Im Gegenteil, es ist auch sehr schön, einfach gemeinsam zu sitzen und sich ganz darauf zu konzentrieren, das Eis zu genießen.
„Bei Gelegenheit sollten wir das nochmal wiederholen“, schlage ich vor, als wir fertig sind.
„Oh ja, gerne.“
„Gute Idee“, sagt Herr Albers und winkt der Kellnerin. Sie kommt auch nahezu sofort. „Wir würden gerne zahlen“, sagt er.
„Natürlich. Zusammen oder getrennt?“
„Zusammen“, antwortet er, bevor Frau Peters oder ich etwas sagen können. „Ihr seid eingeladen, keine Widerworte“, ergänzt er rasch an uns gewandt.
„Dankeschön, Heinrich!“
„Ja, vielen Dank! Das wäre wirklich nicht nötig gewesen“, bedanke auch ich mich.
Herr Albers winkt nur ab und zahlt. Anschließend machen wir uns auf den Heimweg, die nächsten Gäste warten schon sehnsüchtig auf den Tisch.

„Das war wirklich schön“, sind wir uns alle drei einig.
Durch das erfrischende Eis gestärkt, gelingt uns auch der Rückweg recht gut. Frau Peters ist natürlich etwas langsamer als auf dem Hinweg, aber immer noch schneller als letztes Mal.

„Vielen Dank, das war wirklich sehr schön“, sagt Frau Peters, als wir im Aufzug nach oben fahren.
„Ja, vielen Dank auch von meiner Seite“, ergänzt Herr Albers.
„Oh, ich habe zu danken“, widerspreche ich. „Es hat mir viel Spaß gemacht und ich habe sogar ein Eis dafür bekommen!“
Das bringt beide zum Schmunzeln.
Oben angekommen beschließen wir spontan, die Dame noch zu ihrem Zimmer zu bringen.
Anschließend geleite ich Herrn Albers noch zu seinem Zimmer.
„Danke für den Extra-Besuch!“, bedankt er sich.
„Sehr gern geschehen und danke für das Eis“, erwidere ich.
„Jetzt hör schon auf, es war nur ein Eis!“, tadelt er mich und verfällt dabei wie schon letzte Woche Samstag ins Duzen. Diesmal scheint es ihm jedoch aufzufallen, denn er streckt mir seine Hand hin: „Ich bin Heinrich.“
„Leon“, quetsche ich mühsam heraus und schüttele seine Hand. Das er mir das „Du“ anbietet, bedeutet mir unglaublich viel. Denn so sehr ich am allerersten Tag hier von seiner leicht flirtenden Art überfordert war, so sehr ist er mir mittlerweile ans Herz gewachsen.
„Bis Dienstag“, verabschiede ich mich und umarme ihn.
„Bis Dienstag, mein Junge, bis Dienstag.“
Ich glaube, ich wurde soeben als Enkel adoptiert. Nun, gegen so einen Adoptiv-Opa habe ich ganz bestimmt nichts einzuwenden!

tbc
... und ein sommerlicher Sonntag
Anmerkungen zum Kapitel:Hallo meine Lieben,

leider hat sich meine Zuversicht nicht erfüllt und vom letzten Kapitel bis zu diesem hat es genauso lange gedauert wie das mal davor Traurig dafür gab es ja immerhin in den letzten zwei Wochen was anderes zum Lesen von mir und da der NaNo weiterhin ganz gut läuft, bleibe ich optimistisch.

liebe Grüße und viel Spaß beim Lesen,
Snoopy
Heute hat mir tatsächlich das Wetter geholfen, mich für ein Outfit zu entscheiden. Ein leichtes, hellgraues Shirt und eine kurze, dunkelblaue Shorts sind das maximale an Stoff, was ich bereit bin zu tragen, wenn es dreißig Grad werden sollen, eventuell sogar noch ein wenig drüber. Dabei haben wir erst Juni!
Auch jetzt ist es schon recht warm, aber gerade mit dem Fahrtwind noch angenehm.
Da ich in letzter Zeit ja ein paar Mal spät dran war, habe ich heute darauf geachtet, auf jeden Fall pünktlich loszukommen, sodass ich am Ende sogar knapp zehn Minuten zu früh bin.

Ich muss nicht lange warten, höchstens fünf Minuten später kommt Benni angefahren.
„Guten Morgen!“, begrüßt er mich.
„Guten Morgen“, erwidere ich. Wir steigen beide ab, stellen die Räder an die Seite und begrüßen uns mit einer Umarmung. Küssen ist gerade nicht drin, da wir beide Helm tragen.
„Wollen wir dann direkt losfahren?“, fragt Benni.
„Ja, lass uns lieber jetzt fahren, so lange es noch kühl ist und später Pause machen.“
„Guter Plan.“
Wir fahren los. Erstaunlicherweise ist die Strecke gerade noch erfreulich leer, sodass wir nebeneinander fahren können. Der Weg ist so schmal, dass bei Gegenverkehr nur hintereinander fahren möglich ist.
„Wie war dein Feierabend?“
„Ganz nett, ich hab mit meiner Schwester mal wieder länger telefoniert und war Abends mit ein paar Freunden im Biergarten“, antwortet Benni. „Und wie war dein restlicher Tag gestern?“
„Oh, sehr schön. Herr Albers hat sich sehr gefreut, dass ich ihm von unserem Date erzählt habe und hat mir ein wenig von seiner verstorbenen Ehefrau erzählt. Danach waren wir dann Eis essen, weil Frau Peters total Lust drauf hatte. Abends hab ich dann nichts besonderes mehr gemacht.“
„Eis essen klingt gut. Vielleicht können wir ja am Ende des Wegs noch irgendwo eins essen, unterwegs gibt es ja keine Möglichkeit.“
„Gute Idee. Wobei ich noch Wassermelone da hatte und die aufgeschnitten und mit einem Coolpack eingepackt habe, das sollte unterwegs ganz gut passen.“
„Großartig! Ich muss sagen, je besser ich dich kennen lerne, desto besser gefällst du mir.“
„Weil ich Wassermelone dabei habe?“ Fragend sehe ich Benni an und muss lachen, als er eifrig nickt. „Dann war es vielleicht ja ein kluger Verführungsversuch und kein dummer Verlegenheitsspruch, als das Mädel in Dirty Dancing gesagt hat, dass sie die Melonen getragen hat“, schlage ich vor.
Das bringt auch Benni zum Lachen. Es dauert einige Minuten, bis wir uns wieder gänzlich beruhigt haben. Aber die Vorstellung, dass Melonen so was wie Flirthelfer sind, ist wirklich lustig.

Weil wir jetzt einen Feldweg in der Nähe der nächsten Ortschaft befahren, kommen uns einige Spaziergänger, meist mit Hunden oder auch Kindern, entgegen. Daher müssen wir vorübergehend hintereinander fahren, was ein Gespräch schwierig macht.
Nach etwa zwanzig Minuten sind wir jedoch wieder weit genug entfernt, sodass Benni wieder neben mich fährt.
„Weißt du schon, was du heute als gute Tat machen willst?“, fragt er mich.
„Ich hab dir Melone mitgebracht und rette dich so vor dem Verdursten, was willst du denn noch?“, gebe ich gespielt entrüstet zurück.
Benni schüttelt grinsend seinen Kopf.
„Nee, keine Ahnung. Bisher hat es sich immer irgendwie ergeben, daher hoffe ich, dass das auch diesmal der Fall sein wird.“
„Bestimmt. Und dann filme ich deine Heldentat, lade sie auf youtube hoch und dann wirst du ein Star!“, flachst er.
„Nein, definitiv nicht“, wehre ich ab. „Wobei youtube tatsächlich die Notfalloption ist, ich habe mittlerweile einen Kanal, auf dem ich schon zwei Videos hochgeladen habe. Das eine davon am Donnerstag nach unserem Date.“
„Oh, echt? Das will ich mir ansehen, da musst du mir später mal den Link schicken!“, fordert Benni.
„Na, ich weiß nicht. So toll sind die jetzt auch nicht.“ Ich bin nicht sicher, ob ich wirklich will, dass Benni die sieht. Mit etwas Glück hat er das gleich wieder vergessen.
„Außerdem eignest du dich viel besser als Held, ich mach ja erst seit diesem Monat, du machst das als Job!“
„Naja, dafür werde ich auch bezahlt“, wehrt Benni ab.
„Schon, aber definitiv nicht ausreichend“, verteidige ich meinen Punkt.
„Stimmt. Na gut, dann werden wir eben beide keine youtube-Helden“, lenkt Benni ein. „Ist wahrscheinlich auch besser so, nachher würdest du haufenweise Fanpost bekommen und irgendeinen anderen Kerl finden.“
„Das glaub ich nicht!“, widerspreche ich. Wir schauen uns an und lachen erneut.

„Unsere Themen sind heute schon ein bisschen abgedreht, oder?“, fragt Benni, als wir uns wieder beruhigt haben.
„Allerdings.“
In der Zwischenzeit ist es eindeutig wärmer geworden.
„Die Sonne knallt ganz schön“, stelle ich fest.
„Ja, aber es dauert nicht mehr so lange. Etwa fünfzehn bis zwanzig Minuten, dann sind wir im Wald“, beruhigt Benni mich.
„Gut, da freu ich mich schon drauf.“
„Ja, ich mich auch.“
Schweigend fahren wir weiter.

Erst im Wald nehmen wir das Gespräch wieder auf.
„Oh, deutlich angenehmer“, sagen wir nahezu synchron, als wir unter den ersten Bäumen sind. Der Temperaturunterschied ist wirklich spürbar.
„Schade, dass an der Strecke kein See ist“, finde ich.
„Das stimmt. Wobei ich nicht sicher bin, ob ich jetzt schon im See schwimmen gehen will.“
„Warum denn nicht?“ Erstaunt sehe ich Benni an.
„Heute ist der erste richtig warme Tag, davor war es deutlich kühler. Dementsprechend ist der See glaub ich noch ziemlich kühl.“
„Egal, wir werden es sowieso nicht rausfinden. Hauptsache ist, dass es hier erträglich ist.“
„Ja, allerdings. Ich würde vorschlagen, dass wir jetzt noch was fahren und dann später Pause machen. Oder willst du jetzt schon anhalten?“, fragt er.
„Ja, aber nur kurz was trinken.Ansonsten klingt später gut.“
„Trinken ist super.“ Wir stoppen kurz und trinken beide einen großen Schluck. Rasch sind die Flaschen wieder verstaut und wir fahren weiter.

Etwa eine Stunde später merke ich, dass ich Hunger bekomme. Die Zeit ist schnell verflogen. Zwischendurch war nochmal ein kurzes Wegstück in der prallen Sonne, sonst hatten wir immer wenigstens Halbschatten. Zudem haben wir eine angenehme Mischung aus Reden und Schweigen gefunden.
„Sollen wir langsam nach einem geeigneten Platz für unsere Pause gucken?“, schlage ich vor.
„Ja, gute Idee.“
Wenige Minuten später kommen wir an einen großen Baumstamm am Wegesrand.
„Hier?“, fragen wir zeitgleich.
„Okay, das ist dann wohl einstimmig beschlossen“, sagt Benni und grinst. Ich nicke nur.
Wir stellen unsere Räder ab, ziehen die Helme aus und holen unser Essen und die Wasserflaschen raus.
„Jetzt kann ich dich auch endlich richtig begrüßen!“ Mit den Worten zieht Benni mich zu sich und küsst mich.
„Stimmt, vorhin ging das gar nicht“, antworte ich, nachdem ich den Kuss erwidert habe.
Anschließend setzen wir uns.
Eine Bank wäre vermutlich etwas besser geeignet, aber meine Dose bleibt auch auf dem Baumstamm einigermaßen liegen und die Flasche ist groß genug, dass ich sie bequem neben dem Baumstamm abstellen kann.
„Guten Appetit“, wünschen wir uns gegenseitig.
Genüsslich beiße ich in mein belegtes Brot mit Hummus und Gurke. Dazu hab ich mir eine Möhre und einen halben Apfel aufgeschnitten und eingepackt.
„Ist das Nudelsalat?“ Neugierig beäuge ich Bennis Essen.
„Ja, genau. Willst du auch was? Ich habe eine extra große Portion mitgenommen.“
„Danke, ich glaube, mein Essen reicht mir. Aber ich würde gern probieren, der sieht echt lecker aus.“
„Klar.“ Benni hält mir die volle Gabel hin. Brav öffne ich meinen Mund und lasse mich füttern.
„Und?“ Erwartungsvoll sieht Benni mich an.
„Schmeckt genauso gut, wie er aussieht.“
Zufrieden lächelt Benni. „Wie gesagt, du kannst gerne noch was haben.“
„Im Moment nicht, danke. Vielleicht nachher.“

Während dem Essen sind wir eher still. Als ich aufgegessen habe, packt Benni auch seinen Nudelsalat weg. Er hat etwas mehr als die Hälfte gegessen.
„Gibt es jetzt die Melone?“, erkundigt er sich hoffnungsvoll.
„Genau das war mein Plan“, bestätige ich. Aus der anderen Fahrradtasche hole ich die kleine Kühltasche, in der neben der Dose mit der aufgeschnittenen Melone auch ein Coolpack steckt, damit es wenigstens etwas erfrischend ist.
Außerdem hab ich ein paar Zewas eingepackt, schließlich tropft es meist doch und dann kleben die Hände so nervig. Das will ich definitiv nicht an meinem Lenker haben!
„Sehr gut, du bist wirklich perfekt vorbereitet“, lobt Benni mich und nimmt sich das erste Stück. „Wow, das ist echt noch ziemlich kühl“, stellt er begeistert fest.
Da ich meinen Mund voll habe, stimme ich ihm mit einem Nicken zu. „Ich hätte auch nicht gedacht, dass das so gut funktioniert“, sage ich, als mein Mund wieder leer ist.

Es dauert nicht allzu lange, bis wir die Melone restlos aufgegessen haben.
„Das war echt lecker. Aber jetzt platze ich!“, verkündet Benni stöhnend und legt seinen Kopf an meine Schulter. „Ich brauch jetzt erst mal nen Mittagsschlaf!“
„Gute Idee“, erwidere ich und lege meinen Kopf an seinen.
Durch die kühle Melone und die angenehme Brise ist es hier im Schatten sogar mit dem Körperkontakt noch angenehm und nicht zu warm.
Für eine Weile sitzen wir einfach nur schweigend da und genießen die Nähe zueinander.

„Das ist im ersten Moment so zurückhaltend war, lag nicht an dir“, sagt Benni plötzlich, ohne mich anzusehen.
„Hmm?“, brumme ich verwirrt. Ich hab gerade gedöst und kann ihm nicht wirklich folgen.
„Als du mich nach dem Date gefragt hast“, erklärt er mir. „Ehrlich gesagt fand ich dich ziemlich heiß, als du da auf Station angekommen bist. Ich war froh, dass ich mich auf die Arbeit konzentrieren und das einfach wieder wegschieben konnte. Meine letzte Beziehung ist leider ziemlich unschön geendet, wir haben ständig gestritten und mein Ex hat mir alles mögliche vorgeworfen. Das war gerade mal vor zwei Monaten. Deshalb hatte ich eigentlich die Schnauze voll von Kerlen und Beziehungen und wollte erst mal lieber Single sein. Doch als du dann angefangen hast, konnte ich einfach nicht nein sagen. Du sahst so hinreißend unsicher und hoffnungsvoll zugleich aus.“
Ich drehe meinen Kopf zu ihm und führe seinen mit meiner Hand an seinem Kinn ebenfalls zu mir, sodass ich ihn dafür küssen kann.
„Danke, dass du so offen warst! Es tut mir sehr leid, dass das zwischen euch so blöd geendet hat. Ich hoffe allerdings, dass wir erst einmal überhaupt zusammenkommen und dann auch bleiben. Über das Ende mag ich noch gar nicht nachdenken“, antworte ich dann. „Und ich bin sehr froh, dass du mir doch eine Chance gegeben hast.“
„Das bin ich auch“, erwidert Benni. „Die Melone war es definitiv wert“, ergänzt er dann und lacht.
„Na warte!“ Empört zwicke ich ihn in die Seite.
„Nicht!“ Huch, diese Antwort war unerwartet hoch. Es scheint so, als sei Benni ziemlich kitzelig. Natürlich muss ich diese Vermutung direkt testen und kitzele ihn.
„Nein, nicht, lass das“, protestiert Benni lauthals und versucht, meinen Händen auszuweichen. Er schafft es jedoch nicht mal, meine Hände mit seinen abzufangen, weil er jedes Mal so herrlich zusammenzuckt, wenn ich wieder seine Seite zwicke oder sanft darüberfahre.
Weil er sich deshalb immer weiterzurücklehnt, verliert er auf einmal das Gleichgewicht – und ich gleich mit, weil ich seinen Ausweichbewegungen natürlich gefolgt bin. Das Endergebnis: Wir liegen beide am Boden, ich über ihm, in einer sehr zweideutigen Pose.
Darüber müssen wir beide erst mal herzhaft lachen.
Während wir uns wieder beruhigen, immer noch in der gleichen Pose, ertönt plötzlich eine weibliche Stimme: „Ähm, Jungs, ich will ja nicht spießig sein, aber euch ist schon klar, dass ihr hier sehr leicht gesehen werdet?“
Erschrocken fahren wir auseinander und setzen uns nebeneinander.
„Das ist nicht so, wie es aussieht“, stammeln wir beide synchron – und zumindest mein Gesicht fühlt sich dabei knallrot an.
Das bringt die Joggerin zum Lachen. „Da ihr noch komplett angezogen seid, glaub ich euch das sogar. Vielleicht solltet ihr es trotzdem lieber lassen, es lädt zu Missverständnissen ein“, sagt sie und zwinkert uns zu. „Ich wünsche euch noch einen schönen Tag.“
„Danke ebenso“, antworten wir ihr, während sie schon davon läuft.
„Okay, wir fahren auch weiter und tun so, als wären die letzten fünf Minuten nie passiert. Was hältst du davon?“, schlägt Benni vor.
„Sehr guter Plan!“ In Rekordzeit haben wir alles wieder verstaut und sitzen auf unseren Rädern. Als unser Rastplatz einige Meter hinter uns liegt, sehen wir uns an und brechen in Gelächter aus.
Mit ein bisschen Abstand ist die ganze Sache ja schon ziemlich lustig, wenn auch immer noch ein bisschen peinlich.
„Wehe, du erzählst das Herr Albers!“, meint Benni, als wir uns wieder beruhigt haben.
„Ganz bestimmt nicht, das behalte ich für mich. Zu niemandem ein Wort!“, versichere ich ihm.
„Ja, das ist das Beste.“ Dem stimme ich uneingeschänkt zu – ich würde ja auch jeden auslachen, der mir so etwas erzählt.

Während wir weiter fahren, erzählen wir einander von lustigen Missgeschicken die uns selbst oder Menschen in unserem Umfeld passiert sind.
„Meine Mutter war mal der festen Überzeugung, ich hätte die Fahrzeugpapiere verloren. Da hatte ich grad meinen Führerschein gemacht und durfte mir das Auto ausleihen“, berichtet Benni.
„Aber hattest du nicht?“
„Nein, ich habe ihr geschworen, dass ich sie ihr zurückgegeben hatte, weil ich mir zu hundert Prozent sicher war. Und ich hatte tatsächlich recht – am Ende sind sie in ihrer Handtasche wieder aufgetaucht, an die ich nie dran gehen würde. Sie hat sich dann ziemlich peinlich berührt entschuldigt.“
„Das glaube ich“, antworte ich ihm. „Einem Ausbildungskollegen von mir ist mal etwas passiert, das auch echt peinlich war. Er war in einer Klinik und die hatten im zwischen Treppenhaus und Flur eine Glaswand – außen jeweils eine Tür und in der Mitte der Teil war fest. Da die Klinik am Berg lag, war das mit den Ausgängen teilweise echt verwirrend. Deshalb ist er in seiner ersten Woche auf der Suche nach dem Ausgang voll gegen diesen festen Zwischenteil gelaufen.“
„Oh shit! Ist ihm was passiert?“, erkundigt Benni sich mitfühlend.
„Nein, er ist mit dem Schrecken davon gekommen. Sein erster Gedanke war nur: 'Bitte lass es niemanden gesehen haben.' Hat natürlich nicht geklappt, aber der Patient war sehr nett und verständnisvoll.“
„Das war meine Mutter zum Glück auch“, sagt Benni. Fragend sehe ich ihn an. „Als ich noch in der Grundschule war, wollte ich einen Kuchen für sie zum Muttertag backen. Ich bin extra früh aufgestanden, hab alle Zutaten abgewogen, mit der Hand verknetet, damit ich sie nicht mit dem Mixer wach mache und dann alles in den Ofen geschoben.“
„Und dann hast du ihn zu lange drin gelassen und er ist verbrannt?“, mutmaße ich.
„Nein, er sah sehr lecker aus, genauso wie er sollte. Leider war er ungenießbar – ich hab tatsächlich Salz und Zucker verwechselt. Keine Ahnung wieso, eigentlich wusste ich, wo meine Mutter was aufbewahrt“ entgegnet Benni.
„Oh, wie ärgerlich! Das war bestimmt die Aufregung, die kann einen wirklich durcheinander bringen. Das kenne ich“, versichere ich ihm.
„Ja? Erzähl!“
„Wir hatten in der Grundschule ein Theaterstück zu Weihnachten einstudiert. Ich hab mit zwei Freunden die heiligen drei Könige gespielt. Es lief erst alles gut. Doch dann hab ich mich minimal verhaspelt. Vermutlich hätte niemand etwas bemerkt, wenn ich in dem Moment nicht zu Anton rübergesehen hätte – da sind wir beide in Gelächter ausgebrochen. Dennis hat sich natürlich da auch nicht beherrschen können und dann hatten wir mitten im Stück einen richtigen Lachanfall.“
„Kann ich mir lebhaft vorstellen. Habt ihr euch dann beruhigt gekriegt?“, fragt Benni nach.
„Nach einigen Minuten gings irgendwie wieder, wir wussten sogar unseren Text noch. Trotzdem war der Lachanfall das Thema des Abends.“
„Glaub ich.“

Als wir aus dem Wald wieder rausfahren, landen wir auf einem Feldweg. Nach einiger Zeit, als wir näher an den Ort kommen, liegt rechts und links einiges an Müll rum.
„Schau mal, was die Leute hier alles weggeworfen haben“, sage ich.
„Ja, das ist echt unmöglich“, stimmt Benni mir zu. „Andererseits wird es dadurch begünstigt, das es hier weit und breit keinen Mülleimer gibt. Das ist natürlich keine Entschuldigung.“
„Aber natürlich fördert es diese Umweltverschmutzung, da hast du schon recht.“
„Eigentlich müsste man hingehen und wenigstens einen Teil davon aufheben“, meint Benni. Er seufzt.
„Natürlich, das ist es!“, rufe ich begeistert.
Verdattert sieht er mich an, weil er meinen Gedankengängen nicht folgen kann.
„Dieser Müll wird meine heutige gute Tat“, verkünde ich. „Hilfst du mir?“
„Hast du denn was, wo wir die Sachen reingeben können?“, stelle er eine Gegenfrage.
„Ja, ich hab so eine alte Kühltasche, eine von diesen billigen aus dem Supermarkt. Die schließt nicht mehr richtig, daher überlege ich schon länger, die zu entsorgen“, antworte ich.
„Gut, dann helfe ich dir.“
Wir stellen die Räder an die Seite und sammeln dann alles mögliche auf. Trennen ist leider nicht möglich so landet Plastik und Papier in derselben Tasche.
„Handschuhe oder so ne Greifzange hast du aber nicht auch noch dabei, oder?“, will Benni irgendwann wissen.
„Nein, hab ich nicht. Wieso?“
„Weil ich die Zigarettenstummel dann liegen lasse.“
„Ja, die heb ich auch nicht mit den Fingern auf. Der Rest geht ja noch einigermaßen so, aber das ist echt eklig“, bestätige ich.
Zu zweit haben wir die Tasche recht fix gefüllt. Auch wenn ein Stück jetzt deutlich sauberer ist, ist der Weg insgesamt immer noch ziemlich vollgemüllt.
„Eigentlich bräuchte man noch viel mehr Taschen“, sage ich.
„Aber nicht jetzt, dann kriege ich einen Sonnenbrand“, kontert Benni sofort. „Natürlich wäre es super, wenn jetzt alles sauber wäre, aber es ist immerhin ein Anfang.“
„Stimmt, an all dem, was wir gesammelt haben, stirbt kein Tier. Immerhin etwas.“
Ich klemme die Tasche auf meinen Gepäckträger, sodass sie unterwegs nicht aufgehen kann und wir fahren weiter.
„Vielen Dank für deine Hilfe“, bedanke ich mich bei Benni.
„Kein Ding, ist doch selbstverständlich“, wiegelt der ab.
„Na, ich weiß nicht. Ich kenne einige Leute, die sich bestimmt geweigert hätten.“
„Ja, die gibt es. Aber ich gehöre nicht zu den Leuten, die andere alleine arbeiten lassen. Du ja auch nicht, oder?“
„Nein, definitiv nicht. Dann hätte ich bestimmt auch nicht bei dieser Challenge mitgemacht“, gebe ich ihm zu bedenken.
„Siehst du!“ Zufrieden nickt Benni.

Da wir nicht in den Ort fahren, dauert es, bis wir an einem Mülleimer vorbeikommen. Da der jedoch schon überfüllt ist, halten wir gar nicht erst, sondern fahren weiter.
Es geht über Feldwege und Alleen weiter bis zu unserem Ausgangspunkt. Dort steht ein weiterer Mülleimer, in dem sogar noch etwas Platz ist. Da die Tüte gut gefüllt ist, entschließe ich mich jedoch, sie bei uns in den Hausmüll zu geben. Bei so vielen Mietern sollte das nicht auffallen.
Ein paar Meter weiter ist der Bürgersteig recht breit und gleichzeitig schattig, sodass wir dort halten. „Dann trennen sich unsere Wege jetzt – oder willst du noch mit zu mir kommen?“, fragt Benni.
„Normalerweise gerne, aber heute will ich nur noch unter meine Dusche“, antworte ich.
„Kann ich verstehen, geht mir genauso“, bestätigt Benni.
Da wir beide verschwitzt sind und es auch im Schatten noch zu warm ist, fällt unsere Verabschiedung eher kurz aus. Zumindest kurz den Helm ausziehen und ein angemessener Abschiedskuss muss jedoch sein.
„Arbeitest du Dienstag?“, frage ich Benni, als ich schon wieder auf dem Fahrrad sitze.
„Ja, da hab ich Spätschicht, wir sehen uns also. Bis dahin!“
„Bis Dienstag!“

Nach einer erfrischenden Dusche und dem Rest der Melone, der nicht mehr in die Dose gepasst hat, schreibe ich meine gute Tat in unsere Gruppe. Wegen der Hilfe beantrage ich nur einen Punkt.
„Oh, eine tolle Idee. Vielleicht können wir das nächste Woche Sonntag ja auch machen! Dann fällt es nicht ganz aus und hat einen größeren Effekt als nur Freunde treffen und dadurch glücklich machen“, schreibt Mina sofort.
„Hey, Freunde glücklich machen ist kein „nur“, das ist total wichtig“, protestiert Niklas direkt.
„Das stimmt, das allein reicht. Trotzdem finde ich Minas Idee schön, wenn wir was alle zusammen machen, macht das bestimmt Spaß“, versucht Erik, zwischen den beiden zu schlichten.
„Meinetwegen können wir das machen, solange wir die meiste Zeit einfach gemütlich sitzen und quatschen“, finde ich.
„Ja, solange der Schwerpunkt auf dem Treffen liegt, bin ich auch dabei, für eine begrenzte Zeit Müll zu sammeln“, sieht Kerstin das ähnlich.
„Das klingt doch nach einem guten Kompromiss“, bestätigt auch Julia.
Zufrieden lese ich noch etwas und lasse den Sonntag entspannt ausklingen.

tbc
Unerwartete Herausforderungen
Anmerkungen zum Kapitel:Hallo ihr Lieben,

da es derzeit richtig gut läuft, kann ich euch jetzt schon versprechen, dass es auch nächste Woche ein Kapitel geben wird! Allerdings werde ich es vorerst bei einem Kapitel pro Woche belassen, damit mein Puffer nicht sofort wieder verschwindet. Außerdem muss ich ja nebenbei noch ein wenig Weihnachten schreiben... Herzlich Dank an meine beiden Review-Schreiberinnen Witch & Chi!

und jetzt viel Spaß beim Lesen Smiley
lg, Snoopy
Montag fahre ich nach der Arbeit nach Hause – oder besser gesagt ist das mein Plan, als ich eine ältere Dame sehe, die sich mit zwei schweren Einkaufstaschen kämpft.
Sofort fahre ich an die Seite, aber es dauert etwas, bis ich zu ihr auf die andere Straßenseite kann.
„Kann ich Ihnen helfen?“, frage ich sie freundlich.
„Ach, ich schaff das schon“, wehrt sie ab.
„Es macht mir wirklich keine Mühe. Ich kann Ihre Sachen in den Fahrradtaschen verstauen und schiebe es dann“, biete ich es ihr nochmal an, weil ich sichergehen will, dass sie nicht aus falscher Scham ablehnt.
Skeptisch sieht sie mich an. Es dauert eine gefühlte Ewigkeit. Gerade, als ich überlege, womit ich sie wohl überzeugen könnte, nickt sie.
„Gut, dann geben Sie mir die erste Tasche“, fordere ich sie auf und verstaue diese. Dasselbe Prozedere wiederholen wir danach mit der zweiten Tasche.
„Am besten gehen Sie vor und zeigen mit den Weg“, sage ich dann. „Zu zweit passen wir mit dem Fahrrad schlecht nebeneinander.“
Ein misstrauischer Blick trifft mich. Aber da ich meinen Helm vorhin ausgezogen und an den Lenker gehängt habe, sehe ich wohl nicht so aus, als ob ich jetzt mit ihren Lebensmitteln davon fahre. Erneut nickt sie und geht dann langsam voran.
Eigentlich würde ich mich gerne mit ihr unterhalten, weil die Zeit für uns beide dadurch sicher schneller vergehen würde, doch ich weiß wirklich nicht worüber. Da bin ich für meine älteren Herrschaften im Heim dankbar, die finden immer ein Thema. Wahrscheinlich hat die Dame vor mir ihre Gründe, warum sie so misstrauisch ist. Doch direkt danach zu fragen traue ich mich nicht.
Etwa fünfzehn Minuten später bleibt sie stehen. „Wir sind da“, verkündet sie.
„Gut, dann lade ich alles wieder aus. Soll ich Ihnen die Sachen noch vor die Wohnungstür bringen?“ Eigentlich würde ich ihr das alles ja auch in die Wohnung tragen, aber ich fürchte, dass sie dann denkt, dass das alles ein Trick ist, um sie auszurauben.
Auch bei meiner Variante zögert sie, nickt dann jedoch. Entsprechend schließe ich mein Fahrrad ab und folge ihr dann.
Sie schließt die Haustür auf und geht die Treppe hoch bis in den zweiten Stock. Das Haus hat keinen Aufzug und ich bin froh, dass sie mein Angebot angenommen hat, denn die Taschen sind wirklich schwer. Vor der Wohnungstür hält sie inne, den Schlüssel in der Hand, aber die Augen abwartend auf mich gerichtet. Schnell stelle ich die Taschen direkt neben der Tür ab.
„Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag“, sage ich und gehe wieder.
Auf der Treppe höre ich, wie sie die Tür aufschließt. Ich bin voller Mitgefühl, dass sie offensichtlich einiges an schlechten Erfahrungen mitmachen musste, dass sie so voller Misstrauen ist. Das sie sich nicht einmal bedankt hat, fällt dagegen kaum ins Gewicht – schließlich habe ich es nicht deswegen gemacht.

~~~~~~~


„Hey, schön dass du da bist“, begrüßt Benni mich, als ich auf der Station ankomme und nach einem prüfenden Blick, ob uns gerade auch wirklich niemand sieht, bekomme ich sogar einen kurzen Kuss.
„Ich freue mich auch dich zu sehen, obwohl ich gerne etwas mehr Zeit mit dir hätte“, antworte ich.
„Was ist heute der Plan?“, erkundige ich mich dann.
„Oh, das soll dir mal schön derjenige erklären, der ihn ausgeheckt hat“, lautet Bennis mysteriöse Antwort. Irritiert, aber auch neugierig folge ich ihm.
„Leon, wundervoll, dass du da bist“, begrüßt Herr Albers, nein Heinrich, mich überschwänglich. Dass ich ihn jetzt duzen darf, habe ich noch nicht so ganz verinnerlicht. „Hallo Heinrich“, begrüße ich ihn. „So, ich bin dann mal wieder arbeiten“, sagt Benni und ist im selben Moment quasi schon weg.
„Okay, was ist hier los?“ Misstrauisch sehe ich Heinrich an. Scheinbar ist er derjenige, der den ominösen Plan ausgeheckt hat.
„Naja, immer nur spielen ist ja langweilig, nicht wahr?“, beginnt er, um den heißen Brei herumzureden.
„Bislang fand ich es nicht langweilig, sondern sehr unterhaltsam“, entgegne ich. „Was ist denn dein Alternativvorschlag?“
„Wir könnten ja was singen. Unser Liederabend am Donnerstag muss nämlich ausfallen, weil Frau Meier erkrankt ist. Wir haben auch einige Mundorgeln hier, extra in Großdruck, damit jeder die Lesen kann.“
Ziemlich überfahren sehe ich ihn an. „Ich soll vorsingen?“
„Ach nein, da finden wir schon jemand. Du sollst eher die Lieder aussuchen, alle zum Mitsingen und vielleicht auch Schunkeln überzeugen und die Organisation übernehmen“, versucht Heinrich, mich zu beruhigen. Allerdings finde ich das nicht viel beruhigender.
„Ich habe so etwas noch nie gemacht. Wie viele Leute sind denn das normalerweise?“
„So zwanzig bis dreißig. Heute bestimmt nicht ganz so viele, weil das ja so spontan ist.“
„Aha“, kommentiere ich das nur, immer noch überfordert. Das sind in meinen Augen ganz schön viele Leute!
Heinrich missdeutet das als Zustimmung. „Wunderbar, dann gebe ich Benni und Elisabeth Bescheid, damit die helfen, die Leute zusammenzutrommeln. Du kannst die Zeit nutzen, um einige Lieder rauszusuchen. So acht bis zehn wären ganz gut.“ Ehe ich widersprechen kann, ist auch Heinrich fort. Der ist trotz Stock wirklich schnell, wenn er will.
Hilflos nehme ich eine der Mundorgeln in die Hand. Da sind recht viele Lieder drin, die ich gar nicht kenne. Und bei den Liedern, die ich kenne, bin ich nicht sicher, ob die alten Leute sie auch kennen. Außerdem kann ich all die Lieder mit Bezug zur Seefahrt nicht nehmen, weil die vor zwei Wochen ja zumindest teilweise schon dran waren und die nicht dementen Leute sich dann bestimmt beschweren.
Zum Glück liegt bei den Mundorgeln wenigstens auch ein Zettel und ein Stift, sodass ich mir notieren kann, welche Lieder in Frage kommen. „Auf de schwäbsche Eisebahne“ sollte auf jeden Fall klappen und „Die Gedanken sind frei“ sicherlich auch. „Drei Chinesen mit dem Kontrabass“ könnte eine gewisse Herausforderung werden, aber es ist auch eine nette kleine Gehirnübung, sodass ich das ebenfalls mit aufnehme. Alles was Englisch oder noch eine andere Sprache ist, fällt raus. Leider haben viele der Lieder, die ich kenne, irgendwie mit Seefahrt zu tun, beispielsweise „Ein Mann der sich Kolumbus nannt“.
Auf der nächsten Seite finde ich immerhin „Heho, spannt den Wagen an“, „Hoch auf dem gelben Wagen“ und „Horch was kommt von draußen rein“. Außer letzterem passt das alles auch gut zum Thema „Unterwegs“, damit kann ich inhaltlich sogar an den Liederabend vor zwei Wochen anknüpfen. „Im Frühtau zu Berge wir gehn“ darf bei diesem Thema natürlich nicht fehlen, genauso wie „Mein Vater war ein Wandersmann“ und „Nehmt Abschied Brüder“. Damit habe ich sogar schon neun Lieder zusammen. Als Lied Nummer zehn nehme ich „Wem Gott will rechte Gunst erweisen“ und als Zugabe „Von den blauen Bergen kommen wir“. Keine Ahnung, ob die alten Leute das kennen, aber das erinnert mich an frühere Klassenfahrten, vor allem zu Grundschulzeiten.

In dem Moment fährt Benni eine ältere Dame im Rollstuhl rein und platziert sie. „Guten Tag“, begrüße ich sie freundlich. Als Benni wieder geht, folge ich ihm kurz. „Du musst mich retten! Ich kann das doch nicht“, flehe ich ihn an.
„Zu spät“, erwiderte er gnadenlos. „Du hattest eben deine Chance, nein zu sagen. Aber jetzt, wo alle dabei sind, die Leute zu informieren, ist es zu spät. Ich hatte vorhin schon einen Haufen enttäuschter Menschen, denen ich verkünden musste, dass ihr geliebter Musikabend diese Woche ausfallen muss. Jetzt haben die gerade alle wieder Hoffnung geschöpft – ich mache ihnen das nicht wieder kaputt!“
Mit einem Seufzen resigniere ich und ergebe mich meinem Schicksal. Natürlich bringe ich es spätestens mit dieser Info auch nicht mehr übers Herz, die ganze Sache abzublasen, egal wie überfordert ich mich fühle.
Nach und nach füllt der Raum sich. Freundlich begrüße ich jeden. Manche betrachten mich neugierig, aber viele nutzen die Wartezeit auch, um mit ihren Sitznachbarn ein wenig zu quatschen. Mit Elisabeth und Frau Peters unterhalte ich mich natürlich etwas länger.
„Ach, das ist so toll, dass Sie jetzt spontan den Liederabend machen“, lobt Elisabeth mich überschwänglich. Unwohl würde ich mich am liebsten in einem Mauseloch verkriechen, doch ich kann keins finden. Auch Frau Peters ist begeistert: „Vielen Dank, das ist wirklich sehr nett von Ihnen. Wir wären doch alle sehr traurig gewesen, diese Woche nicht zu singen.“

Irgendwann steht Heinrich auf einmal wieder neben mir. „Ich denke, wir sind jetzt vollständig“, verkündet er mir.
„Gut, dann fange ich jetzt an.“ Am liebsten würde ich immer noch weglaufen, aber das wird auch in fünf oder zehn Minuten nicht anders sein. Von daher gilt – je schneller ich das hinter mich bringe, desto besser.
„Guten Abend, alle zusammen“, begrüße ich die älteren Herrschaften. Es dauert ein wenig, bis tatsächlich alle leise sind. „Schön, dass Sie alle so spontan hierher gekommen sind! Da ich noch nie einen Liederabend gemacht habe, hoffe ich, dass Sie nachsichtig mit mir sind. Als Motto habe ich mir „Unterwegs“ ausgesucht, das passt ja zur hohen See, wo Sie vor zwei Wochen waren.“
„Och wie schön“, höre ich da einen Zwischenruf und einzelne Leute klatschen. Dass sie so einfach zu begeistern sind, erleichtert mich ein wenig und nimmt mir Druck raus. Ich muss nicht perfekt sein, die wollen einfach nur etwas Abwechslung in ihrem Alltag haben!
„Und da am Anfang einer Reise ja immer der Abschied steht, singen wir als erstes 'Nehmt Abschied Brüder'. Ich hoffe, Sie kennen das Lied.“ Auch hier höre ich Zustimmung. „Wunderbar! Gibt es jemand, der mich beim Ansingen unterstützen würde?“
Sofort melden sich zwei ältere Damen und ein älterer Herr. „Super, vielen Dank! Dann zähle ich jetzt runter von drei und dann beginnen wir. Drei, zwei, eins.“ Überraschend synchron singen sie den Anfang des Refrains und rasch steigen die meisten anderen Senioren mit ein. Nur einige wenige, wie die Dame im Rollstuhl, die Benni ganz am Anfang reingeschoben hat, singen nicht mit. Sie scheint jedoch mitzusummen und bewegt sich zur Musik, wenn auch etwas neben dem Takt. Hauptsache, sie hat Spaß! Mir fängt es langsam auch an, Spaß zu machen und ich singe brav mit.
Wir sind bestimmt nicht der beste Chor der Welt, dafür haben wir einiges an Enthusiasmus zu bieten.
„Das hat ja schon sehr gut geklappt! Als nächstes müssen wir natürlich erstmal den Wagen anspannen – 'Heho, spann den Wagen an'“, verkünde ich das nächste Lied. Streng genommen passt es eigentlich gar nicht richtig rein, weil es ein Erntelied ist, doch ich habe nicht den Eindruck, dass sich irgendwer davon stören lässt. Dann wechsle ich munter zwischen dem Wandern und den anderen Transportmöglichkeiten, mit einer Rast, in der wir gehört haben, was von draußen reinkommt. Zu meinem Glück scheine ich die Lieder ziemlich gut ausgewählt zu haben, bislang konnte zumindest die Mehrheit und vor allem auch meine Vorsänger sie singen.

„So, und nachdem wir so lange unterwegs waren, sind wir jetzt in China angekommen! Dort sehen wir natürlich 'Drei Chinesen mit dem Kontrabass', was wir als letztes Lied singen werden. Erst singen wir es einmal normal, dann werden wir alle Vokale durch einen einzigen ersetzen beim Singen. Ich sage vorher immer an, welcher dran ist“, kündige ich an. Wie schon bei all den Liedern davor, zähle ich die Vorsänger ein. Die Standardvariante klappt problemfrei.
„Und jetzt mit a!“, fordere ich auf und singe kräftig mit. Ich habe beschlossen, einfach die Vokale alphabetisch durchzusingen und dann die Doppellaute ebenfalls. So kann ich mir am besten merken, was wir schon hatten.
Die Variation mit „a“ ist etwas holprig, weil einige das Prinzip nicht verstanden haben. Die „e“-Variation, die als nächstes folgt, ist da schon deutlich besser. Es macht wirklich Spaß. Immer wieder versingt sich jemand, aber es ist offensichtlich, dass alle sich viel Mühe geben, immer das richtige zu singen. Besonders „au“ und „ei“, die zum Schluss kommen, erklingen richtig enthusiatisch. Das „ie“ erspare ich uns, weil es akustisch ja nicht vom einfachen „i“ zu unterscheiden ist.
„Und jetzt nochmal normal!“, läute ich den Abschluss ein. Die Zugabe werde ich lassen, einige wirken ziemlich angestrengt.
Als wir fertig sind, applaudiere ich den älteren Leuten spontan. „Das haben Sie alle super gemacht!“ Dieses Lob lässt den einen oder die andere um einige Zentimeter wachsen vor lauter Stolz und sie applaudieren mir ebenfalls. Während Heinrich schon wieder verschwunden ist, vermutlich um Benni zu informieren und den Abtransport zu organisieren, kommen viele zu mir, um sich zu bedanken.
„Das war wirklich schön!“ „Sie haben das gut gemacht!“ „Hoffentlich springen Sie das nächste Mal wieder ein, wenn Not am Mann ist.“ „Die Lieder waren toll gewählt, dass hat mich an meine Jugendzeit erinnert.“ Bei so viel Feedback und Lob werde ich tatsächlich ein bisschen rot. Und ich bin froh, dass Heinrich mir nicht wirklich eine Wahl gelassen hat. Denn vermutlich hätte ich aus meiner Unsicherheit heraus nein gesagt. Dann hätte ich nicht nur nicht erfahren, dass das sogar Spaß machen kann, sondern ich hätte vor allem nicht gelernt, wie dankbar diese Menschen sind. Erst jetzt wird mir so richtig bewusst, wie wichtig diese Aktivitäten und Abwechslung für die hier wohnenden Menschen sind. Jetzt kann ich Bennis Weigerung und auch die Tatsache, dass er mich Heinrich überlassen hat, viel besser nachvollziehen. Er wollte wohl nicht in den Konflikt kommen, dass er sich zwischen meiner Unsicherheit und der Enttäuschung seiner Bewohner entscheiden muss. Vermutlich hat er auch geahnt, dass es mir am Ende Spaß macht oder ich zumindest froh bin, den alten Leuten den Gefallen getan zu haben.

Ohne dass ich es wirklich gemerkt habe, sind die meisten schon wieder verschwunden. Nur Elisabeth und Frau Peters sind noch da.
„Wollen Sie einen Kaffee trinken?“, erkundigt Elisabeth sich bei mir.
„Nein, aber ein Glas Wasser wäre super! Das Singen macht ganz schon durstig.“
„Kommt sofort“, sagt sie und macht sich auf den Weg.
„Das haben Sie wirklich schön gemacht. Es war toll, wie Sie auch Spaß hatten“, lobt Frau Peters mich.
„Danke. Ich hatte ja tatkräftige Unterstützung. Das Ansingen wäre mir nämlich doch schwer gefallen“, gebe ich zu.
„Trotzdem war das super. Wir hatten mal eine Vertretung, als Frau Meier drei Wochen in Urlaub war. Aber die war schrecklich. Ihr war es unglaublich wichtig, dass wir die Töne treffen und sie hat immer so leise gesprochen, dass die meisten sie gar nicht verstanden haben. Das hat niemandem Spaß gemacht und in der dritten Woche ist niemand mehr hingegangen. Seitdem fällt es immer aus, was schade ist. Aber die Vertretung war wirklich eine Katastrophe!“, erzählt sie mir.
„Oh, das klingt wirklich nicht gut!“ Wenn Frau Peters, die ich bislang als recht höflich und eher zurückhaltend kennengelernt habe, so deutliche Worte findet und dieses so dankbare Publikum ausgeblieben ist, muss das echt etwas heißen.

Etwa zeitgleich mit Elisabeth, die eine Flasche Wasser und vier Gläser trägt, kommt auch Heinrich zurück.
„Lassen Sie mich das ruhig machen“, biete ich Elisabeth an und nehme ihr die Flasche sowie die Gläser ab. Letztere stelle ich auf den Tisch und schenke uns allen dann von dem Wasser ein.
„Ich hoffe, du nimmst mir die Aktion nicht allzu übel“, sagt Heinrich ein wenig schuldbewusst.
„Nein, jetzt nicht mehr“, versichere ich ihm. „Anfangs fühlte ich mich schon ziemlich überrumpelt und alleingelassen, aber jetzt bin ich froh, dass ich es gemacht habe. Und freiwillig hätte ich mich wohl nicht getraut.“
„Dann bin ich erleichtert, mein Junge! Ich hätte es sehr bedauert, aber ich musste es einfach riskieren.“
Verständnisvoll nicke ich.
„Ihr duzt euch? Seit wann das denn?“, fragt Elisabeth neugierig nach.
„Seit Samstag, weil ich Leon eh versehentlich immer wieder geduzt habe“, antwortet Heinrich ihr.
„Dann lass uns doch auch zum 'Du' übergehen“, schlägt Elisabeth mir vor.
„Meinetwegen gerne.“
„Na, dann will ich nicht die einzige sein, die beim 'Sie' bleibt. Ich bin die Franziska oder gerne auch Fränzi“, schließt Frau Peters sich an.
„Freut mich, Fränzi. Ich bin Leon“, sage ich zur Sicherheit nochmal meinen Namen.
So sehr mir das gemeinsame Singen am Ende gefallen hat, bin ich doch froh, jetzt noch etwas Zeit mit meinen „Schützlingen“ zu verbringen. Das Wort trifft es nicht richtig, aber mir fällt auch kein anderes ein.
„Wie war denn deine Zeit seit Samstag? Denn das ihr da einen schönen Tag hattet, haben Fränzi und Heinrich mir schon erzählt“, erkundigt Elisabeth sich.
„Oh, der Sonntag war sehr schön, ich habe mit einem Freund eine Radtour gemacht.“ Heinrich schmunzelt natürlich wissend, als ich das sage. Dann fällt mir die Frau von gestern wieder ein. Sie ist mir heute den ganzen Tag nicht aus dem Kopf gegangen, erst durch meine unerwartete Chorleiterposition ist es mir entfallen. Dabei hatte ich doch ohnehin vor, den dreien davon zu erzählen, weil ich ihre Meinung hören wollte! „Und gestern habe ich einer älteren Dame geholfen, ihre Einkäufe nach Hause zu bringen. Die Taschen waren wirklich schwer, aber sie war so misstrauisch, dass sie sich erst gar nicht helfen lassen wollte“, berichte ich. „Ich frage mich, was sie wohl erlebt hat, dass sie so skeptisch geworden ist.“
„Kannst du denn sagen, wie alt sie war?“, fragt Heinrich.
„Oh, das finde ich sehr schwer zu schätzen“, antworte ich.
„Es gibt vermutlich verschiedene Möglichkeiten“, übernimmt Elisabeth. „Natürlich kann es sein, dass sie mal überfallen wurde oder andere schlechte Erfahrungen gemacht hat, aber es muss nicht sein.“
Verwirrt sehe ich sie an. „Warum sollte sie denn dann so misstrauisch sein?“
„Nun, wenn sie in den Nachkriegsjahren groß geworden ist, dann wird sie auch den Mangel an vielem damals erlebt haben. Und die Menschen gehen meist auf zwei verschiedene Arten damit um. Die einen sind unglaublich solidarisch und bemühen sich, einander zu helfen, obwohl fast niemand etwas hat. Aber die anderen gucken nur danach, dass sie selbst genug haben und sehen in jedem anderen Menschen einen Konkurrenten, der ihnen etwas von ihrem wertvollen Gut wegnehmen will. Wenn sie so von ihrer Mutter erzogen wurde – die Väter waren ja oft abwesend – dann wird sie das für den Rest ihres Lebens geprägt haben.“
„Und wenn ich mich immer abweisend und misstrauisch verhalte, werden die anderen Menschen mir auch entsprechend begegnen und ich kann nicht lernen, dass es auch einige nette, hilfsbereite Menschen gibt“, begreife ich. Die drei nicken zustimmend.
„Nun, auf jeden Fall tut es mir Leid für sie und ich bin froh, dass ich mich nicht habe abschrecken lassen. Egal, was jetzt die tatsächliche Erklärung ist.“
„Ich bin auch froh, dass du dich nicht leicht abschrecken lässt“, sagt Heinrich und zwinkert mir zu.
Grinsend zwinkere ich zurück. Schließlich ist mir klar, dass er gerade nicht von der Frau von gestern redet.
„Ja, du hast wirklich ein gutes Herz, Leon. Das ist absolut offensichtlich“, sagt Fränzi bestimmt.
„Danke“, antworte ich gerührt. Darum ging es mir gerade doch gar nicht, ich wollte nur wissen, was die Frau dazu gebracht hat, so zu werden. Eigentlich weiß ich aber auch, dass Fränzi es gesagt hat, weil sie es wirklich denkt und nicht, weil sie dachte, dass ich das hören will.
„So langsam sollte ich allerdings nach Hause, fürchte ich. Ich hab Hunger.“ Passend dazu knurrt mein Magen.
„Das passt, hier gibt es auch gleich Essen“, erwidert Elisabeth.
„Wir sehen uns Samstag“, verabschiede ich mich.
„Ja, bis Samstag“, erwidert Elisabeth. „Soll ich dich noch aufs Zimmer bringen oder Benni Bescheid geben?“, frage ich Fränzi. „Ach, aufs Zimmer bringen wäre nett, dann müssen wir Benni nicht extra bemühen“, antwortet sie.
„Oh, bevor du weg bist, habe ich noch eine Frage“, sagt Heinrich, während ich Fränzi beim Aufstehen helfe. „Hast du nächste Woche Donnerstag schon etwas vor?“
Ich überlege kurz, dann schüttele ich den Kopf. „Nein, da müsste ich Zeit haben. Wieso?“
„Der fünfundzwanzigste Juni ist beziehungsweise war Lottis Geburtstag. Ich würde gerne zu ihrem Grab gehen, aber alleine fahre ich ungern Bus. Manche Fahrer sind sehr rücksichtsvoll, aber andere geben sehr wenig acht und so gut bin ich einfach nicht mehr auf den Beinen“, erläutert er.
„Oh, das verstehe ich! Da begleite ich dich natürlich gerne und halte mir den Tag frei.“
„Das ist sehr nett. Die Kinder kommen zwar am Wochenende und werden natürlich mit mir auch zum Grab gehen. Aber da ich Zeit habe, möchte ich doch gern auch an ihrem Geburtstag selbst hin.“
„Kann ich gut nachvollziehen. Wie gesagt, das ist kein Problem, ich habe Zeit.“
„Wunderbar“, sagt Heinrich zufrieden. „Dann schon mal vielen Dank im Voraus und bis Samstag“, verabschiedet er sich. Vermutlich hätte er mich umarmt, aber mit Fränzi an meinem Arm ist das etwas schwierig.
„Wir müssen jetzt hier links“, erklärt Fränzi mir.
„Das habe ich mir schon fast gedacht“, antworte ich. „Sonst hätte Heinrich sich ja nicht verabschiedet.“
„Stimmt.“ Sie lächelt. Es dauert nicht lange, bis sie verkündet: „Und hier wohne ich.“ Da ich nicht auf die Namen an den Türen geachtet habe, bin ich froh darüber. Sonst wäre ich glatt mit ihr daran vorbeigelaufen. „Sehr schön. Dann darf ich mich nun auch von Ihnen verabschieden, werte Dame“, sage ich und gebe ihr einen Handkuss – selbstverständlich nur angedeutet, wie es sich gehört.
„Hach, du bist ein Charmeur“, erwiderte Fränzi und kichert.
„Nun, ich lerne vom Besten“, behaupte ich, was sie noch mehr zum Kichern bringt.
„Ja, Heinrich kann das auch sehr gut“, zeigt sie mir, dass sie genau weiß, von wem ich rede.
„Bis Samstag.“ Sie geht in ihr Zimmer.
„Genau, bis Samstag.“
Bevor ich das Altenheim verlasse, suche ich nach Benni, dem ich zufällig tatsächlich im Flur über den Weg laufe. „Fränzi ist in ihrem Zimmer“, informiere ich ihn. „Und jetzt kann ich nachvollziehen, was du vorhin meintest. Ich hätte sie auch nicht enttäuschen wollen.“
„Das habe ich mir gedacht beziehungsweise gehofft, dass du es verstehst“, antwortet Benni.
Bevor wir weiter reden können, leuchtet eine rote Lampe einige Türen weiter auf. „Oh, da muss ich hin. „Wir schreiben später“, verabschiedet Benni sich hastig.
„Ja, bis nachher.“ Ein wenig enttäuscht sehe ich ihm hinterher. Diese blöde Lampe hätte doch noch eine Minute warten können! Aber natürlich lassen Notfälle sich nicht timen und ich will selbstverständlich nicht, dass Benni meinetwegen seine Arbeit vernachlässigt.

Tatsächlich ist es schon fast halb elf, als Benni mir schreibt. „Sorry, heute war irgendwie wirklich viel zu tun. Treffen geht wohl nur am Wochenende, hab bis Donnerstag Spätschicht und ab Freitag dann Nachtschicht. Wie sieht es bei dir aus?“
„Samstag Nachmittag und den kompletten Sonntag bin ich verplant. Am besten wäre Freitag zwischen meiner und deiner Arbeit oder Samstag Mittag“, tippe ich. „Samstag Abend ginge auch noch.“ Da habe ich eigentlich die Vorbereitungen für Sonntag eingeplant, schließlich wollen wir alle etwas mitbringen. Tatsächlich weiß ich immer noch nicht, was ich mitbringen will, aber ein bisschen Zeit hab ich ja noch.
„Da ich Schlaf brauche, wird Samstag ziemlich knapp. Lass uns lieber Freitag nehmen. Passt dir 16.30h bei mir?“
„Sollte ich hinbekommen.“
„Perfekt, dann haben wir bis etwa 21.15h Zeit und können noch zusammen fahren. Oder ist es für dich ein großer Umweg, am Heim vorbei zurückzufahren?“
„Nein, das liegt mehr oder weniger auf dem Weg. Soll ich was mitbringen?“
„Glaub nicht. Falls doch, schreib ich dir nochmal.“, antwortet Benni. „Im Übrigen, falls du Beweise brauchst … Zwinkernd“ Er sendet zwei Videos hinterher. In dem einen singen wir gerade „Auf de schwäbsche Eisebahne“, in dem anderen „Mein Vater war ein Wandersmann“. Ich habe gar nicht mitbekommen, dass er da war, geschweige denn, dass er uns gefilmt hat. Die Perspektive ist sehr geschickt gewählt – man sieht nur mich von vorne, von den älteren Leuten sieht man nur die Hinterköpfe. Es klingt wirklich gar nicht so schlecht. Auch wenn ich am liebsten ein Video von den drei Chinesen gehabt hätte, freue ich mich, das zu sehen. Ich glaub, das zeig ich den anderen am Sonntag, anstatt es jetzt einfach weiterzuleiten. Natürlich können nicht sieben Leute gleichzeitig auf einen Handybildschirm gucken, aber ich will ihre Reaktionen sehen!
„Danke, die sind super geworden! Ich geh jetzt ins Bett. Dir noch einen schönen Abend und später gute Nacht. Träum was schönes!“ Rasch setze ich noch den Kuss-Emoji und den schlafenden dahinter.
„Gute Nacht und ebenfalls süße Träume“, schreibt Benni, ebenfalls mit einem Kuss dahinter.
Wenig später liege ich im Bett und schlafe mit einem sehr zufriedenen Gefühl ein.

tbc
„Kleinvieh macht auch Mist“
Anmerkungen zum Kapitel:Huhu,
gestern hab ichs leider nicht geschafft, aber heute kommt das versprochene Kapitel. Vielen Dank auch an Witch für das Freischalten & das Review - Antwort folgt, aber vermutlich erst nächste Woche (da ist ja schon Dezember)
Viel Spaß beim Lesen!
lg, Snoopy

PS: alternative Titelvorschläge werden gerne entgegen genommen
Ich habe absolut keine Lust, nach der Arbeit heute noch einkaufen zu gehen. Keine Ahnung, ob es an dem langen Arbeitstag liegt, aber irgendwie fühle ich mich heute ziemlich erschöpft. Leider sind meine Vorräte jedoch auf ein Minimum geschrumpft, weil ich letzten Freitag das letzte Mal einkaufen war. Außerdem hat Frau Müller mir einen Zettel an die Tür geklebt, ob ich ihr Waschpulver mitbringen kann. Sie hat mir extra genau aufgeschrieben, welche Sorte und von welcher Marke sie gerne hätte. Natürlich habe ich ihr heute morgen auf dem gleichen Weg geantwortet, dass ich das gerne mache.
Ich halte wieder nach dem Mann Ausschau, dem ich letzte Woche Montag das Wasser mitgebracht habe. Doch auch heute kann ich ihn nirgendwo entdecken. Wahrscheinlich bin ich heute einfach zu spät dran.

Zum Glück ist der Supermarkt einigermaßen leer. Für heute Abend nehme ich mir auf jeden Fall eine Fertigpizza mit. Kochen mag ich nach dem Einkaufen wirklich nicht mehr! Doch zuerst gilt es, sich mit Obst und Gemüse einzudecken, ein paar Vitamine müssen ja auch sein. Brot, Aufstrich und Müsli brauche ich ebenfalls. An der Kasse stelle ich fest, dass ich vor lauter Überlegen, was ich brauche, Frau Müllers Waschpulver ganz vergessen habe. Also gehe ich nochmal zurück. Ich muss ein bisschen suchen, aber dann finde ich das, was sie haben will. Das Ding wiegt zwei Kilo – kein Wunder, dass Frau Müller mich darum gebeten hat! Ganz schön schwer, gerade wenn sie noch andere Einkäufe zu tätigen hat. Und da sie nicht mehr so mobil ist, ist nur dafür einkaufen gehen auch keine richtige Option.
Erneut stelle ich mich an der Kasse an. Da es so leer ist, geht es erfreulicherweise auch hier recht schnell. Müde verstaue ich die Sachen. Gerade bin ich ausnahmsweise tatsächlich neidisch auf die ganzen Autofahrer hier. Normalerweise liebe ich mein Fahrrad ja, aber jetzt wäre es sehr schön, ohne Anstrengung nach Hause zu kommen.

Zuhause angekommen klingele ich bei Frau Müller. So muss ich meinen Schlüssel erst oben an der Wohnungstür rauskramen und ich will ihr ja eh das Waschpulver geben.
„Ach, Sie sind das, Herr Haenig. Haben Sie das Waschpulver finden können?“, erkundigt sie sich, als sie mich sieht.
„Ja, das war kein Problem, Sie haben es ja sehr detailliert aufgeschrieben“, antworte ich. „Wenn Sie wieder welches brauchen, melden Sie sich gerne. Das ist ja wirklich schwer.“
„Oh, das ist lieb. Darauf werde ich sicher zurückkommen, derzeit habe ich alles. Vielen Dank nochmal fürs Mitbringen! Ich gehe nur rasch meine Geldbörse holen.“

Ich würde ihr ja sagen, dass sie mir das Geld nicht geben muss. Doch so wie ich sie kenne, wird sie das vehement ablehnen. Wahrscheinlich wird es schon ein halber Kampf, dass sie mir nur das Geld dafür gibt. In der Tat zückt Frau Müller wenig später einen Fünf-Euro-Schein, den sie aus ihrem Portemonnaie geholt hat.
„Moment, ich gebe Ihnen sofort das Rückgeld.“
„Ach nein, das stimmt so. Als Dankeschön für Ihre Mühen!“
„Das ist sehr lieb, aber zu viel! Das sind ein Euro fünfzig mehr. Außerdem hatte ich keine Mühen, ich musste ohnehin einkaufen.“ Ich zeige auf die vollgepackten Taschen zu meinen Füßen.
„Trotzdem“, beharrt Frau Müller.
Nach zähen Verhandlungen darf ich ihr immerhin einen Euro als Rückgeld geben. Damit kann ich besser leben.
Oben schiebe ich als erstes die Pizza in den Ofen und verräume dann meinen Einkauf. Geschafft lasse ich mich auf die Couch fallen. Rasch tippe ich bei WhatsApp meine gute Tat des Tages ein. Allerdings bin ich so müde, dass ich nicht mal lese, was die anderen so geschrieben haben. Das hole ich wahrscheinlich morgen nach. Wenn ich nicht so hungrig wäre, würde ich vermutlich direkt ins Bett gehen. Tatsächlich gehe ich kurz nachdem ich die Pizza aufgegessen habe schlafen und liege somit schon um neun Uhr im Bett. Draußen ist es sogar noch hell. Ich weiß wirklich nicht, was heute los war. Hoffentlich reicht es, wenn ich heute länger schlafen und morgen ist dann wieder alles normal…

~~~~~~~


Donnerstag werde ich eine gute halbe Stunde vor meinem Wecker wach und fühle mich total ausgeruht. Deshalb ist liegen bleiben auch keine Option. Stattdessen überlege ich, wofür ich die unerwartete Zeit nutzen kann. In der Küche, wo ich mir mein Frühstück machen will, fällt mein Blick auf das Obst. Weil ich gestern aufgrund meiner Müdigkeit Entscheidungsschwierigkeiten hatte, habe ich Äpfel, Birnen, Bananen und noch Johannisbeeren eingekauft. Das bekomme ich auf keinen Fall alles rechtzeitig gegessen, zumindest nicht alleine. Daher beschließe ich spontan, Obstsalat daraus zu machen und auf die Arbeit mitzunehmen. Bis zum Mittagessen kann der auch noch schön durchziehen. Donnerstag sind wir ja alle da und die anderen freuen sich bestimmt über einen Nachtisch. Im Kühlschrank hab ich sogar noch etwas Zitronensaft, damit das alles nicht so braun wird.
Für vier Leute brauche ich ja keine riesigen Mengen, sodass ich in zwanzig Minuten alles fertig gemacht habe. In dem Moment habe ich auch endlich einen Einfall für Sonntag: Wir haben schon Nudelsalat, einen grünen Salat, selbstgebackenes Brot und verschiedene Dips sowie Muffins und Pizzaschnecken. Ich werde einfach Melone und Obstsalat mitnehmen! Wenn ich Kühlakkus dran gebe, sollte das gut klappen und mit etwas Zitronensaft sollte ich den Obstsalat auch einen Tag vorher machen können, schließlich sind wir fast doppelt so viele wie auf der Arbeit. Die Melone geht schnell, die kann ich am Morgen frisch aufschneiden.
Zufrieden frühstücke ich Müsli mit etwas Obstsalat und mache mich anschließend fertig für die Arbeit.

„Oh, was hast du denn da drin?“, fragt Ilka neugierig, als sie sieht, wie ich die Schüssel mit dem Obstsalat in unserem Kühlschrank verstaue. „Wirst du beim Mittagessen sehen“, sage ich nur geheimnisvoll. Ich will meine Kollegen heute Mittag überraschen und es nicht jetzt schon verraten.
„Du bist gemein“, beschwert Ilka sich lachend. „Jetzt bin ich erst recht neugierig.“
Ich grinse nur. Wenig später ist auch mein erster Patient schon da.

Die Zeit bis zur Mittagspause geht einigermaßen schnell vorbei. Als es soweit ist, bin jedoch auch ziemlich neugierig, wie meine Kollegen reagieren werden.
Passenderweise bin ich der erste im Aufenthaltsraum. Das nutze ich, um den Obstsalat auf vier Schälchen aufzuteilen. Es ist sogar noch etwas über, sodass wir uns nachnehmen können. Anschließend setze ich mich und fange schon mal an, mein normales Mittagessen zu essen – ein Brot und eine Möhre dazu. Sonst esse ich auch noch ein halber Apfel, aber den hab ich weggelassen, stattdessen gibt es ja Obstsalat.
Nadine ist die erste nach mir. „Oh, es gibt Obstsalat!“, stellt sie begeistert fest. „Hast du den gemacht?“
„Ja, ich hab gestern etwas übermotiviert eingekauft“, gebe ich zu.
„Super! Das darfst du gerne häufiger machen, wenn wir dafür Obstsalat kriegen“, sagt sie und holt ihr eigenes Essen raus.
Als nächstes kommt Ilka in die Küche. „Und, was war jetzt drin?“, fragt sie sofort und sieht mich gespannt an.
„Schau mal auf den Tisch“, antworte ich nur.
„Wow, Obstsalat für uns alle? Du bist der Beste!“ Sie ist völlig aus dem Häuschen.
„Ich dachte, als Chef bin ich automatisch der Beste“, kontert Alex belustigt. Er hat scheinbar nur das Ende mitbekommen, denn als nächstes will er wissen: „Wieso kommst du auf Leon.“
„Er hat uns allen Obstsalat mitgebracht“, erwidert Nadine und zeigt auf die Schälchen.
„Als hätte ich es geahnt“, sagt Alex schmunzelt. Irritiert sehen wir einander und dann wieder unseren Chef an. Was meint er denn damit?
Seine Antwort ist: „Wartet ab, bis ihr aufgegessen habt, dann werdet ihr es sehen.“
„Noch so ein Folterknecht“, murmelt Ilka leise.
Ich konzentriere mich lieber darauf, mein Essen so schnell wie möglich zu vernichten, um die Lösung des Rätsels zu erfahren. Da die anderen es genauso halten, sind wir heute alle besonders schnell mit dem Essen fertig.

Als Alex dann aufsteht und zwei Dosen Eis aus dem Tiefkühlfach zaubert, ergeben seine Worte auf einmal Sinn.
„Das passt wirklich perfekt zum Obstsalat“, stimme ich Alex zu.
„Ihr beiden seid die Besten“, erweitert Ilka auch sofort ihre vorherige Aussage.
„Wow, das ist echt gutes Timing“, findet auch Nadine.
„Wer möchte was?“, fragt Alex uns.
„Schoko und Vanille“, sind wir uns alle einig.
„Perfekt, dann muss ich nicht aufpassen“, stellt Alex zufrieden fest und gibt jedem von uns eine Kugel von jeder Sorte. Anschließend stellt er das übrig gebliebene Eis wieder ins Gefrierfach.
Glücklich löffeln wir alle unseren Nachtisch. Mit dem Eis schmeckt der Obstsalat tatsächlich doppelt so gut.
Viel zu schnell müssen wir wieder an die Arbeit zurück.
„Ich würde zu gerne noch eine Portion essen.“ Sehnsüchtig starre ich auf den Kühlschrank.
„Ja, ich auch“, stimmen Nadine und Ilka mir zu.
„Husch, husch, an die Arbeit“, scheucht Alex uns. „Wenn ihr brav seid, gibt es den Rest nach Feierabend!“
Mit dem Argument hat er uns sofort überzeugt und ohne Murren gehen wir wieder an die Arbeit. Mit der Vorfreude auf die anschließende Belohnung geht mir alles noch etwas leichter von der Hand.

„Nanu, heute Sie sind ja richtig beschwingt“, stellt Herr Greiner, ein älterer Mann, der seit Jahren zu mir kommt, fest.
„Der Chef hat uns bestochen. Wenn wir gut arbeiten, gibt es Eis“, raune ich ihm gespielt verschwörerisch zu.
„Das erklärt natürlich alles“, antwortet er und lacht. „Ein kluger Mann, Ihr Chef.“
„Oh ja, der weiß, wie man seine Mitarbeiter führt.“
Auf dem Weg nach draußen läuft Alex Herr Greiner über den Weg. „Das sollten Sie häufiger machen, so gute Laune hatte er noch nie“, schlägt Herr Greiner Alex vor. Der sieht mich leicht verwirrt an. „Ich hab ihm erzählt, dass du uns mit Eis als Belohnung geködert hast“, erkläre ich meinem Chef.
„Na wenn das so ist, dann sollte ich wohl das Weihnachtsgeld in tägliches Eis umwandeln“, stellt Alex fest. „Ist am Ende sogar billiger für mich, also gleich ein doppelter Gewinn.“
Wir lachen alle drei, bevor Herr Greiner geht und Alex und ich uns wieder der Arbeit widmen.

Kurz nach halb sechs komme ich in den Aufenthaltsraum. Nadine hat ihre zweite Portion schon fast aufgegessen. Wahrscheinlich muss sie gucken, dass sie loskommt, um die Kinder abzuholen.
Alex hat sich gerade seine zweite Portion fertig gemacht. Als er mich sieht, macht er die auch schnell fertig, während ich mich schnell umziehe.
Wenig später sitzen wir zu zweit in der Küche und löffeln genüsslich. „Arbeitet Ilka noch?“, frage ich.
„Ja, die ist noch bis achtzehn Uhr verplant“, erwidert Alex. „Hast du dein Date von letzter Woche eigentlich seitdem nochmal wiedergesehen?“
„Sonntag haben wir zusammen eine Radtour gemacht.“
„Oh, schön. Dann drück ich dir die Daumen, dass das zwischen euch klappt. Deine letzte Beziehung ist ja schon länger her, wenn ich mich nicht täusche.“
„Stimmt. Kann ja nicht jeder seine Frau mit zwanzig kennenlernen und direkt wissen, dass es die Richtige ist“, necke ich ihn.
„Nein, manchmal ist es auch der Richtige“, missversteht er mich absichtlich.
Alex ist schon ein echt cooler Chef. Er achtet darauf, dass wir unsere Arbeit ordentlich erledigen, aber dafür lobt er uns auch, lässt sich immer wieder mal was Nettes einfallen so wie mit dem Eis heute und ist auch an uns als Menschen interessiert.
„Geht es Susanne und den Kindern gut?“, erkundige ich mich nach seiner Familie.
„Ja, alle gesund und vor allem die Kinder auch munter. Die halten uns ganz schön auf Trab, vor allem Susanne natürlich, sie ist ja mehr Zuhause als ich. Gerade Max hat im Moment so viel Unfug im Kopf, es ist der helle Wahnsinn. Neulich hat er zum Beispiel eine Schneckenzucht in seinem Zimmer begonnen.“
„Wie kommt man denn auf solche Ideen?“, wundere ich mich laut. „Wie alt ist er jetzt nochmal?“
„Er ist letzten Monat acht geworden.“
„Das heißt Fabian und Lilly sind unkomplizierter?“
„Zumindest etwas pflegeleichter. Bei Fabi merkt man, dass er in der Pubertät ist mit seinen fast dreizehn Jahren. Aus ihm etwas rauszukriegen, ist nahezu unmöglich. Aber immerhin ist sein Zimmer noch betretbar und in der Schule läuft es auch einigermaßen. Lilly ist eigentlich am einfachsten, abgesehen von der Tatsache, dass sie nicht nur eine Vorliebe für sämtliche Disneylieder hat, sondern die auch lauthals durchs Haus schmettert und so besonders ihre Brüder nervt“, erzählt Alex.
„Hört sich so an, als wird euch niemals langweilig.“
„Nee, ganz bestimmt nicht.“
Kurze Zeit darauf kommt auch Ilka rein.
Alex macht ihr ihre Portion fertig.
Ich bleibe noch ein wenig sitzen und wir plaudern über dies und das, während Ilka das Eis mit Obstsalat isst.
„Einen schönen Feierabend und grüß deine Familie, Alex“, verabschiede ich mich, als Ilka aufgegessen hat und wir aufbrechen.
„Mach ich. Euch auch einen schönen Feierabend“, erwidert er.
„Danke, euch auch“, sagt Ilka.

Zufrieden komme ich wenig später Zuhause an. Als erstes gehe ich joggen. Letzte Woche habe ich es wegen dem Date tatsächlich ausfallen lassen, aber das soll ja nicht zur Gewohnheit werden. Weil ich meine gute Tat mit dem Obstsalat ja schon hinter mir habe, nutze ich anschließend die freie Zeit, um erst zu kochen und mich dann mit dem Essen – Reis mit Paprika und Tomatensauce – auf meinen Balkon zu setzen und den Tag in Ruhe ausklingen zu lassen.

tbc
Held im Supermarkt
Anmerkungen zum Kapitel:Hallo ihr Süßen,

erst einmal wieder vielen herzlichen Dank für die neuen Reviews! Leider lief diese Woche einiges nicht so wie geplant, aber nächste Woche kommen auf jeden Fall endlich auch mal wieder die Antworten. Eigentlich wollte ich das Kapitel auch gestern schon hochladen, aber dann habe ich kurzfristig eine kranke Kollegin vertreten...

Viel Spaß beim Lesen!
lg, Snoopy
Seufzend schwinge ich mich nach der Arbeit auf mein Fahrrad. Ich freue mich darauf, Benni gleich zu sehen. Wir wollen gemeinsam kochen. Ehrlich gesagt weiß ich noch gar nicht genau was es wird. Benni hat mich nur gefragt, was ich gar nicht mag und sich dann für ein Rezept entschieden. Leider hat er beim Einkaufen keine Ananas mehr gekriegt und die Äpfel vergessen, sodass ich diese Woche schon wieder freitags einkaufen muss. Dabei hatte ich den Mittwoch trotz meiner Müdigkeit extra einen Großeinkauf gemacht und mich nicht auf das Notwendigste beschränkt.
Naja, jammern hilft nicht. Natürlich möchte ich Benni behilflich sein. Mit etwas Glück kann ich das sogar als die gute Tat des Tages gelten lassen, denn wenn ich erst kurz vor zehn Zuhause bin, wird da wohl nicht mehr viel laufen. Und heute morgen habe ich auch nichts gemacht, da ich weder Zeit noch eine Idee dafür hatte. Deshalb bleibt mir eigentlich nur das Einkaufen. Es wäre kein Drama, aber bisher läuft es so gut, dass ich es wirklich schade fände, heute nichts zu finden.

Im Supermarkt angekommen ist es ähnlich voll wie befürchtet. Erschwerend kommt hinzu, dass ich hier normalerweise nicht einkaufen gehe, sodass ich nicht genau weiß, was hier wo ist. Aber zum Glück brauche ich nicht so viel, sodass ich mich in vielen Gängen zwischen den Leuten durchschlängeln kann. Bei den Konserven finde ich die Ananas – ich hatte extra nachgefragt, ob das okay ist – und die Äpfel sind auch schnell gefunden. Ich muss mich nur für eine Sorte entscheiden. Da sie ja offensichtlich zum Kochen gedacht sind, entscheide ich mich für einen eher säuerlich-aromatischen Apfel, die kommen verarbeitet meist besonders gut raus.
Dann gilt es nur noch, sich ins Getümmel an der Kasse zu stellen. Leider habe ich nicht das Glück, dass mich jemand vorlässt. Allerdings steht direkt vor mir auch ein kleines Mädchen, ich schätze mal im Grundschulalter, das ebenfalls nur zwei oder drei Teile hat. Der Kerl, der vor ihr steht und einen übervollen Einkaufswagen hat, kommt jedoch nicht auf die Idee, wenigstens die Kleine vorzulassen.
Auch hinter mir ist diesmal leider niemand, mit dem ich ein nettes Gespräch zur Überbrückung der Wartezeit anfangen könnte – es ist ein älteres, in ein Streitgespräch vertieftes Ehepaar.
Gedanklich versuche ich daher rauszufinden, was man wohl mit Äpfeln und Ananas kochen könnte. Ehrlich gesagt, habe ich keine Idee außer das beides Obstsalat zum Nachtisch geben soll. Das kann ich mir aber auch nicht vorstellen, dann hätte Benni vermutlich nicht gezielt nach diesen beiden Sachen gefragt.
Plötzlich werde ich durch ein schluchzendes „Es ist weg!“ aus meinen Gedanken gerissen.
„Wenn du kein Geld hast, dann musst du die Sachen hierlassen“, sagt die Kassiererin zu dem Mädchen. Sie wirft einen Blick auf die lange Schlange dahinter.
„Ich hatte aber fünf Euro! Aber jetzt sind sie weg“, versichert das Mädchen ihr und weint.
„Wie viel macht das denn?“, erkundige ich mich bei der Kassiererin.
„Drei Euro sechsundvierzig“, antwortet sie mir.
„Dann übernehme ich das. Können Sie das direkt bei mir auf die Rechnung setzen oder muss ich das separat bezahlen?“
„Da der Vorgang schon beendet ist, müssten Sie jetzt gleich bezahlen und dann kann ich erst ihre Einkäufe scannen. Oder ich muss alles stornieren.“
„Nein, dann bezahle ich direkt.“ Nachdem ich der Kassiererin Geld gegeben habe, fällt mein Blick auf das Mädchen. Sie scheint gar nicht mitbekommen zu haben, was passiert ist, denn sie sucht verzweifelt nach ihrem Fünf-Euro-Schein.
„Hey, junge Dame, es ist okay“, sage ich freundlich zu ihr. Erschrocken schaut sie mich an.
„Haben Sie meinen Schein gefunden?“, fragt sie hoffnungsvoll.
„Leider nein“, antworte ich. Als sich daraufhin direkt wieder Tränen in ihren Augen bilden, füge ich hastig hinzu: „Dafür habe ich deinen Einkauf bezahlt, du kannst die Sachen also trotzdem mitnehmen.“
„Ehrlich?“ Mit großen Augen starrt sie mich an.
„Ja, du kannst gehen“, versichert ihr die Kassiererin.
„Vielen Dank! Das ist sehr nett von Ihnen“, bedankt das Mädchen sich artig. Sie zögert einen Moment, dann umarmt sie mich kurz, schnappt sich ihre Sachen und hüpft zufrieden aus dem Supermarkt.
Lächelnd sehe ich ihr einen Augenblick hinterher, bevor ich mich der Kassiererin zuwenden muss, die in der Zwischenzeit meine Sachen gescannt beziehungsweise gewogen hat.
Erneut bezahle ich die geforderte Summe, dann packe ich meine Sachen. Für einen Moment bin ich versucht, genau wie die Kleine eben davonzuhüpfen, entscheide mich am Ende aber doch dagegen.
Erst als ich die Sachen in der Fahrradtasche verstaue, realisiere ich, dass ich jetzt auf jeden Fall eine gute Tat vorzuweisen habe. In dem Moment war mir das witzigerweise gar nicht bewusst, mir tat das Mädchen einfach nur leid. Ich erinnere mich noch daran, wie stolz und glücklich ich als Kind war, wenn ich mir selbst etwas kaufen konnte und konnte daher gut nachvollziehen, dass sie durch den Verlust am Boden zerstört war. In dem Alter sind fünf Euro ja noch ein halbes Vermögen!
Deutlich motivierter als vorhin schwinge ich mich auf mein Rad. Jetzt ab zu Benni!

Kurz nach halb fünf stelle ich mein Fahrrad ab, hole die Ananas und die Äpfel wieder aus den Fahrradtaschen und klingele. Nahezu sofort ertönt der Summer. Lächelnd gehe ich hoch. Benni wartet schon im Türrahmen auf mich. Ungeachtet der Tatsache, dass ich beide Hände voll habe, weil ich keine Einkaufstasche dabei hatte und auch keine kaufen wollte, küsst er mich als erstes. Es ist ganz schön schwierig, den zu erwidern mit dem Obst zwischen uns.
„Ich freue mich ja auch sehr, dich zu sehen, aber darf ich das Zeug vielleicht erst mal abstellen?“, lautet daher auch mein Kommentar, sobald Benni mich wieder freigibt.
„Oh, ja, sorry! Natürlich, komm rein“, entschuldigt er sich ein bisschen verlegen.
„Ist schon okay, es ist ja auch ein ziemliches Kompliment, wenn du nicht mal das abwarten konntest“, sage ich, als ich ihm in die Wohnung zur Küchenzeile folge.
„Naja, so schön die Radtour war, der Aspekt ist da etwas kurz gekommen und seitdem haben wir uns ja nicht mehr richtig gesehen“, erklärt Benni. „Hier kannst du alles abstellen.“
„Stimmt“, beantworte ich den ersten Satz, folge der Anweisung und drehe mich dann zu ihm um, um ihn nochmal zu küssen – und diesmal richtig.
Benni erwidert den Kuss ähnlich enthusiastisch. Irgendwann löst er sich von mir. „Vielleicht sollten wir rüber zum Sofa gehen. Ich glaube, das ist etwas gemütlicher.“
„Gute Idee!“ Es dauert tatsächlich ein wenig, bis wir wirklich dort ankommen, weil wir wie Teenies auch auf dem Weg dorthin immer wieder stehen bleiben, um uns zu küssen. Ich genieße es. Auf die Art und Weise noch mal Teeny zu sein, ist deutlich angenehmer als diese Unsicherheit, die ich bei den letzten Malen teilweise hatte.

Tatsächlich sitzen wir am Ende auch gar nicht wirklich auf dem Sofa. Im Sitzen zu knutschen, ist zwar auch möglich, aber wenn man sich insgesamt ein bisschen näher kommen möchte, sind die Beine so schnell im Weg. Deshalb liege ich jetzt auf dem Sofa und Benni halb auf, halb neben mir. Zum Glück ist es gerade eben breit genug dafür. Ich bin erregt, wenn auch nicht ganz hart und wenn mich nicht alles täuscht, geht es Benni ähnlich. Trotzdem beschränken wir uns darauf, einander immer wieder zu küssen und die Hände oberhalb der Kleidung entlangstreichen zu lassen.
Das finde ich sehr angenehm. Für mich hat Sex auch ziemlich viel mit Intimität zu tun, deshalb lasse ich mir gerne Zeit, meinen Partner erst mal außerhalb des Betts kennenzulernen. Benni scheint da erfreulicherweise ähnlich zu ticken oder sich zumindest instinktiv auf mein Tempo einzulassen. Denn so eindrücklich, wie er sich einen ersten Gute-Nacht-Kuss eingefordert oder auch mich heute zur Begrüßung überfallen hat kann ich mir absolut nicht vorstellen, dass er zu schüchtern ist und sich nicht traut, weiterzugehen.

Nach einer angenehmen Ewigkeit löst er sich von mir und wir schaffen es irgendwie, uns seitlich auch der Couch so gegenüberzuliegen, dass wir noch ein bisschen Platz zwischen unseren Gesichtern zu haben. So kann ich sein Gesicht auch einigermaßen erkennen.
„Ja, also ich hab mir gedacht, dass wir nicht sofort mit dem Kochen anfangen, sondern vielleicht einfach was trinken und über die Woche reden“, sagt Benni und lacht.
„Ich würde sagen, den ersten Teil des Planes haben wir schon mal hervorragend umgesetzt“, antworte ich und muss auch lachen. „Und der Vorteil von Teil zwei ist, dass wir das auch hervorragend parallel zum Kochen erledigen können. Küssen und kochen funktioniert dagegen eher schlecht.“
„Das stimmt allerdings.“
Eine Stille entsteht, die gleichzeitig voll mit Zuneigung und stummen Dialogen ist. Es lässt sich nicht in Worte fassen, aber ich habe das Gefühl, dass wir uns irgendwie ein wenig aufeinander einpendeln.
„Wenn du Hunger kriegst, sag rechtzeitig Bescheid. Das Essen dauert ein wenig“, informiert Benni mich ein paar Minuten später.
„Mach ich. Aber im Moment hab ich keine Lust, mich zu bewegen und es besteht auch noch keine Notwendigkeit.“
„Geht mir ähnlich.“
Wieder schweigen wir. Zwischendurch durchbrechen wir die Stille mit trägen, langsamen Küssen, ohne diese zu vertiefen.

„So langsam sollten wir vielleicht doch anfangen zu kochen“, gebe ich irgendwann zu, auch wenn ich eigentlich noch nicht aufstehen möchte.
„Ja, das habe ich gerade auch gedacht. Es dauert ja, bis das Essen fertig ist und ich habe keine Lust, direkt nach dem Essen auf die Arbeit zu müssen“, stimmt Benni mir zu.
Seufzend erheben wir uns.
„Was gibt es denn jetzt?“, erkundige ich mich neugierig.
„Wirst du sehen, wenn es fertig ist. Als erstes wartet einiges darauf, geschnitten zu werden“, ist Benni noch nicht bereit, das Geheimnis zu lüften.
„Boah, du spannst mich ganz schön auf die Folter“, protestiere ich scherzhaft.
„Du wirst es überleben“, gibt Benni sich unbarmherzig.
Grinsend ergebe ich mich in mein Schicksal und versuche, mir aus den Zutaten einen Reim zu machen. Es gelingt mir nicht wirklich. Wir haben viele Möhren, zwei Paprika, zwei Zwiebeln, einen Knoblauch, Frühlingszwiebeln und natürlich die Äpfel da liegen. Also gebe ich das Rätselraten für den Moment auf und schneide als erstes die Möhren in Scheiben, während Benni sich den Zwiebeln und dem Knoblauch widmet.
„Kannst du danach überhaupt noch arbeiten gehen?“, frage ich, als er den Knoblauch in die Hand nimmt.
„Ja, es kommt ja nicht die ganze Knolle rein.“
„Okay, dann geht es.“
Während die Zwiebel und der Knoblauch in Öl angebraten werden, schneiden wir beide je eine Paprika. Die Möhren und die Paprika folgen in den Topf. Parallel setzt Benni jetzt einen Topf mit Reis auf.
Während ich die Äpfel würfle, wechselt Benni zwischen Frühlingszwiebeln schneiden und in den Töpfen rühren hin und her.
Dann nimmt er einen kleinen Topf, der vorher schon da stand und kippt den Inhalt in den großen Topf mit dem Gemüse. Leider kann ich nicht genau erkennen, was in dem Topf drin war.
Als ich aufstehen will, um es mir von Nahem anzuschauen, schüttelt Benni streng den Kopf. „Nein, erst die Äpfel fertig machen!“
„Jawohl, Herr Leutnant!“, salutiere ich spöttisch.
„Na also, geht doch“, erwidert Benni im selben Tonfall.
Der letzte Apfel dauert gefühlt deutlich länger als die zwei davor, weil ich mittlerweile echt gespannt bin. In der Zwischenzeit gibt Benni schon mal die Frühlingszwiebeln, die Ananasstückchen und die fertig geschnittenen Äpfel zu dem Gemüse dazu.
Als der Apfel endlich fertig ist, stehe ich auf und gehe gucken. Leider werde ich abgelenkt, weil Benni gerade unten in seinem Schrank nach etwas kramt und mir so eine hervorragende Aussicht auf seinen Hintern bietet. Ja, ich bin neugierig – aber das fesselt meinen Blick dann doch noch mehr.
Benni begreift natürlich sofort, was Sache ist, als er mich mitten in der Küche stehen sieht mit dem Brettchen und Apfel darauf in der Hand.
„Und, hat dir die Aussicht gefallen?“, neckt er mich.
„Ja, sehr appetitlich. Ich hätte beinahe reingebissen, schließlich weiß ich nicht, ob unser tatsächliches Essen auch so lecker ist“, kontere ich.
Grinsend hebt Benni den Topfdeckel, damit ich die Würfel dazugeben kann. Dabei entdecke ich Kichererbsen und Kidneybohnen, die er offensichtlich vorgekocht hatte. Dann zeigt er mir, was er aus dem Schrank geholt hat: „Vielleicht gibt dir das den entscheidenden Hinweis.“
Überlegend sehe ich die Dose Kokosmilch an, während Benni sie schüttelt, öffnet und in den Topf kippt. Allerdings klingelt es erst, als er sich ans Würzen macht und als erstes reichlich von einem gelb-orangenem Pulver reingibt. „Curry?“, frage ich.
„Genau. Ich versuche darauf zu achten, größtenteils einigermaßen regionale Zutaten dafür zu nehmen, deshalb die Möhren, Äpfel und die Frühlingszwiebeln. Aber ein bisschen exotisch muss es auch sein, deshalb die Ananas“, erklärt er.
„Aber so viel Obst?“, wundere ich mich ein bisschen.
„Curry muss süß sein“, verkündet Benni mit Überzeugung.
„Ach so.“
Daraufhin sieht Benni mich unsicher an. „Nicht gut?“
„Weiß ich noch nicht, das kann ich dir erst sagen, wenn ich probiert habe. Es klingt auf jeden Fall gut, nur ungewohnt. Süßes kenne ich eigentlich nur als Nachtisch“, versuche ich ihn zu beruhigen, ohne falsche Versprechungen zu machen.
„Dann hast du da eine große Bildungslücke. Es gibt einige tolle Hauptgerichte, die süß sind!“
„Gut, dass du mir die alle nach und nach zeigen kannst und ich meine Bildungslücke so loswerde“, stelle ich amüsiert fest und küsse Benni.
Er erwidert den Kuss kurz, bevor er sich wieder dem Topf zuwendet. „So, jetzt muss ich langsam gucken, dass unser Essen fertig wird.“ Rasch fügt er noch einige weitere Gewürze dazu und rührt alles nochmal gründlich um.
Schnuppernd hänge ich meinen Kopf dabei über seine Schulter. „Es riecht auf jeden Fall lecker.“
„Aber ich kann so nicht vernünftig arbeiten“, antwortet Benni und weicht zur Seite aus. „Gib mir eine Minute, dann muss das alles eh noch etwas ziehen.“
Seufzend gedulde ich mich.
Tatsächlich dauert es nicht lange, bis Benni sich zu mir umdreht und mich zu sich ranzieht, um mich zu küssen. Zufrieden schmiege ich mich an ihn. „Weißt du was?“, frage ich ihn in klassischer Kinder-Manier.
„Nein, was denn?“, geht er auf mein Spiel ein.
„Du bist noch viel süßer als das Curry“, antworte ich schmunzelnd.
„Warte ab, du hast doch noch gar nicht probiert“, widerspricht er mir, doch ich kann sehen, dass seine Mundwinkel sich heben, bevor er mich wieder küsst. So lasse ich mich natürlich gerne zum Schweigen bringen.

Einige Zeit später lösen wir uns wieder voneinander. Benni gibt mir Teller und Besteck, damit ich den Tisch schon mal decken kann, während er das Essen abschmeckt. Kurz darauf sitzen wir beide vor unseren dampfenden Tellern.
„Guten Appetit“, wünscht er mir.
„Danke ebenso!“ Vorsichtig puste ich erst mal, das Essen ist echt heiß.
Endlich ist es kühl genug, dass ich probieren kann. „Mhh, das schmeckt echt lecker“, lobe ich dann.
„Freut mich, dass es dir schmeckt. Ich mag Curry total gerne, besonders im Winter. Es ist eins meiner absoluten Lieblingsessen“, verrät Benni mir.
„Gut zu wissen.“
„Was isst du am allerliebsten?“
„Hmm, schwierig, das wechselt bei mir immer wieder. Im Winter steh ich auf jeden Fall total auf Apfel-Rotkohl“, antworte ich ihm. „Wenn es heiß ist, esse ich meist viel Salat in allen möglichen Variationen. Das passt dann am besten, finde ich.“
„Stimmt, wenn es warm ist, passt Salat super. Zum Glück ist es heute ja nicht ganz so warm, im Gegensatz zu letztem Sonntag.“
„Ja, das stimmt.“
Unser Gespräch verstummt, weil wir uns auf das Essen konzentrieren. Zwischendurch sehen wir uns jedoch immer wieder an, flirten ein wenig mit unseren Augen und Blicken. Obwohl es eigentlich nur ein ganz normales Essen ist und wir beide uns noch nicht sehr lange kennen, habe ich in diesem Moment auf einmal das Gefühl, dass das zwischen uns richtig gut passen könnte.

tbc
Outing(s) bei Kaffee und Kuchen
Anmerkungen zum Kapitel:Huhu ihr Süßen,

Danke für die Reviews!

heute kommt ein extralanges Kapitel, bei dem der Titel Programm ist Smiley

Viel Spaß beim Lesen,
Snoopy
Am Samstag wache ich unglaublich gut gelaunt auf. Auf dem Weg ins Bad pfeife ich sogar. Gestern Abend war wirklich total schön! Nach dem Essen hatten wir noch zwanzig Minuten oder so Zeit, die wir zum Küssen und Kuscheln genutzt haben. Dann hat Benni sich fertig gemacht und sein Rad aus dem Keller geholt. Vor der Haustür habe ich mir ihn dann nochmal geschnappt, um mich vorab schon mal zu verabschieden – vor dem Altenheim will er ja aus verständlichen Gründen nicht rumknutschen. Als ich ihm das so gesagt habe, hat er gelacht. Im Anschluss daran sind wir dann zum Altenheim gefahren und ich habe noch einen kurzen Kuss auf den Mund bekommen. Dann bin ich nach Hause gefahren. Den restlichen Abend habe ich hauptsächlich damit verbracht, glücklich grinsend in die Gegend zu starren und mich an die Zeit mit Benni zu erinnern. Ich kann mich wirklich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal so verliebt war. Meine letzte Beziehung fing auf jeden Fall irgendwie nüchterner und abgeklärter an. Das fand ich damals schade, dachte aber, dass das im Erwachsenenalter halt normal wäre. Umso glücklicher bin ich, jetzt zu entdecken, dass es wohl einfach nur nicht gepasst hat.

Während ich mir Frühstück mache, summe ich sogar. Ein bisschen schade ist es, das ich Benni heute nicht sehe. Andererseits war die Zeit, die wir uns Dienstag gesehen haben, auch nicht wirklich der Rede wert. Ich werde ihm nachher auf jeden Fall schreiben, bevor ich losfahre.
Auf Heinrich und Fränzi freue ich mich trotzdem sehr. Mal schauen, ob Elisabeth heute auch mit von der Partie ist. Heinrich wird mich bestimmt die ganze Zeit wissend angrinsen und ich kann mir nicht vorstellen, dass ich es vor den Damen verheimlichen kann. Aber ich kann ihnen ja sagen, dass ich jemanden kennengelernt habe – ich muss ja nicht sagen, dass sie denjenigen auch kennen.
Selbst die Haushaltsarbeiten gehen mir heute leichter von der Hand als sonst. Dieses Mal ist vor allem Wäsche waschen dran. Während die Maschine läuft, spüle ich, räume die Küche auf und mach sie gründlich sauber. Heute Mittag muss ich nicht kochen – von dem Curry war noch so viel übrig, dass Benni mir eine Portion für heute mitgegeben hat und selbst noch mindestens eine, wenn nicht zwei Portionen für sich übrig hatte. Allerdings fällt mir auf, dass ich nochmal einkaufen fahren muss, wenn ich morgen den angekündigten Obstsalat und die Melone mitnehmen möchte. Blöd, dass mir das gestern nicht eingefallen ist. Andererseits wäre ich dann später bei Benni gewesen, weil ich dadurch länger gebraucht hätte. So muss ich heute eben nochmal durch das Gewühl.
Zum Glück ist es mir rechtzeitig eingefallen. Jetzt am späten Vormittag ist noch einiges an Auswahl da, was das Obst angeht. Samstags nachmittags ist es mir schon passiert, das fast nichts mehr da war. Mit zwei großen Melonen und reichlich anderem Obst fahre ich zufrieden wieder nach Hause.
Mal schauen, wie ich das alles morgen in Schüsseln und Dosen verpackt kriege, um das alles gut transportiert zu bekommen!
Auch wenn ich jetzt noch etwas Zeit hätte, will ich erst heute Abend das Obst für den Obstsalat schneiden. Über Nacht durchziehen ist gut, aber es soll ja nicht alt werden.

Nach dem Essen kann ich nicht widerstehen und esse schon ein bisschen von der Wassermelone. Bei zwei großen Melonen sollte immer noch mehr als genug für uns alle für morgen übrig bleiben.
Dann ist es schon Zeit, die Wäsche aufzuhängen und mich danach fertig zu machen und zum Altenheim zu fahren.

Dort gehe ich wie üblich direkt zur Station durch. Kaum zu glauben, dass ich das erst seit diesem Monat mache – es fühlt sich schon sehr selbstverständlich an.
„Kann ich Ihnen weiterhelfen?“, spricht mich auf einmal jemand von der Seite an, als ich in Richtung von Heinrichs Zimmer gehe.
„Nein danke“, lehne ich freundlich ab. Weil das der diensthabende Pfleger zu sein scheint, stelle mich dann aber kurz vor: „Mein Name ist Leon Haenig, ich bin seit diesem Monat einer der ehrenamtlichen Besucher hier. Ich wollte Herrn Albers und Frau Peters abholen, eventuell auch Frau“, ich muss kurz überlegen, aber dann fällt mir tatsächlich Elisabeths Nachname ein, „Schmitz, wenn sie Zeit und Lust hat.“
„Ach ja, richtig, Miriam erwähnte heute Mittag, dass Sie kommen würden. Ich bin Jörg Schumann und habe heute die Spätschicht. Freut mich, Sie kennenzulernen.“
„Freut mich auch.“ Wir schütteln uns die Hände.
„Wenn Sie Hilfe brauchen sollten, melden Sie sich einfach. Sie wissen ja, wo alles ist, richtig?“, bietet er mir noch an.
„Ja, richtig. Vielen Dank, mache ich.“

Wenig später klopfe ich an Heinrichs Tür. „Herein“, ruft er gut gelaunt.
„Hallo Heinrich“, begrüße ich ihn.
„Das dachte ich mir“, antwortet er nur zufrieden.
Ein wenig verwirrt sehe ich ihn an, doch das ignoriert er gekonnt und umarmt mich stattdessen.
Ich erwidere die Umarmung, hake dann jedoch nach: „Was meinst du damit?“
„Na, unser Nachtdienst gestern war zwar etwas besser darin, sein Grinsen zu verstecken, aber nicht allzu viel. Ich bin ihm rein zufällig über den Weg gelaufen“, erklärt Heinrich spitzbübisch.
Wie zufällig gehe ich zum Fenster und schaue raus. Wie vermutet, kann man den Vorplatz vom Heim von hier aus ziemlich gut sehen. „Rein zufällig, ich verstehe.“ Da ich Heinrich nicht für jemanden halte, der stundenlang andere Leute beobachtet, vermute ich, dass der Blick aus dem Fenster wirklich Zufall war und kann ihm nicht böse sein. So viel Abwechslung gibt es hier ja auch nicht, auch wenn sie sich mit den verschiedenen Aktivitäten und Veranstaltungen wirklich Mühe geben.
„Weißt du, ob Elisabeth heute auch mitkommen wollte? Wir gehen ja wieder spazieren, oder?“
„Keine Ahnung, da musst du Fränzi fragen. Ja, davon bin ich jetzt mal ausgegangen“, beantwortet er meine Fragen der Reihe nach.
„Gut, dann gehe ich jetzt Fränzi abholen. Wir treffen uns in etwa fünf bis zehn Minuten am Aufzug, okay?“
„Ja, bis gleich.“

Kurz muss ich überlegen, doch dann finde ich den Weg zu Fränzi ohne große Probleme.
Auch bei ihr klopfe ich an.
„Ja bitte?“, erklingt es ein wenig zittrig.
„Hallo Fränzi, ich wollte dich zum Spaziergang abholen kommen“, erkläre ich, nachdem ich die Tür geöffnet habe.
„Oh, ist es schon so spät? Ich habe gelesen und darüber ganz die Zeit vergessen.“ Überrascht sieht sie auf die Uhr. „Zum Glück habe ich Fräulein Lehmann schon direkt nach dem Mittagessen gebeten, mir beim Umziehen behilflich zu sein. Nur die Schuhe fehlen noch.“ Als Fränzi meinen fragenden Blick wahrnimmt, schmunzelt sie: „Fräulein Lehmann ist unser Wirbelwind, wie Heinrich immer so treffend sagt.“
„Ach, Miri!“ Irgendwie klingt „Fräulein Lehmann“ viel zu seriös, um zu Miri zu passen. „Das mit den Schuhen ist kein Problem, da bin ich gerne behilflich“, sage ich ziemlich verspätet.
„Wunderbar.“
Wenig später zuckelt Fränzi mit ihrem Rollator neben mir zum Aufzug. „Kommt Elisabeth mit?“
„Ja, wollte sie. Wir können ja bei ihr klopfen, ihr Zimmer ist gleich hier.“ Sie deutet mit dem Kopf auf das Zimmer direkt neben mir.
Ich klopfe, doch es reagiert niemand. „Vielleicht wartet sie am Aufzug“, vermutet Fränzi.
„Gut möglich.“ Gemeinsam gehen wir weiter.

In der Tat warten Heinrich und Elisabeth am Aufzug auf uns. „Super, dann sind wir ja alle vollzählig und können los“, stelle ich zufrieden fest. „Schön, dass du heute auch mitkommst, Elisabeth.“
„Na, nachdem Heinrich und vor allem Fränzi mir so von eurem letzten Ausflug vorgeschwärmt haben, musste ich ja mitkommen“, behauptet sie. „Vielleicht können wir ja wieder in die Eisdiele gehen.“
„Hmm, heute ist es eher kühl“, gebe ich zu bedenken. „Aber wenn ich mich richtig erinnere, hat in einer kleinen Seitenstraße dort direkt um die Ecke ein schönes neues Café aufgemacht. Ich war dort erst einmal, aber der Kuchen war hervorragend.“
„Oh, das kenne ich noch gar nicht. Und dabei dachte ich, dass ich wirklich alle Cafés in der näheren Umgebung kenne“, sagt Elisabeth überrascht.
„Seid ihr denn auch einverstanden?“, frage ich Heinrich und Fränzi. Schließlich will ich die beiden nicht übergehen, nur weil Elisabeth heute ausnahmsweise auch mitkommt.
„Gerne, ich fand das letzte Woche wirklich sehr nett“, antwortet Fränzi.
„Ich hab auch nichts dagegen, wenn sie dort guten Kaffee haben“, schließt Heinrich sich an.
„Na dann passt das ja, den haben sie.“
Wir verlassen das Gebäude und machen uns auf den Weg. Heute ist es bewölkt und recht windig, wodurch es kühler ist als letzten Samstag. Aber letztes Wochenende war es auch wirklich ungewöhnlich warm für Mitte Juni, normalerweise ist es ja erst im Juli und August richtig heiß.
Da wir uns bewegen und meine Begleiter alle eine dünne Jacke tragen, passt es.
Unterwegs erzählt vor allem Elisabeth recht viel über die Cafés, die sie sonst so besucht. Es scheint im Altenheim eine richtige Café-Clique zu geben, die sich mindestens einmal in der Woche irgendwo trifft, gerne auch häufiger. Heute sind die anderen Damen – Herren scheinen nicht dabei zu sein – jedoch alle anderweitig verplant zu sein. „Umso mehr freue ich mich, dass ich mit euch jetzt doch wie jeden Samstag in ein Café komme“, verkündet Elisabeth zum Abschluss.

Kurz darauf sind wir fast bei der Eisdiele.
„Jetzt müssen wir hier rechts, über die Straße und in die kleine Gasse dort drüben“, führe ich unseren kleinen Trupp an. Da hier leider keinerlei Fußgängerüberwege sind, dauert es trotz Tempo-20-Zone einige Minuten, bis wir endlich die Fahrbahn sicher überqueren können.
„Hier geht es jetzt links rein“, sage ich einige Meter weiter. „So, dort drüben ist es.“
„Oh, das ist ja wirklich ganz versteckt“, stellt Elisabeth überrascht fest.
„Gut, dass wir da sind. Irgendwie war die Strecke heute doch ganz schön weit.“ Fränzi ist recht erschöpft. Ich ärgere mich ein wenig, dass ich das durch Elisabeths Gerede gar nicht richtig mitbekommen habe. „Das glaube ich, aber jetzt machen wir erst mal Pause, bis du wieder fit genug für den Rückweg bist“, verspreche ich ihr.
„Eine gute Idee“, befinden Fränzi und Heinrich synchron.
Obwohl das Café recht winzig ist – gerade einmal zwei Tische im Außen- und vier im Innenbereich – gelingt es uns, noch einen freien Tisch drinnen zu ergattern. Das ist der Vorteil daran, dass es so versteckt liegt. Es ist ein echter Geheimtipp.
Mit dem Rollator bis zum Tisch zu kommen ist gar nicht so einfach. Darüber habe ich im Vorfeld gar nicht nachgedacht, ob das Café auch behindertengerecht eingerichtet ist. Zum Glück schaffen wir es am Ende.
Fränzi holt erst einmal tief Luft, als sie endlich sitzt.
„Guten Tag, die Herrschaften. Was darf ich Ihnen bringen?“, fragt die junge Kellnerin uns. Sie wird höchstens Anfang zwanzig sein.
„Eine Tasse Kaffee“, bestellt Heinrich als erster.
„Ich würde einen Cappuccino nehmen“, macht Elisabeth weiter. „Für mich ebenso“, schließt Fränzi sich an.
„Für mich bitte den Jasmintee“, falle ich ein wenig aus der Reihe, aber gerade ist mir nicht nach Kaffee zumute.
„Sehr gerne. Möchten Sie auch etwas von unserem Kuchenbuffet dazu auswählen?“
„Welche Sorten haben Sie denn im Angebot?“, erkundigt Heinrich sich.
„Schwarzwälder Kirsch, Kaffee-Buttercreme, Nougattorte, Obstboden, Schokoladenkuchen und eine Nussrolle“, zählt die Kellnerin auf.
„Oh, Nussrolle? Davon möchte ich auf jeden Fall ein Stück haben“, sagt Fränzi begeistert. Sie lebt alleine bei der Vorstellung des Kuchens förmlich wieder auf.
„Für mich bitte ein kleines Stück von der Schwarzwälder Kirsch“, bestellt Elisabeth.
„Ein Stück Schokotorte, bitte“, sind Heinrich und ich uns einig – so sehr, dass wir sogar synchron bestellen, was uns alle vier zum Lachen bringt. Auch die Kellnerin muss schmunzeln. „Sehr gerne, kommt gleich.“

Tatsächlich dauert es nicht lange, bevor sie erst die Getränke und dann den Kuchen vorbei bringt. Es sieht wirklich alles köstlich aus.
„Das ist alles selbstgebacken, oder?“, hakt Fränzi interessiert nach.
„Genau, die machen wir alle selbst“, antwortet die Kellnerin.
„Das sieht man.“ Fränzi nickt.
„Dann hoffe ich, dass Sie es auch schmecken werden. Guten Appetit“, wünscht die Kellnerin.
Während Fränzi direkt den Kuchen probiert, nehme ich erst mal einen Schluck von meinem Jasmintee.
„Oh, der ist wirklich lecker! Genauso gut wie der von meiner Mutter und meiner Großmutter“, schwärmt Fränzi hingerissen. „Die Mühe hat sich auf jeden Fall gelohnt, hierhin zu gehen.“
„Das freut mich.“
„Der Kaffee ist auch hervorragend“, lobt Heinrich.
„Gut, das ich nicht zu viel versprochen habe“, bin ich beruhigt.
„Ja, das Café hier ist wirklich super“, stimmt auch Elisabeth den beiden zu.
Lächelnd probiere ich meine Schokoladentorte. Sie schmeckt wirklich himmlisch.
„Es haben übrigens ganz viele nochmal deinen Einsatz als Ersatz-Chorleiter am Dienstag gelobt, das hast du echt toll gemacht“, sagt Fränzi, die jetzt im Sitzen wieder genug Luft hat, um sich aktiver am Gespräch zu beteiligen.
„Das freut mich.“
„Wenn Frau Meier mal wieder ausfällt, beispielsweise im Urlaub, musst du das übernehmen. Das wäre so toll“, findet Elisabeth.
Heinrich schmunzelt nur, schweigt aber und genießt lieber den Kaffee und die Torte.
„Mal schauen. Jetzt habe ich es ja schon einmal geschafft, da wird das nächste Mal auf jeden Fall weniger Überwindung sein. Wenn ich es zeitlich hinbekomme, kann ich es mir schon vorstellen“, antworte ich.
„Wie war deine Woche eigentlich?“, erkundigt Fränzi sich. „Bei uns gibt es nicht viel zu erzählen, dein Einsatz war definitiv der Höhepunkt der Woche.“
„Oh, sie war insgesamt sehr schön. Ich habe Obstsalat für meine Kollegen gemacht, einem kleinen Mädchen mit Kleingeld ausgeholfen und für meine Nachbarin, die auch nicht mehr die Jüngste ist, Waschpulver eingekauft. Und morgen treffe ich mich mit meinen Freunden.“
„Das klingt sehr schön“, sagt Elisabeth.
„Ja, das stimmt. Aber das ist doch nicht das, was dich heute so zum Strahlen bringt“, hinterfragt Fränzi meine Antwort. „Und schieb es nicht auf den Kuchen, das war schon vorher so!“, durchschaut sie meinen Versuch, bevor ich auch nur den Mund öffnen kann. Ich habe ja schon geahnt, dass ich es heute nicht mehr verheimlichen kann.
„Also gut, du hast recht. Ich hatte gestern auch ein Date“, gebe ich zu.
„Oh, wie heißt sie? Wie alt ist sie? Wie habt ihr euch kennengelernt?“, will Elisabeth wissen.
Heinrich mustert sehr interessiert sein Stück Torte. Ich wette, er muss sich gerade ein fettes Grinsen verkneifen.
„Ehrlich gesagt ist es ein Mann“, gestehe ich. „Er ist etwa genauso alt wie ich. Wir haben uns in einer Eisdiele kennengelernt.“ Das ist ja fast die Wahrheit, schließlich habe ich Benni das erste Mal in der Eisdiele gesehen. Dass er mich nicht gesehen hat, ist etwas anderes.
„Das passt irgendwie auch besser“, sagt Fränzi zu meiner Überraschung. „Und ich wette, er ist genauso ein netter, hilfsbereiter Kerl wie du.“ Sie lächelt und irgendwie habe ich das dunkle Gefühl, dass sie weiß, wovon ich rede oder es zumindest ahnt. Heinrich ist eben nicht der einzige gute Beobachter, der im Heim wohnt! Denn ich bin mir ganz sicher, dass er ihr nichts gesagt hat.
„Also ich bin schon überrascht“, gibt Elisabeth freimütig zu. „Aber ich war schon immer der Meinung, dass die Hauptsache ist, das beide Beteiligten glücklich sind. Oder wie viele auch immer es sind.“ Ein wenig perplex sehe ich sie an.
„Naja, es gibt auch Menschen, die nicht für die Monogamie geschaffen sind. Und solange alle Beteiligten damit glücklich sind, ist das vollkommen okay! Diese ganzen gesellschaftlichen Konventionen sind doch völlig überholt“, erklärt sie und ich erinnere mich, dass sie ja ihre Kinder ganz alleine groß gezogen hat und nie verheiratet war. Kein Wunder, dass sie bei dem Thema eine sehr fortschrittliche Meinung hat.
„Das stimmt. Für mich würde es nicht passen, aber wenn alle einverstanden sind, ist es super“, stimme ich ihr zu. Zufrieden nickt sie und widmet sich wieder ihrer Schwarzwälder Kirschtorte.
„Zum Glück ist heute alles etwas freier und offener als zu unseren Jugendzeiten, auch wenn natürlich noch Raum nach oben ist“, sagt Heinrich.
„Ja, allerdings“, stimmen beide Damen ihm zu.
Anschließend widmen wir uns schweigend dem Kuchen und den Getränken.

Plötzlich muss ich an Thorsten denken. Er war meine erster Schwarm. Da er drei Jahre älter als ich war und heterosexuell, ist nie was zwischen uns gelaufen. Aber meine Gefühle für ihn haben mir damals erst so richtig klar gemacht, dass ich auf Kerle stehe. Kurz zögere ich, doch dann gewinnt meine Neugier überhand: „Könnt ihr euch noch an euren ersten Schwarm erinnern?“
Elisabeths Augen leuchten sofort auf. „Oh ja! Er hieß Fritz und war der ältere Bruder einer Klassenkameradin. Sie konnte ich nicht ausstehen, aber er war ein echter Charmeur. Gleichzeitig hatte er was rebellisches an sich und war bekannt dafür, die Regeln auszudehnen oder gar zu überschreiten. Er hat mich sogar mal geküsst! Leider ist er dann zum Studium weggegangen und hat dort seine Frau kennengelernt.“
Gespannt wende ich mich Fränzi zu, die neben ihr sitzt. Auch sie bekommt einen träumerischen Blick und ihre Wangen gewinnen an Farbe. „Horst war unser Nachbar. Als Kinder haben wir miteinander gespielt, doch dann war er irgendwann nur mit den Jungen und ich mich den Mädchen zusammen. So hatten wir uns aus den Augen verloren, obwohl nur zwei Häuser zwischen uns lagen. Als ich dann sechzehn war, wurde das andere Geschlecht auf einmal wieder interessant. Allerdings hab ich schnell bemerkt, dass Horst viele Mädchen mochte – und dann hab ich lieber meinen Günther genommen.“
„Verständlich!“, pflichte ich ihr bei, bevor ich mich Heinrich zuwende.
Er zögert kurz und sieht zu den beiden Damen, bevor er nickt und beginnt: „Bei mir war es der Otto. Ein fürchterlicher Angeber und Frauenheld, zwei oder drei Jahre älter als ich. Aber er sah so gut aus, dass er es sich erlauben konnten. Alle Mädels standen auf ihn – und ich eben auch.“
„Ich muss sagen, dass hätte ich dir gar nicht zugetraut, Heinrich!“ Erstaunt sieht Fränzi ihn an. Nervös sieht Heinrich sofort auf seinen Teller und bereut sichtlich, dass er ehrlich geantwortet habe.
„Doch nicht, dass es ein Kerl war“, sagt Fränzi beinahe tadelnd, als sie begreift, was er verstanden hat, „dass du eine Schwäche für die bösen Jungs hast.“
„Oh, das meinst du“, erwidert Heinrich erleichtert und sieht sie an. „Ich fürchte, da habe ich eine sogar eine ziemlich große Schwäche für.“ Und zu meiner Überraschung wird er sogar rot dabei.
Fränzi lacht vergnügt. „Ja, die besten wissen nie, was gut für sie ist“, scherzt sie und Heinrich fällt in ihr Lachen mit ein. Es ist unglaublich schön, die beiden so zu sehen. Ehrlich gesagt bin ich nicht sicher, ob Heinrich sich nicht gerade das erste Mal in seinem Leben geoutet zu hat. Auf jeden Fall tut es ihm unglaublich gut, so angenommen zu werden, wie er ist.
„Also das finde ich jetzt nicht so überraschend“, widerspricht Elisabeth Fränzi da etwas verspätet, „Heinrich schien mir immer ein bisschen zu perfekt zu sein – jetzt weiß ich, wo der Haken ist.“ Daraufhin brechen die drei erneut in Gelächter und Gekicher aus und ich kann mir ein wenig vorstellen, wie sie wohl während ihrer Pubertät waren. Es ist so ansteckend, dass ich einfach mitlachen muss.
„Schon schlimm, was diese alten Leute für schmutzige Geheimnisse haben, nicht wahr?“, wendet Heinrich sich irgendwann an mich, als wir uns alle wieder etwas beruhigt haben.
„Ja, furchtbar. Ich suche schon die ganze Zeit verzweifelt eine Ausrede, mit der ich unauffällig fliehen kann“, gebe ich zurück.
„Nichts da, junger Mann! Du hast mit dem Thema schließlich angefangen“, widerspricht Elisabeth mir da energisch. „Wer war eigentlich dein erster Schwarm?“
„Thorsten war einer der Stars in der lokalen Fußballmannschaft, drei Jahre älter als ich und seit ich denken kann mit seiner Freundin Lea zusammen. Er war schrecklich perfekt – gut aussehend, aber trotzdem total freundlich und nett zu jedem. Als ich etwa dreizehn war, hatten ein paar Jungs aus der höheren Klasse mich geärgert und er hat mich vor ihnen gerettet – da war er natürlich mein Held.“
„Hach, ganz romantisch. Der erste Schwarm und die erste Liebe sind schon was besonderes“, stellt Fränzi versonnen fest.
„Das stimmt.“

„Wünschen Sie noch etwas?“, fragt uns die freundliche Kellnerin irgendwann.
„Nein, danke. Nur die Rechnung“, antwortet Elisabeth ihr. Sie besteht dann auch darauf, die Rechnung zu übernehmen, schließlich seien wir nur ihretwegen in das Café gegangen. Auf unseren Widerspruch hört sie nicht.
„Na gut, dann bin ich aber beim nächsten Mal dran“, sagt Fränzi schließlich.
„Genau, und ich das Mal danach“, füge ich hinzu.
Sofort ernte ich Protest, weil ich ja schon meine Zeit opfern würde.
„Das stimmt überhaupt nicht! Auch wenn ich nicht unbedingt jedes Mal so einen Überfall mit unerwarteten Herausforderungen brauche“, an der Stelle sehe ich zu Heinrich, „macht es mir total Spaß, euch zu besuchen und es hat absolut nichts mit Zeit opfern zu tun! Und deshalb bestehe ich auch darauf, euch einladen zu dürfen.“
„Na gut, das ist ein Argument“, gibt Elisabeth widerwillig zu, während Heinrich sagt: „Das werden wir dann ja sehen.“ Seufzend bereite ich mich darauf vor, dass das eine große Diskussion geben wird, doch das ist es mir wert.

Auf dem Rückweg setzen wir das Geplänkel noch ein wenig fort. Dieses Mal achte ich darauf, dass wir ein bisschen langsamer gehen, damit Fränzi besser mitkommt und am Ende nicht ganz so erschöpft ist. Ich weiß nicht, ob es daran liegt oder ob sie durch den Kaffee und Kuchen besser gestärkt ist, auf jeden Fall ist sie nicht ganz so erschöpft, als wir wieder zurück sind. Elisabeth verabschiedet sich direkt am Aufzug von mir: „Bis nächste Woche Dienstag!“
„Ich begleite Fränzi auf ihr Zimmer und komme dann nochmal kurz vorbei, ja?“, wende ich mich an Heinrich. „Ja, mach das. Gerne“, antwortet er mir.
„Du tust ihm gut“, sagt Fränzi wenige Meter später. Erstaunt sehe ich sie an. „Er war sonst stiller und ernster. So wie heute habe ich ihn glaube ich noch nie lachen gesehen“, erzählt sie.
Ich weiß nicht so recht, wie ich darauf reagieren soll. „Er ist ein toller Kerl. Ich mag ihn wirklich gerne“, erwidere ich schließlich.
„Ja, das ist er. Das merkt man“, gibt Fränzi zurück. „Vielen Dank, es war wirklich wieder schön. Bis Dienstag“, verabschiedet sie sich, als wir an ihrer Zimmertür angekommen sind. Bevor ich zu Heinrich gehe, halte ich ihr die Tür noch auf. „Nicht der Rede wert. Eigentlich habe ich zu danken, ich fand es auch sehr schön. Bis Dienstag.“

Als ich kurz darauf bei Heinrich klopfe, ruft er direkt: „Komm rein.“
Ich folge seiner Einladung und setze mich auf den Stuhl.
Am liebsten würde ich ihm einige Fragen stellen, aber ich traue mich nicht so recht, weil ich seine Privatsphäre nicht verletzen will.
Doch Heinrich fängt selbst noch einmal davon an. „Vorhin war ich wirklich ziemlich nervös, aber ich bin froh, dass ich mich getraut habe“, gesteht er.
„Ja, das war ganz schön mutig. War es das erste Mal, dass du jemandem davon erzählt hast?“
Heinrich überlegt. „Irgendwie schon. Es war zumindest das erste Mal, dass ich es von mir aus angesprochen habe.“
„Das heißt bislang hast du es wenn nur nicht abgestritten, wenn jemand dich darauf angesprochen hat?“, vergewissere ich mich.
„Genau.“ Er nickt.
„Wusste deine Frau es?“, stelle ich die naheliegendste Frage. Schließlich hat er mir erzählt, wie gut sie sich verstanden haben und dass sie ihn wirklich gut kannte.
„Ja. Sie hat es wohl schon vor unserer Hochzeit gewusst, aber wir haben nie darüber geredet, bis wenige Wochen vor ihrem Tod. Da hat sie mich auf einmal darauf angesprochen“, berichtet Heinrich. „Manchmal frage ich mich, ob sie damals gespürt hat, dass sie bald sterben wird.“
„Gut möglich“, finde ich. „Wie ist sie denn damit umgegangen?“
„Oh, sie war fantastisch. Am wichtigsten war ihr, dass ich weiß, dass sie deswegen nicht böse auf mich ist. Sie hat auch gesagt, wenn sie geglaubt hätte, dass ich mich auf jemanden einlassen würde, hätte sie mich schon längst freigegeben – und falls das Wunschdenken sei, hat sie mich um Vergebung gebeten.“
„Das klingt echt toll!“ Ich kann mir kaum vorstellen, wie das für sie gewesen sein mag – bei beiden eigentlich nicht. „Es war nicht nur Wunschdenken, oder?“
„Nein, definitiv nicht! Es wäre nie für mich in Frage gekommen, sie zu verlassen, außer sie hätte sich in jemand anderen verliebt“, bestätigt Heinrich meine Vermutung.
„Und jetzt?“, hake ich vorsichtig nach.
„Jetzt bin ich ein alter Kerl ohne jegliche Erfahrungen – und nicht gewillt, jetzt noch damit anzufangen. Lotti hat damals versucht, mich davon zu überzeugen, mir jemanden zu suchen. Aber um ehrlich zu sein, ist mir das viel zu anstrengend, mir jetzt noch jemanden zu suchen. Solange ich geistig noch einigermaßen fit bin und mein Körper solche Aktionen wie heute halbwegs mitmacht, bin ich zufrieden“, antwortet Heinrich.
Ich bin ziemlich beeindruckt. „Wow, danke für die offene Antwort. Vermutlich klingt das seltsam, aber ich glaube, ich verstehe es.“
Heinrich lächelt. „Wenn ich nicht geglaubt hätte, dass du es verstehst, hätte ich es dir nicht erzählt. Es ist ein bisschen schade, dass Lotti dich nicht mehr kennenlernen konnte. Sie hätte dich gemocht.“
„Ich hätte sie bestimmt auch gemocht“, antworte ich gerührt.
„Ja, das denke ich ebenfalls. Von daher bin ich doppelt froh, dass du mich nächste Woche begleitest.“
Für einen Moment sitzen wir beide still da, in unseren Gedanken versunken.
Wenig später verabschiede ich mich mit einer Umarmung von Heinrich. Er drückt mich kurz, aber fest und ich verstehe den unausgesprochenen Dank dahinter. Manchmal sagen Gesten deutlich mehr als Worte.
„Bis Dienstag“, sage ich.
„Ja, bis Dienstag!“

tbc
Unter Freunden
Anmerkungen zum Kapitel:Hallo ihr Lieben,

mein NaNo-Vorrat ist mit diesem Kapitel leider aufgebraucht, aber ich hoffe, dass ich es nächste Woche trotzdem schaffe, ein Kapitel hochzuladen. Ich wünsche euch viel Spaß mit dem Kapitel, auch wenn genau diese Treffen mit Freunden derzeit nicht möglich sind und kreative Wege, um trotzdem in Kontakt zu bleiben!

Passt auf euch auf und bleibt gesund.
lg, Snoopy
Zufrieden verstaue ich die letzten Stücke geschnittener Wassermelone in der Dose. Das Wetter ist heute zum Glück wieder wärmer und sonniger, da macht der Ausflug deutlich mehr Spaß. Gestern, nachdem ich aus dem Altenheim zurück gekommen bin, hatte ich erfreulicherweise noch die zündende Idee bezüglich meines Transportproblems und habe Frau Müller gefragt, ob sie zufällig ein paar große Schüsseln und Dosen hat, die ich mir ausleihen kann. Und sie hat tatsächlich nicht nur die, sondern auch zwei große Tiefkühltaschen, sodass ich alles sehr gut mitnehmen kann. Meine ist nämlich zu klein. Für die zwei-Personen-Portion letzte Woche hat sie gut gepasst, aber sieben Personen ist definitiv was anderes!
Der Obstsalat ist gut gekühlt und über Nacht durchgezogen.
Ungeduldig warte ich darauf, dass es endlich Zeit wird loszufahren. Ich will nicht zu früh los und dann ewig auf die anderen warten, aber ich freue mich riesig, endlich mal wieder alle meine Freunde zu sehen. Seit wir die Challenge gestartet haben, also seit dem Beginn des Monats, haben wir uns nicht mehr alle gesehen. Beim Eisessen waren wir immerhin zu viert und Niklas hab ich dann ja am Sonntag direkt danach gesehen, aber Kerstin und Dennis gar nicht.

Schließlich ist es soweit, dass ich meine Sachen in die Kühltaschen packen und aufbrechen kann, ohne viel zu früh da zu sein.
Glücklich schwinge ich mich wenig später auf mein Fahrrad und fahre zum verabredeten Treffpunkt.
Julia und Niklas sind schon da, als ich ankomme. Der Rest fehlt noch, aber ich bin auch knapp zehn Minuten zu früh.
„Guten Morgen, ihr zwei. Herzlichen Glückwunsch nochmal zur Verlobung, wir haben uns ja seitdem nicht mehr wirklich gesehen“, begrüße ich die beiden und umarme sie.
„Guten Morgen und nochmal vielen Dank für deine Unterstützung“, antwortet Julia und drückt mich ganz fest.
„Ja, vielen Dank! Ohne dich hätten wir das vermutlich nicht hingekriegt“, bestätigt Niklas.
„Ach, ich glaub schon. Aber so war es schneller und ohne großen Eklat“, relativiere ich.
Julia bedenkt mich mit einem tadelnden Blick. Bevor wir das Thema vertiefen können, kommt Kerstin an.
„Hey ihr drei!“, ruft sie fröhlich, während sie zu uns kommt.
Noch während wir uns begrüßen, kommt auch Erik an.
„Das war echt eine gute Idee von dir mit dem Treffen heute, Leon“, sagt er.
„Vor allem schön, dass es tatsächlich geklappt hat“, stimmt Kerstin ihm zu.
„Und wie immer sind die üblichen Verdächtigen zu spät“, stellt Niklas grinsend fest.
„Stimmt, aber es ist ja auch gerade erst elf Uhr geworden“, antworte ich ihm.
Kurz darauf fährt Dennis mit seinem Auto auf den Wanderparkplatz, der unser Treffpunkt ist.
Zu unserer großen Verblüffung steigt Mina jedoch auch aus.
„Huch, wieso kommst du denn mit Dennis?“, fragt Julia verblüfft. Sie hat es heute wohl geschafft, Niklas zu überzeugen, denn sie sind beide mit dem Fahrrad da.
„Weil ich die ganzen Sachen nicht auf dem Fahrrad transportieren konnte“, erwidert Mina, als wäre das völlig offensichtlich. Wenig später ergibt es tatsächlich Sinn – mit Sachen meint sie nämlich nicht ihren Nudelsalat, den sie vorbereitet hat, sondern so Greifer, Handfeger und Kehrschaufel, Müllbeutel, Handschuhe, Eimer und was man sonst noch alles so zum Müll aufsammeln brauchen kann. Ich bin nicht sicher, ob wir hier wirklich alles davon nutzen können. Aber man kann Mina auf keinen Fall den Vorwurf machen, dass sie unvorbereitet gekommen wäre!

„Das heißt wir fangen erst mit dem Müll sammeln an und machen dann das Picknick?“, will Kerstin wissen.
„Ja, macht am meisten Sinn. Erst die Pflicht, dann das Vergnügen.“ Es ist Dennis deutlich anzuhören, dass er kein Problem damit hätte, direkt zum Vergnügen zu springen.
„Absolut, ich wollte mich nur vergewissern“, antwortet Kerstin sofort.
„Wir können ja daraus eine Mini-Challenge machen. Wer als erster seinen Müllbeutel voll hat, hat gewonnen“, schlägt Niklas vor. „Der Gewinner kriegt dann eine Extraportion von dem Essen, das er will.“
„Nein, das ist total kontraproduktiv, da bin ich dagegen“, widerspricht Mina energisch. „Wir müssen den Müll doch trennen!“
„Dann nehmen wir eben als Kriterium, wer am meisten Eimer voll hat. Dann schmeißen wir erst mal alles in die Eimer und sortieren es in den entsprechenden Müllbeutel, wenn der Eimer voll ist“, schlägt Erik als Kompromiss vor.
„Das klingt gut“, befindet Julia und auch wir anderen stimmen zu. Mina wirkt immer noch nicht hundertprozentig glücklich damit, doch sie fügt sich der Mehrheit. Anschließend verteilen wir uns auf dem Wanderparkplatz und den angrenzenden Wegen.
Mein Eimer ist leider erschreckend schnell voll. Beim Sortieren halte ich kurz inne und beobachte die anderen. Julia und Niklas kann ich gerade nicht sehen, weshalb ich mir sofort die Frage stelle, ob die zwei gerade wirklich Müll sammeln oder sich nicht eher zum Rummachen verzogen haben.
Kerstin und Erik sammeln beide ähnlich wie ich das eben gemacht haben – eine Mischung aus gründlich und effizient. Mina und Dennis haben sich dagegen jeweils für eins der Extreme entschieden: sie hebt auch den kleinsten Müllfetzen noch auf und bewegt sich entsprechend so gut wie gar nicht vom Fleck, während er nur den gröbsten Müll in den Eimer gibt, um den so schnell wie möglich voll zu kriegen.
Grinsend schüttele ich den Kopf. So gegensätzlich, wie die zwei sind, ist es fast ein Wunder, dass sie sich nicht noch öfter in die Haare kriegen und die gemeinsame Fahrt hierher überlebt haben!

Etwa zwei Stunden und dreieinhalb volle Eimer später beginnt mein Magen zu knurren.
„Was haltet ihr davon, wenn wir es gut sein lassen für heute?“, frage ich.
„Ja, das wollte ich auch gerade vorschlagen“, stimmt Kerstin mir sofort erleichtert zu.
„Ich mach den Eimer noch voll“, sagt Dennis, der unbedingt die Tages-Challenge gewinnen will.
„Aufhören klingt gut, wir wollen ja auch reden. Und das geht beim Müll sammeln ja nicht so gut“, unterstützt Julia meine Idee. „Außerdem hab ich Hunger“, ergänzt Niklas.
„Essen klingt gut“, ist Erik auch dabei.
„Aber hier liegt noch so viel Müll rum!“, protestiert Mina vehement.
„Das stimmt leider. Aber da können wir Tage sammeln und werden immer noch nicht alles geschafft haben“, versuche ich, sie zu überzeugen.
„Da hat Leon recht“, bekräftigt Julia. „Ich hätte mir auch gewünscht, dass wir mehr schaffen. Trotzdem möchte ich den freien Nachmittag mit euch genießen, schließlich war das der ursprüngliche Plan.“
Seufzend gibt Mina nach.
„Und, wie viele Eimer hattet ihr?“, erkundigt Dennis sich.
Niklas antwortet fünf, Julia drei, Erik vier, Kerstin viereinhalb und Mina gerade einmal einen Eimer. Rasch sortieren wir die letzten Eimer in die Müllbeutel, verknoten diese und verstauen sie in Dennis Auto. Anschließend machen wir uns auf den Weg. Ungefähr zwanzig Minuten Fußmarsch von hier gibt es eine Grasfläche, auf der wir die mitgebrachten Decken ausbreiten wollen.

Das Buffet ist wirklich super und wir fallen wie eine Horde Heuschrecken darüber her. Minas Nudelsalat ist total lecker, genauso wie die Pizzaschnecken von Dennis, Julias selbstgebackenes Brot mit den dazu passenden Dips wie Kräuterquark, Hummus und Guacamole von Niklas und der grüne Salat sowie das aufgeschnittene Gemüse von Kerstin. Da muss man wirklich aufpassen, sich nicht an den Hauptspeisen schon satt zu essen, sondern noch etwas Platz für den Nachtisch zu lassen!
Eriks Schokomuffins sind nämlich einfach nur himmlisch und mein Obstsalat und die Melone sind eine lecker fruchtige Ergänzung dazu.
„Boah, ich platze“, stöhnt Kerstin irgendwann.
„Ich bin auch pappsatt“, stimmt Julia ihr zu.
Erik schweigt. Der Blick, den er auf seinen halb aufgegessenen Muffin wirft, spricht dafür Bände – und das nicht von Hunger oder Appetit.
„Ja, zu wenig haben wir definitiv nicht“, stelle ich fest. Dem kleinen Stück Melone als Nachtisch vom Nachtisch kann ich allerdings nicht widerstehen.
„Meine Vernunft sagt mir auch, dass ich nicht noch einen Muffin essen sollte“, gibt Niklas zu, während er sich den nimmt.
Nur Dennis schüttelt verständnislos den Kopf und futtert munter weiter.

„Wie geht es euch eigentlich mit der Challenge?“, fragt Erik.
„Am Anfang wollte ich ja eigentlich nur gewinnen, aber mittlerweile finde ich die Challenge an sich total schön. Viele Menschen freuen sich so sehr, wenn man ihnen hilft“, sagt Niklas.
„Ja, das stimmt, die Idee ist super. Ich freue mich trotzdem, wenn der Monat rum ist und ich nicht jeden Tag unbedingt etwas finden muss“, gesteht Julia.
„Das geht mir ähnlich. Ich will auf jeden Fall weitermachen, aber jeden Tag ist echt viel, gerade wenn ich mal einen stressigen Tag auf der Arbeit hatte oder danach noch was vorhabe“, stimmt Kerstin ihr zu.
„Also ich werde versuchen, weiterhin jeden Tag mindestens eine gute Tat zu finden. Es ist so wichtig, diese Welt besser zu machen!“ Mina ist engagiert wie eh und je.
„Das ist echt eine Herausforderung und mir langfristig zu viel. Aber ich nehme jetzt auch Kleinigkeiten bewusster wahr, egal ob ich jemandem helfe oder derjenige mir hilft. Und dabei hab ich überrascht festgestellt, dass ich gerade so ein-Punkte-Sachen auf vorher schon gemacht habe“, berichte ich. „Was mich am allermeisten freut, ist dass ich mich endlich überwunden habe und jetzt regelmäßig im Altenheim bin. Die drei sind echt großartig und da bleibe ich auf jeden Fall dran!“
„Flirtet der Kerl denn immer noch mit dir?“, fragt Erik neugierig nach.
„Weiß ich gar nicht so genau. Ich glaube, es ist weniger geworden – aber jetzt stört es mich nicht mehr, sondern ich flirte einfach zurück“, antworte ich.
„Welcher Kerl?“, fragt Niklas nach.
„Heinrich, einer der Bewohner“, erläutere ich ihm.
„Du flirtest mit einem der Bewohner?“ Dennis ist sichtlich geschockt. „Seit wann stehst du denn auf so alte Säcke?“
„Auf den steht er doch nicht, der flirtet nur mit Leon. Dabei ist der eher an einem der Pfleger, die dort arbeiten, interessiert“, klärt Julia ihn auf. „Wie war eigentlich euer Date?“
„Er ist also schwul? Das hast du gar nicht erzählt!“, mischt sich Erik wieder ein.
„Wann hätte ich das denn erzählen sollen? Wir haben uns ja seitdem nicht mehr wirklich gesehen und ich wollte es nicht einfach nur schreiben“, verteidige ich mich. „Aber ja, Benni ist schwul und ehrlich gesagt war Heinrich es, der mich davon überzeugt hat, ihn nach einem Date zu fragen. Ohne ihn hätte ich mich vermutlich nie getraut.“
„Wie süß! Das hattest du mir gar nicht gesagt“, stellt Julia halb entzückt, halb empört fest.
„Total witzig, dass du durch die Challenge jemand kennengelernt hast“, sagt Kerstin.
„Das war auch meine erste Reaktion“, entgegnet Erik.
„Solange der Kerl dich nicht von der Challenge abhält“, sieht Mina das Ganze deutlich kritischer.
„Ganz im Gegenteil, er hat mir letzte Woche Sonntag geholfen, den Müll aufzusammeln“, halte ich dagegen.
„Also hattet ihr jetzt zwei Dates?“, erkundigt Niklas sich.
„Nein, drei. Vorgestern haben wir uns auch getroffen.“
„Und wie alt ist dieser Benni?“, hakt Dennis misstrauisch nach.
„Ein Jahr jünger als ich“, beruhige ich ihn. „Also um genau zu sein ein bisschen mehr, im Moment ist er noch neunundzwanzig, aber er hat im August Geburtstag.“
„Dann ist ja gut.“
„Hat eigentlich jemand einen Überblick, wie der aktuelle Punktestand aussieht?“, wechselt Niklas das Thema.
„Ja, klar. Ich habe extra Buch geführt“, antwortet Erik sofort.
Das bringt nicht nur mich zum Schmunzeln. Es hatte schon seinen Grund, warum ausgerechnet Erik derjenige war, der die Regeln der Challenge aufschreiben sollte!
„Die für heute für alle vereinbarten drei Punkte schon eingerechnet führt Mina mit fünfundreißig Punkten. Auf Platz zwei ist Leon mit vierunddreißig Punkten, auf Platz drei Dennis mit zweiunddreißig. Platz vier und fünf sind unenschieden, weil Julia und ich beide dreißig Punkte haben. Kerstin hat siebenundzwanzig Punkte und du bist letzter mit vierundzwanzig Punkten“, zählt Erik auf, nachdem er sein Smartphone zu Rate gezogen hat.
„Na, das klingt so, als müssten wir uns ranhalten“, sagt Niklas zu Kerstin. Er wirkt dabei jedoch ziemlich zufrieden. Verständlich – er hat Julia jetzt ganz offiziell für sich, da ist der erste Platz bei so einer Challenge gar nicht mehr so wichtig.
„Oder wir fangen einfach schon mal an, uns einen Gewinn für Platz eins zu überlegen“, scherzt Kerstin, woraufhin Niklas lacht, aber seinen Kopf schüttelt. „Es sind noch neun Tage, da können wir auch noch auf einen Gewinner-Platz aufsteigen!“, verkündet er theatralisch.
„Oh, bei dem Stichwort Gewinn fällt mir was ein“, ruft Julia und springt auf. Sie geht rasch zu ihrem Fahrrad und holt einen hübschen Beutel raus, mit dem sie zu mir kommt.
„Weil du uns beiden so sehr geholfen hast und wir wissen, wie sehr du das selbstgebackene Brot liebst, haben wir dir einen kleinen Leib extra gebacken und Hummus dazugegeben. Kräuterquark war uns bei dem Wetter etwas zu heikel.“
„Das wäre doch nicht nötig gewesen“, sage ich sofort, stehe jedoch auf und nehme den Beutel entgegen. „Vielen lieben Dank!“ Ich umarme sie und bedanke mich anschließend auch nochmal bei Niklas. Mal schauen, ob ich es schaffe, etwas für Benni zum Probieren übrig zu lassen! Julia hat nämlich recht, ich bin vollkommen verrückt nach ihren selbstgebacken Broten. Die sind immer köstlich – und entsprechend leider viel zu schnell aufgegessen!
Wenn ich nicht so pappsatt wäre, würde ich direkt eine Scheibe davon essen.

Weil ich gerade etwas müde werde, lege ich mich einfach auf die Decke und beobachte die anderen. Kerstin erzählt Erik, Julia und Niklas gerade irgendeine Geschichte von den Kindern aus dem Kindergarten. Eins der Kinder hat wohl etwas sehr lustiges gemacht, denn alle vier brechen in lautes Gelächter aus. Ich konnte es nicht wirklich verstehen, es ist mir aber auch egal. Gerade genieße ich es einfach nur, mit ihnen Zeit zu verbringen und sie so herzhaft lachen zu sehen.
Träge wandert mein Blick weiter zu Dennis und Mina. Als ich die beiden anschaue, stutze ich allerdings ganz schön. Läuft da etwas zwischen den beiden? Es sieht ganz danach aus, als ob sie miteinander flirten würden. Da die beiden so gegensätzlich sind – Mina die engagierte Aktivistin und Weltverbesserin, Dennis eher die bequeme, tendenziell egoistische Couchpotato – kann ich mir allerdings nicht vorstellen, dass die beiden auch nur annähernd zusammenpassen.
„Alles gut?“, fragt Erik mich leise. Vor lauter Beobachten habe ich gar nicht mitbekommen, dass er sich neben mich gesetzt hat. Müde blinzele ich ihn an und nicke. Dann deute ich unauffällig mit meinem Kopf zu Mina und Dennis rüber.
„Interessant! Mit dieser Art von Funken hätte ich bei den beiden jetzt nicht gerechnet“, bestätigt Erik meine Vermutung.
„Ich auch nicht“, antworte ich ihm. „Dann bleiben noch du und Kerstin“, necke ich ihn.
„Nein, das glaube ich nicht. Kerstin ist super, aber ich denke nicht, dass wir beide besonders gut zusammenpassen würden, auch wenn wir ein paar Gemeinsamkeiten haben.“ Die Entschiedenheit in Eriks Stimme lässt mich hellhörig werden.
„Gibt es da jemanden?“
„Nein, nicht wirklich“, wehrt er ab.
„Und unwirklich?“, mischt Julia sich ein, die sich auf meine andere Seite setzt. Sie wuschelt durch meine Haare, während ihr Blick neugierig auf Erik ruht.
Erik grinst verlegen und seine Wangen röten sich ein wenig.
„Erzähl“, fordere ich ihn auf und piekse ihn in die Seite. Jetzt macht er mich gerade wirklich neugierig und ich merke, wie ich dadurch wacher werde.
„Ich habe gestern doch meinem Nachbarn geholfen, die Sender bei seinem Fernseher einzustellen“, sagt Erik. Wir nicken beide. „Das war nicht Herr Höfer aus dem Erdgeschoss, sondern Philipp.“
„Der Student, der über dir wohnt?“, hake ich nach.
„Genau, nur dass er jetzt fertig mit seinem Studium ist und seine Doktorarbeit schreibt.“
„Was hat er denn studiert, dass er sich seinen Fernseher nicht einrichten kann?“, fragt Julia.
„Ist doch nicht so wichtig“, versucht Erik abzulenken.
„War das nicht irgendwas mit Geschichte und Lehramt?“, erinnere ich mich dunkel.
Eriks Blick bestätigt, dass diese Erinnerung korrekt ist.
„Und was genau ist dann gestern passiert? Der wohnt doch schon ewig über dir“, ertönt auf einmal Kerstins Stimme. Überrascht sehen Erik, Julia und ich zu ihr und Niklas. Wir waren alle so fokussiert, dass wir gar nicht bemerkt haben, dass sie uns jetzt auch zuhören. Ein Blick zu Mina und Dennis zeigt, dass die beiden jedoch noch ganz in ihr Gespräch vertieft sind.
„Ja, darüber sprechen wir dann als nächstes, aber bleiben wir erst mal bei Erik und Philipp“, sagt Niklas, der wohl meinem Blick gefolgt ist.
„Naja, Phil hat es nicht so mit Technik und dann hat er eben bei mir geklopft und gefragt, ob ich ihm helfen kann. Und er ist ja schon immer mein Typ gewesen, aber ich dachte, dass ich ihm zu alt bin. Schließlich liegen fast sieben Jahre zwischen uns“, erzählt Erik. „Auf jeden Fall standen wir dann nebeneinander da und als der Sendersuchlauf fertig war, wollte ich ihm die Fernbedienung in die Hand drücken. Aber er stand näher neben mir, als ich dachte, sodass ich ihn mehr oder weniger versehentlich umarmt habe. Daraufhin hat er mich geküsst – und ist dann panisch in sein Schlafzimmer gelaufen, weil ich zu überrumpelt war, um sofort zu reagieren.“
„Ist das nicht eine Einzimmerwohnung?“, wundert Kerstin sich.
Jetzt kann Erik ein leises Lachen und ein schelmisches Grinsen nicht mehr verkneifen. „Ja, er hat sich aufs Bett geschmissen“, gibt er zu.
Das bringt uns alle zum Lachen.
„Und du hast dich dann dazu geschmissen?“, vermutet Julia.
„Nachdem er meine Versuche, mit ihm zu reden, ignoriert hat – ja“, bekennt Erik freimütig.
Unser Gelächter wird deutlich lauter, was dazu führt, dass Mina und Dennis sich zu uns umdrehen.
„Was ist los?“, fragt Dennis irritiert.
„Wir haben uns gefragt, ob ihr überhaupt noch wisst, dass wir auch da sind“, kontert Erik schlagfertig, was unser Lachen nochmal verstärkt. Mina sieht daraufhin verlegen auf ihre Hände, die sie knetet, während Dennis gereizt zurückgibt: „Natürlich, wir haben uns nur unterhalten!“
„Was an sich schon eine halbe Sensation ist, da ihr sonst wenn überhaupt diskutiert oder euch gleich streitet“, erwidert Niklas sofort. Dennis sieht ihn deshalb wütend an.
„Kerstin, wie sieht es bei dir eigentlich aus?“, versuche ich, die Situation mit einem Ablenkungsmanöver zu deeskalieren.
„Oh, gestern kam mein Traumprinz mit einem Einhorn zu mir geritten und wir werden morgen heiraten“, geht sie darauf ein.
„Es gibt schwarze Einhörner?“, macht Julia ebenfalls mit.
„Klar. Wenn er auf einem weißen Einhorn gesessen hätte, könnte es ja nicht mein Traumprinz sein“, entgegnet Kerstin entschieden.
„Was habt ihr denn bitte genommen?“ Niklas schüttelt seinen Kopf. „Also, Erik, habt ihr dann jetzt ein Date ausgemacht?“
„Ja, haben wir, am Mittwoch. Ich bin ziemlich gespannt.“
„Du hast jemand kennengelernt? Wie heißt sie?“, erkundigt Dennis sich neugierig. Er ist wieder deutlich entspannter.
„Philipp“, sagt Erik trocken.
„Das ist aber ein seltsamer Name für eine Frau.“ Dennis fällt sein Fehler in dem Moment auf, als er zu Ende gesprochen hat. Schließlich weiß er wie wir alle, dass Erik bi ist. „Sag nichts, ich hab's vergessen! Es ist aber auch ewig her, dass du zuletzt was mit einem Kerl hattest“, verteidigt er sich.
„Stimmt. Vielleicht wird es gerade deshalb mal wieder Zeit“, antwortet Erik. Nach einem Schulterzucken sieht Dennis mich an. Er ist nicht homophob, aber eindeutig und ausschließlich heterosexuell und fühlt sich scheinbar mit der Situation überfordert. Allerdings bin ich nicht sicher, ob ich der bessere Ansprechpartner bin – ich stehe ja nur auf Männer und nicht auch auf Frauen.
„Letztlich ist das Entscheidende ja, dass ihr zusammenpasst und das hängt neben dem Charakter natürlich auch mit einer gewissen sexuellen Anziehung zusammen, aber nicht zwangsweise mit dem Geschlecht“, rettet Julia uns.
Mühsam verkneife ich mir eine Anspielung auf Dennis und Mira, bei denen ich neben einer ziemlich ausgeprägten Sturheit wenig Passung sehe, was ihre Eigenschaften betrifft. So wie Julia Niklas gerade küsst, hat sie wohl die Befürchtung, dass es Niklas ähnlich gehen könnte. Aber auch Kerstin und Erik werfen sich einen vielsagenden Blick zu. Doch da Dennis eben schon so gereizt war, lassen wir alle das Thema ruhen. Mal schauen, wie sich das entwickelt.

Auch ohne über Dennis und Mina zu reden, finden wir mehr als genug Themen und die Zeit verfliegt viel zu schnell. Es ist tatsächlich halb zehn, als wir uns voneinander verabschieden. Das mitgebrachte Essen bis auf mein Brot ist jetzt komplett vernichtet, schließlich hatten wir abends irgendwann wieder Hunger.
„Dir ist schon klar, dass es bei der Challenge nicht darum geht, sich einen Kerl zu angeln?“ Die Frage kann und will ich mir nicht verkneifen, als ich Erik umarme.
„Ich hab schon die ganze Zeit darauf gewartet, dass das kommt“, erwidert er. „Aber ich bin nicht gewillt, mir diese Chance entgehen zu lassen.“
„Kann ich nachvollziehen. Ich habe das mit Benni ja auch nicht geplant, wäre jedoch ziemlich dumm, die Gelegenheit nicht zu nutzen“, antworte ich ihm. „Und ich weiß ja, dass du es nicht ernst gemeint hast. Ich konnte nur einfach nicht widerstehen.“
„Verständlich, hätte ich an deiner Stelle auch nicht gekonnt.“
Bei Julia und Niklas bedanke ich mich nochmal für das Brot und den Hummus.
Mina und Dennis sowie Kerstin fahren mit dem Auto zurück. Der Rest von uns schwingt sich auf die Räder. Ein Stück des Weges fahren wir noch gemeinsam, bevor wir uns in der Stadt auftrennen.
Auch wenn ich noch ewig dort hätte bleiben können, merke ich, dass ich total glücklich und zufrieden mit dem heutigen Tag und unserem Treffen bin. Einmal im Monat muss das einfach sein!

tbc
Telefonmarathon
Anmerkungen zum Kapitel:Huhu ihr Lieben,

ein allerletztes Mal in diesem Jahr! Das aktuelle Kapitel ist gerade erst fertig geworden und ich weiß leider noch nicht, wann das nächste kommen wird - hoffentlich bald. Vielen Dank auf jeden Fall nochmal für alle Favoriteneinträge und Reviews - besonders an Chi und Witch!
Auf jeden Fall wünsche ich euch an dieser Stelle einen guten Rutsch ins neue Jahr - auf ein besseres 2021!
Viel Spaß beim Lesen und bis im neuen Jahr,
Snoopy
Heute bin ich besonders dankbar, dass ich Montags erst etwas später anfange. Wir haben den Rückweg gemeinsam genossen, sodass ich erst um zwanzig vor elf Zuhause war. Und dann habe ich bestimmt noch eine dreiviertel Stunde gebraucht, bis ich tatsächlich im Bett war, weil ich noch etwas aufgekratzt war und den Tag nicht enden lassen wollte.
Heute morgen habe ich mich ein bisschen darüber geärgert und vor allem etwas zu oft die Snooze-Taste gedrückt, sodass ich jetzt trotz länger schlafen dürfen spät dran bin.
Zum Glück nicht so spät wie vor unserem ersten Date, denn mit etwas Beeilung schaffe ich es noch pünktlich auf die Arbeit. Ich hätte auch wirklich keine Lust gehabt, mir schon wieder etwas von Alex anhören zu müssen – womit er ja auch noch recht gehabt hätte.

Bei der Arbeit selbst finde ich jedoch schnell in meinen gewohnten Rhythmus, sodass der stressige Morgen bald vergessen ist. Ich mag es wirklich sehr, mit Menschen zu arbeiten. Manche sind zwar anstrengend oder vereinzelt sogar unangenehm, doch mit den meisten gelingt es, ins Gespräch zu kommen und sie so etwas kennenzulernen.

Nach meinem letzten Patienten für heute bin ich zufrieden und freue mich auf meinen Feierabend. Recht schnell kehrt der Stress jedoch zurück, als mir klar wird, dass ich noch keinen Plan habe, was meine heutige gute Tat sein soll! Gerade nach dem Treffen gestern will ich heute nicht einfach nichts machen. Schließlich hat es bis jetzt so gut geklappt, da wird das letzte Drittel auch noch funktionieren. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass die anderen das gleiche denken. Montags ist es irgendwie immer schwierig. Auf dem Heimweg ergibt sich auf jeden Fall keine günstige Gelegenheit.

Zuhause angekommen mache ich mir erst mal was zu essen – das leckere Brot mit Hummus, was ich gestern geschenkt bekommen habe! Das geht schnell und ist wirklich gut.
Diese Woche habe ich es ja eigentlich gut, es sind nicht nur die üblichen zwei, sondern durch Heinrichs Bitte sogar drei Tage schon vorgeplant.
Natürlich! Da hätte ich längst schon dran denken sollen! Die Lösung ist ziemlich offensichtlich: ich sollte meine eigenen Großeltern mal wieder anrufen. Die freuen sich immer riesig darüber. Und wir haben ja damals ausdrücklich gesagt, dass es nichts ganz Neues sein muss. Auch Familienangehörige wurden nie ausgeschlossen als Empfänger der guten Tat – Niklas' Heiratsantrag und Julias „Ja“ wurden ja auch gewertet.
Zufrieden greife ich zum Telefon. Jetzt muss ich mich nur entscheiden, wen ich zuerst anrufe.
Nach kurzem Überlegen rufe ich als erstes Oma Bertha an, die Mutter meines Vaters. Opa Bernhard, ihr Mann, ist schon vor zwölf Jahren verstorben.
„Haenig“, meldet sie sich.
„Ja, hier auch. Hallo Oma.“
„Och, Leon, das ist aber schön, dass du anrufst! Wie geht es dir?“
„Mir geht es gut. Gestern habe ich mich mit meinen Freunden getroffen, das war sehr schön. Wir machen gerade einen Wettbewerb, bei dem es darum geht, so viel Gutes zu tun wie möglich. Seitdem gehe ich regelmäßig ins Altenheim hier und besuchen dort einige Leute, die nicht so viel Besuch bekommen.“
„Wie schön! Das klingt doch toll, da freuen die sich bestimmt“, antwortet sie begeistert. „Ich würde mich auch freuen, wenn du mich mal wieder besuchen kommst“, schiebt sie dann den Wink mit dem Zaunpfahl hinterher.
„Ja, Oma, werd ich machen. Aber diesen Monat schaffe ich es nicht mehr. Im Juli hab ich allerdings ohnehin vor, Mama und Papa zu besuchen, dann werd ich auch bei dir vorbeikommen.“
„Das klingt gut.“
„Wie geht es dir denn?“
„Ach, ich kann nicht klagen. Meine Knie tun manchmal weh, aber es hält sich in Grenzen. Freitags treffe ich mich ja immer mit meinen Freundinnen im Café, mit dem Garten bin ich auch soweit zufrieden. Ist natürlich viel Arbeit, aber so hab ich auch keine Langeweile“, erzählt sie.
„Schön, dass soweit alles gut ist. Achte darauf, dass du es im Garten nicht übertreibst, dann tun dir die Knie auch noch ein bisschen weniger weh“, ermahne ich sie. Ich kenne meine Oma schließlich und weiß, dass sie es gerne mal übertreibt. Das ist bei Arthrose natürlich eine schlechte Idee.
„Ja, ja“, winkt sie ab.
„Nun, du bist alt genug, du musst es wissen, Oma.“ Natürlich sage ich ihr das nicht als Einziger, der Rest der Familie weist sie auch immer wieder darauf hin. Eigentlich ist es ihr selbst ja auch klar – sie hält sich nur nicht daran.
„Gibt es sonst etwas Neues?“, wechselt Oma Bertha das Thema.
Kurz zögere ich, schließlich wissen Mama und Papa ja auch noch nichts davon. Doch ich denke mir, wenn schon Telefonmarathon, dann richtig und beschließe, meine Eltern gleich auch noch anzurufen.
„Naja, schon. Ich habe jemanden kennengelernt“, verrate ich.
„Oh, erzähl! Wie heißt er, was macht er?“ Anfangs hat Oma Bertha ein wenig damit zu kämpfen gehabt, dass ich nicht heterosexuell bin – ein Mann mit einem Mann gehört sich schließlich nicht! Mittlerweile hat sie das jedoch voll akzeptiert und verlangt immer Bilder von mir und meinem Partner, wenn ich einen habe, damit sie die ihren Freundinnen unter die Nase halten kann.
„Benni ist Altenpfleger, wir haben uns über den Wettbewerb kennengelernt.“
„Wie nett! Ja, wer Gutes tut, der wird auch belohnt“, stellt sie zufrieden fest. „Bring ihn doch mit, wenn du das nächste Mal kommst! Und schick mir ein paar Fotos von euch beiden“, fordert sie dann.
„Es ist noch ganz frisch, Oma, wir haben uns diesen Monat erst getroffen. Da ist es noch etwas früh für Pärchenbilder oder gar einen Antrittsbesuch bei der Familie“, wehre ich ab.
„Na gut. Ich will trotzdem ein Foto sehen, wenn du mich besuchst. Und spätestens Weihnachten bringst du ihn dann mit, dann seit ihr schließlich schon ein halbes Jahr zusammen“, handelt Oma einen Kompromiss aus.
„Mal schauen“, wiegele ich ab. „Ich werde sehen, was ich tun kann.“
„Streng dich an!“
„Okay, mach ich.“
„Dann wünsche ich dir noch eine schöne Woche. Vielen Dank für den Anruf und ich freu mich schon, wenn du vorbeikommst“, verabschiedet sie sich.
„Danke, ebenso! Bis demnächst“, antworte ich und lege auf.

Als nächstes rufe ich die Eltern meiner Mutter an, Opa Horst und Oma Lotta.
„Stotko.“ Wie immer ist es Oma, die ans Telefon geht.
„Hallo Oma, ich bin's“, antworte ich.
„Leon, wie schön, dass du anrufst. Horst, komm her, es ist der Leon!“
Glücklicherweise habe ich damit gerechnet, dass sie Opa dazu ruft und in weiser Voraussicht meinen Hörer vom Ohr weggehalten. Oma vergisst nämlich gerne, dass zu tun, wenn sie Opa ruft. Heute natürlich auch.
„So, Leon, du bist jetzt auf laut“, verkündet Oma kurz darauf.
„Wie geht es dir?“, fragt Opa mich.
„Mir geht es super, gestern habe ich mich mit meine Freunden getroffen.“
„Was habt ihr gemacht“, will Oma wissen.
„Erst haben wir herumliegenden Müll aufgesammelt und dann gepicknickt.“
„Oh, das ist eine gute Idee. Es ist wirklich eine Schande, wie viel Müll heutzutage überall herumfliegt“, findet Opa.
„Ja, das ist toll. Wie seid ihr denn auf die Idee gekommen?“
„Mina hatte die Idee, dass wir diesen Monat einen Wettbewerb machen können, wer die meisten guten Taten vollbringt. Und weil wir uns gestern den ganzen Tag getroffen haben, aber nicht nichts machen wollten, haben wir den Müll aufgesammelt“, erkläre ich.
„Super! Und da schimpfen immer alle über die Jugend von heute. Dabei habt ihr jungen Leute oft so tolle Ideen!“
Ich verkneife es mir, Oma darauf hinzuweisen, dass ich nicht mehr zur Jugend gehöre. Es wäre ihr eh egal.
„Was machst du denn sonst noch so an guten Taten?“, fragt Opa.
„Verschiedenes, beispielsweise meiner Nachbarin Sachen vom Einkaufen mitbringen, einen Obstsalat für meine Kollegen machen oder einige Bewohner im Altenheim besuchen.“
„Oh, wie lieb von dir! Deiner Nachbarin bringst du ja sowieso manchmal was mit, oder?“, erkundigt Oma sich.
„Ja, genau. Aber wir haben festgelegt, dass es nicht unbedingt etwas Neues sein muss.“
„Wie ist das denn im Altenheim? Sind die Leute noch fit im Kopf? Sind sie nett?“, will Opa wissen.
„Die, die ich besuche definitiv. Sie sind eher körperlich eingeschränkt, eine der Damen hat beispielsweise Parkinson“, erzähle ich. Bei der zweiten Frage bin ich ein wenig unschlüssig, wie ausführlich ich sie beantworten soll. Doch dann entscheide ich mich für die volle Wahrheit – Oma und Opa kennen mich so gut, früher oder später würden sie es eh rausfinden. „Ja, die drei sind sehr nett. Es sind zwei Frauen und ein Mann. Mit Elisabeth hab ich noch am wenigsten zu tun, sie ist meist nur dienstags dabei, wenn wir etwas spielen. Allerdings bewundere ich sie, sie hat zwei Kinder ganz alleine großgezogen und war nie verheiratet:“
„Wow, das wird wirklich nicht leicht gewesen sein“, stimmt Oma mir sofort zu.
„Mit Fränzi, das ist die Dame mit Parkinson und Heinrich verstehe ich mich super. Mit den beiden gehe ich samstags Spazieren und wir unterhalten uns über unsere Woche. Sie sind auch immer sehr an meinen guten Taten interessiert.“
„Schön, dass du dich mit ihnen so gut verstehst! Vielleicht können wir dich ja mal besuchen und ins Altenheim begleiten“, schlägt Opa vor.
„Sehr gerne! Ich denke, ihr würdet euch gut verstehen. Um ehrlich zu sein, erinnert Heinrich mich ein bisschen an dich“, antworte ich.
„Sehr gut! Dann kann er ein bisschen nach dir gucken“, befindet Oma.
„Ja, das ist wirklich gut. Man kann immer eine erfahrene Bezugsperson gebrauchen“, bekräftigt Opa.
„Das stimmt. Ohne Heinrich hätte ich Benni vermutlich bis heute nicht nach einem Date gefragt.“
„Wer ist denn Benni?“, haken beide synchron nach.
„Benni ist Altenpfleger in dem Heim. Ich hab ihn am ersten Tag des Wettbewerbs, als ich die Kinder meiner Nachbarn gesittet hab, damit die Mal ein bisschen Zeit zu zweit haben, in einer Eisdiele gesehen und mich verguckt. Und einen Tag später, als ich das erste Mal im Altenheim war, zu meiner Überraschung und Freude wiedergetroffen.“
„Hach ja, wer Gutes tut, der wird belohnt“, stellt Oma zufrieden fest.
„Wie schön, dass du wieder jemanden hast. Und wenn er auch in einem sozialen Beruf arbeitet, passt das sicher gut. Hoffentlich stellst du ihn uns irgendwann mal vor.“
„Bestimmt, Opa. Zumindest hoffe ich, dass es so weitergeht, im Moment ist es ja noch ganz frisch.“
„Klar, erst mal ist es wichtig, dass ihr beide eure Beziehung festigt. Wenn du ihn nach nicht mal einem Monat der Familie vorstellen willst, verschreckst du den Kerl ja nur!“, hat er Verständnis dafür.
Das bringt mich zum Lachen. „Sag das mal bitte Oma Bertha! Mit der hab ich eben telefoniert.“
„Da ist Hopfen und Malz verloren“, sagt Oma trocken und wir lachen alle drei.
„Auf jeden Fall schön, dass es dir so gut geht und du einige neue nette Menschen getroffen hast“, kehrt Opa zum vorherigen Thema zurück.
„Wie geht es euch beiden denn?“
„Ach, wir haben die Bilder von der letzten Reise sortiert, das war schön“, erzählt Opa.
„Und wir waren alte Freunde besuchen, die wir jetzt schon seit zwei oder drei Jahren nicht mehr gesehen haben, das war auch super“, ergänzt Oma. „Oh, jetzt am Wochenende waren wir mit Theo, Petra und auch mit Steffi und Katja essen, bei einem neuen Griechen. Das Essen war richtig gut!“
„Wow, das klingt super. Vielleicht können wir das nächste Mal, wenn ich da bin, auch dort essen gehen.“
„Natürlich, gerne“, bestätigt Opa sofort.
„Wie geht es denen denn? Ich habe schon länger nichts mehr von ihnen gehört“, erkundige ich mich dann. Petra ist Mamas Schwester und Theo ihr Mann. Mit meiner Cousine Katja habe ich sporadisch Kontakt, aber Steffi sehe ich eigentlich nur auf Familiefeiern. Sie ist einige Jahre älter als ich und wir haben wenig gemeinsam.
„Ach, denen geht es auch gut. Steffi wurde befördert und Katja hat jetzt ein interessantes Projekt. Aber danach fragst du sie am besten selbst, bevor ich was Falsches erzähle. Und bei Petra und Theo ist alles wie immer“, berichtet Oma.
„Ja, werde ich machen.“ Tatsächlich bin ich etwas neugierig, was für ein Projekt das ist. Katja ist nämlich Logopädin und auch wenn sie in einem anderen Bereich arbeitet, gibt es doch ein paar Überschneidungspunkte.
Danach plaudern wir noch ein wenig über allgemeinere Themen und ich erzähle ein wenig von meiner Arbeit, bevor wir uns verabschieden.
„Bis bald, Leon!“ „Pass auf dich auf!“
„Ja, bis bis bald. Und passt auch auf euch auf“, antworte ich belustigt.
„Machen wir“, erwidert mein Opa ebenso amüsiert.
Bevor ich jetzt meine Eltern anrufe, brauchen meine Ohren erst mal eine Pause. Ich merke, dass ich offensichtlich auch keine allzu rückengerechte Haltung beim Telefonieren hatte, denn mein Nacken-Schutern-Bereich protestiert leicht. Zum Glück weiß ich ja, welche Dehnübungen dagegen gut helfen. Etwas Bewegung tut mir gerade eh gut.

Etwa eine Viertelstunde später greife ich wieder zum Telefon.
„Leon! Schön, dass du dich auch mal wieder meldest“, geht meine Mutter mit einem typischen Satz an den Apparat.
„Hallo Mama. Erstaunlicherweise funktioniert das Ganze in zwei Richtungen und nicht nur in eine“, kontere ich.
„Leon!“, brüllt mir daraufhin eine begeisterte Stimme ins Ohr.
„Hey Micha“, antworte ich deutlich leiser. „Schrei nicht so, dann fällt mir ja das Ohr ab.“
„Oh, Entschuldigung“, sagt mein Bruder betreten und deutlich leiser.
„Schon okay. Ich wusste gar nicht, dass du gerade bei Mama und Papa bist.“
„Habe nur meine Asche abgeholt“, erklärt Micha – oder zumindest verstehe ich das.
„Bitte was hast du abgeholt?“, frage ich leicht entgeistert nach.
„Meine Tasche. Hab sie nach dem letzten Wochenende vergessen“, spricht er diesmal deutlicher. Micha hat die typische, leicht verwaschene Aussprache, die viele Menschen mit dem Down-Snydrom haben, auch wenn ich einige kenne, bei denen es deutlich ausgeprägter ist.
„Achso. Jetzt habe ich dich verstanden.“
„Ich muss auch wieder zurück, sonst machen die Betreuer sich Sorgen“, verkündet Micha.
„Okay, dann mach dich auf den Weg zurück ins Wohnhaus. Wir telefonieren bald wieder.“ Auch wenn ich es nicht ganz so oft schaffe, wie ich es will, telefoniere ich mit Micha noch am regelmäßigsten und wir schreiben auch oft bei WhatsApp.
„Ja, bis bald.“ Für einige Augenblicke höre ich nur Stimmengemurmel im Hintergrund, dann meldet meine Mutter sich wieder.
„Entschuldige, ich dachte eigentlich, dass Micha schon gegangen ist. Wie geht es dir denn?“
„Mir geht es gut, auch wenn ich grad ziemlich beschäftigt bin. Und wie geht es dir?“
„Oh, mir geht es auch gut. Womit bist du denn beschäftigt? Du hast doch feste Arbeitszeiten, oder?“
„Ja, hab ich. Mina hat sich etwas besonderes einfallen lassen und wir müssen jetzt alle jeden Tag eine gute Tat finden. Es reicht zwar eine Kleinigkeit, beispielsweise jemand etwas vom Einkaufen mitbringen, aber größere gute Taten bringen mehr Punkte. Außerdem kann ich das ja nicht jeden Tag machen, also muss ich manchmal auch ganz schön lange überlegen, was ich überhaupt machen könnte“, antworte ich.
„Das klingt wirklich nach einer Herausforderung, vor allem neben der Arbeit. Was machst du denn sonst so?“
„Zwei Mal die Woche bin ich im Altenheim, dort habe ich drei Senioren, die ich besuche. Ansonsten ganz unterschiedlich, was sich so ergibt. Den Link von dem Video auf Youtube hatte ich euch ja glaub ich geschickt, oder?“
„Das wo du die Übungen zeigst? Ja, hast du. Das heißt, ich muss ins Altenheim ziehen, wenn ich dich regelmäßig sehen möchte?“, scherzt Mama. Zumindest glaube ich, dass es ein Scherz sein soll. Allerdings finde ich ihn nicht besonders lustig. Stumm verdrehe ich die Augen.
„Nein, ich dachte, dass ich übernächstes Wochenende vorbei komme“, sage ich anschließend.
„Das klingt gut. Micha ist dann auch da.“
„Perfekt! Ich habe Oma Bertha versprochen, dass ich bei ihr auch vorbeischaue, dann kann er ja mitkommen, wenn er mag.“
„Wann hast du denn mit ihr gesprochen?“
„Vorhin.“
„Achso.“
„Außerdem habe ich jemanden kennengelernt und die Treffen mit ihm muss oder besser gesagt will ich auch noch in meinen Zeitplan integrieren“, kehre ich zu ihrer Ausgangsfrage nach meiner Beschäftigung zurück – und zum Grund, warum ich heute einen wahren Telefonmarathon veranstalte. Mama würde es mir schwer übel nehmen, wenn sie die Neuigkeiten von einer meiner Omas statt von mir erfährt.
„Oh, erzähl!“
„So unglaublich viel gibt es gar nicht zu erzählen, es ist noch recht frisch. Er heißt Benni, ist neunundzwanzig Jahre alt und Altenpfleger.“
„Das heißt, du hast ihn durch die Besuche im Altenheim kennengelernt?“
„Genau.“
„Und wie sieht er aus?“
„Dunkelbraune Augen und ebenfalls dunkelbraune Locken, ein bisschen kleiner als ich“, beschreibe ich ihn.
„Hört sich gut an. Vielleicht kannst du ja ein Foto von ihm machen, bevor du in zwei Wochen kommst.“
„Mal schauen, ob sich eine gute Gelegenheit ergibt“, antworte ich ausweichend. Immerhin ist Mama trotz ihrer Neugier realistisch genug, um nicht zu erwarten, dass ich ihn direkt mitbringe.
„Gibt es bei euch denn was Neues?“, erkundige ich mich.
„Ach, nicht wirklich, alles das Übliche. Micha beschwert sich über seine Arbeitskollegen, dein Vater arbeitet zu viel und ich bin viel im Garten momentan, da gibt es ja auch genug zu tun.“
„Ja, das glaub ich, der ist ja auch groß.“ Meine Eltern besitzen ein Einfamilienhaus mit recht großem Garten. Meine Mutter wollte ursprünglich wieder arbeiten gehen, aber sie hat Micha sehr intensiv unterstützt und ist deshalb Zuhause geblieben. Dafür ist mein Bruder verhältnismäßig fit, kann lesen, schreiben und rechnen – wenn auch alles nicht perfekt.
„Wo ist Papa denn gerade?“
„Ach, der ist noch auf dem Heimweg.“ Mein Vater ist selbstständiger Programmierer und macht häufig Überstunden.
„Na, dann grüß ihn nachher lieb von mir.“
„Mach ich“, verspricht meine Mutter.
„Dann bis bald.“
„Ja, bis bald. Gib auf jeden Fall Bescheid, wenn du weißt, wann du genau kommst.“
„Wird gemacht. Tschüss.“
Ziemlich erschöpft lege ich auf. So ein Telefonmarathon ist echt anstrengend. Ob ich dafür wohl zwei Punkte rausschlagen kann? Aber vermutlich eher nicht, weil wir ja gesagt haben, eine gute Tat pro Tag zählt und nur ein Anruf ist für zwei Punkte dann doch etwas wenig. Daher versuche ich es gar nicht erst.Kurz darauf liege ich in meinem Bett und schlafe rasch ein.

tbc
Von Neuigkeiten, Pinguinen und Geheimnissen
Anmerkungen zum Kapitel:Huhu ihr Süßen,
noch ein frohes neues Jahr! Es wird voraussichtlich alle 2 Wochen ein neues Kapitel geben - ich versuch's zumindest.
Viel Spaß beim Lesen!
lg, Snoopy
Am nächsten Tag habe ich überraschend früher frei, weil mein letzter Termin kurzfristig absagt. Erfreut beschließe ich, direkt ins Altenheim zu fahren und mir ein bisschen Extrazeit für meinen Adoptivopa zu nehmen. Dann kann ich ihm von der Begeisterung meiner Großeltern, dass „jemand vernünftiges“ auf mich aufpasst, erzählen. Das haben sie so direkt zwar nicht gesagt, aber ich kenne sie gut genug und weiß, dass es so gemeint war.
Wer sich darüber beschwert, dass er in den Augen seiner Eltern immer noch ein Kind ist, kennt meine Großeltern nicht. Einerseits unterstützen die beiden mich in allem, was ich tue und haben meine Selbstständigkeit schon früh gefördert – allerdings bitte nur unter Aufsicht mit einem Erwachsenen, der eingreift, falls notwendig. Und das ist bis heute so geblieben.
Eine Zeit lang fand ich das sehr schwierig, doch mittlerweile weiß ich es als ihre Form der Fürsorge zu schätzen. Schließlich kämen sie deswegen nie auf die Idee, mir etwas auszureden oder es zumindest zu versuchen.

Nach dem obligatorischen Gruß an die Pförtnerin gehe ich hoch auf die Station. Da ich mich auskenne und wir vermutlich eh gleich im Aufenthaltsraum spielen werden, mache ich mir nicht die Mühe, nach der heutigen Pflegekraft zu suchen. Benni hat nämlich frei und den Weg zu Heinrich kenne ich ja.
„Ja bitte?“, erklingt Heinrichs Stimme skeptisch, nachdem ich an seine Tür geklopft habe.
„Hey, störe ich?“, frage ich und stecke meinen Kopf ins Zimmer, da ich die Tür einen Spalt geöffnet habe.
„Oh, Leon, du bist aber früh dran! Nein, nein, natürlich nicht. Komm rein!“ Heinrichs Miene erhellt sich sichtlich, als er mich erkennt. „Oder wolltest du mich zum Spielen abholen?“
„Nein, ich wollte die Zeit nutzen, um zu reden. Mein letzter Termin hat kurzfristig abgesagt“, antworte ich.
„Dann setz dich doch. Wie war das Treffen mit deinen Freunden?“
„Schön, aber davon erzähl ich lieber gleich mehr, sonst muss ich alles doppelt sagen. Gestern habe ich mit meinen Großeltern telefoniert“, leite ich lieber zu meinem eigentlichen Anliegen über.
„Oh, super. Da haben sie sich sicher gefreut. Oma, Opa, beides?“
„Zwei Omas und ein Opa, mein Großvater väterlicherseits ist vor einigen Jahren verstorben.“
„Und mit wem hast du gestern telefoniert?“
„Mit allen dreien und mit meinen Eltern sogar auch noch. Wovon ich dir erzählen wollte, ist das Gespräch mit meinen Großeltern mütterlicherseits. Ich habe ihnen nämlich von dir erzählt und sie waren sehr erleichtert, dass ich jetzt endlich wieder eine 'erfahrene Bezugsperson' in der Nähe habe, wie sie es nannten.“
„Ich fühle mich geehrt“, sagt Heinrich gerührt. „Was hast du ihnen denn alles erzählt, dass sie so eine hohe Meinung von mir haben?“
„Ach, eigentlich gar nicht viel. Nur, dass du mich ein wenig an meinen Opa erinnerst. Oh, und dass du mich dazu gebracht hast, Benni nach dem ersten Date zu fragen, aber das war erst danach, um ihren Eindruck zu bestätigen.“
„Klingt nach tollen Großeltern.“
„Sind sie auch“, bestätige ich. „Oh, sie wollen dich und die anderen übrigens gerne mal kennen lernen, wenn sie mich das nächste Mal besuchen.“
„Sehr gerne, ich würde sie auch gerne kennenlernen. Und wer weiß, wenn es ihnen hier gefällt, können sie ja einziehen und dann kannst du uns alle gleichzeitig besuchen“, erwidert Heinrich halb im Scherz, halb im Ernst.
Lachend schüttele ich meinen Kopf. „Selbst wenn sie das wollten, kann ich mir nicht vorstellen, dass das geht. Schließlich müssen erst mal zwei Plätze frei werden und die Warteliste ist bestimmt lang.“
„Naja, Wartelistenplätze können sich ändern“, verkündet Heinrich spitzbübisch und ich sehe ihn mit großen Augen an.
„Warten wir es ab“; bremse ich seinen Enthusiasmus. „So langsam sollten wir uns eh auf den Weg in den Aufenthaltsraum machen.“

Auf dem Weg dorthin treffen wir den Pfleger, der auch Samstag schon Dienst hatte.
„Hallo. Herr Haenig war das, richtig? Sie sind heute wieder als Besuchsdienst da, oder?“
„Hallo Herr Schumann. Ja, beides korrekt“, antworte ich und bin froh, dass ich mir seinen Namen gemerkt habe.
„Sehr schön. Wie ich schon Samstag sagte, wenn Sie Hilfe brauchen, zögern Sie nicht, Bescheid zu geben.“
„Vielen Dank, werde ich machen“ sage ich, obwohl ich innerlich wild entschlossen bin, lieber Heinrich oder die beiden Frauen zu fragen und mich nur im äußersten Notfall an ihn zu wenden. Ich weiß nicht genau, woran es liegt, aber irgendwie ist der Kerl mir unsympathisch.
„Hallo Herr Albers, dann viel Spaß heute nachmittag!“, wendet Herr Schumann sich an meinen Begleiter. Und in dem Moment wird mir deutlicher, was ich vorher wohl unterschwellig schon gespürt habe und wohl der Grund meiner Abneigung ist. Sein Tonfall klingt nämlich eher so, als ob er mit einem kleinen Kind sprechen würde. Dass er vorhin so betont hat, dass ich mich bei Hilfe an ihn wenden soll und Heinrich bis gerade völlig ignoriert hat, passt da auch ins Bild. Dabei ist Heinrich nicht dement, sondern nur körperlich eingeschränkt. Aber auch bei einem Menschen mit einer geistigen Einschränkung, in welcher Form auch immer, fänd ich dieses Verhalten immer noch unangemessen. Kurz überlege ich, ob ich dazu etwas sagen soll.
„Vielen Dank, Herr Schumann“, bedankt Heinrich sich in dem Moment so überfreundlich, dass es offensichtlich ironisch gemeint ist. Der Pfleger merkt das allerdings nicht, sondern nickt als Antwort darauf huldvoll.
Ich beschließe, meinen Mund zu halten. Schließlich ist Heinrich ein erwachsener Mann und hat offensichtlich seinen eigenen Weg gefunden, damit umzugehen. Sein verschwörerisches Zwinkern bestätigt mich in dieser Entscheidung. Plötzlich muss ich lachen.
Heinrich sieht mich etwas verdutzt an.
„Ähm“, starte ich unbeholfen. Wie erkläre ich ihm jetzt am besten, woran mich sein Verhalten gerade erinnert hat? „Es gibt einen Zeichentrickfilm, in dem verschiedene Zootiere eine Rolle spielen. Unter anderem vier Pinguine, die von den Besuchern total genervt sind und ständig Ausbruchspläne schmieden. Da sie bis dahin gute Miene zum bösen Spiel machen müssen, befiehlt ihnen der Anführer immer 'Lächeln und winken, Männer. Immer freundlich lächeln und winken'. An die Szene musste ich gerade denken“, versuche ich es Schritt für Schritt.
Heinrichs verwirrter Gesichtsausdruck wird zunehmend verstehend und am Ende meiner Erklärung lacht er schallend. Spontan beschließe ich, irgendwann mit ihm und den beiden Damen Madagaskar zu gucken. Das ist sicher eine gute Alternative zum Spazierengehen bei schlechtem Wetter oder wenn wir mal spielmüde sind.

„Worüber lachst du denn so, Heinrich?“, erkundigt Elisabeth sich neugierig, die schon auf uns wartet.
„Leon hat mir gerade gesagt, dass ich ein Pinguin bin“, antwortet Heinrich und bricht erneut in Gelächter aus.
„Naja, das ist eine sehr verkürzte Teilwahrheit“, erkläre ich, als Elisabeth mich fragend anschaut. „Aber die ganze Geschichte ist zu kompliziert, um sie jetzt zu erzählen.“
Wir setzen uns alle. Dann fällt mir allerdings auf, dass Fränzi ja bisher immer gebracht wurde. Irgendwie glaube ich nicht, dass Herr Schumann das auf dem Schirm hat.
„Oh, ich sollte Fränzi abholen.“
„Mach das, wir bauen solange das Spiel auf“, nickt Heinrich mir zu.

Kurz darauf klopfe ich an Fränzis Tür. Kaum zu glauben, dass ich erst seit diesem Monat hierherkomme – es fühlt sich viel länger an.
„Herein“, ertönt Fränzis Stimme.
„Hey, ich bin der Abholdienst“, begrüße ich sie.
„Wunderbar. Hilfst du mir gerade hoch? Irgendwie ist mein Körper heute nicht in Bestform.“
„Natürlich.“ Ich bin froh, dass ich durch meinen Job genau weiß, wie ich ihr am besten Hilfestellung geben kann. Sonst hätte ich vermutlich wirklich auf Herr Schumanns Angebot zurückkommen müssen.
Als Fränzi an ihrem Rollator steht, gebe ich ihr sanft ein wenig Starthilfe und schiebe sie vorsichtig an. Bei Parkinson fällt es Menschen häufig schwer, Handlungen zu beginnen.
Gemeinsam schaffen wir den Weg zurück gut.

Als wir im Gemeinschaftsraum ankommen, kann ich an Elisabeths Gesichtsausdruck direkt erkennen, dass Heinrich die Zeit wohl genutzt hat, um ihr etwas mehr von der ganzen Geschichte zu erzählen. Scheinbar ist sie ebenfalls kein großer Fan von dem diensthabenden Pfleger und findet meinen Vergleich lustig. Das bestätigt mich in meinem Entschluss, den Film mit ihnen zu gucken.
Jetzt spielen wir jedoch erst mal wie üblich Mensch-ärger-dich-nicht.
„Erzähl, wie war euer Treffen am Sonntag jetzt?“, greift Heinrich die Frage, die er mir vorhin schon gestellt hat, wieder auf.
„Oh, ja, wie war es?“ „Erzähl!“ Auch Fränzi und Elisabeth sind ganz interessiert an der Antwort.
Kurz muss ich grinsen – schließlich habe ich genau aus dem Grund vorhin noch nichts erzählt.
„Es war wirklich sehr schön. Damit wir auch an dem Tag eine gute Tat machen, haben wir herumliegenden Müll aufgesammelt. Dieses Mal sogar richtig professionell ausgestattet mit Greifzangen und so“, berichte ich.
„Sehr fleißig“, lobt Elisabeth.
„Aber nicht die ganze Zeit, oder?“, hakt Fränzi ungläubig nach.
„Nein, nein. Damit waren wir etwa zwei Stunden zugange, dann hatten wir Hunger“, beruhige ich sie. „Jeder hatte etwas vorbereitet, sodass wir ein leckeres Buffet hatten, zum Beispiel Salat, selbstgebackenes Brot mit Aufstrichen und Schokomuffins.“
„Klingt wirklich köstlich. Was hast du mitgebracht?“, fragt Elisabeth.
„Ich hab Obstsalat und zusätzlich aufgeschnittene Wassermelone mitgenommen.“
„Das passt wirklich gut bei den sommerlichen Temperaturen. Habt ihr dann ein Picknick gemacht?“, erkundigt Heinrich sich.
„Ja, genau das. Dabei haben wir uns dann unterhalten und auf den aktuellen Stand der Dinge gebracht. Sowohl was den aktuellen Punktestand angeht, als auch sonstige wichtige Dinge betrifft. Erik hat lustigerweise auch durch die guten Taten jemand kennengelernt.“
„Auch?“, haken Elisabeth und Fränzi neugierig nach.
Mist, da habe ich mich fast verplappert! Zum Glück fällt mir gerade noch rechtzeitig ein, was ich ihnen am Samstag erzählt habe. „Stimmt, das hatte ich gar nicht erwähnt – der Grund, warum ich in dieser Eisdiele war, wo ich meinen“ , kurz suche ich nach einem Wort, „neuen Freund kennengelernt habe, war, dass ich auf die Kinder meiner Nachbarin aufgepasst hab. Die allererste gute Tat diesen Monat.“
„Achso, ich hatte mich schon gewundert“, sagt Elisabeth.
Fränzi schafft es trotz ihrer vom Parkinson eingeschränkten Mimik, ziemlich verschmitzt zu grinsen. Mein Verdacht, dass sie von Benni und mir weiß, erhärtet sich.

Die Zeit vergeht wie üblich im Flug und nach der zweiten Runde räume ich alles in den Karton.
„Bis Samstag“, verabschiedet Elisabeth sich.
„Wann soll ich Donnerstag eigentlich da sein?“, frage ich Heinrich.
„Schaffst du es, um zwanzig nach fünf unten an der Bushaltestelle zu sein? Der Bus fährt zwei oder drei Minuten später ab“, sagt er.
„Ja, das sollte ich hinbekommen. Also treffen wir uns dort?“
„Am sinnvollsten, den Weg bis dahin schaffe ich auch alleine.“
„Gut, dann werde ich da sein.“
„Wunderbar. Dann danke nochmal und bis Donnerstag.“ Auch Heinrich verabschiedet sich, sodass nur noch Fränzi da sitzt.
„Na, dann begleite ich dich zurück in deine Gemächer“, scherze ich.
Langsam helfe ich ihr hoch und bringe sie ins Zimmer zurück.
„Übrigens bemerkenswert, dass du den Kerl direkt in der Eisdiele angesprochen hast, obwohl du die Kinder dabei hattest“, sagt sie kurz bevor wir da sind.
Ehe ich etwas darauf antworten kann, wechselt sie das Thema.
„Heinrich hat dir nicht gesagt, warum seine Kinder ihn am Wochenende wirklich besuchen kommen, oder?“
Verwirrt sehe ich sie an. „Seine Ehefrau hätte diesen Donnerstag Geburtstag gehabt, deshalb fahren wir doch auch gemeinsam zum Friedhof“, erkläre ich ihr.
„Und du denkst wirklich, dass seine Kinder deswegen am Wochenende hier vorbeikommen?“
„Naja...“ Ein wenig habe ich mich schon gewundert, aber da er das so gesagt hat, bin ich davon ausgegangen, dass sie das ihm zuliebe machen.
„Heinrich hat am Samstag selbst Geburtstag“, verrät Fränzi mir.
„Er hat auch Geburtstag?“
„Ja, zwei Tage nach seiner Frau“, bestätigt sie.
Damit hab ich wirklich nicht gerechnet. „Danke für die Info!“ Da muss ich mir was einfallen lassen! Auch wenn wir uns erst seit so kurzer Zeit kennen, möchte ich meinem Adoptivopa auf jeden Fall was zu seinem Geburtstag schenken. Gut, dass Fränzi mir Bescheid gegeben hat.
„Ich dachte mir schon, dass du das wissen willst und Heinrich es dir verschwiegen hat.“ Zufrieden nickt Fränzi.
„Ja, vielen Dank!“ Kurz darauf verabschiede ich mich auch von ihr und mache mich auf den Heimweg.

Was könnte ich Heinrich nur schenken? Erst mal bin ich ziemlich ideenlos und beschließe am Ende, eine Nacht darüber zu schlafen. Vielleicht habe ich im Traum ja eine Erleuchtung.

tbc
Geschenkesuche und ein Friedhofsbesuch
Anmerkungen zum Kapitel:Hey ihr Lieben,

in meinem Real Life herrscht grad recht viel Chaos, daher keine großen Worte. Aber das Kapitel wollte ich euch nicht vorenthalten.
Reviewantworten folgen irgendwann...

Viel Spaß, Snoopy
Nur halb nehme ich wahr, dass die Wohnungstür hinter mir zufällt. Schon den ganzen Heimweg überlege ich, was ich Heinrich schenken könnte. Bis Samstag sind es ja nur noch drei Tage!
„Hallo Herr Haenig“, begrüßt Frau Müller mich und reißt mich aus meinen Gedanken.
„Oh, hallo Frau Müller! Ich war so in Gedanken, ich habe Sie gar nicht wahrgenommen“, entschuldige ich mich verlegen, nachdem ich mich zu ihr umgedreht habe. Ich bin nämlich schon an ihr vorbeigelaufen.
„Das habe ich gemerkt.“ Sie schmunzelt und nimmt es mir zum Glück nicht krumm.
„Soll ich das Papier grad für Sie zur Tonne bringen?“, biete ich ihr an, als ich den Stapel auf ihrem Arm wahrnehme.
„Wenn Sie das machen, wäre es nett. Ich hab aber noch etwas mehr, das sammelt sich irgendwie immer so schnell an“, antwortet sie.
„Kein Problem, zeigen Sie mir doch einfach den Rest“, fordere ich sie auf.
„Da sind die anderen Stapel“, sagt Frau Müller wenig später und zeigt auf ihren Küchentisch.
„Dann nehm ich noch einen jetzt mit und komm gleich wieder, die anderen beiden Packen abholen.“ Für mich ist es keine große Aktion, das rauszubringen, aber ich weiß, dass es für Frau Müller nicht so leicht ist. Neben ihren Knien hat sie nämlich auch einen eingeschränkten Bewegungsradius und Schmerzen in ihren Schultern, sodass Bewegungen wie etwas Schwereres tragen und heben auch herausfordernd sind.
„Vielen Dank, dass ist sehr nett von Ihnen!“
Im Nu habe ich den ersten Stapel rausgebracht und bin zurück. Kurz überlege ich, Frau Müller zu fragen, was man einem älteren Herrn wohl schenken könne, aber sie kennt Heinrich ja gar nicht. Vielleicht ergibt es mehr Sinn, Benni zu fragen. Das mache ich gleich!

Wenig später ist auch der zweite Packen Papier im Müll und ich in meiner Wohnung.
„Hey, wie geht es dir?“, schreibe ich direkt Benni an.
Kurz darauf klingelt mein Telefon.
„Schön, dass du anrufst. Ich war nicht mehr ganz sicher, ab wann du wieder spät hast“, begrüße ich Benni.
„Ab morgen erst. Und ich wollte deine Stimme jetzt schon hören“, antwortet er.
„Kann ich verstehen. Freitag ist schon wieder viel zu lange her!“
„Definitiv. Und morgen zählt ja auch nicht wirklich.“
„Stimmt. Wann hast du denn wieder Zeit?“
„Hmm“, überlegt Benni. „Was hältst du von einem gemütlichen Frühstück am Sonntag, so gegen halb elf? Wenn wir uns bei mir treffen, hab ich bis ein Uhr Zeit, bei dir weiß ich nicht genau, wie lang ich brauch.“
„Die Strecke ist ähnlich lang“, antworte ich. „Wenn es dir nicht zu früh ist, können wir uns auch gerne schon um zehn treffen – egal ob bei dir oder bei mir.“
„Gut, dann bin ich um zehn bei dir. Meine Wohnung kennst du ja schon und ich bin neugierig, wie es bei dir aussieht.“
„Super, ich freu mich drauf.“
„Ich mich auch. Wenn ich was mitbringen soll, schreib mir einfach. Bis morgen.“
„Ja, bis morgen.“
Erst nachdem ich aufgelegt habe fällt mir ein, dass ich Benni gar nicht nach dem Geschenk gefragt habe. Außerdem gibt es ein noch aktuelleres Problem, denn ich weiß nicht, was ich morgen anziehen soll. Deshalb werfe ich als erstes einen Blick in meinen Schrank. Als mein Blick auf meinen Anzug fällt, habe ich eine verrückte Idee, die sich gleichzeitig total passend anfühlt. Morgen werde ich mir meinen Anzug anziehen – zu Ehren Heinrichs und seiner Frau! Er ist ja auch immer recht schick angezogen und wird sich für morgen bestimmt besonders herausputzen – dann mache ich das auch. Und wenn wir schon so schick sind, dann kann man das für ein Foto nutzen! Bestimmt freut Heinrich sich, wenn ich ihm das ausdrucke und zum Geburtstag schenke. Einen Rahmen zu finden sollte am Freitag machbar sein.
Als ich Benni anschreibe, um ihm davon zu erzählen und zu fragen, ob er das Foto macht, ist er begeistert von meinem Einfall und versichert, dass er natürlich gerne Fotos macht.
Zufrieden suche ich auch ein passendes Hemd und eine Krawatte raus – wenn schon, denn schon!

~~~~~~~


„Sag mal, gibt es irgendetwas, worüber wir reden sollten? Bist du unzufrieden?“, erkundigt Alex sich, als er mich am nächsten Morgen im Anzug sieht. Anders krieg ich den auf dem Fahrrad ja nicht vernünftig zur Arbeit transportiert und um es nochmal nach Hause zu schaffen, ist die Zeit viel zu knapp.
Verwirrt sehe ich ihn an, doch als er auf mein Outfit deutet, fällt der Groschen. Lachend schüttele ich meinen Kopf. „Keine Sorge Alex, ich hab nicht vor, fremdzugehen. Das ist nicht für ein Vorstellungsgespräch, sondern einer der Bewohner hat mich gebeten, ihn zum Friedhof zu begleiten, weil seine Frau heute Geburtstag gehabt hätte“, erkläre ich ihm.
„Dann bin ich ja beruhigt“, sagt mein Chef erleichtert.
Meine Kolleginnen witzeln natürlich auch darüber. „Hast du heute in der Mittagspause einen Termin auf dem Standesamt? Das ging aber schnell mit euch!“, scherzt Nadine.
Zur Antwort strecke ich ihr nur die Zunge heraus. Als ob ich nach zwei Wochen auf die Idee kommen würde zu heiraten!

Nachdem meine letzte Patientin für heute gegangen ist, beeile ich mich, wieder in den Anzug zu schlüpfen – diesmal mit gebundener Krawatte. Die habe ich heute morgen nur eingesteckt. Anschließend schwinge ich mich auf mein Fahrrad und schaffe es gerade eben pünktlich. Zum Glück ist es heute zwar sonnig, aber eher recht windig und entsprechend nicht zu warm. Sonst wäre ich vollkommen verschwitzt und nicht nur ein wenig.
„Hallo Heinrich“, begrüße ich ihn mit einer Umarmung und achte darauf, den Blumenstrauß in seiner Hand nicht zu beschädigen.
Zu mehr kommen wir erst mal gar nicht, weil in dem Moment auch schon der Bus einfährt.
Natürlich lasse ich Heinrich den Vortritt. Es kostet ihn sichtlich Mühe, in den Bus einzusteigen und ich verstehe, warum er eine Begleitung haben wollte. Als ich beim Busfahrer zahlen will, winkt der nur ab und zeigt auf Heinrich.
Wenig später sitzen wir. Der Busfahrer fährt zum Glück erst danach los.
„Danke, aber ich kann meine Fahrkarte auch selbst zahlen.“
„Wenn du deine Zeit opferst, um mich zu begleiten, übernehme ich selbstverständlich die anfallenden Unkosten“, widerspricht Heinrich mir energisch.
Sofort protestiere ich: „Das ist kein Opfer, das mach ich gerne.“
Doch Heinrich hört mir gar nicht richtig zu und wechselt einfach das Thema. „Du siehst sehr schick aus heute!“
Kurz überlege ich, einen zweiten Versuch zu starten, doch dann lasse ich es. Heinrich ist definitiv ein Sturkopf. Ich werde einfach dran bleiben und ihm immer wieder sagen, dass ich es gerne mache. Vielleicht hilft das Foto am Samstag ja ein wenig.
„Dankeschön, du aber auch.“ Wie erwartet trägt Heinrich auch einen Anzug mit Hemd und Krawatte. „Dauert die Fahrt zum Friedhof eigentlich lang?“
„Nein, knapp zwanzig Minuten“, antwortet Heinrich.
„Sehr gut. Du musst mir Bescheid sagen, wann wir raus müssen, ich habe keine Ahnung. Da ich ja mein Fahrrad habe, fahr ich quasi nie mit dem Bus“, verkünde ich.
Heinrich schmunzelt. „Kein Problem, ich geb dir Bescheid. Allerdings solltest du es auch selbst merken – die Haltestelle heißt nämlich Friedhof.“
Das lässt mich ebenfalls schmunzeln. „Stimmt, das klingt machbar.“
Den Rest der Fahrt verbringen wir schweigend und sehen aus dem Fenster.

„Die nächste Haltestelle müssen wir raus“, durchbricht Heinrich die Stille. Ich nicke nur. Kurz darauf verkündet auch die Ansage, dass die nächste Haltestelle der Friedhof ist.
„Bleib sitzen, bis der Bus angehalten hat. Ich stehe schon mal auf“, sage ich.
Für einen Moment scheint Heinrich auch aufstehen zu wollen, doch dann nickt er.
Als der Bus hält, steht er auf. Es dauert etwas, bis wir beide ausgestiegen sind. Auch dieses Mal wartet der Busfahrer geduldig. Allerdings weiß ich von meiner Oma Berta und Frau Müller, dass leider nicht jeder Fahrer so rücksichtsvoll ist.
Gespannt folge ich Heinrich über den Friedhof. Die meisten Gräber sind bunt mit Blumen bepflanzt und wirken gepflegt. Nur vereinzelte wirken, als sei der Verstorbene vergessen und verlassen.
Wir laufen einigen anderen Friedhofsbesuchern über den Weg, die größtenteils auch schon die siebzig überschritten haben. Die meisten grüßen freundlich, was wir erwidern.
„Hier ist es“, sagt Heinrich einige Minuten später und deutet auf einen melierten, hauptsächlich anthrazitfarbenen Grabstein. Das Grab davor ist sorgfältig gepflegt und mit einigen Blumen bepflanzt. Die Ränder rechts und links sind mit kleinen Buchsbäumen gesäumt.
„Es sieht sehr schön aus. Man sieht, dass Lotti immer noch geliebt wird“, stelle ich fest. „Sind das andere deine Eltern?“
„Ja, genau. Freut mich, dass man das sieht.“ Heinrich wirkt gerührt von meiner Aussage. „Würdest du die alten Blumen wegbringen, die Vase ausspülen und mit frischem Wasser füllen?“, bittet er mich dann.
„Klar, gerne. Da hinten ist alles, oder?“ Ich deute in die Richtung, wo wir eben an einem Brunnen und Abfallkörben vorbeigegangen sind, wenn ich mich recht erinnere.
„Richtig.“
Vorsichtig entferne ich das innere der Vase. Außen sieht es nach Bronze oder Kupfer aus, innen ist dagegen ein schwarzer Plastikeinsatz, den ich mitnehme. Die alten Blumen werfe ich in den entsprechenden Abfallkorb. Anschließend kippe ich das alte Wasser weg, spüle die Vase mit frischem Wasser auf und befülle sie dann.

Als ich wiederkomme, wirkt Heinrich so versunken, dass ich still in wenigen Metern entfernt vorm Grab innehalte. Ich will ihn nicht stören. Es dauert ein paar Minuten, doch dann schaut Heinrich sich um und entdeckt mich. Sofort winkt er mich zu sich heran.
„Du hättest doch nicht da hinten warten müssen“, sagt er. Dann weist er auf die Hecke. „Da ist neben einer Gießkanne auch ein kleines Messer versteckt. Kürz bitte die Blumenstiele und stell sie dann in die Vase.“
„Mach ich!“ Als erstes gebe ich den Plastikeinsatz in die Vase zurück, bevor ich die weiteren Anweisungen befolge. Bald stehen die rosa Blumen dort, wo sie hingehören und fügen sich wunderbar ins Gesamtbild ein.
„Die Lilien bekommt sie jedes Jahr zum Geburtstag. Es waren schon immer ihre Lieblingsblumen. Normalerweise nehme ich andere Blumen, beispielsweise Chrysanthemen, weil die länger halten. Aber zum Geburtstag müssen es einfach die Lilien sein, das war schließlich schon zu ihren Lebzeiten eine Tradition“, erklärt er mir.
„Ja, solche Traditionen muss man bewahren“, stimme ich Heinrich zu. „Und ich bin sicher, dass sie das zu schätzen weiß.“
Versonnen lächelnd nickt er. „Das denke ich auch.“
„Den Erdbeerkuchen lasse ich allerdings weg, der lockt nur irgendwelche Tiere an“, ergänzt er wenig später.
„Besser so. Den kannst du ja am Wochenende mit euren Kindern zum Gedenken an sie essen“, schlage ich vor.
„Genau das haben wir vor.“
Wir verweilen noch etwas vor dem Grab, eng beieinander. Es fühlt sich wie ein Antrittsbesuch an, ähnlich wie wenn man das erste Mal die potentiellen Schwiegereltern trifft. Das lässt mich realisieren, dass mein Gedanke vorhin höchstens die halbe Wahrheit wahr. Ja, Heinrich ist sicher froh, eine Begleitung zum Busfahren gefunden zu haben, aber es geht ihm hauptsächlich darum, mich seiner Ehefrau vorzustellen – soweit das geht, wenn diese bereits verstorben ist. Ich finde es schön, wie die beiden tatsächlich auch über den Tod hinaus verbunden sind. Es verdeutlicht mir auch nochmal, dass Heinrich trotz seiner geheim gehaltenen Homosexualität ein zufriedenes und erfülltes Leben mit einer tollen Frau an seiner Seite hatte. Vielleicht lerne ich am Samstag ja kurz die Kinder der beiden kennen. Das wäre wirklich spannend, sie zu treffen.
„Wir sollten uns auf den Weg machen, der Bus zurück kommt gleich“, informiert Heinrich mich nach einem Blick auf seine Armbanduhr. Erneut zahlt er für uns beide und auch die Rückfahrt vergeht weitestgehend schweigend.

„Kommst du noch mit hoch oder fährst du jetzt direkt?“, erkundigt Heinrich sich, als wir von der Bushaltestelle in Richtung meines Fahrrads gehen.
„Ich komme auf jeden Fall noch mit hoch“, antworte ich.
Verschmitzt grinst er und zwinkert mir zu. Natürlich weiß er, wer heute Nachmittag Dienst hat.
Dabei ist Benni gar nicht der Hauptgrund, auch wenn ich mich freue, ihn wenigstens kurz zu sehen. Das entscheidende sind jedoch die Fotos, die Benni von uns beiden machen soll. Schließlich muss ich eins davon morgen ausdrucken und einen Rahmen besorgen, wenn ich es am Samstag verschenken will.
Passenderweise kommt Benni uns schon am Aufzug entgegen.
„Wow“, entfährt es ihm. „Das Sie sich heute so schick gemacht haben, hab ich ja vorhin schon gesehen, aber Leon ist ja wirklich eine passende Begleitung.“ Ich fühle mich geschmeichelt, denn auch wenn es eine gute Überleitung ist, ist das Kompliment dahinter eindeutig genau so gemeint und nicht bloß dahergesagt. „Da muss ich direkt mal ein paar Fotos von machen, wenn Sie gestatten?“, fragend sieht Benni Heinrich an, der sofort begeistert nickt.
„Eine fantastische Idee!“ Sofort dirigiert Benni uns ein paar Meter weiter, wo das Licht durch ein Fenster schön auf eine Wand fällt. Anschließend zieht er sein Handy aus der Tasche und macht ein paar Bilder.
„Wenn wir schon Fotos machen, dann sollten die beiden Damen aber auch dazukommen“, findet Heinrich, als Benni das Handy wieder wegstecken will.
„Warum nicht?“ Die Idee gefällt mir. Oder hast du keine Zeit mehr dafür?“, frage ich Benni dann.
„Doch, das müsste klappen. Ich hol Frau Peters, gibst du Frau Schmidt Bescheid?“, erwidert er. „Sie können sich solange in den Stuhl dort setzen, wenn Sie mögen.“ Heinrich und ich nicken beide und setzen Bennis Vorschläge in die Tat um. Ich muss kurz überlegen, weil ich erst einmal an Elisabeths Zimmer war, doch dann weiß ich, wo ich hin muss.
„Uh, so schick heute? Der Anzug steht dir ausgezeichnet.“ Elisabeth ist Feuer und Flamme, als sie mir die Tür öffnet.
„Ja, ich fand es angemessen, schließlich habe ich Heinrich heute zum Grab seiner Frau begleitet.“
„Ach, stimmt ja, heute hätte sie Geburtstag gehabt, nicht wahr?“
„Genau. Eigentlich bin ich allerdings deshalb hier, weil Benni spontan ein paar Fotos gemacht hat und Heinrich wollte, dass du und Fränzi auch dazukommen“, leite ich zu meinem Anliegen über.
„Grundsätzlich gerne. Kann ich so denn mitkommen?“ Elisabeth sieht an sich herunter.
„Auf jeden Fall! Du siehst doch gut aus“, versichere ich ihr. Sie ist natürlich nicht so offensichtlich schick gemacht wie Heinrich und ich es mit den Anzügen sind, doch das leuchtend blaue T-Shirt, was sie trägt, steht ihr wirklich gut und passt gut zu der hellgrauen Stoffhose.
„Danke“, erwidert sie und begleitet mich.
Kurz darauf kommt Benni mit Fränzi. Sie trägt ein rosa Shirt und einen längeren schwarzen Rock, als ob sie etwas geahnt hätte. Denn in der Zeit kann ich mir nicht vorstellen, dass sie es geschafft hätte, sich umzuziehen, auch nicht mit Bennis Hilfe.
Nachdem er uns arrangiert hat, knipst Benni einige weitere Fotos.
„So, das sollte reichen, da sind bestimmt einige schöne dabei“, verkündet er kurz darauf.
„Wunderbar. Dann zeigen Sie mir, wie das geht und dann mach ich ein paar Fotos mit Heinrich, Leon und Ihnen drauf“, beschließt Elisabeth.
„Ja, gute Idee“, Fränzi und Heinrich sind beide total begeistert.
„Ich weiß nicht“, zögert Benni.
„Komm schon, du siehst auch in den Arbeitsklamotten schick genug aus“, unterstütze ich die anderen.
„Na gut. Aber dann muss ich wirklich weiter arbeiten“, fügt Benni sich der Übermacht. „Sie müssen einfach hier auf den großen Knopf drücken“, erklärt er Elisabeth.
„Sehr gut, das krieg ich hin.“
Kaum sind die Fotos fertig, fängt es in Bennis Tasche an zu piepsen.
„Wir sehen uns Samstag. Ich bring Fränzi zurück“, versichere ich ihm, bevor er was sagen kann.
„Super, danke.“ Rasch eilt er davon.
Elisabeth verabschiedet sich direkt, aber Heinrich begleitet Fränzi und mich bis zu ihrem Zimmer. Anschließend bringe ich ihn noch zu seinem Zimmer.
„Vielen Dank nochmal“, sagt Heinrich und umarmt mich.
„Ich habe zu danken, dass ich dich begleiten durfte“, erwidere ich ernst. Es ist wirklich ein tolles Gefühl, dass er mich nach der kurzen Zeit so sehr schätzt.

tbc
Ein „freundlicher“ Überfall
Anmerkungen zum Kapitel:Hey,

tut mir Leid, dass das neue Kapitel wieder so lang gebraucht hat. Ich hoffe, dass das nächste wieder schneller kommt.
Viel Spaß beim Lesen!

lg, Snoopy
Benni hat mir die Bilder gestern noch geschickt. Sie sind wirklich toll geworden und es war nicht ganz leicht, mich zu entscheiden. Am Ende habe ich mich entschieden, das schönste Foto von Heinrich und mir groß auszudrucken und zu rahmen. Aber zusätzlich werde ich das schönste mit den Damen sowie das schönste mit Benni in einem kleineren Format auszudrucken. Die kommen dann zusammen in einen Rahmen.
Nach der Arbeit mache ich mich entsprechend direkt auf den Weg zum nächsten Drogeriemarkt mit Fotostation. Als erstes schaue ich nach passenden Bilderrahmen dort – wenn sie nicht die richtige Größe haben, muss ich mein Wunschformat gegebenenfalls anpassen. Doch zu meiner Freude finde ich schlichte, dünne Bilderrahmen in der richtigen Größe in drei verschiedenen Farben: ganz klassisch schwarz, dunkelrot und dunkelblau. Mir gefallen alle drei gut. Am Ende entscheide ich mich für den dunkelroten. Kurz hatte ich überlegt, zwei verschiedene Farben zu nehmen, aber einheitlich erscheint mir doch schöner.
Als nächstes gehe ich zur Fotostation. Dort ist ein ziemlich verzweifelter Teeny zugange, etwa sechzehn Jahre alt.
„Das muss doch funktionieren!“, flucht er.
„Kann ich vielleicht helfen?“, biete ich ihm freundlich an.
„Weiß nicht. Ich will die Bilder von meinem Handy ausdrucken und brauch die unbedingt, weil wir doch heute Einjähriges haben, aber das blöde Teil erkennt mein Handy nicht“, erklärt er mir das Problem.
„Hast du es schon mal an einem anderen Anschluss probiert?“
Verlegen schüttelt er den Kopf und zieht das Kabel raus. Anschließend probiert er es bei der zweiten Fotostation direkt daneben. Dort erscheint dann direkt ein Hinweis, wie weiter vorzugehen ist.
„Danke. Ich wollte es schön längst gemacht haben, aber mir ist immer was dazwischen gekommen. Deshalb bin ich wohl ziemlich in Panik verfallen, als es nicht gleich geklappt hat“, bedankt er sich beschämt.
„Sehr gerne! So ähnliche Sachen sind mir auch schon passiert. Manchmal kann man einfach nicht mehr klar denken, weil einem etwas so wichtig ist. Dann ist es gut, wenn jemand anderes da ist und den Überblick behält“, tröste ich ihn.
Das entlockt ihm zumindest ein Lächeln.
Als ich meinen USB-Stick in den entsprechenden Slot stecke, tut sich ebenfalls nichts. Offensichtlich ist er tatsächlich kaputt. Da die dritte Fotostation mittlerweile auch belegt ist, warte ich ab. Der Junge braucht nicht sehr lange, bis er die Fotos von sich und seiner Freundin ausgedruckt hat. Bei mir geht es ebenfalls recht schnell, ist ja alles schon vorbereitet.
Auf dem Weg zur Kasse entdeckte ich eine Verkäuferin. „Entschuldigung, ich wollte Ihnen nur Bescheid geben, dass beim rechten Fotoautomaten der USB-Anschluss kaputt zu sein scheint. Sowohl bei meinem Vorgänger als auch bei mir hat sich absolut nichts getan.“
„Oh, danke für den Hinweis! Dann werde ich gleich ein entsprechendes Schild fertig machen“, erwidert sie.
„Gerne.“
Nachdem ich alles bezahlt habe, verlasse ich den Laden zufrieden. Jetzt habe ich mich nicht nur um Heinrichs Geschenk gekümmert, sondern konnte direkt auch noch meine gute Tat für heute erledigen. Zuhause muss ich die Bilder nur noch in die Rahmen geben und alles einpacken, aber das ist ja schnell getan.

~~~~~~~


Nach dem üblichen Haushaltskram und meinem Mittagessen mache ich mich auf den Weg ins Altenheim. Ich weiß gar nicht genau, ob Heinrich jetzt da sein wird und ob Elisabeth zum Spazierengehen mitkommt oder ich alleine mit Fränzi sein werde. Aber ich werde es ja gleich rausfinden und ich bin zuversichtlich, dass ich Heinrich zumindest kurz sehen werde. Wenn nicht, kann ich das Geschenk für ihn immer noch bei Benni abgeben oder nachträglich am Dienstag persönlich überreichen.
Sorgfältig verstaue ich das Geschenk in einer der Seitentaschen, bevor ich losfahre.

Am Heim angekommen stelle ich mein Fahrrad an meinem üblichen Platz ab.
„Und das ist Leon“, verkündet Heinrichs Stimme, während ich noch dabei bin, das Rad abzuschließen.
Verdattert drehe ich mich um.
„Hast du schon überlegt, zu wem von uns beiden du lieber willst oder können wir noch um dich werben?“, überfällt mich eine fremde Frau.
„Nun, so schreckst du ihn nur ab“, stellt ein etwa gleichaltriger Mann fest, der Heinrich unglaublich ähnlich sieht. „Ich bin Paul Albers und das ist meine Schwester Johanna Simons.“
„Leon Haenig“, erwidere ich die Vorstellung recht automatisiert und schüttele brav erst seine, dann ihre Hand. Trotzdem fühle ich mich immer noch überfordert.
„Normalerweise kriegen Menschen ja Enkel, indem ihre Kinder Kinder kriegen. Und da Papa dich adoptiert hat, haben wir beschlossen, dass einer von uns beiden dich auch adoptieren sollte“, erklärt Heinrichs Tochter jetzt ihre kryptischen Worte. „Also, hast du schon eine Präferenz oder bist du noch unentschieden? Ich hoffe im Übrigen, du ist okay“, schiebt sie noch hinterher, bevor ich auf die Frage antworten kann.
„Ja, du ist okay. Ich habe da ehrlich gesagt noch überhaupt nicht drüber nachgedacht“, gebe ich dann offen zu.
„Lass ihm etwas Zeit, euch kennenzulernen! Da wir vollzählig sind, sollten wir uns jetzt ohnehin auf den Weg machen, um rechtzeitig am Café zu sein“, verkündet Heinrich und rettet mich so vor seiner Tochter, nur um zusätzliche Verwirrung zu stiften.
„Aber“, versuche ich zu protestieren, doch die Menge setzt sich in Bewegung und niemand achtet auf mich.
„Keine Sorge, Benni weiß Bescheid. Er durfte dich nur nicht vorwarnen“, beruhigt Fränzi mich.
Dankbar lächele ich sie an und folge mit ihr gemeinsam den anderen. Wir beide bilden das Schlusslicht, weil der Rest schneller ist, als Fränzi es schafft.
„Soll ich ihnen sagen, dass sie etwas langsamer machen wollen?“, frage ich sie, da sich der Abstand langsam, aber stetig vergrößert.
„Nein, nein, ich weiß wo wir hinmüssen. Solange du da bist und ich nicht ganz alleine bin, ist das völlig in Ordnung“, versichert sie mir.
„Dann ist ja gut.“ Langsam legt meine Verwirrung sich. Mit diesem Überfall habe ich wirklich nicht gerechnet. Es hat mich echt aus dem Konzept gebracht.
„Oh nein, ich hab Heinrich ja noch nicht mal gratuliert! Und sein Geschenk liegt auch noch in meiner Fahrradtasche“, stelle ich erschrocken fest.
„Kein Problem. Gratulieren kannst du ihm ja gleich im Café und das Geschenk kannst du ihm nachher geben, wenn wir wieder zurück sind. Da seine Kinder dich so überfallen haben, wird Heinrich bestimmt Verständnis dafür haben. Außerdem soll es nicht regnen und in die Fahrradtaschen schaut wohl niemand einfach so rein, daher sollte das Geschenk sicher sein“, beruhigt Fränzi mich.
Dankbar lächle ich sie an. „Was würde ich nur ohne dich machen?“
„Ach, das hättest du auch hinbekommen.“

Es dauert nicht allzu lange, bis wir auch an dem Café ankommen.
„Sie gehören bestimmt zur Geburtstagsgesellschaft“, spricht uns eine Kellnerin freundlich an. Als wir nicken, sagt sie: „Wir haben im Hof gedeckt. Am besten gehen Sie hier vorne am Haus entlang und dann den kleinen Weg rechts, dann müssen Sie mit Ihrem Rollator nicht quer durchs Café“, weist sie uns den Weg.
„Das machen wir, vielen Dank.“
Kurz darauf kann ich Heinrichs Stimme hören und der Weg öffnet die Sicht auf den Innenhof. Er ist sehr schön mit grünen Ranken, die ein natürliches Blätterdach bilden, gestaltet.
Die Geburtstagsgäste sitzen an einer großen, liebevoll gedeckten Kaffeetafel. Es sind ziemlich viele, bestimmt zwanzig Leute. Für Fränzi und mich sind zwei Plätze in der Nähe des Kopfendes, an dem Heinrich sitzt, freigehalten worden.
Als erstes helfe ich Fränzi auf ihren Platz und stelle den Rollator an die Seite, damit er niemandem im Weg ist. Dann mache ich mich auf den Weg zum Geburtstagskind – oder besser gesagt dem Geburtstagsopa, ein Kind ist Heinrich ja schon lange nicht mehr.
„Alles alles Liebe und Gute zum Geburtstag und die allerbesten Wünsche für dein neues Lebensjahr, vor allem Gesundheit und Zufriedenheit!“, sage ich und umarme ihn, da er extra aufgestanden ist.
„Dankeschön. Ich hoffe, du hast den Überfall einigermaßen verdaut, sodass genug Platz für den Kuchen ist“, erwidert er mit einem Augenzwinkern.
„Ja, ich denke schon. Zucker soll ja bei einem Schock helfen“, gehe ich auf das Geplänkel ein. „Dein Geschenk kriegst du jetzt allerdings erst, wenn wir zurück sind, das liegt noch in meiner Fahrradtasche.“
„Geschenk? Woher wusstest du denn, das ich Geburtstag habe?“, fragt Heinrich erstaunt. Als ich andeute, dass meine Lippen versiegelt sind, sieht er prüfend zu Elisabeth und Fränzi. Er entscheidet sich für Fränzi. „Du hast es ihm verraten!“
Fränzi lächelt nur vergnügt und winkt ihm zu. Heinrich schüttelt seinen Kopf, kann ein kleines Schmunzeln jedoch nicht unterdrücken. In mir taucht dabei die Frage auf, ob es Zufall ist oder Heinrich und Elisabeth Fränzi auch von den Pinguinen aus Madagaskar erzählt haben.
Erstmal stehen jedoch wichtigere Dinge an, wie die Entscheidung für ein Stück Kuchen.
Die Kellnerin zählt eine ganze Reihe unglaublich lecker klingender Kuchen und Torten auf, die heute zur Verfügung stehen. Ich bin hin- und hergerissen, das klingt alles unglaublich lecker – oder wenigstens das, was ich mir behalten habe, weil es mich spontan angesprochen hat.
Am Ende entscheide ich mich für die perfekte Mischung – eine Erdbeer-Schoko-Torte. Denn mittlerweile hat die Erdbeersaison begonnen, aber ich hatte noch gar keinen Erdbeerkuchen dieses Jahr. Außerdem hat Heinrich ja erzählt, dass seine Frau den so gerne mochte – das macht es doppelt passend.

Nachdem ich Fränzi und mir Kaffee aus den auf dem Tisch stehenden Kaffeekannen eingeschenkt habe und ihren mit Milch sowie Zucker versehen habe, weist sie auf einige ältere Herren am anderen Ende des Tisches. Dort sitzt auch Elisabeth. „Das sind Albert, Gregor, Philipp und Wolfgang. Sie wohnen ebenfalls im Heim und sind diejenigen, mit denen Heinrich am meisten Kontakt hat“, erläutert sie mir.
„Ich glaube Gregor und Philipp waren auch beim Singen dabei, sie kommen mir bekannt vor.“
„Ja, genau“, bestätigt Fränzi.
„Der Rest ist dann Familie“, ergänzt mein Gegenüber, der etwa in meinem Alter zu sein scheint. „Ich heiße ebenfalls Philipp und bin Heinrichs Enkel, der Sohn von Johanna. Meine Eltern sind getrennt, sodass meine Mom alleine hier ist. Paul hast du ja auch schon kennengelernt, das neben ihm ist seine Frau Ute. Neben dir sitzt meine Cousine Elena mit ihrem Mann Alex, auf der anderen Seite neben der bezaubernden Dame sitzen mein Cousin Anton und seine Freundin Vanessa.“
Er hält kurz inne und gibt mir ein wenig Zeit, die ganzen Namen zu verdauen, auch wenn ich sie mir so schnell ohnehin nicht merken kann.
„Zu meiner rechten sitzen meine Schwester Lea und ihre Verlobte Conny, ich hab meinen Mitbewohner Mario dabei, weil wir schon immer beste Freunde sind und er somit der andere Adoptivenkel ist und unser Küken Julchen ist im doppelten Sinn single.“
„Nenn mich nicht immer Julchen, du Arsch“, zischt ihn der Angesprochene wütend an. Er scheint deutlich jünger als die anderen Enkel zu sein, allerhöchstens Anfang zwanzig, während der Rest mehr oder weniger in meinem Alter ist.
„Ja, so klein ist dein Bruder jetzt auch nicht mehr. Nenn ihn lieber Juli“, mischt sich Vanessa, die direkt neben Fränzi sitzt, ein.
„Mein Name ist Julius! Weder Julchen noch Juli noch sonst irgendeine Verniedlichungsform“, faucht Julius wütend.
„Als Jüngster hat man es nicht leicht. Stör dich nicht an ihnen, sie sind ja nur neidisch, weil du als Nesthäkchen gleichzeitig auch einige Vorteile hast“, tröstet Fränzi ihn. „Ich weiß, wovon ich rede, ich hatte drei ältere Schwestern und zwei ältere Brüder und der kleinste Altersabstand waren sechs Jahre.“
„Oh je, das klingt unglaublich anstrengend! Immerhin hab ich nur zwei ältere Geschwister und den Rest sehe ich nur bei Familienfeiern wie heute“, erwidert Julius mitfühlend.
„Das war es auch. Gleichzeitig fehlen sie mir.“
„Oh, sind alle schon tot?“, erkundigt Julius sich bestürzt.
„Nein, Anna noch nicht. Aber sie ist dement und erkennt mich schon lange nicht mehr. Da ich nicht mehr so mobil bin, habe ich sie deshalb in den letzten zwei Jahren nicht mehr gesehen.“
Unbeholfen lächelt Julius Fränzi an, weil er offensichtlich nicht weiß, was er sagen soll.
„Aber lasst uns lieber das Thema wechseln, schließlich sind wir zum Feiern hier. Außerdem hatte ich viele gute Jahre mit meinen Geschwistern“, hilft Fränzi ihm aus der Patsche.
„Hast du Geschwister, Leon? Leon ist doch richtig, oder?“, erkundigt Mario sich.
Ich nicke. „Einen jüngeren Bruder, Micha. Und du?“
„Nur die hier“, er zeigt auf Julius, Philipp und Lea. „Biologisch gesehen bin ich Einzelkind.“
„Und da die vier eh schon in der Überzahl sind, musst du dich für unsere Familienseite entscheiden“, fordert Anton energisch. „Ansonsten ist es völlig unfair.“
„Setz Leon doch nicht so unter Druck“, tadelt seine Schwester Elena ihn. „Du musst nicht, aber wir würden uns natürlich sehr freuen, wenn du uns verstärkst“, sagt sie dann zu mir.

In dem Moment kommen die ersten Kuchenteller an, sodass ich erst einmal um eine Antwort herumkomme.
Julius beäugt mich kritisch und sagt dann: „Wir können auch einen neuen Familienzweig aufmachen, wenn du willst, ohne die alle.“ Beim letzten Wort deutet er auf seine Geschwister, Cousin und Cousine sowie deren Anhänge.
„Hmm, das ist eine Überlegung wert“, antworte ich ihm, was ihn strahlen lässt. Scheinbar hat er trotz allem nicht wirklich damit gerechnet, dass ich ihn oder sein Angebot ernst nehme.
„Hey, Julius, das kannst du uns nicht antun“, protestiert Philipp jedoch. „Es tut mir Leid wegen eben. Manchmal vergesse ich eben, wie groß du mittlerweile schon bist“, gesteht er verlegen. Als Julius nicht reagiert, legt Philipp noch eins drauf: „Ich gebe dir auch mein Stück Kuchen.“
„Nein, dann jammerst du die ganze Rückfahrt, dass du keinen Kuchen hattest“, schreitet Mario ein.
Unsicher sieht Julius mich an, offensichtlich hin- und hergerissen.
„Also ich würde das Angebot mit dem Stück Kuchen ja annehmen – du musst nicht zwingend hier und heute einsetzen“, erlöse ich ihn aus seinem Dilemma.
Zufrieden nickt Julius und sieht Philipp dann auffordernd an.
„Okay, du hast ein Stück Kuchen gut bei mir“, bestätigt der sein Angebot.
Anerkennend nickt Fränzi mir zu, während der Rest mit seinem Kuchen beschäftigt ist.
„Also, verstärkst du uns jetzt?“, will Anton sofort von mir wissen. Er ist offensichtlich nicht bereit, sich die kleinste Chance, mich auf ihre Seite zu ziehen, entgehen zu lassen.
Philipp und Julius wirken sehr zufrieden mit ihrer Versöhnung, während Lea und Mario sich raushalten. Daher nicke ich, mehr um meine Ruhe zu haben, als weil es mir tatsächlich wichtig ist, Partei für irgendeine Seite zu ergreifen. Wenn wäre es vermutlich am ehesten Julius Seite, da ich ihn sehr sympathisch finde. Vielleicht liegt es daran, dass er der Enkel ist, der Heinrich am ähnlichsten sieht – oder daran, dass er der Jüngste ist.
„Yes, super!“, freut Anton sich riesig, was alle anderen zum Schmunzeln bringt.
Anschließend genießen wir unsere Getränke und den Kuchen größtenteils schweigend, unterbrochen mit etwas Smalltalk.

„Wie hast du Opa eigentlich kennengelernt? Ich hab das irgendwie noch nicht richtig mitbekommen“, fragt Lea mich.
„Eine Freundin hatte die Idee, eine Challenge zu veranstalten – jeden Tag eine gute Tat, einen Monat lang. Und weil es ganz schön schwierig ist, jeden Tag etwas zu finden, hab ich einen alten Vorsatz in die Tat umgesetzt und bin jetzt zweimal in der Woche für eineinhalb bis zwei Stunden im Altenheim. Und Benni, einer der Pfleger dort, hat mir am ersten Tag Fränzi“, ich zeige auf meine Nachbarin, „Elisabeth dort hinten und Heinrich zugeteilt. Da wir uns gut verstanden haben, ist es dabei geblieben“, erkläre ich.
„Coole Sache. Was machst du so, wenn du nicht im Altenheim bist?“, zeigt auch Conny, ihre Verlobte, sich interessiert.
„Verschiedenes, zum Beispiel für meine ältere Nachbarin einkaufen, die Kinder einer anderen Nachbarin sitten, herumliegenden Müll in der Natur aufsammeln und sowas“, zähle ich auf, was mir spontan einfällt.
„Echt eine gute Idee. Sollten wir auch mal machen“, findet Philipp.
„Lass mich raten, du sagst dann, deine gute Tat des Tages wäre, dass du mich nicht geärgert hast, wenn wir uns sehen“, behauptet Julius halb amüsiert, halb resigniert.
„Nee, das wäre ja wirklich dreist. Aber dass ich dir das Stück Kuchen ausgebe, das zählt bestimmt“, kontert Philipp lachend.
Julius grinst ebenfalls und streckt seinem Bruder die Zunge raus.
„Oder gilt das etwa nicht?“, fragt Philipp jetzt bei mir nach.
„Naja, ich weiß nicht. Grundsätzlich kann es auch etwas sein, was man ohnehin macht, zwei von meinen Freunden sind beispielsweise auch vorher schon regelmäßig ehrenamtlich im Tierheim gewesen. Aber es sollte eine gute Tat sein, ohne etwas erreichen zu wollen oder ohne Entlohnung“, antworte ich unschlüssig. „So einen Fall hatten wir ehrlich gesagt noch nicht, das müssten wir vermutlich erst ausdiskutieren.“
„Das heißt, du musst mir auch noch das Getränk spendieren, dann gilt es“, beschließt Julius.
„Kriegen wir hin, ob Challenge oder nicht“, verspricht Philipp ihm und beugt sich hinter Mario vorbei, um seinem Bruder durch die Haare zu wuscheln.
„Lass das“, protestiert Julius natürlich, aber es ist eher halbherzig. Scheinbar hat das Angebot, nicht nur ein Stück Kuchen, sondern auch ein Getränk dazu zu bekommen, ihn versöhnlich gestimmt.
„Aber so was kleines reicht wirklich aus?“, hakt Elena jetzt nochmal nach. „Deine Beispiele klangen irgendwie aufwändiger.“
„Ja, definitiv! Ansonsten wäre es unmöglich, das neben der Arbeit noch zu stemmen. Meiner Nachbarin etwas mitzubringen, wenn ich eh einkaufen bin, ist ja auch nicht so viel. Oder jemandem im Supermarkt an der Kasse vorlassen zählt auch. Dafür gibt es aber nur einen Punkt. Für den Besuch im Tierheim oder Altenheim gibt es zwei Punkte und für noch aufwändigere Sachen, beispielsweise Umzugshelfer den kompletten Tag lang, gibt es drei Punkte.“
„Und was bekommt der Gewinner?“, will Anton sofort wissen. Ich glaube, er ist ähnlich ehrgeizig und gewinnorientiert wie Dennis.
„Eine gute Tat von den Verlierern, weil die noch Nachholbedarf haben. Genauer haben wir das noch nicht festgelegt.“
„Auf welchem Platz liegst du denn?“, fragt Mario.
„Weiß ich gar nicht so genau. Zuletzt war es Platz zwei, aber der Stand ist schon fast eine Woche alt“, erwidere ich.
„So was könnten wir echt mal machen. Muss ja nicht gleich ein ganzer Monat sein, vielleicht auch nur zwei oder drei Wochen“, schlägt Elena vor.
„Dann überlegt schon mal, was ihr mir Gutes tut“, fordert Anton siegessicher.
„Abwarten“, erhebt Julius sofort Einspruch.
„Ja, vielleicht verlierst du auch“, pflichtet Philipp ihm direkt bei.
„Wer möchte, kann sich ruhig noch ein zweites Stück Kuchen oder was zu trinken bestellen“, verkündet Heinrich mitten in der Gesprächspause.
„Also ich passe“, verkündet Fränzi sofort. Auch Elena lehnt ab. Ich will eigentlich auch ablehnen, kann dann aber doch nicht widerstehen. Dieses Mal entscheide ich mich für die Eissplittertorte.
Auch die anderen bestellen sich noch etwas.

Es sind bestimmt zwei Stunden vergangen, bis wir uns wieder auf den Rückweg machen. Dieses Mal haben Fränzi und ich jedoch Gesellschaft von Gregor, Philipp aus dem Altenheim und Elisabeth.
Es ist nett, noch ein paar weitere Bewohner aus dem Wohnheim etwas näher kennenzulernen.
Fränzi ist mit dem Gehen recht ausgelastet und entsprechend still.
Die anderen gehen wieder etwas vor uns, aber dieses Mal etwas langsamer, sodass der Abstand nicht ganz so groß ist.
Als wir am Altenheim ankommen, hole ich rasch das Geschenk aus der Fahrradtasche.
Fränzi, Gregor, Philipp und Elisabeth sind schon vorgegangen und warten vor dem Aufzug.
Gemeinsam fahren wir hoch.
Benni nimmt uns oben in Empfang. „Wunderbar, dann sind ja alle wieder vollzählig“, stellt er zufrieden fest.
„Herr Albers ist mit seinen Verwandten in den Aufenthaltsraum gegangen“, informiert er mich, bevor er sich an Fränzi wendet. „Darf ich Sie zu Ihrem Zimmer geleiten, Frau Peters?“
„Sehr gerne“, stimmt die zu.
„Dann noch einen schönen Samstag“, verabschiede ich mich, bevor ich mich auf den Weg mache, mein Geschenk zu überreichen.
„Eine sehr gute Entscheidung, Leon. Willkommen in meiner Familie“, begrüßt Paul mich, als ich dort ankomme. Scheinbar hat Anton seinen Vater in der Zwischenzeit darüber informiert.
„Äh, danke“, erwidere ich ein wenig überfordert. Ich kann ja schlecht sagen, dass ich eigentlich nur zugestimmt habe, um meine Ruhe zu haben! Dann versuchen sie bestimmt, mir ihre Vorzüge zu zeigen und lassen mich erst recht nicht in Frieden.
In dem Moment dreht Heinrich sich in unsere Richtung, was ich nutze, um der Situation zu entfliehen. „Ich wollte mein Geschenk noch überreichen“, sage ich und gehe zu Heinrich hinüber.
Wenn er nicht so glücklich aussehen würde, wäre ich ja sauer auf ihn, dass er mich ohne Vorwarnung seiner Familie ausgesetzt hat. Aber ich bin sicher, dass er es nicht böse gemeint hat und seine Enkel sind ja auch nett. Nur seine Kinder überfordern mich etwas.
„Alles Gute nochmal zum Geburtstag!“, wünsche ich Heinrich und gebe ihm das Geschenk.
„Danke, das wäre nicht notwendig gewesen“, sagt er, während er das Papier schon halb offen hat. Mir ist noch nie aufgefallen, dass Heinrich so neugierig ist – aber es passt und erklärt seine gute Beobachtungsgabe.
„Oh wie schön! Die sind wundervoll. Ich werde Herrn Leitner direkt bitten, dem Hausmeister Bescheid zu geben, dass er mir zwei Nägel in die Wand schlägt.“ Vor lauter Begeisterung macht Heinrich sich auf den Weg, nur um zwei Meter weiter eine Kehrtwende zu machen. „Entschuldige, jetzt habe ich mich gar nicht richtig bedankt. Ganz vielen lieben Dank dafür!“ Er zieht mich in seine Arme und drückt mich fest. Erst einige Zeit später lässt er mich wieder los. Jetzt hat er seine Fassung wiedererlangt, aber ich kann in seinen Augen noch das Schimmern erkennen. Spätestens jetzt, wo er so gerührt von meinem Geschenk ist, kann ich ihm überhaupt nicht mehr böse sein.
„Sehr gern geschehen!“
In dem Moment fordern Julius und Philipp Heinrichs Aufmerksamkeit.
„Ich mach mich dann mal auf den Heimweg. Feiert noch schön. Den Wunsch nach dem Hausmeister werd ich weitergeben, ich muss mich ja wenigstens ordnungsgemäß abmelden!“ Den letzten Halbsatz kann ich mir nicht verkneifen, zwinkere Heinrich dabei aber zu.
Zufrieden nickt er. „Vielen Dank nochmal!“ Dann schenkt er seine Aufmerksamkeit wieder seiner Familie.

Zum Glück muss ich Benni nicht lange suchen, sondern laufe ihm über den Weg.
„Und, hat ihm das Geschenk gefallen?“, will er wissen.
„Ja, sehr, du sollst bitte dem Hausmeister Bescheid geben, dass er neue Nägel braucht“, antworte ich.
„Mach ich“, verspricht Benni. Er schaut sich um und gibt mir dann einen kurzen Kuss auf die Lippen. Er ist eigentlich nicht der Rede wert, aber ich freue mich sehr über die Geste.
„Bis morgen. Ich freu mich“, verabschiede ich mich daher.
„Ja, bis morgen!“ An Bennis Lächeln erkenne ich, dass er sich ebenso freut, auch wenn er es nicht laut sagt. Sekunden später ist er auch schon wieder weg – schließlich muss er arbeiten.

tbc
Endlich wieder Zeit zu zweit
Anmerkungen zum Kapitel:Hallo ihr Süßen,

es tut mir Leid, dass ihr dieses Mal noch deutlich länger auf das Kapitel warten musstet. Vielen Dank für die Reviews - Antworten folgen noch - ich habe mich sehr gefreut.
Leider habe ich die Befürchtung, dass es bis zum nächsten Kapitel ähnlich lang dauern wird, auch wenn ich es nicht hoffe. Aber ich verspreche euch, dass ich dran bleibe und die Geschichte auf jeden Fall dieses Jahr noch fertig wird - vielleicht ja sogar bis Juni, immerhin haben wir "heute" schon den 28.06.2020.

Jetzt aber genug von mir - viel Spaß beim Lesen!
lg, Snoopy
Mein Wecker klingelt ein bisschen zu früh. Ein Teil von mir würde gerne liegen bleiben. Doch der Gedanke, dass Benni gleich zu mir kommt, treibt mich aus den Federn.
Es gibt ein paar Dinge vorzubereiten. Als erstes springe ich unter die Dusche, um richtig wach zu werden. Dann gibt es zwei Stellen, die ich gestern nicht mehr aufgeräumt habe. Nicht, dass meine Wohnung sonst total chaotisch ist, aber doch mehr, als es mir lieb ist.
Schließlich soll Benni zumindest einen guten ersten Eindruck von meiner Wohnung haben – auf Dauer werde ich das wohl nicht durchhalten.
Danach fahre ich mit dem Rad zum Bäcker. Für mich selbst mache ich mir normalerweise nicht die Mühe, aber Besuch ist ein guter Grund, es doch zu tun.
Natürlich kann ich mich nicht wirklich entscheiden und kaufe am Ende viel zu viel: verschiedene Körnerbrötchen, ein paar normale Brötchen und auch vier Stück Kuchen, weil sowohl der Butterstreusel als auch der Erdbeerkuchen einfach zu verlockend aussehen. Meine Fahrradtaschen sind ja geräumig und das, was übrig bleibt, kann ich einfrieren. Im Moment sollte ich genug Platz dafür haben.

Wieder Zuhause angekommen, stelle ich die Tüte mit den Backwaren ab und decke den Tisch. Ich überlege, ob ich irgendwas drauf stellen soll, damit es netter aussieht. Aber Kerzen sind bei strahlendem Sonnenschein irgendwie seltsam und sonst hab ich glaub ich gar nichts da.
Das Essen sieht ja auch gut aus. Ich fülle etwas Müsli aus der Dose in eine größere Schale ab und stelle es mit einem Löffel auf den Tisch. Als nächstes kommt die Obstschale auf den Tisch, gefolgt von der Kaffeekanne und zwei verschiedenen Säften.
Zum Schluss stelle ich noch eine Auswahl an Aufschnitt und Aufstrichen sowie Milch und Joghurt für das Müsli dazu. Der Tisch ist fast komplett voll – und eigentlich passen da locker vier bis sechs Personen dran. Ich fürchte, ich habe es übertrieben.
Bevor ich mir überlegen kann, was ich wieder wegräumen soll, klingelt es. Sofort drücke ich auf den Summer. Um diese Uhrzeit wüsste ich nicht, wer außer Benni klingeln sollte.
Kurz darauf steht er tatsächlich vor meiner Tür.
Sofort ziehe ich ihn an mich ran und küsse ihn innig.
„Das war eindeutig viel zu lange“, stellen wir beide synchron fest, nachdem wir uns einige Minuten später wieder voneinander lösen.
„Ich gehe mal davon aus, dass ich mir die Entschuldigung, weil ich zu früh bin, sparen kann. Oder?“ Verschmitzt grinst Benni mich an.
Gespielt skeptisch lege ich meinen Kopf schief, was Benni zum Anlass nimmt, mich nochmal zu küssen.
„Ja, kannst du. Aber wir müssen unbedingt heute schon unser nächstes Treffen ausmachen! Nochmal so lange ist keine Option – und wenn ich dich im Heim sehe, verstärkt das eher den Frust.“
„Stimmt, das ist wie ein fettes Stück Sahnetorte vor jemandem, der gerade Diät macht“, bestätigt Benni. „Keine Sorge, ich hab auch nicht vor, nochmal so lange zu warten.“
„Gut. Kuchen ist übrigens das richtige Stichwort – ich hab ein bisschen was vorbereitet“, sage ich und lotse Benni in die Küche.
Wie erwartet, erstarrt er beim Anblick des riesigen Buffets. „Okay, und wen hast du noch alles eingeladen?“
„Niemand, das ist nur für uns“, gebe ich verlegen zu.
„Also wenn das für dich ein bisschen ist, dann mach bitte nie mehr, wenn ich vorbeikomme. Lieber nur ein minibisschen, das dürfte dann das sein, was die meisten Menschen als normale Portion bezeichnen.“
Daraufhin strecke ich Benni die Zunge raus, was ihn zum Lachen bringt. Das steckt mich an und wir lachen beide.
„Keine Ahnung, was da passiert ist. In meiner Vorstellung war das nicht annähernd so viel“, erkläre ich.
„Nun, dann lass uns mal mit der Reduktion der Vorräte beginnen. Guten Appetit“, wünscht Benni.
„Danke, den wünsche ich dir auch. Ist Kaffee okay oder möchtest du lieber Tee?“
„Kaffee und ein Glas Orangensaft wäre super.“
Die Betonung auf „Glas“ lässt mich stutzig werden. Wie peinlich – ich hab doch tatsächlich die Gläser vergessen.
„Natürlich“, sage ich hastig und hole zwei Gläser aus dem Schrank. In der Zwischenzeit schenkt Benni uns beiden schon mal Kaffee ein.
„Ist doch richtig, dass du auch Kaffee trinkst, oder?“
„Ja, genau.“ Ich schütte uns beiden zusätzlich den Orangensaft ein. „Was möchtest du denn essen?“
„Das ist eine gute Frage. Bei so viel Auswahl ist die Entscheidung echt schwer. Ich glaube, ich fang mit einem Mehrkornbrötchen an. Und du?“
„Wirklich gute Frage. Ich denke, ich nehme Müsli mit Nektarine“, beschließe ich.
„Klingt auch lecker. Vielleicht nehme ich das als nächstes.“
Anschließend herrscht erst mal überwiegend Stille, vom Kauen abgesehen.
Zwischendurch tauschen wir uns ein wenig über die vergangene Woche aus. Wir haben zwar immer wieder geschrieben, aber das ist ja doch was anderes.
„Ich hab mit einem Freund eine Radtour gemacht, die war echt cool. Man muss allerdings ein gutes Stück mit dem Zug hinfahren, sonst ist es zu weit“, erzählt Benni. „Ansonsten hab ich eigentlich gar nicht so viel besonderes gemacht, das Übliche halt: arbeiten, bisschen Sport, Haushalt... Oh, warte, ich war noch schwimmen! Das Wasser war allerdings recht frisch.“
„Cool, im Freibad?“, hake ich nach.
„Ja, genau.“
„Da war ich dieses Jahr noch nicht.“
„Und was war bei dir so los?“, erkundigt Benni sich.
„Uff, Freitag hatten wir uns zuletzt getroffen, richtig?“ Ich muss erst mal überlegen, was seitdem alles passiert ist. Dann berichte ich ihm ausführlich. Vor allem vom letzten Wochenende mit Heinrichs Outing und dem Treffen mit meinen Freunden, aber auch von der Geburtstagsfeier gestern.
„Echt schön, dass Heinrich sich getraut hat. Einige ältere Herrschaften sind tatsächlich überraschend offen, was beispielsweise Homosexualität angeht. Ich glaube, es liegt daran, dass sie gerade im Alter merken, was im Leben wirklich zählt – und was nicht. Gleichzeitig sind natürlich viele sehr engstirnig, weil sie von klein auf so erzogen wurden, dass sich das nicht gehört.“
Benni ist mittlerweile tatsächlich zum Müsli übergegangen, während ich gerade mein zweites Brötchen schmiere. Die ganzen Vorbereitungen haben mich irgendwie ganz schön hungrig gemacht, auch wenn es gar nicht so viel war.
„Es tut mir übrigens echt Leid, ich hätte dich wirklich gern vorgewarnt – ich habe Heinrichs Verwandtschaft nämlich schon kennengelernt und weiß, dass die zwar sehr nett sind, aber auch wirklich anstrengend sein können. Aber Heinrich hat mich extra darum gebeten, das nicht zu tun“, entschuldigt Benni sich nochmal persönlich.
„Schon okay. Ich war einfach ziemlich überrumpelt. Fränzi hat mich allerdings gut unterstützt. Und an deiner Stelle hätte ich mich auch an seinen Wunsch gehalten – es ist ja nichts schlimmes gewesen“, beruhige ich ihn.

„Puuh, ich glaube, wenn ich noch was esse, dann platze ich“, verkündet Benni später. Wir haben uns noch von beiden Kuchensorten ein Stück geteilt. Sowohl der Butterstreusel als auch der Erdbeerkuchen waren tatsächlich genauso lecker, wie sie aussahen. Ich weiß immer noch nicht, welchen ich besser finde.
„Geht mir ähnlich. Daher würde ich sagen, dass jetzt der Zeitpunkt für die Wohnungsbesichtigung gekommen ist“, schlage ich vor.
„Klingt gut“, stimmt Benni sofort zu. „Schließlich heißt es, dass man sich nach dem Essen bewegen soll.“
„Das ist wahr – für die berühmten tausend Schritte reicht es aber nicht. Da müssen wir uns eher fürs Ruhen entscheiden“, bremse ich ihn.
Daraufhin lacht Benni nur.
„Dann komm mal mit. Meinen Flur kennst du ja schon. Hier ist mein Wohnzimmer“, erkläre ich.
„Gefällt mir. Vielleicht können wir ja am Ende des Rundgangs einen Bequemlichkeits-Test auf deiner Couch durchführen. Schließlich müssen wir sie mit meiner vergleichen“, meint Benni.
„Sollte machbar sein. Und je nach dem wie wir testen ist da ja auch etwas Bewegung dabei“, antworte ich zwinkernd. „Folgen Sie mir als nächstes ins Bad, werter Herr“, fordere ich Benni danach mit einer Verbeugung auf.
„Sehr wohl“, erwidert er huldvoll. Lachend gehen wir ins Bad. Es ist nichts besonderes, Toilette, Waschbecken und eine Dusche. Aber immerhin hat es ein kleines Fensterchen.
„Zum Höhepunkt darf ich Sie jetzt in mein Schlafzimmer einladen.“
„Klingt verlockend.“
„Tada!“, präsentiere ich ihm mein Schlafzimmer.
„Schön. Dein Bett sieht auch sehr gemütlich aus, aber ich glaube, den Test verschieben wir besser auf ein anderes Mal“, sagt Benni.
„Ja, du musst ja gleich noch arbeiten.“
Er will schon wieder zurück ins Wohnzimmer gehen, doch ich halte ihn am Arm zurück.
„Warte, nicht so schnell. Auch wenn ich es zweideutig formuliert habe – mit dem Höhepunkt meinte ich streng genommen nicht mein Schlafzimmer“, beginne ich. „Auch nicht mein Bett“, ergänze ich, als ich Bennis Blick folge. „Komm mit.“ Ich schiebe den Vorhang beiseite und öffne die Balkontür.
„Klein, aber mein.“ Der Balkon ist gerade groß genug für zwei Klappstühle und ein winziges Beistelltischchen. Am Geländer hängen zwei Blumenkästen.
„Wow, du hast einen Balkon!“ Benni ist begeistert. „Wir hätten hier frühstücken sollen.“
„Naja, da gibt es zwei Probleme. Erstens kommt die Sonne jetzt erst so langsam hin und morgens ist es im Schatten doch noch etwas frisch. Und zweitens – wie hätte ich das Essen auf diesen Tisch bekommen sollen?“
„Okay, gewonnen“, gibt Benni nach. „Dann komme ich das nächste Mal zum Mittag- oder Abendessen vorbei, damit wir hier essen können. Also untersteh dich, dann wieder so ein riesiges Buffet zu machen!“
„Keine Sorge, ich werde mich beherrschen. Wenn ich koche, klappt das auch automatisch – ich koche definitiv nicht so gern, dass ich dann verschiedene Gerichte oder Vorspeisen machen würde. Zwei Teller und vielleicht noch zwei Schälchen Salat sind machbar – und falls es ein Dessert gibt, kann man ja zwischendurch abräumen.“
„Deal! Jetzt brauchen wir nur noch ein Datum.“
„Wie sieht es mit nächster Woche Donnerstag aus? Am Wochenende hab ich meiner Familie nämlich versprochen, bei denen mal wieder vorbeizukommen“, gestehe ich leicht verlegen.
„Ja, Donnerstag passt“, antwortet Benni zu meinem Glück. „Dann Abends, oder?“
„Genau, ich arbeite bis fünf und so lange ist meine Mittagspause auch nicht.“ Ich bin erleichtert, dass er Zeit hat. Montag bis Mittwoch wäre zwar von mir aus auch möglich gewesen, aber dann wäre es deutlich weniger Zeit gewesen.
Fragend sieht Benni mich und die Umgebung an, während er mich in seine Arme zieht. Ich brauche einen Augenblick, bis ich die unausgesprochene Frage begreife, dann nicke ich. Zufrieden nickt Benni und besiegelt unser nächstes Date mit einem ausgiebigen Kuss. Entspannt schmiege ich mich in seine Arme und erwidere den Kuss. Mein Balkon ist für einigen Nachbarn einsehbar, aber im Moment ist erstens noch niemand draußen und zweitens – wenn es jemanden stört, muss derjenige ja nicht hinsehen!

Nach zehn bis fünfzehn Minuten wird uns dann doch etwas zu kühl, sodass wir uns voneinander lösen. „Ich glaube, der Test deiner Couch steht noch aus“, sagt Benni und zwinkert mir zu. Lachend nicke ich. „Stimmt, ich kann dich auf keinen Fall arbeiten gehen lassen, bevor du nicht von ihrem hohen Gemütlichkeitsfaktor überzeugt bist.“ Wir gehen rein und durch ins Wohnzimmer. Zuerst setzen wir uns nebeneinander auf das Sofa. Doch wir beim letzten Mal landen wir durch das Küssen, das wir direkt wieder begonnen haben, recht schnell wieder im Liegen. Dieses Mal liegt Benni jedoch unten auf dem Sofa und ich bin derjenige, der halb oben, halb neben ihm liegt. Ich muss tatsächlich ein wenig acht geben, nicht von der Couch zu rutschen – Bennis ist etwas breiter als meine. Als Benni merkt, warum ich mit meiner Aufmerksamkeit nicht gänzlich bei ihm bin, zieht er mich kurzerhand komplett auf sich.
„Bin ich dir nicht zu schwer?“
„Nein. Und falls du mir doch zu schwer wirst, können wir uns ja abwechseln.“
Es fühlt sich ziemlich gut an, so auf Benni zu liegen und seinen Körper komplett an meinem zu spüren. Ich freue mich schon darauf, wenn wir das erste Mal gemeinsam bei einem von uns übernachten werden und hoffe, dass es bis dahin nicht mehr allzu lange dauert. Vielleicht sogar schon am Donnerstag? Heute ist definitiv nicht der richtige Zeitpunkt für unsere gemeinsames erstes Mal, denn das will ich ohne jeglichen Zeitdruck genießen können. Und auch wenn wir nicht darüber gesprochen haben, bin ich mir ziemlich sicher, das Benni das ähnlich sieht.

„Okay, langsam wirst du doch ein bisschen schwer“, sagt Benni einige Zeit später zwischen zwei Küssen. Anstatt unsere Positionen zu tauschen, legen wir uns beide seitlich auf die Couch. Wenn ich nicht auf der Kante liegen will, passt nichts mehr zwischen uns – aber zum Küssen ist Abstand ja eher hinderlich als hilfreich, sodass es egal ist.
Irgendwann danach löst Benni sich vorsichtig von mir.
„Wie spät ist es eigentlich?“
„Uff, gute Frage. Ich hab keine Ahnung.“ Irgendwie schaffen wir es, uns aufzusetzen, ohne dass jemand von der Couch fällt.
„Ich hab noch eine gute Viertelstunde, dann muss ich los“, stellt Benni nach einem Blick auf sein Handy fest.
„Willst du dir vielleicht noch was zum Essen mitnehmen?“, frage ich ihn. „Ehrlich gesagt bin ich mir nämlich nicht sicher, ob ich das alles alleine aufgegessen bekomme.“
„Das ist eine gute Idee, ich habe heute morgen nämlich gar nicht dran gedacht, mir etwas mitzunehmen. Jetzt gerade habe ich zwar noch keinen Hunger, der kommt unter Garantie jedoch wieder, bevor ich Zuhause bin.“
Während Benni sich zwei Brötchen belegt, suche ich geeignete Dosen raus. In eine, die recht dicht ist, gebe ich Joghurt und schneide dann noch Nektarine rein. Zur Sicherheit mache ich noch eine Plastiktüte drum herum.
„Wow, dann hab ich heute sogar einen Nachtisch“, stellt Benni zufrieden fest.
„Ja, du musst ihn nur kühlen.“
„Das ist kein Problem, wir haben einen kleinen Kühlschrank im Stationszimmer.“
„Sehr gut.“
Dann ist es leider auch schon fast ein Uhr und Benni muss los.
„Die Zeit ist viel zu schnell verflogen“, bedauere ich.
„Ja, dabei waren es sogar etwas mehr als drei Stunden“, stimmt Benni mir zu. „Immerhin dauert es diesmal nicht so lange bis zu unserem nächsten Treffen.“
„Das stimmt. Ich glaube, nochmal so lange hätte ich auch nicht durchgehalten. Ich freue mich schon auf Donnerstag“, antworte ich.
Mit einem ausgiebigen Kuss verabschieden wir uns voneinander. Ich bringe ihn noch nach unten.
„Eine ruhige Schicht, auf dass die Herrschaften keinen Blödsinn anstellen“, wünsche ich ihm halb im Scherz, halb ernst.
„Danke. Dir noch einen schönen Sonntag!“
Ein bisschen wehmütig sehe ich Benni hinterher. Gleichzeitig freue ich mich schon auf Donnerstag, wo wir uns nicht nur wiedersehen, sondern hoffentlich auch noch etwas mehr Zeit zusammen haben werden.

tbc
Sei vorsichtig, was du dir wünschst...
Anmerkungen zum Kapitel:Hey ihr Süßen,
auch auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole - es tut mir schrecklich Leid, dass ich noch später dran bin als sonst! Aber irgendwie ist mein Leben gerade damit beschäftigt, mir sofort neue Knüppel zwischen die Beine zu schmeißen, wenn ich die aktuellen losgeworden bin...
Umso mehr freue ich mich, dass ihr so geduldig mit mir seid!
Wir nähern uns übrigens dem Ende - hiernach wird es noch ein reguläres Kapitel geben, ein Bonuskapitel (weil es sich sonst so anfühlt, als wäre die Geschichte nicht komplett) und dann natürlich der Epilog... Wer mag, darf raten, worum es im Bonuskapitel und worum es im Epilog gehen wird.
Reviews beantworte ich jetzt gleich im Anschluss.
Euch viel Spaß beim Lesen!
lg, Snoopy
Am Montagmorgen erwache ich mit einem seltsam kribbeligen Gefühl. Einerseits ist es Vorfreude, weil heute der letzte Tag ist, an dem ich mir unbedingt eine gute Tat suchen muss. Der letzte Tag der Challenge ist zwar erst morgen, aber da es Dienstag ist, steht ja schon fest, was ich machen werde. Andererseits bin ich trotz des Aufwands auch ein wenig wehmütig, weil die Challenge jetzt vorbei ist. Ich werde zwar weiterhin zweimal die Woche ins Altenheim gehen und sicherlich auch im Alltag bewusster Gelegenheiten nutzen, anderen zu helfen, aber das ist natürlich nicht dasselbe. Zudem werden das wohl zumeist eher kleinere Sachen sein, sodass ich mich irgendwie unter Druck fühle, mindestens zwei, besser noch drei Punkte zu erzielen – gar nicht so sehr wegen der Punkte, sondern um nochmal eine „richtige“ gute Tat zu vollbringen. Die Kleinigkeiten fühlen sich einfach viel selbstverständlicher an und zählen deshalb nicht nur bei der Challenge, sondern auch für mich deutlich weniger.
Dabei habe ich gestern erst zwei Punkte geholt, als ich quasi aus der Not eine Tugend gemacht habe. Da ich ja noch zwei Stück Kuchen hatte, habe ich nachmittags spontan Kaffee gekocht und beides mitgenommen. Anschließend habe ich unten bei Frau Müller geklopft und gefragt, ob ich sie einladen darf. Da wir keinen Aufzug haben und sie ja Arthrose hat, fand ich das die praktischste Lösung. Sie hat sich sehr gefreut und mich hereingebeten. Wir haben nicht nur den Kaffee getrunken und uns die beiden Stücke Kuchen geteilt, sondern sie hat mir auch das „Du“ angeboten. Ehrlich gesagt wusste ich bis dahin gar nicht, dass sie Cäcilia mit Vornamen heißt. Es war ein wirklich nettes Gespräch und auch das wird etwas sein, das ich sicherlich wiederholen werde. Im Vergleich zum Kühlschrank schleppen hat sich aber auch das zu angenehm angefühlt, ähnlich wie auch meine Besuche im Altenheim.
Die Preisfrage ist nur, wo ich heute spontan etwas Vergleichbares finden soll!
Vor lauter Grübeln schaffe ich es fast, zu spät zur Arbeit zu kommen. Ich muss ziemlich schnell in die Pedale treten, um meine Trödelei wieder wettzumachen. Immerhin schaffe ich es.

Endlich ist Mittagspause! Schon lange nicht mehr habe ich mich so sehr darauf gefreut wie heute. Doch die Challenge lässt mich einfach nicht los, sodass es mir ungewohnt schwer gefallen ist, mich auf die Arbeit und meine Patienten zu konzentrieren. Entsprechend erschöpft fühle ich mich jetzt, obwohl der halbe Arbeitstag noch vor mir liegt.
„Braucht jemand von euch heute zufällig Hilfe bei irgendwas?“, frage ich meine Kollegen.
„Nein, heute nicht, danke“, antwortet Nadine als erste.
„Nöö, wüsste nicht wobei“, sagt Ilka und schüttelt ihren Kopf.
„Sorry, ich auch nicht“, schließt Alex sich bedauernd an, als mein Blick hoffnungsvoll auf ihm ruht.
Seufzend widme ich mich wieder meinem Essen. Das wäre auch zu schön gewesen!
Kurz darauf klingelt ein Handy.
„Hallo Mama, was gibt es denn?“, fragt Alex. Meine Kolleginnen und ich werfen uns amüsierte Blicke zu. Es ist schon lustig, wenn der Chef am Telefon wieder zum Kind wird – wenigstens bis zu einem gewissen Grad. Wobei es wohl den meisten Menschen so geht, wenn sie mit ihren Eltern telefonieren – schließlich bleibt die spezielle Familiendynamik auch dann noch bestehen, wenn die Kinder schon längst erwachsen sind.
„Nein, tut mir leid, aber das geht nicht. Susanne ist heute Abend nicht da und ich habe ihr versprochen, auf die Kinder aufzupassen“, sagt Alex gerade. „Morgen müsste gehen.“
Seine Mutter scheint damit sehr unzufrieden zu sein, denn Alex verzieht sein Gesicht und hält das Telefon etwas von seinem Ohr weg. Sichtlich frustriert lässt er seinen Blick durch unseren Aufenthaltsraum gleiten, offenbar auf der Suche nach einer Wunderlösung. Plötzlich hält er inne und starrt mich an.
„Warte, vielleicht gibt es doch eine Möglichkeit“, unterbricht er den immer noch andauernden Monolog seiner Mutter. Er muss es nochmal wiederholen, weil sie es vor lauter Zetern nicht verstanden hat. „Bleib kurz dran, ich muss nachfragen.“ Dann lässt er den Telefonhörer sinken. „Meine Mutter hat sich in den Kopf gesetzt, dass der Strauch, den sie heute morgen gekauft hat, unbedingt heute noch in die Erde muss. Aber da der Boden so trocken ist, schafft sie es nicht. Würdest du das vielleicht übernehmen? Sie wohnt allerdings im Edelsteingarten“, wendet er sich fragend an mich.
Kurz verziehe ich mein Gesicht. Der Edelsteingarten ist ein Viertel, was am anderen Ende der Stadt liegt und auch noch in die komplett andere Richtung als meine Wohnung. Das heißt allein wenigstens eine Stunde Fahrt insgesamt, vermutlich sogar knapp anderthalb. Andererseits ist das genau das, was meinen Anforderungen entspricht – harte körperliche Arbeit – und die Fahrt kann ich ja auch mit einrechnen. Das sind auf jeden Fall zwei Punkte!
„Ja, ich mach's“, antworte ich Alex.
„Ehrlich?“, hakt er leicht zweifelnd, aber gleichzeitig auch hoffnungsvoll nach. Vermutlich hat er mitbekommen, wie ich mein Gesicht verzogen habe und will sich vergewissern, dass ich es mir nicht anders überlege.
„Ehrlich“, bestätige ich.
„Leon, mein Mitarbeiter wäre bereit, den Strauch einzupflanzen“, verkündet Alex seiner Mutter.
Bei ihrer Antwort verdreht er die Augen. „Natürlich ist er anständig, sonst würde ich ihn weder in meiner Praxis arbeiten lassen noch zu dir schicken. Wenn du meinem Urteil nicht traust, dann wirst du halt bis morgen warten müssen“, erwidert er dann gereizt und formt lautlos ein „Sorry“ in meine Richtung. Ich winke nur ab.
„Nun, ich schätze gegen acht, vielleicht etwas eher.“ Nach einer kurzen Pause: „Nein, bis sieben, aber er fährt mit dem Rad. Es sei denn, du übernimmst die Kosten für die Hin- und Rückfahrt mit dem Taxi.“ Jetzt verstehe ich, dass es wohl darum geht, wann ich da bin. Daher schüttele ich meinen Kopf. Irritiert hält Alex inne. „Moment mal“, sagt er kurz angebunden zu seiner Mutter.
„Mein letzter Termin hat vorhin abgesagt, ich könnte vermutlich kurz nach sieben da sein“, informiere ich ihn.
„Du hast Glück, ein Termin fällt aus, sodass es kurz nach sieben wird“, gibt er die Info weiter. „Nein, das ist keine Option – es ist schon nett genug, dass er das nach seinem Feierabend machen will. Und ich muss pünktlich nach Hause zu den Kindern. Ich muss jetzt auch Schluss machen, der nächste Patient kommt gleich. Entweder Leon um kurz nach sieben oder ich morgen – es ist deine Entscheidung“, stellt Alex seine Mutter entnervt vor die Wahl. „Wunderbar. Dann tschüss.“ Nachdem er aufgelegt hat, stößt er einen tiefen Seufzer aus.
„Sie wollte doch allen Ernstes, dass du spätestens um sechs Uhr da bist, besser um fünf und hat mich gefragt, ob ich die Termine nicht absagen könnte.“ Fassungslos schüttelt er seinen Kopf. „Manchmal frage ich mich bei ihren Ansprüchen wirklich, in welcher Welt sie eigentlich lebt.“ Er zögert kurz. „Wenn du doch nicht willst, kann ich das echt verstehen“, sagt er dann.
„Nein, passt schon“, erwidere ich. „Ehrlich“, bekräftige ich, als Alex mit skeptisch ansieht.
„Du bist mein Held!“, verkündet er. „Eine Gehaltserhöhung kriegst du trotzdem nicht“, schiebt Alex dann noch hinterher, als sei ihm gerade der Gedanke gekommen.
„Keine Sorge, das war auch nicht meine Absicht“, beruhige ich ihn. „Meine Freunde und ich haben noch bis morgen eine Challenge am Laufen, wo wir jeden Tag eine gute Tat vollbringen müssen – je aufwändiger, desto mehr Punkte gibt es.“
„Achso, verstehe, du willst auf den letzten Drücker nochmal ein paar Punkte sammeln“, antwortet Alex.
Ich nicke bestätigend, auch wenn es nicht hundertprozentig stimmt. Danach ist die Pause endgültig um und wir müssen alle wieder an die Arbeit.

Zufrieden schwinge ich mich auf mein Rad. Der Nachmittag war deutlich besser und ich konnte mich wieder vernünftig konzentrieren. Eben habe ich mir den Weg zu Alex Mutter nochmal genau angeschaut, damit ich mich auch nicht verfahre. Die Strecke ist glücklicherweise recht einfach und einprägsam, sodass es mir ohne Probleme gelingt, ihr aus dem Kopf zu folgen.
Um zehn nach sieben bin ich vor Haus Nummer einundzwanzig in der Saphirallee. Noch während ich mein Fahrrad abstelle, kommt eine ältere Dame aus dem Haus und beäugt mich skeptisch.
„Frau Breuer?“, frage ich sie. Als sie nickt, fahre ich fort: „Ich bin Leon Haenig, ein Mitarbeiter Ihres Sohnes. Er hatte Ihnen ja heute Mittag am Telefon gesagt, dass ich statt seiner vorbeikommen und beim Einpflanzen helfen werde.
Sie nickt erneut und ihre Miene wird ein wenig weicher. Richtig überzeugt von meiner guten Absicht wirkt sie allerdings noch immer nicht.
Ich beschließe, mich davon nicht irritieren zu lassen. „Wo ist denn der Platz, wo Sie den Strauch hinhaben wollen?“
„Hinten“, antwortet sie und signalisiert mir, ihr zu folgen. Dafür, dass sie am Telefon so sehr auf Alex eingeredet hat, ist Frau Breuer jetzt überraschend wortkarg. Mich stört das nicht, lieber Ruhe als Dauergequatsche!
„Der Schmetterlingsflieder soll hier rein“, informiert sie mich kurz darauf und zeigt auf eine Stelle, wo die trockene Erde ein wenig angekratzt wirkt. Sofort ist mir klar, dass das Knochenarbeit wird – meine Mutter hat mich nämlich ab dem Alter von vierzehn oder fünfzehn Jahren gerne Gartenarbeiten erledigen lassen, die viel Kraft erfordern. Mein Vater war ja meist beruflich eingespannt und hätte es oft erst Wochen später geschafft, das zu erledigen.
„Okay, dann werde ich direkt loslegen“, verkünde ich und schnappe mir den bereitliegenden Spaten. Wenn es nicht so trocken wäre, wäre es zwar immer noch anstrengend, aber mit wenigen gezielten Spatenstichen machbar. So jedoch kann ich den Spaten nicht mal bis zur Hälfte in die Erde stecken, sondern nur kleine Mengen an Erde abkratzen. Selbstverständlich scheint die Sonne auch schon auf das Fleckchen Garten, in dem ich arbeite, damit mir so richtig heiß wird. Außerdem steht Frau Breuer in sicherem Abstand da und beobachtet mich mit Argusaugen, ob ich das auch richtig mache. Entsprechend bin ich eine halbe Stunde später komplett schweißgebadet. Leider bin ich noch nicht mal halb so tief wie gewünscht.

Nach gut eineinhalb Stunden bin ich fertig. Obwohl ich in meinem Job ja auch mit meinen Armen arbeite und auch immer wieder mal Übungen mache, um sie zu trainieren, sind sie solche Strapazen nicht gewöhnt. Ich habe das Gefühl, dass selbst mein Handy rausholen und ein Foto von dem Loch machen meine Hände und Arme in ihrem jetzigen Zustand überfordert. Trotzdem mache ich es, denn ich will einen Beweis für meine harte Arbeit haben.
Immerhin war es zuletzt etwas angenehmer, da die Sonne weitergewandert ist und ich im Halbschatten arbeiten konnte. Zudem hat Frau Breuer mir von sich aus eine große Flasche Wasser und ein Glas rausgebracht. Über die Hälfte habe ich schon getrunken und trotzdem habe ich schon wieder Durst. Während ich das nächste Glas trinke, überlege ich, ob ich gleich nach vorne gehen und klingeln soll, um Frau Breuer Bescheid zu geben, dass ich fertig bin. Dankenswerterweise hat sie sich nämlich immer wieder in die Kühle des Hauses verzogen, anstatt die ganze Zeit neben mir zu stehen und mich weiterhin zu kontrollieren. Entweder ich konnte sie mit meiner Leistung überzeugen oder ihr wurde es einfach zu warm. Mir ist letztlich gleich, woran es lag, ihre Abwesenheit hat mir gereicht.
In dem Moment, wo ich mich auf den Weg zur Klingel machen will, kommt Frau Breuer durch die Terrassentür.
„Gut, dass Sie kommen, ich bin gerade fertig geworden“, informiere ich sie.
Mit einem Nicken nimmt sie das zur Kenntnis und begutachtet das Loch.
„Bringen Sie mir doch bitte mal den Sack Erde, der ist im Schuppen“, sagt sie und zeigt auf ein kleines Gebäude, was ich für die Garage gehalten hatte. Tatsächlich finde ich dort recht schnell den gewünschten Sack Erde und schaffe es, ihn trotz meiner Puddingarme heil zu ihr zu tragen.
„Danke.“ Sie gibt etwas Erde unten ins Loch. „Jetzt kann der Schmetterlingsflieder rein“, stellt sie fest. Ich brauche einen Moment, um zu verstehen, dass das eine an mich gerichtete Aufforderung war. Gehorsam nehme ich den Strauch, der etwas entfernt im Schatten eines großen Baumes steht, entferne seinen Topf und stelle ihn ins Loch. Frau Breuer füllt es zunächst mit weiterer Erde auf, geht dann in den Schuppen und kommt mit einem kleineren Beutel zurück. Ich vermute, dass es Dünger ist, den sie jetzt in das fast geschlossene Loch gibt. Am Ende füllt sie den Rest noch mit Erde auf und tritt diese vorsichtig etwas fest.
„Bitte holen Sie Wasser, dort ist die Regentonne, die Gießkanne steht davor. Am besten machen Sie sie ganz voll, der Schmetterlingsflieder muss ordentlich angegossen werden, damit er gut anwächst!“
Mit einem Nicken stiefele ich los und erfülle ihr auch diesen Wunsch, obwohl ich mich zunehmend mehr nach meinem Abendessen, meiner Dusche und meinem Bett sehne – in genau dieser Reihenfolge.
Anschließend gieße ich den frisch eingepflanzten Strauch unter ihrer Anweisung, bis sie zufrieden ist.
„Wunderbar! Vielen Dank für Ihre Hilfe. Alleine hätte ich das wirklich nicht geschafft. Aber bei den aktuellen Temperaturen hatte ich Sorge, dass der Schmetterlingsflieder kaputt gegangen wäre, wenn er nicht so bald wie möglich in die Erde kommt.“
Von ihrem aufrichtigen Dank ein wenig besänftigt, erwidere ich: „Verständlich.“ Insgeheim denke ich mir, dass sie zwar nicht ganz unrecht hat, der eine Tag mehr aber nicht das Problem gewesen wäre. Alex hat sie ja nicht auf das Wochenende vertröstet – das hätte tatsächlich zu lang sein können.
„Dann verabschiede ich mich jetzt“, verkünde ich.
„Ja, kommen Sie gut nach Hause. Und vielen Dank nochmal!“, verabschiedet Frau Breuer sich beinahe überschwänglich von mir – zumindest im Vergleich zu ihrer vorherigen Zurückhaltung.
„Gern geschehen.“
Kurz darauf sitze ich wieder auf meinem Fahrrad und trete in die Pedale. Jetzt gerade hätte ich gerne ein Auto, damit ich schneller wieder Zuhause bin. Immerhin ist es durch den Fahrtwind angenehmer als vorhin das Arbeiten in der prallen Sonne.

Als ich knapp eine Stunde später Zuhause ankomme, würde mich am liebsten einfach nur fallen lassen, weil ich so erschöpft bin. Doch dafür bin ich zu hungrig und zu verschwitzt – und der Boden ist auch zu hart. Rasch gehe ich in die Küche, um Wasser zu trinken und schnell einen Müsliriegel zu futtern. Danach fühle ich mich wenigstens fit genug, um in der Dusche nicht umzukippen.
Ich wasche nicht nur den Schweiß ab, sondern benutze den Massagestrahl auch für meine Arme, um einem Muskelkater vorzubeugen. Auch wenn es vermutlich nicht ausreichen wird, ist es einen Versuch wert.
Wieder deutlich fitter und wacher gehe ich in die Küche, um mir etwas richtiges zum Abendessen zu machen. Es wird ein schneller Salat mit Hähnchenbrust, Tomaten und Kidneybohnen. Anschließend gönne ich mir noch eine große Portion Eis – das habe ich mir heute wirklich verdient!
Und auch wenn ich danach noch etwas fernsehe, gehe ich deutlich früher als sonst ins Bett, weil ich einfach zu müde bin. Auch wenn mein Wunsch nach einer aufwändigeren guten Tat zum Abschluss in Erfüllung gegangen ist – nochmal mache ich das bestimmt nicht!

tbc
Ein lachendes und ein weinendes Auge
Anmerkungen zum Kapitel:Hallo ihr Lieben,

kaum zu glauben, aber wahr - heute kommt "schon" das nächste Kapitel (im Vergleich zu denen vorher). Und es ist wie angekündigt das letzte "Challenge"-Kapitel, auch wenn noch ein Bonuskapitel und ein Epilog folgen werden.
Vielen lieben Dank nochmal an Witch und Chi fürs Freischalten und die ganzen Reviews!

Viel Spaß beim Lesen,
Snoopy
Schon morgens graut mir vor dem heutigen Arbeitstag, denn wie befürchtet habe ich ziemlichen Muskelkater in meinen Armen, vor allem den Oberarmen.
Alex sieht mich mitfühlend an, als ich den Personalraum betrete und schiebt mir eine Salbe rüber. „Die hilft ziemlich gut gegen Muskelkater“, erklärt er.
„Danke, die kann ich wirklich brauchen.“
Da wir gerade allein sind, ziehe ich mein T-Shirt aus und creme meine Arme mit freiem Oberkörper ein. So ist es am einfachsten.
Gerade als ich meine Arbeitsklamotten anziehe, kommt Nadine rein.
„Meinetwegen musst du dich nicht anziehen“, scherzt sie.
„Na, lass das mal nicht deinen Mann hören“, erwidere ich, woraufhin wir beide lachen müssen. Wenn David der eifersüchtige Typ wäre, hätte er entweder definitiv den falschen Job oder die Beziehung wäre schon längst gescheitert bei seinen häufigen Geschäftsreisen.

Die Salbe hilft tatsächlich, aber trotzdem macht mir die Arbeit heute keinen richtigen Spaß, dafür zieht und zwickt es zu sehr. Zum Glück gelingt es mir, das zumindest vor den Patienten zu verbergen. Meine Kollegen dagegen bemerken es schon und witzeln in der Mittagspause darüber.
„Selbst Schuld“, kommentiert Ilka völlig mitleidslos.
Leider kann ich ihr nicht widersprechen. „Keine Sorge, es war mir eine Lehre. Das nächste Mal darf Alex wieder selbst ran.“
Der guckt mich daraufhin ein bisschen enttäuscht an. „Dabei hat meine Mutter mich gestern extra noch angerufen und gesagt, dass ich dich ruhig nochmal schicken könnte.“
„Vergiss es. Wie gestern erwähnt, ist heute der letzte Tag der Challenge und ich hab auch schon was geplant“, winke ich ab.
„Ist ja gut. Ich kann es absolut nachvollziehen – aber es war einen Versuch wert“, gibt Alex sich geschlagen.
„Das stimmt.“

Als es endlich Feierabend ist, freue ich mich doppelt – einerseits über die Entlastung meiner Arme, andererseits auf Heinrich, Fränzi und Elisabeth.
Wie gewohnt grüße ich die Pförtnerin, bevor ich zur Station hochgehe. Kaum zu glauben, dass es erst vier Wochen her ist, dass ich das erste Mal hier war. Meine damalige Aufregung kann ich jetzt im Nachhinein gar nicht mehr richtig nachvollziehen – aber jetzt weiß ich ja auch, was oder besser gesagt wer mich erwartet.
„Hallo Leon“, begrüßt Elisabeth mich. Sie hat direkt am Eingang der Station auf mich gewartet.
„Weil das Wetter heute so schön ist, haben wir einen Platz auf dem Balkon erobert“, verkündet sie mir.
„Oh, ich wusste gar nicht, dass es überhaupt einen gibt“, antworte ich erstaunt.
„Dann komm mal mit“, fordert sie mich auf und lächelt.
Wir biegen nach kurzer Zeit in einen Flur ab, in dem ich noch nicht war. Er ist recht kurz und am Ende ist eine Tür mit der Aufschrift „Gemeinschaftsbalkon“.
Ich öffne die Tür und lasse Elisabeth vor. Dann betrete ich selbst den Balkon. Er ist für einen Gemeinschaftsbalkon nicht allzu groß, vielleicht sechs bis acht Quadratmeter. Allerdings haben sie eindeutig das meiste aus dem Balkon rausgeholt, denn es stehen tatsächlich zwei kleine Tische darauf – einer mit vier, der andere mit zwei Stühlen daran. An dem mit den vier Stühlen sitzen schon Heinrich und Fränzi. Zum Glück kann sie kurze Strecken auch ohne Rollator bewältigen, denn der hätte hier keinen Platz mehr. Als ich genauer hinschaue, erkenne ich, dass alles Klapptische und -stühle sind. Also hängt es wohl ein bisschen davon ab, wer gerade hier ist, wie behindertengerecht der Balkon gestaltet ist.
„Das ist wirklich schön hier“, stelle ich fest. Die Geländer sind alle mit Blumenkästen voller schön blühender Blumen gestaltet.
Wir gehen zu den anderen beiden rüber.
„Hallo“, begrüße ich sie.
„Und, bist du erleichtert, dass du uns ab heute los bist?“, fragt Heinrich mich.
Im ersten Moment stutze ich kurz, doch dann wird mir klar, dass er auf den letzten Tag der Challenge anspielt.
„Netter Versuch, aber so schnell kriegst du mich nicht verjagt“, kontere ich und grinse.
„So ein Mist. Einen Versuch war es wert“, schimpft Heinrich gespielt.
Anschließend müssen wir beide lachen.
„Männer“, sagt Elisabeth augenverdrehend zu Fränzi.
„Ja, immer dasselbe“, stimmt die ihr zu.
Automatisch tauschen Heinrich und ich einen verschwörerischen Blick aus, schweigen aber.
Der Tisch ist so klein, dass das Mensch-ärger-dich-nicht-Spiel nur gerade so darauf passt. Es ist so wenig Platz übrig, dass ich nicht weiß, wie das mit dem Würfeln klappen soll.
Doch natürlich haben die drei schon eine Lösung dafür parat.
„Schau, ich halte den Deckel fest, damit du darin würfeln kannst“, sagt Heinrich zu Fränzi, die wie üblich anfängt.
Da es eine Spielesammlung ist, bietet der Deckel davon tatsächlich ausreichend Platz zum Würfeln.
„Eine gute Idee“, lobe ich, was die drei zufrieden lächeln lässt. Ich glaube, sie haben tatsächlich ein bisschen Sorge, dass ich nicht mehr wieder komme, wenn sie mich nicht gut genug unterhalten. Ich finde das nachvollziehbar, schließlich kommt es doch immer wieder vor, dass Leute etwas versprechen und dann doch nicht einhalten. Mir ist es selbst schon ein paar Mal passiert, dass ich meine Versprechen am Ende nicht eingehalten habe, obwohl ich es umsetzen wollte. Von daher bin ich zuversichtlich, dass sich das geben wird, wenn ich weiterhin regelmäßig komme. Die drei sind mir so sehr an Herz gewachsen, dass ich zuversichtlich bin, dass das insgesamt klappen wird, auch wenn es vereinzelt sicherlich zu Ausfällen kommen wird.
Es ist gar nicht so leicht, den Deckel zum Würfeln weiterzureichen, ohne die Spielfiguren umzuwerfen. Vor allem bei Heinrich befürchte ich einige Male, dass er es nicht schafft, da er den Karton mir einmal quer über den Tisch geben muss. Fränzi, die zwischen uns sitzt, würde es aufgrund ihres Parkinsons nämlich nicht schaffen, den Deckel unfallfrei weiterzugeben.
„Hast du es denn wirklich jeden Tag geschafft, eine gute Tat zu finden?“, erkundigt Fränzi sich neugierig.
„Zu meiner Überraschung ja. Nach den ersten paar Tagen hätte ich nicht gedacht, dass es machbar ist. Es war aber auch einiges an Glück dabei, zum Beispiel gestern“, antworte ich und erzähle dann von Frau Breuer.
„Unser Leon ist ein echter Held“, konstatiert Elisabeth daraufhin.
„Ach Quatsch, das stimmt doch gar nicht. Wenn ist eher Mina eine Heldin – sie macht sowas ständig und war auch diejenige, die die Idee zur Challenge hatte“, wehre ich das übertriebene Lob sofort ab.
„Haben die anderen es denn auch alle geschafft?“, will Heinrich wissen.
„Naja, zu hundert Prozent weiß ich das erst heute Abend, aber ich denke schon. Bislang haben wir zumindest alle jeden Tag eine Kleinigkeit gefunden.“
„Echt super!“, lobt Elisabeth.
„Meinen Respekt, da habt ihr wirklich alle etwas Tolles geleistet“, schließt Heinrich sich an.
„Sie haben Recht, das ist wirklich eine stolze Leistung“, sagt Fränzi, noch bevor ich dem ganzen Lob widersprechen kann.
„Danke“, antworte ich daher etwas verlegen.
„Kriegst du gerade eine Medaille verliehen?“, erklingt auf einmal Bennis Stimme hinter mir. Sofort schießt mir das Blut ins Gesicht. Eben habe ich es ja noch geschafft, nicht zu erröten. Aber dass mein Freund die ganze Szene auch noch mitbekommen hat, ist wirklich zu viel auf einmal. Natürlich lachen Elisabeth, Heinrich und Fränzi darüber.
„Hey, das ist völlig in Ordnung, du hast sie dir wirklich verdient“, schiebt Benni noch hinterher und macht es damit nur noch schlimmer.
„Sie bringen den armen Kerl ja völlig in Verlegenheit“, stellt Elisabeth belustigt fest.
„Sogar noch mehr als wir“, ergänzt Heinrich, ebenfalls sehr eindeutig amüsiert.
Ich schlage meine Hände vors Gesicht. Es ist ziemlich offensichtlich, dass sie sich gerade über mich beziehungsweise über uns lustig machen – und dass nicht nur Fränzi und Heinrich, sondern auch Elisabeth weiß, dass wir ein Paar sind. Und auch wenn ich es nicht mit Gewissheit sagen kann, habe ich den dunklen Verdacht, dass sie über uns reden. Immerhin bin ich mir dafür hundertprozentig sicher, dass sie das nur tun, wenn niemand uneingeweihtes es mitbekommt.
„Mag sein. Allerdings habe ich nicht angefangen“, spielt Benni den Ball elegant zurück. „Naja, ich muss auch weiter, wollte nur gucken, ob hier alles in Ordnung ist.“
Für einige Zeit herrscht Stille. Angenehme, wohltuende Stille – zumindest in meiner direkten Umgebung. Am Nachbartisch reden zwei Damen über irgendetwas, aber das stört mich nicht.
„Leon, du bist dran“, ergreift Heinrich das Wort.
„Dafür müsstest du allerdings den Kopf aus deinen Händen nehmen“, sagt Fränzi, als ich mich trotzdem nicht rühre. Daraufhin schüttele ich nur den Kopf.
„Jetzt sei nicht albern, du bist kein Kindergartenkind mehr. Irgendwann musst du eh hervorkommen und es wäre nett, wenn du das rechtzeitig tust, um das Spiel beenden zu können“, tadelt Elisabeth mich. So energisch, wie sie das tut, reagiere ich beinahe automatisch. Mir wird wieder bewusst, dass sie zwei Kinder von zwei verschiedenen Männern alleine und unverheiratet erzogen hat, in einer Zeit, in der das völlig unüblich war. Mit einem Seufzen nehme ich den Deckel entgegen und ergebe mich meinem Schicksal. Ich weiß ja, das sie es nicht böse meinen. Unangenehm ist mir die Sache trotzdem. Elisabeth hat mit ihrem Vergleich nicht unrecht, ich habe mich wirklich wie ein Kindergartenkind benommen.
„Sei nicht so streng mit dir“, fordert Fränzi mich liebevoll auf, die scheinbar meine Gedanken lesen kann.
„Kann ja nicht jeder so steinalt sein wie wir“, ergänzt Heinrich verschmitzt.
Das bringt mich ebenfalls zum Schmunzeln. „Jetzt übertreib nicht so schamlos“, kontere ich, „die paar Jährchen zwischen uns machen doch keinen Unterschied!“ Darüber müssen wir alle lachen und der letzte Rest der Spannung verfliegt. Ich bin wirklich froh darüber, dass Mina die Idee zur Challenge hatte und ich das genutzt habe, um mein altes Vorhaben mit den Besuchen im Altenheim umzusetzen. Gleichzeitig fühlt es sich irgendwie falsch an, Punkte für meine Besuche hier zu bekommen – denn die drei sind für mich in dieser kurzen Zeit Freunde beziehungsweise Ersatzfamilie geworden. Bislang war das etwas, das ich eher aus Büchern oder Filmen kannte – schließlich ist der Altersabstand im Gegensatz zu dem, was ich eben behauptet habe, doch ziemlich groß. Meine sonstigen Freunde sind eher ganz klassisch in meinem Alter, mit wenigen Jahren Unterschied. Aber es hat definitiv Vorteile, Freunde im Rentenalter zu haben – zumindest, wenn die auch gesundheitlich nicht mehr völlig fit sind – die haben viel mehr Zeit! Meine anderen Freunde habe ich dem ganzen Monat nur zwei Mal gesehen und nicht zwei Mal pro Woche.
Plötzlich realisiere ich, dass ich diesen Samstag gar nicht kann, weil ich Zuhause bin.
„Was ist los?“, fragt Heinrich, der meinen Stimmungsumschwung sofort bemerkt. Ich überlege noch, wie ich es am besten anspreche. Schließlich habe ich ein ziemlich schlechtes Gewissen. Eben hab ich noch versprochen, dass ich auf jeden Fall weiter komme und jetzt sage ich den ersten Termin danach direkt ab!
„Spuck's schon aus. Es wird wohl kaum daran liegen, dass ich dich gerade rausgeschmissen habe“, bekräftigt Fränzi Heinrichs Nachfrage.
„Äh, nein, natürlich nicht“, bestätige ich ihre Vermutung. Ehrlich gesagt hatte ich das gar nicht mitbekommen, bevor sie es gesagt hat.
„Wir beißen schon nicht“, versucht Elisabeth nun auch, mich zu ermutigen.
„Mir ist gerade eingefallen, dass ich diese Woche Samstag gar nicht vorbeikommen kann. Ich habe meiner Familie versprochen, vorbeizukommen, da ich die schon seit Mai nicht mehr gesehen habe.“ Sonst bin ich eigentlich schon ein Mal im Monat Zuhause, allein schon wegen Micha.
„Verständlich, dann wird es ja auch wieder Zeit!“, antwortet Fränzi sofort.
„Ja, du kannst ja nicht deine eigene Familie unseretwegen vernachlässigen“, schiebt Heinrich direkt hinterher.
„Die beiden haben vollkommen recht“, findet auch Elisabeth.
„Und wenn es dir zu viel wird, zwei Mal die Woche zu kommen, haben wir auch dafür Verständnis. Du hast schließlich noch einen Job und ein eigenes Leben! Über ein Mal Besuch pro Woche freuen wir uns auch, das reicht völlig aus“, ergänzt Heinrich noch.
„Aber mir reicht das nicht“, widerspreche ich ernst. „Ich komme wirklich gerne vorbei.“
Plötzlich habe ich eine Idee. „Ich kann Freitag nach der Arbeit vorbeikommen! Dann bin ich etwa zwanzig nach vier hier und einfach etwas später Zuhause.“
„Wir haben Zeit. Aber ist das nicht etwas viel an einem Tag?“, erkundigt Fränzi sich besorgt. „Es reicht doch, wenn du nächste Woche wieder zwei Mal kommst.“
„Nein, das passt. Ich werde dann nicht so lange bleiben. Vielleicht drehen wir nur eine kleine Runde ums Haus und trinken dann noch gemütlich eine Tasse Kaffee. Dann kann ich mich nach der Arbeit kurz erholen, bevor ich den letzten Rest packe und losfahre.“
„In Ordnung, das klingt vernünftig“, stimmt Heinrich zu. Fränzi nickt.
„Den Spaziergang würde ich auslassen, aber zum Kaffee dazukommen“, sagt Elisabeth.
„Super!“ Mit dieser Lösung bin ich sehr zufrieden.
Meine Mutter wird vermutlich etwas enttäuscht sein, dass ich erst nach acht Zuhause sein werde, aber sie hat mich ja den Rest des Wochenendes da.

„Gewonnen“, freut Elisabeth sich. Heute hat sich das Spiel wirklich lange gezogen. Irgendwie wurden wir alle ständig kurz vor dem Ziel rausgeschmissen und sind nicht wirklich vorwärts gekommen.
„Dann räumen wir mal alles weg“, schlägt Heinrich vor. „Oder will jemand noch eine zweite Runde?“ Wir schütteln alle den Kopf, das eine endlos-Spiel reicht.
„Tschüss und bis Freitag“, verabschiedet Elisabeth sich.
„Ja, bis Freitag!“
Heinrich und ich bringen Fränzi in ihr Zimmer. Ich leihe ihr meinen Arm und Heinrich schafft es, das Spiel in seiner freien Hand zu tragen. Da die Spielesammlung recht groß und eher sperrig ist, ist das gar nicht so leicht.
„Eine schöne Restwoche und bis Freitag“, verabschiedet auch Fränzi sich.
„Danke, ebenso.“
Auf dem Weg zum Gemeinschaftsraum nehme ich Heinrich das Spiel ab. Eigentlich könnte er auch zurück in sein Zimmer gehen, da ich den Weg kenne. Das liegt nämlich in der komplett anderen Richtung. Doch er begleitet mich und ich bin froh darüber. So kann ich ihn auch noch zu seinem Zimmer bringen. Auch wenn das mit Freitag ein guter Kompromiss ist, habe ich trotzdem ein leicht schlechtes Gewissen. Dadurch fällt mir der Abschied heute schwer.

„Setz dich“, fordert Heinrich mich auf und schiebt mich in sein Zimmer, als wir dort angekommen sind. Brav setze ich mich hin.
„Weißt du, was Lotti mir mal gesagt hat?“, fragt er mich.
Gespannt schüttele ich den Kopf.
„Den größten Gefallen würdest du mir tun, wenn du mehr auf dich selbst acht gibst, anstatt zu versuchen, den Rest der Welt glücklich zu machen“, erzählt er.
„Sie war wirklich eine kluge Frau“, antworte ich.
Natürlich durchschaut Heinrich meinen Ablenkungsversuch. „Das war sie. Deshalb solltest auch du dir ihre Worte zu Herzen nehmen.“
„Mache ich“, verspreche ich ihm ernst. „Aber es macht mir wirklich Spaß, euch zu besuchen. Und jetzt sollte es auch wieder entspannter werden, weil der Druck wegfällt. Wenn es sich ergibt, will ich die guten Taten beibehalten, vor allem die kleinen, aber nicht jeden Tag. Falls ich trotzdem merke, dass es mir zu viel wird, dann werde ich es auf einmal pro Woche reduzieren, versprochen.“
„Gut.“ Zufrieden nickt Heinrich. „Wie läuft es eigentlich zwischen dir und Benni?“, wechselt er dann das Thema.
„Hast du den Damen versprochen, ihnen heute Abend mehr zu berichten?“, weiche ich mit einer Gegenfrage aus und lache.
„Nein. Ich würde nie einfach so etwas weiter erzählen, was du mir anvertraust“, erwidert Heinrich gekränkt.
„Das weiß ich doch“, beschwichtige ich ihn hastig. „So war das nicht gemeint. Aber bei Fränzi hatte ich neulich schon den Verdacht, dass sie es auch ahnt und so wie Elisabeth heute reagiert hat, hatte ich den Eindruck, dass sie es auch weiß. Und da kann ich mir nicht vorstellen, dass ihr gar nicht über uns geredet habt, natürlich nur, wenn niemand sonst es mitbekommt.“
„Du kennst uns einfach zu gut“, bestätigt Heinrich meinen Verdacht. „Elisabeth hat es neulich angesprochen und Fränzi hat ihr zugestimmt, dass sie euch auch für ein Paar hält. Sie hat mich dann angeguckt und meinte, dass ich es unter Garantie ganz offiziell weiß. Da habe ich es dann zugegeben. Sie hätten es ja doch gewusst, auch wenn ich es geleugnet hätte.“
„Definitiv! Das ist völlig in Ordnung. Ich bin sicher, auch Benni hat kein Problem damit. Schließlich haben beide es selbst erraten und ihr hängt es ja nicht an die große Glocke.“
„Natürlich nicht“, versichert Heinrich mir.
„Es läuft gut“, beantworte ich dann seine eigentliche Frage. „Manchmal wünschte ich, wir würden uns etwas häufiger sehen, da es ja nicht nur durch die Challenge, sondern auch durch den Schichtdienst schwierig ist, Termine zu finden. Aber das wird hoffentlich jetzt etwas besser.“
„Ja, gerade Schichtdienst ist eine echte Herausforderung. Wann seht ihr euch denn das nächste Mal?“
„Donnerstag“, antworte ich.
„Das geht ja. Oder ist das letzte Mal schon lange her?“
„Nein, Sonntag. Das ist okay. Davor war allerdings über eine Woche dazwischen, das war arg lang.“
„Kann ich mir vorstellen“, sagt Heinrich. „Dann wünsche ich euch beiden viel Spaß!“
„Danke. Bis Freitag“, verabschiede ich mich.
„Ja, bis Freitag.“

Auf dem Heimweg bin ich ein bisschen wehmütig, obwohl ich ja Freitag schon wieder vorbeikommen werde. So herausfordernd es zwischendurch war, gute Taten zu finden und so anstrengend deren Umsetzung teilweise war, bin ich doch auch wirklich ein wenig traurig, dass die Challenge jetzt vorbei ist. Aber wer weiß, vielleicht wiederholen wir das nächstes Jahr ja nochmal...

tbc
Diese Geschichte findest du unter http://boyxboy.de/efiction//viewstory.php?sid=1568