Ein ganz besonderes Fest von Snoopy279 (Abgeschlossen)
Inhalt: Ruben und Sven heiraten - Fortsetzung zu "Valentinstag ist heute?!"
Genres: Reale Welt, M/M (yaoi)
1. Warnung: Zucker
2. Warnung: Keine
3. Warnung: Keine
Kapitel: 1
Veröffentlicht: 05/11/20
Aktualisiert: 05/11/20
Anmerkungen zur Geschichte:Hallo ihr Lieben,
eigentlich sollte dieser OS - der letzte aus der Reihe "Die Feste feiern, wie sie fallen" schon letzte Woche hochgeladen werden - da war er nur leider noch nicht fertig. Dank NaNo ist der das jetzt jedoch - und hat etwas Überlänge (10 Wordseiten). Leider hat der NaNo meine komplette Kreativität gefressen: für bessere Titelvorschläge/Kurzbeschreibung bin ich offen!
Wer die beiden nicht aus "Valentinstag ist heute?!" kennt, dem würde ich empfehlen, die Geschichte erst zu lesen - es müsste aber auch so funktionieren. Einen Gastauftritt hatten die zwei zudem in "Ruusemondach in Kölle".
Ansonsten wünsche ich euch viel Spaß beim Lesen!
lg, Snoopy
Die Hochzeit
„Sven, jetzt setz dich endlich ins Auto und sei still!“
Mit weit aufgerissenen Augen sah Sven seinen Vater an. Der atmete tief durch, bevor er in einem etwas ruhigeren Ton fortfuhr: „Du willst doch nicht zu spät kommen und Ruben warten lassen, oder?“
Panisch schüttelte Sven den Kopf, während er zum Auto rannte.
Entnervt seufzte sein Vater. „Sei nachsichtig mit ihm, Michael. Man heiratet schließlich nicht jeden Tag“, sagte Christiane, Svens Mutter und legte ihrem Mann beruhigend eine Hand auf seinen Arm.
„Ich hätte nie gedacht, dass ich das mal sage, aber ich bin froh, wenn er endlich unter der Haube ist. Dann ist das Rubens Problem!“
Christiane schmunzelte. „Wir sollten auch ins Auto und losfahren. Schließlich sitzt Sven schon drin und sonst kommen wir wirklich noch zu spät.“ Sie machte sich auf den Weg. „Außerdem – Thomas hat mir verraten, dass vor unserer Hochzeit jemand auch ziemlich nervös war“, sagte sie, ohne sich umzudrehen.
Michael schwieg daraufhin und beeilte sich, sich ans Steuer zu setzen und loszufahren. Zum Glück saß Christiane hinten und kümmerte sich um Sven, der gerade felsenfest überzeugt war, etwas Wichtiges vergessen zu haben. So konnte Michael das jedoch getrost ignorieren und ohne große Ablenkungen fahren.

„Wir sind da“, verkündete Michael etwa eine halbe Stunde später.
„Der Brautstrauß! Wir haben vergessen, den abzuholen!“, schrie Sven entsetzt.
„Den bringt deine Schwester mit, sie hat mir schon geschrieben, dass sie ihn beim Floristen abgeholt hat“, beruhigte Christiane ihn. Langsam begann sie auch, die Trauung herbeizusehnen.
Sven hatte darauf bestanden, dass er und Ruben die Nacht vor der Hochzeit getrennt verbrachten, auch wenn sie mittlerweile seit über fünf Jahren zusammenwohnten. Einerseits fand sie es schön, dass ihrem Sohn diese Traditionen so wichtig waren, andererseits war er in seiner Aufregung wirklich anstrengend – so sehr sie diese auch nachvollziehen konnte.
„Steigen wir erst mal aus“, schlug sie vor.
Sven nickte. Gemeinsam gingen sie zum Eingang des Rathauses. Dort trafen sie als erstes auf Svens Schwester Leonie – mit Brautstrauß.
Es war ein sehr kleines, schlichtes Gebinde mit sechs Rosen – drei waren rein weiß, die anderen mit einem zarten Schimmer von rosa in der Mitte – sowie etwas dekorativem Grün und Schleierkraut. Zufrieden nahm Sven den Strauß in Empfang und begrüßte seine Schwester. Die Ruhe hielt jedoch nur kurz.
„Wo ist Ruben?“ Hektisch sah er sich nach seinem Verlobten um.
„Der ist mit Aaron und Lea schon reingegangen und hat mich beauftragt, dich hier draußen zu behalten, bis ihr in den Saal könnt“, antwortete Leonie.
„Ja, er hat gesagt, wenn du schon darauf bestehst, dass ihr euch vor der Hochzeit nicht seht, dann hast du jetzt gefälligst auch bis zur Trauung zu warten“, ergänzte Leonies Freund Tobi belustigt.
Sehnsüchtig schielte Sven auf die Eingangstür, blieb jedoch draußen.
Nicht, dass Ruben auf die Idee kam, in letzter Sekunde alles abzusagen, weil Sven sich nicht an seine Vorgaben hielt. Eigentlich glaubte Sven ja nicht daran, das Ruben das tun würde, aber er konnte es nicht zu hundert Prozent ausschließen. Das reichte ihm, um es nicht riskieren zu wollen. Leonie und Tobi blieben mit ihm draußen, während seine Eltern schon reingingen, um Ruben und Aaron zu begrüßen.

„Sind Elisa und Samuel auch schon mit den beiden drinnen?“, fragte Sven etwas später. Er hibbelte die ganzen Zeit nervös herum.
„Noch nicht“, antwortete Leonie. Bevor Sven aber wieder panisch werden konnten, sah sie Rubens Eltern. „Ah, da kommen sie!“
Erleichtert drehte er sich um.
„Du siehst so blass aus, bist du etwa krank?“, sagte Samuel anstelle einer Begrüßung trocken.
Sven schüttelte nur den Kopf. Samuels Spott erinnerte ihn gerade zu sehr an Ruben, der in der Hinsicht sehr auf seinen Vater kam.
„Das wird schon. Ich war vor unserer Hochzeit auch nervös“, sagte Elisa und umarmte Sven. „Lass dich von ihm nicht verrückt machen.“
„Ich fürchte, dass schaff ich auch alleine ganz gut“, gab Sven verlegen zu. „Auf jeden Fall schön, dass ihr da seid. Die anderen sind schon drinnen.“
„Hat Ruben dich vor die Tür verbannt?“ Elisa wusste, dass ihr Sohn nicht besonders begeistert war von Svens Idee, die Nacht vor der Hochzeit getrennt zu verbringen.
Nickend bestätigte Sven ihre Vermutung.
„Lass uns reingehen“, sagte Samuel, der in der Zwischenzeit auch Svens Schwester und deren Freund begrüßt hatte.
„Ist das okay für dich?“, erkundigte Elisa sich.
„Klar, ich hab ja Leonie und Tobi“, versicherte Sven.
„Gut, dann bis gleich.“ Rasch begrüßte Elisa auch die beiden anderen und folgte ihrem Mann dann.
Unruhig tigerte Sven auf und ab.
„Mensch, jetzt bleib doch mal stehen, du machst mich total kirre!“, beschwerte Leonie sich.
Das führte dazu, dass Sven stehen blieb, aber dafür anfing, an seinem hellgrauen Anzug herumzuzupfen. „Nicht, der sieht so gut aus, wie er ist“, schritt diesmal Tobi ein und nahm Svens Hände in seine, um ihn davon abzuhalten.

„Uh, Sven, das hätte ich jetzt wirklich nicht von dir gedacht“, kommentierte Aaron den Anblick spöttisch. Als Tobi ihm einen strafenden Blick zuwarf, sagte Aaron schnell das, weswegen er eigentlich herausgekommen war: „Du kannst jetzt reinkommen, ihr seid dran.“
Zum Glück schaffte Tobi es, in Sekundenschnelle Svens Hände wieder loszulassen, denn der lief sofort zum Eingang.
„Eigentlich sollte er wissen, dass die Trauung nicht ohne den Bräutigam beginnt“, stellte Aaron belustigt fest. Er ging gemeinsam mit Tobi und Leonie langsamer hinterher.
Vor dem Trauzimmer stand Michael mit Sven. Er winkte sie an sich vorbei. „Warum seid ihr denn noch nicht drinnen, Papa?“, fragte Leonie überrascht.
„Naja, wenn Sven die Traditionen so wichtig sind, dass er sogar einen Brautstrauß will, dann will ich ihn auch zum Altar führen – oder wenigstens zum Tisch der Standesbeamtin“, verkündete Michael.
„Na dann.“
Nachdem die drei ihre Plätze eingenommen hatten, erklang Musik.
Sven schmunzelte, als er den Bolero von Ravel erkannte. Offensichtlich hatten Ruben und sein Vater sich im Voraus abgesprochen, denn er war sicher, dass Ruben das Stück ausgewählt hatte.
Es passte sehr gut zu ihrer Beziehung. Sie hatten auch langsam und zart begonnen, über ein halbes Jahr gedatet, bevor sie offiziell ein Paar geworden waren. Und zusammengezogen waren sie auch erst nach gut drei Jahren Beziehung. Die Hochzeit jetzt, nach fast neun Jahren, war ein vorläufiger Höhepunkt, aber sicher würde es sich danach noch weiter steigern, genau wie die Musik.
Außerdem passte das Hinzukommen verschiedener Instrumente gut zu einer Hochzeit – schließlich wurden ihre Familien heute auf eine gewisse Art zusammengeführt.
Auf einmal war Sven sehr dankbar dafür, dass sein Vater ihn wie eine Braut hereinführte – so hatte er einen Arm, an den er sich klammern konnte, um die Beherrschung nicht zu verlieren. Schließlich war er wild entschlossen, nicht bei der Trauung in Tränen auszubrechen!
Aus dem Augenwinkel sah er, wie sein Vater hektisch blinzelte. Scheinbar ging ihm das Ganze doch näher, als er es vorhin hatte zeigen wollen.
Sven schmiegte sich kurz an ihn, bevor sie vorne waren. Erst jetzt nahm er Ruben richtig war. Dessen Anblick raubte ihm den Atem. Er hatte sich für einen ganz klassischen schwarzen Anzug mit weißem Hemd entschieden. Dazu trug er eine dunkelrote Krawatte.
Nervös schluckte Sven. Sein Vater nahm in dem Moment seine Hand und gab sie Ruben. Der hatte nur Augen für Sven. Ernst sah er ihn an und drückte dessen Hand beruhigend.
Das half Sven, etwas ruhiger zu werden, denn er wusste: Egal, was jetzt noch passieren würde, Ruben war da und stand es gemeinsam mit ihm durch.

„Nehmen Sie doch bitte Platz“, forderte die Standesbeamtin sie freundlich auf. Überrascht sah Sven zu ihr. Er hatte gar nicht mitbekommen, dass in der Zwischenzeit wohl jemand den Bolero ausgeblendet hatte. Scheinbar hatte sein Vater die Formalien in der Zwischenzeit für ihn geklärt. Deshalb also hatte er Svens Portemonnaie mit dem Personalausweis haben wollen.
Die Rede bekam er nur zur Hälfte mit. Viel zu sehr war er von Rubens Präsenz neben sich abgelenkt – und von der Anstrengung, die Tränen in seinen Augen zu behalten. Von dem, was er mitbekam, schien es jedoch eine sehr schöne Rede zu sein, vor allem nicht zu kitschig.
Vor lauter Aufregung verpasste er sogar beinahe seinen Einsatz.
Ruben wies ihn zum Glück mit einem Blick zur Standesbeamtin darauf hin.
„Ja, ich will!“ Es war etwas rauer, als es Sven lieb war, aber klar und deutlich zu verstehen.
„Ja, ich will“, antwortete Ruben wenig später, ohne seine Augen von Sven zu lassen.
Wie durch ein Wunder schaffte Sven es, Ruben direkt seinen Ring anzustecken. Er hatte diverse Horrorfantasien gehabt, was alles schiefgehen könnte. Die beiden mit Abstand schlimmsten waren dass der Ring auf einmal nicht mehr passte oder er ihm hinfiel und anschließend nicht mehr gefunden werden konnte.
Nachdem Ruben ihm ebenfalls seinen Ring angesteckt hatte, starrte Sven ungläubig auf seine Hand. So ganz konnte er das noch nicht glauben!
Deshalb musste Ruben sein Kinn anheben, um seinen Blick davon zu lösen und ihn küssen zu können.

Die Gäste applaudierten und warteten dann gespannt auf die nächsten Worte der Standesbeamtin. Schließlich hatten die frischgebackenen Eheleute im Vorfeld jegliche Auskunft bezüglich des Nachnamens verweigert. Alle waren sich sicher, dass es ein gemeinsamer Name werden würde. Als Doppelname klangen Noack und Stein in beiden Varianten ziemlich schrecklich, sodass vermutlich auch raus war.
„Sie haben sich für den Namen Noack als gemeinsamen Familiennamen entschieden. Ich darf Sie nun bitten, nacheinander zu unterschreiben.“
Ruben nickte und unterschrieb mit seinem neuen Nachnamen, gefolgt von seinem Geburtsnamen. Sven bewunderte die elegant geschwungene Unterschrift. Er wusste, dass Ruben geübt hatte, damit sie auch schön aussah. Seine eigene Unterschrift geriet ein klein bisschen zittrig, war jedoch klar zu erkennen.
Anschließend unterzeichneten sein Vater und Rubens Bruder Aaron als Trauzeugen und zuletzt die Standesbeamtin.
Das Stammbuch nahm Ruben in Empfang – Sven war dazu nicht in der Lage. Er fühlte sich gerade ziemlich überwältigt von seinen Gefühlen. Erst der Händedruck der Standesbeamtin, als sie ihm gratulierte, erdete ihn wieder ein bisschen.
Auch die Umarmungen der Gratulanten gaben ihm Halt. Als alle fertig waren, sah er nochmal auf seine Hand mit dem Ehering.
„Wir sind jetzt echt verheiratet, oder?“, fragte er, noch immer ein bisschen ungläubig.
„Ja, jetzt wirst du mich nicht mehr los“, antwortete Ruben trocken.
Kopfschüttelnd grinste Sven. „Irrtum, mein Lieber“, verkündete er, „du wirst mich nicht mehr los!“
Das brachte alle zum Lachen oder wenigstens zum Schmunzeln.

Wenig später standen sie draußen an der frischen Luft.
„So, dann fahren wir mal zum Empfang rüber. Ihr beide fahrt bei Lea und Aaron mit, richtig?“, gab Michael das Signal zum Aufbruch.
„Genau“, bestätigte Ruben.
Wenig später fuhr ein winzig kleiner Autokorso los. Im ersten Auto, wo hinten fett „Just married“ drauf stand, die beiden frischgebackenen Ehemänner, dahinter kamen Svens Eltern mit seiner Schwester und Tobi, zum Schluss Rubens Eltern. Obwohl Sven und Ruben sich beide einig waren, dass sie auf den Teil verzichten wollten – einer der Gründe, warum die Trauung am Standesamt nur im kleinsten Kreis stattgefunden hatte – waren die anderen nicht bereit, sich den Spaß verderben zu lassen. Im Gegenteil, sie schienen sogar noch viel mehr zu hupen, um die fehlenden anderen Teilnehmer zu kompensieren.
„Wenigstens haben sie nur die kleinen weißen Schleifen an den Antennen und nicht auch noch Blechdosen oder so ein riesiges Blumengebinde vorne auf dem Auto“, versuchte Sven, sie beide aufzumuntern.
„Sag das nicht zu laut, wir sind noch nicht da!“, ermahnte Ruben ihn zischend. Der darauffolgende Kuss artete ein wenig aus, sodass sie sich erst wieder voneinander lösten, als Aaron laut „Wir sind da!“ rief. Ertappt fuhren die beiden auseinander. Immerhin hatten sie so das Hupkonzert wunderbar ausblenden können!

Als sie ausgestiegen waren, wurden sie erst einmal tüchtig mit Reis beworfen, den ihre Mütter unter den Gästen verteilten.
„Ist denen klar, das wir zwei Kerle sind und jegliche Fruchtbarkeitsgesten daher völlig vergebene Liebesmüh sind?“, fragte Sven.
„Offensichtlich ja. So wie die alle grinsen, wollten die nur einen Vorwand um uns mit etwas abzuwerfen“, antwortete Ruben.
Halb ungläubig, halb belustigt schüttelte Sven seinen Kopf. Einige Kellner liefen mit Tabletts umher und boten Sekt, Orangensaft und ein Gemisch aus beidem an.
Sven und Ruben nahmen beide ein Glas mit Sekt.
„Ehrlich gesagt bin ich nicht ganz sicher, ob das Glas reicht, wenn die so weiter machen, wie sie mit dem Reis angefangen haben“, stellte Sven fest.
„Wehe dir!“ Ruben sah ihn drohend an, schließlich hatte er in all das hier vor allem Sven zuliebe eingewilligt. Wenn es nach ihm gegangen wäre, wären sie nach dem Standesamt vielleicht noch alle zusammen essen gegangen und das wäre es dann gewesen.
„Keine Sorge! Ich riskier doch nicht, dass du direkt wieder die Scheidung einreichst“, versicherte Sven ihm hastig.
Zufrieden nickte Ruben. Sie würden das gemeinsam durchstehen, egal, was ihre verrückten Verwandten und Freunde sich alles ausgedacht hatten.

Nachdem sämtlicher Reis auf dem Boden lag, wollten Sven und Ruben in das Gebäude reingehen, doch das wurde ihnen strengstens untersagt.
Stattdessen wurden die vorhandenen Kleinkinder unter den Gästen jetzt mit Blumenkörbchen ausgestattet. Der älteste war Sammy, der Sohn von Rubens Cousin, mit seinen vier Jahren. Die jüngste, Paula, war die Tochter von Studienfreunden von Sven und gerade einmal eineinhalb Jahre alt. Doch machte es in ihrem Enthusiasmus keinen Unterschied, auch die drei anderen schmissen mit vollen Händen die Blütenblätter auf den Boden. Am Ende konnte man vor lauter Blumen den eigentlichen Weg gar nicht mehr sehen.
„Möchte ich wissen, wie viele Blumen das mal waren?“, wisperte Sven, als sie endlich über den Blütenteppich reingehen durften.
„Mindestens ein kompletter Ladeninhalt“, erwiderte Ruben, obwohl er wusste, dass Svens Frage rhetorisch gemeint war.
„Niemals!“, widersprach Sven sofort. Überrascht sah Ruben ihn an. „Das sind mindestens zwei!“ Sie tauschten ein verschwörerisches Grinsen, dann hatten sie erst einmal keine Zeit mehr. Schließlich wollten die Gäste, die nicht bei der standesamtlichen Trauung gewesen waren, ihnen jetzt gratulieren – und das waren fast alle.
Insgesamt waren es etwas über fünfzig. Eigentlich wären es mehr gewesen, wenn sie jeweils ihre komplette Verwandtschaft eingeladen hätten, doch diverse hatten sich selbst disqualifiziert – auf Svens Seite vor allem durch Homophobie („Ein Mann soll nicht bei einem Mann liegen, hat der Herr gesagt!“), bei Ruben war das Problem eher, dass sein Partner Christ war. Da diejenigen, die ihnen wirklich am Herzen lagen, ihre Beziehung jedoch von Anfang an unterstützt oder zumindest im Lauf der Jahre akzeptiert hatten, war es beiden relativ egal.

Einige Zeit später hatten alle sich auf ihren Sitzplätzen eingefunden.
Sven erhob sich. „Liebe Gäste, vielen Dank, dass ihr so zahlreich erschienen seid! Wir freuen uns beide sehr, heute mit euch unsere Hochzeit feiern zu können. Nach der eigentlichen Trauung vorhin im kleinsten Kreis freue ich mich sehr, Pastor Markus Christen hier als Ehrengast begrüßen zu dürfen.“
Der Pastor nickte Sven kurz zu und übernahm dann das Wort. „Vielen Dank auch für die Einladung. Wie vermutlich zumindest die Mehrheit von Ihnen weiß, ist der Glaube für Sven ein wichtiger Bestandteil seines Lebens und er ist regelmäßig bei den Gottesdiensten. Entsprechend hat er sich auch die Möglichkeit einer kirchlichen Trauung gewünscht. Diesen Wunsch kann ich ihm leider nicht erfüllen, aber ich möchte dem Paar wenigstens Gottes Segen auf den Weg mitgeben.“ Er hielt kurz inne und hob seine Hände dann hoch, offen dem Ehepaar zugewandt.
„Herr, dein Sohn Jesus Christus hat stets gesagt, dass die Liebe das wichtigste ist. Daher sieh auf die Liebe dieser beiden, Sven und Ruben, zueinander und segne sie auf ihrem gemeinsamen Weg. Lass sie bis an ihr Lebensende in guten wie in schlechten Zeiten treu zueinander stehen und sich Fehler vergeben, um einander anzunehmen. Bewahre sie und auch ihre Familien vor Unheil. Dies gewähre euch der dreifaltige Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist“, schloss der Pastor mit dem Kreuzzeichen.

Für einige Augenblicke herrschte Stille. Sven war sichtlich gerührt. Ruben drückte seine Hand, die er den ganzen Segen hindurch gehalten hatte. Dankbar nickte Sven ihm kurz zu und räusperte sich dann. „Vielen Dank, Herr Pastor. Das bedeutet mir unglaublich viel. Weil ich weiß, dass es für Ruben selbst nicht wichtig ist, für den größten Teil seiner Familie jedoch schon, habe ich mir erlaubt, noch einen weiteren Ehrengast einzuladen – Rabbi Jakob Sternweiler.“
Der Rabbi erhob sich. „Auch ich möchte mich sehr für die Einladung bedanken und mich mit einem Segen meinem Vorredner anschließen.“ Auch er sprach einen Segen über Ruben und Sven.
Diesmal war es Ruben, der das Wort ergriff. „Nun, ich muss sagen, dass ich ziemlich überrascht bin. Auch wenn ich jetzt denke, dass ich Sven eigentlich gut genug kennen sollte, um damit gerechnet zu haben. Vielen Dank Ihnen beiden. Rabbi, Ihnen möchte ich im Namen meiner Familie noch einmal besonders danken.“ Elisa nickte heftig, während sie sich die Tränen wegtupfte.
Sven strahlte, weil seine Überraschung gelungen war.
„Ja, auch von meiner Seite nochmal herzlichen Dank! Da unsere Ehe jetzt auch unter dem Segen Gottes steht, geht es jetzt zurück zu den weltlichen Bedürfnissen.“ Er grinste breit angesichts der überwiegend verständnislosen Blicke, die ihn trafen. „Das Buffet ist eröffnet. Guten Appetit!“
Alle applaudierten.

Während die ersten Gäste ans Buffet stürmten, wandte Sven sich zu Ruben und küsste ihn.
Liebevoll erwiderte Ruben den Kuss und zog Sven noch näher an sich ran.
„Irgendwie kann ich noch gar nicht richtig glauben, dass ich jetzt meinen Mann küsse“, stellte Sven anschließend fest.
„Ja, das wird sicher einige Zeit brauchen, bis wir uns daran gewöhnt haben. Immerhin musst du nicht jedes Mal bei der Unterschrift daran denken“, gab Ruben zurück.
„Stimmt. Aber es war deine Entscheidung.“
Anstatt zu antworten, küsste Ruben ihn lieber erneut.
„Lass uns was essen gehen, ich hab Hunger“, schlug er dann vor.
„Gute Idee! Ich hab heute morgen vor lauter Aufregung nichts runterbekommen“, stimmte Sven ihm zu. „Schau mal, unsere Mütter haben doch auch einige Ähnlichkeiten“, machte er Ruben darauf aufmerksam, dass seine Mutter mit dem Pastor und Elisa mit dem Rabbi sprach.
„Das stimmt. Spätestens jetzt bist du Mamas Traumschwiegersohn. Du könntest es höchstens noch toppen, wenn du konvertierst.“
„Da ich das nicht vorhabe, hoffe ich, dass das ausreicht, damit sie es mir verzeiht.“
„Unter Garantie!“

Schließlich waren sie am Buffet angekommen. „Das war eine echt schlechte Idee“, jammerte Sven, während er sich Essen auf seinen Teller gab.
„Was?“
„Na, nur Sachen zu nehmen, die wir beide mögen“, erwiderte Sven, als sei es offensichtlich.
Ruben zog nur fragend seine Augenbraue hoch.
„Weil ich jetzt alles auf einmal essen will und das weder auf den Teller noch in meinen Magen passt!“
Daraufhin hoben sich Rubens Mundwinkel spöttisch.
„Man, das ist nicht lustig!“ Sven wollte ihn mit seinem Ellbogen leicht in die Seite stoßen, um seine Beschwerde zu unterstützen. Damit hatte Ruben gerechnet und wich aus. Das brachte Sven aus dem Gleichgewicht, sodass sein Teller in Schieflage gerät.
Zum Glück stand Ole, ein Kellner aus ihrer Stammkneipe, mit dem sie auch befreundet waren, direkt hinter Sven. Geistesgegenwärtig reagierte er und schaffte es, den Teller zu stabilisieren, bevor etwas von dem Essen auf den Boden fallen konnte.
„Ich glaube, ich sollte deine Mutter darüber informieren, dass du noch nicht gelernt hast, dass man mit Essen nicht spielt“, kommentierte Ole das Ganze trocken.
„Nein, bitte nicht, das kannst du mir nicht antun!“, flehte Sven panisch.
„Dann sorg dafür, dass es nicht nochmal vorkommt.“
„Ja, Ehrenwort.“ Rasch konzentrierte Sven sich wieder darauf, weitere Delikatessen auf seinen Teller zu füllen, wenn auch unter leisem Grummeln. Es war ja noch Platz und Ruben war schon fast fertig. Vermutlich hatte er auch geguckt, rasch weiter zu gehen, um Sven nicht tatsächlich noch an ihrem Hochzeitstag auszulachen.
Schnell beruhigte Sven sich jedoch wieder – an Rubens Stelle hätte er vermutlich nicht die Beherrschung gehabt und sich selbst tatsächlich lauthals ausgelacht. Schließlich hatte er sich eben wie ein Fünfjähriger benommen.
„Guten Appetit, genieß das Essen“, wünschte er Ruben entsprechend, als er sich wieder hinsetzte.
„Danke, dir auch.“ Diesmal hatte Rubens Lächeln nichts spöttisches an sich.

Michael erhob sich. „Wenn ich um eure Aufmerksamkeit bitten darf“, unterbrach er das zuletzt lauter gewordene Stimmengemurmel und klopfte mit dem Messer an sein Glas. Während des Essens waren die meisten eher still gewesen, zu beschäftigt damit, die leckeren Speisen zu genießen. Doch jetzt war zumindest die Mehrheit fertig, was man direkt an der gestiegenen Geräuschkulisse erkennen konnte.
Es dauerte ein wenig, bis alle still waren.
„Vielen Dank! Es gab im Vorfeld tatsächlich einige Gespräche, wer denn eine Rede halten soll. Da sich die meisten einig waren, dass ich entweder als Vater oder als Trauzeuge dafür zuständig war, war die Hauptfrage, ob Samuel oder Aaron den anderen Part übernimmt.“
„Ich hab mich natürlich freiwillig gemeldet, weil ich mir so eine Gelegenheit nicht entgehen lassen wollte“, sagte Aaron, der bei der Nennung seines Namens ebenfalls aufgestanden war. „Papa war das recht, er hat nur gesagt – ich zitiere – mach der Familie keine Schande.“ Vereinzeltes Gelächter erklang, vor allem von Rubens Familie. Fast alle hatten zumindest ein Schmunzeln im Gesicht.
Ruben und Sven tauschten einen besorgten Blick. „Wenn die zwei sich gegen uns verschworen haben, kann das nur schrecklich enden“, flüsterte Sven. Ruben nickte unauffällig.
„Gleichzeitig waren wir beide uns einig, dass es nicht darum geht, uns beide als große Redner zu profilieren, sondern die beiden frisch Verheirateten in den Mittelpunkt zu rücken“, übernahm Michael wieder. „Und damit niemand hinterher die Schuld nur auf uns schieben und sich über die blöde, langweilige Rede beschweren kann, haben wir euch dazu aufgerufen, sie mitzugestalten.“
„Vielen Dank an der Stelle für eure zahlreichen Beiträge! Wir haben uns bemüht, sie zu einem sinnvollen Gesamtwerk zusammenzufügen“, ergänzte Aaron.
„Anfangen möchten wir mit folgendem Beitrag: 'Anfangs war ich der Meinung, dass es sich nicht gehört und gegen Gottes Gebote verstößt, wenn ein Mann sich einen Mann als Partner sucht. Aber Sven hat nie aufgehört zu glauben, nicht einmal gezweifelt, dass Gott ihn so annimmt – und der Ruben ist so ein toller Mensch! Da habe ich erkannt, dass das nicht falsch sein kann'. Ein sehr offenes Zitat von meiner Mutter, Maria“, trug Michael vor.
„'Ich fand es sehr bewundernswert, als du – Ruben – der Familie von Sven erzählt hast und auf die Empörung, dass es ein Christ ist, nur trocken gekontert hast, dass er wenigstens an Gott glaubt.' Ein dazu passendes Zitat von Tante Sarah, das zeigt, dass ihr beide gerade am Anfang der Beziehung, aber teilweise bis heute heftigen Gegenwind bekommen habt. Dass es bei euch beiden zwar nicht die erste, aber doch die erste lange Beziehung war, war sicher ein Grund, warum dieser Gegenwind so stark wurde“, vervollständigte Aaron.
„Trotzdem habt ihr nie an eure Beziehung gezweifelt und immer eine klare Linie gezogen. 'Es ist gut, ein zweites Zuhause irgendwo zu haben – und wenn es ein Zuhause ist, an dem man sich so wohl fühlt, dass man völlig vergisst, das heute Valentinstag ist' lässt Tom, euer Lieblingsbarkeeper, euch ausrichten.“ Michael schmunzelte, nachdem er das gesagt hatte. Alle, die die Geschichte kannten, lachten laut auf – nur Sven vergrub sein Gesicht in seinen Händen.
„Das hat dir damals schon nicht geholfen, das hilft dir auch jetzt nicht“, sagte Ruben halblaut zu ihm, drückte aber gleichzeitig unterstützend Svens Arm.

„Überhaupt kann Ruben sich nicht über mangelnde Liebeserklärungen beschweren – auch wenn er auf die ein oder andere wohl ganz gerne verzichtet hätte. 'Ich hätte gern auch mal jemand, der am Zochrand so laut meinen Namen schreit, dass er trotz all der anderen Menschen hörbar ist' – das haben in verschiedenen Formulierungen gleich mehrere Leute geschrieben.“ Dieses von Aaron vorgetragene Zitat brachte Ruben zum Seufzen, während Sven wieder hinter seinen Händen hervorkam und grinste. „Das war schon ne coole Aktion, damals.“ Rubens Blick widersprach dem aufs Schärfste.
„Auch wenn Ruben das zu seinem Leidwesen nicht verhindern konnte, gab es doch auch Dinge, die er an Sven geändert hat. 'Irgendwann ist uns aufgefallen, das Sven und besonders sein Humor ironischer bis hin zu sarkastisch geworden ist. Das Warum konnten wir uns nicht so richtig erklären – bis er uns Ruben vorgestellt hat', haben Annika und Erik, Studienfreunde von Sven, uns verraten“, sagte Michael. „Ging uns als Familie übrigens ähnlich“, ergänzte er dann noch an das Ehepaar gewandt.
„Gleichzeitig haben die beiden Gemeinsamkeiten, wo vielleicht niemand sie vermuten würde. 'Das Ruben nicht an die Liebe auf den ersten Blick glaubt, weiß vermutlich jeder, der ihn ein bisschen kennt. Aber das Sven das auch für einen Mythos hält, hat mich sehr überrascht – insbesondere, nachdem ich von seinen Eltern erfahren hab, dass es bei ihnen genau wie bei uns Liebe auf den ersten Blick war.'“ Elisa nickte wie wild, sodass Aaron ausnahmsweise nicht erwähnte, von wem das Zitat kam.
„Das Stichwort 'Liebe auf den ersten Blick' bringt uns tatsächlich zu etwas, ohne dass eine Hochzeitsrede keine vollständige Hochzeitsrede ist – das Kennenlernen der beiden. Denn ironischerweise war es bei beiden Liebe auf den ersten Blick, als sie sich in dem Café sahen, wo Sven während seinem Studium gekellnert hat“, erzählte Michael.
„Beinahe hätte die Geschichte auch dort geendet – außer der Bestellung und beim Bezahlen haben sie nicht mit einander geredet und nicht mal währenddessen geflirtet“, fuhr Aaron fort. „Zum Glück haben sie sich wenige Wochen später bei einer Party von gemeinsamen Freunden wiedergetroffen. Wie es genau dazu kam, dass Sven sich verletzt hat, konnte uns bislang niemand verraten – auf jeden Fall hat Ruben, der seine Ausbildung zum Rettungssanitäter da schon hatte, ihn sehr kompetent und freundlich verarztet.“
„Als gut erzogenes Kind“, Gelächter folgte auf dieses Selbstlob von Michael, „hat Sven natürlich darauf bestanden, Ruben als Dank dafür auf einen Kaffee einzuladen. Als ebenso gut erzogenes Kind“, an dieser Stelle nickte er Samuel und Elisa zu und es ertönte erneutes Lachen, „hat Ruben die Einladung angenommen, nachdem er zunächst höflich verneint hatte, weil es nicht notwendig sei.“
„Und nachdem sie dann an einem Tisch saßen, sind sie zum Glück ins Gespräch gekommen und haben festgestellt, dass sie sich wiedersehen wollten. Das erste Date führte zum zweiten, dann zum dritten... Erst sechs Monate nach dem Wiedersehen auf der Party sind sie dann übereingekommen, dass sie jetzt ein Paar sind“, übernahm Aaron nahtlos. „Während für Ruben tatsächlich die sechs Monate das entscheidende Kriterium waren, hatte Sven einen anderen Grund.“
„Als echter Fasteloovendsjeck – Karnevalsfreund – fand er, dass es nach dem elften Date Zeit dafür wurde“, erklärte Michael. „Drei Jahre später sind sie dann zusammengezogen und ehrlich gesagt hatten wir Eltern uns schon von der Hoffnung auf eine Hochzeit verabschiedet, als Ruben Sven vor knapp einem Jahr und somit fünf Jahre nach dem Zusammenziehen einen Antrag gemacht hat.“
„Erstaunlicherweise hat Ruben ihn nicht zurückgezogen, obwohl Sven den restlichen Tag wie auf Drogen wirkte und beinahe ihre komplette Lieblingskneipe zertrümmert hätte, weil er so zappelig war. Und deshalb sind wir heute alle gemeinsam hier – um die beiden zu feiern“, endete Aaron.
„Auf euch beide, eure Liebe und eure Zukunft!“, schlossen Michael und Aaron synchron mit erhobenen Gläsern den Toast an.
„Auf euch beide, eure Liebe und eure Zukunft!“, wiederholten alle Gäste inbrünstig.
Sven hatte Tränen in den Augen schimmern, als er sein Glas hob und auch Ruben war anzumerken, dass es ihn nicht gänzlich kalt ließ.

Nachdem jeder einen Schluck getrunken hatte, rief irgendwer: „Und jetzt einen Kuss!“
„Ja, küsst euch!“, schlossen sich sofort weitere Stimmen an.
Natürlich ließen Sven und Ruben sich nicht lange bitten und küssten sich. Lauter Applaus folgte.
Als es wieder still wurde, ergriff Sven das Wort. „Vielen Dank erst mal an unsere Trauzeugen für diese kurzweilige Rede!“ Alle applaudierten erneut.
„Und wo wir gerade dabei sind, ist jetzt vielleicht genau der passende Moment“, sagte er, als der Applaus zu Ende war und drehte sich zu seinem Ehemann.
„Wofür?“, fragte Ruben verdutzt. Er hatte keine Ahnung, worum es gerade ging.
Verlegen sah Sven kurz zur Seite, bevor er Ruben wieder in die Augen sah.
„Ich weiß, wir haben gesagt, dass wir uns nichts gegenseitig zur Hochzeit schenken. Aber ich fand das ein Stück weit unfair – schließlich ist diese Hochzeit, insbesondere diese Feier heute ein riesiges Geschenk von dir für mich. Wenn es nach dir gegangen wäre, wäre all das in einem kleineren Rahmen abgelaufen.“
Dem konnte Ruben nicht widersprechen.
„Ich weiß auch, dass du dann festgestellt hast, dass es dir überraschend gut gefällt, dass ich deinen Ring trage – aber Verlobungs- oder Ehering hat für dich keinen entscheidenden Unterschied gemacht. Natürlich ist es nicht so, dass du all das nur mir zuliebe überstehst – dann hätte ich diese Feier auch nicht gewollt. Trotzdem ist es ganz klar ein Geschenk für mich und ich habe mir viele Gedanken gemacht, was ich dir zurückschenken könnte. Natürlich ist es nichts Materielles geworden, das wäre einerseits unfair, weil es irgendwie doppelt gegen die „keine Geschenke-Regel“ verstößt und es soll ja auch mehr zeigen, wie sehr ich dich liebe und wie dankbar ich dir bin. Und nach langem Überlegen und diversen Fehlversuchen beziehungsweise Vor-Experimenten ist das hier rausgekommen“, verkündete Sven und nahm das große, schmale Paket, was seine Schwester ihm angab, um es an Ruben weiterzureichen.
Überrascht, vielleicht auch ein wenig skeptisch sah Ruben zwischen Sven und dem Paket hin und her.
Aufmunternd nickte Sven ihm zu. „Trau dich, mach auf!“
Neugierig öffnete Ruben das Paket und erstarrte. Gebannt sah er das Geschenk an und krächzte: „Danke!“ Als er wieder hoch sah, entdeckte Sven das erste Mal, seit er Ruben kannte, Tränen der Rührung in dessen Augen. „Es ist wundervoll geworden.“ Dann hielt er es hoch, sodass die Gäste auch was erkennen konnten.
„Ein Papageien-Bild!“, schrie Sammy lauthals, was zu einigem Gelächter führte. Er hatte nicht ganz unrecht, schließlich war es ein kunterbuntes, abstraktes Gemälde. Was keiner der Gäste entdecken konnte, Ruben aber beinahe sofort entdeckt hatte, waren die Daten, Eintrittskarten, Fotos und andere Erinnerungsstücke, die Sven hinter den bunten Farben verborgen hatte, so dass sie gerade nur so zu erkennen waren. Natürlich hatte Ruben in der kurzen Zeit auch nicht alles erfassen können, aber es sah ihm nach vielen ersten Malen aus wie ihr erstes Mal im Kino und natürlich anderen bedeutsamen Tagen, wie der Einzug in die gemeinsame Wohnung oder die Verlobung.
„Genau, ein Papageien-Bild. Damit ich nicht mehr teures Geld ausgeben muss, um in Museen über abstrakte Kunst zu schimpfen“, scherzte Ruben.
Das brachte den ein oder anderen zum Schmunzeln, da Ruben sehr gerne in Museen ging, mit moderner Kunst jedoch wenig anfangen konnte und dazu tendierte, dann die ganze Ausstellung zu verreißen. Die meisten sahen jedoch fragend zu Sven. Der hüllte sich jedoch in Schweigen und grinste nur. Einige würden mit Sicherheit in der nächsten Zeit entdecken, was hinter dem Bild steckte, wenn es bei ihnen in der Wohnung hing – aber heute gehörte das Geheimnis nur Ruben. Selbst seine Familie hatte Sven nur so weit eingeweiht, dass in dem Paket ein Geschenk für Ruben war und deshalb mindestens genauso dringend mitkommen musste wie Sven selbst.

„Nun, da der genaue Sinn des Bildes euch ein Rätsel bleiben wird, ist es vielleicht an der Zeit, ein anderes Rätsel zu lösen“, schlug Ruben vor, nachdem er das Bild wieder sorgfältig in die Verpackung eingeschlagen hatte.
Neugierig sahen alle ihn an. Sven grinste, weil er genau wusste, wovon Ruben sprach und übernahm dann das Wort: „Die meisten von euch haben sich vermutlich gewundert, warum ich auf einen Brautstrauß bestanden habe.“ Spontan nickten diverse Gäste.
„Als ich vier oder fünf Jahre alt war, haben Tante Anna und Onkel Christoph geheiratet. Als Ann ihren Brautstrauß geworfen hat, hat meine Cousine Antonia, die zwei Jahre älter ist als ich, verkündet, dass sie auch den Brautstrauß fangen wird, wenn sie größer ist. 'Ich auch', habe ich daraufhin verkündet. Da hat Toni mich ausgelacht und gesagt, dass das nicht geht, weil das nur Mädchen dürfen. Das fand ich damals schon unglaublich unfair – und finde es ehrlich gesagt heute immer noch. Daher will ich an dieser Stelle ein Statement für mehr Gleichberechtigung setzen – lasst uns insgesamt nicht das Geschlecht, sondern den individuellen Menschen als den entscheidenden Anteil betrachten! Deshalb sind jetzt alle unverheirateten Personen ungeachtet ihres Alters – zumindest solange sie volljährig sind – eingeladen, mit mir rauszukommen und sich um den Brautstrauß zu bemühen. Alle anderen sind natürlich eingeladen zuzuschauen.“
Nahezu alle Gäste gingen mit raus. Nur einige wenige wie Svens Oma, die Probleme mit ihren Knien hatte, und Rubens Cousine Rebecca, deren Sohn gerade einmal wenige Wochen alt war, blieben sitzen.

„Dann stellt euch jetzt einmal hinter mir auf!“, forderte Sven die Interessenten auf. Tatsächlich war es eine gemischte Menge. Auch wenn die Mehrheit weiblich war, war Tobi beispielsweise sehr eifrig dabei und versuchte die ganze Zeit, sich vor Leonie zu stellen.
„Das ist meiner!“ „Nein, meiner“, konterte Leonie auf demselben Kindergartenniveau.
„Alle bereit?“, fragte Sven.
„JAAA!“, schrien alle.
„Okay, dann werfe ich jetzt. Drei, zwei, eins, los!“ Er warf den Brautstrauß mit vollem Schwung hinter sich – jedoch nicht gerade, sondern etwas schräg nach links.
„Ooooooh“, ertönte es von vielen enttäuscht.
„Ich hab den Brautstrauß gefangen“, sagte Darian hingegen völlig entsetzt. „Aber ich wollte das doch gar nicht, ich hab mich doch gar nicht angestellt! Das war ein Versehen, ein Reflex!“
„Oh, das tut mir Leid für alle! Aber gefangen ist gefangen“, entschuldigte Sven sich. Insgeheim war er jedoch sehr mit sich zufrieden. Sein Wurftraining hatte sich bezahlt gemacht. Dass Ole, Darians Partner, ihn durchschaute, war da nicht weiter tragisch.
Da nahezu alle Gäste bereits draußen waren, nutzen sie die Gelegenheit, um auch die obligatorischen Gruppenfotos zu machen. Für die Bilder, auf die sie mit drauf sollten, wurden auch die Fehlenden von drinnen geholt.

„So, nachdem wir uns jetzt alle etwas bewegt haben und das Essen abtrainiert haben, wird es Zeit für den nächsten Höhepunkt“, verkündete Christiane, als alle wieder im Saal waren.
Elisa und Lea schoben in dem Moment die Hochzeitstorte in den Saal.
„Oh“, raunte die Menge. Es war eine dreistöckige Torte. Die unterste Ebene war braun und sah verdächtig nach Schoko aus. Die Mitte war war eine mit weißer Sahne eingekleidete Torte. Das Highlight war jedoch eindeutig die oberste Ebene, da diese aus sechs bunt eingefärbten Tortenböden bestand und einen Regenbogen ergab. Zudem stand ein kleines, offensichtlich selbstmodelliertes Männerpaar obenauf.
„Da die Männer sich um die Rede gekümmert haben, haben wir Frauen zusammen diese Hochzeitstorte gemacht. Elisa hat die wundervolle Schoko-Nougat-Torte unten gebacken, ich habe eine Schwarzwälder-Kirschtorte ganz in weiße Sahne gehüllt und Leonie hat sich an der Regenbogentorte ausgetobt. Das wundervolle Ehepaar oben hat Lea modelliert“, erklärte Christiane.
Alle applaudierten. „So, ihr zwei, dann kommt doch mal bitte her und schneidet die Torte an.“
Gespannt sahen alle darauf, wer die Hand oben liegen haben würde. Sven schmunzelte. Als ob das wirklich wichtig wäre! Gelassen legte er seine Hand als erster um das Messer. Ruben schloss seine Hand um das Messer und Svens Hand. Gemeinsam schnitten sie dann das erste Stück aus der obersten Torte. „Ich glaube, ich kriege eine Ahnung davon, wie Promis sich fühlen, wenn sie auf ne Horde Papparazzi treffen“, sagte Sven halblaut, weil gefühlt die Hälfte der Gäste sie währenddessen unbedingt fotografieren wollte.
„Oh ja“, stimmte Ruben ihm zu.
„Und jetzt füttert ihr euch gegenseitig“, forderte Elisa sie auf. Sven und Ruben tauschten einen vielsagenden Blick und schüttelten energisch den Kopf.
„Das ist Tradition und soll zeigen, dass ihr füreinander sorgt. Also macht schon, wenigstens jeder einen Bissen“, unterstützte Christiane sie. Im ersten Moment öffnete Sven, um zu protestieren. Dann wandte er sich stattdessen jedoch an Ruben. „Wenn beide sich gegen uns verschworen haben, haben wir eh keine Chance, oder?“
„Ich fürchte nicht.“
„Okay, dann sollten wir uns lieber gleich ergeben und es kurz und schmerzlos machen.“
Beide nahmen ein Stück Kuchen auf eine Gabel und hielten es sich anschließend gegenseitig vor den Mund. Es erforderte ein bisschen Koordination, gleichzeitig den Mund zu öffnen und den anderen zu füttern, doch sie schafften es, ohne sich die Augen auszustechen. Erneut blitzten die Kameras und Handys wie wild. Der Rest applaudierte.
„Mhh, die ist hervorragend geworden!“, lobte Sven. „Ja, wirklich lecker“, stimmte auch Ruben zu.
„Das freut mich!“ Leonie sah zufrieden aus.
Rasch schnappte Sven sich den ersten Teller mit dem nächsten Stück. Von so einer leckeren Torte wollte er ein ganzes Stück essen und nicht nur ein halbes! Ruben schmunzelte, beschwerte sich aber nicht, dass auch er dadurch ein nahezu komplettes Stück essen durfte.
Elisa und Christiane kümmerten sich um die Versorgung der anderen Gäste, während Sven und Ruben ihren Kuchen genossen.
„Gleich müssen wir auf jeden Fall noch die anderen beiden Kuchen probieren“, verkündete Sven.
„Hast du denn noch so viel Platz in deinem Magen?“, spottete Ruben liebevoll.
„Ja, ich denke schon. Das hat einfach zu funktionieren!“ Sven war wild entschlossen, das hinzubekommen, auch wenn er sich vorhin nach der dritten Runde Buffet beschwert hatte, dass er völlig überfressen sei und frühestens morgen Abend wieder etwas essen wollte. Aber das war ja jetzt auch schon eine Stunde her!
„Solange du bis heute Nacht wieder fit genug bist, um dich körperlich zu betätigen, mach was du willst“, raunte Ruben verheißungsvoll.
„Keine Sorge! Ich lass mir unsere Hochzeitsnacht doch nicht entgehen! So viel Kuchen kann ich gar nicht essen“, versicherte Sven ihm und küsste ihn, bevor er sich das zweite Stück Kuchen holen ging. „Soll ich dir eins mitbringen?“
„Aber nur ein kleines“, bat Ruben. Anhand Svens Nicken wusste er sofort, dass sein Mann ihn gehört hatte, es aber geflissentlich ignorieren würde. So ein Gierschlund! Sven wollte doch nur das übrig gebliebene von Ruben ebenfalls essen. Zum Glück war Sven erwachsen und hatte zu wissen, was er tat. Auch wenn sie seit heute verheiratet waren, dafür war Ruben nicht verantwortlich.

ENDE
Schlußanmerkungen zum Kapitel:
Diese Geschichte findest du unter http://boyxboy.de/efiction//viewstory.php?sid=1573