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Veröffentlicht: 11/06/09 Aktualisiert: 30/04/11
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1. Kapitel 1

Jetzt, wo es langsam zu Ende geht, ist mir sonderbar zu Mute. Früher habe ich mich immer für sehr stark und diszipliniert gehalten. Doch jetzt weiß ich, dass es ganz anders ist. Ich fühle deinen warmen Körper an meinem, fühle deinen Kopf, wie er auf meine Brust gebettet liegt und dein glattes Haar, das über meinen unbedeckten Hals streicht.

Die Kälte macht dir zu schaffen. Du zitterst und krümmst dich zusammen. Auch du spürst das Ende. Mühsam hebe ich meine rechte Hand und streiche mit meinen erkaltenden Fingern über dein Haar, bis meine Hand auf deiner eingezogenen Schulter zu liegen kommt. Als du deinen Kopf ein wenig anhebst, erwidere ich deinen Blick und versuche mich an einem Lächeln. Ob es mir gelingt, kann ich nicht sagen, denn ich fühle meine Lippen kaum noch.

Es hat vor längerer Zeit begonnen. Ein Komet traf unseren Planeten; er war gerade groß genug, um eine Katastrophe auszulösen. Er verschob unsere Umlaufbahn um ein weniges, doch es reichte aus, dass unsere Welt zu vereisen begann und Leben nur noch in einem schmalen Gebiet um den Äquator möglich war.
Unsere Eltern flohen jedoch nicht zu anderen Planeten, ich vermute wohl auch aus Patriotismus, aber hauptsächlich, um unsere Heiligtümer und die Laboratorien so lange wie möglich zu pflegen und vor der Kälte zu schützen.

Wieder bewegst du dich und ich lege meine Arme fest um dich, versuche dir noch ein wenig meiner eigenen Wärme abzugeben. Hier drinnen, ganz abgeschottet von der Außenwelt, ist es kaum noch auszuhalten. Aber ich weiß, dass draußen alles erfroren ist. Wie lange wohl unser Luftvorrat noch reicht? Vielleicht noch ein, zwei Stunden, aber dann werden wir beide die ganze restliche Luft aufgebraucht haben.

Ich kann sehen, wie mein Atem vor meinem Mund zu einer kleinen Wolke aus kondensiertem Wasser wird.

Vor weniger als einem Monat fielen die Temperaturen von um den Gefrierpunkt auf Minus 30 Grad Celsius ab, so dass bald dauerhaft kein Leben möglich sein würde. Nur noch sehr wenige Menschen blieben zurück, darunter unsere Familien, und die letzten Schiffe flogen schließlich ohne uns ab.

Jetzt sind wir allein, geht es mir durch den Kopf und ich lege meine Stirn an deine. Du bist warm, so schön warm.
Meine Familie ist mittlerweile vollkommen ausgelöscht worden, als ein Erdbeben unser Haus zerstörte. Sie war früher mit deinen Eltern befreundet gewesen, erinnerst du dich? Auch deine Eltern sind tot. Eigentlich konnten wir uns nie leiden - ich hasste dich, weil du so beliebt warst und alle dich mochten und du nie etwas falsch machen konntest.
Wahrscheinlich mochtest du mich auch nicht sonderlich, denn ich habe dir dein Leben zur Hölle gemacht, so gut ich konnte.

Aber jetzt sitzen wir hier, du ganz nah bei mir, und teilen unseren letzten Rest an Wärme. Dein Atem geht langsam und unregelmässig, als würdest du versuchen so wenig wie möglich zu atmen. Gerne würde ich noch einmal mit dir reden, deine zarte Stimme hören, aber dafür ist unsere Luft zu knapp. Ich möchte wenigstens die letzten paar Momente in mich aufnehmen.

Wir können hier nicht heraus. Die Tür ist verschüttet von einem der Nachbeben und lässt sich nicht mehr öffnen. Ich habe es überprüft. Doch gesagt habe ich es dir nicht, um dir keine Sorge zu bereiten. Ich habe es nicht übers Herz gebracht, dir zu gestehen, dass dies hier unser gemeinsamer Sarg sein wird.

Wieder bewegst du dich und ich spüre, wie du dich aufsetzt, um mich ansehen zu können. Deine blauen Augen glitzern geheimnisvoll in dem wenigen schummerigen Licht, das wir hier unten noch haben. Lange siehst du mich an und deine Lippen sind geöffnet, damit du besser atmen kannst. Ich glaube, dass ich dich noch nie so schön gesehen habe wie jetzt, und kann nicht anders, als mit meinen Fingern über deine noch warme Wange zu streicheln.

Mit meinen erstarrten Fingern kann ich deine zarte Haut kaum fühlen, doch ich kann es mir vorstellen. Du setzt dich zurück, diesmal so, dass du mich umfangen kannst. Müde lasse ich mich gegen deine Schulter sinken und lausche deinem leisen Herzschlag. Du riechst nach Chemie und Leben.

Manchmal habe ich mich wohl gefragt, warum wir nicht Freunde geworden sind. Aber erst jetzt merke ich, wie Schade es um dein Leben ist. Du schaust mich an und ich sehe deine Lippen sind schon bläulich angelaufen. Dein Atem streift mein Gesicht und ich schließe einen Moment die Augen.

Jetzt geht es zu Ende. Es kann nicht mehr lange dauern, die Luft, die wir einatmen, ist schon sehr dünn geworden, doch anscheinend willst du sie doch vergeuden.

Ich kann meine Beine nicht mehr fühlen, während ich die Worte schon in deiner Brust wahrnehme, bevor sie über deine Zunge fließen.
Deine Hand streicht beinahe liebevoll durch meine Haare. "Hast du Angst?", höre ich dich fragen und schüttele leicht den Kopf. "Nein", flüstere ich und vergrabe mein Gesicht tiefer in dem Stoff deines Overalls, versuche ein wenig mehr das Gefühl von verlorener Geborgenheit in mich aufzunehmen.

"Ich habe Angst", sagst du und streichelst mich weiter, beruhigend. "Vor dem Tod." Langgezogen atme ich aus und überlege, was ich jetzt tröstendes sagen könnte. Gerne würde ich dir deine Angst nehmen, damit es dir nicht so schwer fällt, dieses - unser - Ende zu ertragen. Langsam richte ich mich auf, so dass mein Gesicht direkt neben deinem ist. Eine deiner Strähnen berührt weich meine Nasenspitze. Mit letzter Kraft schlinge ich meine Arme fest um dich, halte dich fest und zögere den Moment hinaus, in dem ich das sagen werde, was mir auf der Seele brennt.

Ich fühle, wie du mich zurück umarmst, wie wir wieder unsere Wärme vereinen und gegenseitig unseren Gedanken lauschen. Ich möchte, dass du einen sanften Tod hast. Du hast es nicht verdient qualvoll zu sterben. "Ich bin bei dir ... und ich beschütze dich", flüsterte ich kaum hörbar und muss schon hastig nach Luft schnappen.

Dann legst du deinen Kopf auf meine Schulter nieder, so nah, dass ich fühlen kann, wie du die Augen schließt. "Schlaf", sage ich besänftigend und halte dich einfach fest, warte darauf, dass der Tod kommt. Es ist ein ernüchterndes Gefühl - und doch ein wenig schön.
Die Schönheit in der Traurigkeit. Du liegst hier in meinen Armen, langsam rutschen deine Hände kraftlos über meinen Rücken und du träumst vielleicht.

Mit den letzten Atemzügen lasse auch ich meinen Kopf auf deine Schulter sinken und schließe die Augen. Auch ich versuche zu träumen, bevor ich sterbe.
Aktualisiert: 14/06/09
Veröffentlicht: 11/06/09
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waidgnom am 14/06/09 09:46
Wenn man diese Geschichte liest, läuft es einen eiskalt über den Rücken.Brr... Da hast du dir ein schweres Thema ausgesucht. Wie du die Gedanken eines Sterbenen rüber bringst ist schön, aber auch sehr traurig. Das er sich die ganze Zeit beim Sterben, über seinen Freund Gedanken macht,das es ihn gut geht und so, finde ich allerdings unrealistisch.Er wird ja auch sterben,hat ja keine Chance zu überleben.Ich kann mir das ,jedenfalls nicht vorstellen...Will ich auch nicht!!! So, jetzt brauche ich erst einmal eine lustige Geschichte.
Kapitel 1
Esther am 14/06/09 12:36
Ich muss Waidgnom widersprechen. Ich finde eigentlich nicht, dass die Gedanken des Jungen unrealistisch sind. Er denkt ja nicht darüber nach, dass es seinem Freund gut geht und er überleben könnte, sondern bedauert nur, dass er auch sterben muss.

Was mich nur so stutzig gemacht hat, ist, dass es in dieser zukünftigen Welt die technische Möglichkeit gibt auf andere bewohnbare Planeten zu flüchten und dass die Familien der beiden Jungs diese Möglichkeit nicht rechtzeitig genutzt haben. Da wäre eine Erklärung, warum dem so ist, schön gewesen. Den Zeitpunkt, wann die Sonne es nicht mehr macht, kann man ja sicher ziemlich genau berechnen und niemand wird freiwillig so lange bleiben, bis es zu spät ist.
Auch ist die Schilderung, was mit der Sonne passieren wird, leider nicht realistisch. Zuerst wird es nämlich so heiß, dass menschliches Leben auf der Erde gar nicht mehr möglich ist, bis die Sonne dann einige Milliarden Jahre später verlöscht (siehe dazu: Wikipedia.de "Sonne" und dort den Absatz "Hauptreihenstern"). Sie wären also eher an der Hitze oder der schon vorher einsetzenden Dürre (und damit Nahrungsmangel) gestorben.

Bis auf den Logik-Fehler (warum sind die Eltern so lange geblieben?) und den Recherche-Fehler (Tod durch Hitze/Dürre statt durch Kälte), ist die Stimmung, die man bei der Thematik erwartet, sehr gut getroffen. Eine schön traurige Geschichte also und eine der wenigen Depri-Sachen, die ich freiwillig gelesen habe ^^°

Antwort des Autors SoNo (14/06/09 19:20):
Danke für die konstruktive Kritik! Für mich ist an der Geschichte die Stimmung das wichtigste. Ich werde jedoch schauen, ob sich die Logikfehler (etc.) überarbeiten lassen.
Aber ich freue mich, dass sie gefällt! Smiley
Kapitel 1
Witch23 am 06/07/09 18:49
es ist im eigentlichen garnicht die Sonne die verlöscht in der Geschichte sondern die Umlaufbahn der Erde geändert worden wenn ich das richtig verstanden habe

aber ansonst kann ich Esters abgegebenen Review wenig hinzufügen, da mir auch das grundlegende warum fehlt, weswegen die Eltern nicht rechtzeitig genug zugesehen haben auch noch wegzukommen.

eine recht Hoffnungslose depri Story, auch wenn sie mich nicht runterzieht

im großen und ganzen gut gelungen
Kapitel 1
am 01/01/70 01:00
Kapitel 1
split am 05/09/15 16:38
Wenn man anfängt, nach dem Wie und Warum zu suchen, kann man sich ewig an Details aufhängen, aber allein die Stimmung ist absolut gelungen. Mir ist ganz übel vor Mulmigkeit. Ich weiß, dass ich den Text vor Ewigkeiten schon mal gelesen habe und es ist immer wieder ein etwas Besonderes in Stories von dir zu schmökern. Ich hoffe, es gibt bald mal wieder was neues.
Liebe Grüße
split
Kapitel 1
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Snoopy279
16/05/21 18:14
gerne natürlich auch die, die Fanfiktion lesen/Fanfiktionschreiber einfach unterstützen wollen

Snoopy279
16/05/21 18:14
alle, die auch Fanfiktion schreiben, bitte bei der Petition mitmachen, damit das auch in Zukunft möglich bleibt!
http://chng.it/WnwVCzxGff


jabba
21/01/21 22:32
Knuddel! Knuddel! Alle ganz doll knuddel! Heute ist Weltknuddeltag! Knuddel! Knuddel!

Witch23
01/01/21 02:37
*Pfeif Zisch* Gutes neues Jahr wünsche ich euch allen

split
01/01/21 00:01
Frohes Neues *krach baller lärm*

split
24/12/20 23:24
Frohe Weihnachten

Niemue
24/12/20 12:29
Ich wünsche Euch allen schöne Feiertage, einen guten Rutsch und viel Gesundheit im Neuen Jahr! :*

Witch23
24/12/20 11:02
Wünsche ich euch auch. Vor allem habt schöne Feiertage.

Yavia
24/12/20 10:48
Frohe Weihnachten euch allen!

Witch23
20/12/20 12:51
Einen schönen vierten Advent euch allen und hoffentlich bald wieder etwas entspanntere Tage

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