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Schroffe Fingerspuren

von Nika [Ab 14 ] [Reviews - 4] (Abgeschlossen)
Veröffentlicht: 17/06/09 Aktualisiert: 11/03/13
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1. Schroffe Fingerspuren

Schroffe Fingerspuren

Als das letzte Licht gelöscht wurde, um Sauerstoff zu sparen und die letzten schwachen Rufe des Vorarbeiters verklangen, dessen Beine beim Einsturz des Schachtes zerschmettert worden waren, schien es, als ob alle Hoffnung verraucht war.
Wie lange waren wir nun schon hier unten, eingesperrt, erdrückt, vergessen?
Stunden? Tage?
Es hätten genauso gut Wochen oder Jahre sein können, ich konnte es nicht mehr sagen.
Mein Gehirn arbeitete inzwischen langsamer - vielleicht wollte ich auch einfach nicht mehr wissen, wie viele Tage es nun waren.
Jeder Augenblick war lang gewesen, jeder Atemzug einer, den ich eigentlich nicht hätte nehmen dürfen. Und einer, den ich nicht atmen wollte.
Diese dicke, verbrauchte Luft – als ob verdorbenes Wasser in die Lungen strömt. Ebenso schwer es, wieder auszuatmen, die Lunge krallt sich an jedem Luftmolekül fest.
Der weniger werdende Sauerstoff macht uns träge, raubt uns die Kraft, den Willen und die Hoffnung so elendig langsam, dass wohl ein jeder von uns ein Ende herbeisehnt, egal ob es der Tod oder die Rettung ist. Nur endlich ein Endpunkt dieses Zustandes, dafür beten wir alle.
Neben mir, gebettet auf harten Geröll, liegt mein Kumpel Hannes.
Er leidet sehr unter der Enge des Raumes, weniger seitdem das Licht aus ist und er nichts mehr erkennen kann.
"Anna...", murmelt er, leise, in seiner Stimme Schmerz und Sehnsucht, schneidend wie Messer durch die Dichte der beredten Atemzüge.
Anna, seine Frau mit den kleinen Locken, die sich immer in ihrem Nacken auf der Haut kringeln, Sonne im Lachen, ungebrochene Stärke in ihrem Blick. Seine Anna, die Mutter seiner zwei geliebten Kinder. Er liebt sie sehr, sie alle. Der Gedanke, sie allein zu lassen, quält Hannes zusätzlich.
Er wimmert so kläglich, unruhig, während sich alle anderen, so wie ich, in ihr Schicksal ergeben zu haben scheinen.
Ich taste nach Hannes Kopf und fahre vorsichtig durch sein kurzes Haar. Zwischen all den harten Steinen ist es erstaunlich weich, deplaziert. Sein Greinen verstummt mit einem Seufzer.
Also kraule ich die Haare ein wenig länger, blond sind sie in der Sonne, hier unten und im Moment wahrscheinlich ein stumpfes, staubbedecktes Graugold. Ein weiterer Seufzer entkommt seinem Mund. Seine Hände tasten sich an mir entlang und legen sich auf mein Gesicht, nur um mich zu ihm zu ziehen. Seine rauen, zerschundenen Hände an meinen Wangen, über meinen Bartstoppeln, so zart und tröstend.
Diesmal seufze ich.
Er zieht mich halb auf seinen Körper, mager und doch muskulös, so wie wir alle. Und dennoch ist er anders als sonst, knochiger; ausgetrocknet und ausgehungert. Dürstend nach Wasser und Luft, hungernd nach Trost, so wie wir alle. Vereint in einem Gedanken, dem gemeinsamen Sehnen nach diesem einen Augenblick der Erlösung und doch jeder in gefangen seiner eigenen Hölle.
Dieser Körper unter mir, lebendig, wie eine Trotzburg gegen das sanfte Todessehnen. Obwohl es warm ist in dieser kleinen Steinkaverne, sickert die Wärme seines Leibes in mich, elektrisiert meine Knochen und meine Muskeln.
Einen Augenblick Erlösung, einen Moment der Befreiung von diesem Ort. wie Engel auf staubigen Schwingen, meine sterbenden, dösenden Kollegen zurücklassen wie leere Hüllen.
Ich denke, dass ich ihn trösten muss. Seine Anna wird er nicht wieder sehen, seine Kinder auch nicht und auch nicht das Licht eines Tages.
So fahren meine wunden Finger an seinem mir wohlbekannten Gesicht entlang, hinunter bis zu seinem Hals, wo ich den Kragen seines Arbeitshemdes spüre. Über den Feinripp dieses Kleidungsstückes gleiten sie, wie beflügelt hin zu dem Ort, an dem ich es hochschieben kann.
Seine grobe Hose wird von einem alten breiten Ledergürtel gehalten, den sehe ich jeden Tag seit sieben Jahren. Ich weiß auch, wie ich ihn öffnen kann.
Das erledige ich schnell und gleich darauf breite ich meine Hände auf der verschwitzen Haut seines Brustkorbes aus. Langsam bewege ich sie, zart, darauf hoffend, das es so ist, wie es seine Anna macht.
"A... Anna...", brabbelt Hannes, leise. So soll es sein, ich bin seine Anna, für einen Augenblick unter vielen.
Er windet sich ein wenig unter mir, entkommt dieser Welt in seine Erregung, der berauschende Sauerstoffmangel hilft ihm dabei. Nun, nachdem ich schon seinen Gürtel gelöst habe, kann ich auch seine Hose öffnen, meine Hand in die feuchte Wärme schlängeln. Nicht alles auf einmal wagen, sonst zerbröckelt die Illusion.
Hannes keucht einmal, dann bewegt er sich nur gegen meine Hand, ohne sich mehr als ein paar Atemzüge zu erlauben. Fast gegen meinen Willen werde ich in seinen Taumel gezogen. Dann beginnt er mit seinen Fingern über meinen freien Oberam zu tänzeln, seine Fingerkuppen rau wie meine, kratzen leicht über meine bloße Haut.
Sanft drängen unsere Hüften aneinander, als ich meine Hand zurück ziehe, dabei ertasten wir unsere Arme gegenseitig um und festzuhalten.
Ich fühle, wie in Schluchzer in meiner Kehle brennt, kein Laut der Lust, sondern einer der Verzweiflung.
Nach mehr und mehr Luft schnappen wir. Luft, die uns nicht zusteht, deren Mangel uns in einen wohligen, tödlichen Taumel versetzt.
Wo bin ich hier? Warum sind wir hier? Was ist geschehen?
Ein Unfall, der Stollen brach ein, erinnere ich mich selbst lahm.
Spielt Leben oder Tod hier noch eine Rolle?
Ich weiß es nicht mehr.
Hannes schlingt seine Arme um mich, murmelt beruhigenden Kauderwelsch.
Wollte ich nicht ihn trösten? Warum ist es jetzt Hannes, der mir Trost bietet?
Also nehme ich mich zurück, bis ich wieder klarer denken kann. Für ihn aber lege ich an Tempo zu. Schließlich spannt er alle Muskeln an, sein Atem stockt und ich weiß, dies ist sein Augenblick der Flucht, sein Höhepunkt schleudert ihn aus seinem Körper an einen besseren Ort.
Ich freue mich für ihn und sinke auf seine schmale Brust, wo sein Herz gegen seine Rippen hämmert.
Und ich bin müde, zufrieden ja, aber schrecklich müde. Ich lasse mich fallen, wohin weiß ich nicht, ich purzle davon, der Rhythmus in meinen Ohren ist meine Schlafmelodie und mein Trost.
Aktualisiert: 17/06/09
Veröffentlicht: 17/06/09
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Alex am 17/06/09 18:37
Das ist so traurig und total ergreifend. *schnief* Warum nur muss ich eigentlich bei jedem bisschen gleich heulen? *fluch* Naja jedenfalls ist es ein super Beweis dafür wie gut diese Story unter die Haut geht. Okay in die Knochen trift es wohl eher, ich zitter irgendwie richtig, dabei sind 29 Grad hier im Zimmer. Hast wirklich klasse geschrieben und auch dieses erdrückende Gefühl und die Angst vor dem Sauerstoffmangel und dem darauß folgendem Tod. Echt sehr gut hinbekommen. Genauso finde ich die Szene des gegensitigen Trostspendens echt gut. Ich stell mir grade zwei Männer in dieser Dunkelheit vor wie sie verzweifelt versuchen sich gegenseitig Mut zu machen auf diese Weise und dennoch ahnen oder auch wissen das es keine Erlösung geben wird.
Soweit zu meinen Eindrücken ... *seufz* *schnief*
LG die Alex

Antwort des Autors Nika (17/06/09 18:43):
*tröst*
Es tut mir leid, ich wollte dich nicht traurig machen.
Danke für das hohe Lob, obwohl es Lob an etwas schrecklichem ist. Ich hatte beim Schreiben immer wieder selbst das Gefühl, unter der Erde zu sein. Nicht schön.
Danke vielmals *verbeug*
Nika
Schroffe Fingerspuren
waidgnom am 20/06/09 08:05
Wow, da hat ja jemand ganz tief in die Gefühlskiste gegriffen.Das war eine tolle ,kleine Geschichte voller Emotionen.Wie du die Angst und die Hoffnungslosigkeit beschrieben hast war sehr traurig.Ich habe bis zum Schluss gehofft ,das irgendwo ein Lichtschein her kommt und alle gerettet werden.*schnief, Taschentuch holen*
Schroffe Fingerspuren
Regenengel am 23/06/09 11:18
Ein sehr ungewöhnlicher Ansatz, eine BxB-Szene zu motivieren, und eine auf sehr beklemmende Weise faszinierende Geschichte. Für Vertreter der Gefängnis-Theorie ("homosexuelles Verhalten entsteht aufgrund von mangelnden heterosexuellen Alternativen") vermutlich genau so zu deuten, aber für mich liegt dieser Geschichte überhaupt keine Aussage zu sexueller Orientierung zugrunde. Sie zeigt vielmehr die Bedeutungslosigkeit solcher Kategorien, gerade wenn es um Menschlichkeit und Trost geht. Die Wahl des letzten Wortes gefällt mir in diesem Zusammenhang auch besonders gut.
Mich würde interessieren, was die genaue Aufgabe des Schreib-Workshops war.

Liebe Grüße,
Regenengel
Schroffe Fingerspuren
HeisseZitrone am 19/12/12 15:56
Echt heftig, aber richtig gut! Schockiert
Ich hab die ganze Zeit noch auf ein Happy End gehofft...
Schroffe Fingerspuren
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Snoopy279
16/05/21 18:14
gerne natürlich auch die, die Fanfiktion lesen/Fanfiktionschreiber einfach unterstützen wollen

Snoopy279
16/05/21 18:14
alle, die auch Fanfiktion schreiben, bitte bei der Petition mitmachen, damit das auch in Zukunft möglich bleibt!
http://chng.it/WnwVCzxGff


jabba
21/01/21 22:32
Knuddel! Knuddel! Alle ganz doll knuddel! Heute ist Weltknuddeltag! Knuddel! Knuddel!

Witch23
01/01/21 02:37
*Pfeif Zisch* Gutes neues Jahr wünsche ich euch allen

split
01/01/21 00:01
Frohes Neues *krach baller lärm*

split
24/12/20 23:24
Frohe Weihnachten

Niemue
24/12/20 12:29
Ich wünsche Euch allen schöne Feiertage, einen guten Rutsch und viel Gesundheit im Neuen Jahr! :*

Witch23
24/12/20 11:02
Wünsche ich euch auch. Vor allem habt schöne Feiertage.

Yavia
24/12/20 10:48
Frohe Weihnachten euch allen!

Witch23
20/12/20 12:51
Einen schönen vierten Advent euch allen und hoffentlich bald wieder etwas entspanntere Tage

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