Die Teestube von SoNo (Abgeschlossen)
Inhalt: Johann ist neu in eine kleine Eifelstadt gezogen. Es ist schon eine fremde Welt für ihn, irgendwie. Als er den Ort näher kennen lernen will, besucht er ein ganz besonderes Café. Eines, das gar kein Café ist.

Dies ist eine Antwort auf die "Tee-Challenge".
Genres: Reale Welt, M/M (yaoi)
1. Warnung: Zucker
2. Warnung: Keine
3. Warnung: Keine
Challenges: Tee-Challenge
Kapitel: 1
Veröffentlicht: 28/06/09
Aktualisiert: 02/05/11
Kapitel 1
Die Wolken am Himmel wirkten schwer und regenvoll, während sie langsam dem Horizont entgegen zogen. Ein kühler Herbstwind trieb sie vor sich her. In den fast kahlen Bäumen hingen nur noch vereinzelt braune Blätter.
Johann sah noch einmal aus dem Fenster, bevor er sich seinen Mantel überwarf und in die kleine Diele seiner neuen Wohnung trat. Es roch ein wenig nach Farbe und nach seinem After Shave. Er betrachtete einen Moment sein Spiegelbild. Blaue Augen sahen ihm aus einem leicht kantigen Gesicht entgegen, das blonde Haar stand wild ab – was beabsichtigt war – und die Hände wirkten sauber und gepflegt. Er rückte die violette Krawatte zurecht, die er zu seinem schwarzen Anzug trug, kontrollierte seine Schuhe, poliert und sauber, und trat dann hinaus. Als er die Tür seiner Wohnung hinter sich abgeschlossen hatte und durch den Hausflur nach draußen schritt, fragte er sich, ob er sich in dem kleinen Ort wohl einleben würde und ob die Leute hier freundlich wären.
Über ihm hatte sich der Himmel geklärt und die Sonne schien sanft auf ihn hernieder. Johann lächelte und begann durch die Straßen zu spazieren; ohne Ziel.
Vor einer Woche hatte er in Frankfurt all seine Sachen gepackt und war in diesen kleinen Eifelort gezogen, da er ein Angebot bekommen hatte, das er einfach nicht ablehnen konnte. Nämlich Teilhaber einer kleinen Anwaltskanzlei zu werden und das mit gerade neunundzwanzig Jahren. Mehr konnte ein junger Anwalt sich kaum wünschen.
Sein Blick glitt über die verschiedenen Häuser, die zum größten Teil aus gelbem Bruchstein gebaut worden waren, das graue Kopfsteinpflaster, die vielen blattlosen Bäume. Als er sich der Stadtmitte näherte, überquerte er eine Brücke, die über einen etwa zehn Meter breiten Bach führte. Seit seinem Einzug war dieser um etwa einen halben Meter angestiegen, da es in den letzten Tagen viel geregnet hatte. Weiter voraus stand eine alte Kirche aus hellgrauem Bruchstein, die bunten Fenster jetzt dunkel, umgeben von hell getünchten, mehrstöckigen Häusern, die den Marktplatz einrahmten.
Johann ging auf den Steinbrunnen in der Mitte des Platzes zu und setzte sich auf den breiten Rand. Aus der Steinfigur, die eine Frau darstellte, die eine Amphore ausgoss, plätscherte leise das Wasser. Blätter hatten sich im Bassin gesammelt und moderten vor sich hin.
Langsam ließ er den Blick über den Platz streifen. Nur wenige Leute bewegten sich gerade draußen, die Bäckerei links von der Kirche schien jedoch gut besucht zu sein, da es dort auch einen Café-Bereich gab. In einem anderen Schaufenster sah er einen Schuster fleißig Sohlen klopfen, daneben wurde gerade jemand in einer Metzgerei bedient. Nur der kleine Souvenirshop schien im Moment unbelebt, wenn auch hell erleuchtet. Auf der anderen Seite der Kirche gab es auch eine Kneipe mit dem erlesenen Namen „Königsschenke“, Musik und Gelächter drangen bis auf den Platz heraus.
Als sich der Himmel wieder zuzog und ihm der Stein zu kalt wurde, stand Johann auf und betrat eine Seitenstraße. Hier gab es ein Modegeschäft und eine Buchhandlung. Als er weiterging, sah er an einer Straßenecke ein richtiges Café und beschloss spontan dieses zu besuchen. Jedoch, als er davor stand, erkannte er, dass es gar kein Café war, sondern eine Teestube; denn über der Tür stand in silberner Schrift auf dunkelgrünem Grund: „Des Königs Teehaus“ Johann hatte das Gefühl, dass die Leute dieser Stadt gerne den König wiedergehabt hätten und schmunzelte, trat aber schließlich trotzdem ein.
Innen war es angenehm warm, durch die verglaste Front fiel schwaches Licht herein, doch verliehen fast antike Gaslampen dem dunklen eingerichteten Inneren eine wohlige Atmosphäre. Alle Möbel waren aus dunkelbraunem Holz, ebenso die Täfelung der Wände, und die Stühle mit grünem Leder bezogen, nur die Decke und das obere Drittel der Wände waren weiß gestrichen. Als er den ersten Eindruck in sich aufgenommen hatte, sah er ihm gegenüber einen Tresen, der die komplette Breite des Raumes durchmaß, und dahinter verglaste Regale voller Porzellandosen.
Schließlich wurde er von einem freundlichen „Guten Tag!“ aus seiner Betrachtung gerissen. Hinter einem grünen Vorhang, der in den hinteren Teil zu führen schien, war ein freundlich lächelnder Mann hervor getreten, der ihn aufmerksam musterte. Er trug eine graue Hose mit sehr steifer Bügelfalte, ein strahlend weißes Hemd und darüber einen Pullunder aus dunkelgrüner Wolle. Sein Haar war rotbraun, schulterlang und zu einem Zopf geflochten; es umrahmte ein ovales, für einen Mann ungewöhnlich zartes Gesicht. Auf der spitzen Nase ruhte eine silberne Klemmbrille. „Ich denke, Sie sind nicht hier, um mich anzusehen. Soweit ich weiß, gehöre ich noch nicht zu den Sehenswürdigkeiten unserer Stadt“, sagte Johanns Gegenüber, während er hinter dem Tresen auf ihn zukam. „Wie kann ich Ihnen also helfen?“
Johann wurde rot, weil er so offensichtlich gestarrt hatte, und rettete sich schließlich in ein spitzbübisches Grinsen. „Verzeihen Sie bitte“, sagte er ruhig und sah sich einen Tisch aus, an dem er sich niederlassen konnte. Er wählte einen am Fenster, von dem aus er sogar einen Teil des Baches sehen konnte. Als er sich gesetzt hatte und aufsah, blickte er direkt auf den jungen Mann, der ihm sehr lautlos gefolgt war. „Also, ich nehme an Sie wünschen einen Tee“, sagte dieser und lachte sanft. „Ich vermute auch, dass Sie kein Teekenner sind.“
Verblüfft schüttelte er den Kopf, streckte ihm die Hand hin und stellte sich vor. „Johann Mitter. Ich bin vor kurzem her gezogen – und nein, ich habe keine Ahnung von Tee.“
Der Griff des jungen Mannes war fest und bestimmt. „Mein Name ist Markus van Geulen. Ich bin der Besitzer dieser Teestube.“ Ein undeutliches Gefühl durchfuhr Johann, als Markus seine Hand losließ. Dies war eine Hand wie gemacht, um sie festzuhalten.
„Soll ich Sie überraschen?“, fragte Markus nach einem Moment und Johann nickte erleichtert. Immerhin blieb es ihm so erspart, sich für etwas zu entscheiden, wovon er wirklich keine Ahnung hatte. Einmal hatte er in einem französischen Restaurent Schnecken bekommen, weil er nicht gewusst hatte, was „Escargots“ waren. Immerhin konnte es bei Tee nicht ganz so schlimm kommen.
Markus nickte bestätigend und ging hinter dem Tresen entlang, um schließlich hinter dem Vorhang zu verschwinden. Daraufhin sah Johann sich weiter um, da er nichts Besseres zu tun wusste. Auf der linken Seite war der Tresen durchbrochen, um problemlos Durchgang zu gewähren. Es gab eine moderne, elektronische Kasse und eine silberne Tischklingel. Oben auf den Regalen standen verschiedene Services, immer bestehend aus einer Kanne, einer Tasse und Untertasse. Es gab ganz runde und würfelförmige Kannen, unifarbene und gemusterte.
Als er über die – genau acht – Tische hinweg sah, erkannte er, dass am anderen Ende des Raums eine ältere Dame saß. Vor ihr befand sich eine gläserne Kanne, passend dazu Tasse und Untertasse, genau wie die Schale mit Keksen. Johann blinzelte und betrachtete den Inhalt der Kanne genauer. Im gelbgrünen Sud schwamm eine Pflanze. Er fragte sich, was das sein konnte.
Die Dame selbst war so in ein Buch vertieft, dass ihr die Musterung durch Johann entging. Ihr Kostüm war malvenfarben, ebenso ihre Schuhe und der Hut, der allerdings neben ihr auf einem Stuhl lag. Ihr Haar war bereits grau.
So leise wie beim ersten Mal erschien Markus neben ihm, ein Tablett in den Händen, das er auf dem Tisch abstellte. Er baute vor ihm eine ähnliche Konstruktion auf, wie vor der Dame. Seine Kanne jedoch war aus weißem Porzellan, bauchig und mit roten Blättern verziert. „Lassen Sie alles so stehen, der Tee zieht noch einen Moment nach. Ich bin gleich wieder bei Ihnen“, sagte Markus, brachte das Tablett zum Tresen und ging dann zu der Dame hinüber. Da er sich mit dem Rücken zu Johann stellte, wusste dieser nicht, was er tat, aber Johann vermutete richtig. Er reichte der Frau die gefüllte Tasse, sprach kurz mit ihr und kehrte dann zu Johann zurück. Er sah, wie die Dame sehr zufrieden an ihrer Tasse roch und anschließend vorsichtig trank.
„Was ist das in der Kanne der guten Frau?“, fragte er und Markus schmunzelte.
„Das gehört schon zur höheren Kunst des Teetrinkens. Es ist eine Teerose, kunstvoll zusammengebundene Teeblätter, die auf geht, wenn man sie in das heiße Wasser legt.“ Daraufhin griff er mit der linken Hand nach der Kanne, legte zwei Finger der anderen an den Deckel und goss voller Bedacht den Tee in die für Johann bestimmte Tasse. Markus Gesicht zeigte neben äußerster Konzentration auch große Zufriedenheit, sein Blick war auf die Tasse gerichtet. Schließlich stellte er die Kanne zurück, drehte die Tasse geräuschlos um neunzig Grad und schob sie nur mit den Fingerspitzen der rechten Hand zu Johann hinüber.
Johann hatte alles aufmerksam beobachtet. Es schien wie die deutsche Form einer japanischen Teezeremonie. Sehr abgespeckt, weniger konventionell, aber mit dem gleichen spirituellen Geist. Er nahm sich einen Löffel Zucker, rührte langsam um und probierte den relativ dunklen Tee. Er schmeckte nach Früchten, ein wenig herb und erfrischend. Er ließ sich mit der Tasse in der Hand zurücksinken und deutete Markus, sich auch zu setzen. „So, jetzt erzählen Sie mir, Markus, was das für ein Tee ist. Er schmeckt auf jeden Fall gut.“
Markus lächelte erfreut. „Das ist schön. Es ist eine meiner neueren Teemischungen. Sie heißt Herbstmond. Es ist ein Tee aus Herbstfrüchten, Brombeeren, Heidelbeeren, Äpfeln und Cranberries. Die erste Kanne geht aufs Haus.“ Johann sah von seinem Tee auf, direkt in Markus' braune Augen, die seinen Blick sanft erwiderten. Er lächelte. „Was gibt es denn hier noch so; nur als groben Überblick...“
„Nur als groben Überblick, ja? Sie Kunstbanause. Nun gut. Grüne Tees wie Bancha und Lung Ching, schwarze Tees wie Java und Darjeeling, reine Kräuter- und Früchtetees. So ziemlich alles, was ein Teeherz begehrt.“ Johann nickte anerkennend. Auch wenn er sich mit Tee nicht auskannte, er hatte das Gefühl, dass Markus ganz in seinem Element war. Nach einem weiteren Augenblick, in dem er Markus betrachtet hatte, runzelte er die Stirn, doch dieser kam ihm zuvor.
„Sie wundern sich, dass ich den Laden führe, ja? Das ist mir nicht neu“, wieder lächelte Markus freundlich. „Wenn Sie länger hier wohnen bleiben, werden Sie es so oder so erfahren. Die Teestube gehörte meiner Tante. Sie ist jedoch zu krank geworden, um sie weiter zu führen. Und da habe ich, als ich mit der Ausbildung zum Teehändler fertig war, ihr Geschäft übernommen. Leider hatte sie keine eigenen Kinder.“ Markus Gesicht schien einen Moment ein wenig bekümmert, doch dann hellte es sich wieder auf. „Und Sie? Was führt Sie in dieses Kaff?“
Johann grinste leicht. „Vor Jahren, als ich mein Jura-Studium gerade begonnen hatte, begegnete ich einer sehr aufregenden Frau. Sie war eine Zeit mit meinem Bruder liiert, jedoch verloren wir sie nach deren Trennung aus den Augen. Vor einem halben Jahr habe ich sie dann wieder getroffen. Ihr gehört eine Anwaltskanzlei im Ort. Ihr ehemaliger Mentor und Partner ist leider kurz darauf verstorben. Da hat sie mir kurzerhand angeboten mit einzusteigen und jetzt bin ich hier.“ Es war etwas in Markus freundlicher Art, das ihn sich wohl fühlen ließ. In diesem Moment fühlte er sich, als wäre er schon Zuhause.
Da war aber noch mehr. So wie Markus sein Lächeln erwiderte, wie er ihm in die Augen sah, alles war so vertraut, so warmherzig. Als er Johann eine zweite Tasse Tee einschenkte, wünschte Johann sich, dessen Hände zu berühren, die Zartheit und auch deren Kraft zu spüren. Die besondere Art, wie er den Tee ausschenkte, schien eine magische Anziehungskraft auszuüben.
Und wenn er eins wusste, dann, dass er Markus wieder besuchen würde.
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