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Veröffentlicht: 15/08/09 Aktualisiert: 01/02/10
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Anmerkungen zum Kapitel
Kommentar: Entstanden bei 120_Minuten, also nicht gebetat und tatsächlich in
anderthalb Stunden runtergeschrieben. Es existiert ein gewisser Backround zu den
Beiden – aber echt nur in meinem Kopf. Sie sind beide Studenten und wohnen
zusammen, wenn sie sich nicht grade getrennt haben - mehr muss man nicht wissen.
Ich mag sie einfach sehr, weil sie so verkorkst sind.

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1. Kapitel 1

Nachdem er sich drei Wochen nicht gemeldet hatte, bekam ich eine Postkarte. Eine
Postkarte! Ich meine, also bitte …



Normale Menschen verschickten Strände oder Denkmäler und schrieben ‚Das
Wetter ist schön, die Sonne scheint und wir liegen die ganze Zeit am Strand,
viele Grüße, XXX
'.

ER schickte mir eine einsame Bucht in einer Schneelandschaft und schrieb nichts
weiter als meine Adresse darauf. Er schrieb die Straße falsch, aber ich fand es
generell ein Wunder, dass er sich tatsächlich gemerkt hatte, wo ich wohnte.
Sein Name stand nirgendwo, aber ich erkannt natürlich seine
hieroglyphenähnliche Handschrift.


Er war nicht einmal im Urlaub, der Spinner, das wusste ich ganz genau.



Zumindest war diese Postkarte ein Zeichen dafür, dass er seine Wohnung
wenigstens einmal verlassen hatte in den letzten Tagen. Vielleicht hatte er
sogar mal gegessen oder geschlafen. Irgendwie beruhigte mich das.



Zuerst war ich erleichtert. Dann ziemlich sauer. Und dann vergeudete ich eine
halbe Stunde wertvolle Lebenszeit damit, auf die seltsam düstere
Schneelandschaft zu starren, und auf den vereisten Steg, der aussah, als ob
darauf seit Ewigkeiten niemand mehr entlang gegangen sei.
Es war die einsamste Postkarte, die ich je gesehen hatte.



Ich wollte ihn anrufen, aber mir wurde klar, dass er nicht ans Telefon gehen
würde. In vielerlei Hinsicht war er sehr zuverlässig und vorhersehbar. In
anderer leider nicht.

Also beschloss ich, persönlich vorbeizugehen und ihm seine blöde Postkarte an
den Kopf zu werfen.



„Oh Dios mio – es ist der laute Freund von Senior Frederik!"
Seine Nachbarin hatte mich noch nie gemocht. Das beruhte auf freundlicher
Gegenseitigkeit. Sie hatte immerhin fünf Kinder, die viel mehr Lärm machten
als ich jemals zustande gebracht hatte. Hoffe ich jedenfalls.

„Ich bin gar nicht da – ignorieren sie mich." gab ich zurück.

„Dios mio …" stöhnte sie und verriegelte die Tür.

„Hey, ich bin NICHT kriminell!" fauchte ich.



Ich weiß sowieso nicht, wieso sie mir immer das Gefühl gab, ICH sei derjenige,
der hier nicht gut genug war. Wo ER doch das sozial inkompetente, ignorante
Arschloch war. Aber die Welt ist eben ein ungerechter Ort.



Nach dem siebzehnten Klingeln öffnete er die Tür. Seine Augenringe waren
beinah so schwarz wie sein Rollkragenpullover und er sah auf hagere,
geistesabwesende Art und Weise leider sehr gut aus.



„Ich hasse dich immer noch", informierte ich ihn.



„…" Er blinzelte ein wenig zerstreut und mir wurde klar, dass er schon
wieder an seinem gottverdammten ‚Projekt' saß und vermutlich seit mehr als
drei Tagen nicht mehr geschlafen hatte. Natürlich. Was hatte ich eigentlich
erwartet.



„Oh man, ich bin´s." Ich zog eine Grimasse. „Pascal. Wir hatten Sex.
Manchmal sogar guten. Ich habe dich gezwungen acht Mal 'Star Wars' mit mir
anzusehen. Ich habe dich verlassen, weil du ein besessenes Arschloch bist."



Ich fand, das war eine sehr treffende Zusammenfassung unserer Beziehung. Er
schien mich daraufhin tatsächlich wieder zu erkennen.



„Neun Mal", korrigierte er automatisch und schob seine Brille ein Stück
weiter nach oben. „Gefühlte neunzig Mal."



Sein zweitliebstes Hobby, neben der Tatsache, mich zu ignorieren, war mich zu
berichtigen. Das musste ihm einen totalen Kick geben, wenn er Recht hatte.
Er bat mich nicht herein, aber daran war ich ja schon gewohnt.



„Was soll das?" fragte ich und warf ihm die Postkarte entgegen. Er fing sie
beiläufig auf und betrachtete sie so desinteressiert, als hätte er sie noch
nie gesehen. Ich nutzte den Moment, um an ihm vorbei in die Wohnung zu
schlüpfen. „Mach lieber die Tür zu", empfahl ich. „Sonst holt deine
Nachbarin vielleicht noch die Polizei … deine Nachbarin, du weißt schon. Frau
Moralez. Mit den tausend Kindern. Die schon seit drei Jahren gegenüber von dir
… ach, ist nicht so wichtig."


Ich schob die Hände in die Hosentaschen und blickte mich um.



In gewisser Weise sah es in der Wohnung so aus wie auf der Postkarte. Leer.
Jedes Mal, wenn ich auszog und mein ganzes Zeug mitnahm, blieben riesige Lücken
zurück, die er nicht wieder auffüllte. Da drüben hatte zum Beispiel mein
CD-Player gestanden. Und da war immer das kleine Häufchen gewesen, wo ich meine
schmutzigen Socken gesammelt hatte.

Bei jedem anderen hätte ich sentimentale Gründe vermutet, nur nicht bei ihm.


Andererseits … was war diese Postkarte, wenn nicht sentimental?



„Wenn du mich vermisst, hättest du es einfach nur sagen müssen", stellte
ich fest.



„Möchtest du was trinken?" gab er zurück.



„Hast du was da?" fragte ich perplex.



„Nein?"



Ich seufzte und mir wurde klar, wie ekelhaft erfolgreich er meiner Frage
ausgewichen war.



Eine Postkarte. Ich konnte das immer noch nicht so richtig glauben.
Andererseits war es so typisch. Er sagte etwas und doch wieder gar nichts, und
es lag wieder alles an mir.



Jeder andere verlassene Liebhaber hätte sich doch wenigstens zu Rosen oder
einem rührseligen Gedicht aufgeschwungen, oder ein paar Lieder vor meinem
Fenster gesungen. Mit Gitarre und so. Oder mir seitenweise Liebesbriefe
geschrieben. Irgendetwas um zu zeigen, wie viel Mühe er sich gab und wie
verzweifelt man war.
Und was bekam ich? Eine einsame Postkarte.



Ärgerlich riss ich sie ihm aus der Hand und wedelte damit aufgebracht vor
seinem Gesicht hin und her.
„Das hier, man! Was soll das werden?! Was soll ich damit anfangen?"



Er zuckte mit den Schultern und blickte an mir vorbei. „Ich habe sie gesehen
und musste an dich denken."



Wow.
Ich ließ die Hand sinken, zu perplex um ihm zu sagen, wohin er sich das mal
stecken konnte.
Davon hatte ich genauer betrachtete immer noch nichts. Trotzdem war ich beinah
irgendwie gerührt.
Immerhin … ich war schon mindestens drei Minuten in seiner Wohnung und er
hatte noch nicht ein einziges Mal in Richtung seines Schreibtisches geschielt.



Sekundenlang standen wir schweigend voreinander. Irgendwie verpasste ich eine
ganze Reihe an Dingen, die ich ihm an den Kopf werfen sollte, und er verpasste
hoffentlich eine ganze Menge an Entschuldigung und Liebesschwüren, die er mir
noch zu sagen hatte.



„Bleibst du noch länger?" fragte er schließlich in seiner typischen, an
Unhöflichkeit grenzenden Direktheit.



„Wieso?"



Er runzelte die Stirn. „Ich muss da noch was abtippen …"



„Ich hasse dich so."



„… aber heute Abend kommt Star Wars, die Special Edition. Die musste ich nur
sechsmal Mal mit dir ansehen."



Ich klappte den Mund auf und wieder zu. Mir fehlten einfach die Worte.



„Ich finde das relativ unsymmetrisch." Er hob die Schultern und blickte
immer noch haarscharf an meinem Gesicht vorbei.



Er war ein sozial inkompetentes Arschloch. Ein Autist. Ein Spinner. Ein
besessener, irrer Verrückter. Und ich hasste ihn immer noch.



Ich weiß nicht, wieso ich trotzdem blieb.



Ich griff nach seinem Pullover und zog ihn zu mir.
„Herrgott", murmelte ich, „schick mir nie wieder so einsame
Postkarten."



Er legte die Arme um mich und ich spürte, wie er mit den Schultern zuckte.
„Wieso nicht? Du bist doch hier."



Ich habe das Gefühl, Frau Moralez war in dieser Nacht wieder sehr unzufrieden
mit meiner Lautstärke.
Aktualisiert: 15/08/09
Veröffentlicht: 15/08/09
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am 01/01/70 01:00
Kapitel 1
waidgnom am 16/08/09 08:49
Hallo Ryce! Du hast es sehr gut geschafft, mit so wenig Worten, eine tolle Geschichte zu schreiben. OK, sie ging nicht sehr in die Tiefe, aber sie hatte trotzdem einen gewissen Charme und dein Schreibstil kommt recht witzig rüber.*zwinker* Deine Charas sind etwas verrückt in ihrem Verhalten, aber trotzdem sehr sympatisch und knuffig. Sie sind zwei Hälften ,von einen Ganzen. Auf jeden Fall kommen sie mir so vor. Wer sonst versteht sich, so ohne Worte.Ich würde mich freuen bald eine neue, vielleicht etwas längere Geschichte von dir zu lesen. :-)

Antwort des Autors Ryce (16/08/09 12:03):
Vielen Dank! Und ja, du hast recht - wahnsinnig tiefgehend ist sie nicht. Zwinkernd
Im Augenblick trau ich mich nur an kurze Sachen heran, aber wer weiß, vllt wage ich mich demnächst auch mal an etwas längeres. Danke für Ermutigung!
Kapitel 1
tradij am 16/08/09 10:58
Ein kurzer, sehr gelungener Oneshot! Auch wenn ich mir noch ein wenig mehr Details gewünscht hätte... aber unbedingt notwendig ist es nicht. Ich habe nur das Gefühl, dass du einem die Figuren noch näher hättest bringen können.
Trotzdem super Geschichte!

Antwort des Autors Ryce (16/08/09 12:04):
Hallo!
Danke für die Anmerkung, du hast völlig Recht. Normalerweise bin ich eigentlich auch ein großer Freund von Details.
Ich werde versuchen, das nächste Mal mehr darauf zu achten, die Figuren detailreicher auszubauen. Danke für den Tipp! =)
Kapitel 1
Alex am 16/08/09 14:07
Hi! Der Oneshout hat mir ganz gut gefallen. Schade das die Charas nicht so tiefgründig beschrieben werden und man sich nur oberflächlich an ihrem Verhlten in dieser Szene ein Bild von ihnen machen kann. Sie kommen nämlich trotzdem sehr sympatisch rüber. Mir fehlten auch ein wenig Details zur Umgebung. Es wirkte etwas starr und nur auf die Personen bezogen. Allerdings lässt sich in so einem kurzen Oneshout nicht viel zur Umgebung sagen. *zwinker* Vielleicht magst du ja mal an was Längerem schreiben. Dein Schreibstil ist jedenfalls sehr ansprechend und ich denke, dass du durchaus auch eine längere Story schreiben kannst. *falls du das nicht schon hast, Kopf einzieht, ich sollte mich mal vorher erkundigen, egal*
Das es nicht gebetat wurde fällt an kleinen Stellen auf, aber darüber kann man schon hinweg sehen.
Ansonsten hoffe ich bald mal wieder was von dir zu lesen.
LG Alex

Antwort des Autors Ryce (16/08/09 14:18):
Danke für den ausführlichen Kommentar.
Und hah, da hast du mich prompt erwischt. Zwinkernd Ich gebe zu, dass ich Umgebungen wahnsinnig ungerne beschreibe (und auch selbst immer überscrolle in Geschichten). Ich werde versuchen das demnächst zu beherzigen. Danke für die Anmerkung.
Kapitel 1
dilis am 14/10/09 21:55
Klasse!
Kapitel 1
Witch23 am 02/04/10 09:34
etwas krasse Chars aber witzig musste mehrfach schmunzeln. Von der länge her reicht diese Geschichte völlig, da alles was wichtig ist erwhnung findet. Man bekommt zwar auch lust herauszufinden wie lange und wie sie zusammenleben, dann aber auch wiede nicht.

gelungen Zwinkernd
Kapitel 1
split am 03/04/10 23:52
Das is ja mal cool... öhm *sprachlos*
Kapitel 1
rihaij am 04/04/10 10:09
Eine wirklich interessante Geschichte, die eine gute Länge hat. Es stört nciht, daß man nichts über den background erfährt, weil du es schaffst, genügend Andeutungen einzubauen. Gerade das macht es so interessant, weil einem vieles selber an Vorstellung bleibt.
Die beiden Charaktere kommen glaubhaft rüber und ich finde gerade diese unausgesprochenen Sachen zwischen den beiden geschickt, erhöhen sie doch die Spannung.
Eine kurze, rundum gelungene Geschichte und ein paar Fehler stören mich dabei nicht. Mache ich selber zu viele von.
Hätte die Geschichte so gar nciht gefunden, nur in der Osterrätselsache.
Kapitel 1
Yukon am 29/09/12 16:48
Wow, die Geschichte ist total schön und zum Wegschmelzen.

Wunderbar. Ich möchte mich einfach irgendwo in die Ecke setzen und bei den beiden Mäuschen spielen. ^-^
Kapitel 1
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jabba
21/01/21 22:32
Knuddel! Knuddel! Alle ganz doll knuddel! Heute ist Weltknuddeltag! Knuddel! Knuddel!

Witch23
01/01/21 02:37
*Pfeif Zisch* Gutes neues Jahr wünsche ich euch allen

split
01/01/21 00:01
Frohes Neues *krach baller lärm*

split
24/12/20 23:24
Frohe Weihnachten

Niemue
24/12/20 12:29
Ich wünsche Euch allen schöne Feiertage, einen guten Rutsch und viel Gesundheit im Neuen Jahr! :*

Witch23
24/12/20 11:02
Wünsche ich euch auch. Vor allem habt schöne Feiertage.

Yavia
24/12/20 10:48
Frohe Weihnachten euch allen!

Witch23
20/12/20 12:51
Einen schönen vierten Advent euch allen und hoffentlich bald wieder etwas entspanntere Tage

alyssia
14/12/20 07:20
Wir gehen in die zweite Runde meiner Weihnachtsgeschichte 'Kein Weihnachtszauber' einer Geschichte ohne Glitzer und Magie, denn was bleibt, wenn der Weihnachtszauber fehlt? Der Boden der Tatsachen

Witch23
19/11/20 14:34
damit wären er drei die etwas beigetragen haben bisher ^^

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