L'amour, c'est bénédiction ou malédiction? (Ist Liebe Segen oder Fluch?) von Roxeanne (Laufend)
Inhalt: Lucien, gutaussehendes Model und Gegner der Liebe, trifft auf Jean, der ihm unerwartet den Kopf verdreht. Das hat Auswirkungen auf beide...

Nach dem Programmierunfall vom 01.02.2010, bei dem Teile des Headers und Inhaltsangabe verloren gegangen sind, stehen auch heute, 2 Jahre später, noch unzählige alte Geschichten mit der Fehlermeldung online, aus unbekannten Gründen von ihren Autoren verwaist. Die Mods haben beschlossen, dies nun nach und nach in Angriff zu nehmen und die Header zu restaurieren, um euch das Lesen zu vereinfachen. Diese Geschichte gilt hiermit als restauriert. In Fragen könnt ihr euch wie immer vertrauensvoll an uns wenden. Euer Mod-Team
Genres: Reale Welt, M/M (yaoi)
1. Warnung: Depri/Emo
2. Warnung: Keine
3. Warnung: Keine
Kapitel: 3
Veröffentlicht: 20/08/09
Aktualisiert: 19/04/12
Prolog
Prolog
Sein ganzes Leben lang hatte Lucien es sich verboten, zu lieben. Schon als Kind hatte er gelernt, dass Liebe, so schön sie angeblich auch sein konnte, im Endeffekt nichts als Trauer und Unglück brachte. Da waren seine Eltern, die sich andauernd stritten; seine Mutter, weinend auf der zerschlissenen Couch im Wohnzimmer; seine Tante, schluchzend am Grab ihres Mannes; sein bester Freund, selbstmordgefährdet, nachdem das Mädchen seiner Träume ihn verlassen hatte. Und – natürlich - er selbst, der noch nie verstanden hatte, wie Menschen, die das erlebten, immer noch von der Liebe schwärmen und sie in höchsten Tönen loben konnten. Was hatte es für einen Sinn, zu lieben, wenn es doch immer, ausnahmslos, nur in Schmerz endete? Er hatte sich geschworen, dass ihm all dies nie passieren würde. Er hatte sich selbst das Versprechen abgenommen, diesem bösen, unheilbringenden Zauber nie zu verfallen, der die Menschen, jeden Einzelnen von ihnen, andauernd hereinlegte. Er hatte sich vorgenommen, besser, klüger und perfekter als alle anderen zu sein, so wie er schon immer besser, klüger und perfekter gewesen war. Lange Zeit hatte er das auch geschafft; hatte es geschafft, unbefleckt zu bleiben von diesem Fluch, den die Menschen immer noch Liebe nannten. Seine Schulzeit hatte er heil überstanden, schon allein deshalb, weil er die Hälfte seines Teenagerlebens damit verbracht hatte, zu erkennen, dass er dem weiblichen Geschlecht nicht ganz so zugetan war, wie er es sollte. Die andere Hälfte war dadurch in Anspruch genommen worden, dass er sich erst in dem neuen Milieu, in das er sich zwangsläufig hatte begeben müssen, zurechtfinden hatte müssen. Natürlich geriet er mehrmals in Versuchung, sich zu verlieben; doch dort, wo er sich jetzt befand, war es wesentlich leichter, den Fluch der Liebe von körperlichen Begegnungen zu trennen als in der Welt seiner Eltern. Dann, als seine Modelkarriere unerwartet startete, hatte er für nichts anderes mehr Zeit gehabt, als für kurze, zwar aufregende, aber lieblose Affären. So war es lange Zeit geblieben, und hätte von ihm aus auch bis in alle Ewigkeit so bleiben können. Oft war er als kalt und emotionslos bezeichnet worden, und hatte nie verstanden, wieso er dafür verantwortlich gemacht wurde, dass andere, vollkommen Fremde, nur wegen etwas Spaß von ihm verlangten, dass er von nun an an sie gebunden sein sollte. Er hatte es nie verstanden, er hatte auch nie akzeptiert, warum er überhaupt zulassen sollte, etwas über einen Menschen herauszufinden, mit dem er doch nur Spaß haben wollte, warum er einem Menschen, den er nur an Abenden in dunklen Bars und zwischen den weißen Laken eines Bettes zu Gesicht bekam, so etwas wie emotionale Wärme entgegenbringen sollte – schließlich hatte ihm auch nie jemand Wärme entgegengebracht, vor allem nicht die Menschen, von denen er es erwartet hatte. Er verstand nicht, warum er plötzlich verantwortlich gemacht wurde für den emotionalen Zustand eines Menschen, warum er mit den Problemen eines Menschen konfrontiert wurde, den er doch gar nicht kannte. Und mochten sie ihn noch so sehr als kalt und emotionslos bezeichnen – die Trauer, mit der andere täglich konfrontiert wurden, weil sie sich an so etwas zerbrechliches wie Liebe klammerten, hatte er noch nie erlebt.
Bis jetzt. Dann hatte sich plötzlich dieser Junge in sein Leben gedrängt – oder sollte er sagen, er, Lucien, hatte diesen Jungen dazu gezwungen, an seinem Leben teilzuhaben? Dieser Junge, der in ihm den Wunsch nach „mehr“ erweckte, dieses „mehr“, vor dem er schon immer geflohen war, das ihm immer schon Angst eingejagt hatte, und es noch immer tat, da es ihn zu einem normalen, liebenden, dummen Menschen machte. Er hatte versucht zu fliehen, bevor es zu spät war, doch dieses eine entscheidende Mal hatte er es nicht geschafft und schaffte es auch jetzt nicht, jetzt, wo er es am Nötigsten hatte. Sein ganzes Leben lang hatte er sich an sein Versprechen gehalten, hatte sich selbst an erste Stelle gestellt, und war glücklich damit gewesen.
Deshalb war er jetzt hier, an dem Ort, den er am meisten hasste, da er ihn mit Tod und Schmerz in Verbindung brachte, emotionalem wie körperlichen Schmerz. Und hier, an diesem Ort, lernte er zum ersten Mal, was es hieß, zu lieben. Er lernte zum ersten Mal, wie es war, zu leiden, ohne körperliche Schmerzen zu haben. Er sah Menschen um sich herum, und sah sie doch nicht; er ging durch hell erleuchtete, steril riechende Gänge und konnte sich nachher kaum daran erinnern. Er hörte jemanden neben sich reden, die Wörter konnten jedoch die unablässig in seinem Kopf kreisenden Sätze nicht unterbrechen. Er war von Menschen umgeben und fühlte sich doch allein, sonderbar ausgeschlossen, als wäre er durch eine Glaswand von den anderen getrennt. Er hoffte zu träumen, und wusste, dass er es doch nicht tat. Die Zeit schien stillzustehen und doch rasend schnell zu vergehen, er fühlte sich leer und doch voll von Schmerz und Angst. Er sah ein Gesicht und sah es doch nicht, sah nicht das, was er gewohnt war. Er hörte, wie ihn jemand anschrie, spürte einen Schlag ins Gesicht, spürte Blut aus seiner Nase strömen, warm und metallisch auf seinen Lippen; er schlug zurück, ohne nachzudenken, ohne sich nachher daran zu erinnern. Doch eines war ihm ganz bestimmt in Erinnerung geblieben: Ein lang gezogener, hoher, monotoner Ton, und ein Wort, ein Wort, das sich so fest in sein Hirn eingegraben hatte, dass es sich lange, lange Zeit, als schon alles überstanden war, nicht mehr entfernen ließ: „Herzstillstand.“
Kapitel 1
1. Kapitel
Jean saß auf dem Boden in dem kleinen Gästezimmer, das nun auf unbestimmte Zeit sein neues zu Hause sein würde, und versuchte mit größter Anstrengung, die Tränen zu unterdrücken, die in seinen Augenwinkeln hingen und die Sicht auf seine am Boden verteilten Habseligkeiten verschwommen werden ließen. Sylvain, der ihn lässig am Türrahmen lehnend beobachtet, war ihm dabei nicht gerade von großer Hilfe.
Schniefend zog er die Nase hoch, wischte sich über die Augen und schüttelte den Kopf, als könnte er die düsteren Gedanken dadurch loswerden. Er wusste nicht einmal, warum er plötzlich so traurig war – eigentlich sollte er doch froh sein, froh, endlich selbstständig zu sein, ihn endlich los zu sein, endlich sein eigenes Leben zu beginnen. Trotzdem hatte er, seitdem er seinen Koffer aufgemacht und angefangen hatte auszupacken, ein bedrückendes Gefühl auf der Brust, und fühlte sich furchtbar leer, wusste nicht mehr, was er eigentlich hier tat. Es war endgültig, so furchtbar endgültig… doch sollte nicht gerade das erfreulich sein?
Tief in seinem Innern wusste er die Antwort darauf. Er wusste, dass es nicht der Verlust seines älteren Bruders war, der ihn wie eine Woge überrollte. Doch sie waren nicht nur zu zweit gewesen, und sosehr er es auch zu leugnen versuchte, er vermisste seinen Zwillingsbruder jetzt schon. Der verletzte Blick, als er gegangen war, dieser furchtbar verletzte, verzweifelte Blick schien sich in seine Netzhaut eingebrannt zu haben; und die mit tränenerstickter Stimme ausgesprochenen Worte hallten unablässig im seinem Kopf nach: „Du kannst mich doch nicht hier alleine lassen“. Und doch hatte er es getan, und fühlte sich jetzt selbst so alleine wie noch nie zuvor in seinem Leben.
„Ihr seid im Streit auseinandergegangen, stimmt’s?“, fragte Sylvain vorsichtig, leise und riss ihn damit aus den dunklen Erinnerungen. Er blickte mit geröteten Augen zu ihm auf und nickte.
„Vielleicht solltest du zurückgehen und dich mit ihm aussöhnen…“, fing sein Freund an, verstummte aber sofort, als Jeans zorniger Blick ihn traf.
„Nein. Ich bleibe hier“, erklärte er bestimmt und, wie er missgelaunt feststellte, mit dünner Stimme, in der eine große Portion Trotz mitschwang.
Sylvain seufzte, fuhr sich durch die kurzen, hellbraunen Haare und lächelte leicht, was sein ohnehin schon friedliches Gesicht noch friedvoller machte.
„Das habe ich ja gar nicht gemeint“, sagte er. Fragend sah Jean, der gerade dabei war, sein Gewand auf verschiedene Haufen zu schlichten, zu ihm auf.
„Du solltest, wenn du dich beruhigt hast – wenn ihr euch beide beruhigt habt – zu ihm gehen und mit ihm reden. Sich im Streit zu trennen, ist nie gut.“
Seine Stimme war so mitfühlend, dass der Junge das Gefühl hatte, ein Therapeut würde zu ihm reden. Es tat unwillkommen gut.
„Ich bin vollkommen ruhig“, klärte er den anderen, nun mit etwas festerer Stimme, auf.
„Und da er mein Bruder und nicht mein Freund ist, haben wir uns auch nicht getrennt“, fügte er hinzu, wobei er das letzte Wort nachäffte. Der junge Mann im Türrahmen verdrehte die Augen, schwieg einen Moment und entgegnete dann langsam:
„Also, ich denke trotzdem…“
Er wurde von einem schrillen Klingeln unterbrochen, welches durch die Wohnung zu ihnen herauf drang. Sylvain zuckte zusammen und griff sich an den Kopf.
„Lucien!“, rief er erschrocken aus, stieß sich von der Tür ab und fuhr auf dem Absatz herum.
Als er schon auf dem kurzen Weg den Flur entlang zur Treppe war, drehte er sich noch einmal zu dem vollkommen verdatterten Jean um und beendete den Satz mit einiger Verspätung: „…ihr solltet das nicht so zwischen euch stehen lassen.“ Einen Moment lang sah er den Jungen verwundert an und war sich scheinbar nicht darüber im Klaren, warum dieser ihn vollkommen perplex anstarrte. Dann schien es ihm langsam zu dämmern.
„Ich wollte mich heute mit Lucien treffen. Ein Freund von mir. Richte dich mal hier ein, ich muss ihm absagen, bin gleich wieder da.“
Während Jean noch langsam nickte, polterte er schon die Treppe hinunter.
Der Junge starrte ihm mit offenem Mund nach, die letzten Worte seines Freundes hallten noch in ihm nach.
„Lucien…“
Er schüttelte abermals den Kopf, wie um den furchterregenden Gedanken, der in ihm aufkeimte, zu vertreiben. Im Moment hatte er wirklich genug Probleme, da musste er sich nicht noch selbst welche machen.
Während er damit fortfuhr, seine Kleider auf verschiedene Stapel zu schlichten, hörte er von unten, wie die Tür aufgemacht wurde und Sylvain stammelte: „Lucien, es tut mir ja so Leid, es gab da einen kleinen Zwischenfall… ich habe total darauf vergessen dich anzurufen.“
Ein belustigtes Lachen war von unten zu hören, ein Lachen, bei dem ihm ein kalter Schauer über den Rücken lief, und er hasste Sylvain schon jetzt dafür, dass er in einer so verdammt hellhörigen Wohnung lebte. Und seine Zimmertür offengelassen hatte.
„Da merkt man wieder, wer seine wahren Freunde sind…“, sagte eine tiefe Stimme, und Jean vergaß alle Gedanken an seine Familienprobleme und hasste Sylvain dafür, dass dieser ihm nie von dieser Bekanntschaft erzählt hatte, und sich selbst, dass er sich nie näher über Sylvains Freundeskreis erkundigt hatte.
„Was ist denn Schlimmes passiert, das sogar wichtiger ist als ich?“
Jean hatte nun vollkommen mit seinen Aufräumarbeiten aufgehört, saß auf den Knien in seinem Zimmer inmitten eines Haufens Gewand und lauschte mit angehaltenem Atem dem Gespräch im Vorzimmer.
„Ein Freund von mir… er… also… hat einige Probleme…“, stotterte Sylvain, und Jean nahm sich vor, mit ihm einmal darüber ein ernstes Gespräch zu führen, wem er alles so freiheraus über sein Privatleben erzählen durfte. Nämlich niemandem.
„Ah, ich verstehe. Du hast Besuch“, klang wieder die tiefe Stimme von unten herauf, und diesmal schwang ganz deutlich ein anzüglicher Unterton in dem letzten Wort mit. Er konnte sich wahrhaft vorstellen, wie Sylvain unten rot anlief, und plötzlich hasste er den Fremden – er nahm sich vor, so zu tun, als ob er das wäre, bis er ihn gesehen hatte – dafür, dass er seinen Freund, der doch immer versuchte, es allen Recht zu machen, so sehr quälte. Und er setzte noch eins drauf.
„Du hast dir doch keinen Stricher ins Haus geholt?“
Die Stimme klang gespielt entsetzt, doch Sylvains Entsetzen wirkte echt, als er stammelte: „Was redest du denn da? Natürlich nicht, er ist nur ein Freund von mir. Er ist bei mir eingezogen, hat Probleme bei sich zu Hause.
Jean nahm sich vor, wirklich mal ein ernstes Wort mit seinem neuen Mitbewohner über solche Dinge wie Privatsphäre zu reden.
„Soll ich gehen?“
Nun klang die Stimme vollkommen ernst, und Jean schickte ein Stoßgebet zum Himmel. Bitte sag ja, bitte… doch das brachte Sylvain mit seinem gottverdammten Gewissen natürlich nicht zustande.
„Nein, auf keinen Fall… mach’s dir doch bequem, ich komm gleich wieder, dann können wir gehen.“
Schnelle Schritte waren zu hören, und Jean tat schnell wieder so, als wäre er möglichst beschäftigt. Er fragte sich, was für einen Sinn das Ganze hatte – der kleine Schrank, der gegenüber dem Bett stand, sah nicht so aus, als wäre er in der Lage, seinen gesamten Vorrat an Gewand aufzunehmen. Aber er hatte ja auch nicht seinen gesamten Vorrat an Gewand mit, fiel ihm im nächsten Moment wieder ein. Er musste also auf jeden Fall noch einmal zurück… Bei der Vorstellung stülpte sich sein Magen um.
„Geh nur mit deinem Freund weg“, meinte er teilnahmslos, als der Braunhaarige wieder in der Tür erschien, „ich komme hier schon allein zurecht.“
Er sah kurz auf und bemerkte gerade noch den skeptischen Blick, mit dem ihn sein Freund musterte.
„In diesem Zustand? Ganz sicher nicht. Wir bleiben hier.“
„Ihr bleibt…“, wiederholte Jean, und erst langsam sickerte die Bedeutung der Worte zu ihm durch. Nun konnte er nicht länger schauspielern; er sprang auf und wollte Sylvain, der ihn vollkommen verdattert anstarrte, gerade wütend anfahren, als ihm wieder einfiel, wie viel er von dem Gespräch unten mitbekommen hatte.
„Weißt du überhaupt, wer das da unten ist?“, zischte er leise. Ein Grinsen schlich sich auf Sylvains Gesicht.
„Oh, ich wusste gar nicht, dass du dich in der Modelwelt so gut auskennst“, meinte er fröhlich, und viel zu laut. Jean sprang über die verschiedenen Kleiderstapel, zog den anderen vollständig ins Zimmer und schloss die Tür.
„Tu ich auch nicht“, erklärte er ausdrücklich – Sylvains Gesichtsausdruck nach zu schließen, glaubte ihm dieser kein Wort.
„Er ist-“ und dann fiel ihm ein, dass sein Freund es ja gar nicht wissen konnte, weil er es ihm nie erzählt hatte. Also bahnte er sich einen Weg durch seine verschiedenen Wäschestapel und ließ sich mit einem leisen Seufzer auf das Bett fallen. Sylvain folgte ihm und sah ihn fragend an.
„Also, was hat es mit unserem lieben Lucien auf sich?“
Jean ignorierte den anziehenden Unterton in der Stimme des anderen und beschloss, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren.
„Naja… ich habe ihn geküsst.“
„Ernsthaft?“
Der Braunhaarige sah ihn mit hochgezogenen Augenbrauen, doch sichtlich belustigt, an.
„Nein, eigentlich hat er mich geküsst“, korrigierte sich Jean todernst, woraufhin der andere ihm einen genervten Blick zuwarf.
„Und wie ist es dazu gekommen?“
„Reicht das nicht?“, stöhnte Jean, der schon ahnte, was ihm nun drohte.
„Was denkst du denn? Natürlich nicht! Ich will alles wissen, und zwar schnell. Wir wollen deinen zukünftigen Lebenspartner ja nicht allzu lange warten lassen!“
Jean stieß ihm mit dem Ellbogen in die Seite, ließ sich auf den Rücken fallen, holte tief Luft und begann zu erzählen.
Kapitel 2
2. Kapitel - Rückblick

Er hatte sich gleich am Anfang des Abends einen Platz an der Bar gesichert, saß jetzt dort, ärgerte sich über das vollkommen unnütze Rauchverbot in französischen Lokalen und stürzte einen Gin Tonic nach dem anderen hinunter. Da kam Jérôme lachend auf ihn zugestürzt, packte ihn am Arm und wollte ihn vom Barhocker ziehen. Er schwankte samt Hocker, schaffte es jedoch, sich von seinem Bruder loszureißen und gleichzeitig das Gleichgewicht zu halten.

„Na komm schon, Jean! Du sitzt jetzt schon den ganzen Abend fad hier rum“, fing sein Zwillingsbruder daraufhin erwartungsgemäß an zu nörgeln.
„Und ich habe auch nicht vor, etwas daran zu ändern“, meine Jean bestimmt und betrachtete seinen Bruder durch die zuckenden Diskolichter. Die braunen Augen des Jungen funkelten vor Freude, seine Wangen glühten rot. An der Art, wie der andere um ihn herumtänzelte, erkannte er, dass dieser doch nicht ganz so alkoholfrei lebte, wie er gerne behauptete.

„Du bist lang-weil-ig“, erklärte der Braunhaarige und klopfte ihm dabei bei jeder Silbe auf die Brust.
Er nickte nur, ergriff die Hand seines Bruders und stieß sie entschieden von sich fort.

„Geh zu deinen Freunden und amüsier dich. Ich passe von hier aus auf euch auf“, meinte er grinsend.
Jérôme sah ihn beleidigt an, rührte sich jedoch nicht vom Fleck.
„Na los, hör schon auf deinen älteren Bruder“, forderte er ihn ermunternd auf.

Und zwar schnell, in spätestens einer Stunde kniest du am Klo und kotzt dir die Seele aus dem Leib, fügte er in Gedanken hinzu.
Der andere wich einen Schritt zurück, seine ganze Miene spiegelte maßlose Entrüstung wieder.
„Du bist nicht mein …“

Jean zog fragend die Augenbrauen hoch, woraufhin der Junge sich abrupt abwandte und endlich in der Menge verschwand. Er folgte seinem Bruder mit Blicken – und blieb an einem grünen Augenpaar hängen, welches ihn so intensiv anstarrte, dass er das Gefühl hatte, geröntgten zu werden.

Einen Moment lang stockte ihm tatsächlich der Atem. Der Mann stand nur wenige Meter von ihm entfernt und schien ihn schon eine Zeit lang über die Menschenmasse hinweg zu beobachten. Jetzt, da Jean seinen Blick beantwortete, machte er eine eindeutige, ruckartige Bewegung mit dem Kopf Richtung Tür, ohne ihn aus seinem Blick loszulassen. Dann wandte er sich um und verschwand zwischen den tanzenden Leibern.

Einen Moment lang stieg Empörung in Jean auf. Der andere schien sich seiner Sache so sicher zu sein, dass er nicht einmal auf eine Zustimmung des Jungen gewartet hatte. Er gehörte wohl zu der Sorte Mensch, die damit rechnete, dass andere ihr widerspruchslos folgten.

Einen Moment lang dachte er darüber nach, genau das nicht zu tun. Er ließ sich nicht gerne herumkommandieren – auch wenn der, der ihn herumkommandierte, noch so attraktiv war.

Der Gedanke währte jedoch nur wenige Sekunden lang, dann verwarf er ihn wieder und schalt sich selbst dafür, dass er überhaupt darüber nachdachte, sich so eine einmalige Gelegenheit entgehen zu lassen. Er trank in einem Zug aus, verzog das Gesicht, rutschte von seinem Barhocker und bemühte sich, den schwarzen Haarschopf in die Menge wiederzufinden. Er sah ihn gerade noch durch die Tür noch draußen gehen – er war sich seiner Sache anscheinend so sicher, dass er es nicht einmal für nötig hielt, sich umzudrehen.

Diese Erkenntnis brachte ihn einen Moment lang von Neuem ins Schwanken, dann schluckte er seinen Stolz jedoch abermals hinunter und zwängte sich durch die tanzenden Menschen, wobei er möglichst darauf bedacht war, einen großen Bogen um Jérôme und seine – eigentlich ihre – Freunde zu machen. Jetzt, da er seinen Entschluss gefasst hatte, wollte er durch nichts noch länger aufgehalten werden – und er wollte erst Recht nicht, dass ihm seine Beute weggeschnappt wurde.

Dieser plötzlich aufkommende Gedanke ließ einen Moment lang ein ungutes Gefühl in ihm hochkommen. Seit wann war er so voller eifersüchtiger Besitzansprüchen auf jemanden, den er nur kurz durch ein paar Diskolichter gesehen hatte?

Bevor er nach einer Antwort auf diese beängstigende Frage suchen konnte, hatte er den Club verlassen und trat hinaus in die eisige Nacht. Um seine wahren Wünsche nicht allzu offen darzulegen, sog er zuerst einmal die kalte Pariser Winterluft tief in seine Lungen, ließ sie langsam wieder entweichen und sah sich erst dann um. Er brauchte nicht lange, um den Gesuchten zu entdecken – der junge Mann lehnte einige Meter vom Eingang des Clubs entfernt an einer Hauswand. Er wurde vom fahlen Licht einer Straßenlaterne nur dürftig beleuchtet, doch Jean glaubte dennoch, ein amüsiertes Lächeln auf seinen schönen Zügen zu sehen.

Er vergrub die Hände in den Taschen der Lederjacke und ging so lässig wie möglich auf den Schwarzhaarigen zu, der ihm ruhig entgegensah. Das Lächeln auf den Lippen des anderen wurde immer deutlicher, und bald glaubte er, auch ein belustigtes Glitzern in den grünen Augen zu sehen. Wieder fühlte er sich wie durchleuchtet, zwang sich aber diesmal dazu, den Blick nicht abzuwenden.

Als er nur noch wenige Schritte von dem anderen entfernt war, blieb er schließlich stehen und musterte sein Gegenüber. Die pechschwarzen Haare fielen dem jungen Mann in die Stirn, hoben sich aber nicht besonders von seiner leicht gebräunten Haut ab. Unwillkürlich fragte sich Jean, ob er südliche Vorfahren hatte oder ins Solarium ging. Er vertrieb diese vollkommen unwichtige Frage und versuchte, möglichst alle Merkmale des anderen in sich aufzunehmen – die hohen Wangenknochen, das schmale Gesicht, die vollen Lippen. Sein Körper war schlank, schien jedoch kräftig gebaut. Er lehnte mit dem Rücken an der Wand, hatte die langen Beine lässig überkreuzt und holte aus seiner Jackentasche gerade eine
Zigarettenpackung, die er Jean nun zwar mit ernster Miene, aber immer noch funkelnden Augen hinhielt.

„Woher…“, fing dieser verwundert an und griff sofort zu.
Der andere grinste schief und antwortete: „Ich bin ein guter Beobachter.“
Jean sah ihn verwundert an. Hatte er ihn schon beobachtet, als sie den Club betreten hatten? Wieso hatte er ihn dann erst jetzt auf sich aufmerksam gemacht? Oder hatte er schon vorher versucht, Jeans Blick einzufangen, und dieser hatte es nur nicht bemerkt? Aber wenn dem so war, wieso war er nicht ganz einfach zu ihm gegangen und hatte ein Gespräch angefangen? Er kam zu dem Schluss, dass der andere sich wohl nicht sicher über seine Reaktion gewesen wäre – andererseits sah er nicht aus wie der Typ Mensch, der sich viel darum schert, ob er eine Abfuhr erhält.

Er beschloss, diese Fragen zuerst einmal ruhen zu lassen, zündete die Zigarette an – eine willkommene Beruhigung für sein heftig pochendes Herz - und wandte sich dann wieder dem jungen Mann zu, der nun ebenfalls rauchte und ihn nachdenklich, aber mit einem fast schelmischen Lächeln auf den Lippen musterte.

Jean zog fragend die Augenbrauen hoch.
„Ich hätte nicht gedacht, dass du mir folgst“, gab der andere schließlich zu, legte den Kopf in den Nacken und stieß Rauch in die Luft.
Dafür hast du aber ziemlich sicher gewirkt, dachte der Junge. Laut sagte er jedoch: „Da hast du dich wohl geirrt.“

Der andere nickte, das Lächeln war nun von seinen Lippen verschwunden und er schien in Gedanken versunken. Jean fiel auf, dass er einige Jahre älter als er selbst sein musste – die ernste Miene lies das Jugendliche aus seinem Gesicht verschwinden.

Der andere verwirrte ihn, wie er ihn so ernst ansah, und mit einem Mal hatte er das Gefühl, bei einem Spiel mitzuspielen, dessen Regeln er nicht kannte.

„Und? Warum hast du es getan?“, fragte er plötzlich und sah ihn mit leicht zusammengekniffenen Augen an. Jean hatte ein unerwartet schweres Gefühl im Magen und seine Knie fühlten sich seltsam weich an. Während er verzweifelt nach einer Antwort suchte, konnte er sich schon selbst in Gedanken sehen, wie er sich stotternd lächerlich machte. Zum Glück bewahrte ihn ein Geistesblitz vor diesem Schicksal.

„Wieso wolltest du denn, dass ich es tue?“, stellte er eine Gegenfrage, was dem anderen ein Schmunzeln entlockte, jedoch keine Antwort.

Stattdessen wechselte er das Thema.
„Wie alt bist du eigentlich?“
„17“, erwiderte Jean prompt – und verfluchte sich im nächsten Moment, als ihm klar wurde, dass diese Antwort für sein Sexualleben nicht gerade förderlich war.
Er wusste nicht, was mit ihm los war – normalerweise hatte er kein Problem mit Lügen, nur das nervige flatternde Gefühl im Magen machte es ihm dieses Mal ziemlich schwer.

Der andere ließ sich jedoch nicht anmerken, dass ihn die Antwort des Jungen auch nur im Geringsten beunruhigte, warf aber einen bedeutungsvollen Blick zum Eingang des Clubs hinüber.

„Bist du sicher?“
Jean sah ihn ungläubig an.
„Ich denke schon“, murmelte er schließlich, da er ahnte, dass eine jetzige Korrektur seines Fehlers nicht sehr glaubhaft gewirkt hätte.

„Gefälschter Ausweis“, erklärte er auf den verständnislosen Blick des anderen leicht verlegen. Ein leises, ironisches Lachen kam zwischen den blendend weißen Zähnen hervor.

„Da fragt man sich, wozu es Gesetze gibt, nicht wahr?“
Jean zuckte als Antwort nur mit den Schultern und zertrat nervös mit dem Fuß seinen Zigarettenstummel, wobei er seine Aufmerksamkeit auf den Boden richtete. Er traute seinen eigenen Ohren nicht, als er aufsah und sagte: „Du solltest froh sein. Wenn ich mich daran gehalten hätte, wäre dein Abend nicht halb so gut verlaufen.“

Seine Handflächen waren schweißnass. Er konnte nicht glauben, dass er das soeben wirklich gesagt hatte. Ein Spiel, von dem er nicht einmal den Namen kannte – und schon hatte er seinen gesamten Einsatz gesetzt.

Sein Gegenüber verzog scheinbar beeindruckt die Lippen, neigte jedoch fast im selben Moment abwägend den Kopf.
„Das wird sich noch herausstellen, würde ich sagen.“
Die grünen Augen des anderen glitzerten amüsiert und ein leichtes Lächeln zierte von Neuem sein Gesicht, als er die Reaktion des Jungen beobachtete. Diese fiel nicht ganz so aus, wie er es sich gewünscht hätte – statt eine lässige Antwort zu geben, starrte er nur verlegen an dem jungen Mann vorbei und versuchte verzweifelt, eine ebensolche zu produzieren.

„Und wie gedenkst du, das herauszufinden?“, fragte er schließlich, während er sich dazu zwang, den Blick des anderen zu suchen und festzuhalten.
Er wusste, dass seine Stimme leicht zitterte und sich längst nicht so cool anhörte, wie er es gerne gehabt hätte – jedoch spiegelte sie auch nicht so viel von seiner Aufregung wieder, wie er befürchtet hatte.

„Nun … es gibt Mittel … und Wege …“
Plötzlich lehnte der andere nicht mehr lässig an der Wand, sondern stand dicht vor ihm, so dicht, dass er den warmen, nach Wodka riechenden Atem auf seiner Haut spüren konnte.

„Du bist betrunken“, stellte er nervös fest.
„Oh“, machte der Ältere, zog eine Schnute und sah ihn aus großen Augen an, „so würde ich das nicht nennen. Ganz abgesehen davon, solltest du hier keine allzu großen Reden schwingen.“

„Ich halte viel aus“, erwiderte der Junge selbstbewusst, was ihm jedoch nur einen mitleidigen Blick einbrachte.
„Das betrifft aber nur den Alkohol, nicht wahr?“

Jean hatte sprichwörtlich das Gefühl, ihm würde das Herz in die Hose rutschen. Bevor die Bedeutung der Worte aber ganz zu ihm durchdrang, geschweige denn er etwas erwidern konnte, lag plötzlich die Stirn des anderen an der seinen, und er fühlte zwei Hände auf seinen Hüften, die diese mit starkem Griff gefangen hielten. Sein Herz pochte jetzt so laut, dass es ihn wunderte, dass der junge Mann es nicht hörte und das stetige Flattern in seinem Magen wurde zu echter Übelkeit.

Wenn es sich so anfühlt, wenn man verliebt ist, dachte er bitter, dann bin ich froh, dass ich mich bis jetzt davor bewahrt habe. Was ich auch jetzt tun sollte.

Doch er tat es nicht, sondern antwortete nur mit leiser, rauer Stimme: „Das solltest du selbst herausfinden.“
Mit angehaltenem Atem beobachtete er, wie das Gesicht des Schwarzhaarigen sich dem seinen näherte. Kurz bevor sich ihre Lippen berührten, stoppte er und fing den Blick des jüngeren von Neuem auf. Ein leises Lächeln kräuselte seine Lippen, bevor er sich vorbeugte und Jean die weichen, warmen, nach Wodka schmeckenden Lippen mit sanftem Druck auf den seinen spürte. Der Griff des anderen verstärkte sich noch und er wurde näher an den durchtrainierten, männlichen Körper des anderen gezogen.

„Jean?“, erklang da plötzlich eine Stimme – und es war definitiv nicht Luciens.
Wie vom Blitz getroffen, fuhr er zurück und starrte seinen nur wenige Meter entfernt stehenden Bruder mit vor Wut blitzenden Augen an. Wenn Blicke nur töten könnten….

„Wir… gehen jetzt…“, murmelte Jérôme, der sich des unpassenden Zeitpunkts mit einiger Verspätung doch noch bewusst zu werden schien, kleinlaut und schien buchstäblich zu schrumpfen.

Als er als Antwort nur noch finsterer angestarrt wurde, drehte er sich schnell um und stolperte davon.

„Das war aber nicht sehr nett.“
Jean wandte sich wieder zu Lucien um. Ein kleiner Teil von ihm hoffte wider besseres Wissen, dass sie ganz einfach dort weitermachen würden, wo sie aufgehört hatten – doch er wusste, dass solche Wunder in der Realität nicht passierten. Und er Jérôme nicht im Stich lassen konnte, so gern er das in diesem Moment auch getan hätte.
Er zuckte mit den Schultern, wagte es nicht, dem anderen in die Augen zu sehen und meinte wütend: „In seinem Alter sollte er eigentlich wissen…“

Eine schlanke, gebräunte Hand griff nach seinem Kinn und zog es sanft, aber bestimmt nach oben, so dass ihre Blicke sich trafen. Eindringlich sah der Ältere ihn an.
„Ich meinte dich.“
„Aber…“

Ein Finger legte sich auf seine Lippen, dann fing der andere plötzlich an, in seiner Hosentasche zu kramen. Er förderte einen Stift und etwas, das aussah wie ein Foto, zutage und begann, einige Zahlen auf die Rückseite des Fotos zu kritzeln.

„Hier“, reichte er das Endergebnis schließlich Jean, der es verdattert entgegennahm.
„Ruf mich an.“
„Aber…“, brachte er nur mit erstickter Stimme hervor und spürte Verzweiflung in sich hochkommen. Das konnte doch nicht wirklich alles gewesen sein?
„Und gib nicht deinem Bruder die Schuld. Ich muss sowieso los.“

Damit drückte er dem Jungen einen kurzen Kuss auf die Wange, schenkte ihm ein letztes, bezauberndes Lächeln und wandte sich zum Gehen.
Mit zitternden Fingern drehte Jean das Foto um – und glaubte für einen Moment, sein Herz würde aufhören zu schlagen.

***

Nachdem er geendet hatte, sah ihn Sylvain eine Minute lang scheinbar in Gedanken versunken an. Jean hob die Augenbrauen und erwiderte den nachdenklichen Blick des anderen fragend.

„Jetzt würde ich gern nur noch eines wissen…“, fing Sylvain schließlich an, beendete den Satz jedoch nicht, sondern kniff die Augen zusammen und musterte den Jungen genau. Das geheimnisvolle Verhalten seines Freundes machte ihn unruhig.

„Was?“, fauchte er nach einigen weiteren Sekunden, in denen der andere ihn ganz einfach nur betrachtet hatte.
„Wieso machst du wegen eines einfachen Kusses so einen Aufstand? Oder darf ich davon ausgehen, dass du in Lucien verliebt bist?“

„Was…“ fuhr Jean empört auf und funkelte ihn wütend an.
„Was denkst du denn? Er dachte, ich hätte ihn erkannt. Er hat mich als Ablenkung benutzt, er hat nur mit mir gespielt!“

Durch den plötzlichen Wutausbruch atmete er flach und stoßweise. Er starrte seinen Freund einen Augenblick lang wutentbrannt an und fügte dann hinzu:
„Und ich hasse es, wenn man mit mir spielt. Das weißt du.“

Sylvain nickte langsam und fuhr sich durch die Haare, so dass diese wild von seinem Kopf abstanden.
„Aber natürlich. Nur… die Tatsache, dass du dir wegen eines einzigen Kusses den Kopf so sehr zerbrichst, auf ihn wütend bist oder vor ihm davonrennst oder was auch immer...“, abermals verstummte der andere, sah kurz zu Boden, holte tief Luft und meinte dann: „Das weist daraufhin hin, dass es für dich mehr war als nur ein Kuss. Denk daran, wie viele Küsse du schon mit anderen Männern getauscht hast, die für dich bedeutungslos waren. Für sie nicht immer.“

Jean holte schon Luft, um dieser abstrakten Theorie zu widersprechen, ließ sie jedoch wieder entweichen, ohne ein Wort zu sagen. Er wusste, worauf sein Freund anspielte. Er brauchte nur die Augen zu schließen um das verletzte Gesicht eines Jungen vor sich zu sehen, eines rothaarigen Jungen, der ihn mit verzweifeltem, flehenden Blick ansah. Er konnte noch seine eigene, harte Stimme hören, wie sie sagte: „Es war nur ein Kuss, nichts weiter. Ich kenne dich doch gar nicht, warum sollte ich da mehr wollen als Sex?“

Fast dieselbe Frage stellte er sich nun selbst. Hatte er jemals mehr gewollt von diesem jungen Mann? Und wenn ja, warum?
Sylvain, der sein Schweigen anscheinend falsch deutete, stand mit einem leisen Seufzer auf.
„Jean, bitte versteh das nicht falsch, aber sollte ich mit meiner Vermutung recht haben... ich denke, du weißt, was für ein Typ Mensch Lucien ist.“

Jean sah zu ihm hoch und lachte spöttisch auf.
„Natürlich. Keine Sorge, ich werde nie wieder so ein Theater wegen eines einfachen Kusses machen“, meinte er säuerlich. Der andere klopfte ihm kurz auf die Schulter und verließ dann das Zimmer, nicht ohne es zustande zu bringen, einmal über Jeans Wäschestapel zu stolpern. Fluchend kam er wieder auf die Beine und verabsäumte es auch nicht, dem Jungen einen finsteren Blick zuzuwerfen.
Doch dieser war mit seinen Gedanken schon wieder ganz woanders. Die Erkenntnis, zu der Sylvain ihn geführt hatte, machte ihm Angst. Nicht zuletzt deshalb, weil er das ziehende Gefühl im Magen, mochte es nun Furcht oder sonstwas sein, welches ihm beim Gedanken an Lucien überkam, nicht so einfach ignorieren konnte.

Er fuhr sich mit den Händen über das Gesicht und stand ebenfalls auf. Sein Freund hatte Recht, er wusste, was für ein Typ Mensch Lucien war – im Grunde derselbe wie er. Was die Liebe anging, kalt und hart, und nur auf die fleischlichen Bedürfnisse bedacht.

Er braucht sich keine Sorgen um mich zu machen, dachte Jean düster, während er sich selber einen Weg zur Tür bahnte, die der Ältere wie immer offen gelassen hatte.
Obwohl er sich im Moment nicht über seine eigenen Gefühle im Klaren war – was ihn verwirrte, da er sonst damit kein Problem hatte – so wusste er doch, was Lucien an diesem Abend gewollt hatte und wahrscheinlich noch immer wollte.
Aber das wird er nicht bekommen, dachte er mit grimmiger Genugtuung.

Als Strafe dafür, dass er mit mir gespielt hat. Als Strafe, dass er in dem ungünstigsten aller Momente wieder in mein Leben platzt… und dass er mich dazu bringt, mich aufzuführen wie eine verliebte 13-Jährige.
Dafür hasste er ihn am allermeisten.
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